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Ein Neuanfang für Schwester Brianna? / Wenn du mich zärtlich berührst / Die Liebe vergibt alles

Maggie Kingsley

Ein Neuanfang für Schwester Brianna?

PERSONEN

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1. KAPITEL

Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht. Manchmal genügt ein Song, eine geflüsterte Bemerkung oder eine unerwartete Begegnung, und der Schleier, den die Zeit gewoben hat, zerreißt. Dann ist der Schmerz wieder da und nimmt dir die Luft zum Atmen.

„Dann stimmt es also.“ Stationsschwester Brianna Flannigan trank einen Schluck von ihrem Kaffee. „Sie wollen wirklich jemanden herholen, der die Abteilungen auf ihre Wirtschaftlichkeit überprüft?“

„Ich fürchte, ja.“ Megan Phillips seufzte. „Er soll schon heute im Laufe des Tages hier sein.“

„Aber das St. Piran ist ein hervorragendes Krankenhaus. Jeder arbeitet mit vollem Einsatz, die Qualität der Chirurgie kann sich mit Londoner Standards messen, und für die Menschen in diesem Teil von Cornwall bietet es eine unersetzliche medizinische Versorgung.“

„Richtig.“ Jess Corezzi nickte beifällig. „Aber die Krankenhausleitung ist überzeugt, dass hier das Geld zum Fenster hinausfliegt und …“ Sie setzte sich und verdrehte die Augen. „…dass etwas getan werden muss.“

„Das heißt doch wohl nicht, dass Stationen geschlossen werden?“, fragte Brianna. „Es gibt sicher andere Möglichkeiten, um Kosten zu sparen.“

„Meine Stelle steht wahrscheinlich mit als Erstes auf der Abschussliste“, meinte Jess mit düsterer Miene. „Der Prüfer wird die psychologische Betreuung von Patienten und ihren Familien als unnötigen Luxus werten.“

„Dein Job ist unglaublich wichtig!“, protestierte Brianna. „Die Eltern meiner Babys auf der Neugeborenen-Intensivstation brauchen dich auf jeden Fall!“

„Genau wie die Kinder und ihre Eltern in der Pädiatrie“, ergänzte Megan.

„Ich weiß nicht“, meinte Jess zweifelnd. „Aber eins ist sicher: Eure Abteilungen werden von Kürzungen nicht betroffen sein. Niemand, der bei Verstand ist, würde eine Säuglingsintensivstation oder eine Kinderstation schließen.“

Doch. Brianna kannte jemanden, einen Mann, dem statistische Werte und Effizienzberechnungen immer wichtiger gewesen waren als Menschen. Bei der Erinnerung daran fröstelte sie unwillkürlich.

Megan hatte es gesehen. „Alles in Ordnung?“

Brianna zwang sich zu einem Lächeln. „Ach, mir gefällt das nur nicht – Abteilungen schließen, Personal entlassen … Das St. Piran ist mein …“ Sie unterbrach sich. Mein Zufluchtsort hatte sie sagen wollen. Aber obwohl Jess und Megan gute Freundinnen geworden waren, seit Brianna vor zwei Jahren hier angefangen hatte, so gab es doch Bereiche ihres Lebens, über die sie nicht sprach. Ihre Vergangenheit, zum Beispiel. „Ich arbeite so gern hier“, schloss sie lahm.

„Ich auch“, meinte Jess, und Megan nickte zustimmend.

„Wisst ihr, wer er ist? Ich meine, wo kommt er her, welche Krankenhäuser hat er noch bewertet?“

„Wir wissen nur, dass er aus London ist“, antwortete Jess.

„London?“ Brianna unterdrückte ein Schaudern. „Jess …“ Weiter kam sie nicht, weil ein Pager klingelte.

Die drei Frauen warfen einen Blick auf ihre kleinen Geräte, und Megan stand mit einem Stöhnen auf.

„Hoffentlich nichts Schlimmes auf deiner Station?“, erkundigte sich Brianna besorgt.

„Nein, die Verwaltung. Sie drehen halb durch vor dieser Untersuchung. Gestern wollten sie alles in zweifacher Ausfertigung, und heute haben sie beschlossen, dass dreifach doch besser ist.“

Die pädiatrische Oberärztin eilte davon. Brianna und Jess sahen ihr nach und beobachteten, wie sie den Kantinenausgang in dem Moment erreichte, als Josh O’Hara den Saal betrat. Der Chefarzt der Notaufnahme sagte etwas zu Megan, streckte sogar die Hand aus, um sie aufzuhalten, aber sie wich aus und hastete ohne ein Wort weiter.

Ihre Freundinnen tauschten einen vielsagenden Blick.

„Zwischen den beiden ist richtig dicke Luft“, sagte Brianna.

Jess seufzte. „Solange Josh mit Rebecca verheiratet ist, wird sich daran auch nichts ändern. Megan ist nicht der Typ, der sich in eine Ehe drängt.“

„Hat sie dir etwas erzählt?“

„Anscheinend gibt es da eine alte Geschichte, aber ich habe keine Ahnung, worum es geht. Ich würde auch nicht im Traum daran denken, Megan zu fragen. Ich vermute nur, dass sie mal zusammen waren, bevor Josh geheiratet hat. Was damals passiert ist, oder warum sie sich getrennt haben …“ Die Psychologin zuckte mit den Schultern. „Ich wünschte, er hätte den Chefarztposten in der Notaufnahme nicht übernommen. Okay, er hat wohl nicht gewusst, dass Megan auch am St. Piran arbeitet. Aber kannst du dir vorstellen, wie schrecklich es sein muss, wenn jemand, den du geliebt hast, wieder in deinem Leben auftaucht? Und dann musst du mit ihm zusammenarbeiten, ihn jeden Tag sehen …“

Oh ja, das konnte Brianna sich sehr gut vorstellen. Sie dachte jedoch nicht daran, sich auf dieses Glatteis zu begeben.

Geheimnisse, dachte sie, während sie sah, wie Josh zur Theke marschierte und lustlos die Auslagen betrachtete. Sie, Jess und auch Megan, sie alle hatten ihre Geheimnisse. Vielleicht hatte sie das unbewusst zueinander hingezogen. Oder sie waren Freundinnen geworden, weil sie die Privatsphäre der anderen immer respektiert hatten. Daher hatten sie bis vor ein paar Monaten auch nicht geahnt, dass Jess HIV-positiv war oder dass Megan immer noch darunter litt, dass jemand ihr das Herz gebrochen hatte. Was sie jedoch nicht wussten, war, dass Brianna …

Nicht, bremste sie die schmerzlichen Gedanken aus. Denk nicht daran.

„Dummerweise mag ich ihn“, fuhr Jess fort, als Josh sich einen Doughnut und einen Kaffee holte, um sich damit allein an einen der Tische am Ende der Kantine zu setzen. „Was auch immer zwischen ihm und Megan vorgefallen sein mag, ich glaube, er gehört eher zu den guten als zu den bösen Jungs.“

„Weiß dein Mann, dass du Josh magst?“, neckte Brianna.

Jess lachte auf. „Gio weiß, dass ich nur Augen für ihn habe. Aber Megan und Josh … die Situation ist völlig verfahren, und ich würde ihnen so gern helfen.“

Ich auch, dachte Brianna, während sie mit Jess die Kantine verließ. Sie hatte Josh auf Anhieb gemocht. Wie sie, so stammte auch er aus Irland und hatte das gleich zum Anlass genommen, ein bisschen mit ihr zu flirten. Mit ihrem welligen kastanienroten Haar würde sie ihn an die Hollywooddiva Maureen O’Hara erinnern, die in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts große Erfolge gefeiert hatte. Brianna hatte nur gelacht – Josh war der geborene Charmeur, er schaffte es mühelos, eine lockere, unbeschwerte Atmosphäre herzustellen. Nur bei Megan nicht, seufzte sie stumm. Die Kinderärztin schien gegen seinen Charme immun zu sein.

Ein paar Minuten später wünschte Brianna sich Josh herbei mit seinem betörenden Charme. Sie hatte ihren Dienstausweis durch den Kartenleser gezogen und die Säuglingsintensivstation betreten, als ihr prompt Rita über den Weg lief. Die Stationssekretärin war der einzige Mensch im ganzen Krankenhaus, den Brianna nicht ausstehen konnte.

„Ich habe meine Mittagspause nicht überzogen“, begann sie mit einem betonten Blick auf ihre Armbanduhr. „Anscheinend ist auch kein Feuer ausgebrochen, und Sie hätten mich sicher verständigt, wenn eins der Babys mich bräuchte. Also kann ich nur annehmen, dass Sie jemanden vom Pflegepersonal wegen irgendeiner geringfügigen Verfehlung melden wollen?“

„Er ist da!“, zischte die Sekretärin. „Der Prüfer. Seit einer halben Stunde sitzt er in meinem Büro und sieht Unterlagen durch. Aber ich weiß nicht, wie lange ich ihn dort festhalten kann.“

„Haben Sie schon an Ketten, Handschellen und vielleicht eine Zwangsjacke gedacht?“

„Das ist nicht lustig, Schwester Flannigan“, erwiderte Rita empört. „Wer soll diesen wichtigen Mann jetzt begrüßen? Dr. Brooke ist leider noch im OP.“

„Ja, wie rücksichtslos von der kleinen Amy Renwick, dass sie aber auch gerade jetzt so krank werden musste.“

Doch Rita schien völlig unempfänglich für ihren Sarkasmus. „Diese Untersuchung kommt zum denkbar schlechten Zeitpunkt“, jammerte sie. „Ich habe nur noch zwei Jahre bis zur Rente. Nicht auszudenken, wenn sie diese Abteilung dichtmachen.“

Und du denkst dabei nur an dich, dachte Brianna. „Ich bezweifle stark, dass jemand eine Säuglingsintensivstation schließen wird“, sagte sie jedoch nur.

