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Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 30

Melanie Milburne, Dianne Drake, Meredith Webber

Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 30

MELANIE MILBURNE

Wie Spuren im Sand

Ist Lachlan der Richtige für sie? Zusammen mit dem attraktiven Kommissar soll die junge Gerichtsmedizinerin Eloise in Cornwall den mysteriösen Tod eines Surfers klären. Als Lachlan sie am Strand zärtlich küsst, ist Eloise überzeugt: Ja, er ist der Mann meines Lebens! Aber dann nimmt der Fall eine unerwartet persönliche Wendung – und Eloise kommen Zweifel …

DIANNE DRAKE

Gesucht: Arzt mit Herz

Nie wieder werde ich als Arzt arbeiten, mich nie wieder binden, schwört Philip Kincaid nach einer Tragödie, für die er sich die Schuld gibt. Bis die hübsche Thea in einer stürmischen Regennacht überraschend in sein Leben tritt. Sein Können ist gefragt – sein kühles Herz taut auf! Und wie ein Blitz trifft ihn die Erkenntnis: Sag niemals nie …

MEREDITH WEBBER

Liebe ist mehr als ein Wort, Dr. Whitworth

Ein Heiratsantrag? Nein, Blythe hat sich nicht verhört! Und wenn sie ehrlich ist: Nichts würde sie lieber tun, als den charmanten Landarzt Cal Whitworth zu heiraten und mit ihm zusammen im australischen Outback zu leben und arbeiten. Aber wie kann er sie bitten, seine Frau zu werden, wenn er noch nie von Liebe gesprochen hat?

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Melanie Milburne

Wie Spuren im Sand

Gemeinschaftspraxis Penhally Bay

Das Praxisteam:

Dr. Nicholas (Nick) Roberts Chef und Seniorpartner der Gemeinschaftspraxis
Hazel Furse Praxismanagerin
Kate Althorp Hebamme
Sue leitende Sprechstundenhilfe
Alison Sprechstundenhilfe
Gemma Sprechstundenhilfe

Polizeirevier:

Dr. Eloise Hayden Gerichtsmedizinerin
Chief Inspector Lachlan D'Ancey Kriminalkommissar
James Derrey Polizist
Gaye Trembath Polizistin
Dr. Peter Middleton Forensiker
Dr. Grant Yates sein Assistent

Einwohner von Penhally Bay:

Mrs. Trevallyn Pensionswirtin
Davey ihr Sohn
Poppy Lachlan D'Anceys Tochter
Bob Polgrean ihr Freund
Margaret ihre Mutter
Mr. Price Schriftsteller
Brian Jugendlicher
Gary Lovelace Anführer einer Jugendbande
Ethan Jenson Surfer
Molly Beale Zimmermädchen
Maisie Beale ihre Mutter
Jem Althorp Kates Sohn

 

Trevallyn House Pension
Anchor Hotel Hotel
Penhally Arms Pub

1. KAPITEL

„Tut mir sehr leid, Dr. Hayden, aber Ihr Gepäck scheint spurlos verschwunden zu sein.“ Der Flughafenangestellte blickte von seinem Computer auf und sah Eloise bedauernd an. „Hier steht nicht einmal, dass es überhaupt in die Maschine verladen wurde.“

„Wie bitte?“ Fassungslos musterte sie den Mann. „Ich sollte gestern schon in Cornwall sein. Ich kann hier nicht warten, bis die Koffer mit dem nächsten Flug aus Sydney kommen. Sie müssen sie mir nachschicken.“

„Kein Problem, Dr. Hayden.“ Er griff nach Kugelschreiber und einem Formular. „Unter diesen Umständen wird die Fluggesellschaft die Kosten tragen. Nennen Sie mir nur eine Adresse.“

Eloise unterdrückte ein frustriertes Seufzen und wühlte in ihrer Handtasche. Man hatte ihr in Penhally Bay ein Zimmer gebucht. Natürlich nicht in einem Fünfsternehotel; wahrscheinlich besaß Trevallyn House nicht einmal einen Stern. Mehr gibt das Budget der australischen Gesundheitsbehörde eben nicht her, dachte sie ironisch. Ihre Vorgesetzten hatten ihr erklärt, ein Monat Aufenthalt an der malerischen Küste von Cornwall würde sie für die schlichte Unterbringung sicher hinreichend entschädigen. Schlicht? Das Gebäude sah aus, als wäre schon James Cook vor seiner Entdeckung Australiens 1770 dort abgestiegen!

Zusammen mit ihrer Visitenkarte reichte sie den Prospekt über den Tresen und tappte ungeduldig mit dem Fuß, während der Mann die Daten aufnahm. „Wie lange wird es dauern?“, fragte sie, als sie die Broschüre zurückbekam.

„Das ist schwer zu sagen. Ein, zwei Tage, vielleicht auch länger. Offensichtlich wurden die Koffer in Sydney ins falsche Flugzeug gebracht. So etwas kommt leider vor.“

Eloise zügelte nur mühsam ihren Ärger. „Schön zu wissen, dass mein Gepäck eine Weltreise machen darf, aber könnten Sie bitte dafür sorgen, dass es gefunden wird, und zwar schnell? Seit sechsunddreißig Stunden trage ich dieselben Sachen am Körper, und ich bin dienstlich unterwegs. Ich brauche meine Koffer!“

„Ich werde tun, was ich kann, doch wie ich schon sagte, kann es sich hinziehen. Durch die verschärften Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen wurden zwar einige Probleme gelöst, dafür aber andere geschaffen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Eloise lächelte schwach. „Danke für Ihre Hilfe. Hoffentlich höre ich bald von Ihnen.“ Sie bahnte sich einen Weg durch den überfüllten Flughafenterminal und machte sich auf die Suche nach ihrer Mietwagenfirma. Nachdem sie wieder endlos lange gewartet hatte, händigte man ihr Schlüssel und Papiere aus – für das winzigste Auto, das sie je gesehen hatte.

