Logo weiterlesen.de
JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 57

Emily Forbes, Caroline Anderson, Joanna Neil

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 57

EMILY FORBES

Tanz mit mir unter dem Sternenhimmel

Wie schön sie in ihrer Zartheit ist! Seit Charlie begonnen hat, Bella all das zu erfüllen, was sie sich für die Zeit nach ihrer Operation wünscht, sieht der umschwärmte Arzt die jüngste Tochter des Lockheart-Clans mit ganz anderen Augen. Fehlt bloß noch, dass er sich in Bella verliebt. Bisher war sie für ihn doch nur die kleine Schwester seiner Kollegin Evie!

CAROLINE ANDERSON

Amys größte Sehnsucht

Amy … Einen Moment scheint die Zeit still zu stehen, als Matt auf der Hochzeit seines Bruders Ben seine hübsche Ex wiedersieht. Im Rausch des Festes verbringt er eine sinnliche Nacht mit ihr – die er am Morgen fast schon bereut. Immerhin sind sie getrennt und werden es wohl auch bleiben. So denkt er – bis eine überraschende Neuigkeit alles infrage stellt …

JOANNA NEIL

Unser Strandhaus der Träume

Ist das der Augenblick, auf den er gewartet hat? Nach einem aufregenden gemeinsamen Einsatz in der Notaufnahme hat Nick seine neue Kollegin, die Kinderärztin Katie Logan, in sein Strandhaus an der kalifornischen Küste eingeladen. Fast kommt es zu mehr als einem Kuss zwischen ihnen. Da spricht Katie etwas an, worüber er eigentlich nicht mit ihr reden wollte …

IMAGE

Tanz mit mir unter dem Sternenhimmel

PROLOG

„Bitte, Lexi, tust du das für mich?“

Bella Lockheart fühlte sich miserabel. Ihre Brust schmerzte, und jeder Atemzug war eine Qual. Ihre Stirn glühte, das Fieber stieg mit jeder Minute. So kam es ihr jedenfalls vor. Sie wollte oben sein, in ihrem Bett, und nicht an diesem langen Tisch im Speisezimmer sitzen, an dem ihr Vater bequem achtzehn Gäste bewirten konnte. Sie wollte die Augen schließen und nur noch schlafen.

Dass sie sich hier mit ihren beiden Schwestern traf, hatte nur einen einzigen Grund: Sie musste Lexi überreden, ihr diesen einen Wunsch zu erfüllen.

Lexi saß am Kopfende, Bella links und ihre ältere Schwester Evie rechts von ihr. Der Anlass war ihre Hochzeit mit dem Chirurgen Sam Bailey, die Lexi ohne falsche Bescheidenheit als „Sydneys Gesellschaftshochzeit des Jahrzehnts“ bezeichnete.

Für Bella klang das nicht übertrieben, Lexi hatte ein natürliches Talent, rauschende Feste und glamouröse Events zu organisieren. Erfahrungen besaß sie inzwischen genug, kümmerte sie sich im Multi-Millionen-Unternehmen ihres Vaters doch darum, Geschäftspartner bei Laune zu halten und für wohltätige Zwecke Geld zu sammeln.

Bella bezweifelte, dass Sam sich auf eine Riesenhochzeit freute mit allem, was in Sydney Rang und Namen hatte. Aber eins wusste sie sicher über ihren zukünftigen Schwager: Sam liebte Lexi leidenschaftlich, und wenn sie sich eine glitzernde Märchenhochzeit wünschte, sollte sie sie bekommen.

Jetzt musste Bella sie nur noch dazu bringen, die Vorbereitungen voranzutreiben. „Ich möchte dabei sein, wenn du heiratest, und je länger du damit wartest, umso mehr schwinden meine Chancen, dass ich es schaffe. Bitte.“

Stillschweigend lebten sie alle mit der bangen Ungewissheit, ob Bella ihren nächsten Geburtstag erleben würde. Und das seit vielen Jahren. Aber noch nie hatte Bella ihre Krankheit benutzt, um etwas zu erreichen. Nicht bei ihrem Vater, der sie mehr oder weniger ignorierte. Nicht bei ihrer Mutter, die mit der Situation nicht klarkam und den Gin mehr liebte als ihre Familie, und auch nicht bei ihren Schwestern, die sie immer unterstützt hatten.

Doch wenn es einen Moment gab, um diese Karte auszuspielen, dann jetzt.

Evie hatte aufgehört, in den glänzenden Brautmagazinen zu blättern, und sah ihre Schwestern an. Die polierte Oberfläche des antiken Tisches spiegelte die Köpfe der drei jungen Frauen wider … die goldenen Glanzlichter in Evies braunem Haar und Lexis platinblond schimmernde Haare. Nur Bellas kastanienbraune Locken schienen vom Mahagoniholz verschluckt zu werden. Sie seufzte kaum hörbar. Es war ja nichts Neues, dass sie neben ihren Schwestern blass und unscheinbar wirkte. Sechsundzwanzig Jahre lang hatte sie Zeit gehabt, sich damit abzufinden, dass sie weder so schön noch so klug oder so unterhaltsam war wie ihre Schwestern.

Aber Evie und Lexi waren die wichtigsten Menschen in ihrem Leben, und um nichts in der Welt wollte Bella Lexis Hochzeit verpassen. Sie musste schon auf so vieles verzichten.

„Wenn du jetzt das Aufgebot bestellst, kannst du in vier Wochen heiraten“, beschwor sie sie. „Noch vor Weihnachten.“

„Ich brauche mehr Zeit.“

Zeit war das Einzige, das Bella nicht hatte.

„Wofür? Ich weiß nicht, warum du noch warten willst. Wenn ich die Chance hätte, zu heiraten, würde ich sofort zugreifen.“

Bella war hoffnungslos romantisch, das wussten auch ihre Schwestern. Sie konnte sich von morgens bis abends Liebesfilme ansehen, lustige, dramatische, egal, was, Hauptsache, es gab ein Happy End. Und je mehr Zeit verstrich, umso unwahrscheinlicher wurde es, dass sie ihren Traumprinzen fand und mit ihm glücklich wurde. Deshalb verschlang sie buchstäblich Zeitungsberichte und Bilder über prachtvolle Adelshochzeiten und hatte wie gebannt vor dem Fernseher gesessen, als Prinz William seine Kate heiratete. Aber die Hochzeit ihrer Schwester persönlich mitzuerleben, war natürlich viel, viel besser. Das konnte Lexi ihr doch nicht verwehren!

„Ich möchte, dass mein Kleid perfekt ist“, antwortete Lexi. „Das geht nicht über Nacht.“

„Ich entwerfe dir das perfekte Brautkleid.“ Normalerweise hätte Bella ihr angeboten, das Kleid auch zu nähen, aber sie wusste, dass sie das nie schaffen würde. Nicht, wenn die Hochzeit noch in diesem Jahr stattfinden sollte. In ihren Träumen war sie Modedesignerin. Ihre Schwestern in wundervollen Kleidern, die sie entworfen hatte, zum Altar schreiten zu sehen, wäre die Krönung. Aber die Realität sah anders aus. Bella würde sich damit begnügen müssen, den Entwurf zu zeichnen. Schneidern musste den edlen Traum aus Seide und Spitze jemand anders.

Ihr Vater würde Lexi wahrscheinlich nach Hongkong fliegen lassen oder sogar nach Paris. Geld spielte keine Rolle. Richard Lockheart war unermesslich reich und Lexi schon immer sein Liebling gewesen.

„Hier.“ Bella schlug ihr Skizzenbuch auf. Sie hatte es immer bei sich. Nachdem sie ein paar Seiten umgeblättert hatte, drehte sie es so, dass Lexi hineinschauen konnte. „Ich habe schon angefangen.“ Ein halbes Dutzend Brautkleider bedeckte das große mattweiße Blatt – mit Halterneck, ein schulterfreies, manche mit bauschigen Röcken, andere aus schimmerndem Satin, der sich an den Körper schmiegte. „Du brauchst mir nur zu sagen, was dir gefällt, und ich verspreche dir, dass du die schönste Braut der Welt sein wirst. Aber bitte, warte nicht zu lange. Mir läuft die Zeit davon, das hat Sam dir doch auch gesagt. Hör wenigstens auf ihn, wenn du nicht auf mich hören willst.“

Bella verstummte, um Luft zu holen. Das unangenehm vertraute Gefühl der Enge stellte sich ein, so als ob für ihre Lungen nicht genug Platz in der Brust wäre. Ein pfeifendes Keuchen begleitete ihre nächsten Worte. „Was meinst du, Evie? Du gibst mir doch recht, oder?“

„Ich verstehe dich, aber das müssen Lexi und Sam entscheiden. Es ist ihre Hochzeit.“

Bella wollte etwas sagen, als ein heftiger Hustenanfall ihre schmale Gestalt erschütterte.

Lexi stand auf. „Warte, ich hole dir ein Glas Wasser.“

„Schon gut“, brachte Bella mühsam hervor, als die Krämpfe nachließen. „Mache ich selbst.“ Sie erhob sich, sah Evie an und deutete mit dem Kopf kaum merklich auf Lexi. Eine stumme Bitte, sich für sie einzusetzen. Evie würde sie verstehen.

„Vielleicht solltest du mit Sam darüber reden“, hörte Bella sie sagen, während sie sich auf den Weg zur Küche machte.

Sie goss sich ein Glas Wasser ein und riss ein Tütchen mit Elektrolytpulver auf. So fiebrig und schlapp, wie sie sich jetzt fühlte, musste sie aufpassen, dass sie nicht dehydrierte.

Evie wartete, bis Bella in der Küche verschwunden war.

Ihre jüngeren Schwestern erwarteten oft von ihr, dass sie vermittelte. Sie war fünf Jahre älter als Bella und sieben Jahre älter als Lexi und hatte schon im zarten Alter von neun bei den beiden Mutterpflichten übernommen, die sie heute, zweiundzwanzig Jahre später, immer noch ausfüllte. Es machte ihr nichts aus, aber in diesem besonderen Fall fragte sie sich, warum sie sie als Schiedsrichterin brauchten.