„Wir sind personell stark unterbesetzt.“ Ihre grauen Dauerwelllocken hüpften, als Rita ihre Worte mit einem heftigen Kopfnicken unterstrich. „Das muss diesem Prüfer ja auffallen. Natürlich will ich mich nicht beklagen …“

Du tust nichts anderes, dachte Brianna. Der Tag, an dem Rita sich nicht ein einziges Mal beschwerte, müsste rot im Kalender angestrichen werden!

„Und niemand kann behaupten, ich gäbe nicht mein Bestes.“ Rita redete sich in Fahrt. „Aber ohne eine Pflegedienstleitung kämpfe ich einen aussichtslosen Kampf!“

Brianna war versucht, ihr zu sagen, dass sie es sicher leichter hätte, wenn sie nicht den halben Tag tratschen und die andere Hälfte damit zubringen würde, neugierig in anderer Leute Angelegenheiten herumzuschnüffeln. Aber im Grunde hatte die Sekretärin recht. Seit Diego Ramirez, ihr Pflegedienstleiter, nach Spanien zurückgekehrt war, hatte niemand offiziell sein Platz eingenommen, trotz der Zusage der Verwaltung, die Stelle neu auszuschreiben.

„Der Prüfer wird das sicher berücksichtigen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen …“

„Wie selbstsüchtig von Mr Ramirez, uns mit allem alleinzulassen“, fuhr Rita unbeirrt fort. „Früher hatten die Menschen mehr Pflichtgefühl, aber heute schert sich niemand mehr um Verantwortung. Sehen Sie sich nur die vielen ledigen Mütter an, deren Kinder wir hier haben. Charakterlos, willensschwach, allesamt. Zu meiner Zeit …“

„Gab es nur Vorzeigefamilien, und es ist nie etwas Schlimmes passiert, da bin ich sicher“, unterbrach Brianna sie scharf. „Aber da Sie so sehr darauf bedacht sind, bei unserem Prüfer einen guten Eindruck zu machen, wie wäre es, wenn Sie jetzt weiterarbeiten?“

Rita blieb der Mund offen stehen, und im ersten Moment sah es so aus, als wollte sie zum Angriff übergehen. Doch dann schnaubte sie nur und stolzierte davon.

Brianna seufzte stumm. Wahrscheinlich würde Rita es ihr bei Gelegenheit heimzahlen, aber sie hatte sich nicht zurückhalten können. Rita mit ihrem Moralapostel-Getue ging ihr heute besonders auf die Nerven.

Brianna wusch sich sorgfältig die Hände und rieb sie hinterher mit einem Antiseptikum ein, um keine Bakterien auf die Station zu tragen.

Doch als sie aufblickte und sich im Spiegel sah, hielt sie einen Moment inne und seufzte leise. Feldmaus hatten die anderen sie genannt, als sie noch in der Ausbildung war. Aber das war jetzt vierzehn Jahre her, und sie war längst keine unscheinbare graue Maus vom Lande mehr. Sie war zweiunddreißig, Stationsleiterin einer Intensivstation, und die Zeit und das Leben hatten sie verändert. Vor allem die letzten zwei Jahre.

Lass es, ermahnte sie sich, als ihr Herz sich schmerzlich zusammenzog. Du darfst nicht zurückblicken, niemals.

Normalerweise schaffte sie das ganz gut. Brianna schob eine vorwitzige rotbraune Haarsträhne aus dem Gesicht und stellte fest, dass ihre Hand bebte. Ja, normalerweise lebe ich in der Gegenwart, ohne zurückzusehen oder an die Zukunft zu denken. Diese ungewohnte Unruhe, daran war nur dieser verdammte Prüfer schuld. Seine Ankunft scheuchte jeden auf und verbreitete eine Ungewissheit, die ihr kleines Paradies gefährdete. Brianna wollte, dass das St. Piran genauso blieb, wie es war. Hier hatte sie sich geborgen und zu Hause gefühlt, nach allem, was passiert war.

„Verfluchter Zahlenschieber“, murrte sie, als sie mit dem Ellbogen die Tür zur Intensivstation aufschob. „Von mir aus kann er verschwinden!“

„Du meinst doch wohl nicht unseren verehrten Besucher?“ Ihre Kollegin Christina hatte sie gehört und amüsierte sich königlich.

„Du hast es erfasst, Süße.“ Brianna entspannte sich, als die vertraute Wärme sie umfing und die stetigen Geräusche der Überwachungsgeräte an ihr Ohr drangen. „Ist etwas gewesen, während ich zur Pause war?“

„Dr. Brooke operiert noch.“

„Also musste er doch einen Teil des Dünndarms entfernen.“

Bis zuletzt hatten alle gehofft, dass diese Operation nicht nötig sein würde. Amy Renwick war zwölf Wochen zu früh zur Welt gekommen, und kaum einen Monat später hatte man bei ihr eine nekrotisierende Enterokolitis diagnostiziert. Diese Entzündung des Magen-Darm-Trakts trat bei Frühchen häufig auf, doch bei Amy hatte die Antibiotika-Behandlung nicht ausgereicht. Der Chefarzt wollte zunächst nur eine Drainage für die infektiöse Flüssigkeit legen, aber nun hatte er sich anscheinend doch zur Teilresektion entschlossen.

„Ist Mrs Renwick da?“

„Ja, im Elternzimmer, ihre Familie ist bei ihr.“

Was in den letzten Wochen für Naomi und ihren Mann eine große Hilfe gewesen war. Diese Familie ist Gold wert, dachte Brianna. Nicht alle ihre Mütter und Väter, denen sie tagtäglich begegnete, hatten so viel Glück. Manche Familien wohnten zu weit weg, um sie zu unterstützen, und andere wiederum ertrugen die Angst und die Sorgen nicht, die ein Frühchen bedeutete.

Und manchmal lässt dich jemand, auf den du dich hundertprozentig verlassen hast, einfach im Stich.

„Alles in Ordnung, Brianna?“

Christina musterte sie fragend, und Brianna zwang sich zu einem Lächeln.

„Du bist die Zweite, die mich das heute fragt, aber mir geht’s gut“, versicherte sie. „Ich habe nur den Montagsblues. Dass dieser verdammte Prüfer schon im Haus ist, macht es leider nicht besser.“

„Wappne dich, mein Schatz“, antwortete die Kollegin mit gesenkter Stimme. „Er hat gerade die Station betreten, zusammen mit Dr. Brooke und Rita. Was für ein Mann! Groß, gut aussehend, Maßanzug, der Typ ist sich seiner Macht voll bewusst. Einschüchternd, wenn du mich fragst.“

Brianna warf einen Blick über die Schulter, und in dieser Sekunde hörte die Welt auf, sich zu drehen. Wie durch Watte hörte sie, wie der Chefarzt seinen Begleiter als Connor Monahan vorstellte. Was sie betraf, wäre es nicht nötig gewesen. Seit zwei Jahren versuchte sie, den hochgewachsenen, athletisch gebauten Mann mit dem dichten schwarzen Haar und den intensiven blauen Augen zu vergessen, der jetzt im teuren Businessanzug, einen flachen modernen Laptop in der Hand, am Eingang der Station stand. Ihre Finger gehorchten ihr nicht mehr, und der Aktenordner, den sie in Händen gehalten hatte, landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Fußboden.

Neben ihr schnappte Christina überrascht nach Luft, und Dr. Brooke warf ihr einen verwunderten Blick zu. Brianna bückte sich schnell, um den Ordner aufzuheben. Als sie sich wieder aufrichtete, setzte ihr wild klopfendes Herz einen Schlag lang aus. Natürlich hatte Connor sie erkannt, aber jetzt blitzte Ärger in seinen Augen auf, und als er sie eindringlich ansah, hatte sie das Gefühl, dass ihr Herz brach … wie vor zwei Jahren.

„Ich darf Ihnen versichern, dass meine Mitarbeiter für gewöhnlich nicht alles fallen lassen, Mr Monahan“, hörte sie Dr. Brooke sagen.

„Das kann jedem passieren. Und bitte, sagen Sie Connor zu mir. Mein Besuch dient nicht dazu, irgendjemanden zu begutachten. Betrachten Sie mich als Beobachter, der lediglich herausfinden soll, welche Bedeutung dieses Krankenhaus für die lokale Gemeinde hat.“

„Ja, klar“, murmelte Christina. „Als ob wir nicht wüssten, dass sie ihn geschickt haben, um festzustellen, welche Abteilung geschlossen werden kann. Die Leier ‚Wir sind doch alle Freunde‘ kann er sich gern sparen. Ach herrje, jetzt stellt Dr. Brooke ihn jedem einzeln vor“, fuhr sie mit einem entnervten Blick in die Richtung ihres Chefs fort. „Wetten, dass er nicht mal die Hälfte unserer Namen behält?“

Brianna war es egal, was Dr. Brooke tat. Sie presste den Ordner wie einen Schutzschild an die Brust und wünschte sich meilenweit weg. Doch dann sah sie aus dem Augenwinkel, wie zwei glänzende schwarze Schuhe in ihr Blickfeld traten. Ein Hauch von Sandelholz-Aftershave stieg ihr in die Nase, und sie atmete unwillkürlich tiefer ein. Wenn es nur endlich vorbei wäre …

„Und dies ist Stationsschwester Flannigan“, stellte der Chefarzt vor.

„Stationsschwester Flannigan“, wiederholte Connor langsam.

So sarkastisch hatte noch nie jemand ihren Nachnamen ausgesprochen. Brianna zuckte insgeheim zusammen und blickte widerstrebend auf.

„Sie ist erst seit zwei Jahren bei uns“, fügte Dr. Brooke hinzu, anscheinend ohne die unterschwellige Stimmung wahrzunehmen. „Aber für das Team ist sie unersetzlich.“

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie sich über die Anerkennung des korpulenten Chefarztes, der selten Lob verteilte, gefreut. Doch sie sah nur, wie Connor spöttisch die Brauen hochzog.

„Ach, dann leben Sie seit zwei Jahren hier in Cornwall, Schwester Flannigan?“, erkundigte er sich betont interessiert.

