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Abbys großes Geheimnis / Happy End mit Dr. Costa? / Im Zauber einer Nacht

Anne Fraser

Abbys großes Geheimnis

1. KAPITEL

Abby ließ sich aufs Sofa sinken, während sie wie gebannt auf den Bildschirm starrte.

Die aktuellen Nachrichten zeigten einen Mann, der sich aus einem Hubschrauber der Royal Navy abseilte. Als die Gestalt im Sturmwind hin und her schwankte, hielt Abby den Atem an. Sie hatte den Fernseher eingeschaltet, um den Wetterbericht zu sehen, aber jetzt konnte sie den Blick nicht losreißen von den dramatischen Ereignissen, die sich vor ihren Augen abspielten.

Unter dem Helikopter trieb eine Jacht mit gefährlicher Schlagseite im Wasser.

„Die vierköpfige Familie befand sich auf einem Segeltörn, als sie vor der Küste von Cornwall in Seenot geriet“, berichtete die Reporterin. „Schwerer Seegang hat das Boot an die Felsen gedrückt, es läuft voll Wasser und droht zu sinken. Wir haben erfahren, dass der Steuermann nach einem heftigen Schlag gegen den Kopf bewusstlos ist. Seine Frau hat über Funk Hilfe gerufen. Sie und ihre Kinder sind noch an Bord.“

Ruhig, doch mit mühsam unterdrückter Anspannung fuhr sie fort: „Der Hubschrauberbesatzung bleibt nur wenig Zeit, um alle vier zu retten, bevor das Boot in den Fluten verschwindet. Auch ein Arzt des Royal Cornwall Air Ambulance Service ist an der Aktion beteiligt.“

Jetzt hatte der Mann am Seil das krängende Boot erreicht, hakte sich ab und schlitterte über das Deck. Minuten später wurde er an Bord des Hubschraubers gehievt, in jedem Arm eine kleine Gestalt, die sich fest an ihn klammerte.

Kurz darauf war er wieder unten, um eine dritte Person aus der lebensbedrohlichen Lage zu befreien. Abby beugte sich vor. Der verletzte Steuermann war immer noch an Bord. Konnte er gerettet werden, bevor das Schiff sank?

Das Meer schien zu kochen, dort wo die Rotorblätter das Wasser aufwirbelten. Ganz in der Nähe kämpfte sich ein Rettungsboot der Küstenwache durch die hohen Wellen, jedoch ohne Chance, an das havarierte Boot heranzukommen.

„Der Arzt wird auf die Jacht hinabgelassen“, verkündete die Reporterin.

Das Seil schwang wild hin und her, während der Pilot versuchte, seine Maschine in Position zu halten. Eine Welle hob das Boot an, doch dann tauchte es wieder ab. Die Gestalt am Seil pendelte nach rechts, dann nach links, während das Deck unter ihr wegsackte. Abby wusste, dass auch die Retter ihr Leben riskierten.

Jetzt hatte er es geschafft. Der Arzt stand an Deck, befreite sich rasch aus dem Geschirr, und das Seil wurde wieder hochgezogen. In der leuchtenden Jacke mit dem Namenszug der Luftrettung gut zu erkennen, tastete er sich an Deck vorwärts, verlor fast das Gleichgewicht auf dem heftig schwankenden Boot. Keine Minute später landete ein zweiter Mann mit einer Trage. Den ersten hatte Abby inzwischen aus den Augen verloren. War er über Bord gegangen?

Emma kam ins Zimmer. Als sie sah, wie Abby auf den Bildschirm starrte, nahm sie die Ohrstöpsel ihres MP3-Players heraus und setzte sich neben sie. „Musst du in deinem neuen Job auch so etwas machen?“, fragte sie.

„Bestimmt.“ Allerdings hoffte Abby inständig, dass sie nicht gerade an solchen spektakulären Aktionen teilnehmen musste. Es war etwas völlig anderes, sich bei ruhigem Wetter von einem Hubschrauber abzuseilen als dies hier.

Emma warf ihr einen bewundernden Blick zu. „Cool.“

Zum Glück schien ihre Tochter sich der Gefahr für die Männer nicht in vollem Umfang bewusst zu sein. Abby wollte nicht, dass Emma sich Sorgen um sie machte.

Was ihr wie Stunden vorkam, waren in Wirklichkeit nur wenige Minuten, dann wurde die Trage mit dem Verletzten mit der Winsch verbunden. Noch war die Situation jedoch kritisch. Die Jacht sank immer tiefer.

Schließlich hatte die Hubschrauberbesatzung Retter und Trage geborgen, und sobald sie sicher an Bord waren, drehte die Maschine ab. Sekunden später wurde das Boot von den aufgepeitschten Wellen verschluckt. Nur wenig früher, und es hätte die drei Männer mit sich gerissen.

„Mutter und Kinder stehen unter Schock und leiden an Unterkühlung“, vermeldete die Reporterin. „Sie werden im Krankenhaus behandelt. Über den Zustand des Familienvaters lässt sich nichts Genaues sagen, nur so viel, dass er stabil ist. Aber wir konnten zwei der Akteure, die an der dramatischen Rettungsaktion beteiligt waren, vor die Kamera holen.“

Für Emma war das Drama vorbei, sie stöpselte sich die Kopfhörer wieder in die Ohren und verließ das Zimmer. Abby wollte gerade umschalten, da schwenkte die Kamera auf zwei Männer. Der eine war um die fünfzig, gekleidet in einen Overall der Royal Navy, und der andere trug die signalfarbene Jacke eines Notarztes. Beide lächelten breit, so als hätten sie gerade etwas Erheiterndes erlebt, nicht gefährlicher als eine Routineübung.

Doch als die Kamera näher heranzoomte, machte Abbys Herz unwillkürlich einen Satz. Die Adlernase, das verwegene Lächeln des Jüngeren kamen ihr bekannt vor, trotz des Bartschattens, der Kinn und Wangen bedeckte. Bevor sie jedoch genauer hinsehen konnte, richtete sich die Kamera auf seinen Kollegen.

„Hier ist Sergeant Lightbody, der sich auf das havarierte Boot abgeseilt hatte“, erklärte die Reporterin. „Sergeant, können Sie unseren Zuschauern zu Hause vor den Bildschirmen beschreiben, wie Sie diese Rettungsaktion erlebt haben? Nach allem, was ich gesehen habe, konnten Sie die kleine Familie in letzter Sekunde vom Boot holen.“

Sergeant Lightbody schien nicht zu den Männern zu gehören, die gern im Rampenlicht standen. „Nun, es war ein bisschen windig dort draußen. Einer der schwierigsten Einsätze seit Langem.“

„Ein bisschen windig? Sie untertreiben sicher, Sergeant. Ohne Ihren beherzten Einsatz hätte der Ausflug für die vier Segler in einer Katastrophe enden können. Dass sie noch am Leben sind, verdanken sie ausschließlich dem Mut und der Erfahrung Ihres Teams.“

„Das ist unser Job“, brummte er, sichtlich unbehaglich bei so viel Aufmerksamkeit. „Außerdem ist es Dr. MacNeils Verdienst, dass wir den verletzten Skipper ohne weiteren Schaden bergen konnten.“

Die Kamera schwenkte zurück zu dem jüngeren Mann, und diesmal erkannte Abby ihn. Dazu brauchte sie ihn nicht einmal mit dem Foto zu vergleichen, das sie all die Jahre aufbewahrt hatte. Dr. MacNeil war Mac … der Geliebte ihrer toten Schwester und Emmas Vater!

Mit schwachen Beinen stand sie auf, nahm die Fernbedienung und drückte auf die Pause-Taste, um das Bild einzufrieren. Ja, er ist es wirklich, dachte sie aufgeregt, während sie das leicht verschwommene Gesicht betrachtete. Natürlich war er älter geworden, wie die feinen Linien am Mund und an den eisblauen Augen verrieten. Auch war er breiter, muskulöser, und sein Haar mit den sonnengebleichten Spitzen war viel kürzer. Doch das breite Lächeln und die übermütig blitzenden Augen hätte sie überall wiedererkannt.

Sie drückte auf die Taste, und die Sendung ging weiter.

„Dr. MacNeil, schildern Sie uns doch bitte Ihre Sicht der Ereignisse. Sie sind Notfallmediziner und arbeiten für die Royal Cornwall Air Ambulance. War das heute ein ganz normaler Arbeitstag für Sie?“

Abby hörte kaum hin. Sie hatte Mac gefunden! Und nicht nur das, sie würde auch mit ihm zusammenarbeiten! Mit zitternden Knien ließ sie sich wieder aufs Sofa sinken. Gut, dass Emma nicht mehr im Zimmer war, sie hätte bestimmt sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Abby wollte sich aber erst allein mit der Neuigkeit befassen.

Mac lächelte in die Kamera. Im Gegensatz zu Sergeant Lightbody wirkte er völlig entspannt. „Normal vielleicht nicht, aber wir von der Luftrettung schließen uns mit anderen Rettungsteams kurz, falls ein Notfall dies erfordert. Ein Arzt gleich vor Ort kann über Leben oder Tod entscheiden.“

„Selbst wenn es bedeutet, dass Sie Ihr Leben riskieren?“ Die hübsche Blondine konnte ihre Bewunderung nicht verbergen.

„Die Royal Navy wird schon dafür sorgen, dass mir nichts passiert“, erwiderte Mac leichthin. „Außerdem sind sie die echten Helden. Die Männer von der Marine machen das jeden Tag, und ohne den erfahrenen Piloten und sein Team hätten wir die Familie niemals in Sicherheit bringen können.“

Abby konnte immer noch nicht glauben, was sie mit eigenen Augen sah. Diesen Mann hatte sie vor Jahren verzweifelt gesucht, und nun war er hier, in Penhally Bay, und überdies ein zukünftiger Kollege!

Welch eine Ironie des Schicksals, dass sie ausgerechnet hierhergezogen waren, weil Emma keinen Vater hatte.

Vor wenigen Monaten, kurz vor Emmas elftem Geburtstag, hatte Abby sie gefragt, ob sie ihre Schulfreundinnen zu einer Party einladen wollte. Zu ihrem Entsetzen war Emma in Tränen ausgebrochen. Erst nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, gestand sie, dass sie in der Schule gehänselt wurde. Nur ihre beste Freundin hielt noch zu ihr.

