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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 56

Melanie Milburne, Caroline Anderson, Janice Lynn

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 56

MELANIE MILBURNE

Dr. Bailey und die Society-Prinzessin

Sich nur noch schnell umziehen und dann mit seiner Jacht ins Wochenende segeln – das ist Dr. Sam Baileys Plan. Doch als er seinen Kleiderschrank öffnet, traut er seinen Augen nicht: Eine blonde Schönheit hat sich dort versteckt. Eigentlich kein Problem, nur – der blinde Passagier ist Lexi Lockheart – seine Exgeliebte!

CAROLINE ANDERSON

Wer flieht denn vor der Liebe?

Attraktive Frauen wie seine neue Nachbarin und Kollegin, die Oberärztin Daisy Fuller, kennt Dr. Ben Walker zu Genüge. Deshalb geht er ihr tunlichst aus dem Weg. Von einer Liebelei am Arbeitsplatz hält er ohnehin nichts. Ärgerlich ist nur, dass sie sich öfter begegnen, als ihm lieb ist – und es immer heftiger zwischen ihnen knistert …

JANICE LYNN

Hochzeitsglocken in New York

Und wann heiratest du endlich? Diese Frage kann Dr. Vale Wakefield schon nicht mehr hören! Daher bittet er seine Kollegin Faith, ihn zur Hochzeit seiner Cousine zu begleiten – als Alibi. Liebe spielt ja bei ihnen keine Rolle. Glaubt er – bis er Faith in ihrem hautengen Kleid abholt und er erstmals nicht nur die brillante Medizinerin in ihr sieht …

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Dr. Bailey und die Society-Prinzessin

1. KAPITEL

Lexi hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst.

Schlimmer konnte das unverhoffte Wiedersehen mit einem Ex nicht ausfallen.

In der Tiefgarage des Sydney Harbour Hospitals war nur noch ein Parkplatz frei gewesen. Und streng genommen durfte sie hier gar nicht parken, da sie weder Ärztin noch Krankenschwester war. Aber sie hatte es eilig, weil sie ihrer Schwester ein paar Sachen bringen wollte. Natürlich war es da verlockend, den letzten freien Platz zwischen einer Luxuslimousine und einem glänzenden roten Sportwagen zu nehmen.

Schwungvoll hatte sie ihre Tür aufgestoßen und war zusammengezuckt, als Metall auf Metall stieß.

Und dann sah sie ihn.

Er saß auf dem Fahrersitz, umklammerte mit seinen breiten Händen das Steuer und starrte sie wütend an. Als er sie erkannte, veränderte sich seine Miene, als hätte man ihm einen Schlag versetzt.

Lexi blickte in seine dunklen Augen, dunkel wie heißer Espresso, und spürte den gleichen Schlag tief in ihrem Bauch. Ihr Herz hämmerte wie wild, ihr wurde flau im Magen.

Es war so unerwartet.

Ohne Vorwarnung.

Warum hatte ihr niemand gesagt, dass er wieder in Australien war? Warum hatte ihr niemand erzählt, dass er ausgerechnet hier arbeitete?

Okay, schön locker bleiben, das kannst du. Es war ihre Spezialität. Mit ihrem Charme konnte sie immer punkten, dafür war sie in der High Society von Sydney bekannt.

Sie zwängte sich aus dem Wagen und lächelte strahlend. „Hi, Sam! Wie geht’s?“

Sam Bailey stieg aus, richtete sich zu seiner beachtlichen Größe auf und drückte die Fahrertür ins Schloss. Nicht zu laut, nicht zu leise. So ist er, dachte Lexi: entschlossen, präzise, immer auf das konzentriert, was er gerade tut.

„Alexis.“

Das war alles. Kein „Wie geht es dir?“ oder „Schön, dich zu sehen.“ Nicht einmal ein schlichtes Hallo. Außerdem nannte niemand sie bei ihrem vollen Namen, nicht einmal ihr Vater, wenn er einen seiner Tobsuchtsanfälle bekam, und auch ihre Mutter nicht, wenn sie, vom Gin beflügelt, ihre weitschweifigen Reden hielt.

Lexi spürte, wie ihr gewinnendes Lächeln wankte. Verunsichert spielte sie mit dem Lederriemen ihrer Designertasche. „Was führt dich hierher?“, fragte sie. „Ein Patient?“

„So ungefähr“, erwiderte er kühl. „Und dich?“

„Oh, ich treibe mich öfter hier herum.“ Sie verlagerte das Gewicht von einem High Heel auf den anderen. „Meine Schwester Bella ist ständig zur Behandlung hier. Die letzten beiden Wochen stationär, wegen der Brustinfektion. Bella steht auf der Transplantationsliste, aber erst muss die Entzündung abgeklungen sein.“ Lexi wusste, dass sie plapperte, aber Schweigen hätte sie nicht ausgehalten.

Vor fünf Jahren hatte sie noch geglaubt, mit Sam eine Zukunft zu haben. Es hatte schnell, aber heftig gefunkt zwischen ihnen, und schon bald träumte Lexi von einem Leben an seiner Seite. Doch Sam hatte sie kalt und gnadenlos fallen lassen. Nicht einmal ein Wort des Abschieds, geschweige denn eine Erklärung.

Ihm hier so plötzlich und unerwartet zu begegnen, holte die tief vergrabenen Gefühle wieder hoch. Gefühle, die ihr zusetzten, die immer noch wehtaten …

„Tut mir leid, das zu hören.“ Sam sah auf seine silberne Uhr.

Lexi hatte das Gefühl, in einem tiefen Loch von Traurigkeit zu versinken. Deutlicher konnte er ihr nicht zeigen, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte. Wie konnte er nur so … distanziert sein, nachdem sie einmal so vertraut miteinander gewesen waren? Hatte sie ihm denn gar nichts bedeutet? Bestimmt war sie ihm doch fünf Minuten seiner kostbaren Zeit wert, auch wenn sie getrennter Wege gegangen waren? „Ich wusste nicht, dass du wieder da bist“, sagte sie. „Ich habe nur gehört, dass du ein Stipendium in Übersee bekommen hast. Wo denn?“

„USA.“

„Hey, das ist ja toll“, versuchte sie, sein abweisendes Verhalten mit entwaffnendem Charme zu entschärfen. „Amerika muss aufregend sein. Viel zu sehen, viel zu unternehmen. Die anderen aus dem Jahrgang haben dich bestimmt glühend beneidet.“

„Ja.“ Wieder der Blick zur Armbanduhr.

Ihr Blick glitt zu seinem kräftigen sonnengebräunten Handgelenk, das sich von der hellblauen Manschette seines schicken Oberhemds abhob. Lexis Magen vollführte einen kleinen Salto, als sie sich daran erinnerte, wie sich seine Hände auf ihrer Haut angefühlt hatten. Zwei Wochen nur hatte ihre leidenschaftliche Affäre mit Sam Bailey gedauert, aber Lexi hatte keinen einzigen Augenblick davon vergessen.

Fünf Jahre war es her, doch sie spürte das gleiche Prickeln wie damals, wenn er sie nur anblickte, die heiße Lust, wenn er sie berührte. Unwillkürlich sah sie auf seinen Mund, erinnerte sich daran, wie sich diese warmen, festen Lippen auf ihren angefühlt hatten. Lexi schmeckte ihn noch immer, den Duft nach Minze, nach Frische und unwiderstehlich nach Mann. Sie wusste noch, wie Sam sie geküsst hatte, forschend und langsam erst, dann leidenschaftlich und fordernd. Und sie hatte sich willig erobern lassen, ihm alles gegeben.

Trotzdem hatte er sie ohne ein Abschiedswort verlassen.

Lexi sah wieder auf. Ihr Herz flatterte wie ein Kolibri, als sie Sam in die dunklen Augen blickte. Hatte er überhaupt eine Ahnung, wie sehr er sie verletzt hatte? Wusste er, was sie seinetwegen durchgemacht hatte?

Sie musste ein Zittern unterdrücken, während sie an ihre Entscheidung dachte. Lexi fragte sich, ob sie jemals den Mut aufbringen würde, Sam davon zu erzählen. Andererseits, wozu? Wie sollte er verstehen, wie sie sich damals gefühlt hatte – jung, schwanger, niemand da, an den sie sich hätte wenden können. Sie war noch nicht bereit gewesen, Mutter zu werden. Eine Abtreibung erschien ihr als das einzig Richtige, und dennoch …

„Ich muss gehen“, sagte Sam in ihre Gedanken hinein. „Der Direktor erwartet mich.“

„Du fängst hier an zu arbeiten?“

„Ja.“

„Am Sydney Harbour?“

„Ja.“

„Du machst keine Praxis auf?“

„Nein.“

„Antwortest du auf Fragen auch mal mit mehr als einem Wort?“

„Gelegentlich.“

Lexi verdrehte die Augen. „Warum hat mir keiner etwas gesagt?“

„Keine Ahnung.“

„Wow, das waren zwei.“

„Zwei was?“ Er runzelte die Stirn.

„Wörter. Vielleicht können wir daran noch feilen. Dein Repertoire aufpeppen. Was machst du hier?“

„Arbeiten.“

Sie hätte schreien und mit den Füßen aufstampfen können. „Ich meine, warum hier? Warum nicht als niedergelassener Arzt, womit du ohne Ende Geld scheffeln könntest?“ Und vor allem woanders, damit ich dir nicht ständig über den Weg laufe und daran denken muss, wie naiv ich war …

„Man hat mich gefragt.“

„Wahnsinn, schon vier.“ Lexi schnitt eine Grimasse. „Wir werden langsam besser. Wetten, dass ich dich in einem oder zwei Monaten so weit habe, dass du einen ganzen Satz von dir gibst?“

„Ich muss jetzt wirklich los“, sagte er. „Und ja, das sind fünf Wörter, falls du immer noch mitzählst.“

Sie hob das Kinn. „Auf jeden Fall.“

Sam blickte in ihre leuchtend blauen Augen, und ihm war, als tauche er in einen tiefen, erfrischenden Ozean, nachdem er jahrelang durch heißen Wüstensand gewandert war. Lexis kleiner und doch üppiger Mund bettelte förmlich darum, geküsst zu werden. Sam wusste noch genau, wie sich ihre rosigen Lippen unter seinen angefühlt hatten. Ihr platinblondes Haar strahlte diesen teuren Chic aus, den nur ein Starfriseur zaubern konnte, und war gleichzeitig auf erotische Weise leicht zerzaust, als hätte sie gerade eine heiße Liebesnacht hinter sich.