Brianna umklammerte den Ordner fester. Nicht, wollte sie sagen. Bitte nicht. Nicht vor allen Leuten. Aber das konnte sie nicht. Ihr Chef war anwesend, und Ritas Miene nach zu urteilen, drehten sich die Rädchen in ihrem Kopf bereits in eine bestimmte Richtung. Neugierig blickte die Stationssekretärin von Brianna zu Connor und wieder zurück.

„Ja“, antwortete sie. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“

„Oh, auf gar keinen Fall“, erklärte Connor mit eisiger Stimme. „Im Gegenteil, ich bestehe darauf, dass Sie bleiben.“

War er immer schon so groß, so einschüchternd gewesen? Unfreiwillig trat sie einen Schritt zurück. Sie fühlte sich wieder wie die graue Maus vom Land, und sie hasste dieses Gefühl!

„Ich fürchte, das geht nicht“, erwiderte sie mit so viel Nachdruck, wie sie aufbringen konnte. „Ich muss mich um unsere Babys kümmern und außerdem mit einer der Mütter sprechen. Ihre kleine Tochter wurde gerade operiert …“

„Wovon sie sicher vollständig genesen wird“, unterbrach Dr. Brooke sie. „Die nächsten Tage sind zwar kritisch, aber das werde ich Mrs Renwick persönlich erklären.“

Genau das wollte ich verhindern, dachte Brianna betrübt. Sicher barg jede Operation Risiken, aber nicht umsonst war Dr. Brooke im Team als Quasselstrippe verschrien. Er war ein exzellenter Chirurg, neigte jedoch dazu, auch sämtliche Komplikationen in epischer Breite auszuführen – womit er die armen Eltern zu Tode erschreckte. Megan hätte Naomi Renwick sehr viel behutsamer von der Operation berichtet, nur leider war Megan nicht da.

„Ich rede gern mit Mrs Renwick, Dr. Brooke“, unternahm sie einen zweiten Versuch. „Ich könnte jetzt …“

„Sie laufen doch nicht vor mir davon, Schwester Flannigan?“, meinte Connor.

Ob jemandem der besondere Unterton aufgefallen war? Dieses „schon wieder“, das bei seiner Frage mitgeschwungen hatte … Brianna wünschte sich ein Mauseloch, in dem sie sich verkriechen konnte.

„Selbstverständlich nicht“, antwortete sie. „Es ist nur … ich bin persönlich für die Kleine verantwortlich …“

„Und ich habe sie operiert und bin leitender Chefarzt dieser Abteilung, also spreche ich mit ihrer Mutter“, entschied Dr. Brooke in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Nun, Connor, unsere Sekretärin wird Ihnen gern weitere Akten zur Verfügung stellen, die Sie überprüfen können …“

„Was sicher eine faszinierende Aufgabe wäre“, unterbrach ihn Connor freundlich, „aber da ich insgesamt nur sechs Wochen am St. Piran sein werde, möchte ich in den nächsten Tagen erst einmal mit dem Personal der Säuglingsintensivstation sprechen. Ich würde gern jeden einzeln befragen, um mir ein Bild zu machen, wie der jeweilige Mitarbeiter sich im Team begreift, welche Pflichten er hat, wie viel Verantwortung er trägt – das große Ganze, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Sechs Wochen? Connor wollte sechs Wochen im St. Piran bleiben? Selbst wenn er nur ein paar Tage auf ihrer Station verbrachte, so waren das eindeutig ein paar Tage zu viel!

Dr. Brooke schien ähnlicher Meinung zu sein. „Ich denke nicht, dass es nötig sein wird, meine Mitarbeiter zu befragen, wenn ich Ihnen einen Überblick verschaffen kann“, sagte er. „Kranke Babys kommen zu uns, wir versuchen, sie gesund zu machen, Ende der Geschichte.“

Brianna hätte ihren Chef küssen können.

Connor lächelte dünn. „Ich möchte mich trotzdem mit Ihrem Team unterhalten. Jedes Gespräch dürfte nicht länger als eine halbe Stunde dauern, und danach bin ich lediglich ein stummer Beobachter. Sie werden gar nicht merken, dass ich hier bin.“

Ich schon, dachte Brianna und hoffte inständig, dass es Dr. Brooke genauso erging.

Aber der hatte das Thema schon abgehakt. „Na schön, tun Sie, was Sie nicht lassen können“, meinte er jovial. „Aber stehen Sie uns nicht im Weg, wenn wir unsere Arbeit machen. So, wen wollen Sie zuerst befragen?“

Connor ließ den Blick über die Anwesenden schweifen, aber Brianna wusste genau, wen er sich herauspicken würde.

„Ich bin sicher, Schwester Flannigan und ich werden uns viel zu erzählen haben“, erklärte er schließlich mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Dr. Brooke, gibt es hier ein Büro oder ein anderes Zimmer, das ich als Standort nutzen kann, während ich am St. Piran bin?“

Er wollte die Säuglingsintensivstation zu seinem Stützpunkt machen? Das bedeutete, dass er hier aus und ein gehen würde, auch wenn er in anderen Abteilungen zu tun hatte. Nein, dachte sie verzweifelt. Bloß das nicht!

„Ich werde die Verwaltung bitten, Ihnen das Büro der Pflegedienstleitung herzurichten. Zurzeit steht es leer, aber es enthält vertrauliche Patientenunterlagen, die erst ausgelagert werden müssen. Bis dahin können Sie den Schwesternraum benutzen, wenn Sie möchten.“

Connor nickte. „Ist mir recht.“

Brianna war das überhaupt nicht recht. Und noch weniger gefiel ihr, dass Connor keinen Zentimeter von ihrer Seite wich, während sie den Flur entlanggingen. So, als wollte er verhindern, dass sie die Flucht ergriff.

Versucht hätte sie es gern, aber es war illusorisch zu glauben, dass sie mit ihren knapp ein Meter sechzig einem durchtrainierten Mann von fast einsneunzig davonlaufen könnte!

„Möchtest du Tee oder einen Kaffee?“ Sie marschierte zum Wasserkocher, sobald sie das Zimmer betreten hatten. „Wir haben auch Kräutertee, aber ich kann nicht garantieren, dass er schmeckt, und Kakao wäre …“

„Ist Brianna Flannigan richtig?“, unterbrach er kurzerhand ihren Versuch, das Unvermeidliche hinauszuzögern. „Oder hast du deinen Vornamen auch geändert?“

Sie starrte auf die Pinnwand, die eine der Schwestern über dem Wasserkocher aufgehängt hatte. Urlaubskarten hingen dort, zusammen mit lustigen Cartoons, aber ihr war noch nie so wenig zum Lachen zumute gewesen wie jetzt.

„Ich … ich habe ihn behalten. Flannigan ist der Mädchenname meiner Mutter.“

„Aber nicht deiner. Dir ist doch klar, dass ich dafür sorgen kann, dass du gefeuert wirst, weil du an diesem Krankenhaus unter falschem Namen arbeitest?“

„Nur zu!“ Plötzlich war ihr alles egal. „Mach doch, was du willst!“

„Natürlich will ich das nicht!“ Connor warf seinen PC auf den nächsten Sessel. „Für wen hältst du mich?“

Wenn ich das wüsste, dachte sie, als sie in sein kaltes, hartes Gesicht sah. Ich kenne dich nicht mehr, und vielleicht habe ich dich nie richtig gekannt.

„Können wir uns setzen?“, fragte sie nervös. „Es ist nicht gerade hilfreich, wenn du auf mich herabblickst wie die personifizierte ewige Verdammnis.“

Mit einem unterdrückten Fluch setzte er sich, und nach kurzem Zögern nahm sie auf dem Stuhl Connor gegenüber Platz.

„Du wolltest nicht, dass ich dich finde, stimmt’s?“ Durchdringende blaue Augen waren auf sie gerichtet. „Deswegen hast du deinen Nachnamen geändert und bist in ein Kaff in der hintersten Ecke von Cornwall gezogen.“

„Connor, so war es nicht …“

„Nein?“, unterbrach er sie spöttisch. „Wie war es dann?“

„Ich wollte …“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Ruhe. Nur ein bisschen Ruhe.“

„Und dafür musstest du mich verlassen?“ Ungläubig sah er sie an. „Ohne ein Wort verschwinden?“

„Ich habe dir einen Brief geschrieben.“

„Ach ja, natürlich.“ Der sarkastische Unterton war nicht zu überhören. „‚Ich muss für eine Weile allein sein‘“, zitierte er. „‚Ich brauche Zeit, um wieder zu mir selbst zu finden‘“. Daraus kann ja wohl keiner ‚Ich verlasse dich und komme nie wieder‘ lesen, oder?“

„Connor …“

„Du hattest dich auf diese Stelle beworben, ohne mir ein Wort zu sagen. Du hast sie bekommen und das mit keiner Silbe erwähnt. Ich hatte keine Ahnung, was du vorhast, ist das korrekt?“

Sie schluckte. „Ja.“

„Deshalb hast du nur dreihundert Pfund von unserem Konto abgehoben. Du brauchtest kein Geld, weil du den Job hattest.“

„Ja“, flüsterte sie.

„Warum, Brianna, warum?“ Heftig fuhr er sich mit seinen schlanken Fingern durch das schimmernde schwarze Haar. „Ich dachte, wir wären glücklich. Ich dachte, du liebst mich.“

„Zwischen uns war … einiges schon lange nicht mehr in Ordnung“, entgegnete sie. „Das weißt du doch …“

„Blödsinn.“

Brianna presste die Hände aneinander, versuchte die richtigen Worte zu finden. „Ich konnte nicht mehr, Connor.“ Sie schluchzte auf. „Nach dem, was passiert war … Du wolltest nicht mit mir reden, du hast mir nicht zugehört. Ich musste einfach weg, ich wollte nicht immer tiefer in diesem schwarzen Loch versinken …“ Bebend holte sie Luft. „Ich hatte solche Angst, dass ich da nie wieder herauskommen würde.“

„Und ich?“ Seine blauen Augen blitzten zornig. „Zwei Jahre, Brianna! Zwei Jahre ist es her, dass du mich verlassen hast. Nicht ein einziges Mal hast du zum Telefon gegriffen, um mir zu sagen, dass es dir gut geht. Kein Lebenszeichen, nicht einmal eine Postkarte!“

„Ich wollte dir ja schreiben, dir mitteilen, wo ich bin“, verteidigte sie sich.