„Aber warum, mein Schatz? Du hattest doch so viele Freunde.“

Die Tränen flossen von Neuem, und zwischen Schluchzern erzählte Emma, wie es angefangen hatte. Eins der Mädchen zog sie immer wieder damit auf, dass sie keinen Vater hatte.

„Ich hab ihr gesagt, dass ich natürlich einen Vater habe. Dann haben sie gefragt, wo er ist. Als ich sagte, ich weiß es nicht, haben sie sich über mich lustig gemacht. Dass ich entweder lüge oder eine schlechte Tochter sein muss, wenn mein Dad nichts von mir wissen will. Ich habe versucht, nicht auf sie zu hören, aber sie haben immer weitergemacht und scheußliche Sachen gesagt.“

Mit Tränen in den Augen blickte sie Abby an. „Ich weiß, dass du nicht meine Mutter bist, Mum.“ Als ihr auffiel, was sie da gesagt hatte, berichtigte sie sich lächelnd. „Doch, klar, du bist meine Mutter, aber nicht meine leibliche. Aber du hast mir nie verraten, wer mein Vater ist. Warum kümmert er sich nicht um mich? Warum hat er noch nie versucht, sich mit mir zu treffen?“

Ihre Frage klang so verzweifelt, dass Abby das Herz wehtat. Sie war nicht ihre leibliche Mutter, aber sie liebte das Mädchen wie eine eigene Tochter. Dass es das Kind ihrer Zwillingsschwester Sara war, verstärkte die Bindung zusätzlich.

„Ich möchte endlich wissen, wer mein Dad ist“, hatte Emma leise hinzugefügt. „Alle anderen wissen, wer ihr Dad ist, warum ich nicht?“

Abby hatte ihr in die blauen Augen gesehen, die denen von Sara so ähnlich waren, und behutsam geantwortet: „Schätzchen, er weiß vielleicht gar nicht, dass es dich gibt.“

„Wieso das denn? Hat meine richtige Mutter es ihm nicht erzählt?“

„Sara war sehr glücklich, als du unterwegs warst. Vielleicht wollte sie dich ganz allein für sich.“

In Wahrheit hatte Sara ihm die Schwangerschaft verschweigen wollen. Erst als sie erfahren hatte, dass sie nicht mehr lange leben würde, erzählte sie Abby, dass sie mit Mac, dem Surflehrer auf Mykonos, eine Affäre gehabt hatte.

Emma war gerade drei Monate alt, da flog Abby mit ihr nach Griechenland, um nach ihm zu suchen. Vergeblich. Die Sommersaison war vorüber, Touristen und Surflehrer hatten längst ihre Koffer gepackt und waren abgereist. Niemand konnte ihr sagen, wie Mac richtig hieß, geschweige denn, wo er sich aufhielt.

Bevor ihre Schwester starb, hatte Abby ihr versprochen, sich um ihre Tochter zu kümmern. Das Versprechen hatte sie gehalten, und obwohl es nicht immer leicht war, so hatte sie ihre Entscheidung nie bereut. Emma brachte so viel Freude und Sonnenschein in ihr Leben.

„Ich möchte nicht an der Schule bleiben, Mum. Bitte, kann ich nicht auf eine andere gehen, wenn ich in die Sekundarstufe komme?“

„So einfach ist das nicht, mein Herz. Gute Schulen direkt am Wohnort sind hier in London nicht so leicht zu finden. Lass mich erst mit deiner Klassenlehrerin reden, ja?“

Die Lehrerin versprach, zu helfen, aber auch sie konnte die Hänseleien nicht ganz abstellen. Verärgert und traurig zugleich beobachtete Abby, wie ihre Tochter weiterhin litt und sich mehr und mehr zurückzog. Als sie dann in einer Stellenanzeige las, dass der Royal Cornwall Air Ambulance Service einen erfahrenen Sanitäter suchte, besprach sie sich mit Emma und bewarb sich. Cornwall wäre für sie ideal. Die herrliche Landschaft, das Meer sozusagen direkt vor der Haustür, ja, das war genau das Richtige für Emma, die sich gern viel in der freien Natur aufhielt.

Und so weinten sie dem Großstadtleben keine Träne nach. Abby versprach ihrer Tochter, sich noch einmal auf die Suche nach ihrem Vater zu machen, sobald sie sich in ihrem neuen Zuhause eingerichtet hatten. Wie hätte sie ahnen können, dass sich ihre Wege schon bald kreuzen würden?

Abby holte den zerknitterten Schnappschuss aus der Schublade. Das Foto war am letzten Abend ihres Urlaubs mit Sara auf Mykonos entstanden, und sie hatte es wohl schon hundert Mal betrachtet. Eine Gruppenaufnahme am Strand. Mac hatte den Arm um Sara gelegt, die lachend zu ihm aufblickte. Abby selbst stand am Rand, eine ernste, schmale Gestalt mit mittellangem Haar, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen. Sie bezweifelte, dass Mac sie überhaupt wahrgenommen hatte. Sicher, sie waren einander vorgestellt worden, aber sein Blick war sofort zu ihrer lebenslustigen, fröhlichen Schwester geglitten.

Sie sah zum Fernseher hin. Das Interview war beendet, und doch erwartete sie, dass er gleich wieder auf dem Bildschirm auftauchen würde. Eine Woche Training lag noch vor ihr, dann würde sie ihre neue Stelle beim Luftrettungsdienst von Cornwall antreten. Eine Woche also, um sich ein paar Gedanken zu machen, bevor sie Dr. MacNeil gegenübertrat.

Was sollte sie Emma sagen?

Was sollte sie Mac sagen?

Was sollte sie tun?

2. KAPITEL

Nervös betrat Abby die Zentrale der Royal Cornwall Air Ambulance. Sie arbeitete seit zwölf Jahren in ihrem Beruf, doch ab heute warteten neue Erfahrungen auf sie. In Zukunft würde sie zu ihren Rettungseinsätzen fliegen, und noch war ihr etwas mulmig bei der Vorstellung, sich vom Hubschrauber aus abzuseilen. Trotz des intensiven Trainings, das sie genossen hatte.

Das war aber nur ein Grund für ihre Unruhe. Viel mehr zu schaffen machte ihr, dass sie Mac heute begegnen würde.

Seit sie ihn zufällig im Fernsehen gesehen hatte, plagten sie Hunderte von Fragen. Wenn er nun verheiratet war und Familie hatte? Oder von seiner Tochter nichts wissen wollte? Sollte sie ihr dann verschweigen, dass ihr Vater in der Nähe lebte? Hatte sie überhaupt das Recht, Emma diese Information vorzuenthalten?

Schließlich entschied sie sich, Emma nichts zu erzählen, ehe sie nicht mit Mac gesprochen hatte. Letztendlich war ein schlechter Vater schlimmer als gar kein Vater, oder?

Der Leiter der Luftrettung, den sie bereits bei ihrem Vorstellungsgespräch kennengelernt hatte, erwartete sie an der Tür. Paul war Anfang fünfzig, ein großer Kerl mit einem netten Lächeln.

„Schön, dass Sie da sind, Abby“, begrüßte er sie. „Hat Ihnen das Training Spaß gemacht? Der Kursleiter hat Sie in den höchsten Tönen gelobt. Wie gefällt Ihnen Penhally Bay?“

„Ein idyllisches Städtchen. Viel habe ich allerdings noch nicht gesehen. Wenn ich nicht im Kurs war, musste ich mich um die Einschulung meiner Tochter kümmern oder Umzugskisten auspacken. Aber ich habe Emma versprochen, dass wir uns an meinem ersten freien Tag die Gegend ansehen.“

„Tun Sie das. Für Kinder ist es hier ideal. Meine sind längst flügge, aber sie nutzen jede Gelegenheit, uns zu besuchen.“ Er deutete zur Treppe. „Kommen Sie mit ins Büro. Die Truppe ist schon gespannt darauf, Sie kennenzulernen.“

Ihr Herz klopfte wie wild, und ihre Beine fühlten sich an wie aus Pudding, während sie Paul folgte. Würde Mac sie nach all den Jahren wiedererkennen? Wahrscheinlich nicht. Sie hatte sich äußerlich sehr verändert, und damals hatte er ihr kaum Beachtung geschenkt.

Paul führte sie in einen großen Raum, in dem sich ein paar Leute versammelt hatten. Es duftete nach Kaffee, und das Stimmengewirr verriet eine lebhafte Unterhaltung.

Wie magisch angezogen, fiel Abbys Blick zuerst auf Mac. Die langen Beine von sich gestreckt und die Hände lässig hinterm Kopf verschränkt, saß er auf einem der Stühle und sprach mit einem Kollegen. Wie die meisten Anwesenden trug er einen orangefarbenen Overall. Der Reißverschluss war jedoch fast bis zur Taille heruntergezogen, und unter dem leuchtend weißen T-Shirt darunter zeichneten sich eine breite, muskulöse Brust und ein flacher Waschbrettbauch ab.

Abbys Herz flatterte wie ein gefangener kleiner Vogel.

„Alle mal herhören“, verschaffte sich Paul mit seiner sonoren Stimme die nötige Aufmerksamkeit. „Ich möchte euch unsere neue Kollegin vorstellen. Das ist Abby Stevens.“

Vor diesem Moment hatte sie sich gefürchtet. Würde Mac sich an sie erinnern? An Saras Nachnamen? Hatte er ihn überhaupt gewusst? Obwohl alle anderen sich ihr zuwandten, verfolgte sie angespannt Macs Reaktion.

Die blauen Augen wurden schmal, ein nachdenklicher Ausdruck erschien flüchtig auf seinem Gesicht, aber dann lächelte Mac und erhob sich geschmeidig. Sein Blick glitt über ihren Körper. „Ich bin Dr. William MacNeil, aber hier sagt jeder Mac.“

Er hatte einen festen Händedruck, aber nicht deswegen zuckte sie insgeheim zusammen. Die Berührung löste ein Prickeln aus, das wie ein leichter Stromschlag in ihren Arm schoss, und hastig entzog Abby ihm ihre Hand. Sie wandte sich ab, um die anderen Kollegen zu begrüßen, bekam aber noch mit, wie Mac verwundert die Stirn runzelte.

