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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN, BAND 50

ALISON ROBERTS

Ein Schutzengel zum Verlieben

Dieser Motorradheld ist doch … Als Ellie nach der Geburt ihrer Tochter erwacht und ihren Retter Dr. McAdam erkennt, wird ihr ganz warm ums Herz. Denn der attraktive Arzt sieht nicht nur aus wie ein Schutzengel zum Verlieben – er benimmt sich auch so. Aber die Schatten der Vergangenheit holen Ellie ein und bedrohen ihr junges Glück …

Plötzlich Daddy

Ganz weiche Knie hat Sarah, als sie auf der Hochzeit ihrer Freundin Ellie endlich vor dem attraktiven Dr. Rick Wilson steht. Wie soll sie diesem kühlen Playboy bloß sagen, dass er der Vater des kleinen Josh ist, für den sie seit dem Tod ihrer Schwester sorgt? Und dass ihnen die Zeit davonläuft – denn nur er kann das Leben seines kranken Sohnes noch retten …

Sturzflug ins große Glück

Lebensgefährliche Einsätze sind Dr. Jet Munroes große Leidenschaft. Als er von einem Erdbeben auf der Vulkaninsel Tokolamu hört, will er sofort vor Ort helfen. Allerdings ohne zu ahnen, dass Rebecca Harding auch zum Team gehört. Die Frau, die ihn als süßer Teenager bezauberte – bis sie ihn für den Tod ihres Bruders verantwortlich machte …

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1. KAPITEL

Die drei Männer standen dicht nebeneinander. Groß, dunkel, schweigend.

Alle trugen schwarze Lederkleidung und hielten in einer Hand ihren Motorradhelm. In der anderen hatte jeder eine geöffnete Flasche kaltes Bier.

Gemeinsam hoben sie die Flaschen, um damit anzustoßen. Das gedämpfte Klirren wirkte ernst.

Feierlich sagten die Männer: „Auf Matt.“

Dann nahmen sie einen langen Schluck. Lange genug, um an das Mitglied ihrer Gruppe zu denken, das nicht mehr unter ihnen weilte. In Ehren gehaltene Erinnerungen, verstärkt durch dieses jährliche Ritual. Aber diesmal war es noch schmerzlicher als sonst, denn ein ganzes Jahrzehnt war vergangen.

Und zwei Jahrzehnte, seit eine kleine Gruppe begabter, aber unterforderter Internatsschüler der Greystones Grammar School als „Bad Boys“, also „böse Jungs“ bezeichnet worden war.

Der Beiname war sogar dann noch geblieben, als die vier in kürzester Zeit als Beste ihres Jahrgangs ihr Medizinstudium abgeschlossen hatten.

Jetzt gab es nur noch drei „Bad Boys“, die Verbundenheit zwischen ihnen war jedoch so stark wie eh und je.

Sie setzten die Flaschen ab und zollten dem verstorbenen Freund schweigend ihren Tribut.

Da klopfte es plötzlich laut an der Wohnungstür, eine unverzeihliche Störung dieses feierlichen Moments. Zwei der Männer fluchten leise. Sie ignorierten die Unterbrechung, doch es klopfte wieder. Diesmal drängender, und außerdem hörte man noch eine Stimme.

Eine verängstigte Frauenstimme. „Sarah? Bist du da? Oh, Gott! Du musst zu Hause sein. Mach die Tür auf. Bitte!“

Die Männer sahen einander an. Einer schüttelte ungläubig den Kopf, einer nickte resigniert. Der Dritte, Max, ging zur Tür, um zu öffnen.

Bitte, bitte, bitte!

Ellie presste die Augen zusammen, um ihre Tränen zurückzuhalten, während sie im Stillen betete. Sie hob den Arm, um noch einmal zu klopfen. Was sollte sie nur tun, wenn Sarah nicht zu Hause war?

Aus Verzweiflung wollte sie mit beiden Fäusten an die Wohnungstür hämmern. Da war jedoch nur Leere. Zu spät merkte Ellie, dass die Tür aufging. Da sie in letzter Zeit recht schnell das Gleichgewicht verlor, stolperte sie vorwärts.

Sie starrte auf ein schwarzes T-Shirt unter einer offenen schwarzen Motorrad-Lederjacke. Da fiel ihr ein, dass sie unten vorm Haus an einer Reihe großer, schwerer Motorräder vorbeigekommen war.

O nein, sie hatte die falsche Tür erwischt und war im Begriff, direkt in eine Bikerhöhle zu fallen. Vielleicht eine Art Gang-Hauptquartier. Von zwei starken Männerhänden wurde Ellie an den Oberarmen gepackt, aufgerichtet und tiefer in den Flur hineingezogen. Ihr Herz setzte einen Augenblick lang aus, ehe es mit einem schmerzhaften, dumpfen Schlag weiterpochte.

„Lassen Sie mich los“, fuhr sie den Unbekannten an. „Sofort!“

„Kein Problem.“ Die sexy Stimme irgendwo über ihrem Kopf klang belustigt. „Mir wäre es nur lieb, wenn Sie nicht hinfallen und auf meinem Fußboden landen.“

Erstaunlich höflich für ein Gang-Mitglied.

„Ich habe mich geirrt.“ Mit einem Schritt vorwärts erlangte Ellie ihr Gleichgewicht zurück. Dabei ließ sie ihre Tasche fallen und stemmte sich mit beiden Händen gegen die breite Brust genau vor ihr. Diese fühlte sich so hart an wie eine Mauer.

Ellie wagte einen kurzen Blick nach oben und sah, dass der Mann auf sie herunterschaute. Dunkle Haare. Dunkle Augen, in denen ein leicht überraschter Ausdruck lag. Aber weder irgendwelche Tattoos noch Piercings. Und irgendwie wirkte er ein bisschen zu sauber für ein Bandenmitglied.

Sie wandte den Kopf zur Seite und stieß einen bestürzten Ausruf aus. Da waren noch zwei von der gleichen Sorte und blickten sie finster an. Von Kopf bis Fuß in schwarzes Leder gekleidet. Schwere Stiefel. Die glänzenden Reißverschlüsse und Nieten hätten genauso gut Ketten und Schlagringe sein können. Die Männer hielten Bierflaschen in den Händen. Offenbar hatte Ellie sie bei irgendwas unterbrochen, worüber die Kerle gar nicht glücklich waren.

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die leider nur eins siebenundfünfzig betrug. „Es tut mir furchtbar leid. Ich habe mich anscheinend in der Tür geirrt. Ich suche Sarah Prescott. Dann gehe ich jetzt mal besser.“

Ellie drehte sich um, aber da stand der erste Mann und versperrte ihr den Fluchtweg. Sie schluckte mühsam. „Hören Sie, es tut mir wirklich leid, dass ich Sie gestört habe.“ Vorsichtig bewegte sie sich seitwärts. Vielleicht konnte sie sich an ihm vorbeidrücken.

Der Mann schien keine Bewegung zu machen, dennoch schloss sich die Tür hinter ihm.

„Ich muss gehen“, sagte Ellie zu ihm. Es ärgerte sie, dass ihre leicht schwankende Stimme Angst verriet.

„Weil Sie Sarah finden wollen?“

„Ja.“

„Ist es dringend?“

„Ja, sehr.“ Ellie nickte entschieden.

„Warum?“

Ihr blieb der Mund offen stehen. Als ob sie das einem vollkommen Fremden erzählen würde. Außerdem hatte sie keine Zeit. Stumm starrte sie den Mann an.

„Schon gut“, sagte er ruhig. „Hier sind Sie in Sicherheit.“

Woher wusste er, wie sehr sie sich danach sehnte, genau diese Worte zu hören? Und wieso wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass sie ihm vertrauen konnte?

Noch eine Sekunde lang schaute Ellie ihn an und brach dann in Tränen aus.

Durch den dichten rotbraunen Pony sah ihr Gesicht schmal und zerbrechlich aus. Als Max auf sie hinunterblickte, bemerkte er ihre Angst und auch die Wirkung seiner Worte.

Obwohl Ellie ihn gar nicht kannte, vertraute sie darauf, dass sie hier sicher war. Erst jetzt wurde ihm die Verantwortung bewusst, die auf ihm lastete. Was hatte er sich bloß dabei gedacht?

Dann füllten sich ihre großen haselnussbraunen Augen mit Tränen, und er stöhnte innerlich. Unwillkürlich legte er die Arme um seine kleine Besucherin. Als er dabei ihren deutlich gerundeten Bauch spürte, der von ihrem viel zu weiten Pullover verdeckt war, wurde ihm noch mulmiger zumute. Diese Frau war hochschwanger.

„Max“, sagte einer seiner Freunde warnend. „Was tust du da, Mann? Sie hat sich bloß in der Tür geirrt, das ist alles.“

„Nein.“ Er hielt die weinende Frau fest und führte sie behutsam zum Sofa. „Sarah Prescott ist die Hauptmieterin. Sie ist letzte Woche in die USA geflogen.“

„Was?“, stieß Ellie erschrocken hervor. „Nein!“ Sie rieb sich die Tränen vom Gesicht und schniefte. „Sie fliegt am Freitag. Also morgen. Deshalb bin ich hier. Weil ich mitfliegen will.“

„Sie ist schon letzten Freitag geflogen.“ Max seufzte und warf einen Blick auf ihren überdimensionalen Pullover. „Glauben Sie wirklich, dass man Sie so auf einen internationalen Flug gelassen hätte? Wann ist der Geburtstermin?“

Ihre blassen Wangen wurden rot vor Verlegenheit, doch sie schwieg.

„Bitte setzen Sie sich“, meinte Max. „Wie heißen Sie?“

„Ellie.“ Aber sie machte keine Anstalten, sich auf das Sofa zu setzen. „Ellie Peters.“

„Ich bin Max. Der da drüben gerade seinen Helm auf den Tisch legt, ist Rick, und das hier ist Jet. Sein richtiger Name ist James, aber wir nennen ihn ‚Jet‘, weil er immer schon eine Schwäche fürs Fliegen hatte. Und schneller ist als jeder Düsenjet.“

Vorsichtig blickte Ellie zu den beiden anderen Männern hinüber. Über ihr Gesicht huschte ein kleines Lächeln.