„Du hast dein Handy und deine Hausschlüssel zurückgelassen. Die Polizei wollte mir nicht helfen …“

„Du bist tatsächlich zur Polizei gegangen?“ Bestürzt schnappte sie nach Luft.

Connor warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Was zum Teufel hast du gedacht? Dass ich Abend für Abend in unserer Wohnung gemütlich vor dem Fernseher sitze und denke: ‚Na ja, Brianna wird schon irgendwann zurückkommen‘? Natürlich bin ich zur Polizei gegangen. Ich dachte …“

Er schloss kurz die Augen, und als er weitersprach, klang seine Stimme rau. „Ich dachte, du hast dir … etwas angetan. Aber da du einen Brief zurückgelassen hattest und deine Eltern wussten, dass es dir gut geht, meinten sie, das sei nicht Angelegenheit der Polizei. Sie nannten es ‚häusliche Probleme‘.“

„Das tut mir leid“, murmelte sie. „Mir war nicht klar … Ich hätte nie gedacht, dass du die Polizei einschaltest.“

„Kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe?“ Er verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. „Als mir der Beamte mitteilte, dass deine Eltern wissen, wo du bist und ich nicht? Ich bin nach Irland geflogen und zum Hof deiner Eltern in Killarney gefahren. Du warst nicht dort, und ich habe buchstäblich gebettelt, dass sie mir deine Adresse geben oder wenigstens deine Telefonnummer, damit ich deine Stimme hören und mich vergewissern kann, dass es dir wirklich gut geht. Ohne Erfolg. Sie sagten, sie mussten dir versprechen, mir nichts zu verraten. Du würdest dich bei mir melden, wenn du so weit bist.“

„Es tut mir so leid“, wiederholte sie. „Ich … konnte nicht klar denken. Ich wollte nur …“

„Weg von mir“, ergänzte er bitter.

„Connor, bitte, hör mir zu …“

„Jedes Mal, wenn in den Nachrichten kam, dass sie eine Leiche gefunden hatten, hatte ich Angst, dass du es warst“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt. „Jedes Mal, wenn sie jemanden aus der Themse zogen, dachte ich: Bitte, lass es nicht Brianna sein. Doch mit der Zeit, der Himmel möge mir verzeihen, da …“

Er atmete tief durch. „… hoffte ich manchmal, dass du es bist. Damit dieses zermürbende Warten ein Ende hat. Wie oft habe ich gedacht: Wenn ich nur wüsste, dass es ihr gut geht. Mehr wollte ich nicht. Aber selbst das hast du mir nicht gegönnt, Brianna.“

„Ich hätte dich ja angerufen und mit dir geredet“, antwortete sie mit zitternder Stimme. „Doch es hätte keinen Sinn gehabt, du hättest nicht zugehört.“

„Wie kannst du das sagen?“, fuhr er ärgerlich auf. „Natürlich hätte ich zugehört!“

„Als ich dich brauchte, hast du es auch nicht getan“, brach es aus ihr hervor. „Immer hast du abgewiegelt, das Thema gewechselt oder mich gefragt …“ Gleich würde sie anfangen zu weinen, und sie wollte nicht weinen. Das würde alles viel schlimmer machen. „Du hast gefragt, was denn los sei. Und ich dachte, wenn ich das noch einmal höre, drehe ich durch. Für mich war nichts mehr in Ordnung, gar nichts!“

„Das ergibt doch keinen Sinn …“

„Weil du nicht zuhörst. Du hast mir noch nie richtig zugehört!“

„Schön, jetzt möchte ich aber mit dir reden. Ernsthaft, ohne Lügen, ohne Täuschung, ohne Halbwahrheiten – und aufrichtig.“

Er hatte recht, aber das bedeutete auch, dass alles wieder hochkommen würde. Alles, was passiert war. Sie hatte es nicht vergessen, natürlich nicht, doch in den vergangenen zwei Jahren war es ihr gelungen, sich einigermaßen damit abzufinden. Wenn sie jetzt darüber sprachen … Brianna hatte einfach Angst davor.

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Dies ist weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt.“

„Wann denn, Brianna?“, rief er zornig aus, und sie zuckte zusammen. „Sag mir, wann?“

Niemals, nirgends, wollte sie antworten und noch mehr: dass sie wünschte, er wäre nie hergekommen, hätte sie nie gefunden. Aber dazu hatte sie nicht den Mut.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie kläglich. „Ich …“

Sie vergaß, was sie sagen wollte, als die Tür plötzlich aufging.

Megan streckte zögernd den Kopf ins Zimmer. „Es tut mir wirklich leid“, begann die Oberärztin, während ihr Blick von Brianna zu Connor glitt und wieder zurück. „Brianna wird auf der Station gebraucht.“

Sie sprang auf, bevor Megan den Satz zu Ende gebracht hatte. Als sie die Tür erreichte, hörte sie, wie Connor sich räusperte.

„Wir müssen reden, Brianna, und zwar bald.“

Sie nickte stumm. Sie wusste nur, dass sie wegwollte, weg von Connor.

Megan holte sie erst ein, als sie in der Mitte des Flurs war. „Brianna …“

„Geht es um Amy Renwick? Gibt es Probleme mit …“

„Entschuldige, ich muss dir etwas gestehen. Ich habe gelogen, du wirst nicht gebraucht“, sagte Megan verlegen. „Ich … bin zufällig am Schwesternraum vorbeigegangen und habe gehört, wie der Prüfer dich angebrüllt hat. Gelauscht habe ich nicht, wirklich nicht“, versicherte sie, als Brianna sie alarmiert anstarrte. „Die Wände sind hier ziemlich dünn, und du hast dich angehört, als könntest du Hilfe gebrauchen.“

„Ich … na ja …“

„Du solltest offiziell Beschwerde einreichen. Er kann gern das Personal ausfragen, aber jemanden unter Druck setzen … also, das geht gar nicht!“

„Megan, ich will mich nicht beschweren. Meine Befragung ist beendet, belassen wir es dabei, okay?“

„Kommt nicht infrage. Wenn dieser Connor … wie heißt er noch?“

„Monahan. Connor Monahan.“

„Also, wenn Mr Monahan glaubt, dass er so mit unserem Pflegepersonal umgehen darf, dann hat er sich geschnitten. Ich verstehe auch, dass du sein unmögliches Verhalten nicht anzeigen möchtest, aber das übernehme ich gern für dich. Ich brauche nur zur Verwaltung zu gehen und ihnen zu sagen, dass er sich gefälligst zurückhalten soll, sonst haben sie den Betriebsrat am Hals.“

Megan war sauer und würde auf der Stelle Ernst machen, das sah Brianna ihrer Freundin an. Und dann kämen all die traurigen Einzelheiten aus ihrem Privatleben ans Licht, die sie bisher sorgsam verborgen hatte. Sie musste erst einmal verkraften, dass Connor unerwartet wieder in ihrem Leben aufgetaucht war. Da hätte es ihr gerade noch gefehlt, dass in der Verwaltung, ja, vielleicht im ganzen Krankenhaus über sie getratscht wurde!

„Megan, es hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Auch nicht mit der Station“, sagte sie zaghaft. „Connor Monahan und ich, wir … kennen uns.“

Verständnislos sah Megan sie an, dann glitt ein teilnahmsvoller Ausdruck über ihr Gesicht. „Ach, du meine Güte, ist er ein Exfreund von dir? Oh, Brianna, das tut mir leid, was für ein Albtraum für dich!“

„Das kannst du wohl sagen. Nur …“ Sie holte tief Luft. „Connor ist kein Exfreund, sondern … mein Mann.“

2. KAPITEL

„Aber gestern hat Dr. Brooke gesagt, dass sie vielleicht noch einmal operiert werden muss“, sagte Naomi angstvoll. „Er meinte, er könnte erst zweiundsiebzig Stunden nach der Operation sicher sagen, ob er die Entzündung vollständig eindämmen konnte. Deshalb müssten Sie unsere Amy genau beobachten.“

„Was ich so oder so getan hätte“, antwortete Brianna beschwichtigend und wünschte den allzeit pessimistischen Chefarzt in den hintersten Winkel der Hölle. „Naomi, Ihrer Tochter geht es gut. Es besteht kein Grund anzunehmen, dass ein weiterer Eingriff nötig ist.“

„Aber wenn doch? Sie ist so winzig, Schwester, und noch eine Operation …“

„Ein Schritt nach dem anderen. Was auch passiert, wir kümmern uns um Ihre Tochter. Naomi, hören Sie mir zu“, bat sie, als die junge Mutter sie unterbrechen wollte. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, das kann niemand. Aber Amy hat kein Fieber, ihre Haut sieht gut aus. Sehen Sie selbst.“

Naomi Renwick blickte in den Brutkasten, wo ihr Baby – trotz der feinen Wundnaht quer über den schmalen Bauch – mit den Beinchen strampelte, und lächelte bebend.

„Sie ist so süß, finden Sie nicht auch?“, sagte sie.

„Ja, sie ist ein niedlicher kleiner Schatz, und zurzeit ist sie am richtigen Ort und bekommt die beste Pflege, wirklich.“

Brianna hoffte sehr, dass sie die besorgte Mutter beruhigen konnte – und sie wünschte sich genauso sehr, dass Connor mal einer anderen Schwester auf Schritt und Tritt folgte, als er jetzt wieder neben ihr auftauchte.

Vierundzwanzig Stunden, dachte sie, als sie durch die Station ging und er ihr wie ein Schatten nicht von der Seite wich. Vor vierundzwanzig Stunden war ihr Leben vielleicht nicht vollkommen, aber auf jeden Fall besser gewesen als jetzt. Jetzt fühlte sie sich in die Ecke gedrängt, und zwar nicht nur durch seine Anwesenheit. Connor schaffte es, bei allem, was er sagte, bissige oder spöttische Bemerkungen einzubauen. Und das setzte ihr mehr und mehr zu – wie der stete Tropfen, der den Stein höhlt.