Paul machte sie mit Mike und Jim, den beiden anderen Sanitätern bekannt, dann mit einem etwas älteren Mann namens Greg, dem Hubschrauberpiloten, und mit Lucy, der Notfallärztin. Kirsten war die Letzte. Sie war für die Telefonzentrale zuständig und hielt während der Einsätze ständigen Kontakt mit dem Rettungsteam.

Alle lächelten Abby freundlich an und gaben ihr sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Sie freute sich schon darauf, mit ihnen zusammenzuarbeiten – mit einer Ausnahme.

„Kannst du Abby herumführen, Mac?“, bat Paul. „Ich habe Papierkram zu erledigen, und Lucy und Mike wollten noch berichten, wie der Einsatz gestern abgelaufen ist.“ Er wandte sich an Abby. „Wir sehen uns später, ja?“

„Ein Autounfall auf der Küstenstraße“, begann Lucy, nachdem Paul das Zimmer verlassen hatte. Sie war klein und füllig und hatte helle, kluge Augen. „Der Fahrer war zu schnell unterwegs und prallte mit einem entgegenkommenden Wagen zusammen.“

„Gab es Tote?“

„Überraschenderweise nicht. Der andere Fahrer konnte noch ausweichen, sonst wäre der Zusammenstoß für beide fatal gewesen. Die Feuerwehr brauchte Stunden, bis sie den Verursacher aus seinem Auto geschnitten hatte. Wir mussten ihn die ganze Zeit beatmen, und er ist immer noch nicht über den Berg. Aber er kann von Glück sagen, dass er überhaupt am Leben ist.“

Lucy sah auf ihre Armbanduhr. „So, ich muss los!“ Sie streckte Abby wieder die Hand entgegen. „Schön, noch eine Frau an Bord zu haben, Abby. Bei all den muskelbepackten Männern hier fühlen Kirsten und ich uns manchmal etwas unterrepräsentiert, nicht, Kirsten?“

Die Telefonistin grinste verschmitzt. „Lucy macht Witze – sie kann es jederzeit mit den Kollegen aufnehmen.“

Abby warf einen Seitenblick auf Mac, der das Gespräch schweigend verfolgt hatte. Sie ertappte ihn dabei, wie er sie musterte.

„Sind wir uns schon mal begegnet?“, fragte er schließlich.

Ihr Puls beschleunigte wieder. Sara und sie waren keine eineiigen Zwillinge gewesen, hatten aber deutliche Ähnlichkeiten gehabt … die braunen Augen, die gerade Nase und den großen, weich geschwungenen Mund. Für den Mykonosurlaub hatte Sara sich die Haare kurz geschnitten und platinblond gefärbt. Abby hingegen trug ihr schulterlanges karamellbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und hatte ständig eine Sonnenbrille auf. Auf den ersten Blick hätte man sie nie für Zwillingsschwestern gehalten. Und Mac hatte Abby kaum einen Blick gegönnt.

Außerdem konnte sie ihm jetzt wohl schlecht von Sara und Emma erzählen. Also zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich glaube nicht.“

Der nachdenkliche Ausdruck verschwand und machte wieder dem unbekümmerten Lächeln Platz. „Sie haben recht.“ Mac senkte die Stimme. „Ich hätte mich an Sie erinnert. Schöne Frauen vergesse ich nicht“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

„Und sie vergessen dich nicht, wolltest du sagen, hm?“, neckte Lucy und wandte sich Abby zu. „Hüten Sie sich vor unserem lieben Mac. Wir halten große Stücke auf ihn, aber er ist ein Herzensbrecher. Zum Glück bin ich zu alt für ihn, und Kirsten ist schon vergeben.“

„Ich gehe gern jederzeit mit dir aus, Lucy“, konterte Mac gut gelaunt. „Du brauchst es nur zu sagen.“

„Ja, ja …“ Mit einem theatralischen Seufzer griff sie nach ihrer Handtasche. „Okay, ich bin weg.“

„Ich auch“, schloss sich Kirsten an. „Die Arbeit ruft!“

Und dann war sie mit Mac allein. Der betrachtete sie immer noch leicht fragend, und ihr Unbehagen wuchs. „Dr. MacNeil“, begann sie steif. „Wir sollten mit der Besichtigung anfangen.“

Wieder dieses atemberaubende Lächeln. „Nennen Sie mich Mac. Das tut jeder hier.“

Mac ließ Abby vorangehen und unterdrückte einen anerkennenden Pfiff, als er sah, wie sich ihre weiblichen Hüften unter dem Stoff bewegten. Bei jeder anderen Frau hätte der orangefarbene Kittel mit der passenden Hose wenig schmeichelhaft ausgesehen, doch für Abby schien er maßgeschneidert zu sein.

Aber nicht nur ihre verführerische Figur war hinreißend. In ihren warmen braunen Augen konnte sich ein Mann verlieren, und für die hohen Wangenknochen hätte so manches Model, mit dem er ausgegangen war, sonst was gegeben. Selbst die Sommersprossen auf ihrer Nase taten ihrer Schönheit keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie sah damit richtig süß aus. Vor allem, wenn sie bei seinen Bemerkungen errötete.

Dass sie keinen Ehering trug, hatte er schon festgestellt. Gut. Die nächste Zeit könnte interessant werden …

Mac begann seine Führung in Kirstens kleinem Büro. Sie hatten es gerade betreten, da klingelte das Telefon.

Kirsten hob die Hand, bat um Stille. „Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, meine Liebe“, sagte sie schließlich. „Wir schicken so schnell wie möglich jemanden zu Ihnen. Warten Sie einen Moment, ich rede kurz mit unserem Arzt.“

Sie schwang mit ihrem Schreibtischstuhl herum. „Vierunddreißigste Schwangerschaftswoche, anscheinend haben die Wehen eingesetzt. Die werdende Mutter ist allein auf dem Hof und kann nicht ins Krankenhaus kommen, weil ihr Mann mit dem Wagen unterwegs ist.“ Kirsten bedeckte den Apparat mit der Hand. „Sie hat mir erzählt, dass sie einen Plazentavorfall hat und in zwei Wochen mit Kaiserschnitt entbinden sollte.“

„Wo liegt der Hof?“, fragte Mac. Verschwunden war die Lässigkeit, jetzt war er voll und ganz der Arzt, der sich auf einen Notfall konzentriert.

Kirsten deutete auf die Karte. „Dort.“

„Was ist mit dem Krankenwagen?“, warf Abby ein.

„Schwierig“, meinte Kirsten. „Bei den Straßen dauert es mindestens eine Stunde, bis er da ist. Außerdem meinte Jenny Hargreaves – so heißt sie –, dass der Weg zum Hof nur mit Allradantrieb passierbar ist. Was mich nicht wundert, in den letzten vierzehn Tagen hat es heftig geregnet.“

„Wir müssen sie so schnell wie möglich auf die Entbindungsstation bringen“, sagte Mac. „Okay, Kirsten, sag Greg Bescheid, er soll den Heli anwerfen, und Jenny, dass Hilfe unterwegs ist. Kann sie eine Freundin oder einen Nachbarn bitten, in der Zwischenzeit bei ihr zu bleiben?“

Kirsten schüttelte den Kopf. „Nein. Sie ist mit ihrem neunjährigen Sohn allein.“

„Sie soll ihn ans Telefon holen, damit er die Verbindung hält. Ruf im St. Piran an, damit sie sich vorbereiten. Ach, und wir sollten für alle Fälle einen Inkubator für das Baby an Bord haben. Kommen Sie, Abby, Ihr erster Einsatz winkt. Wir müssen uns fertig machen.“

Während Abby hinter ihm die Stufen zur Kammer hinunterlief, wo die Ausrüstung aufbewahrt wurde, rief sie sich ins Gedächtnis, was sie über Placenta praevia wusste.

„Das sieht nicht gut aus, oder?“, fragte sie beunruhigt, als Mac ihr eine Jacke reichte.

„Erzählen Sie mir, was Sie über den Zustand wissen.“

„Bei einer Placenta praevia liegt die Plazenta vor dem Baby und verschließt dadurch den Geburtskanal. Das kann zu starken, lebensbedrohlichen Blutungen kommen, wenn es nicht behandelt wird. Wenn die Wehen eingesetzt haben, bleibt uns nicht mehr viel Zeit.“

Während ihrer Ausbildung hatte sie gelernt, welche Komplikationen bei einer Entbindung auftreten konnten. Damals war es noch graue Theorie gewesen, aber seit Sara kurz nach Emmas Geburt gestorben war, wusste Abby, womit sie es zu tun hatte.

Oh, bitte, lass uns rechtzeitig da sein! „Haben wir einen Geburtshelfer in Rufbereitschaft?“

„Im St. Piran. Kirsten wird uns durchstellen, sobald wir in der Luft sind.“ Mac hielt inne und legte ihr die Hände auf die Schultern. Dann sah er ihr in die Augen. „Schaffen Sie das?“ Sein Blick war ruhig, und Mac selbst strahlte eine unerschütterliche Gelassenheit aus.

Es half ihr, sich ein wenig zu entspannen. „Natürlich“, antwortete sie möglichst unbefangen. „Ganz normaler Alltag.“

Wenig später saßen sie im Hubschrauber.

„In zwanzig Minuten müssten wir da sein“, vermeldete Greg über Funk. „Es ist windig da hinten, kann sein, dass wir ein bisschen durchgeschüttelt werden.“

„Meinst du, wir können landen?“, fragte Mac.

„Das Feld hinter dem Bauernhaus ist groß genug. Es kommt nur darauf an, wie matschig der Untergrund ist. Das sehen wir, wenn wir da sind.“

Abby und Mac tauschten einen Blick.

