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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN, BAND 54

AMY ANDREWS

Diagnose: Leidenschaft!

Mia fasst es nicht. Wie konnte sie nur mit Luca di Angelo schlafen? Schließlich eilt ihrem gutaussehenden Chef sein Ruf als Playboy über alle Klinikflure Sydneys voraus! Was noch viel schlimmer ist: Sie hat Luca ihre verletzliche Seite offenbart! Ab sofort muss sie ihm die kalte Schulter zeigen – auch wenn ihr heiß ist vor Verlangen …

ANNE FRASER

Schenk mir dein Lächeln, Chérie

Der Schönheitschirurg Pierre Favatier hat sich darauf spezialisiert, Unfallopfern zu helfen. Wie gut, dass seine hübsche Assistentin Julie ihn so tatkräftig unterstützt. Nur leider ist sie wegen ihrer Narbe verunsichert und schüchtern. Zu gern würde er ihre Zweifel fortküssen – doch darf ein Mann, der für die Liebe verloren ist, Julie Hoffnungen machen?

FIONA MCARTHUR

Unter dem Wüstenhimmel

Es gibt 22 Millionen Menschen in Australien. Warum musste sie ausgerechnet mit Dr. Levi Pearson im Hubschrauber über der Wüste abstürzen? Für arrogante Städter wie ihn hat Sophie wirklich nichts übrig! Doch während ihres langen Marsches dämmert der Hebamme, dass sie Levi Unrecht getan hat. Und ihr Bad in einem Felspool beweist: Gegensätze ziehen sich an …

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Diagnose: Leidenschaft!

1. KAPITEL

Diese Nacht sollte Dr. Mia McKenzie ihr Leben lang nicht vergessen.

Vollmondnächte bescherten der Notaufnahme noch mehr Hektik, noch mehr Chaos, und an diesem klirrend kalten Samstag war es nicht anders. Der Mond streute silbriges Licht wie Feenstaub auf die weltberühmte Hafenbucht von Sydney, und der Blick aus den Fenstern des Sydney Harbour Hospitals zeigte ein friedliches Bild.

Hinter den Wänden der Notaufnahme jedoch war der Teufel los!

„Ich hätte Hautärztin werden sollen“, empörte sich Mia, als sie den Schockraum verließ und die obszönen Flüche des Drogensüchtigen, dem sie gerade das Leben gerettet hatte, sie bis in den Flur verfolgten. „Da muss man sich nicht um zwei Uhr morgens von Patienten beschimpfen lassen, und weißt du auch, warum nicht?“, sagte sie zu Dr. Evie Lockheart, ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin. „Weil Hautarztpatienten um diese Zeit schlafen! Keine Rufbereitschaft, keine Notfälle mitten in der Nacht, keine dringenden Konsultationen.“

Evie lächelte wissend, während sie sich das tragbare Ultraschallgerät schnappte. „Du würdest dich zu Tode langweilen.“

Mias langer blonder Pferdeschwanz schwang hin und her, als sie, die Patientenunterlagen in der Hand, zur Stationszentrale marschierte. „Ein bisschen Langeweile käme mir jetzt gerade recht.“

„Wie du meinst.“

Mia ignorierte den ironischen Unterton. „Wie lange brauchst du mit George Clooney noch für den Unfallverletzten?“

Evie lachte hell auf. „Er heißt Luca. Dr. Luca di Angelo.“

Von wegen Engel … Mia fand, dass der neue Chefarzt der Notaufnahme eher wie Beelzebub persönlich aussah. Zumindest hat er in den wenigen Wochen, seit er hier ist, eine teuflisch gute Zeit mit jedem willigen weiblichen Wesen innerhalb dieser Krankenhausmauern verbracht!

Und wenn schon. Es war sein Leben. Und ein kleines bisschen bewunderte sie ihn sogar dafür. Auch sie liebte ihre Affären kurz und süß.

Vielleicht deshalb verspürte sie jedes Mal ein seltsames Kribbeln im Bauch, wenn er in der Nähe war. Natürlich sah er atemberaubend aus – groß, dunkelhaarig, die Haut von sizilianischer Sonne gebräunt –, aber das war es nicht allein. Sie erkannte in ihm eine verwandte Seele.

Und was sie da sah, gefiel ihr gar nicht.

„Außerdem ist er ziemlich lecker.“

„Ja“, meinte Mia nachdenklich. „Da hast du recht.“

Evie lächelte vor sich hin und fragte sich unwillkürlich, warum sie sich nicht für den heißen Italiener begeistern konnte, einen Mann, der schon den Ruf weghatte, ein Sexgott zu sein. Stattdessen ging ihr Finn Kennedy nicht mehr aus dem Sinn, der barsche Chef der Chirurgie, mit dem sie immer wieder aneinandergeriet.

„Wie auch immer …“ Sie verscheuchte den Gedanken. „Wir sind dabei, den Patienten zu stabilisieren. Er muss in den OP, Laparotomie.“

„Okay, aber wenn ihr fertig seid, dann gehst du nach Hause. Du hattest vor drei Stunden Feierabend.“

„Ja, ja.“ Evie winkte ihr zu und eilte davon.

Mia hatte sich keine zehn Minuten in ein paar Krankenakten vertieft, da stürmte ein untersetzter sonnenverbrannter Mann mit einem wilden Ausdruck in den Augen in die Notaufnahme.

„Meine Frau … sie hat Wehen! Das Baby kommt!“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und rannte wieder hinaus.

Der vertraute Adrenalinstoß schoss ihr durch die Adern, als sie aufsprang und ihm folgte. Caroline, eine der Krankenschwestern, schloss sich ihr an. Mia spürte die kühle Luft, die ihr draußen entgegenschlug, kaum. Sie sah nur den zerbeulten alten Wagen und hörte die Schreie einer Frau.

„Beeilen Sie sich!“, brüllte der Mann.

Sekunden später war Mia bei der Schwangeren. Sie lag auf dem Rücksitz. „Es kommt, es kommt“, keuchte sie.

„Hi, ich bin Dr. McKenzie“, stellte Mia sich vor. „Wie heißen Sie?“

„Rh…Rhiannon.“

Mia lächelte sie beruhigend an. „In der wievielten Woche sind Sie, Rhiannon?“

„Dreißigste, sie ist in der dreißigsten, okay?“, fuhr der Ehemann sie an.

Er hatte etwas Feindseliges an sich. Fast hätte sie ihn angewiesen, zurückzutreten. Aber sie musste sich um die Frau kümmern, das Baby hatte sich zehn Wochen zu früh auf den Weg gemacht.

„Caroline, sag bitte dem Geburtshilfeteam Bescheid“, sagte Mia ruhig, während sie ein Paar Handschuhe aus ihrer Tasche zog. „Und bitte Arthur, eine Rollliege herzubringen.“ Sie wandte sich ihrer Patientin zu. „So, dann wollen wir mal sehen.“

Die Frau stöhnte wieder auf, und Mia brauchte trotz der schlechten Lichtverhältnisse keine zwei Sekunden, um zu erkennen, dass das Köpfchen bereits austrat. „Sie haben völlig recht, Rhiannon, Ihr Baby will auf die Welt.“

„Ich muss pressen“, schrie sie auf.

„Kein Problem.“ Mia ließ sich nicht anmerken, dass ihr Herz klopfte, als wollte es aus der Brust fliegen. „Ich bin ja da.“

Eine halbe Minute später glitt ihr ein schmales, plärrendes Baby in die Hände. „Sie haben einen Jungen.“ Mia lächelte und legte das Neugeborene auf den Sitz. Hoffentlich dachte Caroline daran, eine Decke mitzubringen.

„Ich will es sehen“, verlangte der Vater.

Aber da tauchte Caroline neben ihnen auf und drückte Mia ein Entbindungsset in die Hand. In der anderen hielt sie ein paar angewärmte Decken. „Das Team ist gerade bei einer Notfallintubation auf der Entbindungsstation“, flüsterte sie ihr zu. „Sie kommen so schnell wie möglich.“

Mia nickte, wickelte den mageren Winzling in eine Decke, riss die Packung auf, klemmte die Nabelschnur ab und durchtrennte sie. Dann legte sie das kleine Bündel Mensch Caroline in die Arme. „Bring ihn in den Schockraum, da können wir ihn durchchecken. Seine Lungen scheinen allerdings ziemlich kräftig zu sein.“

Lachend wandte Caroline sich ab.

„Wo bringen Sie ihn hin?“

„In die Notaufnahme“, beruhigte Caroline den Vater. „Sie können mitkommen.“

Mit grimmiger Miene stapfte er hinterher. Mia und Arthur halfen Rhiannon auf die Liege und deckten sie warm zu. Dann rollten sie sie in die Nachbarkabine des Säuglings, der inzwischen still und friedlich unter einer Wärmelampe lag.

Der Vater marschierte aufgebracht hin und her. „Es hat rote Haare“, stieß er hervor und stürzte wütend auf seine Frau zu.

„Oh, Stan, was soll das? Dein Großvater hatte auch rotes Haar.“

„Von wem ist es?“ Er packte den Metallrahmen der Liege. „Wer ist der Vater?“

Mias Nackenhärchen richteten sich auf, als ihr plötzlich klar wurde, was das seltsame Verhalten des Mannes zu bedeuten hatte. Aber ob sein Argwohn nun berechtigt war oder nicht, er konnte sich hier nicht wie Rambo aufführen!

„Sir!“ Sie stellte sich zwischen ihn und die erschöpfte Mutter. „Ich muss Sie bitten, sich zurückzuhalten, Sie sind in der Notaufnahme. Außerdem müssen Sie Ihren Wagen umparken, er versperrt den Rettungsfahrzeugen den Weg. Wenn Sie zurückkommen, sollten Sie sich beruhigt haben, sonst bin ich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu und verschwand, während er mürrisch vor sich hin murmelte.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich seine Frau. „So ist er manchmal, aber er ist harmlos.“

Mia lächelte sie an. „Schon gut.“

Eine Hebamme kam herein. „Die Kollegen brauchen noch zwanzig Minuten.“

„Macht nichts, der Knirps scheint ziemlich robust zu sein.“ Sie untersuchte das Kind, während die Hebamme sich um die Mutter kümmerte. „Wahrscheinlich werden sie ihn eine Nacht zur Beobachtung auf die Babyintensivstation schicken, weil er zu früh gekommen ist“, sagte sie dann zu ihr. „Aber so weit ist alles in Ordnung.“

Die Hebamme wickelte es geschickt so ein, dass nur das Gesichtchen aus dem Tuch herausschaute. Mia nahm das Baby und wollte der Mutter das Kind geben, da erschien Stan.