Verlangen durchzuckte ihn, als er sich daran erinnerte, wie sie es in seinem Bett getan hatten, im Stehen an der Wand, auf seinem Schreibtisch, auf der Picknickdecke unter einem funkelnden Sternenhimmel …

Vergiss es.

Sie war damals zu jung für ihn gewesen, und daran änderte sich nichts, nur weil sie älter geworden war und er an Erfahrung gewonnen hatte. Lexi war immer noch das verwöhnte reiche Mädchen, das Feiern und Party machen für eine Vollzeitbeschäftigung hielt – eine Welt, die sich von seiner unterschied wie der Mars von der Erde. Sam hatte es sich zum Ziel gemacht, so viele Menschenleben wie möglich zu retten, die von einer Organtransplantation abhingen.

Das bedeutete, dass Menschen sterben mussten, damit er anderen zum Leben verhelfen konnte. Dessen war er sich immer bewusst, und er nahm es nicht auf die leichte Schulter. Sam hatte alles aufgegeben und hart gearbeitet, um dort anzukommen, wo er heute stand. Sich jetzt von einem Partygirl ablenken zu lassen, dessen schwierigste Entscheidung darin gipfelte, ob es Schwimmkerzen oder Heliumballons für ein Event nehmen sollte, konnte er sich nicht leisten.

Er musste auf Abstand gehen, wie schon einmal. Nur, dass es diesmal freiwillig geschah.

„Du hast meinen Wagen eingedellt.“ Es war vielleicht nicht der beste Einstieg, aber verdammt, er hatte das Auto gerade erst gekauft. Und Lexi hatte nicht einmal hingesehen, bevor sie die Tür aufstieß. Was nur wieder bewies, wie unverantwortlich sie war. So typisch für Leute wie sie, die eine reiche Familie im Rücken hatten.

Hatte sie überhaupt eine Ahnung, dass andere sich richtig krumm machen mussten, um sich Dinge leisten zu können, die sie als selbstverständlich hinnahm? Ein Leben lang von Luxus umgeben, war sie nur in Nobelkarossen durch die Gegend kutschiert worden. Sie konnte sich bestimmt nicht vorstellen, wie es einem ging, wenn man bitterarm war und das Geld nicht einmal für das Nötigste reichte.

Seiner Mutter zum Beispiel, die im tiefsten Outback gelebt und weit unten auf einer ellenlangen Warteliste gestanden hatte. Sie war gestorben, während sie auf eine Spenderniere wartete. Sams Eltern waren Arbeiter gewesen und hatten für eine private Zusatzversicherung kein Geld gehabt. Sie hatten sich auch nur ein Kind leisten können. Sam wusste, wie es war, wenn man sich Sachen wünschte, die unerreichbar waren. Man griff nach Seifenblasen, voller Hoffnung, dass sie nicht zerplatzten, sobald man sie berührte. Seiner Erfahrung nach platzten sie immer.

Lexi war auch so eine schillernde Seifenblase gewesen.

„Das nennst du eine Delle?“ Lexi bückte sich, um die Stelle zu inspizieren.

Sam konnte nicht anders, schamlos betrachtete er ihren süßen Po. Lexi war jetzt vierundzwanzig, erinnerte ihn aber mit ihren langen Beinen immer noch an ein rassiges Fohlen. Was sie auch anzog, sie sah aus, als käme sie direkt vom Laufsteg. Heute trug sie eine eng anliegende schwarze Hose und dazu unfassbar hochhackige Stilettos. Das rosa Top schmiegte sich an ihre kleinen, festen Brüste, und der mit Rubinen und Brillanten besetzte Anhänger, den sie an einer Weißgoldkette um den Hals trug, sah aus, als hätte er genauso viel gekostet wie Sams Medizinstudium. Für das er einen Kredit aufgenommen hatte.

Und sie duftete betörend. Sam ertappte sich dabei, dass er tiefer einatmete. Frühlingsblumen, dachte er, mit einem Hauch Sandelholz. Oder Patschuli?

Da richtete sie sich auf. „Man sieht praktisch nichts“, erklärte sie. „Aber wenn du unbedingt den Pedanten spielen willst, dann bezahle ich dir die Reparatur.“

Sam zog eine Braue hoch. „Du meinst, Daddy zahlt.“

Sie schürzte die Lippen, und Sam war stark versucht, diesen weichen Rosenknospenmund zu küssen. „Damit du es weißt – ich verdiene selbst Geld.“

„Womit? Indem du dir die Fingernägel lackierst?“

Ihre blauen Augen wurden schmal. „Ich bin für das Fundraising am Harbour verantwortlich“, erklärte sie. „Ich organisiere Spendensammelaktionen wie zum Beispiel den Maskenball im nächsten Monat.“

„Ich bin beeindruckt.“

Dafür erntete er einen hitzigen Blick. „Mein Vater hat mir den Job übertragen, weil ich ihn gut mache.“

„Das glaube ich gern.“ Schließlich sind Partys dein liebstes Hobby. „Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich habe einen Termin.“

„Ist heute dein erster Tag am Harbour?“

„Ja.“

„Und wo wohnst du?“

„Ich habe im Kirribilli Views ein Apartment gemietet“, antwortete er. „Ich wollte mich in Ruhe umsehen, bevor ich etwas kaufe.“

Eine zierliche Falte erschien zwischen ihren sanft geschwungenen Brauen. „Dann bleibst du also in Sydney?“

„Ja. Mein Vater wird älter, und ich möchte mehr Zeit mit ihm verbringen.“

„Lebt er immer noch in Broken Hill?“

„Nein, er verbringt seinen Ruhestand an der Central Coast.“

Sam war überrascht, dass sie sich an seinen Vater erinnerte. So etwas passte nicht zu dem Bild, das er von ihr hatte: das verwöhnte It-Girl, das nur mit ihm ins Bett gegangen war, um sich gegen den dominanten Vater aufzulehnen.

Das hatte ihn wirklich gewurmt.

Verdammt, es wurmte ihn immer noch.

Ihre heiße Affäre hatte nur zwei Wochen gedauert. Dann war Richard Lockheart eingeschritten und hatte ihm haarklein erläutert, was passieren würde, wenn Sam seine jüngste Prinzessin nicht in Ruhe ließ. Und die Krönung der Geschichte war, dass sie sechs Jahre jünger war, als sie ihm erzählt hatte. Für ihn war es ein Schock gewesen, dass die Frau in seinem Bett erst ein Jahr zuvor die Highschool abgeschlossen hatte. Eine Neunzehnjährige, die in Aussehen und Verhalten für eine Fünfundzwanzigjährige durchgehen konnte!

In der kurzen Zeit, die sie zusammen verbrachten, erzählte Sam ihr Dinge, die er bis dahin niemandem anvertraut hatte. Vom Tod seiner Mutter, wie schlimm es für ihn gewesen war, sie sterben zu sehen, hilflos zu sein. Von seinem Vater, der sich in seiner Trauer vergrub. Und von seinen eigenen Träumen, dafür zu sorgen, dass andere nicht das durchmachen mussten, was seine Familie erlitten hatte.

Ein einziges Mal in seinem Leben vertraute er seine Gefühle einer Frau an, nur um es schon bald bitter zu bereuen. Lexi benutzte ihn, so wie sie ihre gesellschaftliche Stellung benutzte, um ihren Kopf durchzusetzen. Ihr pubertäres Spielchen hätte ihn beinahe alles gekostet, was er sich hart erarbeitet hatte.

Unterm Strich hatte er nur zwei Alternativen gehabt: von der Bildfläche zu verschwinden oder zuzusehen, wie seine Karriere den Bach hinunterging. Als Arbeiterkind, das sich mühsam nach oben gekämpft hatte, wusste Sam, welche Macht ein einflussreicher Mann wie Richard Lockheart besaß. Er nahm dessen Drohungen ernst.

Zum Glück konnte er in ein US-Trainingsprogramm wechseln, und obwohl es ihn einen Haufen Geld kostete, erwies es sich als das Beste, was ihm je passiert war. Er hatte mit Koryphäen auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie zusammengearbeitet und galt inzwischen selbst als einer der führenden Herz-Lungen-Chirurgen auf diesem Planeten. Zu Hause glaubte jeder, er hätte ein Stipendium ergattert, und er ließ sie alle in dem Glauben.

Die Stelle am Harbour war ihm gerade recht gekommen. Sam wollte nach Sydney zurück, er vermisste seine Heimat und seinen Vater, die einzige Familie, die er hatte. Die Zeit war also reif, nach Hause zu kommen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Lexi war Teil dieser Vergangenheit, aber in seiner Zukunft hatte sie keinen Platz. Ihre Schönheit und ihr sanftes Einfühlungsvermögen hatten ihn verzaubert. Aber ihr sorgloses, von Partys, Glanz und Glamour bestimmtes Leben passte damals genauso wenig wie heute zu den ernsthaften Karrierezielen, die Sam sich gesetzt hatte.

Sie schob sich eine seidige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wie kann ich dich erreichen?“

„Wozu?“, fragte er scharf.

„Wegen deines Wagens.“ Das klang ungeduldig. „Wegen der Delle, die man nur mit der Lupe sieht.“

„Vergiss es.“

„Nein, ich bestehe darauf.“ Sie zog ihr Smartphone heraus. „Sag mir deine Nummer.“ Bereit, die Info einzutippen, verharrten ihre schlanken, perfekt manikürten Finger über dem Tastenfeld.

Und da sah er ihn.

Der Brillant an ihrem Ringfinger blitzte und funkelte, als wollte er Sam verhöhnen.

Verlobt.

Ihm wurde die Kehle eng.

Lexi ist verlobt.

Sam bekam einen trockenen Mund, seine Brust fühlte sich an wie unter einer Dampfwalze, das Atmen fiel ihm schwer. Seine Reaktion überraschte ihn. Nein, verdammt, sie schockierte ihn. Lexi bedeutete ihm gar nichts, nicht das Geringste! Was hatte er damit zu tun, dass sie verlobt war? Er empfand nichts für sie. Ja, er mochte Lexi nicht einmal.