„Haben Sie schon einmal einen Notkaiserschnitt durchgeführt?“ Wenn sie Jenny nicht rechtzeitig ins Krankenhaus brachten, war das die einzige Chance für Mutter und Kind. Ein solcher Eingriff war jedoch auch für einen qualifizierten Chirurgen in einem voll ausgestatteten OP nicht ohne. Abbys Anspannung kehrte zurück. Selbstvertrauen war eine Sache, aber besaß Mac auch die nötigen Fähigkeiten?

„Ja.“ Er lehnte sich zu ihr herüber, mit diesem verwegenen Lächeln, das seine markanten Züge noch attraktiver machte. „Aber keine Sorge. Ich habe vor, die Chirurgen ranzulassen.“ Mac hob den Zeigefinger und lauschte.

„Hallo, Mac“, ertönte eine ruhige Frauenstimme über Funk. „Dr. Gibson hier. Was haben wir?“

„Eine Schwangere mit Placenta praevia. Vierunddreißigste Woche, die Wehen haben eingesetzt. Unsere Telefonzentrale hält die Verbindung über den neunjährigen Sohn der Patientin. Die Mutter hat ihm gesagt, dass die Kontraktionen ungefähr alle fünf Minuten kommen. Ihr Name ist Jenny Hargreaves. Sie müssten eine Akte über sie haben, weil sie im St. Piran mit Kaiserschnitt entbinden sollte.“

Kurz herrschte Stille. Abby vermutete, dass Dr. Gibson Jennys Patientendatei aufrief. „Ich sorge dafür, dass auf der Neugeborenenintensivstation alles vorbereitet ist“, sagte sie dann. „Wir erwarten sie im OP. Wie lange werden Sie brauchen?“

„In zehn Minuten landen wir … falls wir landen können. Sagen wir, weitere zehn Minuten, um die Dame zu untersuchen und in den Hubschrauber zu bringen. Plus zwanzig für den Rückflug. Glauben Sie, das schaffen wir?“ Auch in seiner Stimme schwang das unbekümmerte Lächeln mit, als wäre Mac auf einem Sonntagsspaziergang.

„Wenn es jemand schafft, dann Sie“, kam die Antwort. „Aber falls die Geburt in vollem Gange ist, kann es zu massiven Blutungen kommen. Dann müssen Sie vor Ort operieren. Keine leichte Aufgabe.“

„Was ist in unserem Job schon leicht?“ Er zwinkerte Abby zu. „Wenn irgend möglich, bringe ich sie Ihnen, und dann dürfen Sie operieren.“ Mac bewegte die schlanken Finger. „Ist schon ziemlich lange her, dass ich so etwas gemacht habe.“

„Viel Glück.“

Bald darauf kam der Bauernhof in Sicht. Zu Abbys Erleichterung fand der Pilot einen Platz, wo er sicher landen konnte.

Die Rotorblätter drehten sich noch, da hatte Mac sich schon den Rettungskoffer über die Schulter gehängt. „Los geht’s. Denken Sie daran, den Kopf unten zu halten.“

Abby holte einmal tief Luft, sandte ein Stoßgebet zum Himmel und folgte ihm aus dem Hubschrauber.

Geduckt lief Mac unter den schwirrenden Rotorblättern hervor und zum Haus. Der mindestens zehn Kilo schwere Koffer schien ihn dabei nicht im Geringsten zu behindern. Abby rannte hinterher und hatte Mühe, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten.

An der Haustür stand ein Junge, blass und mit vor Angst weit aufgerissenen Augen. „Bitte, machen Sie schnell, meine Mum blutet!“

Abby sank das Herz in die Zehenspitzen. Blutungen, das bedeutete, dass sich die Plazenta bereits ablöste. Somit stand nicht nur die lebensnotwendige Versorgung des Babys auf dem Spiel, sondern die Mutter drohte zu verbluten. Selbst im Krankenhaus wäre das Alarmstufe Rot, aber hier draußen hatten sie außer Morphin und einer mageren Grundausstattung nichts.

Mac ging in die Hocke und legte dem Kind die Hand auf die Schulter. „Wie heißt du, mein Junge?“

„Tim.“

„Es wird alles gut, Tim, das verspreche ich dir. Und jetzt bring uns zu deiner Mutter, damit wir ihr helfen können.“

Was auch immer Tim in Macs Augen las, es schien ihn zu beruhigen. Er nickte und führte ihn und Abby ins Schlafzimmer. Auf dem Bett lag eine hochschwangere junge Frau, die sichtlich Schmerzen hatte.

Abby und Mac eilten zu ihr.

„Jenny, nicht wahr?“ Mac legte den Rettungskoffer auf den Fußboden und ließ die Schlösser aufschnappen. „Ich bin Dr. MacNeil, und das ist Abby Stevens. Wir kümmern uns um Sie und Ihr Baby.“

Abby fühlte ihren Puls.

„Über hundert und schwach“, sagte sie zu Mac, während sie sich ihr Stethoskop um den Hals legte.

„Wie lange bluten Sie schon? Und wann haben die Wehen eingesetzt?“, fragte er.

„Die Blutungen habe ich seit ein paar Minuten, die Wehen fingen vor einer Stunde an.“ Jenny umklammerte Abbys Hand. „Sie müssen mein Baby retten. Bitte! Helfen Sie uns.“

„Wir tun alles, was wir können“, versprach Abby mit einem zuversichtlichen Lächeln.

Wie erwartet, war Jennys Blutdruck alarmierend niedrig. Sie verlor bereits viel Blut.

„Ich lege jetzt einen Venenzugang, um Sie mit Flüssigkeit zu versorgen“, erklärte Mac und desinfizierte die betreffende Stelle an Jennys Arm. „Dann heben wir Sie auf eine Trage und bringen Sie in den Hubschrauber, okay?“

„Und Tim? Ich kann ihn hier nicht allein lassen. Mein Mann kommt erst morgen Vormittag zurück.“

„Sollen wir eine Nachbarin bitten, auf ihn aufzupassen?“

„Wir sind erst vor zwei Monaten hergezogen, und ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, alles für das Baby einzurichten. Ich kenne hier niemanden.“

„Wenn das so ist, fliegt Tim mit. Was sagst du dazu, Tim?“ Mac drehte sich zu dem kleinen Jungen um, der an der Tür stand und das Geschehen aufmerksam verfolgte.

„Cool.“ Seit Erwachsene wieder die Verantwortung übernommen hatten, war er nicht mehr so blass.

Die Infusion lief, und Mac richtete sich auf. „Also, Jenny, der Hubschrauber steht draußen vor der Tür. Wir bringen Sie jetzt fix an Bord.“

Jenny presste die Hand auf den Bauch, als die nächste Wehe kam. „Schaffen Sie mich nur schnell ins Krankenhaus“, stieß sie hervor. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und sah ihren Sohn an. „Tim hilft mit, nicht wahr, mein Schatz?“

Tim schien den ersten Schrecken überwunden zu haben. Ob es daran lag, dass endlich Hilfe für seine Mutter da war, oder an der Aussicht, in einem Rettungshubschrauber mitfliegen zu dürfen, konnte Abby nicht sagen. Hauptsache, der Junge brach nicht in Panik aus. Das war gut für die Mutter und für die Rettungsmannschaft eine Sorge weniger.

Abby breitete eine Decke über Jenny, bevor sie sie auf der Trage festgurtete. Auf dem Weg nach draußen versuchte sie, nicht zusammenzuzucken, als Jenny ihr die Hand quetschte, weil die nächste Wehe sie packte.

Hoffentlich geht alles gut, dachte sie und warf Mac einen Blick zu. Nicht eine Sekunde lang hatte er sich anmerken lassen, dass es in dieser Situation um Leben und Tod ging. War er wirklich so ruhig, wie er schien?

Im Hubschrauber schlossen sie Jenny an die Überwachungsgeräte an und versorgten sie mit noch mehr Flüssigkeit, um den Blutverlust auszugleichen. Abby überprüfte den Herzschlag des Babys. Gut, dachte sie erleichtert. Nichts Auffälliges.

Sobald der Helikopter in der Luft war, sah Mac zu Tim hinüber und hob den Daumen. Greg hatte dem Jungen einen Helm und Ohrschützer gegeben, um den Lärm zu dämpfen.

Tim erwiderte die Geste stolz. Seine Wangen waren vor Aufregung gerötet.

Abby beobachtete, wie Mac sich über Jenny beugte. Er verwirrte sie. Seit zwölf Jahren hatte sie ein Bild von ihm im Kopf, und bisher war er alles andere als ein alternder Schürzenjäger, der sich am Strand unter dem Vorwand, ihnen das Surfen beizubringen, an junge Frauen heranmachte. Nie im Leben hätte sie erwartet, ihn als fürsorglichen, kompetenten Arzt wiederzusehen.

Zugegeben, Lucys Bemerkungen und sein Verhalten vorhin im Personalraum verrieten, dass er immer noch gern flirtete. Aber er hatte ihr Herz berührt, weil er sich mitten in einem schwierigen Rettungseinsatz die Zeit nahm, sich um den kleinen Tim zu kümmern.

Der Hubschrauber landete am Krankenhaus, und Abby seufzte erleichtert auf. Sie hatten es geschafft!

„Immer schön bei mir bleiben, Tim“, sagte Mac, nachdem er ihm den Helm abgenommen hatte.

Die Rotorblätter drehten sich noch, als schon das Team der Entbindungsstation auftauchte, um Jenny in Empfang zu nehmen. Dann ging alles rasend schnell. Mac und Abby liefen neben der Rollliege her und brachten die Kollegen auf den neuesten Stand. Tim folgte dichtauf.

„Danke, Leute“, meinte Dr. Gibson schließlich. „Jetzt übernehmen wir.“

Ein bisschen verloren stand Tim da und blickte seiner Mutter nach.

„Komm, Tim, wir holen dir etwas zu trinken.“ Abby wollte ihn ablenken. Der aufregende Hubschrauberflug war vorbei, jetzt holte die Realität den Jungen wieder ein. „Du hast doch bestimmt Durst?“

Tim nickte. „Wann kann ich Mum sehen?“

„Das dauert noch eine Weile. Jetzt werden wir erst einmal deinen Vater anrufen und ihm alles erklären. Dann suche ich dir einen Platz, wo du warten kannst.“

Er verzog das Gesicht. „Ich will nicht allein bleiben, ich will zu meinem Dad.“

Und nun? Sie mussten zur Luftrettung zurück, weil jederzeit ein neuer Einsatz auf sie warten konnte.