Er wirkte ruhiger und stand abwartend da.

„Möchten Sie ihn mal nehmen?“, fragte sie ihn spontan. Ihrer Erfahrung nach schmolzen selbst die härtesten Männerherzen beim Anblick ihres neugeborenen Kindes dahin.

Unsicher blickte er erst das Baby, dann seine Frau an. „Darf ich?“

„Natürlich.“ Lächelnd sah sie ihn an, und Mia las aufrichtige Liebe in ihren Augen.

Behutsam legte Mia ihm das Bündel in die Arme. Er betrachtete es zuerst verwirrt, ging dann auf und ab, den Blick prüfend auf das kleine Gesicht gerichtet.

„Wie werden Sie ihn nennen?“, fragte Caroline, sichtlich berührt.

„Mir gefällt Michael“, antwortete Rhiannon.

Das Tuch hatte sich ein bisschen gelockert, und als der Kleine sich bewegte, rutschte es vom Köpfchen. Stan blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den roten Haarflaum. Dann knurrte er seine Frau an: „Heißt er so?“ Das Baby begann zu weinen. „Der Kerl, mit dem du geschlafen hast?“

Rhiannon stöhnte auf. „Hör endlich auf damit, Stan. Du weißt doch, dass du für mich der Einzige bist.“

„Ich will einen Vaterschaftstest!“, brüllte er los.

Mia sah Caroline an, dann die junge Mutter, die den Tränen nahe war. „Stan …“, begann sie.

Er fuhr herum. Das Baby schrie lauter. Stan kümmerte sich nicht darum. „Sie …“ Wütend stieß er mit dem Zeigefinger in Mias Richtung. „… machen einen Vaterschaftstest!“

„Stan, das ist doch lächerlich.“ Rhiannon lief eine Träne über die Wange.

„Ach, du hast also was dagegen!“

„Okay, Stan, das reicht. Sie können hier nicht herumschreien und das Kind hin und her schleudern.“ Entschlossen ging Mia auf ihn zu und streckte die Arme aus. „Hören Sie nicht, wie er weint? Kommen Sie, geben Sie ihn mir.“

Stan wich einen Schritt zurück und zog mit der freien Hand ein Klappmesser aus der Hosentasche. Er ließ die Klinge aufspringen. „Zurück!“, tobte er. Caroline keuchte auf, Rhiannon schrie entsetzt, und Mia blieb wie erstarrt stehen. „Kommen Sie mir nicht zu nahe!“

Er schwang das Messer von einer Seite zur anderen, während er langsam mehr Abstand zwischen sich und Mia brachte.

Himmel noch mal, dachte sie verärgert. Ich habe keine Zeit für so etwas!

„Na schön, Stan.“ Beschwichtigend hob sie die Hände. „Wir machen den Test“, versprach sie und schob sich unauffällig zwischen ihn und Caroline.

Die Schwester verstand sofort und schlich auf leisen Sohlen hinaus. In jeder Stationszentrale war ein Alarmknopf unter dem Schreibtisch. Ein Knopfdruck, und jeder Wachmann, der gerade Dienst hatte, würde innerhalb von zwei Minuten hier auftauchen.

„Aber zuerst müssen Sie mir das Kind geben.“ Sie machte einen Schritt auf Stan zu, versuchte dabei das schrille Babygeschrei und Rhiannons verzweifeltes Flehen auszublenden.

Stan ließ die Klinge durch die Luft sausen. „Nein!“, schrie er. „Bleiben Sie, wo Sie sind!“

Luca di Angelo, der draußen vorbeiging, hörte die erhobenen Stimmen, die das Weinen des Babys übertönten. Er betrat den Untersuchungsraum und erfasste die Szene mit einem Blick.

Ein Mann mit einem Messer. Ein brüllendes Baby als Geisel. Eine weinende Frau. Eine schreckstarre Hebamme. Und mittendrin Dr. Mia McKenzie – die unnahbare, frostige kleine Mia – mit mutig entschlossener Miene.

„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte er.

Stan fuhr herum und hieb mit dem blitzenden Messer in Lucas Richtung. „Verschwinden Sie!“

Luca blieb stehen. „Dr. McKenzie?“

„Schon gut, Dr. di Angelo“, sagte sie seelenruhig mit einem Lächeln, während sie sich langsam näher auf Stan zubewegte. Gleich würde sie jede Menge Verstärkung bekommen – sie brauchte keinen selbst ernannten Superhelden, der die Situation vielleicht noch verschlimmerte.

Auch wenn er zum Anbeißen aussah.

„Stan möchte nur einen Vaterschaftstest“, erklärte sie. „Deshalb gibt er mir jetzt das Baby, damit ich ihm Blut abnehmen kann. Nicht wahr, Stan?“

„Nein!“ Hektisch blickte er zwischen Arzt und Ärztin hin und her. „Es bleibt bei mir!“

Luca beobachtete, wie Mia sich im Schneckentempo vorwärtsbewegte. „Aber wie sollen wir dann den Bluttest machen, Stan?“, fragte er, um den Mann abzulenken.

Dankbar und auch ein bisschen überrascht, dass Luca schnell begriffen hatte, worum es ihr ging, machte Mia noch einen Schritt.

„Halt!“, bellte Stan, und das Baby schrie noch lauter.

„Ich kann Ihnen von hier kein Blut abnehmen, Stan“, sagte Mia sanft.

Die innere Anspannung schärfte ihre Sinne. Sie hörte, wie er scharf ein- und ausatmete, sah den weißlichen Speichel in seinen Mundwinkeln, die Schweißperlen auf der Stirn. Die Art, wie er das Messer in der Hand drehte und wie er von einem Fuß auf den anderen trat, während seine Blicke zwischen Luca und ihr hin und her schwangen.

Aber sie nahm noch mehr wahr: Luca. Er beherrschte den Raum, nicht Stan. Groß und breitschultrig überragte er den nervösen Mann. Und obwohl Luca lässig mit einer Hand in der Hosentasche dastand, hatte er etwas Hartes, Unbeugsames an sich.

Hinter ihnen entstand Bewegung, und ein paar uniformierte Wachmänner erschienen auf der Bildfläche.

Stan sah über Mias Schulter. „Was wollen die hier?“ Er packte das Baby fester, das daraufhin einen schrillen Schrei ausstieß.

Luca streckte die Hand aus, während er sich ein Stückchen auf Stan zubewegte. „Das ist Standardprozedur im Krankenhaus. Aber ich werde sie bitten, sich im Hintergrund zu halten, okay?“

„Das halte ich für keine gute Idee, Doc“, warnte der Security-Chef.

„Zurück! Sie haben ihn gehört, los, machen Sie schon!“ Stan hielt das Messer gefährlich nahe am Kopf des Babys.

Die Hebamme keuchte auf.

„Es ist okay“, sagte Luca zu den Wachleuten, bevor er sich wieder an Stan wandte. „Sie verschwinden, sehen Sie?“

Die Männer entfernten sich, aber Mia ließ Stan und das Baby nicht aus den Augen. „Okay, Stan, wir haben etwas für Sie getan, jetzt tun Sie etwas für uns.“ Sie streckte die Arme aus, um davon abzulenken, dass sie noch einen Schritt näher trat. „Geben Sie mir den Kleinen. Er hat Angst, und er hat Hunger. Wenn er gegessen hat, ist er bestimmt friedlicher, und dann können wir in Ruhe über alles reden.“ Das durchdringende Gebrüll zerrte sicher nicht nur an ihren Nerven. Unter diesen Umständen drohte die Situation zu eskalieren.

„Sie hat recht, Stan.“ Auch Luca bewegte sich langsam weiter auf den Mann zu. „Das hier ist nichts für ein Baby.“

„Ist das meine Schuld?“ Seine Stimme brach. „Ich schufte von morgens bis abends, und was ist der Dank? Sie geht mit der halben Nachbarschaft ins Bett!“

Mia lief ein eisiger Schauer über den Rücken, als hätte eine Geisterhand aus der Vergangenheit sie berührt. Sie schüttelte das unangenehme Gefühl ab.

„Verstehe“, sagte Luca da. „Glauben Sie mir, das verstehe ich gut.“

Das klang aufrichtig und sehr mitfühlend. Mia warf Luca einen scharfen Blick zu, doch da fuhr er schon fort.

„Wir beide können gern darüber reden“, bot er an. „Geben Sie das Baby Dr. McKenzie.“

Stan sah wieder von einem zum anderen, unsicher, wie es ihr schien. Selbst in seinem Wahn hatte er Lucas Mitgefühl gespürt. Sie nutzte den Moment, um wieder einen Schritt auf ihn zuzugehen, und es überraschte sie nicht, dass Luca das Gleiche tat.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Aber ich muss es wissen.“

„Natürlich“, antwortete Luca beruhigend. „Natürlich, Stan.“

Mia ahnte, dass Stans Widerstand erlahmte. Er hielt das Messer nicht mehr krampfhaft umklammert, und auch sein Griff um das Baby hatte sich gelockert. Es drängte sie, vorwärts zu stürzen und ihm den Säugling zu entreißen, aber sie wusste, dass jede heftige Bewegung alles nur verschlimmern konnte.

„Geben Sie mir Ihren kleinen Jungen, Stan“, bat sie.

Stan blickte auf das brüllende Kerlchen hinab, dessen leuchtend rotes Haar sich vom weißen Tuch abhob. Er schüttelte den Kopf, packte das Kind wieder fester.

„Das ist nicht mein Kind!“, brüllte er auf wie ein verwundeter Bär und schwang das Messer.

Wie hypnotisiert sah Mia die blitzende Klinge auf sich zukommen. Sie nahm nichts anderes wahr und konnte sich doch nicht rühren. Die Spitze zielte genau auf ihr Herz.

„Mia!“

Luca packte sie und riss sie an sich. Das Messer verfehlte ihre Brust, traf stattdessen ihren Oberarm. Mia schnappte nach Luft, als ein durchdringender, scharfer Schmerz ihr den Atem nahm.