„Was ist los, Lexi? Du weißt, dass Bella recht hat. In sechs Monaten könnte sie nicht mehr bei uns sein. Warum willst du noch warten?“

Tränen schimmerten in Lexis blauen Augen. „Ich will mich nicht damit befassen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass Bella nicht mehr da ist.“

„Deshalb solltest du eher früher als später heiraten.“

„Aber was ist, wenn wir ein Datum festlegen und Bella dann im Krankenhaus liegt? Oder wenn sie am Hochzeitstag operiert werden muss? Ich warte lieber, bis Bella wieder gesund ist, dann sind wir alle glücklich.“

„Du weißt, dass sie vielleicht nicht gesund wird, Lexi“, entgegnete Evie behutsam. „Wenn du zu lange wartest, kann es sein, dass sie deine Hochzeit nicht mehr erlebt.“

Lexi schüttelte den Kopf, dass die weißblonden Strähnen flogen. „Aber wenn ich Ja sage, ist das, als würde ich zugeben, dass sie es nicht schafft.“

„Sprich doch erst einmal mit Sam darüber, ja? So ein Datum ist nicht in Stein gemeißelt, Lexi. Solltest du es wirklich wegen Bella verschieben müssen, geht das bestimmt.“ Sam weiß besser als jeder andere, wie Bellas Chancen stehen, dachte Evie. Bella war seine Patientin, er würde Lexi überzeugen können.

Bevor diese antworten konnte, ertönte ein lautes Klirren. Ein dumpfes Geräusch folgte, dann herrschte gespenstische Stille.

„Bella?“ Evie und Lexi sprangen gleichzeitig auf und rannten in die Küche.

Die marmornen Arbeitsplatten waren mit unzähligen Glassplittern übersät, doch Bella war nirgends zu sehen. Evie eilte auf die andere Seite des Frühstückstresens und fand ihre Schwester, von den Scherben des Glasbords umgeben, auf dem Boden liegend.

„Bella!“ Ungeachtet der Splitter kniete sich Evie neben sie. Zu ihrer unendlichen Erleichterung atmete sie und war bei Bewusstsein. „Was ist passiert? Hast du dich verletzt?“

In dem blassen Gesicht wirkten Bellas graue Augen riesengroß. „Schwindlig.“ Das Wort war kaum zu verstehen, anscheinend bekam sie kaum Luft. „Krampf. Hab … nach … dem … Regal … gegriffen, als ich … umkippte. Tut … mir leid.“

„Mach dir keine Sorgen wegen der Gläser.“ Evie strich ihr eine kastanienbraune Locke aus der Stirn. Bellas Haut war gerötet und fühlte sich heiß an. Fiebrig.

Evies Blick fiel auf das leere Tütchen und die milchige Flüssigkeit im Glas. Besorgt griff sie nach Bellas Handgelenk und zählte die Pulsschläge. Sie waren alarmierend schnell. Rasch überflog sie in Gedanken die Symptome: Fieber, Schwindel, Krämpfe, zu hoher Puls. „Du bist dehydriert“, sagte sie. „Warum hast du uns nicht gesagt, dass du dich nicht fühlst?“

Warum habe ich nichts gemerkt? fragte sie sich stumm. Ich bin Ärztin, verdammt!

„Lexi, sag Sam Bescheid, und bitte ihn, ins Harbour zu kommen“, sagte sie. „Ich rufe einen Krankenwagen.“

1. KAPITEL

Benommen lag Bella im Fond des Rettungswagens. Draußen war es dunkel, zuckende Reflexionen des Blaulichts erhellten das Innere der Kabine. Die Sirene schwieg, im Hintergrund war das stetige Rauschen des Verkehrs zu hören.

Evie war bei ihr. Bella hörte sie mit dem Sanitäter reden, während sie den Druck der Sauerstoffmaske auf ihrem Gesicht spürte, das Pulsoximeter, das auf ihrem Finger klemmte, und die Kanüle in ihrem Ellbogen. Sie sah, wie Evie ihr Handy hervorholte. Anscheinend war ihr Vater nicht zu erreichen, Evie hinterließ eine Nachricht.

Bella fühlte sich fiebrig und verschwitzt, und sie war müde, so unglaublich müde. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, die Augen zu schließen und sich fallen zu lassen ins unendliche Nichts. Nie wieder aufzuwachen. Aber sie war noch nicht so weit. Es gab einiges, das sie noch tun, Dinge, die sie noch sehen musste.

Der Wagen hielt, und das Blaulicht erlosch. Stattdessen neonweiße Lichtröhren … Bella wusste, was das bedeutete. Sie befanden sich am Eingang zur Notaufnahme des Sydney Harbour Hospitals. Wie viele unzählige Stunden hatte sie in ihren sechsundzwanzig Jahren in diesem Krankenhaus verbracht? Es war das nächst erreichbare von der Villa der Familie Lockheart im noblen Vorort Mosman, und die Herz-Lungen-Station war Bella so vertraut wie ihr Schlafzimmer zu Hause.

Aber es gab noch mehr Verbindungen zum Harbour. Ihr Urgroßvater hatte das Krankenhaus mit begründet, und ihre Schwester Evie arbeitete in der Notaufnahme. Eine bessere medizinische Versorgung würde sie nirgends finden. Bella wünschte nur, sie hätte nicht die meiste Zeit ihres Lebens hinter diesen Mauern verbringen müssen.

Die Türen wurden aufgerissen, und Bella spürte, wie die Liege aus dem Wagen gezogen wurde. Ein vertrautes Gesicht beugte sich über sie.

„Da bist du ja“, sagte Sam Bailey. „Ich habe schon auf dich gewartet.“

Sam war ihr neuer Herz-Lungen-Spezialist und mit ihrer Schwester Lexi verlobt.

Bella wollte zurücklächeln, als ihr einfiel, dass die Sauerstoffmaske ihr Lächeln wahrscheinlich zu einer Grimasse verzerrte. Sam drückte ihre Hand und wandte sich dann an Evie und die Sanitäter, um sich Informationen über ihren Zustand geben zu lassen.

Währenddessen lag Bella da und konzentrierte sich darauf, so tief wie möglich Sauerstoff in ihre Lungen zu atmen. Mehr wurde von ihr nicht erwartet. Wie immer musste sie alles über sich ergehen lassen.

„Wir bringen sie sofort nach oben“, erklärte Sam.

Sie wurde ins Gebäude geschoben, und Bella schloss die Augen, weil das grelle Neonlicht sie blendete.

„Evie? Ist alles in Ordnung?“

Eine Männerstimme, die Bella vertraut vorkam. Aber ihr Gehirn war wie benebelt Sie konnte sich kein Gesicht dazu vorstellen. Sie müsste nur die Augen öffnen, um das Rätsel zu lösen, doch das war zu anstrengend.

„Charlie!“

Evies Antwort half ihrem Gedächtnis auf die Sprünge, und Bella war froh, dass sie die Augen geschlossen hielt.

Dr. Charlie Maxwell war ein guter Freund von Evie, und ein Bild von einem Mann! Bella fand ihn wundervoll. Sie wollte nicht, dass er sie in diesem Zustand erlebte. Natürlich war es albern und kindisch, aber wenn sie ihn nicht sah, konnte sie sich einbilden, dass er sie auch nicht sah.

Charmant und wahnsinnig attraktiv galt Charlie als einer der begehrtesten Männer bei Krankenschwestern und Ärztinnen des Harbour. Und sicher liefen ihm auch außerhalb des Krankenhauses die Frauen nach. Da gab sich Bella keinen Illusionen hin. Sie hatte lange heimlich von ihm geträumt, bis sie sich damit abfand, dass er ihr nie einen zweiten Blick gönnen würde. Für ihn war sie ja doch nur Evies kleine Schwester.

Das Leben war eben kein Märchen, in dem der gut aussehende Traumprinz sich plötzlich in ein einfaches Mädchen verliebte und es mit seinem Kuss ins Glück entführte.

Also ließ sie die Augen zu und hoffte darauf, dass Charlie bald wieder verschwand.

„Ist alles in Ordnung?“, hörte sie ihn nachfragen.

„Nein, leider nicht. Es ist Bella.“

Das war das Letzte, was Bella hörte, bevor die Sanitäter sie weiterrollten und Evies Stimme leiser wurde.

Bleib bei mir, wollte sie rufen. Der Gedanke, allein zu sein, erschreckte sie, obwohl sie wusste, dass Evie ihr gleich folgen würde.

Bella? Charlie warf einen zweiten Blick auf die Rollliege. Das Gesicht war unter der Sauerstoffmaske kaum auszumachen, aber die kastanienroten Locken und die blasse, fast durchscheinende Haut gehörten unverkennbar Bella. Er hatte sie nicht gleich erkannt, weil sie unglaublich dünn geworden war. Was war passiert?

Charlie wusste, dass sie schwer unter ihrer Mukoviszidose litt und deshalb überdurchschnittlich oft ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Aber so elend hatte er sie noch nie gesehen.

„Was ist los?“

„Sie hat hohes Fieber und ist stark dehydriert. Ich fürchte, sie hat wieder eine Brustentzündung.“

„Kann ich irgendetwas tun?“ Wahrscheinlich nicht, aber er wollte wenigstens seine Hilfe anbieten.

Evie schüttelte den Kopf, und Charlie sah die Tränen in ihren Augen. Seit fast zehn Jahren war er nun schon mit Evie befreundet. Sie war eine starke Frau, die sich nicht so leicht erschüttern ließ. Also musste es schlimm um ihre Schwester stehen.

„Lauf los, du willst bestimmt bei ihr sein“, sagte er. „Ruf mich, falls ich doch etwas tun kann.“ Er beugte sich vor und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Ich sehe morgen früh bei ihr vorbei.“

Gedankenverloren blickte er ihr nach, als sie den Sanitätern hinterhereilte, und wünschte, er könnte helfen. Aber er war orthopädischer Chirurg … nicht der Mann, den Bella brauchte.

Oben auf der Station angekommen ordnete Sam eine Serie von Tests an und untersuchte Bella gründlich.