Mac fand auch hier eine Lösung. „Weißt du was, Tim? Wenn ich mit deinem Dad spreche, schlage ich ihm vor, dass du mit in die Zentrale kommst. Wir zeigen dir unsere Ausrüstung und wie es bei der Luftrettung zugeht. Hier sagen wir Bescheid, wo du bist, und dann können die Kollegen jederzeit bei uns anrufen, wenn es Neuigkeiten von deiner Mum gibt. Was hältst du davon?“

Tims Augen leuchteten auf. „Das geht? Darf ich wirklich? Ich werde auch nicht im Weg sein, das verspreche ich.“

Schon wieder war Abby angenehm überrascht. Mac hätte das Kind auch in der Obhut einer Schwester im Krankenhaus lassen können. Sie hatten ihre Pflicht getan und waren nicht für den Jungen verantwortlich. Aber anscheinend hatte sie Mac unterschätzt.

Ihr schwirrte der Kopf. Am liebsten hätte sie jetzt etwas Zeit zum Nachdenken gehabt, aber sie hatte Tim etwas zu trinken versprochen, während Mac versuchte, den Vater des Jungen zu erreichen.

Sie entdeckte einen Getränkeautomaten im Flur der Notaufnahme und suchte in ihrer Tasche nach Kleingeld. Geräuschvoll schluckte die Maschine die Münzen, weigerte sich dann aber, den Drink rauszurücken. Da konnte Abby auf die Taste drücken oder mit der flachen Hand gegen die Metallkiste schlagen, sooft sie wollte.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Die Frau, die aussah, als wäre sie einem Hochglanzmagazin für Designermode entstiegen, hatte tatsächlich mehr Erfolg. Sekunden später rollte eine Dose ins Ausgabefach.

„Es gibt einen Trick.“ Sie streckte Abby ihre perfekt manikürte Hand hin. „Sie müssen neu sein. Ich bin Rebecca O’Hara. Mein Mann Josh ist einer der Chefärzte der Notaufnahme.“

„Abby Stevens. Sie haben recht, heute ist mein erster Tag bei der Luftrettung.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Abby. Woher kommen Sie? Ihr Akzent verrät, dass Sie nicht aus Cornwall stammen.“

„Ich habe in den letzten Jahren in London gelebt.“

„London?“ Das klang wehmütig. „Vermissen Sie die Stadt nicht?“

„Ehrlich gesagt, nein. Es gefällt mir sehr gut hier.“ Sie blickte zu Tim hinüber, der sie nicht aus den Augen ließ. Rebecca wollte sicher noch ein wenig plaudern, doch Abby mochte den Jungen nicht länger als nötig allein lassen.

Da erschien Mac auf der Bildfläche. „Oh, hallo, Rebecca.“ Er lächelte freundlich. „Falls Sie zu Josh wollen … ich fürchte, er steckt bis zum Hals in Arbeit.“

Rebecca wirkte enttäuscht. „Dann trinke ich mit den Schwestern einen Kaffee. Irgendwann wird er ja einen Moment Zeit haben.“ Sie wandte sich wieder an Abby. „Es war nett, Sie kennenzulernen. Vielleicht können wir uns bei Gelegenheit zu einem Kaffee verabreden?“ Dann winkte sie anmutig mit schlanker Hand und verschwand Richtung Personalraum.

Dr. Gibson rief an, als Mac mit Tim seinen Rundgang durch die Rettungszentrale gerade beendet hatte.

Jenny hatte die Operation gut überstanden, und ihr kleiner Sohn war wohlauf. Tim war begeistert, dass er einen Bruder bekommen hatte, und wäre am liebsten sofort zu seiner Mutter ins Krankenhaus gefahren. Da es jedoch noch eine Weile dauern würde, bis Jenny richtig aus der Narkose erwachte, sollte er solange bei den Luftrettern bleiben. Sein Vater war bereits auf dem Weg ins St. Piran.

„Ich kann Tim nachher mitnehmen“, meinte Mac. „Ich muss sowieso hin, weil ich am Nachmittag Unterricht gebe.“

Fragend blickte Abby ihn an.

„So komme ich nicht völlig raus aus dem Krankenhausbetrieb und kann mich nützlich machen, wenn hier nichts zu tun ist. Außerdem bleibe ich fachlich auf dem Laufenden. Und falls ich zu einem Einsatz muss, bin ich in ein paar Minuten wieder hier.“ Er lächelte. „Sie haben nicht zufällig Lust auf einen Drink nach Feierabend? Ich kann Ihnen alles erzählen, was Sie über Penhally Bay wissen wollen“, fügte er mit neckendem Unterton hinzu, und seine blauen Augen blitzten übermütig.

Ein Prickeln rieselte ihr über den Rücken, und sie ärgerte sich darüber. Es gefiel ihr gar nicht, dass sie ihn sexy fand … Mac sah attraktiver aus als vor zwölf Jahren. Hätte es nicht umgekehrt sein können? Und dass er ein Herz für Schwache hatte und in seiner freien Zeit sein Fachwissen weitergab, machte ihn leider erst recht sympathisch.

Oh nein, sie konnte sich doch nicht zu dem Exliebhaber ihrer toten Schwester hingezogen fühlen! Abgesehen davon ließ der Mann keine Gelegenheit aus, zu flirten. Es hatte sicher nichts zu bedeuten, dass er mit ihr etwas trinken gehen wollte.

Mac sah sie an, und seiner Miene nach zu urteilen, schien es ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, dass sie ablehnen könnte. Ha, schon allein deswegen hätte sie ihm am liebsten einen Korb gegeben! Männer wie ihn kannte sie, sie hatte genug schlechte Erfahrungen gemacht.

Ihre Alarmsignale standen auf Rot, und ihr Verstand riet ihr, einen großen Bogen um Dr. William MacNeil zu machen. Doch es ging nicht nur um sie. Wegen Emma musste sie mehr über ihn herausfinden. Ihre Tochter war nach der Schule mit zu einer Freundin gegangen und würde nicht vor sieben zu Hause sein. Abby hatte eine Idee.

„Ich wollte nach der Arbeit einen Spaziergang machen“, erklärte sie. „Wenn Sie möchten, können Sie mitkommen.“

Sie unterdrückte ein Lächeln, als sie seinen überraschten Ausdruck bemerkte. Dann wandte sie sich ab und ließ Mac stehen.

Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass zwei blaue Augen ihr intensiv nachblickten.

Mac sah Abby lange nach. Er hätte hundert Pfund darauf gewettet, dass sie erst Nein sagen wollte, es sich aber noch einmal anders überlegt hatte.

Ein Spaziergang war zwar nicht das, was er im Sinn gehabt hatte. Und von einer Absage ließ er sich normalerweise nicht entmutigen. Das erhöhte nur den Reiz der Eroberung. Aber bei Abby hatte er seltsamerweise Skrupel, so forsch ranzugehen wie sonst. Er fand sie sehr anziehend, keine Frage, und sie strahlte eine gewisse Wachsamkeit aus. So als hätte sie schmerzliche Erfahrungen gemacht und war nun auf der Hut vor Männern.

Außerdem war ihm nicht entgangen, dass sie ihn während des Rettungseinsatzes ständig beobachtet hatte. Bildete er sich das nur ein, oder war sie nervös gewesen? Es wäre keine gute Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. In diesem Job musste jeder einen kühlen Kopf bewahren.

Und noch etwas ließ ihm keine Ruhe. Mac hätte schwören können, dass er Abby schon einmal begegnet war, und wusste gleichzeitig, dass das nicht sein konnte. Er war in seinem Leben schon mit vielen Frauen zusammen gewesen, doch jemanden wie sie hätte er ganz bestimmt nicht vergessen.

All das machte ihn erst recht neugierig, mehr über sie zu erfahren. Unverbindlich, natürlich. Mac mochte Frauen, und er respektierte sie, aber er hatte nicht vor, sich auf eine langfristige Beziehung einzulassen. Sobald eine Ansprüche stellte oder mehr von ihm erwartete, als er zu geben bereit war, verlor er das Interesse.

Halt, stopp! bremste er sich selbst. Du willst nur mit einer Kollegin spazieren gehen. Mit einer ausnehmend hübschen zwar, aber das ist auch alles.

Dennoch, das leichte Unbehagen blieb. Sein sechster Sinn, auf den er sich sein Leben lang hatte verlassen können, verriet ihm, dass das Schicksal ihm in Form von Abby Stevens etwas ganz Besonderes in den Weg gestellt hatte.

Mac wusste nur nicht, ob er sich darüber freuen sollte.

3. KAPITEL

Als Abby nach Dienstschluss das Gebäude verließ, fiel ihr erster Blick auf Mac. Er lehnte lässig an einem Jeep und sah ziemlich entspannt aus.

Dass sie sich die Zeit genommen hatte, ihre Haare zu bürsten und etwas Lippenstift aufzulegen, hatte natürlich nichts mit ihm zu tun.

Nein, ein bisschen Make-up gab ihr Selbstvertrauen, und sie hatte die wenigen Minuten gebraucht, um ihre Aufregung in den Griff zu bekommen.

Oder machte sie sich etwas vor? Fühlte sie sich nicht doch geschmeichelt, dass sie ihm anscheinend gefiel?

Sie verscheuchte den Gedanken. Hier ging es nicht um sie, sondern um Emma.

Mac trug ausgeblichene Jeans und ein weißes T-Shirt zu einer hellbraunen Lederjacke, die nicht mehr neu war, aber ihrem Träger etwas verwegen Abenteuerliches verlieh. Seine ebenmäßigen Zähne blitzten auf, als er Abby mit einem breiten Lächeln begrüßte.

Ihr Magen vollführte einen kleinen Salto, aber das lag sicher nicht an seinem faszinierenden Lächeln. Wahrscheinlich war ihr mulmig zumute, weil sie eine Geschichte für ihn hatte. Eine, von der sie immer noch nicht wusste, ob sie sie ihm erzählen sollte.