Als Nächstes hörte sie Luca laut auf Italienisch fluchen, während er Stans Handgelenk mit eisernem Griff umklammerte. Stan schrie auf und ließ das Messer fallen.

„Wachdienst!“ Wie ein Peitschenhieb zerschnitt Lucas Befehl die aufgeladene Atmosphäre.

Keine zwei Sekunden später standen fünf bullige Männer im Raum. Angesichts der Übermacht von jeglichem Kampfgeist verlassen, sank Stan buchstäblich in sich zusammen.

„Das Baby“, sagte Luca, und die Hebamme sprang auf Stan zu und entwand ihm das brüllende Kind.

Widerstandslos ließ Stan sich von den Wachleuten mitnehmen. Luca sah Mia an. „Alles okay?“

Sie nickte, froh darüber, dass das Baby, nun in den Armen seiner Mutter, sich allmählich beruhigte. „Ja“, antwortete sie, auch wenn ihre Hand, die sie instinktiv auf den Schnitt gepresst hatte, klebrig war von Blut.

Luca betrachtete das dunkelrote Blut, das ihr über den Arm lief, und konnte sich einer gewissen Bewunderung nicht erwehren. Von den Frauen, die er kannte, wären die meisten spätestens jetzt hysterisch geworden. Mia nicht. Unerschrocken hatte sie in einer emotional aufgeheizten Situation einen klaren Kopf bewahrt. Und jetzt tat sie eine, wie es aussah, tiefe Schnittverletzung ab, als wäre es ein harmloser Kratzer.

„Gehen Sie in die Kleine Wundversorgung. Ich sehe es mir mal an.“

„Nicht nötig, ist nur oberflächlich“, wehrte sie ab.

Er deutete auf ihren Arm. „Das ist nicht wenig Blut.“

Mia blickte auf das dicke dunkelrote Rinnsal und schien überrascht. „Ich frage Evie.“

„Die habe ich nach Hause geschickt.“

„Dr. di Angelo?“ Caroline trat zu ihnen. „Der Psychologe ist am Telefon, er möchte Sie sprechen.“

Luca fixierte Mia mit dunklem Blick. „Es macht keinen guten Eindruck, wenn eine meiner Mitarbeiterinnen in Ohnmacht fällt, weil sie zu viel Blut verloren hat. Kleine Wundversorgung, Dr. McKenzie, und zwar jetzt. Das Telefonat dauert nicht lange, dann bin ich bei Ihnen.“

Widerstand regte sich in ihr, während sie ihm nachblickte. Sie sorgte schon seit so vielen Jahren für sich selbst. Sie konnte gut darauf verzichten, dass Dr. Groß und Gutaussehend den Chef herauskehrte, und erst recht darauf, dass er sie bemutterte.

Niemand hatte sie je bemuttert – und sie wollte es nicht anders haben!

Zwei, drei Klammerpflaster, und schon war die Sache in Ordnung.

Ein paar Minuten später betrat sie das Dienstzimmer, sank auf einen Stuhl und leerte ihre Kitteltaschen. Verbandspäckchen, Pflaster und andere Utensilien landeten auf dem zerkratzten Tisch. Ihr Arm schmerzte höllisch, und am liebsten hätte sie sich in einem der kleinen Nebenräume auf ein Sofa fallen lassen.

Sie war müde, hundemüde.

Und im Schlaf wäre sie auch sicher vor den Erinnerungen, die Stans Vorwürfe geweckt hatten …

Mühsam fummelte sie an den kleinen Knöpfen ihrer Bluse. Die Ärmel endeten in einer Manschette, die ihren Oberarm fest umschloss. Sie konnte sie nicht hochrollen, um den Schaden zu begutachten. Mia zuckte zusammen, als sie endlich die Bluse abstreifte. Jede Bewegung war wie ein Stich.

Achtlos warf Mia das blutgetränkte, zerfetzte Kleidungsstück auf den Boden. Das kam nachher direkt in den Müll.

Sie inspizierte das Top mit den Spaghettiträgern, das sie über dem BH trug, und entdeckte zu ihrer Erleichterung keine Blutspuren. Weil die Klimaanlage gegen vier Uhr morgens eine empfindliche Kälte durch die Räume pustete, hatte sie während der Nachtschichten immer ein Hemdchen drunter.

Jetzt war sie besonders froh darüber.

Mia begutachtete die Wunde. Das Blut war geronnen und verkrustet, sodass das Ausmaß auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Aber es sah ziemlich übel aus. Vorsichtig betastete sie die Stelle mit dem Zeigefinger. Es war ein langer Schnitt, und flüchtig schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, was wohl passiert wäre, hätte Luca sie nicht geistesgegenwärtig aus der Gefahrenzone gezogen.

Ihre Hand bebte. Mia ließ sie sinken und verdrängte die Erinnerung an den furchtbaren Moment. Du bist nicht in die Brust getroffen worden, sagte sie sich bestimmt. Du bist nicht gestorben.

Luca hatte sie davor bewahrt.

Doch das Zittern wollte nicht aufhören, erfasste auch die anderen Glieder und breitete sich überall aus. Sie holte ein paar Mal tief Luft.

Eine normale Reaktion des Körpers, sagte sie sich. Das geht vorbei.

Doch je länger sie dasaß und versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen, umso mehr war sie schutzlos ihren Gedanken und Gefühlen ausgesetzt. Sie hasste diesen Zustand, hatte sie doch vor langer Zeit gelernt, dass Verletzlichkeit sie nicht weiterbrachte.

Heute Abend allerdings schien sie ihrer nicht Herr werden zu können. War ihr Vater so verzweifelt und wütend gewesen wie Stan? Damals, als er herausfand, dass Mias totgeborene Schwester nicht von ihm war? Hätte er ein Messer oder ein Gewehr zur Hand gehabt, hätte er es gegen ihre Mutter gerichtet?

Am selben Tag noch hatte er die Familie auf Nimmerwiedersehen verlassen. Warum, das sollte Mia erst Jahre später erfahren. Jahre, in denen sie ihn gehasst, in denen sie ihm stumm bittere Vorwürfe gemacht hatte. Zu Unrecht. Ihre Mutter war ihm immer wieder untreu geworden, und das hatte er nicht länger ertragen.

Mia schüttelte den Kopf. Hör auf! Hör auf!

Okay, der Zwischenfall im Schockraum hatte sie aufgewühlt, weil er persönliche Erinnerungen hervorholte, an die sie nicht gern rührte. Aber das war kein Grund, die Nerven zu verlieren. Du bist keine zehn mehr, ermahnte sie sich, du bist erwachsen.

Also, versorg die verdammte Wunde und dann raus, wieder an die Arbeit.

Sie zwang sich, das Verbandspäckchen aufzureißen, träufelte Antiseptikum auf die Gaze und machte sich daran, das getrocknete Blut abzuwischen. Es war nicht einfach und brannte scheußlich, aber der Schmerz lenkte sie ab, und ihre Hand wurde ruhiger.

Zwei Minuten später kam Luca herein. Mia sah auf und fühlte sich plötzlich seltsam nackt ohne ihre Bluse. Was natürlich albern war, schließlich saß sie nicht im BH da. Sie beachtete ihn nicht weiter und fuhr mit ihrer Arbeit fort.

Luca unterdrückte ein Lächeln, während er sich gegen den Tisch lehnte. „Sie machen es nur noch schlimmer“, meinte er.

Sie warf ihm einen abweisenden Blick zu. „Es ist nicht so einfach.“

„Ich glaube, ich hatte gesagt, dass ich Sie verarzten werde.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber Sie bitten nicht gern um Hilfe, nicht wahr, kleine Mia?“

Der leichte Akzent verlieh seiner tiefen Stimme einen samtigen, sexy Klang.

„Entweder Mia oder Dr. McKenzie“, entgegnete sie kühl. „Alles andere können Sie sich sparen.“

Er lachte leise vor sich hin und richtete sich auf. „Okay, Mia.“ Luca setzte sich auf den Stuhl neben ihr. „Darf ich?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er nach einem Stück Gaze und begann, die Wunde abzutupfen.

Mia ließ es geschehen. Er hatte sanfte Hände, sonnengebräunte Finger, die sich dunkel von ihrer blassen Haut abhoben.

Ihr Vater hatte auch so lange, schlanke Finger gehabt. Pianistenhände. Und er war groß und breitschultrig gewesen, genau wie Luca. Er hatte ihr gesagt, er sei ihr Prinz und sie seine Prinzessin, und sie würden für immer zusammenbleiben.

Und dann war er gegangen.

Sie kniff die Augen zusammen. Hör auf, hör auf!

Luca beobachtete sie. Zum ersten Mal verbrachte er mehr Zeit mit ihr, und er war neugierig. Natürlich war ihm schon aufgefallen, dass sie eine attraktive Frau war. Blondes, zu einem frechen Pferdeschwanz gebundenes Haar. Reizvoller, üppiger Mund.

Aus der Nähe betrachtet war sie hinreißend.

Makellose Haut, lange dunkle Wimpern. Eine schwache Falte erschien zwischen ihren fein geschwungenen Brauen, und sie verzog den Mund. So, als hätte sie Schmerzen.

„Tue ich Ihnen weh?“, murmelte er.

Erschrocken schlug sie die Augen auf. Warum war er plötzlich so nahe? Sie sah die einzelnen Bartstoppeln, die als blauschwarzer Schatten sein markantes Kinn bedeckten, und die schwarzen Pupillen seiner ausdrucksvollen braunen Augen. Sein volles Haar, glänzend wie Rabengefieder. Eine leicht gewellte Strähne fiel ihm in die Stirn.

Und sein Mund … die volle Unterlippe hatte etwas Verführerisches.

Sanft strichen seine Finger über ihre Haut, was Mia daran erinnerte, dass es schon eine Weile her war, dass ein Mann sie berührt hatte.

Sie senkte den Blick auf seinen Hals. „Nein“, antwortete sie.

Fasziniert hatte Luca das Wechselspiel der Gefühle in den strahlend blauen Augen beobachtet. Ihre heisere Stimme berührte ihn.

„Geht es Ihnen gut?“, hörte er sich besorgt fragen.