Lexi war mit ihrem Wagen ins Krankenhaus gefahren und saß jetzt mit Evie im Warteraum. Beide versuchten, geduldig zu sein und Sam in Ruhe seine Arbeit machen zu lassen. Allerdings musste sich Evie immer wieder ermahnen, dass sie als Bellas Schwester hier war. Nicht als ihre Ärztin.

Endlich tauchte Sam aus dem Untersuchungszimmer auf und winkte sie herein. „Ich nehme sie stationär auf“, verkündete er ernst. „Sie hat 39,5° Fieber, also vermutlich wieder eine Brustentzündung. Und sie hat seit ihrem letzten Aufenthalt hier drei Kilo verloren. Dabei sollte sie an Gewicht zulegen. Ihr BMI liegt bei siebzehn.“

Evie wusste, dass Bella zu dünn war, viel zu dünn. Alle Patienten, die an zystischer Fibrose litten, nahmen schlecht zu, aber Bella fehlten mindestens fünf, sechs Kilo. Untergewichtig war sie anfälliger für Infektionen – ein Teufelskreis, der sie immer wieder ins Krankenhaus brachte.

„Kommt euer Vater auch?“, fragte Sam.

„Keine Ahnung, wo er ist.“ Evie zuckte mit den Schultern. „Auf meine Nachrichten hat er nicht reagiert. Ich habe gerade noch mal versucht, ihn anzurufen.“ Sie sah Bella an und fragte sich, wie sie es wohl aufnahm, dass ihr Vater unerreichbar war. Aber in ihren großen grauen Augen war nichts zu lesen. „Lexi?“, wandte Evie sich an die Jüngste. „Hast du vielleicht noch eine andere Nummer von ihm?“ Lexi arbeitete mit ihrem Vater zusammen, vielleicht wusste sie mehr.

„Leider nicht. Er wollte essen gehen … nichts Geschäftliches.“

Evie seufzte hörbar. Wenn Richard mit einer seiner „Bekannten“ unterwegs war, würde er nicht ans Telefon gehen – und heute Abend auch nicht nach Hause kommen. Dann merkte er nicht, dass Bella und Lexi nicht in ihren Betten lagen.

„Brauchen wir ihn heute Abend hier?“, fragte sie vorsichtig.

Sie atmete erleichtert aus, als Sam den Kopf schüttelte. „Bella bekommt intravenös Antibiotika und Flüssigkeit, damit sie nicht weiter austrocknet“, sagte er. „Wir müssen einfach abwarten, wie das anschlägt, aber es ist ihre dritte Einlieferung in diesem Jahr. Ich will ehrlich sein. Es sieht nicht gut aus, aber sie wird die Nacht überstehen. Euer Vater kommt sicher so bald wie möglich.“

Bis dahin würde Evie nicht von ihrer Seite weichen. Sie wusste, dass Lexi und sie Bellas eigentlicher Halt waren, nicht die Eltern. Evie wünschte, es wäre anders, aber die Beziehung zwischen Bella und ihrem Vater war schon immer schwierig gewesen. Richard schien mit seiner zweiten Tochter nicht klarzukommen, vielleicht auch wegen ihrer Krankheit.

Evies Verhältnis zu ihm hatte sich verändert, nachdem die Mutter die Familie verlassen hatte. Teilweise gab Evie ihm die Schuld daran. Natürlich hatte ihre Mutter die Entscheidung getroffen, aber vielleicht hätte er mehr tun können, damit sie blieb. Danach fiel es Evie zu, sich um ihre jüngeren Schwestern zu kümmern. Diese Verantwortung prägte ihre Kindheit und Jugend, und sie fragte sich oft, wie sie wohl sonst verlaufen wären.

Aber die Zustände in der Familie Lockheart würden sich nicht von heute auf morgen ändern, und wieder einmal schlug Evie ein Klappbett in Bellas Krankenzimmer auf. Sie schickte Lexi mit Sam nach Hause und hoffte inständig, dass er recht behielt und Bella diese Nacht überleben würde.

Bella war seit dem Morgengrauen wach, geweckt von einer Schwester, die ihre Vitalwerte prüfte. Allerdings fühlte sie sich, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Im Krankenhaus schlief sie immer schlecht. Jeder Atemzug war eine Qual, und dann kam alle zwei Stunden jemand, der Temperatur und Puls maß. Außerdem fror sie schrecklich.

Evie war nicht von ihrer Seite gewichen und hatte gewartet, bis Lexi kam. Erst dann war sie verschwunden, um sich einen Kaffee zu holen. Zu Sams Morgenvisite wollte sie rechtzeitig zurück sein.

Evie und Lexi waren die einzigen Menschen, auf die Bella sich verlassen konnte, zwei starke Säulen, die sie durchs Leben trugen. So kam es ihr jedenfalls vor. Dennoch wünschte sie sich oft, alles wäre anders: Dass sie nicht von ihren Schwestern abhängig war, dass sie nicht mit ihrer Krankheit allen zur Last fiel. Manchmal fragte sie sich, wie vor allem Evie es schaffte, sich um sie zu kümmern, zusätzlich zu ihren vielen Patienten hier im Krankenhaus.

Bella wusste, dass Evie heute Morgen in der Notaufnahme Dienst hatte. Wie konnte sie vernünftig arbeiten, wenn sie die Nacht mehr schlecht als recht auf einer schmalen Klappliege bei ihrer kranken Schwester verbracht hatte? Sie hoffte, dass Evie die komplizierten Fälle heute erspart blieben.

„Ich habe dir etwas mitgebracht, um dich aufzumuntern“, verkündete Evie, als sie wiederkam, in den Händen ein Tablett mit Kaffee und heißem Kakao für ihre Schwestern.

Bella machte große Augen. Evie meinte nicht die köstlich duftende Schokolade!

„Charlie Maxwell“, begrüßte Lexi ihn kess. „Den kahlen Kopf würde ich überall erkennen.“

Charlie Maxwell ist in meinem Zimmer! Bella wusste, dass sie ihn anstarrte, und sie hörte auch das schnellere Piepsen des Herzmonitors, das ihre Nervosität verriet. Zum Glück schien Charlie es nicht zu bemerken. Er sah nicht sie an, sondern Lexi.

Nichts Neues. Bella war es gewohnt, dass die Leute erst Lexi und Evie bemerkten. Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, dass jemand zuerst Augen für sie und dann für ihre Schwestern hätte! Aber heute war sie froh über die Nichtbeachtung. Das verschaffte ihr ein bisschen Zeit, ihre Nerven zu beruhigen.

„Morgen, Lexi.“ Charlie grinste breit. „Und zu deiner Information: Ich bin nicht kahl. Ich laufe mit voller Absicht so durch die Weltgeschichte. Wozu alle Frauen neidisch machen wegen meiner goldenen Locken?“

„Du bist der einzige Mann, den ich kenne, der sich freiwillig den Kopf rasiert“, entgegnete Lexi.

Evie mischte sich ein. „Bella, du erinnerst dich doch an Charlie?“, fragte sie, während sie ihr den Kakao reichte.

Wie könnte ich ihn je vergessen? dachte Bella. Er sah fit, gesund und großartig aus. Charlie war früher Profi-Surfer gewesen und hatte immer noch den durchtrainierten Körper eines Athleten: muskulös, sonnengebräunt. Das dünne weiße Hemd ließ einen kräftigen Bizeps und einen flachen Waschbrettbauch erahnen.

Sie schluckte, versuchte zu sprechen, aber sie bekam kaum Luft, und ihr Mund fühlte sich an wie ausgedörrt. Unfähig, ein Wort herauszubringen, nickte sie nur.

Ciao, Bella“, sagte Charlie.

So begrüßte er sie immer, und jedes Mal löste es einen winzigen Glücksschauer in ihr aus. Ciao, bella, das hieß auch Hallo, Schöne – auf Italienisch. Sie fühlte sich dann immer als etwas Besonderes. Es störte sie auch nicht, dass Charlie ein Charmeur war, der mit jeder flirtete. Im Gegenteil, dass er sie behandelte wie alle anderen Frauen, denen er begegnete, vermittelte ihr das seltene Gefühl, … normal zu sein. Sonst, so kam es ihr vor, wurde sie entweder in Watte gepackt oder nicht beachtet.

Er zwinkerte ihr zu, und ihre Herzfrequenz legte wieder ein paar Takte zu. Bella spürte, wie sie errötete, und verwünschte zum x-ten Mal ihre helle Haut.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

„Ging schon mal besser“, brachte sie schließlich leise hervor. Aber diesmal war nicht ihre Krankheit daran schuld, dass ihr das Atmen schwerfiel, sondern Charlie. In Gegenwart Fremder war Bella immer schüchtern, und obwohl Charlie praktisch zur Familie gehörte, machte er sie verlegen. Er war so sexy. Wenn dann noch andere in Hörweite waren, hatte sie erst recht Angst, sich zum Narren zu machen.

Charlie sah blendend aus, neben ihm fühlte sie sich langweilig und nichtssagend. Sein ausdrucksstarkes Gesicht hatte sie schon immer fasziniert, so sehr, dass sie kaum darauf achtete, dass er kahl geschoren war. Sie hatte sich nicht einmal gefragt, warum er sich den Kopf rasierte, weil sie eher die anderen Attribute gesehen hatte … die schokoladenbraunen Augen, in denen sie versinken könnte, die glatte sonnenbraune Haut, die seine ebenmäßigen strahlend weißen Zähne noch betonte, wenn er lächelte. Das Beste war jedoch sein Mund. Volle, sinnliche Lippen, fast zu weich für so ein maskulines Gesicht.

Jetzt lächelte er Bella wieder an, mit diesem breiten, offenen Lächeln, das sie durch und durch wärmte. Nur eine Tote würde nicht auf dieses Lächeln reagieren, und obwohl sie nicht einmal annähernd gesund war, so war sie doch noch nicht tot!

„Ja, Evie hat es mir erzählt“, antwortete er. „Wenn du irgendetwas brauchst, frag mich einfach, ja? Ich weiß, wie hier der Hase läuft.“

Wieder zwinkerte er ihr verwegen zu, und Bella zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass Charlie alles bekam, was er wollte. Ob nun innerhalb dieser Krankenhausmauern oder außerhalb. Sie hatte die Krankenschwestern über ihn reden hören und wusste, wie sehr die meisten ihn anhimmelten. Sein ansteckender Humor, sein umwerfendes Lächeln, gepaart mit sanftem Wesen und harten Muskeln war eine unwiderstehliche Mischung, der sich keine Frau entziehen konnte.