Gut dachte Max. Sie entspannt sich ein bisschen. „Möchten Sie etwas trinken?“, fragte er. „Vielleicht ein Glas Wasser?“

„Ich will ja kein Spielverderber sein“, meinte Rick gedehnt. „Aber da unten auf der Straße steht ein Typ, der offensichtlich sehr an dieser Wohnung interessiert ist.“

Ellie schnappte erschrocken nach Luft und drückte sich an die Seite, um nicht gesehen zu werden. Dann schob sie sich an der Wand entlang, bis sie einen Blick aus dem Fenster erhaschen konnte.

„O nein“, stöhnte sie. „Das ist Marcus. Ich dachte, ich hätte ihn am Flughafen abgeschüttelt.“

„Wer ist dieser Marcus?“ Max trat ans Fenster, doch als er hinunterschaute, war auf der Straße nur noch ein Taxi mit Fahrer zu sehen.

„Er ist … ähm … Er war mein …“ Ellie suchte nach dem richtigen Wort. „Ich hatte eine flüchtige Beziehung mit ihm. Und es war ziemlich schwer, von ihm wegzukommen.“

Max musste seinen Zorn beherrschen. „Er ist ein Stalker?“

„Na ja, schon irgendwie.“

„Von wo sind Sie gekommen?“

„Heute? Aus Wellington“, erwiderte sie. „Ich vermute, er hat einen Privatdetektiv engagiert, der irgendwie meinen Ticketkauf mitgekriegt hat. Marcus muss aus Auckland hergeflogen sein, um mich am Flughafen abzupassen.“

„Auckland … natürlich.“ Rick schnippte mit den Fingern. „Dachte ich’s mir doch gleich, dass mir der kleine Mistkerl bekannt vorkam.“

Verblüfft schauten alle ihn an.

„Du kennst ihn?“

„Marcus Jones. Orthopädischer Chirurg, richtig?“

„J… ja“, stotterte Ellie verwirrt.

Rick wandte sich an seine Freunde. „Ich hatte vor ein paar Jahren mal einen kleinen Zusammenstoß mit ihm, als ich noch im Auckland General Krankenhaus gearbeitet habe. Es ging um einen Patienten mit einem üblen Wirbelsäulentumor. Ich wollte einen neuen Ansatz ausprobieren. War zwar riskant, aber durchaus machbar. Und er hätte keine neurologischen Schäden davongetragen.“

Das zustimmende Nicken von Max und Jet zeigte, dass sie Ricks Einschätzung für korrekt hielten.

„Aber der kleine Fiesling ist ziemlich überzeugend. Er hat den Patienten und dessen Familie dazu überredet, sich für das Standardverfahren zu entscheiden. Der arme Kerl endete mit einer kompletten Querschnittslähmung und musste zu Hause beatmet werden. Inzwischen ist er wahrscheinlich tot.“

Jet zog die Brauen hoch, und Max nickte. „Einer, der sich an die Regeln hält.“

„Nee, er glaubt, er kann die Regeln selbst bestimmen“, entgegnete Rick.

„Ach ja?“ In Max’ Stimme schwang ein drohender Unterton mit, der ihm anerkennende Blicke der beiden anderen einbrachte.

In diesem Moment ertönte ein forderndes Klopfen an der Tür.

„Mach auf“, befahl eine Männerstimme. „Ich weiß, dass du da drin bist, Eleanor.“

Jet ging zur Tür.

„Nein“, flüsterte Ellie. „Bitte nicht.“

Max sah sie an. „Der Typ klingt nicht so, als würde er einfach so abhauen, ohne dass man ein bisschen nachhilft. Bei uns sind Sie sicher.“

„Mmm“, meinte sie zögernd, aber hoffnungsvoll.

„Sie möchten doch, dass er weggeht, oder?“

„Ja.“

„Für immer?“

„O ja.“

Jet riss die Tür auf.

„Das wurde aber auch Zeit.“ Ein kleiner Mann im Nadelstreifenanzug betrat das Apartment. „Komm mit, Eleanor. Unten wartet ein Taxi auf uns.“

Ellie sagte nichts. Ihre Lippen bebten, obwohl sie sie fest zusammenpresste.

Der Neuankömmling kam noch weiter herein und schien erst jetzt die beiden anderen Männer zu bemerken. Über die Schulter schaute er zurück zu Jet, der mit verschränkten Armen und drohender Miene an der geschlossenen Wohnungstür lehnte. Max musste beinahe grinsen. Darin war Jet einfach unschlagbar.

Marcus Jones warf einen Blick auf Rick, dann auf Max. Wie gut, dass sie nach ihrem jährlichen Motorradausflug alle noch ihre Lederkleidung trugen. Und noch besser, dass alle drei mindestens fünfzehn Zentimeter größer, wesentlich schwerer und um einiges jünger waren als der fesche kleine Chirurg.

Marcus Jones räusperte sich. „Wer sind diese Leute, Eleanor?“

Ellie schwieg. Sie erschien wie ein kleines wildes Tier, das in der Falle saß.

Max sah, dass Marcus nervös schluckte. Dieser Mann war jemand, der gerne andere schikanierte. Das machte Max nur noch wütender.

In einer übertriebenen Geste breitete Jones die Hände aus und wandte sich an die drei Männer. „Ich weiß ja nicht, was sie Ihnen erzählt hat, aber hier handelt es sich lediglich um ein kleines Missverständnis. Eleanor ist meine Verlobte. Sie bekommt ein Kind von mir, und ich bin gekommen, um sie nach Hause zu holen.“

Max spürte, wie Ellie neben ihm leicht schwankte. Er legte den Arm um ihre Schultern, und sie lehnte sich an ihn. In ihren Augen lag eine so flehentliche Bitte um Hilfe, dass kein echter Mann ihr hätte widerstehen können.

„Komisch“, gab er daher milde zurück. „Ellie hat mir gesagt, dass das Baby von mir ist, und wissen Sie was?“ Mit einem durchdringenden Blick sah er den unerwünschten Eindringling an. „Ich glaube ihr.“

Plötzliche Stille trat ein. Kein Wunder. Max war selbst überrascht von dem, was er da gerade gesagt hatte.

Merkwürdigerweise fühlte es sich jedoch gut an.

Rick unterdrückte sein Lachen und hustete stattdessen. Jet, den Marcus nicht sehen konnte, schüttelte nur ungläubig den Kopf und feixte ganz offen.

„Eleanor.“ Marcus’ Augen wurden schmal. „Willst du nicht auch mal was dazu sagen, anstatt hier bloß rumzustehen?“

Jet öffnete die Tür. „Die Lady möchte ganz offensichtlich nicht mit Ihnen reden“, sagte er höflich. „Also seien Sie brav und machen Sie sich vom Acker.“

„Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe“, zischte Marcus erbost. „Zufällig bin ich der beste Chirurg der orthopädischen Abteilung im Auckland General Hospital. Es ist mir egal, zu welcher Gang Sie gehören. Wenn Sie mir in die Quere kommen, werden Sie es bereuen.“

„Was wollen Sie uns antun?“, warf Rick liebenswürdig ein. „Vielleicht irgendeine OP versauen und uns für den Rest unseres Leben ans Beatmungsgerät fesseln?“

„Wie bitte?“ Der kleine Mann starrte ihn so feindselig an, dass Max instinktiv Ellie näher an sich zog. „Ich fasse es nicht. Sie sind dieser eingebildete Stationsarzt von der Neurologie, der glaubte, er wüsste mehr als ich.“

„Das ist schon ein paar Jahre her“, erwiderte Rick. „Mittlerweile bin ich Facharzt für Neurochirurgie.“

„Und ich Facharzt für Notfallmedizin“, ergänzte Max. „Ihr Status wird Ihnen hier wohl kaum weiterhelfen.“

„Ich mache gerade eine Vertretung in der Notaufnahme, solange ich in der Stadt bin“, erklärte Jet. „Normalerweise arbeite ich bei der Luftwaffe. Und Ihre Drohungen sind reichlich fehl am Platz.“

Max hörte, wie Ellie hörbar einatmete. Hatte sie etwa auch gedacht, dass es sich bei ihnen um eine Motorradbande handelte? Trotzdem hatte sie ihm vertraut. Das gefiel ihm. Und sie schien mutiger zu werden.

„Verschwinde, Marcus“, sagte sie. „Ich habe dir schon vor sehr langer Zeit gesagt, dass ich dich nie wiedersehen will.“

Marcus Jones machte einen zunehmend unsicheren Eindruck. Er trat von einem Fuß auf den andern und blickte über die Schulter zur offenen Tür.

„Sie ist jetzt mit mir zusammen“, setzte Max hinzu. „Meine Frau. Mein Baby.“ Er lächelte grimmig. „Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie abhauen. Und kommen Sie ja nie wieder zurück.“

Vom Fenster aus beobachteten alle, wie Jones in das wartende Taxi einstieg und davonfuhr.

Rick lachte. „Der war gut, Max.“

Jet schüttelte erneut den Kopf. „Ja, da hast du wirklich eine super Nummer abgezogen. Ich liebe dich, Mann, muss jetzt aber trotzdem los. Ist schon spät.“

„Allerdings.“ Rick nahm seinen Helm. „Ich muss auch weg. Bis bald.“

„Aber …“ Max hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Seine Freunde wollten gehen, und Ellie war immer noch da. Was zum Teufel sollte er denn jetzt tun?

Jet und Rick wussten ganz genau, dass sie ihn in der Patsche sitzen ließen. Und es machte ihnen einen höllischen Spaß, was ihr breites Grinsen eindeutig bewies.

Max brachte die beiden zur Tür, wo Rick ihn kameradschaftlich knuffte. „Dir wird schon was einfallen“, meinte er. „Hey, denk dran: deine Frau, dein Baby.“

Max hörte ihr Gelächter sogar noch durch die geschlossene Wohnungstür.

2. KAPITEL

Das tiefe Motorengeheul der starken Maschinen wurde leiser, doch Ellie spürte noch den Nachhall. Oder zitterte sie noch von der Begegnung mit Marcus?