Mit einer galanten Verbeugung öffnete er die Beifahrertür. „Zehn Minuten von hier gibt es einen interessanten Weg über die Klippen. In der Nähe ist ein vorzügliches Fischrestaurant. Wir könnten nach dem Spaziergang etwas essen, und ich fahre Sie wieder her, damit Sie Ihren Wagen abholen können.“ Ihm schien etwas einzufallen. „Oder wollen Sie ihn erst nach Hause bringen? Ich fahre hinterher, und wir starten dann von dort.“

Als sie ihm in die blauen Augen blickte, schlug ihr Herz schneller. Ob er wohl erwartete, dass sie am Ende des Abends in seinem Bett landete? Oh nein, mein Freund, das kannst du vergessen!

„Es wäre mir lieber, wenn wir mit zwei Wagen fahren. Und was das Abendessen betrifft … tut mir leid, aber ich habe andere Pläne.“ Ein Spaziergang war in Ordnung, aber ein trautes Dinner zu zweit kam nicht infrage.

Ihre Ablehnung schien ihm nicht zu behagen, anscheinend war er es gewohnt, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen. Abby konnte ein leises Triumphgefühl nicht unterdrücken.

Sie folgte dem Geländewagen die Küstenstraße entlang. Die Sonne sank langsam tiefer und überzog den Himmel mit ihrem rotgoldenen Licht. Ein Hauch von Wärme lag in der Luft, auch weil der Wind sich inzwischen gelegt hatte. Es war ein wundervoller Oktoberabend, der noch den Sommer ahnen ließ.

Die Urlaubersaison war jedoch längst zu Ende, und so stand nur ein einsamer Wagen auf dem Parkplatz. Mac stellte den Jeep ab, und Abby parkte direkt daneben.

„Der Weg, den ich im Sinn hatte, erstreckt sich über gut zwei Meilen in jede Richtung“, sagte er. „Das ist nicht zu weit für Sie, oder?“

„Nein, ich gehe gern spazieren. Ich muss nur um sieben wieder zu Hause sein.“

Und dann hatte sie doch Mühe, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Mac bemerkte es und passte sich ihrem Tempo an.

„Wie geht es Jenny und ihrem Baby?“, fragte sie. Wie versprochen, hatte Mac den kleinen Tim ins Krankenhaus zu seinem Vater gebracht.

„Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass sie wohlauf sind. Wieso, gibt es etwas Neues?“ Besorgnis schwang in seiner Stimme mit.

„Nicht dass ich wüsste. Ich dachte nur, Sie hätten bei ihr vorbeigeschaut, da Sie sowieso im St. Piran waren.“

„Warum hätte ich das tun sollen?“, kam die verwunderte Antwort.

„Erkundigen Sie sich nicht nach den Patienten aus den Rettungseinsätzen? Wollen Sie nicht wissen, was aus ihnen geworden ist?“

Mac schüttelte den Kopf. „Ich behandle sie, ich versorge sie, so gut ich kann, und dann überlasse ich sie den Kollegen im Krankenhaus. Mir ist wichtig, dass ich alles Menschenmögliche für sie tue, wenn es darauf ankommt. Mehr macht für mich keinen Sinn. Wir sollten wissen, wann wir loslassen müssen, damit wir uns auf die nächsten Patienten konzentrieren können.“

Abby war enttäuscht. Wieder einmal hatte sie diesen Mann falsch eingeschätzt. Ein solches Desinteresse war ihr völlig fremd. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, sich nicht nach ihren Patienten zu erkundigen. Sie schloss die Menschen, deren Leben von ihr abhing, ins Herz, und ihr weiteres Schicksal war ihr nicht egal.

„Verraten Sie mir, was Sie nach Cornwall und vor allem nach Penhally Bay geführt hat?“, wechselte Mac das Thema. „Jemand hat erzählt, dass Sie die letzten elf Jahre beim Londoner Rettungsdienst gearbeitet haben. Was ist passiert? Hatten Sie genug vom Großstadtleben?“

Jetzt wäre der geeignete Moment, ihm von Emma zu erzählen. Doch Abby war noch nicht so weit. Erst musste sie mehr über ihn wissen, denn wenn sie das Geheimnis erst gelüftet hatte, gab es kein Zurück.

„Meine Tochter brauchte eine Luftveränderung“, meinte sie leichthin, obwohl ihr ganz anders zumute war. „Und ich brauchte einen Ortswechsel.“

„Sie haben eine Tochter? Das wusste ich nicht.“ Er klang überrascht … und enttäuscht.

Wahrscheinlich wäre er längst nicht so erpicht darauf gewesen, mit ihr auszugehen, wenn er geahnt hätte, dass sie ein Kind hatte. Die Männer, mit denen sie ausgegangen war, hatten ähnlich reagiert. Entweder machten sie sofort einen Rückzieher oder kurze Zeit später, sobald ihnen klar wurde, dass Emma immer an erster Stelle stand. Und wenn schon … Abby brauchte keinen Mann in ihrem Leben, dem Emma nicht genauso wichtig war wie ihr.

Sein Blick glitt zu ihrer Hand. „Sie tragen keinen Ehering, deshalb habe ich angenommen, dass Sie ledig sind.“

„Ich bin alleinerziehende Mutter.“ Die Antwort musste ihm erst einmal genügen. Abby hatte auch ein paar Fragen an ihn. „Und Sie? Ich vermute, dass Sie nicht verheiratet sind.“

„Genau. Wahrscheinlich bin ich nicht der Typ dafür.“

„Haben Sie Kinder?“ Unwillkürlich hielt sie den Atem an.

„Nein. Bin wohl auch nicht der Vatertyp.“

Wenn er wüsste …

„Wie lange arbeiten Sie schon bei der Luftrettung?“

„Seit zwei Jahren. Als ich meinen Facharzt für Anästhesie hatte, habe ich mich in Glasgow noch auf Rettungsmedizin spezialisiert. Leider sind die Surfbedingungen dort nicht gerade ideal. Dann wurde hier ein Rettungsmediziner gesucht, und ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Hier bin ich schnell am Wasser und kann in meiner Freizeit jederzeit aufs Brett.“

Also war ihm sein Sport genauso wichtig wie der Job. Vielleicht sogar noch wichtiger. Abby fand auch das enttäuschend. Schon wieder musste sie ihre Meinung über Emmas Vater ändern.

„Man hört schon, dass Sie aus Schottland sind, aber wie ein echter Glasgower klingen Sie nicht“, sagte sie. Je mehr sie über diesen Mann erfuhr, umso besser.

„Ich bin auf Tiree aufgewachsen. Das ist eine kleine Insel vor der Westküste von Schottland. Mit achtzehn ging ich weg, um in Glasgow Medizin zu studieren. Seitdem war ich selten dort.“

Abby hätte schwören können, dass ein ärgerlicher Ausdruck flüchtig in seinen Augen auftauchte. Aber der Moment war so schnell vorüber, dass sie sich fragte, ob sie es sich nur eingebildet hatte. Hatte Mac auch Geheimnisse?

Sie wollte schon nachhaken, da blieb er plötzlich stehen. Verwundert folgte sie seinem Blick, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Zu ihrer Linken lief ein Mann dicht an den Klippen auf und ab und rief laut nach einem Jungen.

„Da muss was passiert sein“, meinte Mac.

Sie eilten hin, und der Mann drehte sich um, als Mac ihn ansprach. Die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Mein Sohn!“, stieß er hervor. „Ich kann ihn nicht finden! Gerade war er noch hier, und jetzt ist er verschwunden. Ich war nur ganz kurz eingenickt. Helfen Sie mir, bitte. Er ist erst acht.“ Während er sprach, suchte er mit den Augen hektisch die Umgebung ab.

Mac legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Erzählen Sie mir alles genau. Wie heißen Sie?“

„Dave. Mein Sohn heißt Luke.“

„Wo haben Sie Luke zuletzt gesehen?“

„Dort drüben. Er wollte zum Strand hinunter, aber ich habe ihm gesagt, dass es keinen Weg gibt. Und ihm versprochen, morgen mit ihm hinzugehen.“ Mit panischer Miene blickte er Mac an. „Wenn er nun versucht hat, hinunterzuklettern? Wenn er abgestürzt ist?“

„Haben Sie schon Hilfe gerufen?“

„Nein, ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, nach ihm zu suchen.“

Mac ließ den Blick über den Klippenrand gleiten, hielt auf einmal inne und schnappte unterdrückt nach Luft. Jetzt sah Abby es auch. An einer Stelle war eine frische Abbruchkante. Macs besorgter Miene nach zu urteilen, dachte er das Gleiche wie sie. Es war nicht auszuschließen, dass der Junge zu nahe an den Abgrund geraten und von der Klippe gefallen war.

Das bedeutete, dass er schwer verletzt war. Oder Schlimmeres.

„Abby, wählen Sie 999. Sie sollen die Küstenwache und den Rettungsdienst verständigen. Dave, ich sehe nach, ob ich ihn entdecken kann. Sie bleiben bitte, wo Sie sind, okay?“

Mac ging zu der Stelle hinüber, legte sich auf den Bauch und robbte ein Stück vor, sodass er über die Klippe blicken konnte. „Ich glaube, da ist er!“, rief er. „Hat er eine rote Jacke an?“

Lukes Vater stürzte vorwärts, aber Mac sprang auf und versperrte ihm den Weg. „Kommen Sie nicht näher. Das Gelände ist nicht besonders stabil. Wir wollen nicht riskieren, dass Sie abrutschen oder sich noch mehr Geröll löst, das dann auf Ihren Sohn fällt.“ Ruhig fügte er hinzu: „Ich werde hinunterklettern und sehen, wie es ihm geht, okay?“

„Sollten wir nicht auf den Rettungsdienst warten?“, warf Abby ein. „Er müsste in zehn Minuten hier sein. Wenn Sie runtergehen, können Sie auch abstürzen.“

Mac griff in seine Hosentasche, holte seine Wagenschlüssel heraus und warf sie Dave zu. „Dave, laufen Sie zum Parkplatz. Dort steht mein Jeep. Im Kofferraum finden Sie einen roten Rettungskoffer, ein Seil und eine gelbe Jacke. Bringen Sie mir die Sachen her?“

Der Mann zögerte, aber Mac drängte: „Gehen Sie! Damit helfen Sie Luke noch am ehesten. Und beeilen Sie sich.“

Als Lukes Vater davonsprintete, wandte Mac sich an Abby. „Wir haben keine Zeit, auf das Team zu warten.“ Er zog die Lederjacke aus. „Wenn Dave zurück ist, brauche ich Sie, damit Sie mir den Rettungskoffer am Seil hinunterlassen, okay?“

„Wollen Sie nicht wenigstens warten, bis er mit dem Seil hier ist?“, rief sie ihm nach. Wenn er nun auch abstürzte?