Nur Evie schien gegen Charlies Charme immun zu sein. Ihre Freundschaft war immer platonisch gewesen, worüber Bella unendlich froh war. Es bedeutete, dass sie ihn bewundern konnte, ohne ihrer Schwester gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben. Mehr hätte sie allerdings sowieso nicht gewagt, nicht bei einem Mann wie Charlie Maxwell.

So hatte sie schon wieder Mühe, einen zusammenhängenden Satz herauszubringen, und nickte ein zweites Mal. Zum Glück kam Sam in diesem Augenblick herein, gefolgt von einer Schwester und zwei Assistenzärzten, sodass sie um eine Antwort herumkam.

Aber es wurde eng in ihrem Zimmer, und als wären noch nicht genug Menschen bei ihr versammelt, trat eine neunte Person auf den Plan. Bella sah, wie Evie den Besucher verwundert anblickte. Anscheinend hatte sie ihn nicht im Geringsten hier erwartet.

Es war ihr Vater.

Er sah müde aus. Bella hätte sich gern eingeredet, dass er aus Sorge um sie nicht geschlafen hatte, aber das war unwahrscheinlich. Richard Lockheart hatte sich aus anderen Gründen die Nacht um die Ohren geschlagen. Trotzdem wartete sie darauf, dass er sich durch die Gruppe drängen und zu ihr ans Bett kommen würde.

Was er natürlich nicht tat. Er blieb an der Tür stehen, abseits der Familie. Bella seufzte und wünschte sich zum hunderttausendsten Mal, dass alles anders wäre. Aber er war wenigstens hier, was sie von ihrer Mutter nicht behaupten konnte. Bella nickte ihm zu und beachtete ihn dann nicht weiter, als ihre Schwestern sich rechts und links von ihr aufs Bett setzten.

Evie nahm ihre Hand, und Bellas Anspannung löste sich ein wenig. Ihre Schwestern würden sich immer schützend vor sie stellen, was auch passieren mochte. Sie sah, wie Sam ihrem Vater kurz zunickte und dann mit seiner Untersuchung begann.

Er prüfte ihre Vitalzeichen, studierte die Notizen auf ihrer Krankenkarte, horchte ihre Brust ab und tastete hier und drückte dort, während Bella zu vergessen versuchte, dass sie von Leuten umgeben war. Die Untersuchung war ihr vertraut, aber mit so viel Publikum unangenehm peinlich. Und als Sam fertig war, redete er mit Bella, als wären sie allein im Raum.

„Du hast stark abgenommen, was wir uns anders erhofft hatten, deine stationären Aufenthalte häufen sich, und die Lungenfunktionstests sind kaum noch durchführbar“, zählte er an den Fingern ab.

„Gibt es auch gute Neuigkeiten?“, fragte sie zaghaft.

„Eine, ja. Dein Zustand hat sich über Nacht leicht gebessert … du bist nicht mehr dehydriert, und das Fieber ist gesunken. Trotzdem ist die Temperatur immer noch zu hoch. Dein Körper spricht nicht wie gewünscht auf die Antibiotika an, sodass ich die Dosis erhöhen musste, um die Infektion in den Griff zu bekommen. Jedes Symptom für sich genommen wäre nicht so tragisch, aber alle zusammengenommen sind sie äußerst bedenklich.“ Er schwieg einen Moment, und Bella ahnte schon, was kam. „Behandeln genügt nicht mehr, Bella. Wir müssen handeln. Es wird Zeit für den nächsten Schritt.“

Sie konnte nichts sagen. Sam sah sie an, schien eine Reaktion zu erwarten. Bella dachte, sie hätte genickt, war sich aber nicht sicher.

Sam wandte sich an ihre Familie. „Wir haben schon darüber gesprochen, aber jetzt wird es ernst. Bella braucht eine neue Lunge. Ich habe ihren Status noch einmal begutachtet, und damit erhält ihr Fall auf der Transplantationsliste höchste Priorität. Das bedeutet, dass sie das nächste verfügbare Lungenpaar bekommt.“

Bella umklammerte Evies Hand. Bei ihrem letzten Krankenhausaufenthalt hatte Sam ihr geraten, sich mit dem Gedanken an eine Transplantation vertraut zu machen. Aber jetzt war es so weit. Ihre Lunge war nicht mehr zu retten. Über kurz oder lang würde sie endgültig versagen.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie ihr Vater auf einem Stuhl zusammensackte, als hätten ihm die Beine versagt. Seine Reaktion überraschte sie. Ihr Vater war ein Mann der Tat, er hatte für alles eine Lösung – außer, wenn es sie und ihre Mutter betraf –, und er zeigte nie auch nur das mindeste Anzeichen von Schwäche. Machte er sich wirklich Sorgen um sie? Oder war er nur verwirrt?

„Was geschieht, während wir warten?“ Lexis Stimme klang unnatürlich laut in Bellas Ohren, und sie zuckte unwillkürlich zusammen.

„Wir bereiten sie auf die Operation vor … Bluttests, Organfunktionstests, das volle Programm, einschließlich psychologischer Betreuung“, antwortete Sam.

„Wie läuft die Operation ab?“, wollte Richard wissen und beantwortete damit Bellas stumme Frage. Seinem Tonfall nach zu urteilen, fragte hier ein Mann nach Informationen. Ein besorgter Vater hätte anders geklungen.

„Bella wird einige Zeit im OP sein. Der Eingriff kann bis zu zwölf Stunden dauern. Wir schließen sie an die Herz-Lungen-Maschine an und transplantieren die Lunge über einen Einschnitt zwischen der achten und neunten Rippe. Hinterher muss Bella für mindestens vierundzwanzig Stunden auf der Intensivstation bleiben. Danach verlegen wir sie wieder in diese Abteilung.“

„Wie sieht es mit der Überlebensrate aus?“ Wie üblich zeigte ihr Vater keine Emotionen. Er zog es vor, Zahlen und Fakten zu hören.

„Gut. Fünfundachtzig Prozent der Patienten mit beidseitiger Lungentransplantation haben hier in Australien das erste Jahr überlebt, und sechzig Prozent davon waren auch nach fünf Jahren noch am Leben.“

Bella hörte, wie jemand nach Luft schnappte. Lexi.

Sie selbst kannte die Statistiken, aber für diejenigen, die sich nicht stundenlang damit beschäftigt hatten, mussten Sams Worte entmutigend klingen.

„Diese Studien beziehen sich nicht ausschließlich auf Mukoviszidose-Patienten“, stellte Sam klar. „Außerdem ist Bella noch jung, was von großem Vorteil ist. Sie wird zwar noch immer zystische Fibrose haben, jedoch nicht mehr in ihrer Lunge.“ Er sah sie an. „Wenn deine Lunge vernünftig arbeitet, verbessert sich deine Lebensqualität deutlich. Du hast mehr Energie, du legst an Gewicht zu, und du kannst aktiver sein als jetzt.“

„Wie meinst du das – sie wird immer noch zystische Fibrose haben?“ Richard runzelte die Stirn.

„Bellas Lunge wird davon nicht mehr betroffen sein, aber die Krankheit steckt nach wie vor in ihrer Bauchspeicheldrüse, den Schweißdrüsen und Fortpflanzungsorganen. Deshalb muss Bella weiterhin Verdauungsenzyme und zusätzlich Medikamente einnehmen, die eine Abstoßungsreaktion auf die neuen Organe unterbinden. Durch die Transplantation wird ihre Krankheit nicht geheilt. Bella spürt sie nur nicht mehr in der Lunge, und das verlängert ihr Leben.“ Sam wandte sich wieder ihr zu. „Bella, hast du Fragen?“

„Wie lange habe ich noch?“

„Einen Monat, vielleicht etwas länger.“ Sams tiefe Stimme klang sanft, aber seine Worte waren eindeutig.

Es war fast November. Erlebe ich Weihnachten noch?

„Habe ich eine Wahl?“

Ihre Frage beendete schlagartig die Stille im Raum. Lexi fing an zu weinen, und von Evie kam ein erregtes: „Bella, du musst …“

Bella hob die Hand, und ihre Schwester schwieg sofort. „Ich habe nur gefragt“, sagte sie langsam, während sie nach Luft rang. „Ich habe nicht gesagt, dass ich mich nicht operieren lasse. Ich will nur wissen, welche Möglichkeiten mir bleiben.“

„Natürlich hast du eine Wahl“, sagte Sam. „Es ist dein Körper. Du kannst dich für die Transplantation entscheiden oder dagegen. Aber mehr nicht.“ Er sah sie ernst an. „Du kannst gern mit unserem Psychologen und dem Transplantationsteam reden. Frag sie alles, was du wissen möchtest, aber denk daran, dass du nicht viel Zeit hast. Deine Lunge wird kollabieren. Ohne Spenderorgane bleibt dir nur eine Gnadenfrist.“

Eine Gnadenfrist. Umso wichtiger war es, dass sie bestimmte Dinge regelte. Sie musste Prioritäten setzen. Nachdenken. Bella schloss die Augen. Wie sie gehofft hatte, verstand Sam den Wink.

„Okay“, sagte er. „Ich muss noch ein paar Tests machen, und Bella braucht Ruhe. Ihr könnt später wiederkommen.“

Unter halb geschlossenen Lidern hervor sah Bella, dass Lexi widersprechen wollte. Aber Sam schüttelte nur stumm den Kopf, und ihre Schwester schwieg. Die Assistenzärzte und die Krankenschwester verließen das Zimmer, und Richard folgte ihnen. Evie und Lexi beugten sich über Bella und küssten sie auf die Wange, bevor sie ebenfalls hinausgingen.

Zum Schluss waren nur noch Sam und Charlie im Raum. Bella betrachtete die beiden Männer. Einer von ihnen musste ihr einen Gefallen tun. Ihre Schwestern hatte sie schon darauf angesprochen, leider ohne Erfolg. Und da es auch Sam betraf, sollte sie sich vielleicht nicht an ihn wenden.