Sie ließ sich auf einen der Stühle am Tisch sinken. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt. Marcus hatte sie gefunden. Er wusste, dass sie schwanger war, und schien sich absolut sicher zu sein, dass das Kind von ihm stammte.

Aber Ellie hatte gewonnen. Zwar nicht den gesamten Kampf, aber doch zumindest diese Runde. Dank einer Gruppe schwarz gekleideter Schutzengel. Sie hatten sie beschützt und Marcus verjagt.

Das würde ihm bestimmt nicht gefallen.

Ellies Lächeln schwand schlagartig.

„Alles okay mit Ihnen?“ Ein Stuhl schrammte über den gefliesten Boden, als Max sich ans andere Tischende setzte. Er schob einen schwarzen Vollvisierhelm zu den drei angefangenen Bierflaschen hinüber.

„Ja. Es tut mir leid, dass ich Ihre Party unterbrochen habe“, meinte sie.

Max lächelte. „Bei einer Party würden hier garantiert mehr als bloß drei Bierflaschen herumstehen, und sie wären leer.“ Er fuhr sich über das Gesicht. „Nein, das war nur ein symbolischer Abschied, weil die Jungs heute Nacht arbeiten müssen. Es ist eine Art Ritual.“ Die Trauer in seiner Stimme ging Ellie ans Herz. „Ein Jahrestag.“

Sie sah ihn an. Diese tiefen Linien in seinem Gesicht. Die Augen waren dunkelbraun, genau wie das wellige, vom Helm noch platt gedrückte Haar. An manchen Stellen schaute jedoch die eine oder andere Locke hervor, was Max ein charmant strubbeliges Aussehen verlieh. Durch den dunklen Schatten an seinem Kinn wurde dieser Eindruck noch verstärkt. Als er sich das markante Kinn rieb, konnte Ellie förmlich die rauen Bartstoppeln an ihren eigenen Fingern fühlen.

Außerdem hatte er Schatten unter den Augen. Sie schätzte ihn auf höchstens Mitte dreißig.

„Kein schöner Jahrestag?“, fragte sie vorsichtig.

Prüfend blickte er sie an, ehe er seufzend wegschaute. „Wir waren früher mal zu viert“, antwortete er schlicht. „Sehen Sie?“

Max zeigte auf ein silbergerahmtes Foto auf dem Bücherregal am Fenster. Vier junge Männer von Anfang zwanzig standen in einer Reihe vor ihren glänzenden Motorrädern. Alle trugen Lederkleidung, hielten einen Helm unterm Arm und lachten. Ellie erkannte Max, Rick und Jet. Der vierte Mann war kleiner als die andern und hatte einen wilden Lockenschopf.

„Matthew starb heute vor zehn Jahren.“

„Oh.“ Sie sah ihn wieder an. Die Verbundenheit der drei Männer, als sie ihr geholfen hatten, war offensichtlich gewesen. Max konnte offenbar tief für andere empfinden, und er war sehr loyal. „Das tut mir leid“, sagte sie leise.

Er schaute auf. „Manchmal geht das Schicksal seltsame Wege.“ Er versuchte zu lächeln, was ihm jedoch nicht recht gelang. „Matt ist gestorben, weil es Leute gab, die nur strikt ihre Regeln befolgten. So wie Ihr Freund Mr Jones.“

„Er ist nicht mein Freund“, widersprach Ellie heftig.

Aber Max, der die Augen schloss, hörte sie nicht. Er hatte erstaunlich lange, dunkle Wimpern.

„Es gab Vorschriften, und die mussten eingehalten werden.“ Als er die Augen öffnete, schien er in einer ganz anderen Zeit zu sein als hier an diesem stillen Sonntagnachmittag. „Wir kamen gerade frisch von der Uni, und welcher Oberarzt wäre bereit gewesen, die Regeln zu umgehen, nur weil wir eine ungute Vorahnung hatten? Wir durften noch nicht mal unsere Dienste tauschen, um Matt im Auge zu behalten. Sogar er selbst meinte, es wäre alles in Ordnung. Er hätte bloß Kopfschmerzen und bräuchte nur etwas Schlaf.“

Max hielt inne und holte tief Luft. „Als unsere Schicht zu Ende war, lag Matt wegen eines geplatzten Aneurysmas im Koma. Sie haben ihn nur gerade so lange am Leben erhalten, dass seine Familie über eine Organspende entscheiden konnte.“

Er warf einen Seitenblick auf die Bierflaschen. „Seine Familie wollte uns nicht dabeihaben“, fuhr er tonlos fort. „Warum auch? Jedes Mal, wenn Matt in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte, hatte es mit uns zu tun. Seine Schwester Rebecca war überzeugt, dass wir ihn hätten retten können, wenn wir nur ein bisschen besser aufgepasst hätten. Es war schrecklich. Schließlich sind wir auf unsere Maschinen gestiegen und losgebraust. Nach unserer Rückkehr erfuhren wir, dass sie die Geräte abgeschaltet hatten und Matt tot war.“

Max schüttelte die düsteren Erinnerungen ab. „Wir redeten uns ein, dass Matt an diesem Tag auf dem Sozius gesessen hatte und mit uns durch die Gegend gebraust war. Darum machen wir jetzt jedes Jahr eine ordentliche Tour, die dann mit einem schönen kalten Bier endet.“

„Und dabei habe ich Sie gestört“, meinte Ellie bedauernd.

Max antwortete lächelnd: „Ganz im Gegenteil. Dadurch hatten wir die Gelegenheit, uns an einem von denen zu rächen. Diesen egoistischen Paragrafenheinis, die sich immer an die Regeln halten. Damals wussten wir nicht, wie wir mit ihnen umgehen sollten. Glauben Sie mir, das war für uns ein Extra-Bonus.“

Sein Lächeln löste ein höchst eigenartiges Gefühl in ihr aus. Es lag eine Herzlichkeit und Wärme darin, die nichts Düsteres oder Trauriges an sich hatte. Eine Wärme, die sich in ihr ausbreitete und wodurch sich die von der Anspannung verursachten starken Rückenschmerzen zu lösen begannen.

Der Adrenalinstoß der letzten halben Stunde ließ allmählich nach und machte einer tiefen Erschöpfung Platz. Doch das war in Ordnung, weil dieses Lächeln ihr auch Kraft schenkte. Ein wunderbares Lächeln. Ellie war nur zu müde, um es zu erwidern.

„So, das war meine Geschichte.“ Max hob die Augenbrauen. „Und Ihre, Ellie?“

Einerseits wollte sie ihm ihre Geschichte erzählen. Andererseits fürchtete sie, dass er dann schlecht von ihr denken würde. Deshalb schwieg sie.

Er wartete geduldig, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Unbehaglich rutschte sie hin und her. Ihre Rückenschmerzen wurden stärker, und auch ihr Magen schien zu rebellieren. Wann hatte sie zuletzt etwas gegessen? Gestern Abend?

„Hatte er recht?“, fragte Max schließlich. „Ist das Kind von ihm?“

„Ja“, gestand sie leise. Die Wahrheit war schmerzlich.

„Wie haben Sie ihn kennengelernt?“

„Ich war seine OP-Schwester in Auckland. Eine ganze Weile kannte er noch nicht mal meinen Namen. Aber dann fiel ich ihm plötzlich auf, und er wurde bei der Arbeit etwas netter zu mir. Eigentlich wurde er dann zu allen netter.“

„Normalerweise war er also nicht nett? Nein, lassen Sie mich raten.“ Max stützte die von der Lederjacke gepolsterten Ellbogen auf den Tisch und legte die Fingerspitzen aneinander. „Jähzornig? Einer, der die Instrumente durch die Gegend schmiss, wenn ihm was nicht passte? Oder, der seine Mitarbeiter gerne mal runterputzte?“

Ellie war verblüfft. „Woher wissen Sie das?“

Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. „Ich kenne solche Typen. Also, was ist nach dieser wundersamen Persönlichkeitsveränderung passiert?“

„Er … wollte sich mit mir verabreden.“

„Und Sie sind ihm direkt in die Arme gefallen?“

Ellie zuckte zusammen. „Nein. Ich war nicht interessiert. Aber …“ Sie seufzte. „Marcus war sehr beharrlich. Und ob Sie’s glauben oder nicht, er kann ziemlich charmant sein.“

„Oh, das glaube ich Ihnen gerne“, meinte Max grimmig. „Kontrollfreaks sind dafür bekannt, dass sie eine Charmeoffensive starten, um zu kriegen, was sie wollen.“

Sie atmete tief durch. „Ich bin mit ihm ausgegangen“, sagte sie schnell. „Ein paar Mal, und dabei habe ich mich sogar ein bisschen in ihn verliebt.“

Max lehnte sich zurück. Seine Miene gab ihr mehr als deutlich zu verstehen, was er dachte. Ein paar Verabredungen und schon schwanger?

„Wir waren eine Weile zusammen“, fuhr sie fort. „Da ist es dann passiert. Allerdings habe ich bald gemerkt, dass Marcus nicht der Richtige für mich ist, und mich von ihm getrennt.“

Prüfend sah Max sie an. „Aber er ist jemand, der kein Nein akzeptiert, stimmt’s?“

Ellie presste die Lippen zusammen. „Er fing an, mich zu verfolgen.“

Die Angst spiegelte sich in ihrem Gesicht, und Max fluchte halblaut, aber heftig. „Ein Stalker. Dieser Bastard! Verdammt, ich wünschte, wir hätten ihn nicht so ungeschoren davonkommen lassen. Wenn wir das gewusst hätten …“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, das hätte das Ganze nur noch schlimmer gemacht. Und letztendlich hätte er gewonnen. Irgendwie gewinnt er immer.“

„Diesmal nicht.“

Das klang wie ein Versprechen, aber leider konnte Ellie es nicht annehmen. „Ich werde weit weggehen“, versicherte sie Max. „Ins Ausland. Ich werde meinen Namen ändern und irgendwo neu anfangen, wo er uns nicht finden kann.“

„Sie dürfen ihn nicht gewinnen lassen.“

„Aber ich kann nicht gegen ihn kämpfen“, erklärte sie. „Ich hab’s versucht. Ich habe ihm sogar mit einer Anzeige gedroht, wenn er mich nicht in Ruhe lässt. Und raten Sie mal, was passiert ist? Ich habe meinen Job verloren. Er tat so, als wäre ich im OP total unfähig, und hat sich offiziell über mich beschwert. Niemand hat sich meine Seite angehört, und ich wurde auf die Geriatrie versetzt.“

Max schwieg, hörte aber genau zu.

„Er war immer da. Bereit, alles wieder in Ordnung zu bringen, falls ich nachgab. Es gab Entschuldigungen, Versprechungen und Drohungen. Blumen, Anrufe und ständige SMS, die alle völlig harmlos wirkten“, fuhr Ellie fort. „Manchmal hat er mich nach dem Dienst abgefangen, egal ob um sechs Uhr früh oder um Mitternacht. Sarah, meine Mitbewohnerin, flippte deswegen irgendwann aus. Also bin ich nach Wellington umgezogen. Ein paar Wochen später ist Sarah auch weggegangen. Marcus tauchte immer noch ständig bei ihr auf und wollte wissen, wo ich bin. Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Vor allem, weil sie sich ja um Josh kümmern musste.“

Max nickte. „Ein netter Junge.“

„Wussten Sie, dass er nicht Sarahs Sohn ist, sondern ihr Neffe?“

„Ja, sie hat’s mir erzählt. Ihre Schwester ist vor zwei Jahren bei einem Unfall gestorben, oder?“

„Ja, das stimmt. Und Josh ist erst neun. Ich konnte es ihr also nicht übel nehmen, dass sie sich seinetwegen Sorgen machte. Aber sie hat mir die Schuld dafür gegeben, dass Marcus sie belästigte“, sagte Ellie. „Deshalb hat sie monatelang nicht mehr mit mir gesprochen.“

„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“

„Wer hätte einer Krankenschwester geglaubt, die schlecht über einen angesehenen Chirurgen redet? Ich hatte ja schon seinen Einfluss zu spüren bekommen, als ich um meine OP-Stelle kämpfte. Außerdem hatte ich nichts vorzuweisen außer romantische Gesten und SMS-Nachrichten von einem Mann, den die meisten Leute für charmant hielten.“

„Wussten Sie von Ihrer Schwangerschaft, als Sie Auckland verließen?“

Ellie schüttelte den Kopf. „Es ist mir noch nicht mal in den Sinn gekommen, weil ich eine niedrig dosierte Pille gegen Menstruationsbeschwerden nahm. Die funktionierte so gut, dass ich meine Regel oft auch gar nicht bekam. Es dauerte Monate, bis ich es ahnte, und dann war es viel zu spät, um noch etwas dagegen zu unternehmen. Selbst wenn ich …“ Sie brach ab.

„Er war wohl kaum der Mann, den Sie sich als Vater Ihres Kindes gewünscht hätten“, meinte Max verständnisvoll.

„Nein.“

„Hätte aber schlimmer kommen können“, sagte er nachdenklich. „So schlecht sieht der Kerl gar nicht mal aus.“

Ellie blieb der Mund offen stehen.

„Und er ist sicher auch überdurchschnittlich intelligent.“

Sollte das ein Witz sein? Sie war fassungslos. Vielleicht hatte sie sich ja doch in Max getäuscht.

„Ein bisschen klein geraten“, fuhr er fort. „Und Sie sind auch gerade kein Riese, aber vielleicht wird’s ja ein Mädchen. Hübsch und zierlich wie seine Mutter.“ Er lächelte sie an. „Wenn Sie zu einer Samenbank gegangen wären, hätte er auf dem Papier ganz gut ausgesehen, oder? Ich nehme an, seine unangenehmen Eigenschaften sind eher erziehungs- als wesensbedingt.“

Ihre Bestürzung, ja sogar der Ärger, der Ellie durchzuckt hatte, dass Max den Albtraum, mit dem sie schon so viele Monate leben musste, verharmlosen könnte, wich auf einmal. Stattdessen fühlte sie sich plötzlich erleichtert. Max gab ihr das Gefühl, dass es in Ordnung war, dass sie dieses Baby liebte. Sie brauchte sich nicht dafür zu schämen oder sich schuldig zu fühlen. Oder Angst davor zu haben, was später womöglich aus ihrem Kind werden könnte.

Max hatte ihr nicht nur ein Gefühl der Sicherheit gegeben, sondern auch Hoffnung.

Ellies Lächeln war ein wenig zittrig. „Danke.“

„Gern geschehen“, meinte er. „Und? Wissen Sie schon, ob es ein Mädchen wird?“

„Nein. Ich hatte noch keinen Ultraschall. Wenn ich zur Geburtsvorsorge gegangen wäre, hätte Marcus mich vielleicht über die Datenbank gefunden. Das wollte ich nicht riskieren.“

„Aber mussten Sie bei Ihrer Arbeitsstelle in Wellington nicht Ihre Personaldaten angeben?“

„Ich habe nicht in einem Krankenhaus gearbeitet, sondern als Privatpflegerin bei einem Querschnittsgelähmten“, antwortete Ellie. „Dort war ich bis vor Kurzem, bis mir das Heben zu schwer wurde. Dann gelang es mir schließlich auch, wieder mit Sarah Kontakt aufzunehmen. Sie sagte mir, dass sie in die USA wollte, und das erschien mir als die perfekte Lösung. Also habe ich mir meinen Pass besorgt und …“

„Moment mal!“ Max hielt die Hand hoch. „Soll das heißen, Sie haben überhaupt keine Geburtsvorsorge gehabt?“

„Ich bin achtundzwanzig, jung und gesund“, verteidigte sie sich. „Ich hatte keinerlei Probleme, und ich habe alle erforderlichen Nahrungsergänzungsmittel eingenommen. Als Krankenschwester kann ich gut auf mich selbst aufpassen.“

Seine erhobenen Brauen zeigten, dass er das bezweifelte. „Wie weit sind Sie?“

„Sechsunddreißig Wochen und zwei Tage.“

„Und in welcher Position liegt das Baby?“

„Ich …“ Sie schwieg.

„Sie wissen es nicht, stimmt’s?“

Ellie senkte den Blick und presste den Mund zusammen.

„Wo wollten Sie das Kind denn kriegen, wenn nicht im Krankenhaus?“, fragte Max weiter.

„Woanders kann ich in ein Krankenhaus gehen. Unter einem anderen Namen.“

„Und falls Sie es tatsächlich schaffen sollten, auf einen internationalen Flug zu kommen, wie soll das funktionieren, wenn Sie in zehntausend Meter Höhe plötzlich Wehen bekommen? Viele Stunden vom nächsten Flugplatz entfernt?“

Ellie hatte das Gefühl, dass er böse auf sie war, und das konnte sie nicht ertragen. Ihr war elend zumute. Er hatte ihr Geborgenheit und Hoffnung gegeben, und jetzt war es damit vorbei. Noch nie hatte sie sich so furchtbar einsam gefühlt.

Max war entsetzt. Nun, da er wusste, wovor er Ellie beschützt hatte, war er froh, dass das Schicksal ihn zur rechten Zeit an den richtigen Ort geschickt hatte.

Sie hielt den Kopf gesenkt, sodass er nur ihr dichtes, kupferfarben glänzendes Haar und die Spitze ihrer kleinen Stupsnase sehen konnte. Ihre Augen waren auffallend schön. Und die Figur unter dem weiten Pullover war bestimmt genauso zart wie ihre Hände und das feine Gesicht.

Ellie hatte die Arme schützend um ihren Bauch gelegt. Und Max sah ihre hängenden Schultern. So als glaubte sie, die ganze Welt wäre gegen sie.

„Es tut mir leid“, sagte er aufrichtig. „Ich wollte es Ihnen nicht noch schwerer machen. Ich würde Ihnen gerne helfen, wenn ich kann.“

Sie schaute auf, und Max war außerstande, seinen Blick von ihren Augen loszureißen. Er konnte ihren Blick beinahe fühlen, wie eine Berührung.

„Sie haben keine Nachsendeadresse von Sarah, oder?“, fragte Ellie.

„Nein“, erwiderte Max. „Sie wissen doch, warum sie es so eilig hatte, in die Staaten zu fliegen, oder?“

„Eigentlich nicht. In ihrer E-Mail hat sie nicht viel geschrieben. Ich hatte den Eindruck, sie wollte woanders noch einmal neu anfangen.“

„Sie hat Ihnen nicht erzählt, dass bei Josh vor sechs Monaten Leukämie diagnostiziert wurde?“

„O nein“, flüsterte Ellie erschrocken. „Das wusste ich nicht. Als ich wegging, machte sie sich seinetwegen Sorgen. Sie dachte, der Stress wäre zu viel für ihn. Auch deshalb bin ich weggezogen.“

„Er bekam die Diagnose erst, nachdem Sie hier waren. Sein Zustand verschlechterte sich sehr schnell, und Sarah beschloss, wegen einer Knochenmarkspende seinen Vater zu finden. Schließlich konnte sie den Mann über die Geburtsurkunde ausfindig machen. Er ist offenbar Arzt in Kalifornien. Sarah dachte, es wäre das Beste, mit Josh direkt dorthinzufliegen. Bei einer E-Mail oder einem Telefonanruf wäre es für seinen Vater zu leicht gewesen, Nein zu sagen. Sie will solange bleiben, bis die Knochenmarkstransplantation dort durchgeführt wurde.“

„Sie braucht bestimmt Hilfe bei Joshs Pflege. Das könnte ich übernehmen. Arme Sarah.“

„Sie können jetzt nicht nach Amerika fliegen, Ellie“, sagte Max sanft. „Geben Sie den Plan auf.“

„Dann eben nach Australien. Das ist nicht ganz so weit weg.“

„Und wie wollen Sie alleine zurechtkommen?“

„Ich suche mir einen Job. Ich bin gut in meinem Beruf“, antwortete sie.