„Wie viele Inkubatoren hat die Säuglingsintensivstation in Plymouth?“, fragte er.

Widerwillig blieb sie stehen. „Zwölf. Also doppelt so viele wie wir. Aber das Krankenhaus hat auch ein weitaus größeres Einzugsgebiet.“

„Aus den Unterlagen, die mir die Stationssekretärin überlassen hat, geht hervor, dass hier eine Eins-zu-eins-Betreuung stattfindet. Jedes Baby hat seine persönliche Krankenschwester“, fuhr er fort. „In Zeiten von Personalknappheit scheint mir das nicht effizient zu sein.“

„Nicht alles lässt sich unter Management-Aspekten regeln“, erwiderte sie scharf. „Vor allem nicht, wenn es um Frühchen geht.“

„Verstehe.“

Das wage ich zu bezweifeln, dachte sie ärgerlich, als er etwas in sein hochmodernes, mit allen technischen Raffinessen ausgestattetes Smartphone tippte. Das Ding konnte ihm bei Bedarf wahrscheinlich sogar einen Kaffee machen!

Zahlen, Berechnungen und Statistiken waren schon immer seine Leidenschaft gewesen. Menschen nicht, und daran schien sich nichts geändert zu haben.

„Connor …“

„Ist es normal, dass hier Brutkästen leer stehen?“ Er deutete auf die beiden unbelegten Inkubatoren.

„Normal ist auf einer Intensivstation gar nichts“, wies sie ihn zurecht. „Es kam schon vor, dass nur drei belegt waren, aber es gibt auch Zeiten, in denen wir keine Kapazitäten mehr haben. Letztes Jahr zu Weihnachten gab es sogar so viel zu tun, dass wir Babys nach Plymouth verweisen mussten. Das war schlimm, vor allem für die betroffenen Familien.“

„Das glaube ich.“ Er nickte. „Gerade Weihnachten, wenn die Familie zusammen sein möchte.“

Und ich habe zwei Weihnachten ohne dich verbringen müssen. Das sagte er zwar nicht, aber sie hörte die Worte trotzdem laut und deutlich.

„Das Leben verläuft nicht immer so, wie es geplant war“, sagte sie leise. „Wir können von keinem Baby erwarten, dass es dann kommt, wenn wir wollen.“

„Bei Babys nicht, nein. Erwachsene hingegen“, fügte er hinzu und suchte ihren Blick. „… haben die Wahl.“ Und du hast beschlossen, mich zu verlassen. Er brauchte es nicht einmal auszusprechen, seine Augen sagten genug.

„Connor, bitte“, stieß sie mühsam beherrscht hervor. „Auf dieser Station wird gut und effizient gearbeitet. Mach bitte keine persönliche Angelegenheit daraus.“

Die dunklen Brauen gingen in die Höhe. „Hast du den Eindruck, dass ich das tue?“

„Ich weiß es“, antwortete sie verzweifelt. „Ich kann ja verstehen, dass du wütend bist …“

„Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich stören muss.“ Rita tauchte neben ihnen auf. „Aber da hat sich jemand über Sie beschwert, Schwester Flannigan.“

„Beschwert?“ wiederholte Brianna verwirrt.

Die Sekretärin heuchelte ein Lächeln, das genauso falsch war wie der mitfühlende Seufzer, der ihm folgte. „Sie haben Ihren Wagen heute auf einem der Chefarzt-Plätze abgestellt. Das kann passieren, wenn man gestresst ist …“

„Ich bin nicht gestresst.“

„Aber natürlich sind Sie das, meine Liebe. Wer wäre das nicht, wenn er zwei Jobs zu machen hätte?“

„Schwester Flannigan hat zwei Jobs?“, hakte Connor nach.

Rita nickte eifrig. „Unser Pflegedienstleiter ist vor ein paar Monaten in seine Heimat Spanien zurückgegangen, und die Verwaltung hat noch keinen Nachfolger gefunden. Deshalb musste Schwester Flannigan in die Bresche springen, und wahrscheinlich sind wir deshalb nicht so effizient wie sonst.“

„Mir ist keine Ineffizienz aufgefallen, was Stationsschwester Flannigan betrifft.“ Connor wollte weitergehen, aber Rita ließ sich nicht so leicht abwimmeln.

„Oh, bitte, denken Sie jetzt nicht, dass ich Schwester Flannigan kritisieren wollte …“

Ja, klar, Rita, dachte Brianna aufgebracht. Und das ist auch überhaupt keine Retourkutsche, weil ich dich gestern zurechtgewiesen habe.

„Aber ich bin eben eine unverbesserliche Perfektionistin“, säuselte die Sekretärin. „Da hat man gern alles perfekt.“

„Dann frage ich mich, warum Sie hier noch stehen“, meinte Connor, „und nicht in Ihrem Büro sind und penibel Ihrer Arbeit nachgehen.“

Rita öffnete den Mund, schloss ihn wieder und presste fest die Lippen zusammen. „Na schön“, meinte sie schließlich obenhin. „Mir kann niemand vorwerfen, dass ich bleibe, wenn ich unerwünscht bin.“ Damit rauschte sie davon.

Brianna seufzte. „Danke, dass du zu mir gehalten hast.“

Er schwieg einen Moment, dann lächelte er schwach. „Ich dachte, das hätte ich immer getan. Weil wir zusammengehören.“

Früher, ja. Es hatte eine Zeit gegeben, als sie sich ein Leben ohne ihn niemals hätte vorstellen können. Aber nach und nach, fast unbemerkt, hatte sich etwas verändert, und vor zwei Jahren …

„Es tut mir leid, Connor, so leid.“

„Dass du mich verlassen hast oder dass ich dich gefunden habe?“

Er blickte ihr offen in die Augen, und das Schlimme war, dass sie ihm nicht antworten konnte. Nicht, ohne ihn zu verletzen. Damit er es ihr nicht anmerkte, senkte sie den Blick und trat einen Schritt zurück. „Mein Wagen“, sagte sie rasch. „Ich muss ihn umparken.“

Bevor er sie aufhalten konnte, war sie an der Tür und kurz darauf verschwunden. Connor ballte die Fäuste.

Er hatte ihr eine einfache Frage gestellt, aber die Antwort hatte sie ihm verweigert. Dabei brauchte er dringend Antworten!

Verdammt, das zumindest ist sie mir schuldig. Als er sie gestern unerwartet wiedergesehen hatte, war seine erste Regung Dankbarkeit gewesen. Dankbarkeit, dass es seiner Brianna gut ging. Aber schnell war dieses Gefühl von kochendem, blindem Zorn hinweggeschwemmt worden.

Da stand sie vor ihm, sah besser aus, als er sie in Erinnerung hatte, und lebte anscheinend glücklich und zufrieden seit zwei Jahren in Cornwall. Zwei Jahre, in denen er durch die Hölle gegangen war, weil er immer mit dem Schlimmsten rechnete. Und wenn sie auch nur die geringste Chance hätte, würde sie wieder aus seinem Leben verschwinden. Er hatte es in ihren dunkelbraunen Augen gelesen und den Blicken, die sie ihm zuwarf.

Nicht mit mir, beschloss er. Diesmal wollte er Antworten, echte Antworten, und er würde sich nicht mit so einem Blödsinn abspeisen lassen, dass er ihr nie zugehört hätte.

Die Stationstüren glitten zischend auseinander, als Connor mit langen Schritten darauf zumarschierte, um Brianna zu folgen.

„Tut mir wirklich leid, Schwester Flannigan“, sagte Sid, der Hausmeister des St. Piran, nachdem sie ihren Wagen umgeparkt hatte. „Ich finde, der Parkplatz sollte nicht so aufgeteilt sein, aber einige Chefärzte …“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist wohl ein Statussymbol für sie.“

„Schon gut, Sid, alles in Ordnung“, versicherte sie. „Ich weiß auch nicht, wo ich heute Morgen meinen Kopf hatte.“

Was nicht ganz stimmte. Sie hatte an Connor gedacht und daran, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte, aber das würde sie Sid nicht auf die Nase binden. „Bitte sagen Sie demjenigen, der sich beschwert hat, dass es nicht wieder vorkommt.“

Sid nickte, doch als er sich abwandte, meinte sie ihn murmeln zu hören: „Aufgeblasener Trottel“, und musste lächeln.

Flüchtig nur, dann verschwand das Lächeln, und Brianna starrte verloren vor sich hin.

Es wäre so einfach, wieder ins Auto zu steigen und wegzufahren. Anfangs würde sie niemand vermissen, und wenn sie immer weiterfuhr, fand sie vielleicht einen Ort, wo Connor sie nicht aufspüren konnte. Sie würde ein neues Leben beginnen, wieder ihren Namen ändern und …

„Nicht, Brianna“, sagte eine sanfte Frauenstimme. „Ich ahne, was du denkst, aber das löst das Problem auch nicht.“

„Vielleicht doch.“ Brianna drehte sich zu Jess um.