Charlie hatte ihr seine Hilfe angeboten. Was ihr vorschwebte, das hatte er dabei wahrscheinlich nicht im Sinn gehabt, aber bei ihrem zweiten Anliegen ging es um Evie. Er kannte sie besser als die meisten anderen.

Bella hatte Charlie eine Weile nicht gesehen. Früher war er in der Lockheart-Villa ein und aus gegangen, aber seit Evie in einem Apartment in der Nähe des Harbour wohnte, kam er nicht mehr spontan vorbei. Doch sie wusste aus Erfahrung, dass er ein guter Zuhörer war und dass sie von ihm kluge Ratschläge erwarten konnte. Schließlich hatte sie ihm schon einmal ihr Herz ausgeschüttet, damals in der Abschlussballnacht der Highschool. Vielleicht konnte er ihr diesmal wieder helfen.

Außerdem lief ihr die Zeit davon, und ihre Möglichkeiten waren mehr als begrenzt. „Charlie, kann ich kurz mit dir reden?“, bat sie.

2. KAPITEL

Evie lief den Krankenhausflur entlang. Sie musste ihren Vater erwischen, bevor er wieder verschwand.

„Richard!“, rief sie. Seit sie im Sydney Harbour Hospital arbeitete, nannte sie ihn nicht mehr „Dad“. Ihr Urgroßvater hatte das Krankenhaus mit begründet, und die Familie Lockheart war dem renommierten Lehrkrankenhaus heute noch eng verbunden. Richard steckte viel Geld ins Harbour, und Evie wollte nicht, dass man ihr nachsagte, sie sei nur durch ihren Vater an ihren Job gekommen. Natürlich verriet ihr Nachname verwandtschaftliche Beziehungen zu Richard Lockheart, aber sie musste ja nicht an die große Glocke hängen, dass sie seine Tochter war.

Er drehte sich um und wartete.

„Wo warst du eigentlich?“, fuhr sie ihn an. Sie war immer noch wütend, dass sie den ganzen Vormittag nichts von ihm gehört hatte. „Warum hast du nicht auf meine Nachrichten reagiert?“

„Habe ich. Dein Handy war aus.“

Natürlich würde er sich nicht entschuldigen. Das tat er nie. „Du hast meine Pagernummer.“

„Ich habe mit Lexi gesprochen und bin direkt hierhergekommen“, antwortete er unbeirrt. „Wie gehen wir jetzt vor? Was kann ich tun?“

„Du kannst nicht einfach ein Paar Lungenflügel kaufen.“ Schwierigkeiten löste Richard vorzugsweise mit Geld. Die Summe spielte keine Rolle, Hauptsache, das Problem verschwand. „Wir können nur warten.“

„Was unternimmt Sam in der Sache?“

„Er kann auch nur dafür sorgen, dass Bella auf der Warteliste ganz nach oben rückt. Und das hat er getan. Alles Weitere hängt davon ab, ob ein passender Spender gefunden wird, und ob Bella mit der Operation einverstanden ist, sobald die Organe zur Verfügung stehen. Wir können sie in diesem Prozess nur so gut es geht unterstützen.“

Sie hoffte sehr, dass Richard ihr zuhörte. Dass er wenigstens einmal in ihrem Leben Bella den Halt gab, den sie so dringend von ihrem Vater brauchte. Vielleicht war es seine letzte Chance.

„Sagst du es Miranda?“, fuhr sie fort.

Mit fünfzehn hatte Evie angefangen, ihre Mutter beim Vornamen zu nennen. Damals, als endgültig klar war, dass volle Ginflaschen ihr wichtiger waren als ihre Töchter. Miranda ließ sich nur gelegentlich bei ihren Kindern blicken, der Kontakt war mehr als oberflächlich. Trotzdem fand Evie, dass sie Bescheid wissen sollte, wie es um Bella stand.

Richards Miene verriet deutlich, dass er nicht gerade begeistert war, doch Evie dachte nicht daran, ihm diese Aufgabe abzunehmen. „Ruf sie an, sie muss Bescheid wissen.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Die Arbeit ruft. Wir sehen uns später wieder bei Bella“, fügte sie nachdrücklich hinzu.

Irgendjemand musste Richard klar und deutlich sagen, was von ihm erwartet wurde, und sie hatte absolut kein Problem damit.

Fragte sich nur, ob er ihr wirklich zugehört hatte …

Bella sah erschöpft aus. Elfenblass saß sie im Bett, und die weiße Krankenhauswäsche ließ sie noch schmaler wirken. Nur ihre kastanienroten Locken hoben sich leuchtend von den Kissen ab, die Bella stützten. Sie könnte für achtzehn durchgehen, dachte Charlie, obwohl er wusste, dass sie nur wenige Jahre jünger war als Evie.

Er wartete, bis auch Sam das Zimmer verlassen hatte, bevor er sich einen Stuhl heranzog und sich ans Bett setzte. „Was kann ich für dich tun?“, fragte er.

„Ich brauche einen neutralen Zuhörer.“

Verwundert betrachtete er sie. Bella vermied es, ihm in die Augen zu sehen, während sie die Falten in ihrer Bettwäsche glatt strich. Er fragte sich, was sie beschäftigte. „Geht es um die Transplantation?“

„Gewissermaßen.“

„Du hast dich doch dafür entschieden, oder?“

„Ja.“ Als sie nickte, tanzten die schimmernden Locken. „Aber ich wollte mit dir nicht über die Operation oder etwas Medizinisches reden. Ich mache mir Sorgen um Evie.“ Sie blickte auf, spielte aber immer noch verlegen mit der Bettwäsche.

„Evie? Warum?“

„Du hast gehört, was Sam gesagt hat. Mir bleibt nur eine Gnadenfrist. Ich will noch nicht aufgeben, aber niemand kann mir garantieren, dass rechtzeitig eine passende Spenderlunge für mich gefunden wird.“

Das Atmen fiel ihr sichtlich schwer, und als sie zwischen den Wörtern nach Luft schnappte, war ein schwaches Pfeifen zu hören. Über die Schläuche in ihrer Nase wurde sie mit Sauerstoff versorgt, und aus reiner Gewohnheit warf Charlie einen prüfenden Blick auf den Monitor. Aber der Zufluss stimmte, und die Sauerstoffsättigung im Blut war auch im grünen Bereich. Beruhigt sah er Bella wieder an.

„Wenn ich es nicht schaffe … möchte ich sichergehen, dass meine Schwestern klarkommen.“

„Sam hat dir gerade eröffnet, dass eine Spenderlunge deine letzte Chance ist, und du machst dir Gedanken um deine Schwestern?“ Charlie konnte seine Bewunderung kaum verbergen. Wäre er an Bellas Stelle, er hätte wahrscheinlich an nichts anderes gedacht als daran, ob er leben oder sterben würde.

„Wegen der Spenderlunge kann ich nichts tun, aber ich könnte wenigstens ein bisschen Einfluss darauf nehmen, dass es Evie gut geht.“

„Was ist mit ihr?“

„Sie macht sich fertig wegen dieses Spenderorgans. Evie fühlt sich für mich verantwortlich. Das ist so, seit unsere Mutter uns verlassen hat. Aber meine Krankheit ist nicht über Nacht gekommen. Wir alle wissen schon sehr lange, dass ich eines Tages eine neue Lunge brauche oder sterben muss. Und ich glaube, Evie kommt damit nicht zurecht. Jedenfalls ist sie in letzter Zeit so verändert.“ Sie fing an zu husten, Krämpfe erschütterten ihre magere Gestalt.

„Und was kann ich da tun?“ Charlie nahm das Glas von ihrem Nachttisch, goss Wasser ein und reichte es Bella.

„Danke“, sagte sie, nachdem sie in kleinen Schlucken davon getrunken hatte. Ihre Stimme war nicht lauter als ein Flüstern. „Sie wirkt angespannt, schon seit einer Weile. Und das passt gar nicht zu ihr. Irgendetwas beschäftigt sie, aber sie verrät es mir nicht. Hast du eine Idee, was es sein könnte?“

„Ich habe sie in letzter Zeit kaum gesehen“, gab er zu. Aber wenn Bella richtig lag mit ihrer Vermutung, dass Evie unter Druck stand, dann konnte er sich denken, was der Grund war. „Ich vermute, dass sie sich Sorgen um dich macht und dich damit nicht belasten will.“

„Vielleicht hat es aber auch gar nichts mit mir zu tun“, meinte sie gedankenverloren.

„Womit dann?“

„Ich bin mir nicht sicher. Zwei der Schwestern haben sich über Evie unterhalten und dabei Finn Kennedy erwähnt. Ich frage mich, ob zwischen den beiden etwas passiert ist. Hast du vielleicht etwas gehört?“

Bellas anfängliche Nervosität war verschwunden. Auf einmal wirkte sie ruhig, fast abgeklärt, sodass Charlie sich fragte, ob er sich ihre Anspannung nur eingebildet hatte. „Nein“, antwortete er. „Nur den normalen Tratsch und die üblichen Beschwerden darüber, dass manche Ärzte ein Ego von hier bis zum Mond haben. Aber nichts über Evie im Besonderen.“

„Versprichst du mir, dass du für sie da sein wirst, wenn ich es nicht schaffe? Das wird nicht leicht, weil sie immer alles allein bewältigen will. Aber sie kennt dich und vertraut dir.“

„Versprochen.“ Viel lieber hätte er ihr gesagt, dass es nicht nötig war, weil sie gesund werden würde. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Bellas Chancen schwanden mit jedem Tag, das wusste er genauso gut wie sie.

Bella keuchte jetzt bei jedem Atemzug, sie musste sich ausruhen. Vorher aber wollte sich Charlie vergewissern, dass sie alles losgeworden war, was sie bedrückte. „Gibt es noch etwas?“, fragte er.

„Ich möchte Lexi glücklich mit Sam verheiratet sehen, aber ich glaube nicht, dass du mir da helfen kannst.“ Bella lächelte, und in ihren rauchgrauen Augen glomm unvermutet ein schelmischer Ausdruck auf, der zu ihrer ernsten Lage gar nicht passte.