Er drehte sich um und grinste zuversichtlich. „Hey, ich bin mit Klippen groß geworden. Bis jetzt habe ich noch jede geschafft. Sobald Sie den Hubschrauber hören, geben Sie ihm ein Zeichen, ja? Und bitten Sie Dave, einen guten Landeplatz zu suchen, das wird ihn ablenken.“

Bevor sie widersprechen konnte, war er aus ihrer Sicht verschwunden.

Abby hämmerte das Herz gegen die Rippen. Auf Zehenspitzen bewegte sie sich vorsichtig zum Rand der Klippe, legte sich bäuchlings hin, wie sie es vorhin bei Mac gesehen hatte, und lugte hinunter. In einem Tempo, das ihr viel zu riskant erschien, kletterte Mac an den Felsen hinunter. Zu ihrer Erleichterung waren die Klippen aber nicht so steil, wie sie zunächst vermutet hatte. Vielleicht hatte Luke doch eine Chance.

Als Dave mit Tasche, Seil und Macs reflektierender Jacke zurückkehrte, nahm Abby in der Ferne Rotorengeräusche wahr. Sie beschattete die Augen mit der flachen Hand, um gegen die tief stehende Sonne etwas erkennen zu können. Und tatsächlich, da kam eine große gelbe Sea King auf sie zugeflogen. Dem Himmel sei Dank! An Bord des Rettungshubschraubers war die Ausrüstung, die sie brauchten, um Mac und Luke in Sicherheit zu bringen.

„Kommen Sie, Dave!“ Sie erhob sich. „Wir müssen einen geeigneten Landeplatz finden!“

„Was ist mit meinem Sohn? Konnten Sie ihn sehen? Geht es ihm gut?“

Sie lief ins offene Gelände und rief dabei über die Schulter: „Mac ist gleich bei ihm. Er ist Arzt, er wird alles tun, um Luke zu helfen.“

Ohne darauf zu achten, ob Dave ihr folgte, eilte sie zu dem ebenen Platz, den sie entdeckt hatte. Er war gerade breit genug, damit die Maschine hier landen konnte.

Abby schwenkte Macs Jacke, und sofort lenkte der Pilot den Hubschrauber in ihre Richtung. Dave stand hinter ihr, er sah völlig fertig aus. Sie lächelte ihm ermutigend zu. „Ihr Sohn ist in guten Händen, wirklich. Bleiben Sie ein bisschen zurück, bis die Maschine gelandet ist, und dann erzählen Sie dem Team alles, okay? Ich lasse Mac inzwischen die Rettungstasche hinunter.“

Sie rannte zu der Stelle, wo Mac hinabgeklettert war. Er war heil unten angekommen und kniete neben der schmalen Gestalt. Den Jungen allein zu bewegen, konnte er nicht riskieren. Selbst wenn Luke den Sturz überlebt hatte, hatte er möglicherweise schwere Wirbelsäulen- oder Kopfverletzungen. Jede unbedachte Bewegung konnte zwischen voller Genesung und einem Leben im Rollstuhl entscheiden.

Mac blickte hoch und hob den Daumen. Also lebte das Kind. Sie band die Tasche ans Seil und ließ sie hinab. Doch was Mac geholfen hatte, schnell bei Luke zu sein, erwies sich jetzt als hinderlich. Die wichtige Fracht verhakte sich an den zerklüfteten Felsnasen.

Abby hätte heulen können, als ihre Versuche, die Tasche nach unten zu befördern, einer nach dem anderen scheiterten. Da spürte sie eine Hand auf der Schulter. Sie wandte den Kopf und blickte in die ruhigen grünen Augen eines Mannes im Rettungsoverall.

„Miss, kommen Sie hier weg.“ Bevor sie protestieren konnte, hatte er sie sicher am Arm gepackt und zog sie auf die Füße. „Wir übernehmen jetzt.“

„Mac … Dr. MacNeil ist da unten bei dem Kind. Er ist Arzt bei der Luftrettung, er braucht seine Tasche.“

„Mac wie ‚Teufelskerl Mac‘?“ Ein breites Grinsen leuchtete in dem wettergegerbten Gesicht auf. „Verdammte Kiste! Wenn er an der Sache dran ist, gibt’s keine Probleme. Keine Sorge, wir schaffen die Tasche schon zu ihm.“

Der Mann mit dem aufgenähten Namen Roberts auf dem Overall, holte die Tasche hoch und rannte damit zum Hubschrauber. Sekunden später hob die Sea King wieder ab.

Abby ging zu Dave. Im Moment konnten sie nichts weiter tun als warten. Bange Minuten verstrichen, als die Maschine wie ein riesiges gelbes Insekt über dem Abhang verharrte. Dann seilte sich ein Mann mit Trage und Macs Tasche ab.

Die Minuten wurden zu gefühlten Stunden. Doch plötzlich kam der Mann wieder in Sicht. Er hatte die Trage bei sich, auf der eine schmale Gestalt festgeschnallt war. Gleich darauf verschwanden sie im Bauch des Helikopters. Das Seil wurde erneut hinuntergelassen, und kurze Zeit später war auch Mac sicher an Bord.

Statt jedoch abzudrehen und zum Krankenhaus zu fliegen, landete die Sea King. Abby packte Dave bei der Hand, und sie rannten hin. Roberts hatte die beiden gerade in den Hubschrauber gezogen, da flog der Pilot wieder los. Roberts reichte Abby einen Helm mit integriertem Funkgerät.

Sie bat Dave, noch einen Moment zu bleiben, wo er war, und eilte zu Mac, der sich über die Trage beugte.

„Komplizierte Femurfraktur“, verkündete er knapp. „Innere Verletzungen kann ich noch nicht ausschließen, und natürlich müssen wir mit Wirbelsäulen- und Kopfverletzungen rechnen. Gegen die Schmerzen habe ich ihm Morphin intravenös gegeben.“

Mac schob Luke das Pulsoximeter auf den Finger, während Abby die Vitalzeichen überprüfte. Der Pulsschlag war stark erhöht, der Blutdruck niedrig. Noch konnten sie nicht mit Sicherheit sagen, ob der Oberschenkelbruch die einzige Verletzung war. Aber falls ja, so hatte der Junge ein Riesenglück gehabt. Schaudernd mochte Abby sich gar nicht vorstellen, wie die Sache hätte ausgehen können, wenn Mac und sie nicht zufällig an den Klippen spazieren gegangen wären.

Und was Mac betraf, so verwirrte er sie mehr und mehr. Er hatte sein Leben für Luke riskiert und sich rührend um Tim gekümmert. Andererseits interessierten ihn seine Patienten nicht mehr, sobald der Rettungseinsatz beendet war. Wie passte das zusammen? Wie war Mac wirklich?

Luke versuchte, sich aufzusetzen, aber Abby drückte ihn sanft wieder auf die Liege.

„Dad? Wo ist mein Dad?“

Abby winkte Dave heran. „Er ist hier“, sagte sie sanft und trat zur Seite, damit Luke seinen Vater sehen konnte. Vater und Sohn fingen an zu weinen. „Dave, gehen Sie bitte wieder beiseite, damit wir uns um ihn kümmern können“, bat sie dann.

Als sie am St. Piran landeten, wartete ein Team der Notaufnahme bereits auf sie.

„Wie ist sein Zustand?“, wollte der Chefarzt wissen, der Luke in Empfang nahm. Das Namensschild wies ihn als Dr. Josh O’Hara aus. Der Mann selbst war beeindruckend. Groß, gut aussehend, schwarze Haare, tiefblaue Augen, das war Abbys flüchtiger Eindruck, bevor der Junge rasch ins Gebäude gerollt wurde.

Da ihre Arbeit getan war, machte sie sich auf die Suche nach Dave. Sie fand ihn vor dem Schockraum, den Kopf in die Hände gestützt.

Behutsam legte sie ihm die Hand auf die Schulter. „Dave?“

Er blickte auf, seine Augen waren gerötet, und als er etwas sagen wollte, versagte ihm die Stimme. Kopfschüttelnd sank er wieder in sich zusammen.

„Kann ich für Sie jemanden anrufen? Lukes Mutter?“

Dave holte bebend Luft. „Sie ist tot.“ Er schlug die Hände vors Gesicht. „Wir haben sie vor sechs Monaten verloren. Brustkrebs.“

„Das tut mir sehr leid.“

Seine Augen wurden ausdruckslos. „Sie würde es mir nie verzeihen, wenn unserem Kind etwas zustößt. Ich habe ihr versprochen, auf ihn achtzugeben, und was mache ich? Ich schlafe ein. Was für ein Vater bin ich denn?“

„Sie sind auch nur ein Mensch. Es ist nicht leicht, ein Kind allein großzuziehen. Sie können es nicht jede Sekunde im Auge behalten.“

„Aber ich bin eingeschlafen! Ich hatte viel gearbeitet, um uns diesen kleinen Urlaub zu ermöglichen. Damit wir mal mehr Zeit füreinander haben, und weil Luke eine Aufmunterung brauchte. Der Tod seiner Mutter war ein furchtbarer Schlag. Für uns beide.“ Dave fuhr sich durchs Haar. „Ich hätte ihn auch verlieren können!“

Mac war zu ihnen getreten. „Aber das haben Sie nicht“, sagte er ruhig. „Sie bringen ihn gleich in den OP, um das Bein zu richten. Alles andere ist in Ordnung.“

„Wirklich?“ Seine Erleichterung war fast mit Händen greifbar, und Abbys Hals war auf einmal wie zugeschnürt.