„Megan hat mir erzählt, dass Connor dein Mann ist.“ Als Brianna sie fassungslos ansah, fügte die Psychologin schnell hinzu: „Sonst behält sie so etwas für sich, aber sie macht sich Sorgen um dich und hat meinen Rat gesucht.“

„Ich …“ Sie zögerte. „Jess, wolltest du schon mal weglaufen? Einfach alles hinter dir lassen und von Neuem anfangen?“

„Ja, und ich habe es auch getan. Als meine Kolleginnen und Kollegen an dem Krankenhaus, wo ich vorher gearbeitet habe, herausfanden, dass ich Aids habe, war ich für viele plötzlich Luft. Manche sind sogar auf die andere Straßenseite gegangen, wenn ich ihnen entgegenkam.“

„Oh, Jess!“

„Das habe ich nicht ertragen, also bin ich geflüchtet. Und dann …“ Ein langer, trauriger Seufzer folgte. „Na ja, du weißt, was dann kam. Dieser schmierige Reporter von der Penhally Gazette hat meine Krankengeschichte veröffentlicht, und ich wollte wieder nur weg. Bis mir klar wurde, dass ich Menschen verlassen würde, denen ich etwas bedeute – und das St. Piran, wo ich eine sinnvolle Aufgabe erfülle.“

„Und Gio. Du hättest auch Gio verlassen.“

„Ich wusste nicht, ob er bei mir bleiben würde, nachdem er die Wahrheit erfahren hatte. Er hätte sich von mir trennen können, und dann …“ Jess lächelte tapfer. „Dann hätte ich damit leben müssen.“

Brianna blickte auf die Autoschlüssel in ihrer Hand. „Vielleicht bin ich nicht so stark wie du, Jess.“

„Doch, das glaube ich schon. Aber es ist deine Entscheidung. Du kannst bleiben und dich deinen Ängsten stellen, oder du läufst davon. Das heißt aber nicht, dass du sie loswirst. Sie werden dich begleiten wie ein dunkler Schatten.“

Ihre Freundin hatte recht. Flucht war nicht die Lösung. Doch zu bleiben und Connor dazu zu bringen, mit ihr zu reden, richtig zu reden …

„Jess …“, begann sie, stutzte und sah sich aufmerksam um. „Hast du das gehört?“

„Was denn? Ich höre den Verkehr, das Zwitschern der Vögel in den Bäumen …“

„Nein, da schreit ein Baby, ganz in der Nähe.“

Ihrer Miene nach zu urteilen, schien Jess einen Moment an Briannas Verstand zu zweifeln. Aber Brianna hatte genug mit Säuglingen gearbeitet, um Babygeschrei unter fünfhundert anderen Geräuschen zu erkennen, und dieses Baby war in Not. In großer Not.

„Vielleicht ist es eine Katze?“, vermutete Jess, als sie Brianna folgte, die schon zu den Chefarztplätzen lief. „Kätzchen hören sich oft an wie Babys.“

Aber es war keine Katze, sondern tatsächlich ein Säugling, der vor wenigen Minuten, als Brianna ihren Wagen holte, noch nicht dort gelegen hatte: in einen weißen Schal gewickelt, direkt neben dem glänzenden Aston Martin von Jess’ Mann Dr. Corezzi. Das kleine Gesicht war blau angelaufen, und der Winzling schnappte rasselnd nach Luft.

„Ach, du lieber Gott!“, rief Jess aus, während Brianna das Bündel aufhob und das Köpfchen schützend an ihre Brust drückte. „Wer kommt auf die Idee, hier ein Baby hinzulegen?“

„Das spielt im Moment keine Rolle, dieses Baby muss dringend versorgt werden, und zwar jetzt.“ Brianna rannte los, ohne Jess’ Antwort abzuwarten. Völlig auf das zarte Wesen in ihren Armen konzentriert, übersah sie die hochgewachsene Gestalt, die ihr entgegenkam, bis sie beinahe mit ihr zusammenstieß.

„Brianna, wir müssen …“ Connor sah nach unten, blickte verblüfft wieder auf. „Das ist ein Baby.“

„Gratuliere, Connor, das macht zehn von zehn möglichen Punkten für eine treffende Beobachtung. Gehst du bitte aus dem Weg, es braucht dringend Hilfe!“

Sie wollte es zur Intensivstation bringen, war sich aber nicht sicher, ob der Winzling bis dahin überleben würde. Da entdeckte sie Josh im Foyer und seufzte erleichtert auf.

„Hallo, meine Schöne, wo brennt’s?“, begrüßte er sie grinsend, als sie auf ihn zueilte.

„Auf dem Parkplatz lag ein Baby“, stieß sie atemlos hervor. „Es ist schlaff, blau angelaufen und atmet nicht richtig.“

Schlagartig wurde Josh ernst. „Jess, kannst du Dr. Brooke bitten, sofort in die Notaufnahme zu kommen? Und falls du ihn nicht erreichst“, fügte er hinzu, „verständige Megan. Brianna, du kommst mit mir.“

„Ich tippe auf RDS“, sagte sie, als sie in der Notaufnahme waren, und legte den Säugling auf einen Untersuchungstisch. „Siehst du, wie Haut und Muskeln sich zusammenziehen, jedes Mal, wenn er Luft holt?“ Vorsichtig wickelte sie den Schal ab. „Das Abdomen ist angespannt.“

„Es ist ein Junge.“ Connors Stimme klang merkwürdig heiser, und Josh blickte stirnrunzelnd auf.

„Wer sind Sie? Der Vater?“

„Ich bin Connor Monahan, der Krankenhausprüfer.“

„Was nicht erklärt, warum Sie hier sind. Deshalb schlage ich vor, Sie gehen und prüfen, was immer Sie prüfen müssen. Okay, ich brauche die Sauerstoffsättigung, Beatmung, Nabelvenenkatheter und einen Herz-Lungen-Monitor“, wandte sich Josh an seine Mitarbeiter. „Außerdem eine Beatmungsmaske – die kleinste, die wir haben.“

„Blutdruck zu niedrig, Herzfrequenz zu hoch“, erklärte eine der Notfallschwestern. „Wenn wir nicht aufpassen, gleitet er uns in den Schock ab.“

„Nicht in meinem Dienst“, verkündete Josh grimmig. „Wo ist der Venenkatheter?“

„Josh, kannst du ihn schnell stabilisieren?“ Angstvoll beobachtete Brianna den kleinen Jungen. „Er muss zu uns auf die Intensivstation.“

„Recht hast du, meine irische Rose.“ Mit geübten Handgriffen legte er den Venenzugang. „Aber wie du sicher weißt, braucht auch das Stabilisieren seine Zeit. Armes Kerlchen“, fuhr er fort, während er einen abschätzenden Blick auf den Monitor warf. „Er ist höchstens zwei Tage alt, und das heißt, dass auch die Mutter ärztliche Hilfe braucht.“

„Ja, ja, natürlich“, antwortete sie ungeduldig. „Beeil dich trotzdem, Josh, bitte.“

„Dieses RDS“, meldete sich Connor zu Wort. „Kann man das heilen?“

Verblüfft blickte Josh ihn an. „Sie sind ja immer noch hier. Haben Sie schon alle Abteilungen bewertet?“

„Ich habe eine Frage gestellt, und ich hätte gern eine Antwort“, entgegnete Connor scharf.

Der Chefarzt lächelte amüsiert. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht der Vater sind? Okay, okay“, setzte er hinzu, als Brianna ihm einen ungeduldigen Blick zuwarf. „Ja, Mr Monahan, RDS ist heilbar. Man sagt auch Schocklunge dazu. Bei zu früh geborenen, untergewichtigen Babys wird in den Lungen oft nicht genug Surfactant gebildet – eine Substanz, die ihnen beim Atmen hilft. Aber wir können sie ihnen über einen Tubus künstlich zuführen.“

„Und das geht nur in der Intensivstation.“ Im Eiltempo schob Megan einen Inkubator in die Notaufnahme. „Könnten wir also etwas weniger plaudern und etwas mehr handeln?“

„Ich habe nur Mr Monahans Frage beantwortet, Megan“, meinte Josh beschwichtigend.

Die Kinderärztin ließ sich nicht besänftigen. „Dafür ist keine Zeit!“

„Oh, ich habe immer Zeit für Fragen“, konterte er. „Ich mag zwar nicht immer die richtigen Antworten geben …“

„Was du nicht sagst.“ Megans Stimme klang eisig. „Vielleicht solltest du weniger Zeit damit …“

„Hört mal, könnt ihr euer Problem später lösen und euch auf dieses Baby konzentrieren?“, warf Brianna ein und wurde dunkelrot, als Megan gekränkt zusammenzuckte und Josh erstaunt die Brauen hochzog. „Entschuldigung … das hätte ich nicht sagen dürfen, aber …“ Sie verhaspelte sich. „Ich mache mir nur …“

„Sorgen.“ Josh nickte. „Schon verstanden. Okay“, erklärte er, während er das Kind vorsichtig hochhob und in den Brutkasten legte. „Der Knirps ist reisefertig.“

Sofort machte sich Brianna mit dem Säugling auf den Weg. Trotz ihrer Angst um das Baby ging ihr der Fauxpas, den sie sich geleistet hatte, nicht mehr aus dem Sinn.

„Megan, es tut mir wirklich leid“, flüsterte sie ihrer Freundin zu, als Christina das Baby mit den Überwachungsgeräten verband. „Was ich gesagt habe …“

„Vergiss es“, unterbrach Megan sie knapp. „Also, ich brauche Ultraschall, Röntgenaufnahmen und den Augenarzt.“

„Soll ich die Sauerstoffsättigung noch mal überprüfen?“, bot Brianna unsicher an. „Joshs Leute haben das zwar schon gemacht …“

„Überprüf es besser. Nichts gegen das Notfallteam, aber wir sind die Spezialisten.“

„Er kommt doch durch, oder?“ Groß und dunkel in seinem eleganten anthrazitgrauen Anzug tauchte Connor neben ihnen auf. „Der Arzt in der Notaufnahme – der, der mit Brianna geflirtet hat – meinte, er schafft es.“

„Der Arzt heißt Josh O’Hara, und er hat nicht mit mir geflirtet“, betonte Brianna, als Megan abrupt den Kopf hob. „Er wollte nur nett sein.“

„Ach, wirklich?“, lautete Connors trockener Kommentar, und in Megans Augen tauchte ein verletzter Ausdruck auf.

„Connor“, begann Brianna energisch. „Willst du nicht draußen warten? Du stehst im Weg.“

„Ich bleibe hier“, sagte er genauso bestimmt. Als sie sich achselzuckend abwandte, holte er tief Luft.

Er konnte einfach nicht weggehen. Nicht nur, weil er sich ernsthafte Sorgen um dieses Findelkind machte. Als er vorhin beinahe mit ihr zusammengestoßen war, hatte er seinen Augen nicht getraut. Das schmale Bündel in ihren Armen, der dichte schwarze Haarschopf … Es war, als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben. Connor blinzelte, sah Briannas blaue Schwesternuniform, und die beiden Jahre waren wieder da, und mit ihnen der Schmerz.