„Wieso? Bezweifelst du etwa, dass sie heiraten werden?“

„Nein, das nicht. Natürlich heiraten sie, aber ich möchte so gern dabei sein. Lexi braucht Zeit, um den Riesenzirkus zu organisieren, und ich weiß, es ist ihre Hochzeit …“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. „Aber ich wünschte, sie würden so bald wie möglich heiraten. Damit ich es nicht verpasse.“

Charlie wünschte, er könnte ihr mehr Hoffnung machen. „Du musst fest daran glauben, dass du eine zweite Chance erhältst.“

„Gut, nehmen wir an, ein passender Spender wird gefunden, bevor Lexi und Sam heiraten. Was ist, wenn ich zu schwach bin? Wenn ich die Operation nicht überlebe? Sam ist mein Chirurg. Was glaubst du, welche Auswirkungen es auf seine Beziehung zu Lexi haben wird, wenn ich auf dem OP-Tisch sterbe? Ich weiß, wie sehr sich Lexi davor fürchtet, dass ich sterbe. Aber wenn sie schon verheiratet sind, stehen sie das gemeinsam durch. Wenn nicht …“ Bellas magere Schultern zuckten. „Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass etwas passiert, das dann für immer zwischen ihnen steht.“

„Wieso trägst du die Verantwortung für das, was im OP geschieht?“

„Weil ich mich für die Transplantation entscheide. Wenn ich mich nicht operieren lasse, ist das Problem aus der Welt.“

„Nein, dann stirbst du.“ Charlie nahm kein Blatt vor den Mund. Wenn Bella offen darüber redete, konnte er es auch. „Sam wird dafür sorgen, dass dir nichts passiert. Er ist einer der besten Herz-Lungen-Chirurgen, die es gibt.“

„Versteh mich nicht falsch. Ich lasse mich operieren, sobald ein Organspender gefunden ist. Aber ich wünsche mir sehr, dass Lexi und Sam vorher ihre Hochzeit feiern. Das macht doch Sinn, oder?“

Charlie nickte. „Ich schätze, du hast mit Lexi schon darüber gesprochen.“

„Ja, aber sie … sie hat ihren eigenen Kopf, und sie will, dass alles perfekt ist. Lexi stellt sich das so vor: Ich werde operiert, bin wieder gesund, und dann findet ihre Märchenhochzeit statt, und alle sind glücklich. Dass ich sterben kann, das blendet sie völlig aus. Sie will nicht wahrhaben, dass mit jedem Tag, den sie wartet, die Chancen auf ein gutes Ende schwinden.“

„Und wenn jemand anders operiert?“

„Wer denn? Evie hat auch gesagt, dass Sam einer der fähigsten Chirurgen ist. Man wird mir eine neue Lunge einpflanzen, da möchte ich das Beste, was ich kriegen kann.“

Er dachte nach. Finn Kennedy war leitender Chefarzt der Chirurgie am Sydney Harbour und gehörte zu den besten Herzchirurgen in ganz Australien. Aber er war kein Herz-Lungen-Spezialist. Sollte er eine Herzoperation vor sich haben, Sam würde ohne Zögern Finn wählen. Bei einer Lungentransplantation würde er jedoch auf Sam Bailey setzen.

„Du hast recht, Sam muss es machen“, stimmte er zu. „Warum sprichst du wegen der Hochzeit nicht mit ihm? Vielleicht kann er Lexi überzeugen.“

„Ich habe sie schon gebeten, mit ihm darüber zu reden. Aber ich glaube nicht, dass sie es tun wird. Vielleicht sollte ich es wirklich über Sam versuchen.“

„Dann redest du also mit ihm?“

„Ich denke, ja.“

„Soll ich morgen wiederkommen und nach dir sehen?“

„Das musst du nicht.“

„Warum nicht? Ich kann dich daran erinnern, falls du noch nicht mit Sam gesprochen hast. Und wenn du für deine Schwestern gesorgt hast, möchte ich gern wissen, was du dir für dich wünschst.“

„Für mich?“

Das klang so erstaunt, dass er unwillkürlich lächeln musste. „Ja. Was möchtest du?“

Sie machte ein Gesicht, als hätte sie sich noch nie Gedanken über ihre eigenen Wünsche und Träume gemacht. Dann verdüsterte ein Schatten ihre grauen Augen. „Nichts.“

Wie kann sie nichts wollen? Nachdenklich verließ Charlie die Station. Jeder Mensch hat Wünsche.

Aber vielleicht war das Einzige, das sie sich ersehnte, unerreichbar? Bellas Leben lag in fremden Händen – oder besser gesagt, in einem anderen Körper. Damit sie eine Chance bekam, musste jemand anders sterben. Vielleicht dachte sie lieber nicht darüber nach, fasste ihren größten Wunsch lieber nicht in Worte?

Und überhaupt, worauf hatte er sich da gerade eingelassen, mit seinem Angebot, sie morgen wieder zu besuchen?

Es war nicht seine Art, sich persönlich zu engagieren, schon lange nicht mehr. Schließlich hatte er seine Lektion gelernt. Charlie brauchte seine Freiheit, und die bekam er nicht, wenn er sich auf die Gefühle anderer Menschen einließ. Allerdings bildeten die Lockheart-Schwestern eine Ausnahme. Auch das hatte er gelernt. Vor fast zehn Jahren.

Außerdem war es zu spät, sich herauszuhalten. Er steckte tief drin, seit er damals Evie kennengelernt hatte. Sie zog ihn in ihre Welt und befreite ihn damit aus den dunklen Tiefen, in denen er gefangen war. Evie und ihre Schwestern halfen ihm, als er am Leben verzweifelte und keinen Sinn in der Zukunft sah. Vor allem Evie. Bis er langsam begriff, dass seine Probleme, verglichen mit der Situation mit ihren Eltern und Bellas Krankheit, zwar auch keine Peanuts, aber weniger schwerwiegend waren.

Jetzt war es an der Zeit, sich erkenntlich zu zeigen.

Bella war Evies kleine Schwester. Er würde ihr helfen, allerdings rein freundschaftlich. Die einzige Frau, die vor seinen Avancen sicher war. Nicht etwa, weil er sie unattraktiv fand. Nein, sie war sogar ausgesprochen hübsch mit ihren kastanienbraunen Locken, der milchweißen Haut und den grauen Augen. Aber als Evies kleine Schwester war sie auch für ihn wie eine Schwester, also tabu.

Nachdem er das für sich geklärt hatte, machte er sich auf den Weg zu den Fahrstühlen, um auf die orthopädische Station zurückzukehren. Zu seinem Erstaunen traf er Evie im Flur.

„Hast du auf mich gewartet?“

„Nein“, erwiderte sie. „Ich habe noch mit Richard gesprochen.“

Evies Verhältnis zu ihrem Vater war kompliziert, das wusste Charlie. „Und, wie war’s?“, fragte er deshalb.

„Wie immer, eigentlich.“ Sie seufzte. „Für Bella ist es jetzt besonders wichtig, dass er für sie da ist. Sie braucht uns alle, aber ich weiß nicht, ob den anderen der Ernst der Situation bewusst ist. Richard scheint nicht akzeptieren zu wollen, wie schwierig es ist, ein passendes Spenderorgan zu finden. Lexi will nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn kein Spender gefunden wird. Und frag mich nicht nach meiner Mutter …“

„Das heißt, du musst wieder einmal alles zusammenhalten?“

„Scheint so.“

Evie war immer die Starke gewesen. Wurde sie langsam müde, die Last zu schwer für sie? Andererseits hätte er seine Hand für sie ins Feuer gelegt, dass sie für Bella da sein würde, was auch immer passieren mochte. Vielleicht hatte Bella recht. Vielleicht beschäftigte Evie noch etwas anderes.

„Kommst du mit?“, fragte er. „Ich brauche noch einen Kaffee.“

Evie schwieg, als sie ihn ins Arztzimmer begleitete. Charlie sagte auch nichts. Vielleicht würde sie es ihm ja von sich aus erzählen, falls etwas los war. Aber sie blieb stumm, sichtlich in Gedanken versunken.

Achselzuckend holte Charlie Tassen aus dem Schrank. Er hatte sich noch nie eingebildet, dass er die Frauen verstand.

Evie betrachtete Charlie, als er die Kaffeemaschine anstellte. Im Aufenthaltsraum der Transplantationsabteilung stand ein hochmodernes Gerät, das den besten Kaffee im gesamten Krankenhaus machte. Eigentlich durften sie es gar nicht benutzen, weil es für die Ärzte dieser Station angeschafft worden war. Aber Charlie kam damit durch. Ihm konnte keiner etwas übel nehmen.

Die Maschine gurgelte vor sich hin, Evie schwieg. Sie wusste, dass Charlie sie beobachtete, darauf wartete, dass sie etwas sagte. Aber was gab es noch zu sagen? Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.

„Es wird alles gut, Evie.“

Konnte er Gedanken lesen?

„Das weißt du nicht“, widersprach sie.

„Richtig, aber deswegen dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Wir müssen zuversichtlich sein, das ist wichtig für Bella.“

„Was wollte sie von dir?“

„Sie hatte etwas auf dem Herzen.“

„Warum hat sie nicht mit mir darüber geredet?“ Sie ärgerte sich darüber, dass sie so gereizt klang. Wenn Bella etwas bedrückte oder beschäftigte, war sie bisher erst zu ihr gekommen. Warum jetzt nicht?

„Vermutlich brauchte sie jemanden, der gefühlsmäßig nicht so betroffen ist wie du. Mach dir keine Gedanken, es ist alles okay.“ Charlie blickte sie mit seinen dunkelbraunen Augen ernst an, als er auf sie zu trat und sie in die Arme nahm. „Sei einfach für sie da. Das warst du schon immer, und sie braucht dich auch jetzt.“

Evie schloss die Augen, lehnte sich an seine breite Brust und atmete langsam aus. Es tat so gut, einfach gedrückt zu werden, ohne Hintergedanken … die tröstliche Umarmung eines guten Freundes. Für wenige Momente fiel alles von ihr ab, und sie hatte das Gefühl, dass zur Abwechslung einmal jemand anders die Verantwortung trug.