„Ja. Sie dürfen ihn kurz sehen, bevor er operiert wird.“

Dave sprang auf und umklammerte mit beiden Händen Macs Hand. „Wie kann ich Ihnen nur danken? Sie haben Ihr Leben riskiert, um Luke zu retten, das werde ich Ihnen nie vergessen! Ihnen beiden nicht“, schloss er Abby noch mit ein und eilte davon.

„Wieder ein zufriedener Kunde“, meinte Mac trocken. „Vielleicht passt er in Zukunft besser auf sein Kind auf.“ Er rieb sich das Kinn. „Was fällt dem Mann ein? Gönnt sich ein Nickerchen, während sein achtjähriger Junge an einer gefährlichen Klippe spielt! Manche Leute sollten keine Kinder haben.“

Abby straffte die Schultern. „Er tut sein Bestes!“, konterte sie heftig. „Er ist nur eingeschlafen, weil er so viel gearbeitet hat, um sich für seinen Sohn diesen Urlaub leisten zu können. Lukes Mutter ist vor Kurzem gestorben, und für Dave ist es nicht einfach, das Kind allein großzuziehen.“ Was zum Teufel bildete Mac sich ein? Er hatte doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutete, Verantwortung für ein Kind zu tragen, die Sorgen, die man hatte …

Sichtlich verblüfft von ihrem Angriff hob Mac beide Hände. „He, das wusste ich nicht, okay?“

„Dann sollten Sie nicht vorschnell urteilen. Kennen Sie nicht den Spruch, dass man nichts über das Leben eines Menschen weiß, solange man nicht in seinen Schuhen steckt?“

Seine Miene verdüsterte sich. „Ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, in seinen Schuhen zu wandeln, wie Sie es ausdrücken.“ Dann verschwanden die Schatten in seinen Augen. „Aber ich kannte seine Lebensumstände nicht. Sonst hätte ich keine voreiligen Vermutungen angestellt.“ Er lächelte reumütig. „Ich nehme alles zurück.“

Ihre Blicke trafen sich, und Abbys Herz setzte einen Moment aus, um dann umso schneller weiterzuschlagen. Sie hatte das Gefühl, dass die forschenden blauen Augen tief in sie hineinsehen konnten und all das entdeckten, was sie lieber verborgen hätte … ihre Unsicherheit, die Verwirrung, die sie in seiner Nähe erfasste.

Verlegen senkte sie den Blick und sah auf ihre Uhr. Das ließ sie schlagartig alles andere vergessen. Schon so spät?

Mac hatte ihr Erschrecken bemerkt. „Was ist los?“, fragte er.

„Ich muss nach Hause, und zwar jetzt. Leider steht mein Wagen am anderen Ende von Penhally Bay.“

„Meiner auch.“ Mac blickte auf, als Josh aus einem der Schockräume kam.

„Weißt du vielleicht, wo ich mir einen Wagen leihen kann, Kollege?“

Josh schob die Hand in die Hosentasche und fischte ein Schlüsselbund heraus, das er Mac zuwarf. Der fing es geschickt auf. „Nimm meinen, aber bring ihn bitte heil zurück.“

„He!“ Mac tat, als wäre er zutiefst gekränkt. „Tue ich das nicht immer?“

„Das ist gar nicht mal so sicher, wenn du weiterhin wie der Teufel fährst.“

„Ich fahre nur schnell, wenn ich allein bin und wenn die Straße frei ist. Dein Wagen ist in sicheren Händen.“ Er wandte sich an Abby. „Ich bringe Sie nach Hause, und dann hole ich Ihnen Ihren Wagen.“

Bei Joshs Bemerkungen war ihr die Lust vergangen, mit Mac in einem Auto zu sitzen. Andererseits musste sie wirklich dringend nach Hause. Emma würde bald zurück sein, und sie wollte sie nicht allein lassen. „Und Ihr Wagen?“, fragte sie.

„Keine Sorge, den kann ich jederzeit holen.“

Als sie auf dem Beifahrersitz saß, warf sie wieder einen Blick auf die Uhr. Mit viel Glück konnte sie vor Emma zu Hause sein.

„Sie waren sehr mutig“, sagte sie, während sie die schmalen Straßen Richtung Penhally Bay fuhren.

Mac lächelte ihr zu, und ihr Puls überschlug sich. Dieser Mann stellte seltsame Sachen mit ihr an. Als hätte sie nicht genug Sorgen!

„Für mich war es ein Kinderspiel“, antwortete er. Bei jedem anderen hätte es großspurig geklungen, nicht so bei Mac. Er besaß einfach ein unerschütterliches Selbstvertrauen. „Wo wohnen Sie?“ Als sie ihm die Adresse nannte, nickte er. „Ich glaube, ich weiß, wo das ist.“

„Fanden Sie es nicht trotzdem ein bisschen leichtsinnig?“ Abby ließ das Thema noch nicht los. „Sie hätten tödlich verunglücken können.“ Und dann hätte Emma keinen Vater mehr gehabt.

Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Wo bleibt der Spaß im Leben, wenn Sie nichts riskieren? Sie können vorsichtig sein und immer aufpassen und trotzdem vom Auto überfahren werden. Außerdem wusste ich, dass ich es schaffe. Glauben Sie mir, es war längst nicht so gefährlich, wie es aussah. Jedenfalls für mich nicht. Freeclimbing ist eins meiner Hobbys.“

„Was ist das?“

„Ein Klettersport. Ohne Seile. Macht einen Riesenspaß.“

Gütiger Himmel! Emmas Vater war ein Adrenalinjunkie, dem es völlig egal war, ob er am Leben blieb oder nicht. Schlimmer konnte es wohl kaum kommen.

„Ach, und übrigens, Sie schulden mir ein Date. Und wenn Sie eins über mich wissen sollten, dann das, dass ich meine Schulden immer eintreibe.“ Seine diamantblauen Augen suchten ihren Blick, und wieder hatte sie das beunruhigende Gefühl, dass er ihr bis auf den Grund ihrer Seele sehen konnte.

Ihr stieg das Blut in die Wangen. Es war, als hätte jemand dicht unter ihrer Haut ein Feuer angezündet, das sich mit warmen Flammenzungen mehr und mehr ausbreitete. Verzehrend, heiß und glühend.

Zum Glück hielt Mac gerade vor ihrem Haus, und Abby war aus dem Wagen, bevor er richtig zum Stillstand gekommen war.

So hatte sie das alles nicht geplant!

Fünf Minuten, nachdem Mac weggefahren war, kam Emma ins Haus gestürmt und warf sich neben Abby aufs Sofa. Sie strahlte von einem Ohr zum anderen.

„Hallo, mein Schatz. Du scheinst einen schönen Tag gehabt zu haben.“

„Es war toll! Wir haben unsere Klamotten getauscht und Schminke ausprobiert. Das hat Spaß gemacht. Keins von den Mädchen hat nach meinem Vater gefragt. Ich glaube, es ist ihnen nicht wichtig, ob ich einen habe oder nicht.“

„Die Mädchen an deiner früheren Schule waren eine Ausnahme. Sie wollten sich auf deine Kosten als etwas Besseres fühlen.“ Sie zerzauste ihr liebevoll das Haar. „Willst du nicht schnell duschen und dich bettfertig machen, während ich das Abendessen vorbereite? Hinterher können wir noch einen Film sehen, wenn du möchtest.“

Mac würde jede Minute zurück sein, und sie wollte vermeiden, dass Vater und Tochter sich jetzt schon kennenlernten.

Wie sie gehofft hatte, war Emma noch unter der Dusche, als er klopfte. Abby riss ihm fast die Wagenschlüssel aus der Hand, damit er wieder verschwunden war, bevor ihre Tochter herunterkam. Nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sank sie matt dagegen. Dieses Gefühlschaos machte sie fertig.

Zu allem Überfluss reagierte sie auch noch auf Mac, wie sie es nie erwartet hätte. Sie erbebte, wenn er sie intensiv ansah. In jeder Sekunde in seiner Nähe war sie sich seiner deutlich bewusst. Musste der Mann so wahnsinnig attraktiv sein?

4. KAPITEL

„Megan?“

Josh O’Hara betrachtete die zierliche Ärztin, die ihm nicht mehr aus dem Sinn ging, seit er im St. Piran angefangen und entdeckt hatte, dass sie auch hier arbeitete. Mit ihr war die Vergangenheit auf bedrückende Weise wieder lebendig geworden.

Eine Vergangenheit, die er verdrängt, aber nie richtig überwunden hatte.

Megan blickte auf und schaute sich im Personalraum der Notaufnahme um. Ihrer Miene nach zu urteilen gefiel es ihr nicht, dass sie allein waren.

Joshs Unbehagen wuchs, je länger sich das Schweigen hinzog. Seit Wochen schlichen sie mehr oder weniger umeinander herum, und jetzt ergab sich endlich eine Gelegenheit, ungestört mit ihr zu reden.

„Warst du die ganze Zeit in Cornwall?“, fragte er.

Sie sah ihn an und wieder weg. „So ziemlich.“

Erleichtert, dass sie ihn nicht einfach stehen ließ, stellte er die nächste Frage. „Wie geht es deiner Großmutter?“

„Sie ist vor drei Jahren gestorben.“

„Das tut mir leid.“ Josh hätte sich ohrfeigen können. Musste er ausgerechnet daran rühren? „Ich weiß, wie sehr du an ihr gehangen hast“, fügte er mitfühlend hinzu.

Ein trauriges Lächeln glitt über ihre ebenmäßigen Züge. „Ich verdanke ihr alles.“

Wie sie ihm einmal erzählt hatte, waren ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als Megan vier war. Ihre Großmutter hatte sie großgezogen.

Josh wagte sich weiter vor. „Warum ausgerechnet hier, Megan?“

„Meine Großmutter hat als Kind in Penhally Bay gelebt, und sie wollte ihre letzten Tage hier verbringen. Mir war es egal, wo ich arbeite.“ Sie klang so einsam und verloren, dass es ihm ins Herz schnitt. Noch immer fühlte er sich stark zu ihr hingezogen, genau wie damals.

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