Mia nickte, ohne aufzublicken. Sie starrte weiterhin auf seine Kehle, auf den dunklen Bartschatten, und erinnerte sich daran, wie sie die kratzigen Stoppeln ihres Vaters geliebt hatte, wenn sie sich an ihn gekuschelt und seiner Gutenachtgeschichte gelauscht hatte.

Verdammt! Sie riss sich zusammen. „Ja, natürlich.“ Das kam schärfer heraus als gewollt.

„Sie haben heute Abend einiges durchgemacht. Das Messer hat nur knapp Ihre …“

„Ich sagte, mir geht es gut“, unterbrach sie ihn heftig. „Machen Sie einfach weiter, okay?“

2. KAPITEL

Luca hielt kurz inne, während er ihr in die frostigen blauen Augen blickte.

Er kannte Mia McKenzie erst seit wenigen Wochen und war immer wieder beeindruckt, wie mitfühlend und freundlich sie ihre Patienten behandelte und wie herzlich sie mit Kolleginnen und Kollegen umging. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass ihr niemand zu nahe kommen durfte, und was in ihr vorging, das behielt sie für sich.

Bisher hatte sie das höflich zu verstehen gegeben.

Dass sie jetzt so kratzbürstig wurde, konnte nur bedeuten, dass irgendetwas sie stark beschäftigte.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Wunde. „Grenzwertig“, meinte er, während er den gut zehn Zentimeter langen Schnitt begutachtete. „An einer Stelle ist sie ziemlich tief. Vielleicht sollten wir sie nähen.“

Mia deutete mit dem Kopf auf das Verbandsmaterial, das auf dem Tisch lag. „Da sind irgendwo Steri-Strips.“

„Nähen wäre besser.“

„Klammerpflaster genügen.“

„Das ergibt aber keine schöne Narbe.“

„Und wenn schon“, erwiderte sie achselzuckend.

Luca sah sie an, suchte dann nach den Wundverschlussstreifen. „Den meisten Frauen würde es etwas ausmachen“, sagte er, als er sie gefunden hatte.

„Ich bin nicht wie die meisten Frauen.“

Da musste er lachen. „Das stimmt.“

Sie rührte sich nicht, während er die Wundränder zusammendrückte und die Streifen aufklebte. Anschließend schützte er die Stelle mit einem sterilen Pflaster. Als er gedankenverloren mit dem Daumen darüber rieb, dachte sie wieder an ihren Vater. So hatte er sie immer getröstet, wenn sie sich wehgetan hatte.

„Sie sehen aus, als würde Ihnen einiges durch den Kopf gehen“, murmelte er.

Luca di Angelo sah mehr, als ihr lieb war. Seit der Geschichte mit Stan hatte sie ständig an ihren Vater denken müssen. Wahrscheinlich hatte sie zum ersten Mal begriffen, wie stark die emotionale Belastung für ihn damals gewesen war.

„Die Arbeit wartet“, sagte sie brüsk und stand auf, um aufzuräumen. „Wir können hier nicht die ganze Nacht herumsitzen.“

„Die Kollegen haben alles im Griff. Sie gehen auf keinen Fall zurück, bevor Sie nicht eine Pause gemacht haben. Legen Sie sich hin, versuchen Sie, ein bisschen zu schlafen.“ Als sie widersprechen wollte, fügte er knapp hinzu: „Das ist eine Anweisung.“

Großartig! Was zur Hölle sollte sie hier allein, mit einem Haufen unerwünschter Erinnerungen, die sie nicht in Ruhe lassen würden? Erinnerungen an Dinge, die sie einfach nur vergessen wollte?

„Und wenn ein Busunglück passiert?“

Luca grinste. „Dann komme ich und wecke Sie.“

Sie spürte sein verwegenes Lächeln bis in die Zehenspitzen. In seinen dunklen Augen tanzten tausend Teufelchen, und Mia verspürte ein lustvolles Kribbeln auf der Haut.

Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Flirten Sie mit mir?“

Er lachte leise. Sie redet wirklich nicht um den heißen Brei herum. „Wäre das so schlimm?“

„Ja.“ Eine untrügliche Ahnung sagte ihr, dass es nicht einfach wäre, diesem Mann den Laufpass zu geben. So wie den anderen. „Hören Sie auf damit. Ich habe keine Lust, für die nächste Kerbe in Ihrem Bettpfosten zu sorgen, auf dem wahrscheinlich kaum noch ein Platz frei ist.“

Luca musterte sie von oben bis unten. Wie sie so dastand, in Jeans und Spaghettiträgertop, und ihn kühl ansah, wirkte sie sehr entschlossen. Aber er verstand etwas von Frauen. Sehr viel sogar.

Und Mia McKenzie protestiert ein bisschen zu heftig.

Provozierend sah er auf ihren Mund. „Sind Sie sicher?“

Ihre Lippen prickelten unter dem heißen Blick, und sie spürte, wie ihr Widerstand schmolz. Mit diesem Mann könnte sie wenigstens für eine kleine Weile vergessen …

Zufrieden, dass er sie aus der Fassung gebracht hatte, lächelte er sie an. „Gute Nacht, Mia. Lassen Sie sich nicht von Bettwanzen beißen.“

Um vier Uhr morgens war endlich alles ruhig. Luca konnte nach Hause gehen.

Der Unfallverletzte war versorgt, bei der Laparotomie hatte man einen perforierten Darm festgestellt. Auch Stan würde im Harbour bleiben, für sechsundneunzig Stunden auf der psychiatrischen Station. Das Baby lag zur Beobachtung auf der Säuglingsintensivstation.

Und seinen Papierkram hatte Luca auch abgearbeitet.

Blieb nur noch eins – nach Mia sehen.

Er hatte die Hand schon auf dem Türknauf, zögerte aber. Der eigenwilligen kleinen Mia würde es gar nicht gefallen, dass er sie kontrollierte.

Ich habe keine Lust, für die nächste Kerbe in Ihrem Bettpfosten zu sorgen … ihr schnippischer Kommentar war ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen.

Du meine Güte, was war schon dabei, ab und zu ein bisschen zu flirten? Oder ein paar angenehme Stunden mit einer Frau zu verbringen, die, genau wie er, nicht mehr und nicht weniger wollte?

Luca war immer aufrichtig, achtete stets darauf, keine falschen Hoffnungen zu wecken. Was Beziehungen betraf, ging er keine Kompromisse ein. Er kannte seine Grenzen, hatte sie schon früh erfahren, als er noch sehr jung gewesen war.

Er liebte Frauen – vor allem sonnengebräunte, natürliche Australierinnen mit Spaß am Vergnügen –, und sie liebten ihn. Und er war ein heißblütiger Mann, der eine Frau zu verwöhnen wusste.

Dennoch, Mia verwirrte ihn. Reizte ihn, vielleicht auch, weil sie ihn zurückgewiesen hatte. Er würde lügen, wenn er sagte, dass er sie nicht begehrte.

Luca drehte am Knauf und öffnete die Tür. Das Dienstzimmer war leer, nur über der Spüle brannte ein schwaches Licht. Schlafraum eins war geschlossen, und Luca ging leise hinüber, klopfte kurz an, wartete.

Keine Antwort. Wieder zögerte er, griff dann aber nach der Klinke und drückte sie vorsichtig hinunter. Langsam schob er die Tür einen Spaltbreit auf.

Mia schlief, die Beine an den Körper gezogen, den Kopf erhöht auf den dicken Kissen des dreisitzigen Sofas, die auf der Armlehne lagen. Sie hatte den Pferdeschwanz gelöst, und ihr weiches blondes Haar fiel ihr auf die Schultern. Ihre Füße waren nackt. Vor dem Sofa lag eine medizinische Fachzeitschrift.

Die Lampe auf dem kleinen Tisch daneben tauchte ihre entspannten Züge in warmes Licht. Luca ließ den Blick über ihre zierliche Nase gleiten, die schmalen Wangen, den vollen sinnlichen Mund. Ihre Brust hob und senkte sich unter regelmäßigen Atemzügen. Flüchtig sah er auf das Wundpflaster, zufrieden, dass nichts durchgesickert war.

Mia ging es gut.

Noch während er sie betrachtete, runzelte sie im Schlaf die Stirn und seufzte leise. Er fragte sich, wovon sie wohl träumte – von dem Moment, als die Klinge auf ihr Herz zielte? Von blitzenden Messern? Den Schreien eines Babys?

Oder von ihm und seiner Frage: Sind Sie sicher?

Sie stöhnte wieder, und ihm wurde bewusst, dass er eine schlafende Frau anstarrte, die davon alles andere als begeistert wäre. Er ließ die Tür angelehnt und wandte sich ab.

Mia war gefangen. In einem Traum, dem sie nicht entkommen konnte, sosehr sie auch kämpfte. Vergangenheit und Gegenwart mischten sich zu einem beängstigenden Horrorfilm, in dem ihr Vater, Stan und ein blitzendes Messer die Hauptrollen spielten.

Schemenhaft tauchte auch ihre Mutter immer wieder auf, ein Bündel in den Armen, von dem Mia wusste, dass es ihre totgeborene Schwester war. Das tiefe Schluchzen ihrer Mutter zerriss ihr das Herz.

Und Mia war wieder zehn Jahre alt, klammerte sich verzweifelt mit ihrer kleinen Hand an die langen Finger ihres Vaters, flehte ihn an, nicht wegzugehen. Gleichzeitig brüllte Stan, sie solle verschwinden, und die scharfe Klinge kam näher und näher.

Daddy, geh nicht. Bitte, geh nicht.

Das Messer sauste durch die Luft. Zurück!

Bitte, Daddy, bleib bei mir.

Sirrend der nächste Hieb. Zurück! Zurück!

Daddy!

„Daddy, komm zurück!“

Luca war fast an der Tür, als er den erstickten Aufschrei hörte. Ohne nachzudenken, machte er kehrt, schob die Tür zum Schlafraum auf und war mit zwei Schritten bei ihr. Mia rief wieder, warf dabei den Kopf hin und her.

Er umfasste ihre Schultern, schüttelte sie sanft, sorgsam darauf bedacht, nicht an die Verletzung zu rühren. „Mia? Mia!“

Sie hörte eine Stimme. Eine andere Stimme. Und der Drang, auf sie zuzulaufen, der Hoffnungslosigkeit und Angst zu entfliehen, war überwältigend.