„Ich bin heute den ganzen Tag hier. Ruf mich, falls du irgendetwas brauchst, okay?“

Sie hörte, was er sagte, die Worte vibrierten in seiner Brust, aber Evie nahm noch etwas anderes wahr, eine Bewegung, als würde sich die Luft im Raum verändern. Jemand hatte das Zimmer betreten.

Evie öffnete die Augen, und ihr Blick fiel auf den letzten Menschen, den sie hier erwartet hatte. Den letzten, den sie sehen wollte.

Finn Kennedy.

Als sie das letzte Mal die Arme eines Mannes gespürt hatte, waren es Finns Arme gewesen. Jetzt stand er am Türrahmen, groß und Respekt einflößend wie immer, mit gewohnt ausdrucksloser Miene. Er sagte nichts, er bewegte sich nicht, musterte sie nur mit seinen durchdringenden blauen Augen. Hitze durchflutete sie unerwartet und unerwünscht, eine warme lustvolle Welle.

Evie trat einen Schritt zurück, löste sich aus Charlies Umarmung. „Ich gehe lieber. Ich muss noch duschen und dann runter in die Notaufnahme.“ Sie nahm ihren Kaffeebecher, rührte Milch und Zucker hinein.

„Wir sehen uns später“, sagte Charlie.

Erst jetzt sah sie auf. Finn war verschwunden, sie war wieder mit Charlie allein.

Auch gut, dachte sie und seufzte stumm. Sie hatte weder die Zeit noch die Energie, sich mit Finn Kennedy zu befassen – angesehener Herzchirurg, Leiter der Chirurgie und ihr letzter Liebhaber. Obwohl der Ausdruck Liebhaber vielleicht übertrieben war. Es war nur ein Mal gewesen, heftig, leidenschaftlich und ohne jede Zärtlichkeit. Harter, rauer Sex und sehr befriedigend, aber es durfte nicht wieder passieren.

Nein, sie hatte wirklich keine Zeit, über Finn nachzudenken. Gerade jetzt brauchte sie einen kühlen Kopf und starke Nerven, was ihr leider schnell abhandenkam, wenn Finn im Spiel war.

Sie bedankte sich bei Charlie und küsste ihn auf die Wange, bevor sie sich auf den Weg machte. Auf in den alltäglichen Kampf, während sie insgeheim hoffte, dass der Tag besser enden würde als er begonnen hatte.

Evie duschte in Bellas Bad und zog sich OP-Kleidung an. Sie hatte vergessen, Lexi zu bitten, ihr etwas zum Wechseln mitzubringen, und in Bellas Sachen passte sie beim besten Willen nicht. Mit ein Meter fünfundsiebzig war Evie nicht nur zehn Zentimeter größer als Bella, sondern brauchte auch zwei Kleidergrößen mehr als ihre Schwester. Nicht weil sie dick wäre, im Gegenteil, aber Bella war wegen der Mukoviszidose schon immer auffallend dünn gewesen.

Sie gab Bella einen Kuss, versprach ihr, so bald wie möglich wieder vorbeizukommen, und lief zum Fahrstuhl. Die Dusche hatte sie kaum munterer gemacht, und sie gähnte herzhaft hinter vorgehaltener Hand, während sie auf den Lift wartete. Sie war noch nicht fertig mit Gähnen, als er mit einem feinen Ping! hielt und die Türen sich öffneten. Es stand nur ein Fahrgast in der Kabine.

Finn.

Anscheinend war ihr Wunsch nicht erhört worden: Noch wurde der Tag nicht besser.

Ein Blick auf ihn genügte, und ihr Herz fing an zu rasen. Ihr Mund wurde trocken, und als Finn sie eindringlich ansah, stieg ihr das Blut in die Wangen.

Um sich nichts anmerken zu lassen, wandte sie ihm den Rücken zu, um den Knopf für die Notaufnahme zu drücken. Er leuchtete bereits, und es war der einzige. Das bedeutete, dass Finn dasselbe Ziel hatte wie sie. Evie stöhnte stumm auf. Eine Fahrt an vielen Stockwerken vorbei, allein mit Finn …

„Spät geworden gestern Abend?“

Seine tiefe heisere Stimme ließ sie zusammenzucken. Evie hatte erwartet, dass Finn sie ignorieren würde, nachdem er sie vorhin mit diesem eisigen Blick bedacht hatte. Der Mann war unmöglich! Wenn sie mit ihm reden wollte, gab er sich verschlossen wie eine Auster. Wollte sie dagegen ihre Ruhe haben, fing er ein Gespräch an.

„Ja.“ Sie drehte sich um und sah, wie er sie von oben bis unten betrachtete. Natürlich musste ihm auffallen, dass sie OP-Kleidung trug.

„Ich nehme an, du warst gar nicht zu Hause.“

Gut beobachtet, mein Lieber, aber du ziehst die falschen Schlüsse. Momente lang war sie versucht, ihn glauben zu lassen, dass sie die Nacht mit Charlie verbracht hatte, aber sie war zu müde für solche Spielchen.

„Ich war die ganze Nacht auf der Herz-Lungen-Station. Bella musste wieder ins Krankenhaus. Sie wurde gestern Abend eingeliefert.“ So, von mir aus kann er sich jetzt schlecht fühlen, dachte sie. Warum soll ich mir immer Gedanken über die Gefühle anderer Leute machen?

Finn streckte die Hand aus, machte einen halben Schritt auf Evie zu, überlegte es sich dann anders. Sie konnte genau den Moment erkennen, als er seine Meinung änderte. Finn ließ die Hand sinken, aber seine Stimme nahm einen weicheren Klang an. „Evie, es tut mir leid. Das wusste ich nicht. Kann ich irgendetwas tun?“

Sei nicht nett zu mir. Plötzlich hatte Evie große Angst, dass sie in Tränen ausbrechen könnte. Ausgerechnet vor Finn. „Selbst du kannst keine Wunder vollbringen. Sie braucht eine neue Lunge.“ Das klang unfreundlich und abweisend. Aber sie brauchte diesen Panzer, um nicht die Fassung zu verlieren.

„Die niemand beschaffen kann, auch nicht, wenn er Lockheart heißt“, entgegnete er kühl, während er sie abschätzend betrachtete. „Ich meinte, kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Was denn, zum Beispiel?“

„Ich könnte eine Dienstvertretung für dich organisieren, damit du bei Bella bleiben kannst.“

Großartig. Finn macht dir ein Friedensangebot, und bevor es richtig bei dir angekommen ist, gräbst du schon das Kriegsbeil aus. Gut gemacht, Evie.

Wie gern hätte sie das Angebot angenommen, aber diese Tür hatte sie gerade zugeschlagen. Und ihr Stolz verbot ihr, um den Schlüssel zu bitten.

„Im Moment kann ich nichts für sie tun“, sagte sie daher. Evie nahm an, dass Bella die meiste Zeit schlafen würde. Außerdem war Lexi bei ihr. „Und hier unten bin ich beschäftigt“, fügte sie hinzu, als die Lifttüren auseinanderglitten.

Evie betrat die Notaufnahme. Die Arbeit würde sie ablenken, von Bella – und von Finn.

3. KAPITEL

Unglaublich, was vierundzwanzig Stunden im Krankenhaus und eine anständige Dosis Antibiotika ausrichten konnten! Nach einem Tag und zwei Nächten fühlte sich Bella deutlich besser, und auch Sam war mit ihrem Zustand zufrieden. Sie hatte sogar mit ihm über die Hochzeit gesprochen. Jetzt musste sie nur noch die Daumen drücken, dass er Lexi davon überzeugte, die Trauung für den nächstmöglichen Termin festzusetzen.

Wenn sie an die Hochzeit dachte, juckte es Bella in den Fingern. Sie musste noch mehr und noch schönere Entwürfe zeichnen, damit Lexi es kaum erwarten konnte, in einem märchenhaften Brautkleid zum Altar zu schreiten.

Leider hatte sie ihr Skizzenbuch nicht dabei. Lexi würde es nachher mitbringen, und bis dahin musste Bella sich mit Zetteln begnügen. Sie zeichnete gerade an einem eng anliegenden Satinkleid mit tiefem Rückendekolleté, als ihre Schwester hereinkam.

„Guten Morgen!“, sagte sie munter, während sie eine überdimensionale Tragetasche auf Bellas Bett ablud. Dann küsste sie Bella auf die Wange. „Sam hat gesagt, dir geht’s besser.“

„Ja.“

Lexi zog den Reißverschluss der Tasche auf und packte sie schwungvoll aus. „Hier ist dein Laptop“, zählte sie auf. „Und massenhaft DVDs, damit du dich nicht langweilst.“

„Hast du mein Skizzenbuch mitgebracht?“

„Aber klar doch.“ Sie holte es heraus und legte es ebenfalls auf den Nachttisch. „Kommt Charlie heute?“

„Ich glaube“, antwortete Bella zögernd. „Warum?“

„Ich dachte, dann kannst du das hier gut gebrauchen.“ Lexi förderte ein duftiges rotes Etwas zutage, und als sie es ausschüttelte, erkannte Bella das gewagte rote Negligé wieder, das Lexi ihr bei ihrem letzten Krankenhausaufenthalt geschenkt hatte. „Ich habe eine Ewigkeit danach gesucht. Warum war es nicht in deinem Kleiderschrank? Du sollst es doch tragen.“

Bella betrachtete den frivolen Hauch von roter Seide und Spitze. So etwas war überhaupt nicht ihr Stil, und sie hatte auch nicht vor, es jemals anzuziehen. Deshalb hatte sie es ganz hinten in einen ihrer Küchenschränke gestopft.

„Das trage ich doch nicht hier im Krankenhaus!“, protestierte sie. „Du weißt genau, wie schnell ich immer friere.“ Darum trug sie dicke Flanellpyjamas. Dass sie auch sehr praktisch waren, um ihre magere Figur zu verstecken, musste sie ja niemandem auf die Nase binden.