„Das glaube ich Ihnen.“ Max unterdrückte einen Seufzer. „Aber meinen Sie wirklich, Sie kriegen eine Stelle als OP-Schwester ohne einen Nachweis Ihrer Qualifikationen? Die Krankenhausverwaltung will sicher wissen, wo Sie zuletzt angestellt waren, und mit den Leuten dort sprechen.“

Wieder senkte Ellie den Blick. „Ja, ich weiß“, sagte sie bedrückt. „Meine Gedanken drehen sich ständig im Kreis. Und ich hoffe immer, dass ich noch irgendeine Lösung finde.“ Ihr standen Tränen in den Augen. „Aber es gelingt mir nicht. Ich muss einfach jeden Tag nehmen, wie er kommt, und überlegen, was ich machen soll.“

„Vor allem müssen Sie sichergehen, dass mit Ihnen und Ihrem Baby alles in Ordnung ist.“

Sie nickte resigniert. „Morgen gehe ich zum Arzt, versprochen. Und ich suche mir eine Hebamme.“

„Sie werden das Kind im Krankenhaus entbinden?“

„Nein, das geht nicht. Was ist, wenn Marcus davon erfährt? Wenn er die Gelegenheit bekommt, einen DNA-Test durchzuführen, und feststellt, dass es sein Kind ist? Er würde es mir wegnehmen.“

Schwerfällig stützte Ellie sich am Tisch ab und stand auf. „Das lasse ich nicht zu. Es ist mein Baby.“ Sie wandte sich zum Gehen.

„Hey, es ist auch mein Baby, irgendwie.“ Max sprang auf. Er musste sie zurückhalten. Wenn sie jetzt ging, hatte er keine Möglichkeit mehr, ihr zu helfen. Als er behauptet hatte, er wäre der Vater, hatte er schließlich eine Verantwortung übernommen.

Ellie hatte das Wohnzimmer halb durchquert, um ihre kleine Reisetasche zu holen, die noch neben der Eingangstür lag. Da blieb sie plötzlich stehen, presste die Arme vor den Bauch und krümmte sich mit einem erstickten Schmerzensschrei. Voller Schrecken sah Max den dunklen Fleck auf ihren Jeans.

War ihre Fruchtblase geplatzt?

Sofort eilte er zu ihr, hielt sie fest und half ihr, sich auf den Fußboden zu legen. Danach sah er, dass seine Hand blutverschmiert war.

„Nicht bewegen, Ellie“, sagte er. „Es wird alles gut. Ich rufe einen Krankenwagen.“

Die schrille Sirene des Krankenwagens noch im Ohr folgte Max der Liege, mit der Ellie in die Notaufnahme des Dunedin Queen Mary Hospital geschoben wurde. Er hatte ihr die beiden IV-Zugänge gelegt, um mit der Flüssigkeitszufuhr den Blutverlust auszugleichen. Ellies Blutdruck war bereits alarmierend niedrig, und sie hatte das Bewusstsein verloren. Ihre Werte verschlechterten sich zusehends.

„Vorgeburtliche Blutung“, sagte Max zu der verdutzten Krankenschwester in der Notaufnahme.

„Max! Was macht du denn hier?“

Er ignorierte die neugierigen Blicke. Zugegeben, normalerweise kam er nicht in voller Ledermontur zur Arbeit. „Ist Schockraum eins frei?“

„Ja, wir wurden verständigt. Von der Entbindungsstation ist auch schon jemand unterwegs.“ Die Schwester begleitete die Liege, ebenso wie die Aufnahmesekretärin, die ein Klemmbrett in der Hand hatte.

„Wir haben noch keinen Namen“, meinte diese besorgt.

„Ellie“, gab Max barsch zurück.

Im Schockraum wartete bereite das Notfallteam. Jet, jetzt in OP-Kleidung und mit einem Stethoskop um den Hals, leitete das Team. Als er sah, wer mit der Patientin gekommen war, zeigte er nicht das geringste Erstaunen.

„Auf drei“, befahl er. „Eins, zwei drei.“

Auf der Liege war eine Blutlache zu sehen, sobald Ellie von der Liege auf das saubere weiße Bett gehoben wurde. Sie stöhnte, und ihre Augenlider flatterten.

Max beugte sich zu ihr. „Es ist alles in Ordnung. Wir sind jetzt im Krankenhaus, Ellie. Jet ist hier und wird sich um dich kümmern. Wir sind alle für dich da.“

Sie schloss die Augen wieder.

„Glasgow-Koma-Skala fällt.“ Max bemühte sich um einen neutralen, distanzierten Ton, was aber nicht funktionierte.

Jet hielt Ellies Kopf, um sicherzugehen, dass ihre Atemwege frei blieben. Mit einem flüchtigen Blick zu Max murmelte er: „Was zum Teufel ist passiert?“

„Heftige Blutungen wie aus dem Nichts, nachdem sie aufgestanden ist. Außerdem starke Unterleibsschmerzen.“

Die Sekretärin stand immer noch im Hintergrund, während Ellie an die medizinischen Geräte angeschlossen wurde.

„Wie ist der Nachname der Patientin?“, fragte sie. „Und ihr Alter?“

Ein Assistenzarzt tastete Ellies Bauch ab. „Der Unterleib ist verhärtet“, erklärte er. „Ist sie in den Wehen? Wie weit ist sie?“

„Sechsunddreißig Wochen und zwei Tage“, antwortete Max.

Ellie war nun fast nackt und sah unglaublich zerbrechlich aus. Eine Geburtsmedizinerin sowie ein Radiologieassistent mit einem mobilen Ultraschallgerät eilten herein. Jet hielt Ellie eine Sauerstoffmaske vors Gesicht und betrachtete besorgt die Werte auf dem Monitor.

„Ellie“, sagte er laut an ihrem Ohr. „Kannst du mich hören? Mach die Augen auf.“

„Gibt es irgendwelche Angehörigen, von denen ich ihre Daten bekommen kann?“ Die Sekretärin blieb beharrlich. „Ist der Ehemann mit dabei? Oder ihr Partner? Der Vater des Kindes?“

Das löste einen Reflex in Max aus. Ellie hatte solche Angst davor gehabt, in ein Krankenhaus zu gehen, um ihr Baby zu schützen. Und er wollte sie beschützen.

„Ja“, sagte er daher laut und deutlich. „Ich bin der Vater.“

Irgendjemand ließ einen Metallgegenstand fallen. Ein Geräusch, das in der plötzlichen Stille umso durchdringender wirkte. Jet fluchte leise, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden.

„Ich erklär’s dir später“, meinte Max leise. „Mach einfach mit.“

Die Sekretärin kritzelte erfreut etwas auf ihren Anmeldebogen. „Nachname?“, erkundigte sie sich eifrig.

Falls Ellie unter ihrem wahren Namen aufgenommen wurde, würde früher oder später Marcus Jones hier auftauchen. Und selbst wenn die Dinge besser laufen sollten, als es momentan aussah, musste sie auf jeden Fall einige Zeit hierbleiben.

Max hatte keine Zeit zum Nachdenken. Wer A sagte, musste auch B sagen.

„McAdam“, erwiderte er. „Wir sind verheiratet.“

Die Krankenschwester, die gerade die EKG-Elektroden befestigte, blickte verblüfft auf. Andere wechselten erstaunte Blicke.

Doch die Sekretärin ließ nicht locker. „Wie alt ist Ihre Frau?“

„Achtundzwanzig.“

„Geburtsdatum?“

Das reichte. Woher sollte er das wissen? „Hören Sie auf“, knurrte Max. „Das können wir später erledigen.“

„Aber …“

„Raus!“, fuhr Jet sie an. „Wir haben zu tun. Ich werde intubieren. Die Sauerstoffsättigung ist weit genug gefallen. Wir brauchen einen zentralen Venenkatheter und einen arteriellen Zugang.“

„Das mache ich“, bot Max sich an.

Jet schüttelte scharf den Kopf. „Bei deiner Frau? Wohl kaum.“ Er nickte seinen Assistenzärzten zu, damit sie anfingen. „Ich will auch eine Blutprobe zur Blutgruppenbestimmung. Und zwar schnell.“

„Ich brauche außerdem den Rhesusfaktor und die Antikörper“, ergänzte die Geburtsmedizinerin.

Aufmerksam beobachtete sie die Ultraschalluntersuchung. „Sieht nach einer Fehllage der Plazenta aus, und die Patientin liegt in den Wehen. Der Muttermund ist weit geöffnet.“

3. KAPITEL

Eine knappe Stunde später, während sie um das Leben von Ellie Peters kämpften, wurde sie von einem kleinen Mädchen entbunden.

Mittlerweile waren auch ein Team von der Pädiatrie mit im Schockraum, sowie ein Kollege von der Intensivstation, ein Spezialist für Patienten mit starkem Blutverlust. Ellie wurde gut versorgt und das Baby sorgfältig untersucht.

Zur Untätigkeit verdammt, blieb Max nichts anderes übrig, als zuzuschauen.

„Sie ist klein, aber gesund“, verkündete die Kinderärztin schließlich. „Die Atmung ist zufriedenstellend, die Herzfrequenz etwas zu langsam. Habe ich richtig gehört, dass der Vater hier ist?“

Ellie war tief bewusstlos und wurde beatmet. Die behandelnden Ärzte machten sich Sorgen wegen ihrer beeinträchtigten Nierenfunktion.

„Sie sind der Vater?“, fragte die Kinderärztin. „Gut, dann kommen Sie mit. Wir bringen Ihre Tochter nach oben, und wir brauchen Sie.“

Max zögerte. „Ich kann nicht.“ Über die Schulter blickte er zu Ellie und dann wieder zurück zu dem Baby, das in trockene warme Tücher gehüllt war.

Ruhig meinte Jet: „Du kannst im Moment nichts für Ellie tun. Sie wird gleich auf die Intensivstation gebracht. Geh mit dem Baby mit. Ich komme so bald wie möglich und sag dir Bescheid.“

Außerdem wären sie dort ungestörter und könnten über die ganze Sache reden. Hoffentlich würden sie gemeinsam eine Lösung für den Schlamassel finden, in den Max hineingeraten war. Er musste erst morgen früh wieder arbeiten. Sie hatten also die ganze Nacht Zeit, um sich was einfallen zu lassen.

Er machte einen Schritt auf das Baby zu und nickte. „Okay. Gehen wir.“

„Möchten Sie sie mal halten?“

„Äh, ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, erwiderte Max zweifelnd.

Die Kinderärztin warf einen Blick auf den Monitor, der zeigte, dass die Herzfrequenz des Babys sich erneut verlangsamte. „Haben Sie schon mal von der Känguruhaltung gehört?“

„Nein.“ Max schaute auf das Baby in dem Plastikbettchen. Es lag auf der Seite. Eine weiche weiße Mütze bedeckte die dunklen Haare. Ein Arm war gebeugt, und die Hand lag wie ein winziger Seestern auf seiner Wange.

In der Notaufnahme hatte Max bisher nur selten mit solchen Frühgeborenen zu tun gehabt, und er fühlte sich reichlich fehl am Platz.

„Dabei geht es um Hautkontakt mit einem Elternteil“, erklärte die Ärztin. „Solange das Neugeborene medizinisch stabil ist, spricht nichts dagegen. Man hat festgestellt, dass dadurch Sauerstoffaufnahme und Atemfrequenz verbessert werden und sogar die Herzfrequenz.“

„Hautkontakt?“, meinte er bestürzt. „Das ist nicht Ihr Ernst.“

„Sie sitzen dabei nicht nackt hier.“ Die Kinderärztin lächelte. „Im Gegenteil, das Baby muss unter Ihrer Kleidung sein, um seine Körpertemperatur zu halten. Ich weiß, sie sieht sehr klein und zerbrechlich aus, und ihre Geburt kam etwas unerwartet …“

„Sie haben ja keine Ahnung“, sagte Max.

„Und Sie machen sich Sorgen um Ellie“, fuhr sie fort. „Aber auf diese Weise können Sie allen helfen. Vielleicht sogar vor allem sich selbst.“

„Ach ja?“ Auf einmal hörte er aufmerksam zu. „Und wie genau?“

„Indem Sie das tun, wozu Ellie im Augenblick nicht in der Lage ist. Nämlich, sich um das Baby kümmern. Medizinisch gesehen könnten Sie der Kleinen eine große Hilfe sein.“ Prüfend blickte sie ihn an. „Falls Sie sich dabei wirklich zu unwohl fühlen, kann ich auch jemanden vom Pflegepersonal darum bitten. Aber es ist viel besser, wenn ein Elternteil das macht. Dadurch kann eine wichtige Bindung geschaffen werden, um den Stress der nächsten Tage besser zu überstehen.“

Max kam sich vor, als wäre er in einem großen Glaskasten gefangen. Alle schauten ihn an, selbst die Pflegekräfte an den anderen Bettchen. Alle hielten ihn für den Vater des Babys, und welcher Vater hätte seinem Kind nicht helfen wollen? Falls es allzu offensichtlich war, dass er nicht den Wunsch hatte, eine Bindung zu dem Kind aufzubauen, würden die Leute anfangen, Fragen zu stellen. Und das konnte Ellie gar nicht gebrauchen.

Also nickte er, woraufhin er zu einem bequemen Sessel geführt wurde, den jemand herüberrollte. Eine Krankenschwester nahm dem Baby die Decken ab, sodass es nur noch die Windel und die Mütze anhatte. Außerdem war ein Sauerstoffsättigungsanzeiger an einen winzigen Zeh geklemmt, und mehrere weiche Kabel verbanden das Baby mit dem Herzmonitor. Sie war rosa und klein, und ihre Ärmchen und Beinchen sahen aus wie dünne Stöckchen.

„Halten Sie sie bäuchlings und aufrecht“, sagte die Kinderärztin. „Die Schwester ist immer in der Nähe, und falls irgendetwas nicht stimmen sollte, werden die Geräte Alarm geben.“

Max riss sein T-Shirt am Hals auf, sodass er sich nicht ausziehen musste. Als das Baby hochgehoben wurde, ertönte ein Alarmsignal. Der Herzrhythmus der Kleinen war sehr unregelmäßig.

„Muss sie wieder ins Bettchen?“, fragte Max hoffnungsvoll.

„Wir schauen erst mal ein oder zwei Minuten, wie’s läuft.“

Resigniert hielt er sein altes T-Shirt hoch, während die Krankenschwester das Baby in die passende Position brachte und es dann mit dem T-Shirt so weit bedeckte, dass nur das kleine Gesichtchen frei blieb. Danach kam die Lederjacke, und die Schwester half Max, seinen Arm richtig zu halten, um das Kind zu stützen. Ihm war äußerst unbehaglich zumute.

Er spürte, wie das Baby sich an seiner Brust bewegte. Sein winziger Brustkorb hob und senkte sich, als es versuchte, gleichzeitig zu atmen und zu schreien. Doch die Anstrengung war offenbar zu groß, denn die Bewegungen hörten auf.

Vorsichtig wagte Max einen Blick nach unten und sah, dass das Baby ihn mit großen dunklen Augen anblickte. Behutsam holte er Luft und atmete langsam wieder aus.

„Sehen Sie nur!“, meinte die Kinderärztin erfreut. „Die Herzfrequenz erhöht sich und ist stabil.“

Sie warteten noch einen Moment, wobei Max so still saß wie nur irgend möglich.

„Sieht gut aus“, erklärte die Ärztin. „Dann lassen wir Sie jetzt mal allein.“

„Wie lange soll ich das denn hier machen?“, fragte er schnell.

„Je länger, desto besser“, antwortete die Krankenschwester fröhlich. „Solange Sie können.“

Max lehnte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Er konnte den Herzschlag des Babys fühlen. Ein sanftes, schnelles Schlagen an seiner Brust, gerade oberhalb seines eigenen Herzens.

Er öffnete die Augen und schaute wieder hinunter.

Die Kleine war wach und sah ihn immer noch mit diesem intensiven und zugleich äußerst verwunderten Blick an.

„Mmm“, murmelte Max verständnisvoll. „Ich weiß, wie du dich fühlst. Aber keine Angst, wir kriegen das schon hin.“

„Wow, was tust du denn da?“

„Oh, Mann!“

Rick, dicht gefolgt von Jet, war auf die jetzt nur noch dämmrig beleuchtete Neugeborenen-Intensivstation gekommen. Sie fanden Max in seinem Sessel mit dem winzigen Baby unter seiner Lederjacke.

„Schsch, sie schläft.“

Rick hatte die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hochgezogen. „Ich bin Jet vor der Erwachsenen-Intensivstation über den Weg gelaufen“, flüsterte er vernehmlich. „Und ich dachte, ich komme mal vorbei.“ Er grinste breit. „Das hier hätte ich um keinen Preis verpassen wollen. Was machst du da?“

„Ich bin ein Känguru“, brummte Max. „Verzieht euch.“

Jet betrachtete die Monitore. „Das Kind wirkt stabil“, sagte er. „Warum legst du es nicht wieder ins Bett, und wir gehen einen Kaffee trinken?“

„Weil jedes Mal, wenn ich das versuche, ihre Werte schlechter werden.“

Neugierig und unauffällig rückten die anwesenden Pflegekräfte näher heran. Drei große Männer und ein winziges Baby, das war schon eine recht ungewöhnliche Szene.

„Sie liebt ihren Daddy“, meinte die am nächsten stehende Schwester lächelnd zu Rick.

Er lächelte zurück. „Wer würde das nicht tun?“

Die Schwester lachte.

Max seufzte. „Wie sieht’s aus, Jet? Wie geht es Ellie?“

„Sie hängt an der Dialyse“, antwortete Jet düster. „Die Nierenfunktion hat sich noch nicht wieder verbessert, und ihre Lungen geben auch Anlass zur Besorgnis. Sie wird über Nacht sediert und beatmet.“

„Prognose?“

Jet zuckte die Achseln. „Sie hält durch, aber es könnte so oder so ausgehen.“

Max schluckte. Was würde mit dem Baby geschehen, wenn Ellie es nicht schaffte?

Rick beugte sich zu ihm herunter. „Irgendwie niedlich.“ Er lachte. „Ich glaube, ich kann die Familienähnlichkeit erkennen.“

Jet schnaubte. Er warf einen finsteren Blick über die Schulter, um sicherzustellen, dass die Krankenschwestern sich eine Weile um ihre eigenen Aufgaben kümmerten.

„Wie lange willst du das noch durchziehen, Max?“

Max schwieg. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, das Baby an seinem Körper zu spüren. In den vergangenen zwei Stunden hatte er sogar eine seltsame Erleichterung empfunden, als der Kontakt mit der Kleinen wiederhergestellt war und sie sich beruhigt hatte. Er hatte nicht vor, in absehbarer Zeit einen weiteren Versuch zu unternehmen, das Baby in sein Bettchen zu legen. Es würde sich irgendwie nicht richtig anfühlen, bis er wusste, ob Ellie überleben würde.

Schließlich wurde auch Rick ernst. „Jet hat mir erzählt, was in der Notaufnahme passiert ist.“ Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. „Aber auch sonst hätte ich es schnell mitgekriegt. Das ganze Krankenhaus spricht von deiner plötzlichen Vaterschaft.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Ich meine, es war eine Sache, dem Fiesling zu sagen, dass du der Vater bist, damit er abhaut, aber …“ Rick stöhnte.

„Der Mistkerl hat sie nach ihrer Trennung monatelang verfolgt und bedroht“, sagte Max leise.

Einen Moment lang herrschte Stille, und Jet ballte seine Hände zu Fäusten.

„Als sie versuchte, von ihm wegzukommen, hat er dafür gesorgt, dass sie gefeuert wurde“, fuhr Max fort. „Seitdem ist er hinter ihr her. Ich habe ihr gesagt, dass sie in Sicherheit ist. Aber das wird nicht der Fall sein, bis es ihr wieder gut genug geht, dass sie sich um das Baby kümmern und von hier verschwinden kann.“

„Sie wird nie vor ihm sicher sein.“ Ricks Augen waren schmal geworden. „Dieser Bastard!“

„Na ja.“ Max wollte sich erst mal keine Gedanken über die Zukunft machen. Die Gegenwart war schon schwierig genug.

Das Baby bewegte sich. Vielleicht hatten sie es mit ihrer Unterhaltung geweckt. Oder vielleicht merkte es die Anspannung bei Max. Das leise Wimmern wurde zu einem klagenden Schrei, woraufhin Rick und Jet verlegen mit den Füßen scharrten.

Eine Schwester eilte mit einem Fläschchen in der Hand herbei. „Sie hat wohl Hunger“, meinte sie. „Bitte sehr, Daddy.“ Sie gab Max das Fläschchen.

„Vielleicht sollten Sie das lieber machen“, brummte er.

Das Schreien des Babys wurde lauter. Ein Pager ertönte, und sichtlich erleichtert las Jet die Nachricht auf dem Display. Max bemühte sich, dem Baby den Flaschensauger in das winzige Mündchen zu stecken.

„Sorry, ich muss los“, erklärte Jet. „Ich guck später wieder vorbei.“

„Ich komme mit“, sagte Rick schnell.

Jet warf Max noch einen Blick zu. „Soll ich einen Ersatz für deine Schicht in der Notaufnahme morgen früh organisieren?“

Endlich hatte das Baby seinen Mund um den Sauger geschlossen und versuchte, daran zu nuckeln. Max hielt die Flasche schräg, um ihm zu helfen. Die Kleine saugte noch angestrengter, die dunklen Augen auf den Mann geheftet, der offenbar keine Ahnung von dem hatte, was er da tat. Doch dann schmeckte sie die Milch und fing an, rhythmisch zu saugen.

„Max?“, fragte Jet.

„Ja, ein Ersatz wäre gut.“ Max wollte den Augenkontakt mit dem Kind nicht unterbrechen. „Ich werde wohl erst mal eine Weile hierbleiben.“

Ellie fühlte sich verloren.

Es war so dunkel. Sie spürte Gefahr und einen stechenden Schmerz, der nicht aufhörte. Sie hatte Angst.

Sie rannte, war aber so verwirrt, dass sie nicht wusste, ob sie vor etwas davonrannte oder auf etwas zulief, das ihr so wichtig war, dass sie diese schreckliche Reise auf sich nahm.

Doch seltsam, trotz Angst und Schmerz fühlte sie sich beschützt. Als würde jemand über sie wachen. Ein unsichtbarer Schutzengel. Manchmal glaubte sie etwas in den sie umgebenden dunklen Schatten zu erkennen. Aber dann verschwand es unter einer neuen Welle von Schmerzen. Dann war sie wieder in der Dunkelheit gefangen, einsam und verlassen.

Zeit spielte keine Rolle. Ellie schien seit einer Ewigkeit an diesem Ort zu sein. Als sich schließlich etwas veränderte und allmählich ein bisschen Licht eindrang, empfand sie es als verwirrend und Furcht einflößend.

„Ellie? Kannst du mich hören?“

Ja, aber sie wusste nicht, wessen Stimme das war. Sie kannte die Stimme, und sie mochte sie. Weil sie ihr ein Gefühl der Sicherheit gab.

Sprich weiter, bat sie stumm. Ich möchte deine Stimme spüren. Es war, als würde diese Stimme sie sanft einhüllen.

„Kannst du die Augen aufmachen?“

Ellie versuchte es, aber ihre Augen schienen zugeklebt zu sein. Die Lider waren so schwer, dass sie sie nicht heben konnte. Doch sie spürte eine Art Flattern.

„Wach auf, Ellie.“ Die Stimme klang aufmunternd. „Hier ist jemand, der dich gerne kennenlernen würde.“

Sie gab sich große Mühe, und langsam schaffte sie es. Es war hell, viel zu hell. Ihre Augen schmerzten, und sie konnte nur schemenhaft etwas erkennen.

Eine große dunkle Gestalt, wie der Schatten des Schutzengels, von dem sie geträumt hatte.

Ellie blinzelte in das Licht, und allmählich wurden die Umrisse des Gesichts über ihr deutlicher. Dunkle wellige Haare mit widerspenstigen Enden, die an verschiedenen Stellen hervorstachen und dem Gesicht einen verwegenen Ausdruck gaben. Ein markantes Gesicht mit einem rauen, unrasierten Kinn. Außerdem dunkelbraune Augen, die sie eindringlich anschauten, und ein Mund, auf dem ein sanftes Lächeln erschien. Das schönste Lächeln, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

„Hallo, Ellie“, sagte die Stimme. „Wie geht es dir?“

Ihre Lippen fühlten sich steif an, als hätte sie sie schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt. Sie wollte etwas sagen, aber weil ihr der Hals wehtat, kam nur ein rostiges Krächzen heraus. Sie schluckte vorsichtig und blinzelte erneut.

Bilderfetzen schwirrten ihr durch den Kopf. Sie wusste, dass sie in einem Krankenhausbett lag. Der Geruch war ihr so vertraut, ebenso wie die Geräusche der Geräte und Monitore. Sie erinnerte sich an drängende Stimmen, an Worte wie „heftige Blutungen“, „Schockraum“ und „Kreuzblut“. Außerstande, das Durcheinander in ihrem Kopf zu ordnen, konzentrierte Ellie sich auf die dunklen, eindringlichen Augen über ihr.

„Du bist auf der Intensivstation“, sagte die Stimme ruhig. „In den letzten paar Tagen warst du sehr krank, aber du wirst wieder gesund. Du musst nicht mehr beatmet werden, und deinen Nieren geht es auch besser. Dein Hals fühlt sich wahrscheinlich ein bisschen rau an, nachdem du so lange einen Schlauch drin hattest.“

Ein besorgter Blick lag in diesen Augen. Der Mann machte sich Sorgen um sie, das war nett.

„Ich bin Max, erinnerst du dich? Du bist in meine Wohnung gekommen, weil du Sarah gesucht hast. Aber sie war nicht da. Und dann gab’s Schwierigkeiten. Du hast Wehen bekommen und …“

Ellie erschrak. Sie fröstelte plötzlich, und das Gefühl der Sicherheit war schlagartig verschwunden. Sie spürte, wie die Angst von jenem dunklen Ort sie einholte. Stück für Stück kehrten ihre Erinnerungen zurück.

Sarah. Marcus. Ihr Baby.

„Es geht ihr gut“, sagte Max leise. „Siehst du?“

Sie folgte seinem Blick. Er hielt etwas in seinen Armen. Doch erst, als er sich nach vorne neigte, sah sie ein winziges Gesichtchen zwischen den Decken. Ein schlafendes, neugeborenes Baby.

„Oh“, brachte Ellie mühsam hervor. Ihr Hals war trocken und wund. „Ist das …?“

Sie wusste es. Sie konnte es fühlen. Aber trotzdem musste sie es hören, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte.

„Ja“, antwortete Max. „Das ist deine Tochter, Ellie. Willst du sie mal halten?“

Sie nickte stumm, denn Tränen schnürten ihr die Kehle zu. Sie liefen ihr über die Wangen, als Max das Baby behutsam auf ihren Oberkörper legte und Ellie half, es zu nehmen. Er schob den Infusionsschlauch an ihrem Arm zur Seite und schaute dann an ihr vorbei.

„Könnten Sie bitte ein oder zwei zusätzliche Kissen holen, um sie zu stützen?“, fragte er.

Ihre Arme waren so schwach, dass Ellie fürchtete, sie könnte das Baby fallen lassen. Doch Max hielt sie fest. Eine Krankenschwester steckte ihr ein Kissen hinter die Schultern und eins unter den Kopf. Nach einem flüchtigen Schwindelanfall blinzelte Ellie ihre Tränen fort, sodass sie ihr Töchterchen zum ersten Mal richtig sehen konnte.

Die Kleine hatte die Augen noch immer geschlossen, die dunklen Wimpern wie zarte Schmetterlinge auf den Wangen. Ein winziges Näschen und ein perfekter kleiner Schmollmund.

„Ist sie nicht hübsch?“, meinte Max. In seiner Stimme lag ein seltsamer Ton, den Ellie nicht recht einordnen konnte.

Das war ihr Baby. Ein Mädchen.

„Ist sie …?“ Sie brach ab.

„Alles ist perfekt.“ Seine Stimme klang stolz. „Zehn kleine Finger, zehn kleine Zehen. Und sie trinkt gut. Sie hat in zwei Tagen fünfzig Gramm zugenommen.“

„Was?“ Entsetzt schaute Ellie auf. „Wie lange …?“

„… du schon hier bist?“ Mitfühlend sah Max sie an. „Drei Tage. Dieser kleine Knopf hier wurde am Sonntagabend um sieben Minuten nach sechs geboren.“

Auf einmal wurde ihr alles zu viel. Panik stieg in ihr auf, und sie rang angestrengt nach Luft.

„Ellie.“ Sein Flüsterton war eindringlich. „Hör mir zu.“

Sie sah ihn an.

Rasch blickte Max sich um, ehe er sich wieder ihr zuwandte. „Erinnerst du dich daran, dass ich Marcus gesagt habe, ich wäre der Vater des Babys?“

Ellie nickte.

„Hier habe ich den Leuten dasselbe erzählt, und jeder glaubt es.“

Das also war dieser seltsame Ton in seiner Stimme gewesen, dachte sie. Die Art, wie er das Baby gehalten hatte. Er hatte so ausgesehen und sich angehört wie ein frischgebackener Vater, der in sein Kind vernarrt war.

Max beugte sich noch näher heran. Sanft strich er der Kleinen über die zarte Wange. So leise, dass niemand mithören konnte, fuhr er fort: „Ich habe nicht deinen richtigen Namen angegeben. Na ja, ich konnte in dem Moment nicht besonders klar denken.“ Er wirkte verlegen. „Also habe ich gesagt, dass du mit Nachnamen McAdam heißt.“

„Okay“, erwiderte Ellie. Der Name gefiel ihr.

Eine Pause entstand. Ellie spürte, wie das Baby atmete und sich ein wenig im Schlaf bewegte. Es war, als hätte sie einen verlorenen Teil von sich wiedergefunden.

Max seufzte kaum hörbar. „Das ist mein Nachname.“

„Oh.“ Doch Ellie hatte nichts dagegen, sich für eine Weile seinen Namen zu borgen.

„Ich habe gesagt, wir wären verheiratet.“

Verblüfft schaute sie ihn an. Er hatte dafür gesorgt, dass sie unter seinem eigenen Namen im Krankenhaus aufgenommen wurde, um sie vor Marcus zu schützen. Max war ein echter Held, daran bestand kein Zweifel. Auch wenn er im Augenblick müde und unrasiert aussah, war er dennoch unglaublich attraktiv. Und er hatte ein umwerfendes Lächeln. Die Frau, die er einmal heiraten würde, konnte sich glücklich schätzen.

Tiefe Dankbarkeit für alles, was er für sie getan hatte, erfüllte ihr Herz, ebenso wie eine überwältigende Liebe für das kleine Wesen, das in ihren Armen lag. Plötzlich fühlte Ellie sich unendlich erschöpft, und sie hatte Mühe zu atmen.

Ein Piepton ertönte über ihrem Kopf, und eine Krankenschwester eilte herbei.

„Die Sauerstoffsättigung ist viel zu niedrig“, erklärte sie und stellte den Alarm ab.

„Kein Wunder. Sie war zum ersten Mal wach, und die beiden hatten eine sehr emotionale Begegnung“, erwiderte Max.

„Natürlich. Aber jetzt muss ich ihr Sauerstoff geben, und sie braucht Ruhe. Ich denke, Sie sollten das Baby wieder auf die Neugeborenen-Intensiv bringen, Dr. McAdam.“

„Nein!“, stieß Ellie gequält hervor.

„Nur für eine Weile, Ellie.“ Max beugte sich über sie, um das kleine Bündel hochzunehmen. „Sie wird dort gut versorgt, das verspreche ich dir.“ Dicht an ihrem Ohr sagte er leise: „Sie ist sicher, Ellie. Glaub mir, und jetzt ruh dich aus. Wir wollen beide, dass du bald wieder gesund wirst.“

„Na klar“, meinte die Schwester lächelnd. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich werde mich gut um Mrs McAdam kümmern.“

Mrs McAdam?

Das muss ein Traum sein, dachte Ellie, als Max ihr behutsam ihr Töchterchen aus den Armen nahm. Dann neigte er sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf den Mund. Ihr fielen die Augen zu. Ganz bestimmt war das ein Traum.

„Schlaf gut, Darling“, sagte Max deutlich. „Ich komm bald wieder.“

Als Ellie das nächste Mal aufwachte, gelang es ihr sofort, die Augen zu öffnen und alles klar zu erkennen. Der Platz neben ihrem Bett war leer, und ihr entschlüpfte ein Laut der Enttäuschung.

„Was ist denn?“ Eine Krankenschwester mit einem Wattebausch in der Hand stand auf der anderen Seite des Bettes. „Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe. Aber Ihre Lippen sahen so trocken aus.“

„Wo sind sie?“ Ihre Stimme klang ängstlich. Ellie war allein mit einer ihr unbekannten Schwester. War ihr Baby auch allein? Fühlte es sich ungeschützt und verletzlich?

„Es ist zwei Uhr morgens, Ellie“, antwortete die Krankenschwester freundlich. „Die beiden schlafen sicher. Ich nehme an, Ihr Baby liegt warm und sicher in seinem Bettchen. Und Max schläft in dem Sessel daneben. Oder vielleicht hält er die Kleine auch gerade. Er lässt sie nämlich von niemand anderem füttern.“

Verwundert blickte Ellie sie an. „Aber … das sind schon mehrere Tage.“

„Ja.“ Die Schwester, eine attraktive Blondine, die laut Namensschild Tori hieß, seufzte. Dann lächelte sie wieder. „Wir waren alle völlig baff, als wir hörten, dass Max heimlich geheiratet hatte. Aber wissen Sie, worüber alle noch viel mehr gestaunt haben?“

Langsam schüttelte Ellie den Kopf. Es war also kein Traum gewesen. Sie musste jetzt tatsächlich so tun, als wäre sie Max’ Frau. O Schreck.

„Dass er ein so toller Vater ist“, sagte Tori. „Als er mit Ihnen herkam, trug er seine Lederkleidung. Erinnern Sie sich noch?“

Ellie lächelte in sich hinein. O ja.

„In den nächsten sechsunddreißig Stunden ist er da nicht wieder rausgekommen. Er saß oben auf der Neugeborenen-Intensiv und hat die Känguruhaltung gemacht. Eine Freundin von mir arbeitet dort, und sie hat erzählt, dass keiner die Augen von ihm lassen konnte. Da saß er in diesen mega-maskulinen Klamotten, mit einem neugeborenen Säugling Haut an Haut an seiner Brust, unter diese Lederjacke gepackt. Können Sie sich das vorstellen?“

Sie erinnerte sich an die Jacke, und auch an diesen Brustkorb. Obwohl Ellie nur sehr flüchtig damit in Kontakt gekommen war, würde sie nie vergessen, wie fest er sich angefühlt hatte. Wie sicher. Zwar hatte sie ihn nur mit Kleidung erlebt, konnte sich jedoch sehr gut vorstellen, wie dieser Brustkorb sich Haut an Haut anfühlte. Der Gedanke verursachte ihr eine stechende Empfindung tief in ihrem Bauch. Schmerzlich, aber keineswegs unangenehm.

Die Geborgenheit, die Max ihrem kleinen Töchterchen gegeben hatte, rührte Ellie zu Tränen. Sie liebte ihn dafür. Und sie wusste, dass sie ihm niemals genug dafür danken konnte.

„Er hätte es gar nicht so lange machen müssen.“ Tori goss etwas Wasser aus einem Krug auf dem Nachttisch in einen Trinkhalm-Becher. „Immer wieder mal ein paar Stunden hätten für den medizinischen Nutzen vermutlich ausgereicht. Aber er wollte sie partout nicht alleine lassen. Max hat seine Schichten in der Notaufnahme getauscht und sich Sachen von zu Hause bringen lassen. Er ist praktisch auf der Station eingezogen.“ Sie lachte. „Nicht, dass sich die Pflegekräfte darüber beschweren würden. Möchten Sie vielleicht etwas trinken?“

„Ja, gern.“

„Erst mal nur einen kleinen Schluck. Ihr Magen hat schon eine ganze Weile nichts mehr bekommen, und ich möchte nicht, dass Sie sich übergeben.“

Ellie nahm einen Schluck von dem kühlen Wasser. Es schmeckte herrlich. Sie atmete tief ein, und dann noch einmal. Es ging leichter als zuvor.

„Haben Sie Schmerzen?“, erkundigte sich Tori.

Ellie überlegte. „Nein, mir geht es gut. Kann ich mich aufsetzen oder auf die Toilette gehen?“

„Das brauchen Sie nicht. Sie haben immer noch einen Katheter. Ich glaube, er soll morgen rauskommen. Dann können Sie vielleicht sogar duschen. Es heißt, wenn Sie so stabil bleiben wie heute, werden Sie von der Intensiv- auf die Entbindungsstation verlegt“, meinte Tori lächelnd. „Dann können Sie Ihr Baby direkt bei sich haben. Ist das nicht toll?“

Ellie zog die Brauen zusammen. „Wieso ist sie eigentlich auf der Neugeborenen-Intensivstation? Max hat doch gesagt, dass sie gesund ist.“ Ihre Lippen zitterten leicht.

„Das ist sie auch“, versicherte Tori schnell. „Ein bisschen klein, aber ansonsten ist alles in Ordnung mit ihr. Anfangs war sie auf der Intensiv, um überwacht zu werden. Aber ich glaube, jetzt ist es mehr ein Kollegenprivileg. Es war ein privater Raum, wo Max ungestört diese Kängurugeschichte machen konnte. Ich nehme an, es wäre ihm vielleicht etwas peinlich gewesen, so mit seinem Baby gesehen zu werden.“ Sie lachte. „Männer.“

„Mmm.“ Natürlich wäre es ihm peinlich gewesen, dachte Ellie. Es ist ja nicht mal seins.

Wieso war Max so weit gegangen, um ihr zu helfen, obwohl er sie überhaupt nicht kannte? Er war wirklich der außergewöhnlichste Mensch, den sie je getroffen hatte.

„Möchten Sie sich ein bisschen waschen, wenn Sie jetzt schon mal wach sind?“, fragte Tori. „Beim Zähneputzen kann ich Ihnen ja helfen.“

„Das wäre super.“

„Dann können Sie noch eine Weile schlafen, und wenn Sie morgen früh aufwachen, ist Ihre Familie bestimmt wieder da.“ Tori wollte die nötigen Utensilien holen, hielt jedoch inne. „Haben Sie sich denn schon einen Namen ausgedacht?“

„Nein. Irgendwie dachte ich, dass es ein Junge wird.“

Ein Junge, bei dem Ellie immer Angst gehabt hätte, dass er so werden könnte wie sein Vater. Aber Max hatte gesagt, dass das Baby vielleicht ein Mädchen wäre und so hübsch wie seine Mutter. Er findet mich hübsch. Ellie errötete unwillkürlich.

„Sie sehen wirklich viel besser aus“, stellte Tori zufrieden fest. „Und das mit dem Namen hat ja keine Eile. Soviel ich weiß, haben Sie einen Monat Zeit, bis Sie sie beim Standesamt melden müssen.“ Lachend fügte sie hinzu: „Ihr Dad nennt sie Mäuschen, und alle andern tun das jetzt auch. Mäuschen McAdam, ist mal was anderes.“

Ja. Anders. Unauffindbar. Sicher.

4. KAPITEL

Bald war es vorbei.

Eigentlich sollte das eine große Erleichterung sein. Und so war es ja auch.

„Wie findest du das, Mäuschen?“ Max schaute auf das kleine Bündel hinunter, das er trug, während er einer Krankenschwester folgte, die das Bettchen schob. „Du kommst auf die Entbindungsstation zu deiner Mummy. Ihr geht es schon so gut, dass sie sich jetzt selbst um dich kümmern kann.“

Es war fantastisch. Endlich konnte er nach Hause gehen und mal wieder eine ganz Nacht lang durchschlafen. Außerdem durfte er zurück an die Arbeit und konnte die nächste hektische Schicht in der Notaufnahme kaum abwarten.

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