Ja, er hatte sich eingeredet, dass er nur ein paar Antworten von ihr verlangte, nach allem, was sie ihm angetan hatte. Doch dann hatte er die Furcht in ihren Augen gelesen, während der Notfallarzt den Kleinen untersuchte. Sie war noch immer in ihrer persönlichen Hölle gefangen, genau wie er, da hatte es keinen Sinn, auszuteilen. Nicht, wenn er Brianna wiederhaben wollte.

Und er wollte sie zurück. Ihm zog sich das Herz zusammen, als er beobachtete, wie sie dem Baby zärtlich über die Wange strich. Ohne Brianna … hatte er nichts.

„Sollten wir nicht die Polizei einschalten?“, fragte er. „Wenn es erst ein paar Tage alt ist, braucht die Mutter sicher auch Hilfe, oder?“

„Gute Idee“, meinte Megan. „Hast du auf dem Parkplatz irgendjemanden gesehen, Brianna?“

„Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht darauf geachtet.“

„Verdammt“, stieß die Oberärztin leise hervor. „Christina, kannst du noch mal versuchen, Dr. Brooke zu erreichen?“

„Geht es ihm schlechter?“ Alarmiert warf Brianna einen Blick in den Inkubator.

„Nicht unbedingt. Mir gefällt nur nicht, dass der kleine Kerl so inaktiv ist. Jess sagte doch, er hätte geschrien, als du ihn gefunden hast, und jetzt …“

„Vielleicht ist er unterkühlt?“

„Vielleicht. Aber mir wäre es lieb, wenn Dr. Brooke einen Blick auf den Kleinen wirft. Dabei fällt mir ein, wir können ihn nicht immer kleiner Kerl oder so nennen, bis seine Mutter gefunden ist.“

„Wie wäre es mit Patrick?“, schlug Christina vor. „Am siebzehnten März ist St. Patrick’s Day, und das ist doch bald. Und du bist Irin, Brianna, also bin ich für Patrick.“

Brianna betrachtete das Baby. Es war so klein, so unglaublich klein und wog bestimmt nicht mehr als fünf Pfund. Behutsam richtete sie das Pulsoximeter an seinem kleinen Fuß. „Harry“, sagte sie liebevoll. „Ich möchte … Ich finde, wir sollten ihn Harry nennen.“

Sie hatte wohl gehört, wie Connor hinter ihr scharf einatmete, aber sie drehte sich nicht um.

„Mir gefällt Patrick zwar besser“, meinte Christina. „Aber du hast ihn entdeckt, also nennen wir ihn Harry.“

Nur bis wir seine Mutter gefunden haben, dachte Brianna und zog dem Säugling ein Mützchen an, damit er nicht noch mehr Wärme verlor. Bis dahin allerdings würde sie dafür sorgen, dass immer jemand da war, der sich um Harry kümmerte.

Es wurde ein langer Nachmittag. Dr. Brooke erschien schließlich und verkündete dann, dass seiner Meinung nach der kleine Harry tatsächlich an einer Schocklunge litt. Aber als der Chefarzt ging, fügte er hinzu, er könne auch eine bronchopulmonale Dysplasie nicht völlig ausschließen.

„Der Himmel möge verhüten, dass ich jemals mit diesem Mann auf einem sinkenden Schiff bin“, erklärte Brianna aus voller Seele, nachdem er verschwunden war.

Megan lachte auf. „Ja, er ist ein wahrer Sonnenschein, nicht wahr?“ Sie blickte auf ihre Uhr. „Hattest du nicht schon vor Stunden Dienstschluss?“

„Ja, aber ich wollte nur sicher sein, dass mit Harry alles okay ist.“

„Nun, im knappen Krankenhausjargon gesagt, geht es ihm den Umständen entsprechend wie erwartet.“

„Was meinst du, wie alt er ist?“

„Einen Tag vielleicht, höchstens zwei. Die genaue Bestimmung bekommen wir ja noch. Ich glaube nicht, dass er zu früh geboren wurde. Er ist nur sehr klein, und daraus schließe ich, dass die Mutter vielleicht nicht genug gegessen hat.“

„Und sie ist irgendwo da draußen und braucht medizinische Versorgung.“ Brianna seufzte. „Hätte ich mich nur mal umgesehen, statt wie eine Wilde mit ihrem Sohn ins Krankenhaus zu rennen.“

„Mach dir keine Vorwürfe. Jess hat auch niemanden gesehen.“ Megan warf einen Blick über die Schulter und fragte mit gesenkter Stimme: „Und, wie läuft es mit Connor?“

Brianna verzog das Gesicht. „Was glaubst du?“

„Wenigstens ist er endlich verschwunden. Oder er geht den Kollegen einer anderen Abteilung auf die Nerven. Was auch immer, ich an deiner Stelle würde die Beine in die Hand nehmen und machen, dass ich wegkomme. Und ja, ich rufe dich an, wenn Harrys Zustand sich verändert“, fügte sie hinzu. „Also, ab mit dir, okay?“

Brianna lachte und wollte sich abwenden, hielt jedoch inne. „Megan, was ich da in der Notaufnahme gesagt habe … wenn ich könnte, würde ich es auf der Stelle zurücknehmen, wirklich. Es war ziemlich gedankenlos von mir …“

„Aber im Kern richtig“, unterbrach Megan sie. „Josh und ich hätten uns auf den kleinen Harry konzentrieren sollen. Ich … Leider brauchen wir nur in einem Raum zusammen zu sein, und schon dampft der Kessel.“ Sie lächelte unsicher. „Das ist nicht gut.“

Brianna konnte nachvollziehen, was ihre Freundin meinte. Sie musste nicht einmal mit Connor in einem Zimmer sein, um nervös und angespannt zu sein. Auch als sie in ihrem Cottage in Penhally Bay war, einem Fischerstädtchen nicht weit vom St. Piran entfernt, und sich bequeme Jeans und einen Pulli angezogen hatte, musste sie immer noch an Connor denken.

Ablenkung, dachte sie und griff zu dem Buch, das sie gerade las. Nach einer halben Seite legte sie es wieder beiseite. Wäre sie zur gewohnten Zeit zu Hause gewesen, hätte sie am Strand spazieren gehen können, um sich wieder zu beruhigen. Aber dafür war es inzwischen zu dunkel. Sie brauchte etwas – oder jemanden –, der ihre Gedanken in andere Bahnen leitete.

Als es um kurz nach neun klingelte, lief sie sofort zur Tür. Mit etwas Glück war es Jess, die manchmal auf einen Kaffee vorbeikam, um mit ihr über ihre kleinen Patienten oder die Eltern zu reden.

Aber es war nicht Jess, sondern Connor.

„Falls du mich wegen der Abteilung sprechen willst, das geht nicht“, erklärte sie ohne Begrüßung. „Es ist spät, ich hatte einen langen Tag, und ich bin müde.“

„Es geht nicht um deine Station.“ Er streckte die Hand aus, als sie Anstalten machte, die Tür wieder zu schließen. „Ich wollte zu dir.“

Und er hatte einen Koffer dabei. Ihr sank das Herz in die Knie. Das ist nicht wahr, oder?

„Connor, du kannst nicht …“ Ihr Blick glitt vom Koffer wieder zu ihm. „Du erwartest doch nicht, dass du hier einziehen kannst, oder?“

„Ich finde es ziemlich unsinnig, im Hotel zu wohnen, wenn du nicht weit vom St. Piran ein Haus hast. Deshalb habe ich mein Zimmer gekündigt.“

„Aber … die Leute werden reden. Sie werden sich das Maul zerreißen …“

„Weil ein Mann bei seiner Frau wohnt?“, führte er den Satz zu Ende.

Brianna errötete und suchte hastig nach einem anderen Argument. „Was ist mit deinem Ruf als unabhängiger Prüfer? Sieht das nicht nach Parteinahme aus? Ich weiß, du würdest nie eine Babyintensivstation dichtmachen, aber die Leute könnten denken, dass ich dich bei deinem Bericht beeinflusst habe.“

„Womit sie gründlich falsch lägen, nicht wahr?“, erwiderte er glatt. „Also, lässt du mich jetzt auf der Schwelle stehen, oder kann ich hereinkommen?“

Connor hatte sie in die Ecke gedrängt. Sie würde ihn nur loswerden, wenn sie ihm sagte, dass sie ihn nicht hierhaben wollte. Dass die Vorstellung, in alten Wunden herumzustochern, kaum zu ertragen war. Aber auch wenn er sie um Aufrichtigkeit gebeten hatte, so ehrlich konnte sie nicht sein.

„Gut, dann komm rein“, gab sie sich geschlagen.

„Hübsches Häuschen“, meinte er, als er ihr durch den engen Flur ins Wohnzimmer folgte. Dabei musste er den Kopf einziehen, um sich nicht an den alten eichenen Deckenbalken zu stoßen. „Sehr … kompakt.“

„Klein, meinst du? Kann sein, aber ich mag es.“

„Und hier hast du die letzten zwei Jahre gelebt?“ Er stellte seinen Koffer neben dem Sofa ab.

„Am Anfang habe ich ein paar Wochen im Schwesternheim gewohnt, doch ich wollte ein Zuhause, deshalb habe ich dieses Cottage gemietet.“

„Du hast ein Zuhause“, betonte er. „In London. Unsere Wohnung.“

Sie ist nicht meine, dachte sie. Sie war nie meine, aber das verstehst du wahrscheinlich nicht.

„Möchtest du etwas essen?“, wechselte sie das Thema. „Ich wollte mir gerade etwas machen.“

„Gern.“

„Chili con carne, Lasagne oder Gulasch?“ Brianna öffnete das Gefrierfach.

„Lasagne war schon immer mein Lieblingsgericht.“

Stimmt. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie ihm Lasagne gemacht hatte. Aber das war damals gewesen, und die Zeiten waren lange vorbei.

„Schön, dann Lasagne.“ Sie stellte sie in die Mikrowelle und hoffte inständig, dass Connor schnell aß, damit sie sich in ihr Schlafzimmer zurückziehen konnte.

Aber den Gefallen tat er ihr nicht. Im Gegenteil, er ließ sich sogar viel Zeit.