„Dachte ich mir, dass du das sagen würdest. Also habe ich dies für dich gekauft.“ Lexi zog ein schwarzes Bettjäckchen aus ihrer Tasche. Bella nahm jedenfalls an, dass es ein Bettjäckchen war. Es hatte Ärmel und einen flauschigen, pelzähnlichen Kragen. Trotzdem wäre sie sich damit wie ein Dessous-Model vorgekommen. Auch das Jäckchen überließ fast nichts der Fantasie.

Ihre mondäne Schwester mochte sich darin wohlfühlen, aber für Bella war das nichts. „Ich bin im Krankenhaus, Lex, nicht in einem Softporno.“

„Ach, komm schon, Bella. Einer der heißesten Ärzte im Harbour will dich besuchen, und was hast du an? Dieses unförmige Flanellzelt! Ein Jutesack hätte mehr Sex-Appeal. Es wird Zeit für ein bisschen Glamour, du kannst nicht dasselbe anhaben wie gestern!“

Bella verschlug es die Sprache. Erwartete Lexi tatsächlich, dass sie diese aufreizenden Sachen vor Charlie trug?

Sie wünschte, sie hätte das nötige Selbstvertrauen dafür. Nur ein einziges Mal. Lexi hatte ein Dutzend verführerischer Negligés im Schrank hängen, und sie zog sie bestimmt auch an. Aber ich bin nicht Lexi, dachte sie. Ihre jüngere Schwester war selbstbewusst, und sie hatte eine tolle Figur. Weder das eine noch das andere konnte Bella von sich behaupten.

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. Doch Lexi war es gewohnt, sich durchzusetzen, und sie ließ auch jetzt nicht locker.

„Zieh es wenigstens einmal an, ja? Das Jäckchen ist entzückend, sieh doch mal.“ Sie hielt es sich an den Körper, und es sah atemberaubend aus zu ihrem platinblonden Haar. „Mach schon, geh ins Bad und probier es an!“

Seufzend gab sich Bella geschlagen. Je eher sie ihr den Gefallen tat, umso schneller würde sie sie in Ruhe lassen.

Sie nahm die Sauerstoffbrille ab und den Infusionsbeutel aus der Halterung, damit sie ihn mitnehmen konnte. Selbst Umziehen war eine aufwendige Sache mit all den Schläuchen, an die sie angeschlossen war. Bella griff nach Negligé und Jäckchen und machte sich auf den Weg ins Bad. Unmut regte sich in ihr. Warum gab sie immer nach und Lexi nie? Schon wieder bekam Lexi ihren Willen, aber beim Hochzeitsdatum wollte sie nicht mit sich reden lassen! Na ja, dachte sie, das kann man vielleicht nicht miteinander vergleichen, aber es würde Lexi nicht umbringen, ein Mal klein beizugeben …

Bella hängte ihren Schlafanzug an den Haken hinter der Tür und zog sich das Negligé über. Das Spitzenmieder lag eng an und war so geschnitten, dass es ihre Brüste zusammendrückte und ein sexy Dekolleté entstand. Kühl glitt die Seide über ihre Rippen und über ihre Hüften. Bella drehte sich so, dass sie sich von hinten im Spiegel sehen konnte. Der edle Stoff raschelte, und sie fühlte sich wie eine Schauspielerin in den Fünfzigerjahre-Filmen, die sie so liebte.

Aber das Negligé bedeckte gerade einmal ihren Po. Sie schlüpfte in das Jäckchen und band die Satinbändchen am Hals zusammen. Nein, das fand sie immer noch zu gewagt.

Bella öffnete die Tür einen Spalt und steckte den Kopf ins Zimmer. „Lexi?“ Erst als ihre Schwester sich umwandte, schob Bella die Tür ein bisschen weiter auf.

„Hey, du siehst toll aus! Gefällt es dir?“

„Es fühlt sich fantastisch an“, sagte sie. Und richtig, die Seide war angenehm warm auf ihrer Haut. „Aber ich würde mich nie trauen, es hier zu tragen.“

„Auch nicht das Jäckchen?“

Das gefiel ihr schon, aber zu ihrem Schlafanzug würde es albern aussehen. Vielleicht könnte sie es über einem schlichten Top tragen, aber dann hatte sie immer noch ihre alte Pyjamahose an. Bella schüttelte den Kopf, verschwand wieder im Bad und tauschte Glamour gegen Komfort.

Als sie wieder herauskam, hielt sie Lexi die Sachen hin.

„Ich nehme sie nicht wieder mit.“ Lexi drapierte sie am Fußende. „Falls du es dir doch noch anders überlegst.“ Dann versprach sie, nachmittags wiederzukommen, und ging.

Eine Krankenschwester brachte Bella eine süße Zwischenmahlzeit. Während sie aß, ging ihr das rote Negligé nicht aus dem Kopf. Sie fischte es vom Fußende und ließ den schimmernden Stoff durch die Finger gleiten. Dann strich sie gedankenverloren über den mohairweichen Kragen des Jäckchens. Vielleicht konnte sie etwas Ähnliches entwerfen, etwas, das mehr zu ihr passte und worin sie nicht aussah wie ein Showgirl.

Bella ließ vom Schokoladeneis nichts übrig und aß das Blaubeermuffin bis auf den letzten Krümel auf. Danach schob sie das Tablett beiseite und schlug ihr Skizzenbuch auf. Sie betrachtete das Brautkleid, das sie auf einem Zettel entworfen hatte, und ihr kamen plötzlich Ideen zu dem hübschen Jäckchen.

Mit zügigen Strichen warf sie ein neues Brautkleid aufs Papier, stellte sich vor, dass sie es eines Tages tragen würde, und sagte sich gleichzeitig, wie dumm allein der Gedanke war. Solche Träume konnte sie vergessen. Sie würde nie zum Altar schreiten, nie heiraten, nie eine Familie haben …

Bella hatte noch nie einen Freund gehabt. Wie auch, wenn sie meistens im Krankenhaus war? Und wenn es ihr wieder einigermaßen gut gegangen war, musste sie in der Schule so viel aufholen, dass sie nur noch lernte. Zu allem Überfluss litt sie an einer leichten Form von Legasthenie, die ihr das Lesen und Schreiben erschwerte.

Natürlich hätte sie ihre Hausaufgaben vernachlässigen können, zugunsten von mehr Freizeit – und Jungs. Aber sie war nicht der Typ, der schnell aufgab, und außerdem interessierten sich die Jungen nicht für sie. Nicht, wenn ihre tolle Schwester Lexi in der Nähe war.

Nur einmal hatte sie etwas annähernd Romantisches erlebt, in einem Ferienlager für Kinder und Jugendliche, die wie sie Mukoviszidose hatten: ihren ersten und einzigen Kuss. Aber sie machte sich nichts vor. Der Junge war nicht unsterblich in sie verliebt. Alle Teenager dort waren neugierig gewesen auf die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht.

Nein, so wie ihr Leben bisher verlaufen war, hielt auch die Zukunft keine Märchenhochzeit für sie bereit. Sie würde unverheiratet bleiben, als Einzige der drei Schwestern. Lexi war schon verlobt, und bei Evie war es auch nur eine Frage der Zeit. Aber besser eine alte Jungfer als tot, dachte sie. Wahrscheinlich.

Immer zuversichtlich bleiben, ermahnte Bella sich. Das hatte Charlie auch gesagt. Ihr Blick fiel wieder auf das rote Negligé, und sie fragte sich, was er dazu sagen würde. Sicher hatte er schon eine Menge Frauen in verführerischer Wäsche gesehen. Damit konnte sie sowieso nicht konkurrieren.

Ihr Gespräch mit ihm kam ihr in den Sinn. Sie war so unglaublich nervös gewesen, aber er war ein guter Zuhörer und so locker und gelassen, dass sich seine Ruhe irgendwann auf sie übertragen hatte.

Und zum Schluss hatte er sie überraschend gefragt, was sie sich wünschte. Nichts, hatte sie gesagt, aber das stimmte nicht ganz. Es gab vieles, was sie sich wünschte. Nichts Materielles, sondern eher … Erfahrungen. Wegen ihrer Krankheit hatte sie eine Menge verpasst. Und manchmal träumte sie von einer zweiten Chance.

Sie wollte ausgehen, ein richtiges Date haben.

Sie wollte tanzen, in den Armen eines gut aussehenden Mannes über die Tanzfläche schweben.

Sie wollte ein wunderschönes Abendkleid tragen, mit einem weiten schwingenden Rock und einem bezaubernden Dekolleté, bevor sie von der Operation hässliche Narben zurückbehielt.

Sie wollte unterm Sternenhimmel stehen und leidenschaftlich geküsst werden.

Sie wollte eine ganze Nacht lang wach bleiben und über dem Meer die Sonne aufgehen sehen.

Sie wollte auf einer Picknickdecke liegen, mit dem Kopf im Schoß ihres Freundes liegen, Erdbeeren essen und Champagner trinken.

Sie wollte sagen können: „Sie spielen unser Lied.“

Sie wollte angeblickt werden, als wäre sie die begehrenswerteste Frau der Welt.

Sie wollte sich verlieben.

Bella musste über sich selbst lachen. Sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen, um Versäumtes nachzuholen, und sie war es nicht gewohnt, an die Zukunft zu denken. Deshalb fand sie es unmöglich, sich ernsthaft vorzustellen, dass auch nur einer ihrer Träume in Erfüllung gehen könnte.

Zuerst müsste sie überhaupt die Gelegenheit haben, jemanden kennenzulernen. Dann müsste sie den Mut aufbringen, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Dann warten, ob er mit ihr ausgehen wollte. Warum war sie nicht ein bisschen mehr wie Lexi? Lexi hatte noch nie gewartet, sondern an jeder Hand fünf Verehrer gehabt.

Bella wäre gern mutiger gewesen, um sich unbefangen zu unterhalten oder zu flirten. Andererseits, mit wem sollte sie hier flirten? Charlie kam nachher zu ihr, aber mit ihm flirten, nein, das würde sie sich niemals trauen. Sie war ja schon froh, wenn sie eine halbwegs normale Unterhaltung zustande brachte, ohne dass sie ständig rot wurde oder ihr die Worte fehlten.

Ciao, Bella, du siehst heute viel besser aus.“

...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Ärzte zum Verlieben Band 57" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen