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Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 31

Margaret McDonagh, Alison Roberts, Carol Marinelli

Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 31

MARGARET MCDONAGH

Verliebt in Dr. Playboy

Sie liebt ihren Beruf, nichts ist ihr wichtiger als ihre kleinen Patienten: Hebamme Chloe kann sich nicht vorstellen, dass ein Mann ihr Herz erobern könnte. Bis sie den attraktiven Arzt Dr. Oliver Fawkner trifft. Er versichert ihr, dass er es ehrlich mit ihr meint. Doch kann sie ihm Glauben schenken? Schließlich ist er als herzensbrechender Playboy bekannt …

ALISON ROBERTS

Bitte sag ja zum Glück

Heimlich träumt sie schon lange davon, ihrem Chef Dr. Murphy näher zu kommen. Doch niemals würde Holly das zugeben, denn sie glaubt, dass der Arzt an ihrer Seite nicht glücklich werden würde. Seine zärtlichen Annäherungsversuche weist sie immer wieder ab, bis sich die Situation plötzlich dramatisch ändert: Auf einmal kann nur Dr. Ryan Murphy ihr Leben retten!

CAROL MARINELLI

Eine zweite Chance für Dr. Ashwood

Krankenschwester Louise Andrews ist entsetzt, als sie vor ihrem neuen Patienten steht: Sie schaut in die strahlend blauen Augen von Dr. Daniel Ashwood, dem Mann, der sie nach einer leidenschaftlichen Affäre ohne ein Wort verlassen hat. Jetzt flirtet der Chirurg wieder heftig mit ihr! Eine Unverschämtheit, denn ihm kann sie bestimmt nie wieder vertrauen …

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Margaret McDonagh

Verliebt in Dr. Playboy

Gemeinschaftspraxis Penhally Bay

Das Praxisteam:

Dr. Nicholas (Nick) Roberts Chef und Seniorpartner der Gemeinschaftspraxis
Dr. Oliver Fawkner Allgemeinmediziner
Dr. Dragan Lovak Arzt
Dr. Adam Donnelly Arzt
Hazel Furse Praxismanagerin
Kate Althorp Hebamme
Sue leitende Sprechstundenhilfe
Alison Sprechstundenhilfe
Gemma Sprechstundenhilfe
Lauren Nightingale Physiotherapeutin

Einwohner von Penhally Bay:

Avril Harvey werdende Mutter
Piers ihr Mann
Angela Daniels werdende Mutter
Will ihr Mann
Susan Fiddick werdende Mutter
Darren ihr Mann
Vicky Clements Friseurin
Jeremiah (Jem) Althorp Kates Sohn
Leo Anker Patient
Juliet seine Mutter
Lachlan D'Ancey Kriminalkommissar
Dr. Eloise Hayden seine Verlobte
Rachel Kenner Patientin
Reverend Kenner ihr Vater
Gertrude Stanbury Patientin
Timmy Morrison Patient
Beth und Jason seine Eltern
Edith Jones Patientin
Melinda Dr. Lovaks Frau
Dr. Lucy Carter Dr. Roberts' Tochter
Annabel ihre Tochter
Dr. Ben Carter ihr Mann

1. KAPITEL

„Es sieht nicht gut aus, oder?“

Die Hebamme Chloe MacKinnon löste die Manschette von Avril Harveys Arm und versuchte, ihre Patientin mit einem Lächeln zu beruhigen. „Ihr Blutdruck ist ziemlich hoch.“ Um ihre Besorgnis zu verbergen, checkte sie noch einmal die Notizen.

„Und die anderen Symptome?“ In Avrils hellblauen Augen glitzerten Tränen, und sie riss mit ihren geschwollenen Fingern unruhig das Papiertaschentuch in kleine Fetzen. „Ich habe mir schon gedacht, dass etwas nicht stimmt. Aber in meiner letzten Praxis in Birmingham sagten sie, ich solle mir keine Sorgen machen. Es wäre eine ganz normale Schwangerschaft.“

Chloe umschloss ihre zitternden Hände und drückte sie kurz, ehe sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte. Avril war erst kürzlich nach Penhally Bay gezogen und heute zum ersten Mal bei ihr. Ihr Mann Piers und sie hatten beschlossen, dass ihr lang ersehntes Kind nicht in der Großstadt, sondern im idyllischen Norden Cornwalls aufwachsen sollte. In gesunder, frischer Luft, nahe am Meer und mitten in einem malerischen Fischerstädtchen.

Aber Avril war neununddreißig, zierlich und untergewichtig und litt oft unter Migräne. Faktoren bei einer Erstgebärenden, die eine Hebamme in Alarmbereitschaft versetzten. Kamen dann noch Symptome wie heute Morgen hinzu, bestand tatsächlich Anlass zur Sorge. Chloe befürchtete, dass Avril eine Präeklampsie entwickelt hatte – eine für Mutter und Baby lebensbedrohliche Schwangerschaftskomplikation.

„In meiner alten Praxis war immer ein Arzt dabei.“ Avril biss sich auf die Lippe. „Könnte ich heute auch einen sprechen?“

„Bei uns machen ausschließlich die Hebammen die Vorsorge …“ Chloe sprach nicht weiter, als frische Tränen der werdenden Mutter über die Wangen liefen.

„Ich möchte nicht Ihre Fähigkeiten anzweifeln.“ Avril schluchzte auf. „Aber ich kenne hier niemanden, und ich weiß nicht, was ich von der Sache halten soll. Ich habe solche Angst.“

„Das ist verständlich, Avril“, entgegnete Chloe sanft. „Warten Sie einen Moment, ich frage am Empfang nach, ob einer unserer Ärzte Zeit hat.“

„Danke, Chloe.“ Sie presste die Finger auf ihre Schläfen. „Ich wünschte, mein Mann wäre hier.“

„Möchten Sie, dass ich ihn anrufe?“

„Nein, nein, er ist nach St. Piran gefahren, nachdem er mich hier abgesetzt hatte. Piers ist Kunstlehrer, er hat eine Besprechung am Gymnasium, wo er zum neuen Schuljahr anfangen wird.“ Wieder fing sie an zu weinen. „Wir hatten uns alles so schön vorgestellt, wollten uns den Sommer über in Ruhe einleben und alles für unser Baby herrichten …“

Chloe nickte und griff zum Telefon. „Hallo, Sue“, sagte sie, als sich die leitende Sprechstundenhilfe meldete. „Avril Harvey ist zur Vorsorge bei mir. Könntest du einen der Ärzte bitten, kurz zu uns heraufzukommen? Danke.“

„Was hat Sie dazu bewogen, sich in Penhally Bay niederzulassen?“, fragte sie, um ihre Patientin von den sorgenvollen Gedanken abzulenken.

„Wir haben hier öfter Urlaub gemacht und einige Wochenenden verbracht – sogar unsere Flitterwochen vor zehn Jahren.“ Ein zaghaftes Lächeln erhellte ihr blasses Gesicht. „Wir lieben die friedvolle Stimmung und die zauberhafte Landschaft. Piers malt leidenschaftlich gern, und er findet hier viele Inspirationen.“

„Cornwall hat schon immer Künstler angezogen. Meine Freundin Lauren, unsere Physiotherapeutin, malt auch. Ein paar ihrer Werke hängen unten im Eingangsbereich.“

„Ja, ich habe sie gesehen. Sie sind sehr gut. Piers malt eher abstrakt. Er hofft, seine Bilder irgendwann verkaufen zu können.“

„Also sind Sie nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus beruflichen Gründen nach Penhally Bay gekommen?“

„Es passte perfekt, dass man Piers die Stelle in St. Piran anbot. Wir hatten nicht mehr damit gerechnet, ein Kind zu bekommen, aber als ich schwanger wurde, wollten wir ein anderes Leben für unsere Familie. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn unserem Baby etwas passiert.“ Aufschluchzend legte sie die Hand auf ihren gewölbten Bauch.

Chloe stand auf, nahm ein Papiertuch aus der Spenderbox und kam um den Schreibtisch herum. „Denken Sie nicht gleich an das Schlimmste.“ Sie drückte ihr tröstend die Schulter und reichte ihr das Tuch. „Selbst wenn es Komplikationen gibt, können Sie ein ganz normales, gesundes Baby zur Welt bringen. Wir werden alles tun, um Ihnen dabei zu helfen.“

„Danke.“ Avril tupfte sich die Augen trocken und putzte sich die Nase. „Tut mir leid, dass ich mich so albern aufführe.“

„Das ist nicht albern. Sie machen sich Sorgen, das ist nur natürlich.“

Bevor sie weitersprechen konnte, klopfte es kurz, und dann wurde die Tür geöffnet. Chloe blickte auf und unterdrückte ein Aufstöhnen. Oh nein, ausgerechnet er!

Dr. Oliver Fawkner betrat das Zimmer, mit geschmeidigem Gang, selbstbewusst und voller Sex-Appeal wie immer. Gekleidet in dunkelgraue Baumwollhosen und ein weißes Hemd, strahlte er Frische und Energie aus, die den meisten anderen an diesem schwülheißen Julitag fehlte. Das kurzärmelige Hemd enthüllte sonnengebräunte, sehnige, mit feinen dunklen Härchen bedeckte Unterarme.

Chloe zog sich hinter ihren Schreibtisch zurück. Plötzlich brauchte sie eine solide Barriere zwischen sich und Oliver Fawkner. Er arbeitete seit Mitte Juni in der Praxis, um die anderen Ärzte zu entlasten, da Lucy Carter immer noch ihre Elternzeit wahrnahm. Niemand hätte bezweifelt, dass er ein exzellenter Mediziner war. Doch Chloe machte er total nervös. Er war einfach zu … eben alles. Zu männlich, zu sehr der Playboy-Typ, zu draufgängerisch, zu sehr von sich eingenommen. Außerdem sah er unverschämt gut aus, und gegen seinen Charme wäre jede Frau machtlos gewesen. Vor allem eine Frau wie sie, die sich am liebsten ducken würde, wenn ein Mann sie länger ansah.

Aber bei diesem hier war es richtig schlimm. Kein Mann hatte sie je so verlegen gemacht wie Oliver Fawkner.

„Chloe, Sie brauchen mich?“

Die rauchige, leicht heisere Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Obwohl sie mit ihren ein Meter siebzig nicht gerade klein war, musste sie ein ganzes Stück hoch schauen, bis sie ihm ins Gesicht blicken konnte. Dr. Fawkner war breitschultrig und athletisch gebaut und über eins neunzig groß. Mit einem amüsierten Lächeln hielt er ihren Blick fest, und Chloe konnte nur daran denken, dass seine braunen Augen so sündhaft und gefährlich waren wie Schokolade.

Als er ihr jetzt zuzwinkerte, versuchte sie, nicht zu reagieren. Er war ein Charmeur und ließ keine Gelegenheit aus, sie zu necken oder mit ihr zu flirten, was sie jedes Mal dermaßen verunsicherte, dass sie kaum ein Wort herausbrachte. Dass sie sich dann wie eine linkische Landpomeranze fühlte, machte es nicht besser.

„Dr. Fawkner, dies ist Avril Harvey“, stellte sie vor und konzentrierte sich darauf, ihn über Alter und Zustand der Patientin zu informieren.

Mit einem strahlenden Lächeln trat er vor und streckte die Hand aus. „Hallo, Avril, schön, Sie kennenzulernen.“

„Danke, Doktor.“ Avril erwiderte sein Lächeln tapfer. „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen Umstände mache.“

„Überhaupt nicht. Was gibt es für ein Problem?“, fragte er und sah Chloe an.

Wieder hielt sein warmer, intensiver Blick sie gefangen, und sie musste sich räuspern, ehe sie antworten konnte. „Avril ist in der zweiunddreißigsten Woche und zum ersten Mal bei uns, seit sie mit ihrem Mann nach Penhally Bay gezogen ist. Davor wurde sie in einer Praxis in Birmingham betreut.“

„Dort haben sie mir gesagt, ich würde mir viel zu viele Sorgen machen“, warf Avril ein.

„Avril klagt über Kopfschmerzen, die bei einer Migränepatientin zwar nicht ungewöhnlich sind, doch sie hatte auch Probleme mit der Sehschärfe. Hinzu kommen starke Wassereinlagerungen und die Tatsache, dass sie nicht zunimmt.“ Chloe sah Oliver wieder an und stellte erleichtert fest, dass der Charmeur dem Arzt das Feld überlassen hatte. Keine Spur der neckenden Teufelchen in seinen Augen. Dr. Fawkner hörte mit ernster Miene zu.

„Bei der Routinekontrolle heute habe ich erhöhte Eiweiß-mengen im Urin festgestellt“, fuhr sie fort. „Und auch ihr Blutdruck ist deutlich gestiegen. Ihren Unterlagen zufolge war er nie besonders gleichmäßig, aber bei der letzten Messung vor zwei Wochen lag er bei 145 zu 85, heute bei 190 zu 110.“

Teilnahmsvoll hockte er sich neben die werdende Mutter und unterhielt sich ruhig mit ihr, während er ihre Hände und die geschwollenen Beine und Knöchel inspizierte. Behutsam legte er eine Hand auf ihren Bauch. Chloe vermutete, dass ihm Avrils Untergewicht und die geringe Größe des Babys nicht entgangen waren. Er war ein guter Arzt. Sie wünschte nur, sie könnte mit ihm genauso unbefangen umgehen wie mit seinen Kollegen hier in der Praxis.

„Avril, ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen“, begann er. „Aber ich stimme Chloe zu, dass Ihre Symptome ernster sind, als man in der Praxis in Birmingham wohl angenommen hat.“

„Oh, ich wusste es! Was ist los mit mir, Doktor? Ist es der Stress wegen des Umzugs?“

„Wir müssen davon ausgehen, dass Sie einen Zustand entwickelt haben, den wir Präeklampsie nennen.“

„Das ist gefährlich, oder?“ Avrils Stimme wurde eine Note schriller. „Wird mein Baby sterben?“

Oliver beeilte sich, sie zu beruhigen. „Nicht, wenn wir es verhindern können, Avril. Präeklampsie tritt in einer von zehn Schwangerschaften auf und ist wahrscheinlich auf einen Defekt der Plazenta zurückzuführen.“ Er blickte Chloe an und ermunterte sie mit einem Lächeln, fortzufahren.

Es gefiel ihr, dass er sie respektvoll mit einbezog. „Richtig“, bestätigte sie und erklärte ihrer Patientin die Einzelheiten. „Es bestehen jedoch gute Chancen, dass Sie und Ihr Baby diese Komplikation ohne Schaden überstehen“, schloss sie.

Avril war anzusehen, dass sie die vielen Informationen erst verarbeiten musste. „Gibt es kein Medikament dagegen?“, wandte sie sich mit ängstlichem Blick an Oliver.

„Nein, leider nicht, aber Chloe wird Sie ins Krankenhaus einweisen lassen und …“

„Ist das denn nötig?“, unterbrach sie ihn.

„Ich fürchte, ja.“ Oliver klang freundlich, aber bestimmt. „Man wird Sie und Ihr Baby rund um die Uhr beobachten, Ihren Blutdruck und die Eiweißwerte regelmäßig kontrollieren. In ein, zwei Tagen können Sie vielleicht nach Hause, müssen aber wahrscheinlich strikte Bettruhe einhalten.“

„Sobald Sie liegen, senkt sich Ihr Blutdruck“, fügte Chloe hinzu. „Es hängt alles davon ab, dass man Ihren Zustand stabil hält.“

„Und wenn sie es nicht schaffen?“

Oliver blieb gelassen. „Möglicherweise injiziert man Ihnen Kortison, um die Lungenreife Ihres Babys zu fördern, und vielleicht bekommen Sie etwas, um den Blutdruck zu senken, und Magnesium. Das Beste wäre allerdings ein Kaiserschnitt, doch das müssen Sie mit dem Arzt und der Hebamme im St. Piran besprechen.“

„Aber das geht nicht!“ Sichtlich aufgewühlt ließ Avril sich in ihren Stuhl zurücksinken. „Ich bin erst in der zweiunddreißigsten Woche.“

„Beruhigen Sie sich“, sagte Chloe. „Wir werden tun, was für Sie und das Baby am besten ist.“

Oliver ließ Avrils Hand los und erhob sich. „Kann Ihr Mann Sie abholen und ins Krankenhaus bringen?“

„Er hat einen Termin in St. Piran. Was soll ich jetzt bloß machen?“

„Ich fahre Sie hin.“ Chloe sah von ihren Notizen auf. „Gleich habe ich Mittagspause, und danach muss ich nur ein paar Hausbesuche erledigen, bevor die Nachmittagssprechstunde beginnt. Einer der Hausbesuche liegt auf halber Strecke zwischen Penhally Bay und St. Piran. Wir können Ihren Mann anrufen und uns mit ihm im Krankenhaus treffen.“

Avril entspannte sich sichtlich. „Oh, vielen Dank! Ich möchte nicht so gern allein mit dem Taxi fahren. Macht es Ihnen auch wirklich nichts aus?“

„Überhaupt nicht.“

Chloe bemerkte, dass Oliver sie beobachtete, und ihre Haut fing sanft an zu prickeln. Unwillkürlich blickte sie zu ihm hin, nur um noch unruhiger zu werden, als er sie mit seinen dunklen Augen intensiv musterte. Wie machte er das? Was war an diesem Mann, dass sie drauf und dran war, aufzuspringen und wegzurennen, wenn er sie nur ansah?

Er hatte dichtes, dunkles Haar, dessen Spitzen den Hemdkragen berührten, und sah auf atemberaubende Weise gut aus. Seine gerade Nase, der wohlgeformte Mund und das kantige männliche Kinn, dazu die tiefgründigen braunen Augen – Dr. Oliver Fawkner bot das Bild eines lässigen, reichen Playboys, der, Gerüchten zufolge, leidenschaftlich gern surfte und das Leben in vollen Zügen genoss.

Ein Leben, das von Chloes nicht verschiedener hätte sein können. Sie schüttelte leicht den Kopf, wie um die unerwünschten Gedanken loszuwerden, und besann sich auf ihre Aufgabe. „Danke für Ihre Hilfe, Dr. Fawkner“, sagte sie mit kontrollierter Stimme.

Ein wissendes Lächeln umspielte seinen sinnlichen Mund. „Es ist mir immer ein Vergnügen, Chloe.“

Zehn Minuten später hatte Avril mit ihrem Mann telefoniert und saß in Chloes Wagen. Chloe ging zur Fahrerseite, etwas verunsichert, weil Oliver, der sie begleitet hatte, ihr folgte. Sie öffnete die Tür und zuckte im nächsten Moment zusammen. Es war nur eine kurze, warme Berührung seiner Finger auf ihrem nackten Arm gewesen, aber sie hatte sie bis in die Zehenspitzen gespürt.

„Halten Sie mich auf dem Laufenden, ja?“

Seine Besorgnis rührte sie. „Natürlich. Ich melde mich nachher bei Ihnen.“

„Ich freue mich darauf.“ Nach einem kaum merklichen Zögern streckte er den Kopf in den Wagen, um mit ihrer Patientin zu sprechen.

Sein Körper streifte ihren, und Chloe ertappte sich dabei, wie sie scharf Luft holte. Sofort stieg ihr sein männlicher Duft in die Nase. Fremd, erdig und doch ungeheuer anziehend.

„Alles Gute für Sie und Ihr Baby, Avril“, sagte er. „Ich überlasse Sie jetzt Chloes fähigen Händen. Sie ist eine hervorragende Hebamme, der Sie sich bedenkenlos anvertrauen können.“

Chloe sonnte sich noch in seinem Lob, da richtete er sich auf, blickte ihr wieder tief in die Augen und strich ihr mit dem Finger über die Nasenspitze. „Fahren Sie vorsichtig, babe.“ Seine Stimme klang sanft und leicht heiser. Dann trat er zurück, damit Chloe einsteigen und die Tür schließen konnte.

Verwirrt von diesem geballten Angriff auf ihre Sinne zog sie mit bebenden Händen den Sicherheitsgurt heran und ließ ihn einrasten. Sie startete den Motor, setzte rückwärts aus der Parklücke und bog auf die Harbour Road ein. Als sie Richtung Küste fuhr, warf sie kurz vor der Abzweigung in die Bridge Street einen Blick in den Rückspiegel.

Das Bild sollte sie für den Rest der Fahrt begleiten: Beide Hände in den Hosentaschen, stand Oliver Fawkner auf dem Praxisparkplatz und sah ihr nach.

Oliver begleitete seinen letzten Patienten zur Tür und kehrte an den Schreibtisch seines Sprechzimmers zurück. Genau genommen war es Lucys Zimmer. Die Tochter des Seniorpartners Nick Roberts war mit Ben Carter, dem Chefarzt der Notaufnahme im St. Piran, verheiratet und wollte erst wieder arbeiten, wenn ihre kleine Tochter etwas älter war.

Seufzend vervollständigte er seine Patientennotizen und wandte sich dem Stapel Unterlagen zu, der nie weniger zu werden schien. Doch bald schweiften seine Gedanken ab, hin zu Chloe MacKinnon – wie so oft in letzter Zeit. Ihr Zimmer lag direkt über seinem. Unwillkürlich hob er den Blick zur Decke.

Er dachte ständig an sie, aber sie schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Für ihn eine neue und wenig erfreuliche Erfahrung.

Erst seit kurzem in Penhally Bay, hatte er sich schon bei ihrer ersten Begegnung stark zu Chloe hingezogen gefühlt. Und was er vorhin zu Avril gesagt hatte, meinte er ernst. Chloe war die beste Hebamme, mit der er je zusammengearbeitet hatte. Ihre Fähigkeiten, ihre bewundernswerte Art, mit den Patientinnen umzugehen, hatten ihn beeindruckt. Für ihre werdenden Mütter hatte sie immer ein freundliches Lächeln übrig, und das machte ihm bewusst, dass er viel zu lange in einer unpersönlichen, hektischen Großstadtpraxis gearbeitet hatte.

London war faszinierend gewesen. Jedenfalls zu Anfang. Oliver war intelligent genug, um das Medizinstudium ohne großen Aufwand durchzuziehen, hatte eine Erfolg versprechende Karriere begonnen und war dank seiner Familie mit einem Vermögen gesegnet, das ihm ein sorgloses Leben ermöglichte.

Ein sarkastisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Es waren gute Zeiten gewesen, aber dieser aufwendige Lebensstil hatte auch seine Schattenseiten. Inzwischen war er es leid, sich mit Menschen abzugeben, die sich von seinem Namen beeindrucken ließen oder von seinem dicken Bankkonto. Er hatte keine Lust mehr, benutzt zu werden. Oliver wollte er selbst sein und so angenommen werden, wie er wirklich war – und nicht wegen des glanzvollen Familienhintergrunds oder als Mittel, um eine tolle Zeit zu verbringen. Inzwischen war er misstrauisch geworden, vor allem Frauen gegenüber.

Als Vertretungsarzt in Penhally Bay zu arbeiten, versprach eine willkommene Abwechslung. Er hatte die Chance mit beiden Händen ergriffen. Cornwall war seine Heimat, seine Familie lebte hier. Allerdings wohnte sie weit genug von Penhally Bay entfernt, um ihm seine Privatsphäre zu lassen. Oh, er liebte sie, und sie liebten ihn, doch sie hatten ihn noch nie verstanden. Es war ihnen unbegreiflich, dass er lieber eigene Wege ging statt bei Fawkner Yachts zu arbeiten wie sein Großvater, seine Eltern, sein Bruder und seine Schwester.

Wieder in Cornwall zu sein, hatte wirklich immense Vorteile. Fast täglich konnte er seiner Leidenschaft frönen und auf dem Surfbrett oder mit dem Jetski über die Wellen gleiten. Inzwischen fühlte er sich hier wie zu Hause. Er genoss die Arbeit in der Gemeinschaftspraxis, die es ihm erlaubte, auch mal ein persönliches Wort mit seinen Patienten zu wechseln.

Sein Leben zu ändern war eine bewusste Entscheidung gewesen. Bisher hatte er keine Erfahrung mit längeren Beziehungen und noch nie mit einer Frau zusammengelebt. Aber mittlerweile war es einer seiner größten Wünsche, ein nettes Mädchen zu finden, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass er sich schon so bald für jemanden interessieren würde. Und Chloe MacKinnon hatte in ihm viel mehr als nur Interesse geweckt.

Sie war ganz anders als die Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Wenn er an sie dachte, musste er lächeln. Wenn er sie sah, raste sein Blut schneller durch die Adern, und heißes Verlangen stieg in ihm auf.

Chloe war das süßeste Mädchen, das er je gesehen hatte. Sie besaß eine natürliche Schönheit, derer sie sich nicht bewusst zu sein schien. Meistens war sie ungeschminkt, aber sie hatte auch kein Make-up nötig. Ihre Haut war glatt und fast durchscheinend, ihre ungewöhnlich grünen Augen groß und von dichten dunklen Wimpern gerahmt. Ihre vollen Lippen schimmerten rosig und bettelten förmlich darum, geküsst zu werden.

Während der Arbeit trug sie ihr lockiges ebenholzschwarzes Haar zu einem Zopf, einem Knoten oder Pferdeschwanz gebunden. Es juckte Oliver in den Fingern, es zu befreien, mit beiden Händen hindurchzufahren oder das Gesicht darin zu vergraben, um ihren betörenden Duft nach grünen Äpfeln und Sonnenschein tief einzuatmen.

Was ihr Wesen anging, so wäre beherrscht das richtige Wort gewesen, um sie zu beschreiben. Nur manchmal durchbrach ein feiner Humor ihre ernste, kluge Oberfläche, und Oliver erhaschte einen Blick auf ihre weiche Seite. Meistens zeigte sie sie in Gesellschaft ihrer Freundinnen, aber sie drückte sich auch in liebevollen Blicken und einem warmen Lächeln aus, wenn sie ihre Mütter und deren Babys betreute. Er wusste, dass sie eine wundervolle Mutter sein würde.

Doch mehr hatte er über sie noch nicht in Erfahrung bringen können. Allem Anschein nach war alles, was Chloe außerhalb ihrer Arbeit tat, ein Buch mit sieben Siegeln. Abgesehen von den Abenden, die sie mit ihren Freundinnen verbrachte, hatte er nicht die geringste Ahnung, wohin sie ging, was sie tat oder mit wem sie es tat.

Und genau deshalb reizte es ihn erst recht, sie näher kennenzulernen. Aber sie machte es ihm höllisch schwer. Sie wirkte ausgeglichen und schien mit ihrem Leben vollauf zufrieden zu sein. Zuerst hatte er gedacht, sie wäre verheiratet oder hätte einen Freund. Dann hatte er überrascht erfahren, dass sie allein lebte. Warum? Eine schöne und liebenswerte Frau wie sie? Andererseits hatte er dadurch freie Bahn.

Leider war er bisher keinen Schritt weitergekommen. Chloe hielt Abstand. Weit davon entfernt, gekünstelt zu wirken, hatte sie etwas Unschuldsvolles an sich, das in krassem Gegensatz zu den anderen Frauen in seinem Leben stand. Oliver war es gewohnt, dass er umschwärmt wurde – der Name Fawkner und der damit verbundene Reichtum zogen Frauen an wie Motten das Licht. Eine Zeitlang hatte es ihn nicht gestört. Du meine Güte, er war jung und unbeschwert gewesen und hatte die Gelegenheiten genutzt. Doch jetzt wollte er etwas anderes – er wollte Chloe MacKinnon.

Allerdings nützte ihm diese Erkenntnis auch nicht viel. In den ersten Tagen hatte Chloe ihn freundlich wie jeden ihrer Kollegen behandelt. Doch kaum zeigte er persönliches Interesse, reagierte sie nahezu verschreckt auf seine Annäherungsversuche. Er hätte ihre Reaktion amüsant finden können, wäre Chloe ihm gegenüber nicht merklich kühler geworden.

Kopfschüttelnd fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. Er sah sie deutlich vor sich. Sie hatte einen hinreißenden Körper, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Selbst in der kurzärmeligen weißen Tunika und der locker sitzenden marineblauen Hose, die sie bei der Arbeit trug, erregte sie ihn wie keine Frau je zuvor. Es reizte ihn, ihre schmale Taille mit beiden Händen zu umspannen, über ihre sanft gerundeten weiblichen Hüften zu streichen, ihre vollen, straffen Brüste zu berühren und ihre samtige Haut zu kosten. Doch sie ließ ihn einfach nicht an sich heran, und das frustrierte ihn total.

Es war eine völlig neue Erfahrung, sich dermaßen anstrengen zu müssen, um sich die Aufmerksamkeit einer Frau zu erkämpfen. Außerhalb der Arbeit redete sie kein Wort mit ihm, und noch war überhaupt nicht daran zu denken, einen Abend mit ihr auszugehen. Trotzdem war er wild entschlossen, sie zu erobern. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, und er musste einen Weg finden, ihre Abwehr zu überwinden. Vor allem, wenn er sie eines Tages in seinem Bett sehen wollte.

Er stellte sich vor, wie sie nackt vor ihm lag, die tintenschwarzen Locken auf dem Kissen ausgebreitet, und sich ihm mit diesem göttlichen Körper stöhnend entgegenbog. Die Vorstellung erregte ihn. Leidenschaft brannte lichterloh in ihm und wurde noch verstärkt durch die Frustration, dass Chloe unerreichbar schien.

Es klopfte, und er fuhr zusammen. Sekundenlang glaubte er, es wäre Chloe – herbeigeholt von seinen Sehnsüchten –, und wäre es nur, um ihm zu berichten, wie es Avril ergangen war.

„Herein“, sagte er mit heiserer Stimme, während sein Herz erwartungsvoll klopfte.

Langsam ging die Tür auf, und er wagte kaum, Atem zu holen.

Als Nick Roberts, der Seniorchef, hereinkam, schluckte Oliver die bittere Enttäuschung nur mit Mühe hinunter.

„Oliver, hast du einen Moment Zeit?“

„Sicher, Nick.“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Was kann ich für dich tun?“

Rastlos marschierte Nick zum Fenster, warf einen Blick hinaus und kehrte dann zum Schreibtisch zurück. Gedankenverloren ließ er sich in den Besucherstuhl sinken, verschränkte dabei die Arme vor der breiten Brust. Er war ein großer, athletischer Mann, in dessen dunklem Haar sich die ersten silbernen Strähnen zeigten.

Oliver hatte ihn in kurzer Zeit schätzen gelernt. Nick Roberts konnte zwar schroff und wortkarg sein, aber er war ein in jeder Hinsicht hervorragender Arzt. Und Oliver war mit seinem rätselhaften Boss bisher gut zurechtgekommen. „Stimmt etwas nicht, Nick?“, fragte er nach einer Weile.

„Was?“Verwundert blickte Nick auf. „Ach so, nein, nein. Ich habe nur gerade den Kopf voll. Wie geht es dir? Alles in Ordnung?“

Oliver beugte sich vor und verschränkte die Arme auf der Schreibtischplatte. „Danke, ausgezeichnet. Ich arbeite sehr gern hier.“

„Gut. Freut mich.“

Wieder Schweigen.

Oliver wartete geduldig. Dabei ging ihm durch den Kopf, was er in letzter Zeit über Nick und Kate Althorp gehört hatte. Kate war Hebamme und früher hier Praxismanagerin gewesen. Jetzt arbeitete sie mit Chloe zusammen. Wann immer Nick und Kate aufeinandertrafen, sprachen sie kaum ein Wort miteinander. Das heißt, Nick redete nicht mit Kate, und die Spannung zwischen beiden war mehr als deutlich.

Was zwischen den beiden vorgefallen war, wusste er allerdings nicht.

„Also, Oliver …“ Nick rieb die Handflächen aneinander. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

„Wenn ich helfen kann, natürlich.“

„Deinem Lebenslauf habe ich entnommen, dass du in einer früheren Praxis die Verantwortung für die Schwangerschaftsvorsorge hattest.“

„Stimmt.“

„Penhally Bay bekommt eine Partnerstadt in der Normandie, und ich sitze in dem Ausschuss, der das Ganze voranbringen soll. Du würdest mich sehr entlasten, wenn du für eine Weile die Schwangerschaftsvorsorge übernehmen könntest.“

Oliver fragte sich, ob sein Boss nach einer Möglichkeit suchte, Kate aus dem Weg zu gehen. „Kein Problem. Das tue ich gern.“

Nick reagierte sichtlich erleichtert. „Ausgezeichnet. Danke, Oliver. Vielleicht kannst du mich bei der nächsten Besprechung mit den Hebammen vertreten?“

„Klar.“ Oliver schlug seinen Terminkalender auf. „Wann?“

„Nun ja, in einer halben Stunde. Ich … muss früher los“, schloss er lahm.

Oliver unterdrückte ein Lächeln. „Sicher. Mach dir keine Sorgen.“

Aufmerksam hörte er zu und machte sich gelegentlich Notizen, als Nick ihm die wichtigsten Punkte erläuterte. Insgeheim verspürte er eine erwartungsvolle Erregung. Es schmeckte ihm zwar nicht, Kate und Chloe die Neuigkeiten mitteilen zu müssen, weil beide Frauen nicht gerade erfreut reagieren würden. Jede aus anderen Gründen. Aber die unerwartete Wendung der Ereignisse spielte ihm in die Hände. Wohin eine Beziehung zwischen Chloe und ihm führen würde, das stand in den Sternen. Doch er begehrte Chloe, und jetzt hatte er die perfekte Gelegenheit, um sie zu werben.

2. KAPITEL

Chloe sah, wie ihre Freundin und Kollegin alle zehn Minuten zur Uhr schaute. „Alles in Ordnung, Kate?“

Ungewohnt unruhig blickte Kate auf, ein halbherziges Lächeln auf den Lippen. „Doch, doch. Natürlich.“

„Du weißt, dass du die Akte falsch herum hältst?“

„Ups!“ Kate starrte auf den Hefter, schloss ihn und legte ihn hastig auf den Stapel vor ihr. „Entschuldige, Chloe, ich bin furchtbar nervös.“

„Wegen Nick?“

„Wegen wem sonst?“ Sie lachte humorlos auf.

Chloe lächelte sie mitfühlend an. Nick verhielt sich einfach unmöglich. Sicher war es für ihn ein Schock gewesen, ganz nebenbei zu erfahren, dass er der leibliche Vater von Kates neunjährigem Sohn Jeremiah, von allen nur Jem genannt, war. Aber er behandelte Kate seitdem einfach unmöglich. Kein Wunder, dass Kate aussah, als würde sie gleich schreiend das Weite suchen. Die letzten wöchentlichen Besprechungen waren in angespannter, belastender Atmosphäre verlaufen.

„Möchtest du lieber schon gehen? Ich könnte dich Montag über alles informieren.“

Kate schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank, Liebes. Ich will mich nicht drücken. Ich kenne Nick schon lange und weiß, dass er seine eigene Art hat, Dinge zu bewältigen. Wenn er nur nicht so stur wäre“, fügte sie traurig lächelnd hinzu.

„Falls ich irgendetwas tun kann …“

„Wo du gerade fragst …“ Kate richtete sich auf. „Hast du heute Abend schon etwas vor?“

„Nein, nichts Besonderes.“

„Du triffst dich nicht mit den Mädchen?“

„Diesen Freitag nicht. Lauren und ich haben uns für morgen Vormittag zum Einkaufen verabredet, und abends wollen wir mit Vicky ausgehen. Warum fragst du?“

„Ich will mit Nick reden, außerhalb der Arbeit. Ihm alles erklären.“ Unsicher hielt sie einen Moment inne. „Wenn es dir recht ist, bringe ich Jem heute Abend für ein, zwei Stunden zu dir.“

„Natürlich, kein Problem.“

Sie hatten gerade eine Zeit verabredet, als die Tür aufging. Chloe war genauso verblüfft wie Kate, als nicht Nick, sondern Oliver hereinkam. Er trug ein Tablett, und Kate beeilte sich, auf dem Tisch Platz zu schaffen.

„Ich habe etwas zu trinken mitgebracht“, erklärte er lächelnd, verteilte die dampfenden Becher und reichte Chloe die Zuckerdose und einen Löffel. Anscheinend hatte er sich gemerkt, dass sie ihren Tee gesüßt trank.

„Und ich habe uns die letzten von Hazels berühmten Ingwerkeksen gesichert!“, fügte er hinzu, während er die bunte Blechdose auf den Tisch stellte und das Tablett wegnahm.

„Danke, Oliver.“ Kate lächelte ihn an, höflich und freundlich wie immer.

Mit einer lässigen Bewegung hakte er den Fuß hinter ein Stuhlbein, zog sich den Stuhl heran, setzte sich und griff nach seinem Becher. Chloes Magen verkrampfte sich, ihr Puls raste. Oliver kam ihr zu nahe. Sie holte bebend Luft und unterdrückte das Bedürfnis, mit ihrem Stuhl ein Stück wegzurücken.

„Gibt es etwas Neues bei Avril?“ Oliver öffnete die Dose und nahm sich einen der köstlich duftenden Kekse.

„Ja, ich wollte es Ihnen sagen, aber Sie waren bei einem Patienten.“ Das klang, als wollte sie sich verteidigen. Chloe biss sich auf die Lippe und sah Oliver an. Er erwiderte ihren Blick, und um seinen Mund lag ein Lächeln. Sie musste wegsehen und umklammerte ihren Becher, damit niemand das Zittern ihrer Finger bemerkte. „Sie werden das Kind wohl per Kaiserschnitt holen müssen. Am Montag wahrscheinlich … falls sie übers Wochenende stabil bleibt. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“

„Danke. Hoffen wir, dass Mutter und Kind alles gut überstehen.“

Chloe nickte. Ihr fiel auf, dass Kate an ihrem Tee nippte und dabei immer wieder zur Tür sah.

Sie tauschten einen Blick, dann fragte Kate: „Nick kommt nicht, oder?“

„Nein, tut mir leid, Kate. Er hat mich gebeten, ihn für ein paar Wochen zu vertreten, weil er im Ausschuss der Stadt einige Verpflichtungen übernommen hat.“

„Verstehe.“

Ihr Lächeln wirkte gequält, und Chloe wusste nicht, was sie lieber tun würde – Kate in den Arm nehmen oder Nick gehörig die Meinung geigen.

Ihre Freundin straffte die Schultern. „Können wir dann anfangen? Wir haben einiges zu besprechen, und ich möchte nicht so spät bei Jem sein. Ich habe heute Abend noch etwas vor“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

„Okay“, stimmte Chloe nach kurzem Zögern zu. Inzwischen hatte sie Zweifel, ob Kate wirklich ein Gespräch mit Nick erzwingen sollte. Er könnte ihr noch mehr wehtun. „Wenn du meinst.“

„Auf jeden Fall.“

Oliver schien nicht zu merken, was hier unterschwellig ablief. Er stellte seinen Becher ab und holte ein Notizbuch aus der Kitteltasche. „Na, dann, meine Damen. Seien Sie gnädig mit mir!“

Sein verschmitztes Zwinkern brachte Kate zum Lächeln, und Chloe hätte sich darüber gefreut, wäre sie nicht so angespannt gewesen. Nur weil Dr. Oliver Fawkner so dicht neben ihr saß, dass ihre Schultern sich fast berührten …

„Über Avril Harvey haben wir gesprochen“, rettete sie sich in sachliche Berichterstattung. „Jetzt können wir nur noch auf Nachricht vom Krankenhaus warten.“

„Gut. Wen haben wir noch?“

Zügig informierten Chloe und Kate ihn über ihre Patientinnen, einschließlich der lokalen Tierärztin. Melinda war mit Dragan Lovak, einem Arzt aus der Praxis, verheiratet und im fünften Monat schwanger.

„Eine meiner Mütter zeigt Symptome einer vorzeitigen Plazentalösung.“ Chloe öffnete den nächsten Hefter. „Angela Daniels wurde im St. Piran untersucht. Ultraschall, großes Blutbild und Kliejaur-Test, um fetale rote Blutkörperchen im mütterlichen Blutkreislauf aufzuspüren. Ihr Zustand ist nicht so ernst, dass man sie dabehalten hat. Sie haben ihr strikte Bettruhe zu Hause verordnet, bis die Blutungen aufhören. Angela ist in der neunundzwanzigsten Woche.“

„Das heißt, wir behalten sie im Auge.“ Oliver machte sich Notizen.

„Auf jeden Fall. Ich mache regelmäßig einen Hausbesuch, und für den Notfall hat sie meine Pager- und die Handynummer“, sagte Chloe. „Außerdem steht sie in Kontakt mit dem Chefarzt der Entbindungsstation. Genau wie Susan Fiddick. Warst du nicht gestern bei ihr, Kate? Wie geht es ihr?“

„Die Steißlage wurde in der sechsunddreißigsten Woche entdeckt. Im Krankenhaus haben sie versucht, das Baby zu drehen, leider ohne Erfolg. Man hat den Fiddicks angeboten, es mit Kaiserschnitt zu holen, aber sie möchten eine Hausgeburt. Ich habe ihnen geraten, sich das gründlich zu überlegen. Susan ist in der achtunddreißigsten Woche, in ein, zwei Wochen könnte es Probleme geben.“

„Wir helfen, wo wir können“, versprach Chloe.

„Danke.“ Kate zögerte.

Oliver merkte es. „Noch etwas?“

„Susan und Darren sind Nicks Patienten“, rückte Kate unbehaglich mit der Sprache heraus. „Ich weiß nicht, wie ich ihnen erklären soll, dass Sie die Betreuung übernommen haben. Das geht nicht gegen Sie, Oliver, aber einige Patienten werden bei Nick bleiben wollen.“

„Machen Sie sich keine Gedanken, ich rede am Montag mit ihm. Die Patienten gehen vor, und wir finden schon eine Lösung, dass sie weder auf Sie noch auf Nick verzichten müssen. Ich bin überzeugt, dass ich ihn nur für kurze Zeit vertreten werde.“

Kate schien beruhigt, und Chloe war Oliver dankbar dafür. Als sie sich ihm lächelnd zuwandte, sah sie etwas Verwirrendes in seinen dunklen Augen aufblitzen, das sie völlig durcheinanderbrachte. Zu allem Überfluss rückte er jetzt noch näher, und Chloe hielt unwillkürlich den Atem an. Oliver streckte die Hand zur Keksdose aus, sein Arm streifte Chloes, und sofort schoss ein feines Prickeln ihren Arm hinauf, wie von einem leichten Stromstoß.Verlegen lehnte sie sich zurück und beschäftigte sich demonstrativ mit den Patientenakten.

Warum bekam sie auf einmal so schlecht Luft, und warum war es plötzlich so warm im Zimmer geworden?

„Ich glaube, wir sind durch“, bemühte sie sich um einen lockeren Tonfall, merkte aber, dass ihre Stimme nicht so fest klang wie sonst.

Die anderen stimmten zu, und erleichtert sah Chloe zu, wie Oliver leere Becher, Zuckerdose und Keksdose auf das Tablett stellte und damit den Raum verließ. Augenblicklich wich die seltsame Anspannung von ihr.

„Bis später, Chloe“, meinte Kate und sammelte ihre Akten zusammen.

„Okay.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Bist du wirklich sicher, dass es eine gute Idee ist?“

„Diese Besprechung hat mich nur darin bestärkt“, sagte Kate matt. „Ich will nicht, dass unsere Patienten darunter leiden, dass Nick mir aus dem Weg geht. Oliver ist ein hervorragender Arzt, aber Nick kann Leute wie die Fiddicks nicht einfach weiterreichen, nur weil er sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt. Sie vertrauen ihm, er darf sie nicht im Stich lassen.“

„Aber bitte, sei vorsichtig.“

„Natürlich.“ Kate tätschelte ihr den Arm. „Lieb von dir, dass du dir Sorgen um mich machst. So, jetzt hole ich meine Sachen, und dann geht’s nach Hause.“

Chloe blickte ihr nach, erhob sich und räumte rasch auf. Mit ein wenig Glück konnte sie noch die Katzen füttern, duschen und einen Happen essen, bevor Kate mit Jem vorbeikam. Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand. Kein Wunder, die Woche war lang und anstrengend gewesen. Sie liebte ihren Job, doch man wusste nie im Voraus, wann man nachts aus dem Bett musste. Babys scherten sich nicht um Arbeitszeiten oder Feierabende! Lächelnd blickte sie sich in ihrem Zimmer noch einmal prüfend um und wandte sich zur Tür.

Schockiert sah sie Oliver dort stehen.

Oliver lehnte am Türrahmen und beobachtete sie. Chloe hatte ihren Schreibtisch in Ordnung gebracht, nahm ihre Tasche und wandte sich zum Gehen. Das Lächeln, das ihn eben noch fasziniert hatte, erlosch jedoch, sobald sie ihn entdeckte. Sie zögerte sogar weiterzugehen, und blieb dann in sicherer Entfernung stehen.

Kein gutes Zeichen für seine Pläne. „Hi“, sagte er, ehe ihn der Mut verließ.

„Hallo.“ Verwundert sah sie ihn an, schaute aber wieder weg, als er ihren Blick festhalten wollte. „Stimmt etwas nicht?“

Nervös wie ein Teenager vor seinem ersten Date rang er sich ein Lächeln ab und versuchte, selbstbewusster zu wirken, als er sich fühlte. „Nein, nein, alles okay. Ich dachte nur … hätten Sie Lust auf einen Drink heute Abend? Oder essen gehen?“

„Ich?“

Das klang so perplex, dass Oliver lachen musste. „Ja, Sie!“ Bestimmt bekam sie öfter solche Angebote, oder?

Schweigend betrachtete sie ihn und wusste offensichtlich nicht, was sie sagen sollte. Er trat auf sie zu und konnte nicht widerstehen, er musste die seidigen schwarzen Strähnen, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatten, berühren. Sanft schob er sie ihr hinters Ohr. Dabei entdeckte er ein feines Narbengeflecht, das sich über einen Teil ihres Halses bis hin zur Schulter zog. Bisher war es ihm nicht aufgefallen. Jetzt strich er mit den Fingerspitzen behutsam darüber. Er spürte, wie Chloe erbebte. Dann versteifte sie sich, plötzlich wie zu Eis erstarrt.

Er konnte den Gedanken kaum ertragen, welche Schmerzen sie diese Verletzung gekostet haben musste. „Was ist passiert, babe?“, fragte er mit rauer Stimme.

„Nichts. Nur ein Missgeschick, als ich noch ein Kind war.“

Oliver glaubte ihr nicht. Der abwehrende Tonfall, der Schatten, der ihre schönen grünen Augen einen Moment lang verdunkelte, verrieten ihm, dass mehr dahintersteckte. Sorge und der Wunsch, sie vor Kummer und Schmerz zu beschützen, erfüllten ihn. Das war ihm bisher bei keiner Frau passiert. Warum bei Chloe? Was war es, das ihn wie magisch zu ihr hinzog?

Er brannte förmlich darauf, mehr über sie zu erfahren. Alles. Doch sie würde es ihm nicht leicht machen, so viel stand fest.

„Also …“ Widerstrebend nahm er seine Hand weg. „Wegen heute Abend …?“

„Tut mir leid, ich habe keine Zeit.“ Ihre Stimme schwankte. „Falls Sie wegen der Patientinnen noch Fragen haben, können wir nächste Woche darüber reden.“

War das ihr Ernst? Sie dachte, er wollte über Patienten sprechen? Ungeduldig schüttelte er den Kopf. „Nein, das meinte ich nicht.“ Frustriert, dass sie ihn komplett missverstanden hatte, schob er die Hände in die Hosentaschen. „Chloe …“

Wachsam und zur Flucht bereit wie eine Antilope stand sie da. „Ich habe schon etwas vor, Oliver. Ich muss los.“

„Sicher.“ Er fand ihre Reaktion immer noch seltsam, aber was blieb ihm anderes übrig, als zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Versuch zu wagen? Da er wusste, dass sie sich oft mit der Physiotherapeutin Lauren Nightingale und anderen Freundinnen traf, setzte er lächelnd hinzu: „Mädchenabend?“

„Nein. Heute nicht.“

„Heißt das, Sie haben schon eine Verabredung?“ Enttäuschung und eine Welle von Eifersucht durchströmten ihn. Hatte er zu lange gezaudert, und nun war ihm jemand zuvorgekommen?

Hastig drängte sie sich an ihm vorbei. „Entschuldigen Sie mich. Ich … ich möchte pünktlich sein.“

„Klar.“ Er unterdrückte einen Fluch und gab den Weg zur Tür frei. „Vielleicht ein anderes Mal.“

Missmutig blickte er ihr nach, sah, wie sie zur Treppe eilte und die Stufen hinunterlief. Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie mit niemandem zusammen war. Ihre Zurückweisung hatte ihn getroffen. Und dass sie aus allen Wolken gefallen war, weil er mit ihr ausgehen wollte, machte es nicht besser. War der Gedanke so abwegig? Hielt sie ihn auch für einen nichtsnutzigen Playboy, wie so viele andere?

Warum tat er sich das eigentlich an? Er war sich ja nicht einmal sicher, ob er überhaupt zu einer festen Beziehung bereit war. Andererseits faszinierte sie ihn wie keine Frau zuvor. Chloe war wie ein ruhender Pol, in ihrer Nähe fühlte er sich eins mit der Welt. Gleichzeitig reizte es ihn ungemein, mehr über sie zu erfahren. Manches an ihr erschien ihm mysteriös, und er hätte ihre Geheimnisse gern enthüllt. Doch dafür musste sie ihm erst vertrauen. Die Vorstellung, den Abend allein zu verbringen, sich zu fragen, wo sie war, was sie machte – und mit wem – passte ihm überhaupt nicht.

„Oliver?“

Überrascht drehte er sich um und sah Kate an der Tür zum Personalraum stehen. Er ging zu ihr. „Wie geht es Ihnen, Kate?“ Sie war immer noch blass.

„Gut.“

Ihr tapferes Lächeln konnte ihn nicht täuschen. „Falls Sie reden wollen, brauchen Sie es nur zu sagen. Jederzeit.“

„Danke.“ Ihre Knöchel schimmerten weiß durch die Haut, als sie die Hände zusammenpresste.

„Es tut mir leid. Dass Nick vor der Besprechung gekniffen hat, meine ich.“

„Ist ja nicht Ihre Schuld.“ Ihr Versuch, zu lächeln, misslang. „Nick und ich müssen das unter uns ausmachen.“

„Okay.“ Fürs Erste wollte er es dabei belassen.

Unerwartet erhellte sich ihr Gesicht. „Und was ist mit Ihnen?“

„Mit mir?“

„Sie scheinen von unserer Chloe sehr angetan zu sein.“

„Ja.“ So konnte man es auch ausdrücken. Oliver zuckte mit den Schultern. „Allerdings bin ich im Moment etwas ratlos. In den ersten Tagen war sie zu mir genauso freundlich wie zu allen anderen. Aber inzwischen verhält sie sich mir gegenüber sehr kühl. Es ist nahezu unmöglich, an sie heranzukommen.“

Kate lächelte, und diesmal wirkte es echt. „Wahrscheinlich ist ihr bewusst geworden, dass Sie mehr in ihr sehen als die anderen Ärzte.“

„Sie hat mich vom ersten Augenblick an interessiert.“

„Chloe hat es sicher nicht bemerkt.“

„Warum nicht? Sie ist eine schöne Frau. Vor ihrer Haustür stehen die Männer bestimmt Schlange.“

Kate schüttelte den Kopf. „Wohl kaum.“

„Wie meinen Sie das?“

„Dass Chloe wirklich so ahnungslos und unschuldig ist, wie sie scheint.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Gehen Sie behutsam mit ihr um, Oliver.“

„Erzählen Sie mir von ihr.“

„Was wollen Sie wissen?“

„Alles.“ Frustriert fuhr er sich durchs Haar. „Vorhin habe ich sie gefragt, ob sie mit mir ausgehen will. Sie hat abgelehnt. Sie dachte wohl, ich wollte mit ihr über unsere Arbeit sprechen, aber … Ich weiß nicht, ich glaube, sie hat schon eine Verabredung für heute Abend.“

„Nun, sie passt auf meinen Sohn auf, weil ich etwas zu erledigen habe.“

„Tatsächlich? Warum hat sie das nicht gesagt?“

„Chloe ist …“

„Was?“, hakte er nach, als ihr Schweigen sich in die Länge zog.

„Sie ist nicht so wie die Frauen, mit denen Sie sich wahrscheinlich sonst treffen.“

Irritiert zog Oliver die Brauen hoch. Auch hier schien man sich bereits ein bestimmtes Bild von ihm gemacht zu haben. Schön, er genoss das Leben, und er konnte es sich leisten, seine Freizeit auf dem Surfbrett und oder dem Jetski zu verbringen, um sich von den Strapazen seines Berufs zu erholen. Das hieß aber noch lange nicht, dass er ein oberflächlicher Kerl war, der es nur aufs Vergnügen abgesehen hatte.

„Mir wäre es lieber, man würde mich nicht nach Gerüchten und dem Tratsch über meine Familie beurteilen.“ Er hielt inne. Warum ließ er seinen Ärger an Kate aus? Sie konnte nichts dafür. Es lag allein an ihm, welchen Ruf er sich hier erwarb. „Mir ist aufgefallen, dass Sie und Lauren sehr auf Chloe achten.“

„Chloe ist ein ganz besonderer Mensch. Haben Sie Geduld, Oliver. Überstürzen Sie nichts, schüchtern Sie sie nicht ein.“

„Hat sie etwa Angst vor mir?“ Ungläubig sah er sie an. „Das verstehe ich nicht. Ich habe ihr nichts getan.“

„Bewusst vielleicht nicht.“

„Aber …“

„Chloe ist sehr zurückhaltend. Die wenigsten kennen sie wirklich gut“, erklärte Kate. „Die Arbeit ist ihr Leben, mehr will sie nicht.“

„Keine Dates?“

„Nein.“

„Warum nicht?“ Er konnte kaum glauben, was er da hörte. „Sie ist eine schöne Frau, klug und humorvoll.“

„Ich weiß“, sagte Kate mit einem traurigen Lächeln. „Sie werden sich mächtig anstrengen müssen, wenn Sie Chloe für sich gewinnen wollen. Doch ich glaube, Sie sind gut für sie. Chloe ist eine meiner besten Freundinnen, und ich will ihr Vertrauen nicht missbrauchen, aber … sie hat schlechte Erfahrungen gemacht.“

„Mit Männern?“ War sie deshalb so furchtsam?

„Das kann Ihnen nur Chloe selbst sagen … wenn sie Ihnen vertraut.“

Also musste er erst ihr Vertrauen gewinnen. Geduld war zwar nicht gerade seine Stärke, vor allem nicht, wenn er etwas wirklich wollte – und er wollte Chloe. Er begehrte sie, und er wollte ihr nahe sein. Trotz der Hürden und Hindernisse, die sich plötzlich aufgebaut hatten.

Dass Kate ihn ermutigt hatte, nicht aufzugeben, half ihm sehr. Oliver war sich nicht sicher, wohin die Reise gehen würde, aber er brannte darauf, den Weg zu Chloe zu finden.

„Oliver, Sie sollten mit Lauren reden. Sie weiß mehr über Chloes Vergangenheit als ich. Sie wird keine Geheimnisse verraten, aber vielleicht kann sie Ihnen einen Rat geben.“ Ihr Blick wurde eindringlich. „Falls Sie es wirklich ernst meinen. Chloe ist keine Frau für Affären.“

„Das weiß ich.“ Oliver suchte nach Worten, um Gefühle zu erklären, die er selbst noch nicht verstand. „Kate, ich bin hierhergekommen, um ein neues Leben zu beginnen, Wurzeln zu schlagen. Für mich ist das alles ungewohnt, aber ich möchte Chloe näher kennenlernen. Sie geht mir unter die Haut, wie ich es bei keiner Frau erlebt habe.“

„Wenn das so ist, werden Lauren und ich alles tun, um Ihnen zu helfen.“

Hoffnung flammte in ihm auf und brachte ihn zum Lächeln. Nach allem, was er bisher mit ihr erlebt hatte, würde es nicht einfach sein, Chloe zu umwerben. Er war sich ja nicht einmal sicher, wie seine eigenen Gefühle sich entwickeln würden.

Aber er wollte es wagen.

Kate stand vor Nicks Haus, einem trutzigen, aus Feldsteinen errichteten Gebäude, und zögerte noch. Tat sie das Richtige? Nick hatte sie verletzt, mehr, als sie mit Worten beschreiben könnte.

Sicher, er war völlig zu Recht wütend gewesen, als er unfreiwillig Zeuge ihrer Unterhaltung mit Eloise geworden war. Ein Gespräch, bei dem sie jemand anderem anvertraut hatte, dass Nick der Vater ihres Sohnes Jem war.

Dennoch entschuldigte es nicht sein Verhalten. Und dass er jetzt auch noch Chloe, Oliver und sogar die Patienten indirekt mit seinem Privatleben belastete, das ging entschieden zu weit!

Ihr Ärger wischte die letzten Zweifel beiseite. Kate marschierte den Weg zum Anbau entlang, auf die gelb gestrichene Stalltür zu, deren obere Hälfte offen stand. Als sie einen Blick in die mit edlem Holz, Granitplatten und Edelstahl ausgestattete Küche warf, entdeckte sie Nick am Küchenblock. Er stand mit dem Rücken zu ihr.

Bevor sie der Mut verließ, klopfte sie an die Tür.

Nick fuhr herum. Sein grimmiges Gesicht verriet deutlich, dass sie nicht willkommen war. „Was willst du?“

„Wir müssen reden, Nick.“

Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Ich wüsste nicht, worüber.“

„Dann werde ich es dir sagen.“ Als er sich abwandte, griff sie zum Riegel und öffnete die untere Hälfte. Kate folgte Nick in den Hauptteil des Hauses und fand ihn schließlich im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. „Weich mir nicht aus, Nick Roberts!“

„Was du machst, nennt man Hausfriedensbruch.“

„Ach, du lieber Himmel!“ Sonst war Kate die Ruhe in Person, aber jetzt hätte sie ihn am liebsten geschüttelt. „Wie lange willst du noch in der Schmollecke bleiben? Die Angelegenheit wird sich nicht in Luft auflösen, nur weil du sie ignorierst!“

Nick blickte sie mit finsterer Miene an. „Wie ich bereits sagte, ich will nicht darüber sprechen. Ich fühle mich betrogen, ich …“

Du fühlst dich betrogen? Na großartig! Denk doch bitte einmal in deinem Leben darüber nach, wie andere sich fühlen könnten. Wie mir zumute ist, zum Beispiel.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Was wir getan haben, haben wir zusammen getan, Nick. Hinterher haben wir zugegeben, dass es ein Fehler war, und nie wieder darüber geredet. Ich hatte heftige Schuldgefühle … hatte meinen Mann betrogen, während er da draußen im Sturm gestorben ist. Er wurde nie gefunden, wie du weißt. Was glaubst du, wie ich mich gefühlt habe, als ich merkte, dass ich schwanger war? Nach einer einzigen Nacht mit dir, als wir uns gegenseitig getröstet haben! Hätte ich zu dir und Annabel kommen und es euch erzählen sollen? Oder wäre es dir später lieber gewesen, nachdem deine Frau gestorben war und du vor Kummer total verzweifelt warst? Sag mir, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, Nick!“

Ihr Ausbruch schien ihn zu überraschen. Milder stimmte er ihn allerdings nicht. „Ich weiß es nicht. Was erwartest du von mir?“

„Nichts, überhaupt nichts!“, fauchte sie. Sie liebte ihn schon lange, aber sie hatte es vor geraumer Zeit aufgegeben, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen. Nick hatte eine andere geheiratet, und als sie gestorben war, hatte sie sein Herz mitgenommen. Er trauerte noch heute um sie.

„Was ist mit Lucy, Jack und Edward?“, fragte er herausfordernd. „Wie werden sie darauf reagieren?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber sie sind erwachsen, sie leben ihr eigenes Leben, haben selbst Familie. Was macht dir Sorgen? Dass du in ihrer Achtung sinken könntest?“

Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, drehte Nick sich um und starrte aus dem Fenster. „Meine Beziehung zu ihnen war nicht immer einfach.“

„Stimmt.“ Woran in erster Linie er schuld gewesen war. Doch Kate verkniff sich die Bemerkung, es hätte ihr auch nicht geholfen. „Aber mir geht es um Jeremiah. Er ist noch ein Kind. Ich will nicht, dass er darunter leidet.“

„Auch wenn ich mich wiederhole – was willst du?“ Mit flammendem Blick wandte er sich ihr wieder zu.

Kate ließ sich nicht einschüchtern. „Es liegt mir fern, Forderungen zu stellen oder von dir zu verlangen, dass du dich öffentlich zu deiner Vaterschaft bekennst. Wenn du etwas mehr Zeit mit ihm verbringen willst, um ihn besser kennenzulernen, bin ich einverstanden. Es wird dir helfen, eine Entscheidung zu treffen. Auf keinen Fall darfst du ihn verletzen, ihn benutzen oder einfach fallen lassen, wenn dir das Ganze zu viel wird.“

Da Nick beharrlich schwieg, fuhr sie fort: „Und in der Praxis verlange ich, dass du dich wie ein zivilisierter Mensch benimmst. Heute hast du uns in eine peinliche Situation gebracht, vor allem Chloe und Oliver. Außerdem sollten Patienten wie die Fiddicks nicht unter deinen persönlichen Problemen leiden. Du bist ihr Arzt, Nick, du kannst sie nicht einfach weiterreichen wie ein Spielzeug, das dir langweilig geworden ist. Wir sind erwachsen. Wir treffen Entscheidungen, wir machen Fehler, und wie Erwachsene müssen wir die Konsequenzen tragen“, schloss sie, während sie merkte, wie ihr Kampfgeist langsam erlosch.

Nick wich ihrem Blick aus, an seinem Kinn zuckte ein Muskel. Schweigend standen sie da, bis Kate die Spannung nicht länger ertrug. Ihre Schultern sanken herab. Sie kannte Nick gut genug, um zu wissen, dass sie im Moment nichts ausrichten würde. Erst musste er in Ruhe über alles nachdenken, ehe sie – vielleicht – eine Antwort bekam.

Leider liebte sie ihn trotzdem, hatte ihn immer geliebt …

„Lass es dir durch den Kopf gehen, Nick“, sagte sie matt. „Ich finde allein hinaus.“

Draußen auf dem schmalen Pfad begann sie zu zittern, ihr Puls raste, aber sie zwang sich weiterzugehen. Sie kam an der Bibliothek vorbei und erreichte die sechs Cottages in der Fisherman’s Row kurz vor der Hafenbrücke. Vor einem der malerischen alten Häuschen blieb sie stehen, drängte die Tränen zurück und klopfte an die Tür.

Chloe trocknete sich die Hände ab und öffnete die Haustür.

„Hi.“ Sie trat zurück, um Kate hereinzulassen. Ihre Freundin war bleich, und in den braunen Augen schimmerten unterdrückte Tränen. „Komm rein. Ich habe gerade frische Limonade gemacht.“

„Schön.“

„Jem spielt hinten im Garten Fußball. Davor hat er mit Pirate und Cyclops getobt. Die beiden sind fix und fertig.“ Sie deutete auf den Sessel, in dem ihre beiden Katzen sich dicht nebeneinander zusammengerollt hatten und schliefen.

Kate brachte ein Lächeln zustande. „Danke, Chloe. Für alles.“

„Kein Problem.“ Wieder in der Küche füllte sie zwei hohe Gläser mit der eiskalten Limonade und reichte ihrer Freundin eins. „Bleibst du noch ein bisschen?“

„Gern.“

Sie setzten sich vor die offenen Verandatüren und sahen Jem beim Spielen zu. Chloe hätte zu gern gewusst, was bei dem Gespräch mit Nick herausgekommen war, aber sie unterdrückte ihre Neugier. Kate wollte anscheinend nicht darüber reden.

Erst vor kurzem hatte sie ihr anvertraut, dass nicht ihr verstorbener Mann James, sondern Nick Jems Vater war. Über die näheren Umstände wusste Chloe auch nichts, aber sie verstand, wie verfahren die Situation inzwischen war.

„Chloe?“

„Hm?“ Entspannt lehnte sie im Sessel und trank einen Schluck.

„Warum hast du Oliver glauben lassen, du hättest heute Abend eine Verabredung?“

Überrascht richtete sie sich auf. „Hatte ich doch, mit dir.“

„Ich hätte meine Pläne ändern können.“

„Wozu? Oliver wollte nach unserer Besprechung wohl noch über die Arbeit reden. Ich habe ihm gesagt, das hätte sicher Zeit bis nächste Woche.“

Kate lachte auf. „Das wollte er ganz bestimmt nicht!“

„Nicht?“

„Nein, mein Liebes.“ Kopfschüttelnd tätschelte Kate ihr den Arm. „Oliver ist an dir interessiert.“

Chloe verspürte ein Kribbeln auf der Haut, das sie einen Moment lang atemlos machte. „Wie bitte?“

„An dir als Frau. Chloe …“ Sie seufzte und lächelte nachsichtig. „Ich weiß, du siehst dich selbst nicht so, aber du bist eine schöne Frau. Und das ist Oliver aufgefallen.“

„Das kann nicht sein!“

Kate lachte leise und trank ihr Glas leer. „Oliver erinnert mich an James, als er im gleichen Alter war. Nach außen hin der sexy Surfer, sorglos, verwegen und charmant, aber im Grunde seines Herzens ein freundlicher, aufrichtiger Mann.“

„Und was soll ich jetzt machen?“, fragte Chloe alarmiert.

„Es ist eine ganz neue Erfahrung für dich, ich weiß. Aber warum sich nicht darauf einlassen?“ Bewundernswert ruhig trotz ihrer eigenen aufgewühlten Gefühle, fuhr sie behutsam fort: „Triff dich mit Oliver, lerne ihn näher kennen. Vielleicht genießt du es ja, mit ihm zusammen zu sein.“

Sprachlos starrte Chloe ihre Freundin an. Wie konnte Kate ihr nur so etwas vorschlagen?

„Oh, Chloe, mein Liebes.“Verhalten lachend stellte Kate ihr Glas ab. „Du solltest dein Gesicht sehen!“ Doch sie wurde schnell wieder ernst und nahm ihre Hand. „Über deine Vergangenheit weiß ich nicht viel, aber vielleicht ist dies die Gelegenheit, endlich mit ihr abzuschließen. Verliebt sein, das gehört zum Leben dazu, und ich fände es furchtbar, wenn du es für dich ausklammern würdest. Und das äußere Bild kann täuschen. Du solltest Oliver nicht nach Gerüchten beurteilen. Er könnte der Mann sein, der dir zeigt, was es bedeutet, eine Frau zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes. Du musst es nur zulassen.“

3. KAPITEL

„Hallo, Oliver.“

Er stand auf dem Wochenmarkt und suchte die Menge ab, als hinter ihm eine Frauenstimme ertönte. Oliver drehte sich um. Neben ihm war Lauren Nightingale aufgetaucht. Groß, schlank, mit schiefergrauen Augen und einer guten Figur war sie eine attraktive Frau. Sie besaß ein einnehmendes Lächeln, und ihr langes hellbraunes Haar schimmerte im Sonnenlicht.

Für ihre Erfolge als Physiotherapeutin wurde die Dreißigjährige von Patienten und Kollegen gleichermaßen sehr geschätzt. Oliver war allerdings aufgefallen, dass sie eine gewisse Tollpatschigkeit besaß, mit der ihre Freundinnen sie gelegentlich aufzogen. Da er sonst nur Gutes über sie gehört und bisher hervorragend mit ihr zusammengearbeitet hatte, fand er sie sehr sympathisch.

„Hi, Lauren.“

Unwillkürlich blickte er ihr über die Schulter, in der Hoffnung, Chloe zu entdecken. Kate hatte ihm erzählt, dass die beiden Frauen sich heute auf dem Samstagsmarkt verabredet hätten. Seine Stimmung rutschte in den Keller, als er sie nirgends erblickte.

„Kate hatte recht. Es hat Sie echt erwischt.“

„Wie bitte?“ Der neckende Unterton in ihrer Stimme ließ ihn die Stirn runzeln. „Was haben Sie gesagt?“

Übermütig lächelnd hakte Lauren sich bei ihm unter und führte ihn zu ein paar Tischen und Stühlen. „Setzen Sie sich. Wir holen uns etwas zu trinken und denken uns eine Strategie aus.“

„Eine Strategie?“

„Wegen Chloe.“ Auf ihrer Wange erschien ein Grübchen. „Deswegen sind Sie doch hier, oder?“

„Stimmt“, antwortete er und erwiderte das Lächeln.

Zwei Minuten später hatte jeder ein Glas mit einem eisgekühlten Frucht-Smoothie vor sich, und Oliver sah wieder über die bunte Menge Einheimischer und Touristen, die sich vor den Warenständen drängten.

„Tut mir leid, aber Chloe kommt nicht“, sagte Lauren. „Sie musste heute Morgen zu einer schwangeren Touristin ins Anchor Hotel.“

Er versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen, und beschloss, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. „Dann hat Kate Ihnen gesagt, dass ich Chloe näher kennenlernen will?“

„Ja. Und auch wenn es sich komisch anhört, aber wenn es um Chloe geht, kann ich zu einer strengen viktorianischen Tante werden, die ihr Mündel vor Schaden schützen will.“ Ihr verschmitztes Lächeln konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Warnung ernst gemeint war.

„Ich bin froh, dass Chloe gute Freunde hat, die auf sie aufpassen“, sagte er ernst. „Für mich ist dies kein Spiel, Lauren. Ich weiß nicht, was Sie über mich gehört haben, aber …“

Sie hob die Hand. „Auf Klatsch und Tratsch gebe ich nicht viel. Ich bilde mir selbst eine Meinung. Sie sind zwar noch nicht lange bei uns, aber ich mag Sie. Und Kate mag Sie auch. Wir glauben, dass Sie genau der Mann sein könnten, den Chloe braucht. Allerdings ist das nicht so einfach, wie es sich anhört.“

„Kate erwähnte schlechte Erfahrungen, die Chloe gemacht hat.“ Fragend blickte er Lauren an. „Können Sie mir einen Rat geben, wie ich ihr Vertrauen gewinne?“

Nachdenklich trank Lauren einen Schluck. „Zuerst einmal … Chloe verabredet sich nicht mit Männern.“

„Wie meinen Sie das?“

„Keine Dates. Grundsätzlich nicht.“

„Nie?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

„Nie.“

„Aber warum nicht?“

„Das ist eine lange Geschichte, die Ihnen nur Chloe selbst erzählen kann.“

„Also, was soll ich tun?“

„Sie werden sich mächtig anstrengen müssen.“ Lauren benutzte die gleichen Worte wie Kate, als sie ihn nun bekümmert anlächelte. „Bieten Sie ihr Ihre Freundschaft an, gehen Sie behutsam vor, bedrängen Sie sie nicht.“

Eine böse Ahnung zog ihm den Magen zusammen. „Hat ihr jemand wehgetan? Körperlich? Emotional? Oder beides?“

Sie antwortete nicht, aber die Art, wie sie seinem Blick auswich, verriet ihm genug.

Auch wenn er nicht wusste, was ihr widerfahren war, so durchzuckte ihn doch ein stechender Schmerz bei der Vorstellung, dass jemand Chloe gequält haben könnte. Und heiße Wut auf den, der ihr das angetan hatte.

Er wollte sie beschützen, genau so, wie ihre Freundinnen sie beschützten. Würde es ihm gelingen? Die Verantwortung war groß. War er der Richtige, um Chloe ins Leben zurückzuholen? In ein normales Leben, das sie mit Lachen erfüllte und in dem sie sich als die schöne, begehrenswerte Frau fühlen konnte, die sie war?

Oliver lehnte sich zurück und trank sein Glas leer. Die Zweifel ließen sich nicht so leicht verscheuchen. Und doch trauten Chloes beste Freundinnen ihm zu, dass er es schaffen würde. Angesichts seiner Erfahrungen in der Vergangenheit war es ein erhebendes Gefühl. Es wäre genau der Neuanfang, den er sich vorgestellt hatte … Hatte er nicht gehofft, sich in Penhally Bay eine Existenz aufzubauen, geachtet und respektiert zu werden für das, was er wirklich war?

Alle Fäden liefen bei einem Menschen zusammen, bei Chloe, der Frau, an die er tagsüber bei jeder Gelegenheit dachte und von der er nachts träumte. Es waren erotische Träume, in denen er sie lange und leidenschaftlich liebte. Die Vorstellung, ein anderer Mann könne sie besitzen, war schlicht absurd. Ja, er würde es tun. Er würde versuchen, Chloes Vertrauen zu gewinnen und ihre Geheimnisse zu ergründen. Ihre Sinnlichkeit zu wecken. Ihr zu zeigen, wie es war, wenn sie geliebt und angebetet wurde.

„Ich sehe Chloe heute Abend“, sagte Lauren da. „Kate und ich werden versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie Ihnen eine Chance gibt. Alles Weitere hängt von Ihnen ab.“

„Danke, Lauren, ich werde Sie nicht enttäuschen. Chloe bedeutet mir sehr viel.“

„Ich glaube Ihnen“, sagte sie und leerte ihr Glas. „Und, was haben Sie an diesem Wochenende vor?“

Oliver nahm an, dass das Thema Chloe damit abgeschlossen war. „Zum Glück habe ich frei. Falls die Wellen es hergeben, will ich heute surfen. Für morgen hatte ich mir vorgenommen, mit dem Motorrad die Gegend zu erkunden. Diesen Teil von Cornwall kenne ich noch nicht so gut.“

Ein scharfer Blick traf ihn. „Sie haben ein Motorrad?“

„Ja.“ Er grinste verlegen. „Meine größte Leidenschaft – gleich nach meinem Surfbrett und meinem Jetski.“

„Ich bin nie selbst gefahren, aber ich kenne ein paar Plätze, die bei Bikern beliebt sind. Wenn Sie frühmorgens dort auftauchen, treffen Sie vielleicht welche und können sich Tipps für sehenswerte Strecken holen. Es wird sich lohnen.“

„Großartig, danke.“ Überrascht, wie sehr ihr daran gelegen war, notierte Oliver sich die Stellen, die sie ihm beschrieb. Eine schien ihr besonders wichtig zu sein. „Ich fahre morgen früh hin“, versprach er schließlich.

„Ich hoffe, Sie finden eine verwandte Seele dort.“ Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen suchte sie ihre Sachen zusammen und stand auf. „Wir sehen uns. Viel Glück.“

„Noch mal danke, Lauren.“ Er sah ihr nach und schmiedete bereits Pläne, wie er Chloe für sich gewinnen konnte. Es musste ihm gelingen, ihr Freund zu werden … und mehr.

„Möchtest du einen Happen essen, bevor Vicky mit der Pizza kommt?“ Lauren reichte Chloe ein Glas Rotwein.

„Nein danke, ich habe noch keinen Hunger.“

Sie saßen auf der kleinen Terrasse hinter Chloes Cottage und genossen die milde Abendluft. Chloe liebte die Treffen mit ihren Freundinnen. Meistens trafen sie sich bei einer von ihnen zu Hause, oder sie gingen essen. Manchmal auch ins Kino oder tanzen in einem der Nachtklubs in der nahe gelegenen Stadt Rock. Lucy, Melinda und Eloise stießen nur noch selten dazu. Jung verheiratet, schwanger oder mit einem Baby verbrachten sie mehr Zeit mit ihren Männern. Lauren, Vicky Clements und Chloe waren übrig geblieben.

Vicky, eine Schulfreundin von Lauren, war drei Jahre älter als Chloe und arbeitete im Frisiersalon ihrer Mutter. In der Schulzeit hatten sie nicht viel miteinander zu tun gehabt, aber Chloe kannte sie ihr Leben lang, und inzwischen waren sie gute Freundinnen geworden. Vicky war ein Wirbelwind, immer lustig, hatte aber eine Schwäche: Sie tratschte gern und konnte nichts für sich behalten. Deshalb passte Chloe auf, was sie in ihrer Gegenwart sagte.

Eigentlich war Lauren ihre beste Freundin – und bei der Arbeit Kate. Die beiden Frauen waren die Einzigen, die ansatzweise ahnten, was sie als Kind durchgemacht hatte. Und sie wussten, dass diese Erfahrungen immer noch massiv ihr Leben bestimmten.

„In den letzten Monaten muss hier in Penhally Bay etwas im Trinkwasser gewesen sein“, meinte Lauren.

„Wie meinst du das?“

„So viele haben sich verliebt, geheiratet, Babys bekommen …“ Lauren lachte sie an. „Aber nicht unbedingt in der Reihenfolge!“

Ja, es hatte im vergangenen Jahr aufregende Zeiten gegeben. Bei der romantischen Hochzeit der Tierärztin Melinda Fortesque mit Dragan Lovak, einem der Ärzte aus der Gemeinschaftspraxis, waren Chloe und Lauren Brautjungfern gewesen. Inzwischen war das Paar aus der Fisherman’s Row weggezogen und wohnte nun in seinem Traumhaus am Rand von Penhally Bay. Im Spätherbst sollte ihr erstes Kind zur Welt kommen.

Aber es waren nicht nur Happy Ends dabei. Lauren hatte sich von ihrem langjährigen Freund getrennt. Nicht dass sie besonders darunter leiden würde – im Gegenteil, sie wirkte seitdem freier und unbeschwerter. Was Chloe in ihrer Ansicht bestärkte: Jede Frau war für ihr Glück allein verantwortlich, und ganz sicher brauchte sie dazu keinen Mann. Genau das sagte sie Lauren.

„Stimmt, Martin und ich haben letztendlich doch nicht zusammengepasst. Aber das heißt nicht, dass ich keine neue Beziehung will. Ich brauche nur ein bisschen Abstand, um mir darüber klar zu werden, wo ich stehe und was ich will. Irgendwann kommt schon der Richtige für mich. Ich mag Sex, Chloe … die meisten Menschen mögen das. Du hast mit deinen Eltern schreckliche Erfahrungen gemacht, doch das muss nicht den Rest deines Lebens bestimmen. Wirklich nicht.“

Chloe biss sich auf die Lippen. „Ich weiß, Kate und du, ihr denkt, dass mir etwas fehlt. Aber wie kann ich etwas vermissen, das ich nie kennengelernt habe? Mein Leben gefällt mir, ich bin glücklich. Was brauche ich mehr?“

Doch ihre Gedanken schweiften zu Oliver ab. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass er sie eingeladen hatte, mit ihm auszugehen. Es bedeutete ihm sicher nicht viel, egal, was Kate sagte. Nach allem, was sie gehört hatte, rissen sich die Frauen darum, mit ihm zusammen zu sein. Schöne, willige, erfahrene Frauen – das genaue Gegenteil von ihr. Warum sollte Oliver an ihr interessiert sein?

„Heute Morgen auf dem Markt habe ich Oliver gesehen.“

Chloe zuckte zusammen. Hatte Lauren ihre Gedanken gelesen?

„Er mag dich, Chloe“, fuhr die Freundin fort. „Ich finde, du solltest ihm eine Chance geben.

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