Sie war ein verwöhntes kleines Biest, das sich immer und überall Aufmerksamkeit verschaffen musste. War doch ganz witzig, sich einen Burschen aus dem Busch ins Bett zu holen, dann hatte sie etwas zu kichern mit ihren Freundinnen aus der sogenannten feinen Gesellschaft, die genauso hohl und oberflächlich waren wie sie. Da konnte man dem armen Kerl, der so blöd war, sie zu heiraten, nur Glück wünschen!

Lexi blickte erwartungsvoll auf. „Deine Nummer?“

Widerwillig ratterte er sie mit monotoner Stimme herunter. Vor fünf Jahren hatte er sich eine neue Handynummer zugelegt, um alle Brücken hinter sich abzubrechen. Weil er nicht wollte, dass Lexi ihn anrief oder ihm SMS schickte. Er wollte nicht ihre weiche verführerische Stimme im Ohr haben. Er hatte Jahre gebraucht, um den Klang zu vergessen.

Verlobt.

Sam fragte sich, wie ihr Verlobter war. Nein, im Grunde musste er es nicht wissen. Wahrscheinlich ein verzogenes Jüngelchen, das in seinem ganzen Leben noch keinen Tag gearbeitet hatte.

Lexi ist verlobt. Verlobt!

Wie ein hämisches Spottlied geisterten die Worte durch seinen Kopf, ließen ihn nicht los.

„Willst du meine auch?“ Sie strich sich wieder eine vorwitzige platinblonde Strähne zurück, die auf ihren von Lipgloss glänzenden Lippen hängen geblieben war. Erdbeergeschmack, vermutete Sam. In fünf Jahren hatte er keine einzige Erdbeere essen können, ohne sich daran zu erinnern, wie Lexis Lippen schmeckten.

Er blinzelte. „Deine … was?“

„Meine Nummer. Falls du mich wegen der Reparatur anrufen möchtest.“

Sam schluckte den walnussgroßen Kloß in seiner Kehle hinunter. „Dein Wagen hat nichts abbekommen.“

Sie sah ihn einen Moment stumm an und ließ ihr Handy in die Handtasche fallen. „Stimmt“, sagte sie schnippisch. „Scheint aus besserem Material zu sein.“

Wie magnetisch angezogen glitt sein Blick wieder zu ihrem Ring. Er wollte ihn nicht ansehen, wollte nicht daran denken, dass sie Heiratspläne hatte. Wollte sich nicht vorstellen, wie sie mit diesem anderen Mann im Bett lag, ihre schlanken Arme um ihn schlang und ihren süßen Mund leidenschaftlich auf seinen presste.

„Du bist verlobt.“

„Ja.“

Erst als sie antwortete, wurde ihm klar, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Meinen Glückwunsch.“

„Danke.“

Wieder der Blick zum Ring. Er sah teuer aus. Passte zu ihr, als würde sie ihn schon länger tragen.

Sam zwang sich, Lexi in die Augen zu sehen. Zwang sich, lässig zu fragen: „Und? Wann ist die Hochzeit?“

„Im November. Wir haben die Kathedrale für den zehnten gebucht.“

Stille. Die dunklen Ecken der Tiefgarage schienen näherzurücken.

Sam hörte, wie ihre spitzen Absätze auf dem Zementboden schabten, als Lexi einen Schritt zurücktrat. „Dann will ich dich nicht länger aufhalten“, sagte sie. „Ist ja nicht gut, am ersten Arbeitstag zu spät zu kommen.“

„Nein.“ Er rührte sich nicht. „War nett, dich wiederzusehen, Alexis“, fügte er schließlich hinzu.

Statt einer Antwort lächelte sie verhalten und ging zum Lift. Das Klicken ihrer High Heels hallte in Sams Ohren wider und erfüllte ihn mit unsagbarem Bedauern.

2. KAPITEL

Ihr Herz hatte sich immer noch nicht beruhigt, als Lexi die Station betrat.

Sam ist wieder da.

Bebend holte sie tief Luft. Sie durfte sich nichts anmerken lassen. Sie musste so tun, als wäre nichts passiert.

Sam ist wieder da.

„Hi, Lexi!“, rief ihr eine der Schwestern zu. „Ich habe mir gerade Karten für den Ball gekauft. Bin schon ganz aufgeregt. Sie sollten die Maske sehen, die ich mir im Internet bestellt habe. Traumhaft, sage ich Ihnen!“

Lexi rang sich ein Lächeln ab. „Toll.“

Sie sollte sich auf den Ball konzentrieren, nicht auf Sam Bailey. Es war das Event des Jahres, und sie war ganz allein dafür verantwortlich. Lexi wusste, dass einige hier am Sydney Harbour Hospital sich skeptisch geäußert hatten, ob sie der Aufgabe überhaupt gewachsen war. Aber das trieb sie nur noch mehr an. Sie würde es allen zeigen.

Von dem Erlös sollte eine hochmoderne Herz-Lungen-Maschine für Organtransplantationen angeschafft werden. Staatliche Zuschüsse reichten nie aus. Deshalb war Lexi wild entschlossen, zusammen mit ihrem Team einen ordentlichen Batzen Geld einzuwerben, der den Patienten des Harbour zugutekam.

Ihre ältere Schwester Bella gehörte zu diesen Patienten.

Lexi stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. „Hi, Bells!“

„Oh, hi …“, sagte Bella matt.

Lexi sah ihr an, dass sie gerade die Übungen mit der Physiotherapeutin hinter sich hatte. Bella war noch blasser und schwächer als sonst, ihr dünner, zerbrechlich wirkender Körper nur Haut und Knochen. Jedes Mal, wenn Lexi sie anblickte, wurde sie von Schuldgefühlen geplagt. Weil sie kräftig und gesund war, offen auf Menschen zuging und ein robustes Selbstvertrauen hatte … jedenfalls an der Oberfläche.

Alles, was Bella tat, war mit unendlichen Mühen verbunden, während Lexi für alles, was sie anfing, ein natürliches Talent zu haben schien. Es machte die Beziehung zwischen ihnen schwierig, und Lexi hätte viel dafür gegeben, das zu ändern. Als Kind hatte sie ihre Begabungen sogar heruntergespielt, damit Bella nicht litt. Sie gab die geliebten Ballettstunden auf, als sie merkte, wie frustriert ihre Schwester war, weil sie kaum laufen, geschweige denn tanzen konnte. Ihre Klavierstunden hatten ähnlich geendet, weil Bella nicht mithalten konnte.

Aber es waren nicht nur Schuldgefühle, die Lexi in Gegenwart ihrer Schwester befielen. Schlimmer war noch die Angst. Lähmende, Übelkeit erregende Angst, dass Bella eines nicht allzu fernen Tages nicht mehr da sein würde …

Die Familie Lockheart lebte seit sechsundzwanzig Jahren mit dieser Angst. Wie ein schwarzer Schatten, der ständig über ihnen schwebte, schien der Todesengel geduldig auf seine Zeit zu warten. Auf den einen Moment, wenn Bella sich von einem ihrer vielen lebensbedrohlichen Anfälle nicht mehr erholte.

Jeder wusste, dass Bella keine dreißig werden würde, wenn sie nicht bald eine neue Lunge bekam. Das Problem war, sie bei Kräften zu halten, bis ein Spender gefunden wurde. Sonst überstand sie die schwere Operation nicht.

Und dann die Warteliste – ellenlang, voller Namen, hinter denen sich ein ähnliches Schicksal verbarg. Lexi kam es vor wie eine grausame Lotterie um Leben und Tod. Selbst wenn für Bella eine gesunde Lunge zur Verfügung stand, bedeutete es, dass in einer anderen Familie um einen geliebten Menschen getrauert wurde.

Das Leben kann so erbarmungslos sein, dachte Lexi, während sie ein fröhliches Gesicht für Bella aufsetzte. „Ich habe eine Überraschung für dich“, verkündete sie.

In Bellas traurigen grauen Augen leuchtete flüchtig ein hoffnungsfroher Ausdruck auf. „Die neue Liebeskomödie, von der alle reden?“

Lexi warf einen Blick auf den DVD-Player an ihrem Bett. Bella liebte romantische Filme, je sentimentaler umso besser. Im Regal hinter der Wiederbelebungsausrüstung standen Dutzende DVDs, die ihre Schwester unzählige Male gesehen hatte.

„Nein, die kommt erst nächsten Monat auf den Markt“, antwortete Lexi und stellte die edle Einkaufstüte einer Designerboutique aufs Bett. „Hier, bitte schön. Mach’s auf.“

Bella öffnete die Tasche und nahm vorsichtig das in Seidenpapier eingeschlagene Päckchen heraus. Mit ihren dünnen Fingern löste sie langsam den silbernen Aufkleber mit dem Logo der Boutique, der das Papier zusammenhielt. Lexi bezähmte ihre Ungeduld nur mit Mühe. Sie an Bellas Stelle hätte die seidigen Lagen in Windeseile aufgerissen, um zu sehen, was sich darunter befand.

„Na, wie findest du es?“, fragte Lexi gespannt, als das rote Spitzen-Negligé zum Vorschein kam.

Bellas Wangen nahmen fast die gleiche Farbe an. „Danke, Lexi, das ist wirklich lieb von dir, aber …“

„Du trägst immer diese langweiligen Flanellnachthemden. Gönn dir etwas Weibliches, Bells, du wirst sehen, wie gut das tut.“

„Dir steht das besser, Lexi. Du siehst in allem toll aus, selbst in einem Müllsack. Aber ich mache mich nur lächerlich, wenn ich so etwas anziehe.“

„Woher weißt du das? Du könntest auch klasse aussehen, aber du versteckst dich in diesen Großmutterklamotten, als wolltest du, dass dich niemand bemerkt.“

„Meinst du nicht, dass ich schon genug Aufmerksamkeit bekomme?“, erwiderte Bella ungewohnt hitzig. „Untersuchungen, Spritzen, Infusionen, Massagen, Übungen … ständig sind irgendwelche Leute mit mir beschäftigt. Du hast draußen dein Leben. Du musst nicht hier liegen und sehen, wie die Zeit verrinnt. Die Zeit, die mir einen Tag meines Lebens nach dem anderen nimmt, ohne dass ich leben kann!“

Angespanntes Schweigen breitete sich aus, gestört nur vom Geräusch der Kreppsohlen, als eine Schwester draußen im Flur vorbeieilte.

Lexi ließ die Schultern sinken. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Ich dachte, ich könnte dich ein bisschen aufmuntern.“ Sie griff nach dem duftigen Stoff, der auf Bellas Schoß lag.

„Nein, lass nur.“ Bella legte ihre schmale Hand auf Lexis und seufzte schwer. „Das war süß von dir. Ich behalte es für später, wenn es mir besser geht.“

Falls es mir besser geht. Unausgesprochen hingen die Worte wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Lexi zwang sich zu einem Lächeln. „Eigentlich habe ich es nur gekauft, weil sie dieses unwiderstehliche Angebot hatten: Nimm zwei, zahl eins“, sagte sie betont munter. „Du solltest das Teil sehen, das ich mir geleistet habe.“

„Welche Farbe?“

„Schwarz mit pinkfarbenen Satinbändern.“

„Für deine Hochzeitsnacht?“

Sie wich ihrem Blick aus. „Ich weiß nicht … vielleicht …“

„Hast du schon von Matthew gehört?“, wollte Bella wissen.

„Vor zwei Tagen habe ich eine Mail von ihm bekommen. Er hat selten Internetanschluss. Sein Team baut in einem abgelegenen Dorf in Nigeria eine Schule.“

„Ich finde es bewundernswert, dass er sich als Freiwilliger gemeldet hat. Er hätte auch zu Hause im Familienunternehmen bleiben können.“

„Das kann er immer noch, wenn das Projekt der Hilfsorganisation abgeschlossen ist.“

„Es ist toll, dass ihr euch beide so für andere einsetzt.“

„Ja …“ Lexi wühlte in einer anderen Tasche. „Bevor ich es vergesse …“ Sie förderte einen Stapel Hochglanzmagazine zutage, breitete sie fächerförmig auf dem Bett aus und tippte auf das oberste. „In dem hier solltest du dir Seite dreiundsechzig ansehen. Da ist ein Kleid abgebildet, genau wie das, was du letzte Woche gezeichnet hast. Aber deins ist besser, wenn du mich fragst.“

„Danke.“ Bella lächelte schüchtern.

Energische Schritte bewegten sich auf das Zimmer zu.

„Ich wette, das ist dein Arzt.“ Lexi erhob sich vom Bett. „Ich verdufte lieber.“

„Nein, bitte, bleib noch.“ Hastig griff Bella nach ihrer Hand. „Das ist bestimmt der Chirurg. Du weißt doch, wie unsicher ich bin, wenn ich Leute das erste Mal sehe. Bleib bei mir, ja?“

Es klopfte, und eine Krankenschwester trat ein, gefolgt von einem großen, breitschultrigen Mann.

Lexi wurde flau, und ihr Herz geriet aus dem Takt. Das durfte doch nicht wahr sein! Ausgerechnet Sam war der für Bella verantwortliche Arzt? Sie hatte immer gedacht, dass er sich auf Nierentransplantationen spezialisiert hatte. Nie im Leben hätte sie ihn hier erwartet.

Jetzt wurde es noch schwieriger, ihm aus dem Weg zu gehen. Visiten, Besprechungen, Nachuntersuchungen – jedes Mal würde sie ihm gegenübersitzen, weil meistens sie diejenige war, die ihre Schwester zu den Terminen begleitete.

„Bella“, begann die Schwester überschwänglich. „Darf ich Ihnen Dr. Sam Bailey vorstellen, den Herz-Lungen-Chirurgen, den wir sozusagen frisch aus den USA übernommen haben? Wir können uns glücklich schätzen, dass ein Spezialist seines Kalibers bei uns arbeitet. Und Sie sind seine erste Patientin hier am Harbour. Dr. Bailey, das ist Bella Lockheart.“

„Hallo, Bella“, sagte er und streckte ihr die Hand hin. „Wie geht es Ihnen?“

Bella wurde rot wie ein Schulmädchen, als sie leise antwortete: „Danke, gut.“

„Und dies ist Lexi Lockheart“, fuhr die Schwester mit einem breiten Lächeln fort, während sie sich zu ihr umdrehte. „Sie werden ihr hier oft über den Weg laufen, sie sammelt unermüdlich Spenden für unser Krankenhaus. Da rückt sie Ihnen sicher auch auf die Pelle.“

Wachsam blickte Lexi ihn an. Wie würde Sam reagieren? Sie wie eine Fremde begrüßen, der er zum ersten Mal begegnete? Sicher wollte er nicht schon am ersten Tag die Gerüchteküche anheizen, indem er erkennen ließ, dass sie sich von früher kannten. Spekulationen über das, was zwischen ihnen gewesen war, konnten seinem Ruf schaden.

Er hielt ihr seine große, kräftige Hand hin. Dieselbe Hand, die ihre Wange berührt hatte, bevor Sam sie auf den Mund küsste. Dieselbe Hand, die ihre Brüste liebkost hatte. Dieselbe Hand, die zwischen ihre Beine geglitten war und Lexi ihren ersten, Himmel und Erde erschütternden Orgasmus geschenkt hatte. Lexi erwiderte den festen Händedruck, während sie das elektrisierende Kribbeln zu ignorieren versuchte, das ihr den Arm bis zur Achselhöhle hinaufschoss.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er mit seiner tiefen Baritonstimme.

Fremde also. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Bailey“, entgegnete sie höflich. „Ich hoffe, Sie leben sich hier gut ein.“

„Danke, das werde ich.“ Er klang genauso zurückhaltend wie sie, aber sein Blick hielt ihren gefangen, auf eine intime Art, die ein sinnliches Summen in ihrem Bauch auslöste.

Sie entzog ihm ihre Hand und trat zurück, damit er mit Bella sprechen konnte.

„Ich habe mir Ihre Krankengeschichte genau angesehen, Bella“, begann er freundlich. „Vor allem Ihre Lungenfunktion in den letzten Jahren. Sie wissen sicher selbst, dass sie sich signifikant verschlechtert hat?“

Ein sorgenvoller Ausdruck überschattete Bellas graue Augen. „Ja, ich musste öfter ins Krankenhaus wegen der Brustentzündungen, und jedes Mal dauerte es länger, bis ich mich einigermaßen erholt habe. Ich bin schon drei Wochen hier, erst jetzt wird es langsam besser.“

Sam nickte verständnisvoll. „Das letzte CT zeigt, wie vernarbt Ihre Lungen inzwischen sind. Da ist es kein Wunder, dass Sie bei der geringsten Anstrengung in Atemnot geraten.“

Bella biss sich auf die Lippe, blickte dann zögernd auf. „Geht es … zu Ende? Wie viel Zeit bleibt mir noch?“

Er legte seine große Hand auf ihre schmale Schulter und drückte sie sanft. „Wir haben das Stadium erreicht, in dem wir für Sie innerhalb der nächsten zwei Monate eine Spenderlunge brauchen. Ich habe die aktive Suche bereits in die Wege geleitet. Ein Spender kann morgen, in einer Woche oder auch erst in zwei Monaten gefunden werden. Danach, fürchte ich, wird es schwierig, Sie so bei Kräften zu halten, dass Sie den Eingriff überstehen.“

Beklommen hörte Lexi zu. Ihre Ängste verknoteten sich zu einem harten Klumpen im Magen. Bellas Leben hing von so vielen Faktoren ab, die niemand kontrollieren konnte. Die Ungewissheit war kaum zu ertragen.

Ähnliche Gedanken schienen auch Bella zu bewegen. „Wie stehen meine Chancen, diese Operation zu überleben?“

„Mit der modernen Antirejektionstherapie besteht zu mindestens fünfundachtzig Prozent die Möglichkeit, dass Sie sie gut verkraften und die nächsten zehn Jahre relativ unbelastet leben können. Für die Zeit danach existieren noch keine zuverlässigen Erkenntnisse, aber die Erwartungen sind hoch, dass man die Abstoßungsreaktionen zunehmend besser in den Griff bekommt. Für Sie bedeutet das, dass Sie ein ziemlich normales Leben führen werden.“

„Sie sind in guten Händen, Bella.“ Die Krankenschwester lächelte aufmunternd. „Dr. Bailey gehört weltweit zu den führenden Chirurgen auf dem Gebiet der Herz-Lungen-Transplantationen.“

Sam nahm das Lob mit einem flüchtigen Lächeln hin, so als wäre es ihm unangenehm. „Ich halte Sie auf dem Laufenden, Bella“, sagte er dann. „Sie bleiben hier bei uns, bis es Ihnen besser geht. Finden wir ein Spenderorgan und sind Sie entsprechend fit, verlegen wir Sie gleich in die Transplantationsabteilung. Wenn nicht, dürfen Sie so lange nach Hause, bis wir etwas für Sie haben.“

„Vielen Dank für alles, Dr. Bailey.“ Sie errötete wieder. „Ich bin wirklich froh, dass Sie meinen Fall übernommen haben.“

Sam lächelte ermutigend. „Haben Sie Geduld, Bella. Wir tun alles, damit Sie wieder gesund werden. Und Sie können sich und uns helfen, indem Sie sich nicht zu viele Sorgen machen. Sie schaffen das.“

Mit ausdrucksloser Miene nickte er Lexi kurz zu und verschwand dann mit der Krankenschwester, um seine Visite fortzusetzen.

Dass sie den Atem angehalten hatte, merkte Lexi erst, als ihre Schwester sie prüfend ansah. „Was ist los?“, fragte Bella. „Du bist doch sonst nicht so still, wenn ein attraktiver Mann im Zimmer ist.“

Ihre Wangen wurden warm. „So attraktiv ist er nun auch wieder nicht.“

Bella zog die feinen Brauen hoch. „Nicht? Ich dachte, du stehst auf muskulöse Männer mit dunklen Augen.“

„Er hat zu kurze Haare.“

„Vielleicht, weil es praktischer ist. Er steht oft stundenlang im OP. Wenn sie länger wären, würde er unter der Kappe schwitzen.“

Übertrieben sorgfältig faltete Lexi das rosa Seidenpapier zu einem ordentlichen Viereck.

„Er hat tolle Augen, findest du nicht?“

„Ist mir nicht aufgefallen.“

„Lügnerin. Ich habe doch gesehen, wie du rot geworden bist. Das kenne ich gar nicht bei dir. So etwas ist eher meine Spezialität.“

„Es ist eben ziemlich warm hier drin.“ Sie fächelte sich mit dem Seidenpäckchen Luft zu. „Wie hältst du das nur aus?“

„Hast du auf seine Hände geachtet?“

„Nein …“, schwindelte sie. Dabei erinnerte sie sich nur zu gut, wie sie sich auf ihrem Körper angefühlt hatten. An die glutvollen Hitzeschauer, die sich zu einem brennenden Verlangen entzündeten, bis Lexi sich unter diesen geschickten, verführerischen Händen wand. Hände, die ihre Sinne vom ersten Moment an beherrscht hatten, als Sam sie berührte …

„Er trägt keinen Ehering“, sagte Bella.

„Das muss nichts heißen.“ Der Gedanke, dass er mit jemandem zusammen war, verstärkte den Druck auf ihrer Brust. Wie mochte sie aussehen? Blond, so wie sie? Oder brünett? Ein Rotschopf wie Bella? Ob sie auch Ärztin war? Krankenschwester? Vielleicht Lehrerin oder Anwältin? „Dad hat eine neue Freundin“, versuchte sie das Thema zu wechseln.

„Ja, Evie hat’s mir erzählt.“

„Ich kenne sie noch nicht.“

„Warum macht er sich überhaupt die Mühe, sie uns vorzustellen? Bisher ist keine lange genug geblieben, dass wir sie richtig kennenlernen konnten.“

„Lass ihn, es ist sein Leben“, antwortete Lexi. „Mum wird wohl kaum zu ihm zurückkommen und glückliche Familie spielen.“

„Du nimmst ihn immer in Schutz. Man darf ihn nie kritisieren.“

„Bella …“ Ihr Vater war seit jeher Reizthema zwischen ihnen gewesen. Lexi suchte nach Worten, um die Harmonie nicht zu gefährden. „Ich weiß, er ist nicht vollkommen, aber er ist unser Vater, das Einzige, was wir an Eltern haben. Mum zählt nicht.“

„Vielleicht hat sie es nicht mehr ertragen, dass er dauernd fremdgegangen ist. Vielleicht lag es nicht nur daran, dass ich ständig krank war. Wenn er sie mehr beachtet, sich mehr um sie gekümmert hätte, dann wäre sie vielleicht nicht gegangen.“

Lexi wusste, dass Bella sehr unter der Trennung der Eltern litt und ihrer Krankheit einen Großteil der Schuld daran gab. Also letztendlich sich selbst. Natürlich war es für alle in der Familie nicht leicht gewesen, aber ihre Mutter hatte sich als Erste aus dem Staub gemacht – und den Inhalt des Barschranks gleich mitgenommen. Miranda Lockheart flatterte durch das Leben ihrer Töchter wie ein Schmetterling, unstet und nie zu erreichen.

Aber ihrem Vater die Schuld daran zu geben? Das hatte Lexi noch nie gekonnt. Er war immer für sie da gewesen. Er gab ihr Halt, zu ihm schaute sie auf, und seine Anerkennung war ihr wichtiger als die von jedem anderen, mit dem sie zu tun hatte.

„Dad hat sein Bestes gegeben“, erklärte sie. „Er kann nicht Vater und Mutter gleichzeitig sein.“

Bella seufzte. „Eines Tages wirst du merken, dass er noch andere Seiten hat. Und die werden dir gar nicht gefallen.“

Achselzuckend wechselte Lexi wieder das Thema. „Hat dich sonst jemand besucht?“

„Sie rufen an oder schicken mir eine SMS“, antwortete sie resigniert. „Nach einer Woche wird es den Leuten zu langweilig, im Krankenhaus herumzuhocken. Das ist immer so.“

Sofort bekam Lexi ein schlechtes Gewissen. „Tut mir leid, dass ich es gestern nicht geschafft habe“, sagte sie. „Matthews Mutter wollte mit mir die Hochzeitstorte aussuchen und über die Tischdeko sprechen. Matthew möchte etwas Traditionelles, aber ich dachte, wir könnten …“

Bella schien nicht zugehört zu haben. „Sam …“, meinte sie nachdenklich. „Sam. Ich frage mich die ganze Zeit, warum mir der Name so bekannt vorkommt.“

Lexi sackte der Magen in die Zehenspitzen. „Sam ist ein Allerweltsname.“

„Ich weiß, aber trotzdem …“ Feine Falten erschienen auf Bellas blasser Stirn. „Bailey. Sam Bailey. Bailey.“

Lexi schloss die Augen. Bitte nicht.

„Ach, du Schande.“

Als Lexi aufsah, starrte ihre Schwester sie mit großen runden Augen an.

„Er ist es, stimmt’s? Mein Arzt ist der Sam Bailey, mit dem du diese kleine Affäre hattest. Oh, ich weiß noch, wie Dad ausgerastet ist. Ach … du … Schande!“

„Nicht so laut!“, zischte Lexi.

„Früher oder später finden sie es sowieso heraus. Was glaubst du, wie hier getratscht wird? Manche Leute haben ein Elefantengedächtnis, und alle lieben pikante Neuigkeiten. Du solltest es Matthew erzählen. Er hört bestimmt nicht so gern von anderen, dass aus heiterem Himmel dein Exlover aufgetaucht ist.“

Die Arme dicht am Körper verschränkt, trat Lexi ans Fenster. Schwarz wie verschüttete Tinte breitete sich der Schmerz in ihr aus, den sie nie ganz verdrängen konnte. Niemand weiß von dem Baby, dachte sie. Niemand. Zumindest das Geheimnis war sicher.

Doch alles andere würde schnell ans Licht kommen. Lexi stellte sich bildhaft vor, wie sie sich die Mäuler zerrissen, wie sie sie brandmarkten als schamlose Lolita …

„Lexi?“

Sie holte unhörbar Luft und wandte sich ihrer Schwester zu. „Es ist fünf Jahre her. Hoffen wir, dass sich niemand mehr daran erinnert.“

Bella sah sie skeptisch an. „Sag es ihm trotzdem.“

„Sicher.“ Lexi bekam feuchte Hände. „Ich werde ihm erzählen, dass es eine flüchtige, belanglose Sache war.“

„War es gerade das erste Mal, dass du Sam seit damals wiedergesehen hast?“

„Nein, ich bin ihm vorhin unten in der Mitarbeitergarage begegnet.“ Abwesend fuhr sie sich durchs Haar. „Das war die Strafe dafür, dass ich unerlaubt da geparkt habe. Mache ich nie wieder.“

„Du warst nicht gerade begeistert, ihn zu sehen, oder?“, fragte Bella besorgt.

„Es ist nie leicht, unverhofft einem Verflossenen über den Weg zu laufen“, gab Lexi sich betont lässig. „Nicht jede Beziehung endet damit, dass man beste Freunde bleibt.“

„Davon verstehe ich natürlich nichts …“ Ihre Schwester zupfte an ihrer Bettdecke.

Seufzend nahm Lexi Bellas blasse, kühle Hand in ihre. „Du bist so unbeschreiblich tapfer, weißt du das? Ich an deiner Stelle würde durchdrehen vor Angst.“

„Aber ich habe Angst, Lexi. Ich will leben, so wie du. Ich möchte eines Tages heiraten und Babys haben.“

Wieder verspürte Lexi diese lähmende Traurigkeit. Unter anderen Umständen hätte ich mein Baby behalten können. Matthew wünschte sich Kinder, so bald wie möglich. Seine Eltern konnten es kaum erwarten, Großeltern zu werden. Warum sträubte sich dann alles in ihr, wenn sie nur daran dachte? Und es war nicht das einzige Thema, das ihre Beziehung belastete.

Vor allem in den letzten Monaten hatte sie immer seltener Lust, mit Matthew zu schlafen. Bestimmt hatte das bei seinem Entschluss, für eine Zeit lang ins Ausland zu gehen, auch eine Rolle gespielt. Bei einer Trennung auf Zeit erhoffte er sich bei seiner Rückkehr wieder mehr Leidenschaft. Lexi brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass es nicht funktionierte. Sie vermisste ihn sehr, aber nicht so, wie er es sich wünschte.

„Ich werde das einzige Lockheart-Mädchen sein, das kinderlos und einsam sein Dasein fristet“, klagte Bella weiter.

„Wieso, hat Evie jemanden?“ Es versetzte ihr einen Stich, dass ihre ältere Schwester ihr nichts gesagt hatte. „Wann war die Trennung von Stuart … vor zwei Jahren? Ich dachte, seitdem macht sie einen Bogen um Männer.“

„Ein paar Schwestern haben über Evie geredet – und Finn Kennedy.“

Lexi lachte hell auf. „Finn Kennedy? Bist du verrückt? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, nicht für Evie. So mürrisch und grantig, wie der ist. Ich glaube, ich habe ihn noch nie lächeln sehen.“

„Zu Patienten ist er wirklich nett“, verteidigte Bella ihn. „Mich hat er schon ganz oft angelächelt.“

„Wenn du mich fragst, ich finde, Finn Kennedy hat ein Problem. Ein gewaltiges. Hoffentlich weiß Evie, was sie tut. Das Letzte, was wir in unserer Familie gebrauchen können, ist noch ein schwieriger Charakter.“

Bedrückende Stille.

„War Mum schon bei dir?“, fragte Lexi dann.

Bellas Schultern sanken noch ein wenig tiefer, als sie den Kopf schüttelte. „Du weißt ja, wie sie ist …“

Lexi drückte ihr wieder die Hand. „Ich wünschte, ich könnte mit dir tauschen, Bells“, sagte sie ernsthaft. „Ich ertrage es nicht, wenn du leidest … und ich will dich nicht verlieren.“

Ein zitterndes Lächeln breitete sich auf dem schmalen Gesicht aus. „Das liegt jetzt in Sam Baileys Hand, nicht wahr?“

3. KAPITEL

Eine Woche später stieß Lexi wieder auf Sam – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie kam aus der Cafeteria, in einer Hand einen Latte, in der anderen ihr Handy. Mit dem Tippen einer SMS beschäftigt, machte sie plötzlich unsanfte Bekanntschaft mit einer breiten Männerbrust.

Der Deckel ihres Bechers hielt dem Zusammenprall nicht stand, und ein Schwall Milchkaffee ergoss sich auf Sams blütenweißes Hemd.

Sam fluchte.

Lexi sah entsetzt auf. „Ups, entschuldige“, sagte sie hastig. „Ich habe dich nicht gesehen. Ich war … beschäftigt.“

Er hielt das nasse Hemd von seiner Brust ab. „Dies ist ein Krankenhaus und keine Kontaktbörse.“

Das ließ sie sich nicht gefallen. „Wenn du aufgepasst hättest, wo du hintrittst, wärst du mir ausgewichen.“

„Du hättest mich verbrühen können.“

„Habe ich?“

„Nein, aber darum geht es nicht.“

„Doch. Es ist nichts passiert außer ein paar Flecken auf deinem Hemd. Und das bringe ich wieder in Ordnung.“

Sam musterte sie spöttisch. „Du meinst, du übergibst es einem der Lockheart-Lakaien, der es für dich wäscht und bügelt?“

Lexi hätte ihm am liebsten eine runtergehauen. Und sie ärgerte sich, dass sie ausgerechnet heute Ballerinas trug. Sam überragte sie, was sie in dieser Situation nicht gerade als Vorteil empfand. Sein kantiges, von einem leichten Bartschatten bedecktes Kinn beherrschte ihr Blickfeld, und um ihm in die Augen zu sehen, musste sie den Kopf in den Nacken legen. „Ich sorge dafür, dass du dein Hemd tadellos sauber zurückbekommst.“

„Soll ich es hier vor allen Leuten ausziehen?“, meinte er trocken.

„Du kannst es mir auch später geben. Wann hast du heute Dienstschluss?“

Er fuhr sich durchs Haar. „Ach, lassen wir das. Ich habe meinen eigenen Wäscheservice.“

„Nein, ich bestehe darauf. Ich habe nicht aufgepasst.“

„Sicher hast du Besseres zu tun, als mein Hemd zu waschen.“

„Zum Beispiel mir die Fingernägel zu lackieren?“ Sie warf ihm einen kecken Blick zu.

Seine Mundwinkel zuckten. „Okay, ein Punkt für dich. Ich hatte keine Ahnung, dass du beim Fundraising für unsere Abteilung so aktiv bist.“

„Ich bin die Herrin der Spendengelder, habe ich dir doch gesagt.“

„Ja, schon, aber mir war nicht klar, dass du im letzten Jahr über eine halbe Million eingeworben hast.“

„Ende des Jahres will ich die Summe verdoppelt haben“, sagte Lexi. „Wenn du für einen guten Zweck Geld loswerden willst, tu dir keinen Zwang an. Ich gebe dir die Adresse unserer Webseite. Du kannst online spenden. Alle Zuwendungen von mehr als zwei Dollar sind steuerlich absetzbar.“

Sam verstand jetzt, warum man sie für diesen Job eingestellt hatte. Wer konnte ihrem Charme schon widerstehen? Auch heute sah sie wieder hinreißend aus und duftete betörend wie immer. Lexi trug eine graue Hose, dazu ein eng anliegendes Top, das ihre schönen Brüste umschmiegte, und darüber eine locker fallende weiße Bluse. Ihre langen Ohrringe fingen das Licht ein und erinnerten Sam an das Glitzern der Morgensonne auf dem Meer.

Lexi hatte etwas Strahlendes an sich, das ihn schon damals angezogen hatte. Er, der zurückhaltend und wachsam auf Menschen zuging, war fasziniert gewesen von ihrer lebhaften, lebenslustigen Art. Bei ihrer ersten Begegnung auf einem Wohltätigkeitsdinner des Krankenhauses hatte Lexi hemmungslos mit ihm geflirtet. Sam wusste nicht, wer sie war, und noch heute fragte er sich manchmal, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn er geahnt hätte, dass sie Richard Lockhearts Jüngste war. Er konnte es nicht sagen.

Sie war eben einfach unwiderstehlich gewesen.

Er hatte sich verführen lassen von ihrem Charme, ihrem blendenden Aussehen und der selbstsicheren Unbeschwertheit, mit der sie in jeder Lebenslage auftrat. Zwei stürmische, leidenschaftliche Wochen lang verlor er seine Ziele aus dem Blick, weil er nur an eins denken konnte: mit Lexi zusammen zu sein.

Die Wahrheit war umso niederschmetternder. Als er herausfand, dass das reiche Töchterlein ihn nur benutzt hatte, zog er sich wieder in sein Schneckenhaus zurück. Natürlich ging er mit Frauen aus, hatte Affären, aber für eine echte Beziehung fehlte ihm das Vertrauen. Viele seiner Freunde hatten inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet, doch Sam hatte nicht vor, es ihnen nachzutun. Außerdem wollte er nicht enden wie sein Vater, der seine Frau so sehr geliebt hatte, dass er ohne sie kaum lebensfähig war.

Sein Blick glitt zu Lexis funkelndem Verlobungsring. Sam stellte sich vor, wie sie an der Seite eines namen- und gesichtslosen Mannes zum Altar schritt, strahlend schön und überglücklich, weil sie ihre große Liebe heiraten würde.

Sam gab sich mental einen Stoß. „Ich werde meine Sekretärin bitten, eine Spende in meinem Namen anzuweisen“, sagte er. „Entschuldige mich jetzt bitte …“ Mit der Schulter deutete er zur Feuertreppe.

„Es gibt hier Fahrstühle, weißt du das?“

„Ja, aber ich bewege mich lieber.“

Sie blickte zum Lift, dann zu Sam, der die Notausgang-Tür offen hielt. Schließlich lächelte sie achselzuckend und zwängte sich an ihm vorbei zur Treppe.

Es durchzuckte ihn heiß, als ihre schmale Hüfte seinen Oberschenkel streifte. Bestimmt war es unabsichtlich geschehen, denn viel Platz boten die schmalen Stufen nicht. Lexi eilte vor ihm hinauf, was nicht gerade den Gentleman in ihm weckte. Sam genoss den Anblick, den ihr runder kleiner Po und die endlos langen Beine ihm boten. Erotische Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf: Lexi, wie sie sich an ihn drängte, im Rausch der Leidenschaft die Beine um ihn schlang … Seidiges platinblondes Haar, das sich auf seinem Kopfkissen ausbreitete …

In der letzten Woche hatte er nachts oft wach gelegen. Jeder Moment, den er mit Lexi verbracht hatte, war ihm durch den Kopf gegangen. Wie jene Sekunde, als ihre Blicke sich zum ersten Mal trafen. Sam sah in leuchtende blaue Augen und war wie verzaubert. Als sie zu ihm herüberkam, wusste er kaum, was er sagen sollte. Aber anscheinend hatte er den richtigen Ton getroffen. Er erinnerte sich noch heute daran, wie ihr glockenhelles Lachen ein sinnliches Prickeln auf seiner Haut geweckt hatte.

Sie brachen zusammen auf und verließen in den nächsten zwei Wochen kaum seine kleine Wohnung. Zum ersten Mal seit Beginn seines Medizinstudiums vernachlässigte er seine Studien. Die dicken Chirurgie-Fachbücher auf dem Schreibtisch gegenüber dem Bett schienen ihn anklagend anzustarren.

Aber er ignorierte sie, weil er nur Augen für Lexi hatte. Sie verbrachten heiße, lustvolle Stunden miteinander. Lexi war eine wundervolle Geliebte. Er vermutete, dass sie nicht unerfahren war, gesprochen hatten sie jedoch nicht darüber. Sie hatte wenig von sich preisgegeben, und zu spät begriff er, warum. Wo keine Gefühle existierten, konnte man auch nicht darüber reden. Ihr war es einzig und allein darum gegangen, ihrem Vater eins auszuwischen, und Sam hatte dafür herhalten müssen.

„Warum hast du neulich in Bellas Zimmer so getan, als würden wir uns nicht kennen?“ Unvermittelt blieb Lexi stehen und sah ihn über die Schulter an.

Sam wäre fast mit ihr zusammengestoßen. Er spürte die Wärme ihres schmalen Körpers, und ihr femininer Duft stieg ihm in die Nase. „Ich hielt es für klüger.“

„Wegen deiner Karriere?“

Verwundert blickte er sie an. „Was hat das damit zu tun? Ich war mir nur nicht sicher, ob deine Schwester über uns Bescheid wusste. Ich habe es deinetwegen getan.“

„Beim Dinner war sie nicht dabei, aber sie erinnert sich noch gut daran, wie mein Vater getobt hat, als er das mit uns herausfand.“

Nicht zum ersten Mal nagten leise Zweifel an ihm. Er hatte Lexi nicht mehr gesehen oder gesprochen, nachdem ihr Vater ihm sein Ultimatum gestellt hatte. In den letzten fünf Jahren war er mehr oder weniger davon ausgegangen, dass sie zufrieden in den Schoß der Familie zurückgekehrt war. Sie hatte ihr Ziel erreicht, Daddy widmete ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit.

Aber konnte es nicht auch sein, dass ihr Vater ihm etwas vorgemacht hatte? Lexi schien nicht gewusst zu haben, dass Sam in die USA gegangen war. Warum hatte sie nicht gefragt? Oder hatte ihr Vater ihr wie ein altmodischer Patriarch verboten, seinen Namen auszusprechen? Wäre es vermessen zu hoffen, dass er ihr doch etwas bedeutet hatte? Immerhin besser, als sich wie ein billiger Gigolo zu fühlen, der nur seinen Zweck erfüllt hatte …

„Dein Vater ist für sein aufbrausendes Temperament bekannt“, antwortete er. „Ich hoffe, du hast nicht darunter leiden müssen.“

Ein Schatten glitt über ihr ebenmäßiges Gesicht, so flüchtig, dass Sam nicht wusste, ob er es sich nicht nur eingebildet hatte. „Mit meinem Vater komme ich klar“, sagte sie kühl, warf sich mit einer eleganten Kopfbewegung die Haare zurück und ging weiter.

Sam folgte ihr. „Warum hast du ihn nicht gefragt, wo ich bin?“

Er sah, wie sie den Rücken durchdrückte. Dann drehte sie sich an der Tür um. „Vierter Stock“, verkündete sie wie ein Fahrstuhlführer.

„Warum hast du deinen Vater nicht gefragt, Lexi?“

Eisblaue Augen blickten ihn an, kühl, fast zynisch. „Warum sollte ich? Ein paar Tage später hatte ich einen neuen Freund. Glaubst du, ich habe dir auch nur eine Träne nachgeweint, country boy? Wir hatten Spaß miteinander, aber so viel Spaß nun auch wieder nicht.“

Stumm trat er zu ihr auf den Treppenabsatz. Wieder spürte er die Wärme, die von ihr ausging, stärker noch nach dem zügigen Aufstieg. Lexi war ein wenig außer Atem, er sah es daran, wie sich ihre süßen Brüste unter dem Top hoben und senkten. Er konnte nicht anders, er suchte Lexis Blick, hielt ihn fest, einen Moment nur – und wünschte dann, er hätte es nicht getan. Zu verlockend wurde auf einmal der Gedanke, sie zu küssen. Ahnte sie, was sie mit ihm machte? Er gab sich Mühe, es nicht zu zeigen, aber verdammt, er war auch nur ein Mann und sie eine begehrenswerte Frau!

Sam riss die Tür auf und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, voranzugehen. Diesmal streifte sie ihn nicht, und an seiner Enttäuschung merkte er, dass er sich den Kontakt mit ihrem biegsamen warmen Körper gewünscht hatte. Er wollte sie spüren, sie berühren, sie verwöhnen wie damals. Es ärgerte ihn, dass sie immer noch diese Macht über ihn hatte.

Außerdem war sie verlobt.

Warum kapierte sein Körper das nicht?

„Ist das dein Büro?“, fragte sie, als er vor einer Milchglastür stehen blieb.

„Ja.“ Sam stand da, wartete, dass sie ging.

Sie lugte ihm über die Schulter. „Willst du es mir nicht zeigen?“

„Alexis“, begann er. „Ich glaube nicht, dass …“

„Ich will dein Hemd.“

Ich will deinen Körper. Sam seufzte frustriert. „So kann ich nicht zu meinen Patienten. Ich ziehe mir OP-Kleidung an.“

Lexi folgte ihm ins Vorzimmer, und er fragte sich im Stillen, ob sie mit in sein Büro kommen und ihm beim Umziehen zusehen würde. Aber da setzte sie sich auf einen der Besucherstühle, schlug grazil die schlanken Beine übereinander und griff nach einer Zeitschrift.

Sam trug OP-Kleidung, als er wiederkam. Er reichte Lexi das Hemd, es war noch warm von seinem Körper. Sie widerstand nur schwer dem Wunsch, die Nase in den Stoff zu pressen. Vielleicht war es albern und sentimental, aber sie hatte seinen wundervollen männlichen Duft nie vergessen. Sam hatte kein teures Aftershave benutzt, sondern nur Seife und ein Shampoo aus dem Supermarkt, das sie immer an knackige grüne Äpfel erinnerte. Zusammen mit dem Geruch seiner warmen glatten Haut war es der herrlichste Duft der Welt für sie gewesen.

Sie legte die Zeitschrift hin. „Alles andere mal beiseite … ich möchte dir danken, dass du dich um meine Schwester kümmerst.“

„Keine Ursache“, sagte er mit ausdrucksloser Miene. „Das ist mein Job.“

Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich wie ein Gummiband, bis es zum Zerreißen gespannt war.

Lexi musste ihn ansehen, sie konnte nicht anders. Sie versank in ihrer Betrachtung, sehnte sich danach zu wissen, was hinter seinen dunklen Augen vorging. Was bewegte ihn, wenn er an die gemeinsame Zeit dachte? Dachte er überhaupt daran? Bereute er, dass er ohne ein Wort des Abschieds gegangen war? Warum war er von einem Tag auf den anderen verschwunden?

Sie hatte gedacht, er wäre anders als andere Männer. Tiefgründiger, sensibler, jemand, der sich nicht scheute, Gefühle zu zeigen. Oder war das nur ein Trick gewesen, um sie ins Bett zu bekommen? Wenn ja, dann hatte er damit Erfolg gehabt. Lexi hatte ihm alles gegeben, zumindest körperlich. Emotional war sie auf der Hut gewesen. Sie hatte sich nicht getraut, ihm zu zeigen, wie scheu sie im tiefsten Innern war. Zumal sie wusste, dass das bei Männern nicht gut ankam. Sam war, wie alle anderen, von der selbstbewussten, schillernden Lexi angezogen, die wie ein Paradiesvogel unbekümmert von Party zu Party flatterte und das Leben in vollen Zügen genoss.

Niemand ahnte, dass sie damit ihre Unsicherheit kompensierte. Indem sie immer und überall unter Menschen war, musste sie nicht darüber nachdenken, wie einsam sie sich im Grunde ihres Herzens fühlte. Lexi hatte noch ein bisschen warten und sicher sein wollen, dass ihre Beziehung eine Zukunft hatte, ehe sie ihm ihre Ängste und Zweifel anvertraute. Aber anscheinend hatte Sam nie an eine gemeinsame Zukunft gedacht. Ihm war es einzig und allein um sich selbst gegangen.

„Alexis.“ Ein warnender Unterton schwang in seiner tiefen Stimme mit.

„Bitte nenn mich nicht so. Ich weiß nicht, warum du es tust, aber bitte, lass es sein.“

Er wandte sich ab, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und fuhr den PC hoch. „Ich wusste gar nicht, dass du deinen Namen so sehr verabscheust.“

„Tue ich ja gar nicht. Aber du hast immer nur Lexi zu mir gesagt.“

Sam richtete sich auf und sah ihr direkt in die Augen. „Hör endlich auf damit!“

„Womit?“

„Das weißt du genau.“

„Nein, weiß ich nicht.“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Doch.“

„Meinst du, ich soll dich nicht beachten?“ Sie trat an den Schreibtisch und beugte sich vor. „Dich nicht grüßen oder mit dir reden, wenn wir uns im Flur oder auf der Feuertreppe begegnen?“

„Das mit dem Kaffee war bestimmt Absicht, damit du mich allein erwischst“, stieß er hervor.

Wütend starrte sie ihn an. „Glaubst du allen Ernstes, dass ich einen perfekten doppelten Soja-Latte an dich verschwende?“

Seine Augen nahmen die Farbe von Bitterschokolade an. „Das Hemd hat mich siebzig Dollar gekostet“, knurrte er.

Lexi stemmte die Hände in die Seiten. „Ach ja? Dann nimm dir beim nächsten Shoppingtrip jemanden mit, der Ahnung hat, country boy!“

„Was willst du damit sagen?“

Sie warf die Haare zurück. „Ruf mich an, wenn du einen Stilberater suchst. Ich kenne die richtigen Leute.“

„Soll das heißen, dass ich beim Anziehen Hilfe brauche?“

Nein, aber ich würde dich am liebsten auf der Stelle ausziehen, dachte Lexi. Im nächsten Moment fragte sie sich bestürzt, was in sie gefahren war. Ihr Verlobter arbeitete in einem entlegenen Winkel der Erde, unter primitiven Umständen, wo ihm jeden Tag Gefahren drohten, und was tat sie? Betrog ihn mit begehrlichen Gedanken an einen Mann, den sie schon vor Jahren hätte vergessen sollen.

„Ja“, sagte sie obenhin. „Du musst mehr auf Qualität achten. Kauf dir lieber drei Hemden weniger, aber dafür gute. Dieses Hemd hat keinen Fleckenschutz. Für nur fünfzig Dollar mehr hättest du ein flecken- und knitterresistentes bekommen.“

„Ich fasse es nicht!“ Sam rieb sich den Nacken. „Wie komme ich dazu, überhaupt so eine Unterhaltung zu führen?“

Lexi wandte sich zur Tür. „Du hast dein nicht-fleckengeschütztes, nicht-knitterfreies Hemd bald wieder. Aber gib nicht mir die Schuld, wenn die Flecken nicht rausgehen!“

„Pass auf, dass du dir keinen Fingernagel abbrichst“, murmelte er.

Sie wirbelte herum und war wie der Blitz hinter dem Schreibtisch. Drang in seinen geschützten Raum ein, stand dicht vor ihm. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre blauen Augen sprühten Funken. „Was hast du gesagt?“

Sam blickte auf sie herunter. „Du hast es gehört.“

Lexi stieß mit dem Zeigefinger gegen seine Brust. „Halt mich nur für ein hohlköpfiges Partygirl, das nichts Besseres zu tun hat, als sich die Nägel zu lackieren, bevor es die nächste Fete organisiert. Aber diese Abteilung – deine Abteilung – wäre ohne meine Hilfe nicht in der Lage, auch nur die Hälfte dessen zu leisten, was sie leistet. Vielleicht denkst du das nächste Mal daran, bevor du mich in eine deiner Schubladen steckst!“

Plötzlich war die Distanz zu Sam, die Lexi unbedingt hatte halten wollen, auf ein Nichts zusammengeschrumpft. Sie spürte ein beunruhigendes Prickeln in der Fingerspitze, wie einen unaufhaltsamen Strom von Energie, der zwischen ihnen pulsierte. Es kroch ihren Arm hinauf, erfasste sie am ganzen Körper. Zwischen ihren Schenkeln setzte ein Pochen ein. Ihr wurde warm, im Nacken richteten sich die feinen Härchen auf, und ein sinnlicher Schauer strich über ihren Rücken.

Lexi sah Sam in die Augen, dunkle Tiefen, samtig und sündhaft wie geschmolzene Schokolade, die nur eine Botschaft hatten: Schlaf mit mir, jetzt sofort, und zum Teufel mit den Folgen. Ihr Herz fing wie wild an zu hämmern.

Er spürt es auch.

Die Luft knisterte. Jeder Moment, den sie, zitternd vor Lust, in seinen Armen verbracht hatte, sammelte sich in diesem Zimmer. Jeder zügellose Kuss, jede Berührung mit warmen Lippen und Händen auf ihren Brüsten oder Schenkeln, jede verführerische Liebkosung, die sie mit allen Sinnen ausgekostet hatte.

Jeder berauschende Orgasmus.