Luca? Luca?

„Mia.“ Wieder schüttelte er sie vorsichtig. „Ich bin’s, Luca. Wachen Sie auf!“

Sie riss die Augen auf. Luca? Luca war hier?

Der schwache Schein der Lampe tauchte sein attraktives Gesicht in mildes Licht, das seine markanten männlichen Züge weicher erscheinen ließ … das kantige Kinn, die hohen Wangenknochen, den Mund. Jetzt sah er aus wie der Engel, den er im Namen trug.

Mia vertrieb den verrückten Gedanken, während ihr Herz noch immer raste. Sie versuchte, sich aufzusetzen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht, und in ihrem verletzten Arm pochte es. „Luca?“

„Schsch“, flüsterte er, während er mit den Daumen sanft ihre Schulter rieb. „Es ist alles gut, Sie haben schlecht geträumt.“

„Es war … Da war …“

„Ihr Vater?“

Sie blinzelte. Sein samtiger Akzent verlieh dem Wort etwas Zärtliches. Immer noch wirbelten Fetzen des Albtraums durch ihren Kopf, quälten sie mit Erinnerungen.

Sie wollte vergessen, einfach nur vergessen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Luca.

Sie sah ihn an, versank in dunkelbraunen Augen, konnte den Blick nicht abwenden.

Bei ihm kann ich mich vergessen.

„Mia, alles okay?“, wiederholte er.

„Noch nicht …“ Aber gleich. Sie beugte sich vor und berührte mit weichen Lippen seinen Mund.

Er erstarrte, wich leicht zurück und blickte ihr suchend in die Augen. „Mia?“

Sie hielt seinen Blick fest, während sie sich wieder vorbeugte. „Küss mich“, flüsterte sie.

Luca spürte die beiden Worte förmlich an seinen Lippen, so nahe war Mia ihm. Hitze flammte zwischen ihren Körpern auf. Er sah auf ihren süßen, üppigen Mund und wurde augenblicklich hart.

„Du wolltest keine Kerbe in meinem Bettpfosten sein. Was hat dich umgestimmt?“

„Stan.“

Danach war er nicht sicher, wer von ihnen den ersten Schritt getan hatte. Aber sobald ihre Lippen sich berührten, drängte er Mia, sich ihm zu öffnen. Leidenschaftlich eroberte er ihren Mund, und sie erwiderte den Kuss genauso fordernd und hitzig. Die leisen, sehnsüchtigen Seufzer, die sie dabei ausstieß, heizten sein Verlangen noch an.

Luca griff mit beiden Händen in ihr Haar und bog ihren Kopf zurück. Feucht und heiß waren ihre Lippen, verführten ihn zu wilder Lust. Er schob sich auf sie, ein Bein zwischen ihre Knie. Sie ließ den Kopf auf die Armlehne sinken und stöhnte laut auf, als Lucas Hand eine ihrer Brüste streifte. Er strich über ihre Taille, zog mit dem Mund eine erregende Spur über ihren Hals, bevor er die Lippen auf die Stelle drückte, wo ihr Puls heftig schlug.

Die bedrückenden Erinnerungen lösten sich in nichts auf, als köstliche Gefühle sie durchströmten. Ja, dachte sie. Ja! Ja!

„Ja“, hauchte sie, als Luca die kleine Kuhle an ihrem Hals leckte. „Ja!“, stöhnte sie, als er die Hand auf ihre Jeans presste, auf die Stelle zwischen ihren Schenkeln, wo sie ein lustvolles Pochen verspürte.

Sie hob den unverletzten Arm und zerrte ihm das Polohemd aus der Hose, schob es hoch, fühlte heiße Haut unter ihrer Handfläche, und zog es weiter zu den Schultern. Ein triumphierender Laut entrang sich ihr, als er den Kopf einzog und ihr damit half, ihm das Hemd abzustreifen.

Mia ließ die Finger über seine glatte, muskulöse Brust gleiten und drückte einen verlangenden Kuss auf den gebräunten flachen Bauch. Gierig atmete sie dabei Lucas Duft ein … betäubend männlich, wie eine berauschende Droge.

Sie wollte mehr.

Wieder eroberte er hungrig ihren Mund, drückte Mia in die Kissen, und sie genoss es mit allen Sinnen, das Gewicht des breitschultrigen Männerkörpers zu spüren, die langen, kraftvollen Beine, das Verlangen, mit dem er hart gegen ihren empfindlichsten Punkt drängte.

Luca spürte, wie sie unter ihm die Hüften bewegte, und vertiefte den Kuss. Er schluckte ihr leises Aufkeuchen, entlockte ihr ein Stöhnen, als er forschend über ihren bebenden Körper strich und die Hand dann unter ihr Top gleiten ließ. Er wollte ihre Brüste berühren, sie sehen, sie kosten. Spüren, wie sie sich nackt an seiner Brust rieben.

Er schob das Hemdchen höher und wurde mit einem Anblick belohnt, der ihm den Atem nahm. Pure Weiblichkeit, Satin und transparente Spitze. Sie hat traumhafte Brüste. Erregt ließ er den Daumen um eine feste Knospe kreisen.

Getrieben von einem heftigen Verlangen löste Luca den Mund von ihren Lippen, liebkoste Mias Hals, den Ansatz ihrer herrlichen Brüste. Rau fühlte sich der Spitzenstoff an seiner Zunge an, als er durch den BH hindurch die dunkle Perle verwöhnte.

Mia sog scharf den Atem ein und bog den Rücken durch. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch ihren Oberarm, und sie schrie leise auf.

„Mia?“ Luca richtete sich auf. „Entschuldige, bin ich an deinen Arm gekommen?“

Die Augen immer noch geschlossen, schüttelte sie den Kopf. „Schon gut, es hört gleich wieder auf.“

Luca stöhnte leise und ließ den Kopf auf ihre Brust sinken. Er spürte, wie ihr Herz wild gegen die Rippen schlug. Mias Atem kam stoßweise, ein leises Keuchen im stillen Zimmer.

Als der Schmerz abebbte, schlug sie die Augen auf. Sie sah auf sein zerzaustes schwarzes Haar, und die Situation kam ihr auf einmal unbeschreiblich komisch vor. Um nicht laut aufzulachen, biss sie sich auf die Unterlippe. Aber das Lachen blubberte in ihrer Brust wie sprudelndes Quellwasser und verriet sie. Sie gab auf.

Luca spürte das leichte Beben an seiner Stirn und sah in dem Moment hoch, als Mia anfing zu lachen. Beide waren sie außer Atem, beide halb nackt, mit verwühlten Haaren, seine Hose spannte – und Mia lachte.

Es war absurd. Also lachte er auch.

„Du bist verrückt“, sagte er, als sie sich einigermaßen beruhigt hatten.

„Nein, das hier ist verrückt!“

„Willst du aufhören?“

Der heisere Unterton verstärkte seinen Akzent, und Mia wurde von einer Welle glühender Lust überschwemmt. Sie schüttelte den Kopf. Sie hätte nicht aufhören können, selbst wenn ein Bus in diesem Moment die Wand des Dienstzimmers gerammt hätte.

Sie war eine erwachsene Frau mit natürlichen Bedürfnissen, und ihre letzte Affäre lag schon ein paar Wochen zurück. „Das wäre noch verrückter.“

Er grinste, presste den Mund auf ihre Brust und fuhr mit der Nasenspitze leicht über den schwellenden Ansatz, dann höher zu der empfindsamen Stelle an ihrem Ohr. „Der helle Wahnsinn“, murmelte er.

Mia seufzte leise. „Meldepflichtig.“

„Irrsinn.“ Luca lächelte zufrieden, als sie unter seinen Liebkosungen erschauerte.

„Wir sollten lieber die Tür zumachen“, sagte sie schwach, während sie das Gefühl hatte, vor Lust zu zerfließen.

Luca wandte den Kopf und fluchte leise. Die Tür stand halb offen! Mia lachte rau auf, und er presste seinen Mund hart auf ihren.

„Zieh dich aus“, verlangte er, bevor er sich erhob, hinging und die Tür verriegelte.

„Dir ist klar, dass das hier eine einmalige Sache ist, oder?“, erklärte sie, während sie versuchte, sich aus ihrer Hose zu winden, ohne den verletzten Arm benutzen zu müssen.

Er drehte sich um und betrachtete sie. Unter dem fast durchsichtigen Spitzenstoff ihres BHs zeichneten sich deutlich ihre dunklen Brustwarzen ab, und seine Hose wurde schmerzhaft eng.

„Natürlich.“ Luca zog den Reißverschluss herunter und streifte seine Jeans ab. „Mein Bettpfosten ist übersät mit einmaligen Sachen. Ich dachte, das wüsstest du.“

Sie lachte auf, sah ihn an, und das Lachen erstarb. Der Mann sah atemberaubend aus: sonnenbraune glatte Haut, lange, kraftvolle Beine, bedeckt mit feinen schwarzen Härchen. Flacher Waschbrettbauch. Breite Schultern, schmale Hüften.

Und die Boxershorts konnte nicht verbergen, dass er auch in anderer Hinsicht mehr als gut ausgestattet war …

Vor vielen Jahren hatte Mia in Rom eine Marmorstatue bewundert – genau so sah er aus. Luca di Angelo war zu hundert Prozent Made in Italy, vom dunkelhaarigen Kopf bis zu den klassisch schönen Füßen.

Dann war er bei ihr, beugte sich über sie und half ihr, die Jeans auszuziehen. Er küsste Mia überall, umfasste ihre Brüste mit beiden Händen und verwöhnte sie mit hungrigen Lippen.

Er entlockte ihr kehlige Seufzer. Er brachte sie zum Wimmern. Nahm sie, bis sie keuchend kam.

Und das Beste … in seinen Armen vergaß sie alles andere.

Drei Tage später marschierte Dr. Finn Kennedy, der leitende Chefarzt der Chirurgischen Abteilung, in die Notaufnahme. Schlecht gelaunt, weil man ihn wahrscheinlich wegen einer Lappalie gerufen hatte. Er war müde. Sein Oberarm hatte die ganze Nacht geschmerzt wie der Teufel, und selbst mit Whisky hatte er ihn nicht betäuben können. Finn rieb sich geistesabwesend den Arm. Seine Augen brannten, und sein verdammter Daumen fühlte sich taub an, als würden tausend Ameisen darin herumkrabbeln.

Er blieb wie angewurzelt stehen, als Evie auf ihn zukam. Großartig, sie hatte ihm gerade noch gefehlt … Dr. Evie Lockheart … Prinzessin Evie. Geboren mit dem sprichwörtlichen Silberlöffel im Mund arbeitete sie in Granddaddys Krankenhaus, das von der Familie Lockheart auch heute noch mit großzügigen Spenden bedacht wurde. Vor allem ihr Vater wurde in der Chefetage wie ein Mitglied der Königsfamilie hofiert.

Und die Kleine hat absolut keine Ahnung, was für ein hartes Leben Normalsterbliche führen.

Ausgerechnet sie war die einzige Frau im Harbour, die ihn mühelos auf die Palme brachte. Weder setzte sie dieses gezierte Lächeln auf wie so viele andere, noch machte sie sich klein, wenn er auf der Bildfläche erschien. Sie sah ihn nur ruhig an mit ihren rehbraunen Augen.

„Guten Morgen.“

„Was gibt’s?“

Evie ließ sich nicht anmerken, dass sein abweisendes Verhalten sie traf. Die Genugtuung gönnte sie ihm nicht. Der Mann war nicht mehr in der Armee, und sie war nicht einer seiner Soldaten, die er herumkommandieren konnte, wie es ihm passte.

Sie beschloss, sofort zur Sache zu kommen. Trotzdem hatte sie Herzklopfen, weil sie etwas Erstaunliches entdeckt hatte … und obwohl er so grantig war, wünschte sie sich seine Anerkennung.

„Die Patientin ist zweiundzwanzig, kam mit einem schmerzhaften Knoten in der Brust zu uns. Die Ultraschalluntersuchung hat ergeben, dass es sich um eine kleine gutartige Zyste handelt …“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, unterbrach er sie grob. „Du weißt, dass ich Herzchirurg bin. Das heißt, mein Fachgebiet hat mit dem Herzen zu tun.“

Evie blickte ihm unverwandt in die Augen, schluckte eine bissige Antwort hinunter und fuhr fort, als hätte er nichts gesagt: „Sie klagte außerdem über Müdigkeit, Atemnot und intermittierende Brustschmerzen. Zufällig wurden eine bikuspidale Aortenklappe und ein Aneurysma entdeckt.“

„Ach ja?“, fragte er sarkastisch und streckte die Hand aus. „Röntgenbericht?“

„Es gibt keinen. Die Röntgenaufnahmen wurden zurückgestellt, die Patientin wurde hier in der Notaufnahme geschallt.“

„Von wem, wenn ich fragen darf?“

Evie hielt dem Blick der durchdringenden blauen Augen stand, ohne zu blinzeln. „Von mir.“

Finn schnaubte abfällig. „Von dir? Du hast über Ultraschall einen komplizierten Herzfehler entdeckt?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Genau.“

„Das ist nicht einmal ansatzweise möglich“, knurrte er.

Gestern noch hätte sie ihm recht gegeben. „Doch, wenn die betreffende Patientin sehr kleine Brüste hat.“

Finn musterte sie finster. Prinzessin Evie – die zweifellos nur im renommierten Sydney Harbour Hospital arbeiten durfte, weil ihr schwerreicher Daddy die Spendenkasse füllte – verschwendete seine Zeit. „Wo ist sie?“

„Kabine fünfzehn.“

„Was hast du ihr erzählt, damit ich weiß, was ich ihr wieder ausreden muss?“

„Dass ich nicht den richtigen Blickwinkel gefunden habe und jemanden rufen werde, der erfahrener ist als ich.“ Mit ihrer Gelassenheit war es vorbei. „Auch wenn du es nicht glaubst, aber ich habe Medizin studiert!“

„Wirklich? Konnte Daddy dir das nicht ersparen?“

Sie ignorierte den Seitenhieb. „Ich habe als Jahrgangsbeste abgeschlossen.“

„Ach, er sponsert auch die Universität?“ Finn wandte sich ab und marschierte auf den Untersuchungsraum zu.

Evie hatte Mühe, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Aber um nichts in der Welt wollte sie seinen Gesichtsausdruck verpassen, wenn Finn ihre Diagnose bestätigen musste.

Er trat ans Bett der kindlich schmalen Patientin, die im Flügelhemdchen dasaß und auf ihrer Unterlippe kaute. Finn lächelte. „Hallo, Sie sind Bethany, nicht wahr?“, fragte er, während er die Krankenkarte überflog. „Ich bin Dr. Kennedy. Dr. Lockheart möchte, dass ich mir Sie einmal ansehe.“

„Stimmt etwas nicht?“ Sie blickte von einem zum anderen.

Finn tätschelte beruhigend ihre Hand. „Geben Sie mir eine Minute, dann kann ich Ihnen mehr sagen.“

Als er sich zu dem mobilen Ultraschallgerät umdrehte, warf er Evie einen entnervten Blick zu. Das Ding gehörte nun nicht gerade zu den besten Apparaten, die die Radiologie zu bieten hatte. Nie im Leben konnte man damit einen schweren Herzfehler erkennen.

Er nahm den Schallkopf in die Hand, stellte die Bildschirmhelligkeit ein und wandte sich wieder Bethany zu, die bereits das Hemd hochgeschoben und den linken Arm neben den Kopf gelegt hatte.

Finn drückte einen großzügigen Klecks angewärmtes Kontaktgel auf ihre Brust und registrierte, dass sie tatsächlich kaum Brustgewebe besaß. „Okay, dann wollen wir mal“, murmelte er, während er den Schallkopf ansetzte.

Evie, die dicht neben ihm stand, ignorierte er geflissentlich und konzentrierte sich auf den kleinen Monitor, als das körnige grau-schwarze Bild des pumpenden Herzens in Sicht kam. Finn brauchte nicht einmal eine Minute, um Evies beeindruckende Diagnose zu bestätigen.

Als er sie ansah, erwiderte sie ruhig seinen Blick. Weder Triumph noch Schadenfreude waren in ihren warmen braunen Augen zu lesen, nur eine unverbrüchliche Sicherheit, dass sie mit ihrer Einschätzung richtig lag. Ungewollt verspürte er Respekt.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Bethany unsicher.

„Nein. Es gibt ein Problem“, sagte er. „Aber das macht nichts“, fügte er schnell hinzu. „Ich kann es beheben.“

Erstaunt hörte Evie zu, wie Finn der jungen Frau erklärte, dass die gutartige Zyste in ihrer Brust nichts war im Vergleich zu dem wirklichen Problem, und was er dagegen unternehmen konnte. So arrogant und grob er sonst war, im Umgang mit Patienten hatte er eine bewundernswert zuwendende und Vertrauen einflößende Art.

Als sie eine halbe Stunde später gemeinsam die Kabine verließen, hatte Evie eine völlig neue Seite an Dr. Finn Kennedy kennengelernt. Er muss ein Herz haben, hatte sie oft trotzig gedacht, wenn er sie mal wieder zur Verzweiflung getrieben hatte. Aber heute hatte sie es zum ersten Mal erlebt.

„Besorg ihr ein Bett in der Kardiologie“, sagte er knapp und reichte ihr Bethanys Krankenblatt.

Während sie es entgegennahm, versuchte Evie, nicht enttäuscht zu sein. Du hast doch wohl nicht erwartet, dass er dir gratuliert, oder?

„Gute Arbeit“, murmelte er. „Vielleicht bist du ja doch nicht nur Daddys kleines Mädchen.“

Damit wandte er sich ab und ging mit langen Schritten davon.

Evie blinzelte, als ihr bewusst wurde, was sich hinter der spöttischen Bemerkung verbarg.

Was für ein Lob!

3. KAPITEL

Mia kam am späten Nachmittag zum Dienst, und der Erste, den sie sah, war Luca. Was nicht weiter schwierig war, denn der Mann zog Blicke wie magnetisch an. Vor allem weibliche Blicke …

Vielleicht spielte ihr auch nur ihre Fantasie einen Streich – schließlich hatte sie an ihren freien Tagen ein bisschen zu oft an das heiße Tête-à-Tête mit ihm im Dienstzimmer gedacht.

Sie kniff die Augen zusammen und öffnete sie nach ein paar Sekunden wieder. Irrtum, er war immer noch da.

Und er sah sie an. Mit einem verruchten Lächeln, als wüsste er all ihre schmutzigen kleinen Geheimnisse – und dass er eins davon war.

Mia gönnte ihm einen ausdruckslosen Blick und nickte ihm knapp zu. Dann hängte sie sich das Stethoskop um den Hals und verschwand in die entgegengesetzte Richtung.

Luca lachte leise vor sich hin, während er ihr nachblickte. Der blonde Pferdeschwanz schwang im Takt ihrer energischen Schritte hin und her. Mia wirkte von Kopf bis Fuß kühl und professionell in ihrer dunkelgrauen, klassisch eleganten Tuchhose und der saphirblauen Bluse.

Nicht das geringste Fältchen im Stoff, jedes Haar an seinem Platz.

Ein Unterschied wie Tag und Nacht zu der Mia neulich. Zerwühlte Haare, verrutschte Kleidung, es hatte sie nicht im Geringsten gestört.

Schon bei dem Gedanken daran regte sich Verlangen in ihm. Niemals hätte er erwartet, dass jene Nacht so enden würde. Vor allem nicht mit Mia McKenzie. Er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, dass er bei ihr Chancen hätte.

Umso mehr hatte sie ihn dann verblüfft. Sie wusste, was sie wollte, und sie nahm es sich. Aber sie gab auch, eine selbstbewusste junge Frau, die Spaß am Sex hatte. Anders als viele ihrer Geschlechtsgenossinnen, die dabei reden oder mit Komplimenten verführt werden wollten. Oder sich in Pose setzten, nur um sich von der besten Seite zu zeigen.

Ja, Mia McKenzie war der unkomplizierteste One-Night-Stand, den er je gehabt hatte.

Jetzt musste er es nur noch schaffen, nicht ständig an sie zu denken …

Mia tat ihren Dienst, aber ihre Sinne standen unter Hochspannung. Ihre Haut prickelte, wenn Luca in ihrer Nähe war. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf, ihre Brüste spannten, die Spitzen wurden hart. Als hätte ihr Körper sämtliche Antennen auf ihn ausgerichtet.

Dass sie sich dauernd über den Weg liefen, machte es nicht besser.

Zuerst im Fahrstuhl, eine halbe Stunde nach ihrem Dienstantritt. Sie hatte gerade noch hineinschlüpfen können und quetschte sich zwischen die anderen Fahrgäste, die sich den knappen Platz mit einem Krankentransport teilen mussten.

Mia lächelte dem Patienten auf der Rollliege zu, während die Türen zuglitten, und richtete dann den Blick auf die gegenüberliegende Wand. Und wer lächelte sie an, unwiderstehlich sexy? Luca!

„Dr. McKenzie.“ Er neigte leicht den Kopf.

„Dr. di Angelo“, erwiderte sie spröde und sah auf seine Krawatte, um dem wissenden Funkeln in seinen dunklen Augen auszuweichen.

„Wie waren die freien Tage?“, fragte er unschuldig.

Obwohl sie von Menschen umgeben waren, fühlte sich die Situation erregend intim an. Mia hielt den Blick fest auf seinen Hals gerichtet.

Den sonnengebräunten Hals, den sie Zentimeter für Zentimeter mit der Zunge liebkost hatte.

„Danke, sehr erholsam.“ Abgesehen von den Tagträumen, in denen du die Hauptrolle gespielt hast.

Sein Lächeln wurde breiter, so, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ich vermute, dass es dem Arm besser geht?“

Sie fixierte weiter seinen Krawattenknoten, während sie krampfhaft versuchte, nicht daran zu denken, wie sich sein kratziges Kinn an ihren Brüsten angefühlt hatte. „Ja, danke.“

„Ich kann ihn mir nachher einmal ansehen. Im Dienstzimmer müsste noch Verbandsmaterial liegen.“

Ihr Blick flog hoch, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Ein triumphierender Ausdruck blitzte in seinen Augen auf, und augenblicklich wurde ihr heiß. So heiß, dass sie unwillkürlich erwartete, die Umstehenden würden vor der Hitze zurückweichen.

„Danke, Dr. di Angelo, aber das ist nicht nötig.“ Die Lifttüren öffneten sich, und mit weichen Knien verließ Mia die Kabine.

Das nächste Mal traf sie mit ihm zusammen, als sie einen zweiundfünfzig Jahre alten Bauarbeiter stabilisieren mussten, der bei einem Arbeitsunfall schwere Brust- und Bauchverletzungen erlitten hatte.

Sie waren ein gutes Team, jeder Handgriff saß, ohne dass sie viele Worte verloren. Aber Mia war sich Lucas Nähe die ganze Zeit bewusst. Gelegentlich verfingen sich ihre Blicke, hielten einander sekundenlang fest. Einmal stießen sie mit den Köpfen zusammen, weil sie gleichzeitig dasselbe Ziel im Auge hatten. Luca entschuldigte sich, doch noch immer waren ihre Gesichter dicht beieinander. Dann senkte er den Blick zu ihrem Mund, und sofort geisterten erotische Bilder durch ihren Kopf … Erinnerungen daran, welche Stellen seines Körpers sie mit dem Mund berührt hatte.

Beim dritten Mal gipste sie gerade einem Fünfzehnjährigen den gebrochenen Arm ein, als Luca an der Tür auftauchte und sich lässig gegen den Rahmen lehnte.

Mia stöhnte stumm auf. Wie sollte sie ihm aus dem Weg gehen, wenn er ihr auf Schritt und Tritt folgte? „Hast du nichts Besseres zu tun?“, entfuhr es ihr.

„Nein. Alles ruhig.“

Er kam in den Raum, und sie sah unwillkürlich auf. Es fiel ihr schwer, ihn nicht anzustarren. Seine Anzughose saß perfekt, betonte die schmalen Hüften und die langen Beine, und das khakifarbene Businesshemd unterstrich seinen südländischen Teint. Luca hätte auf jedem Mailänder Laufsteg eine beeindruckende Figur gemacht.

„Bist du der Junge, der sich mit seiner kleinen Schwester einen Kampf mit Lichtschwertern geliefert hat?“, fragte er den Teenager.

Der nickte mit düsterer Miene. „Das wird sie mir ein Leben lang unter die Nase reiben.“

„Schwestern können gnadenlos sein.“

„Haben Sie welche?“

„Drei.“

„Au, Mann, das ist bitter.“

Verstohlen warf Mia ihm einen Seitenblick zu. Bildete sie es sich nur ein, oder war da wirklich ein besonderer Unterton gewesen, als Luca von seinen Schwestern gesprochen hatte? Sie konnte es nicht sagen. Er und der Junge fingen ein Gespräch über Star Wars an, und Mia versuchte, so zu tun, als wäre Luca mit seinem sinnlichen Mund Galaxien weit entfernt.

Als er ihr gegen zehn Uhr abends im Flur begegnete, bewegte sie sich auf einem schmalen Grat zwischen Mordlust und sexueller Frustration. Der Mann war einfach überall – in dieser Abteilung, in ihrem Kopf –, und der Himmel möge ihr beistehen, aber sie wollte ihn in das nächste freie Zimmer zerren und ihm die Kleidung vom Leib reißen!

Aber es war eine einmalige Sache gewesen.

Das hatten sie so abgemacht.

„Gut, dass ich dich treffe“, sagte er, als sie an ihm vorbeigehen wollte. „Ich habe für dich einen Termin bei John Allen vereinbart, wegen der Messergeschichte.“

Mia blieb stehen. „Wozu?“, fauchte sie. Sie hätte ihn umbringen können. Sie wollte ihn küssen. Sie hätte schreien können. „Mir geht’s gut!“

Luca lächelte, als es in ihren blauen Augen aufblitzte … wie ein Sonnenstrahl, der durch das Mosaikfenster einer Kathedrale fiel. Es gefiel ihm, wie ihre Brust sich hob und senkte. Vor allem, wenn die Bluse über ihren Brüsten spannte.

„Das bezweifle ich nicht. Trotzdem bestehe ich darauf, dass du ihn wahrnimmst.“

Sie unterdrückte den kindischen Wunsch, mit dem Fuß aufzustampfen. „Oh nein, kommt nicht infrage!“

„Morgen Vormittag, zehn Uhr.“

Ihr Blick glitt zu seinem Mund, im selben Moment, als Luca auf ihre Lippen sah. Tief in ihrem Bauch regte sich etwas. Es war stärker als sie, und es wurde stärker.

Sie hob das Kinn. „Du kannst mich nicht zwingen.“

Luca hatte das Gefühl, dass plötzlich andere Signale von ihr ausgingen. Sexueller Natur? Eine Krankenschwester, die vorbeieilte, warf ihnen einen verwunderten Blick zu.

Er deutete mit dem Kopf auf die nächste Tür. „Wollen wir das unter vier Augen besprechen?“

Mia wusste, dass es das Dienstzimmer war. „Von mir aus“, antwortete sie, und ihr Herz schlug schneller.

Sie folgte ihm in den leeren Raum. „Ich gehe nicht zum Seelenklempner, Luca. Das kannst du nicht von mir …“

Luca drehte sich abrupt um, unterbrach sie mit einem harten, verlangenden Kuss, während er sie gegen die Tür drängte. Unter dem Gewicht ihrer Körper fiel diese ins Schloss.

Sofort flammte verzehrende Lust in Mia auf. Sie packte seine Krawatte und zog ihn näher zu sich. Stöhnte rau auf – oder war er es?

Wahnsinn, das ist doch Wahnsinn!

Sie wandte den Kopf zur Seite. „Wir haben gesagt: nur einmal“, keuchte sie.

„Ich weiß“, sagte er und machte weiter.

Mia ergab sich seinen warmen forschenden Lippen, bog sich ihm entgegen, als er eine ihrer Brüste umfasste, und spürte atemlos, wie erregt er war.

Sie stöhnte leise auf, rieb sich schamlos an ihm und packte mit beiden Händen seinen festen Po, zog seine Hüften noch dichter an sich. Matt schloss sie die Augen, als ein wildes, berauschendes Gefühl sie durchzuckte. Mia ließ den Kopf gegen die Tür sinken, seufzte, als Luca den Mund auf ihren Hals drückte, auf den flatternden Puls. Ihr ganzer Körper summte vor Verlangen. Das Summen war überall, in ihren Brüsten, in ihrem Bauch, zwischen ihren Beinen. Es rauschte in ihren Ohren wie die Brandung eines stürmischen Ozeans.

Luca. Luca. Luca.

Sie hörte nicht, wie ihr Pager klingelte. Erst der zweite Ton riss sie aus ihrer Benommenheit.

Mia stieß Luca von sich. Völlig außer Atem suchten sie beide gleichzeitig nach ihren Pagern.

Verdammt! „Herzinfarkt“, stieß Mia hervor. „Sie sind in zwei Minuten hier.“

Luca nickte, weil er dieselbe Nachricht auf seinem Pager las. „Tolles Timing“, murmelte er.

Mia brauchte ein paar Sekunden, um ihre Kleidung zu richten und vor allem wieder einen klaren Kopf zu bekommen. „Wie sehe ich aus?“, fragte sie, während sie schnell ihr Haar löste, um es ordentlich wieder zusammenzubinden.

Luca lächelte. „Wie leidenschaftlich geküsst.“

Sie sah ihn finster an. Genau das hatte sie befürchtet!

Am nächsten Abend zog Mia ihren alten Dufflecoat fester um sich, als sie zusammen mit Evie das Krankenhaus verließ und über die Straße auf das leuchtende Neonschild mit dem flotten Schriftzug Pete’s zusteuerte.

Es war schon fast zehn Uhr, aber mittwochs war Harbour-Day, da bezahlten Angestellte des Sydney Harbour Hospitals für ihre Drinks nur die Hälfte. Mittwochabend zu Pete, das gehörte inzwischen zur Tradition.

Pete betrieb seine Bar seit zwanzig Jahren und hörte und sah so manches. Er wusste nicht nur, wer wer war im Harbour, sondern auch, wer was mit wem hatte. Natürlich hätte er nie etwas ausgeplaudert. Wie bei jedem guten Barkeeper, war auch bei ihm Diskretion sein zweiter Vorname. Was zweifellos der Grund war, warum seine Bar so beliebt war.