„Sehr lecker.“ Er schob sich eine Gabel voll in den Mund. „Genau so, wie ich sie in Erinnerung habe.“

„Das freut mich.“ Lustlos stocherte sie in ihrem Essen herum. Ihr war der Appetit vergangen. „Möchtest du ein Glas Wein dazu?“ Sie hatte sich halb erhoben, als er den Kopf schüttelte, und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. „Connor … warum bist du gekommen?“

„Weil wir reden müssen, und im Krankenhaus ist nie Gelegenheit dazu.“

Was ihr nur recht war, aber das konnte sie nicht sagen.

„Dieser Arzt, der immer mit dir flirtet …“

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass er nicht geflirtet hat?“, unterbrach sie ihn unwirsch. „Josh stammt aus Irland, wie du und ich, und wenn er so redet … das ist einfach seine Art. Das macht er bei jeder Frau, ob sie neun oder neunzig ist. Außerdem ist er verheiratet.“

„Du auch.“ Connor blickte vielsagend auf ihre Hand. „Aber du trägst deinen Ehering nicht.“

Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Ich habe ihn abgenommen, als ich herkam“, gestand sie. „Ich dachte, dann muss ich nichts erklären oder lästige Fragen beantworten.“

„Das bin ich also für dich – eine lästige Angelegenheit?“ Er legte sein Besteck hin. „Ballast, den man über Bord wirft wie einen Ring, den man sich einfach vom Finger streift?“

Der Ausdruck in seinen blauen Augen verriet, wie verletzt Connor war. Was sollte sie sagen? Dass sie sich wünschte, er wäre nicht wieder in ihrem Leben aufgetaucht? Vor ihr saß der Mann, den sie geheiratet, dem sie für immer ihre Liebe versprochen hatte.

„Ich weiß, dass du viele Fragen hast“, begann sie unglücklich. „Aber ich kann mich damit jetzt nicht befassen, tut mir leid …“

„Das sagst du immer wieder, als ob damit alles in Ordnung wäre.“

„Ich verstehe, dass dir das nicht reicht.“ Seine Vorwürfe waren ja berechtigt. „Aber siehst du denn nicht, wie schwer das für mich ist?“

„Glaubst du, ich stecke das einfach so weg?“, rief er aus. „Glaubst du, mir fällt es leicht, mit meiner Frau an einem Tisch zu sitzen und zu wissen, dass sie mich ans andere Ende der Welt wünscht? Oder heute, auf deiner Station, als du darauf bestanden hast, das Baby Harry zu nennen? Das hättest du nicht tun dürfen, Brianna. Niemals!“

Spontan streckte sie die Hand aus, wollte ihn berühren, um Verzeihung bitten, um Verständnis … doch er zog seine weg.

„Er hat doch niemanden“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Er ist ganz allein und so winzig, und er hat mich an unseren Sohn erinnert.“

„Aber er ist nicht unser Sohn.“ Ein schmerzerfüllter Blick traf sie. „Er ist nicht unser Harry, Brianna.“

„Ich weiß. Ich weiß, dass er eine Mutter hat, aber bis wir sie gefunden haben …“

„Du kannst nicht so tun, als wäre er Harry.“ Connor beugte sich vor. „Du kannst nicht so tun, als hätten wir unser Kind nicht verloren.“

„Dieses Baby braucht mich, Connor.“

Ich brauche dich!“, stieß er hervor. „Ich bin hier, und ich brauche dich.“

„Und wo warst du, als ich dich brauchte?“ Die anklagenden Worte waren heraus, ehe sie sie zurückhalten konnte.

Bestürzt sah er sie an. „Was soll das, Brianna? Ich war immer da für dich und für unseren Sohn. Immer!“

„Ich durfte nicht einmal um ihn weinen! Jedes Mal hast du gesagt: ‚Nicht weinen, Brianna, hör auf zu weinen.‘“

„Weil ich nicht wollte, dass du vor Kummer krank wirst …“

„Und wenn ich über ihn sprechen wollte, hast du das Thema gewechselt. Meine Eltern, meine Freunde haben ihn nie gesehen, weil er zwölf Stunden nach der Geburt gestorben ist. Deshalb war es für sie, als hätte er nie existiert …“ Sie atmete bebend ein. „Sie haben keine Erinnerungen an ihn, nur du und ich, aber du … Für mich war es, als wolltest du ihn aus unserem Leben tilgen.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“, antwortete er mit rauer Stimme. „Er war auch mein Sohn.“

„Ein Sohn, über den du nie reden wolltest – ein Sohn, um den du nie geweint hast!“

„Brianna, wenn Reden ihn zurückgebracht hätte, hätte ich mich heiser geredet. Aber Reden hätte nichts geändert, und das weißt du genau.“

„Für mich wäre er lebendig geblieben“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Dadurch hätte ich wenigstens das Gefühl gehabt, dass er bei uns ist, aber du hast dich verhalten, als wäre er nie da gewesen.“

„Brianna …“

„Bei der Beerdigung hast du dagesessen, als hätte das alles nichts mit dir zu tun, während ich … ich dachte, gleich wacht er auf und fängt an zu schreien, und dann merken sie, dass sie sich geirrt haben, und ich kann ihn mit nach Hause nehmen … Ich wollte …“ Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. „Ich wollte ihn so gern mit nach Hause nehmen.“

„Brianna, bitte …“

„Weißt du, wie ich mich gefühlt habe, bevor ich dich verlassen habe?“ Hastig wischte sie sich über die Augen. „Ich wollte sterben, Connor. Nur sterben, damit ich bei Harry sein kann, und dann …“ Ihre Stimme brach. „… dann wäre er nicht mehr allein. Ich konnte es nicht ertragen, dass er allein ist, in dieser Dunkelheit und Kälte, niemand da, der ihn im Arm hält.“

„Nicht, Brianna“, bat er verzweifelt. „Bitte, nicht.“

„Siehst du, du tust es schon wieder! Du sagst, du willst mit mir reden, aber wenn ich anfange, sagst du, ich soll aufhören.“

„Weil ich es nicht mit ansehen kann, wenn du leidest. Ich ertrage es nicht.“

„Connor …“

„Du hast recht.“ Abrupt stand er auf. „Es war ein langer Tag, wir sind beide müde, und ich muss noch meine Sachen auspacken.“

Mit verschlossener Miene blickte er auf sie herab. Sie kannte diesen Ausdruck nur zu gut aus der Zeit, bevor sie Connor verlassen hatte. So hatte er sie angesehen, wenn er dichtmachte, nicht mehr hören wollte, was sie zu sagen hatte. Resigniert erhob sie sich ebenfalls.

„Was ist mit dem Abwasch?“, fragte er, als sie zur Tür ging. „Du könntest abwaschen, und ich trockne ab, so wie wir es immer gemacht haben.“

„Lass nur“, wehrte sie müde ab. „Ich kümmere mich später darum.“

„Aber …“

Nichts Aber, dachte sie und marschierte entschlossen ins Wohnzimmer und die schmale Treppe hinauf ins Obergeschoss. Sie hatte keine Lust, das glückliche Ehepaar zu spielen, das gemeinsam den Abwasch erledigte. Sie waren kein glückliches Paar, schon lange nicht mehr.

„Das Bad ist hier.“ Brianna öffnete die erste Tür.

„Alles da, sehr gut“, sagte er lächelnd nach einem Blick auf Wanne und separate Dusche.

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. „Ich hoffe, du hast es hier bequem“, begann sie, während sie die nächste Tür öffnete. „Das Zimmer hat ein Doppelbett, und im Schrank ist genug Platz für deine Sachen.“

„Aber es ist nicht dein Zimmer.“

Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Brianna strich die Überdecke glatt, die faltenlos auf dem Bett lag, um Connor nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Dieses geht nach Osten raus“, erklärte sie. „Du hast also Morgensonne und einen herrlichen Blick auf die Bucht von Penhally …“

„Brianna, als ich sagte, ich brauche dich, meinte ich in jeder Beziehung.“

Seine tiefe Stimme klang sanft und beschwörend. Brianna zwang sich, ihn anzublicken. Den Mann, den sie geheiratet, in den sie sich vor Jahren verliebt hatte … Sie sollte etwas fühlen, aber es war, als hätte ihr Herz einen Eispanzer bekommen. Dort, wo Liebe sein sollte, herrschte kalte Leere, so kalt, dass es schmerzte.

„Connor, ich kann nicht einfach … da wieder anfangen, wo wir waren, bevor Harry starb“, sagte sie zögernd. „Ich kann nicht so tun, als wäre alles in Ordnung zwischen uns oder vergessen …“

„Komm in mein Bett.“

Sie schüttelte den Kopf, unfähig, ein Wort herauszubringen.

„Wäre …“ Er holte tief Luft. „Wäre es dir lieber, wenn ich gehe?“

Ein Ja wäre eine ehrliche Antwort gewesen, aber das brachte sie nicht über sich. Sie hatte ihm vorgeworfen, dass er nicht über seine Gefühle sprach, ihr nie erzählte, was in ihm vorging. Wenn er blieb, ergab es sich vielleicht, dass er sich öffnete. Diese Chance durfte sie ihm nicht verweigern.

„Es ist dein gutes Recht, hier zu sein.“

Das war nicht das, was er hören wollte. Connor blickte ihr nach, als sie das Zimmer verließ.

Warum bist du hier? fragte er sich. Es waren nicht nur Antworten, die er sich erhoffte. Nein, er wollte Brianna nicht wieder verlieren. Aber sie entglitt ihm, das spürte er.

Seufzend trat er ans Fenster. Der Himmel war bedeckt, die Sterne verbargen sich heute Abend hinter dichten Wolken. Aber in der Ferne sah er ein Licht, das rhythmisch aufleuchtete und wieder erlosch. Ein Leuchtturm, dachte er. Die Hoffnung aller Seefahrer, die sich auf dem Meer verirrt hatten, und Hoffnung war das Einzige, was er noch hatte. Sie war schwach, viel schwächer als der helle Lichtstrahl des Leuchtturms, aber Connor klammerte sich daran.

Was blieb ihm anderes übrig?

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