Hastig zog sie ihre Hand weg und wich zurück. „Ich … ich muss gehen.“

Lexi war schon fast aus der Tür, als seine Stimme sie zurückhielt. „Hast du nicht etwas vergessen?“

Sie drehte sich um, und ihr Herz flatterte wie ein gefangener Vogel. Spöttisch blickte Sam sie an, an seinem ausgestreckten Zeigefinger baumelte das kaffeebefleckte Hemd. Lexi hatte nicht einmal gemerkt, dass es ihr aus der Hand gefallen war. Die Lippen fest aufeinandergepresst, marschierte sie zu ihm, wollte sich das Hemd schnappen und so schnell wie möglich verschwinden.

Da schoss seine andere Hand vor, packte Lexi am Handgelenk.

Ihr Herz raste.

Ihr Magen schlug einen kleinen Salto, als sie auf die große sonnengebräunte Männerhand sah, in der sich ihre schmal und blass ausnahm.

Lexi spürte den Sog, der sie zu diesem Mann trieb, unaufhörlich, unaufhaltsam …

Mit einem letzten Rest Selbstbeherrschung wehrte sie sich gegen den festen Griff. „L…lass mich los.“ Aber ihre Stimme klang nicht so entschlossen, wie Lexi es sich gewünscht hatte, sondern schwach und atemlos.

Sam hielt ihren Blick gefangen, und sie spürte die sinnliche Herausforderung wie eine Berührung. Ein erregender Schauer rieselte ihr über den Rücken. Die Sekunden verstrichen, dehnten sich endlos, während Lexi wie gebannt in Sams Augen starrte und die Wärme seiner Hand spürte. Dann, für einen flüchtigen Moment, verstärkte sich der Druck seiner Finger, und Sam ließ los.

Schnell trat Lexi einen Schritt zurück, stolperte fast, aufgewühlt, wie sie war. „Wie kannst du es wagen, mich anzufassen?“, fuhr sie ihn an und rieb sich die Hand. „Dazu hast du kein Recht!“

Ein glutvoller Blick traf sie. „Ich streite mich ungern mit dir, aber du hast angefangen.“

„Habe ich nicht!“

Er deutete auf seine muskulöse Brust. „Doch, genau hier“, widersprach er. „Ich spüre noch deinen Fingernagel.“

Lexi schluckte, als er sie wieder provozierend ansah. „Du übertreibst“, brachte sie atemlos heraus. „Ich habe dich kaum berührt.“

„Das wollen wir doch mal sehen.“ Sam griff nach dem Saum seines OP-Hemds.

„Was hast du vor?“, fragte Lexi heiser.

Hinter ihr öffnete sich die Tür, und eine Frau mittleren Alters rauschte herein. „Oh, Verzeihung! Störe ich?“

„Nein!“

„Überhaupt nicht, Susanne“, entgegnete Sam gelassen. „Miss Lockheart wollte gerade gehen.“

„Ich glaube, wir kennen uns noch nicht persönlich.“ Die gepflegte Mittfünfzigerin streckte die Hand aus. „Ich bin Susanne Healey, Sams Praxismanagerin.“

„Freut mich sehr, Susanne“, sagte Lexi mit einem höflichen Lächeln.

„Und, wie gehen die Vorbereitungen für den Maskenball voran?“

Lexi presste Sams Hemd wie einen Ball an ihre Brust. „Danke … wir sind im Plan.“

Susanne blickte Sam an. „Sie haben Lexi doch bestimmt für die Stille Auktion Ihre Segeljacht angeboten?“

„Nun, ich … nein.“

Die leitende Arzthelferin zwinkerte Lexi zu. „Dann sollten Sie ihn überreden, eine kleine Hafenrundfahrt zu stiften. Die Leute lieben so etwas, und seine Jacht ist ein Traum. Mein Mann und ich haben sie am letzten Wochenende unten in der Neutral Bay Marina gesehen. Vielleicht bieten Sie auch Champagner und Häppchen an? Das Interesse wird groß sein, denken Sie nur daran, wie viel Geld Sie damit hereinholen können. Was meinen Sie, wie hoch sollte das Anfangsgebot sein?“

Lexi hatte sich immer noch nicht richtig gefangen. „Ich … ich weiß nicht … zweihundert Dollar pro Paar?“

„Wie finden Sie das, Sam?“, fragte Susanne.

„Gut“, sagte er knapp.

„Übrigens müssen Sie sich bald Karten besorgen“, fuhr sie munter fort. „Sie können nicht das wichtigste Ereignis des Jahres in diesem Krankenhaus verpassen. Und bringen Sie auf jeden Fall eine Begleitung mit. Wir können doch nicht zulassen, dass er den ganzen Abend allein tanzt, nicht wahr, Lexi?“

Lexi warf Sam einen spöttischen Blick zu. „Ich bin überzeugt, dass Dr. Bailey an Tanzpartnerinnen keinen Mangel haben wird“, sagte sie. „Und wenn er sie sich von anderen leiht.“

„Ich nehme nur die, die bereit sind zu kommen.“ Er lächelte vielsagend.

Heiß stieg ihr das Blut in die Wangen, aber sie dachte nicht daran, den Blick zu senken. Stattdessen legte sie, bebend vor Wut, all ihre Verachtung hinein.

Zum Glück hatte das Telefon geklingelt, und Susanne war abgelenkt. Sie saß hinter dem Empfangstisch und scrollte durch den PC-Terminkalender. „Ja, das passt ausgezeichnet“, sagte sie zum Anrufer. „Dr. Bailey hat an dem Tag Sprechstunde … Haben Sie eine Überweisung von Ihrem Hausarzt? Gut. Dann schiebe ich Sie dazwischen, um 17.15 Uhr.“

Sam sah sie spöttisch an. „Möchtest du die Sache weiterhin hier austragen oder lieber irgendwo, wo wir ungestört sind?“

Am liebsten hätte sie ihm das überhebliche Lächeln aus dem Gesicht gewischt. „Glaubst du wirklich, dass ich zu dir zurückkomme, wenn du nur mit den Fingern schnippst?“, zischte sie. „Ich bin verlobt. Ich heirate in nicht einmal drei Monaten.“

Er hielt ihren Blick fest. „Wem sagst du das, mir – oder dir?“

„Dir natürlich!“ Lexi wirbelte herum. Ihr Herz klopfte heftig, und in ihrem Magen krabbelten tausend Ameisen. Aber sie ging hoch erhobenen Hauptes und verdrängte das Gefühl, dass Sam das letzte Wort behielt.

Obwohl er nichts mehr gesagt hatte …

4. KAPITEL

Sam saß immer noch gedankenverloren am Schreibtisch, als Susanne über die Sprechanlage den leitenden Chefarzt der Chirurgie ankündete.

„Schicken Sie ihn herein.“

Die Tür ging auf, und ein großer, schlanker Mann im Arztkittel betrat das Zimmer. Markante Gesichtszüge, durchdringende blaue Augen, dunkler Bartschatten, dazu die aufrechte Haltung und die düstere Aura, die ihn umgab – hätte Sam nicht gewusst, dass Finn Kennedy beim Militär gewesen war, er hätte es zumindest vermutet. Der Mann trat auf wie einer, der Befehle gegeben hatte und erwartete, dass sie sofort und ohne Einschränkung befolgt wurden.

Sein Ruf als Herzchirurg war legendär. Genauso bekannt war er allerdings für seine ruppige, oft verletzende Art, mit der er am Sydney Harbour Hospital kaum Freunde gewann.

Sam erhob sich, um ihm einen Stuhl anzubieten, aber Finn bedeutete ihm mit einer knappen Geste, sich wieder hinzusetzen.

„Und, schon eingelebt?“ Finn nahm auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch Platz.

„Danke, sie sind alle sehr freundlich.“

„Unterkunft okay?“

„Ja, und vielen Dank für den Tipp“, fügte Sam hinzu. „Ich habe dasselbe Maklerbüro beauftragt, eine passende Immobilie für mich zu finden.“

„Die Presse wird ein Interview wollen. Ist das okay für Sie?“

„Klar. Ein paar Journalisten haben hier schon angerufen. Es soll auch ein Foto gemacht werden, aber ich weiß nicht, ob die Patientin, die ich dafür im Auge habe, geeignet ist. Bella Lockheart ist sehr schüchtern.“

„Könnte ihre letzte Chance auf ein bisschen Rampenlicht sein“, brummte Finn.

„Ich hoffe nicht. Ihr Fall hat hohe Priorität, aber sie leidet wieder an einer Brustentzündung.“

Der Name Lockheart hatte bei Finn nicht die geringste Reaktion ausgelöst. „Wie stehen ihre Chancen?“, fragte er.

„Sie braucht innerhalb der nächsten zwei Monate ein Spenderorgan.“

Immer noch keine Regung in dem kantigen Gesicht. „Wir tun, was wir können“, sagte Finn nur. Er rieb sich den Arm, ließ die Hand jedoch sofort wieder sinken, als er Sams Blick bemerkte. „Stimmt das, was man sich über Sie und ihre Schwester erzählt?“

Das kam unerwartet. „Was denn?“

„Angeblich hatten Sie vor fünf Jahren etwas mit Lexi Lockheart.“

Sam entspannte die Schultern mit einem lässigen Achselzucken. „Wir haben ein bisschen Zeit miteinander verbracht, nichts Ernstes.“

Wie ein Habicht auf Beutefang ließ Finn nicht locker. „Hat ihr alter Herr vielleicht etwas damit zu tun, dass Sie in die USA gegangen sind?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich zähle nur eins und eins zusammen. Sie fangen mit der Kleinen was an, und zwei Wochen später verschwinden Sie. Kann doch sein, dass man Ihnen die Pistole an den Kopf gehalten hat.“

„Ich wollte schon immer im Ausland Erfahrungen sammeln. Aber es war nicht unbedingt für den Zeitpunkt geplant.“

Finn lachte leise auf. „Ich hätte sonst was dafür gegeben, Richard Lockhearts Gesicht zu sehen, als er herausfand, dass Sie mit seiner Jüngsten ins Bett gehen.“

„Seine Reaktion war nicht gerade eine meiner Sternstunden“, meinte Sam trocken.

„Mich wundert, dass er ihren Verlobten akzeptiert.

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