Außerdem lagen ihm die hart arbeitenden Mediziner am Herzen. Wie oft hatte er sie blass und abgekämpft zur Tür hereinkommen sehen. Sie erlebten tagtäglich Dinge, die schwer zu ertragen waren. Wenn ihnen ein oder zwei Drinks in seiner Bar dabei halfen, den anstrengenden Berufsalltag eine Weile zu vergessen, war er zufrieden.

Mollige Wärme schlug ihnen entgegen, als Evie die schwere Holztür öffnete. Die beiden Frauen hängten ihre Mäntel an die Garderobe und gingen zum Tresen, grüßten dabei hier und da Leute, die sie kannten.

„Es ist eisig draußen“, sagte Mia zu Pete und hielt ihm ihre Hände hin. „Hier, fühl mal.“

Lächelnd nahm er ihre Finger zwischen seine warmen Pranken. „Kalte Hände, warmes Herz.“

Sie lachte leise auf. „Du bist ja so romantisch, Pete.“

„Warum nicht, Liebes? Romantik gehört zum Leben dazu, nicht wahr, Evie?“

Evie, abgelenkt, weil sie Finn mit einer vollbusigen Blondine entdeckt hatte, antwortete mechanisch: „Sicher.“

„Pete, Pete, Pete.“ Mia schnalzte mit der Zunge. „Romantik gibt es nur in Büchern.“

„Dann solltest du mal ein paar lesen“, riet er.

„Bücher? Dafür haben wir keine Zeit, was, Evie?“

„Nein.“ Evie sah wieder verstohlen in Finns Richtung.

„Fachzeitschriften sind alles, was wir kriegen“, lamentierte Mia.

Pete seufzte. „Auch keine Zeit für einen Mann, nehme ich an?“

„Ab und zu schon.“ Der Barkeeper war seit dreißig Jahren glücklich verheiratet. Kein Wunder, dass er eine rosarote Brille aufhatte, was das betraf.

„Männer, ja, ja.“ Er musterte sie nachdenklich. „Ich rede von einem Mann, Mia, dem Richtigen. Das ist es, was du brauchst.“

Sie verdrehte die Augen. „Wenn ich ein Mann wäre, würdest du dann auch so mit mir reden?“ Mia blickte zu Finn und der Blondine hinüber. Sie kam ihr vage bekannt vor … Suzy Soundso, eine der OP-Schwestern. „Sagst du Finn, er soll sich endlich die Richtige suchen?“

Pathetisch fasste sich Pete ans Herz. „Ständig.“ Er sah zu Evie, die immer noch gedankenverloren Finn beobachtete. „Der Mann braucht die Liebe einer guten Frau mehr als jeder andere.“

Das brachte ihm einen scharfen Blick von Evie ein. Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich nehme einen Tequila und ein Bier, danke, Peter.“

„Für mich das Übliche“, schloss Mia sich an.

Der Barmann grinste breit. „Okay, okay, schon verstanden.“

Als er Evie den Tequila hinstellte, kippte sie ihn in einem Schluck hinunter. Der Alkohol brannte ihr in der Kehle. Während sie das leere Glas auf den Tresen knallte, sah sie zu Finn hinüber. Er beobachtete sie, und für einen Moment verfingen sich ihre Blicke.

War es Abscheu, was sie in den durchdringenden blauen Augen las? Missbilligung?

Zu schade aber auch.

„Orangensaft für dich.“ Pete servierte die anderen Drinks. „Bier für Evie.“

Evie nahm ihre Flasche. „Lass uns da rüber gehen.“ Sie glitt vom Barhocker und verschwand in entgegengesetzter Richtung zu Finn, bevor Mia auch nur nach ihrem Glas greifen konnte. Achselzuckend sah sie Pete an und folgte ihrer Freundin.

Leider steuerte sie auf eine Sitzecke zu, die sich Mia freiwillig nicht ausgesucht hätte. Aber sie konnte nicht mehr umkehren, da die Kollegen sie gesehen hatten und sie fröhlich zu sich winkten.

„Rutsch rein.“ Evie deutete auf die Holzbank, die sich um drei Seiten des Tisches herumzog.

Mia versuchte, Luca nicht anzusehen, als sie neben ihn glitt. Aber sie spürte seinen Blick und die Wärme seines Körpers, und sofort wurde ihr heiß, wie immer in seiner Nähe.

Und er war sehr nahe … schließlich saßen sie nun zu siebt dicht beieinander.

„Hallo, Mia. Lange nicht gesehen.“

Sie erwiderte John Allens Lächeln, den sie heute Morgen gezwungenermaßen aufgesucht hatte. Auch Ginnie Allen begrüßte sie herzlich. Natürlich sah sie den Psychologen und seine Frau öfter, weil sie Nachbarn im Kirribilli Views waren, dem Apartmenthaus, das viele Kollegen aus dem Harbour bewohnten.

„Wie war die Sitzung?“, wollte Luca wissen.

„Mia ist fit.“ John zwinkerte ihr zu.

„Und ob!“, unterstrich sie und warf Luca dabei einen düsteren Blick zu.

„Klar“, antwortete er besänftigend.

„Weißt du was, Mia, es ist nicht verkehrt, über ein solches Erlebnis zu reden“, mischte sich Rupert Davidson, der Chefarzt der Neurologie, ein.

„Er hat recht“, sagte Teo Tuala, der im Harbour die pädiatrische Abteilung leitete.

Mia sah in die Runde und deutete dann mit dem Kopf auf Luca. „Warum musste er nicht zu John? Er wurde auch bedroht.“

„Ja, aber nicht mit einem Messer angegriffen. Und mir wurde nicht der Arm aufgeschlitzt.“

Mia trank einen großen Schluck Orangensaft. Lucas tiefe Stimme, so dicht an ihrem Ohr, hatte sie augenblicklich ins Dienstzimmer versetzt. „Mir geht’s gut“, sagte sie, während sie versuchte, die erotischen Erinnerungen auszublenden.

„Na, du weißt ja, wo ich zu finden bin, falls du noch mal reden willst“, meinte John.

Ein verrückter Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Zwanzig heiße Minuten mit Luca haben mir besser geholfen, die Sache zu verarbeiten, als eine Stunde beim Psychologen. Aber das waren gefährliche Gedanken, vor allem, da sie so dicht neben Luca saß.

„Sicher. Was passiert jetzt mit Stan?“, lenkte sie das Gespräch von sich weg. „Die sechsundneunzig Stunden müssten um sein.“

John nickte. „Er bleibt freiwillig länger. Wie es aussieht, hatte er in den letzten Jahren wiederkehrende Anfälle von Verfolgungswahn. Wir wollen ihn medikamentös richtig einstellen und therapeutisch gut betreuen, bevor wir ihn wieder entlassen.“

Damit war das Thema erledigt, und sie unterhielten sich über andere Dinge.

Zehn Minuten später trank Evie ihren letzten Schluck Bier und stand auf. „Ich muss los. Mein Vater gibt eine seiner scheußlichen Dinnerpartys, und ich habe ihm versprochen, dass ich mich wenigstens für ein Stündchen blicken lasse. Er schickt mir einen Wagen.“

Mia nutzte die Gelegenheit zu verschwinden, und erhob sich ebenfalls. „Ich gehe auch besser. Morgen habe ich Frühdienst.“

„Oh nein, Mia“, bat Ginnie. „Lass mich bitte nicht mit all den Männern allein, die ja doch nur über ihre Arbeit reden. Bleib noch ein bisschen.“

Sie zögerte und gab dann nach. Es hatte bestimmt nichts damit zu tun, dass ihr verräterischer Körper sich mit aller Macht danach sehnte, wieder neben Luca zu sitzen und seine Wärme zu spüren. „Okay, aber nicht lange.“

„Ich hole eine neue Runde.“ Luca verließ die Sitzbank und registrierte verwundert, dass Mia einen Schritt zurückwich. „Ist das Wodka Orange?“

„Orangensaft.“

„Hast du Rufbereitschaft?“

„Nein. Ich trinke nur keinen Alkohol.“

Luca warf einen Blick zu den anderen, die gerade einen Fachartikel diskutierten, und wandte sich ihr wieder zu. „Hast du Angst, du könntest sämtliche Hemmungen über Bord werfen?“, fragte er mit gesenkter Stimme. „Ich brauche keinen Alkohol, um meine zu verlieren.“

Ihr war deutlich bewusst, wie dicht sie beieinanderstanden. Wie liebkosende Finger strich sein samtiger Akzent über ihre Haut und brachte sie zum Prickeln.

„Ich dachte, du hättest keine“, konterte sie.

Luca lachte leise auf und ging zur Bar. Es war ein tiefes, intimes Lachen, und Mia spürte es leider genau dort … an ihrer intimsten Stelle.

An der Bar gab Luca seine Bestellung auf und wartete, dass Pete ihm das Gewünschte brachte.

„Bitte schön!“ Pete stellte die Drinks auf ein rundes Tablett.

„Danke.“ Luca bezahlte.

„Wie ich sehe, sitzt du neben Mia“, meinte Pete wie nebenbei. „Nettes Mädchen.“

Luca nickte und beobachtete, wie sie sich lächelnd mit Ginnie unterhielt. Mia trug einen Rock, einen Pullover mit weitem Rollkragen und schwarze kniehohe Stiefel. Den ganzen Tag lang hatten ihn Fantasien verfolgt: Mia in diesen Stiefeln – nur in den Stiefeln.

„Ja“, stimmte er zu, obwohl er nicht Petes Worte benutzt hätte, um sie zu beschreiben. Sexy, aufregend, kratzbürstig passte besser zu ihr.

„Fantastische Ärztin.“

Okay, das würde er auf jeden Fall unterschreiben. „Ja, das ist sie.“

„Schwer zu glauben, dass jemand wie sie immer noch Single ist“, überlegte Pete laut.

Luca sah den Barkeeper an. „Und was meinst du, warum?“

Pete blickte ihm direkt in die Augen. „Die Männer von heute lassen sich zu schnell abwimmeln. Sie kaufen es ihr ab, wenn sie jedem auf ihre forsche Art signalisiert: Mir geht’s gut, ich brauche niemanden.“

„Aber so ist es nicht?“

„Natürlich nicht. Sie weiß es nur noch nicht.“

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