„Ich könnte euch den Hals umdrehen, Jack Innes & Co“, schimpfte sie vor sich hin, während sie rückwärts aus der Parklücke setzte. „Gut, dass mein Gepäck nicht mitgekommen ist. Es hätte zu Fuß gehen müssen!“

Penhally Bay war ein kornisches Fischerstädtchen wie aus einem Hochglanz-Reiseführer. Pittoreske Häuser und kleine Läden säumten die Straßen, bevölkert von Touristen, die das herrliche Sommerwetter und den idyllischen Ausblick auf den Hafen genossen. An einem Ende der Bucht erhob sich die Seenotrettungsstation, am anderen ein Leuchtturm. Draußen auf dem Meer glänzten weiße Segelboote im Sonnenlicht.

Trevallyn House lag an der Harbour Road. Es war ein bisschen größer als seine Nachbarhäuser, dafür aber in einem wesentlich schlechteren Zustand. Stellenweise war die weiße Farbe abgeblättert, und einer der Fensterläden im Erdgeschoss hing schief in seinen rostigen Angeln.

Na toll, murrte Eloise stumm, während sie die Stufen hinaufging. Bevor sie nach dem Klingelknopf suchen konnte, schwang mit lautem Knarren die Haustür auf, und eine rundliche Gestalt erschien im Türrahmen.

„Sie müssen Dr. Hayden sein“, begrüßte die Pensionswirtin sie warmherzig. „Willkommen in Penhally Bay! Entschuldigen Sie die Unordnung, aber eines meiner Zimmermädchen hat mich ganz plötzlich vor zwei Tagen verlassen. Warten Sie, ich sage Davey Bescheid, dass er Ihr Gepäck nach oben bringt. Ich habe Ihnen Zimmer 7 hergerichtet. Das hat den schönsten Blick auf unsere Bucht.“

„Im Moment habe ich noch kein Gepäck. Es kommt … später.“

„Oh, ach so …“ Mrs. Trevallyn lachte wie ein junges Mädchen. „Das macht doch nichts. Aber Sie werden sich bestimmt frisch machen wollen. Das Bad ist auf dem Flur. Beim Duschen müssen Sie vorsichtig sein – Sie können sich verbrühen, wenn jemand anders seinen Wasserhahn aufdreht.“

Na warte, Jack Innes, mit dir werde ich noch ein Hühnchen rupfen!

Eloise machte sich darauf gefasst, die nächsten vier Wochen in einem Bretterverschlag ihr Dasein fristen zu müssen, war jedoch angenehm überrascht, als sie Zimmer Nummer 7 betrat. Es war auf altmodisch hübsche Weise in Rosa und Cremeweiß gehalten und entfaltete gleich auf den ersten Blick einen besonderen Charme. Ein bunter Strauß Sommerblumen stand auf dem Frisiertisch, und der betörende Duft der einzelnen blutroten Rose darin zog Eloise magisch an. Sie berührte die samtigen Blütenblätter, drehte die Hand langsam um und musterte ihren Finger. Ihr Herz fing an zu hämmern, und ihre Hand zitterte leicht. Aber es klebte kein Blut an der Haut.

Eloise riss sich zusammen und trat zurück. „Du arbeitest schon zu lange in der Pathologie, Mädchen“, sagte sie zu sich selbst, durchmaß mit energischen Schritten das Zimmer und öffnete das Fenster. Dann schloss sie die Augen und atmete tief die würzige Seeluft ein.

Chief Inspector Lachlan D’ Ancey knallte die Akte zu und sah seinen jungen Kollegen grimmig an. „Das ist doch völlig übertrieben“, sagte er. „Wozu brauchen wir eine forensische Pathologin aus Australien? Wir haben den Fall sorgfältig untersucht.“

Constable James Derrey nickte eifrig. „Ja, ich weiß, aber nicht nur seine Familie stellt Fragen, Chief. Ethan Jenson war ein Weltklassesurfer, und jeder hat erwartet, dass er die Weltmeisterschaften gewinnt. Die Australier wollen eben nicht akzeptieren, dass ein Surfer seines Kalibers einfach ertrinkt. Ich schätze, die externe Untersuchung ist von ganz oben angeordnet worden.“

Lachlan fuhr sich durch das dichte dunkelbraune Haar. „Sicher. Ich hoffe nur, diese Pathologin wird schnell einsehen, dass unsere Untersuchung absolut wasserdicht ist, und wieder nach Hause fliegen, damit wir unsere Arbeit machen können.“

„Ganz meine Meinung, Sir.“

Seufzend lehnte Lachlan sich in seinem Sessel zurück. „Für den nächsten Monat könnte ich mir wirklich etwas Besseres vorstellen, als den Fall noch einmal aufzurollen.“

„Ich auch, aber diese Australierin wird erwarten, dass Sie jederzeit für Fragen bereitstehen“, entgegnete James. „Haben Sie sie schon gesehen?“

„Nein.“ Der Chief Inspector blickte auf seine Armbanduhr. „Eigentlich sollte sie gestern schon hier sein, aber vielleicht ist etwas Wichtiges dazwischengekommen.“ Er sah auf und lächelte amüsiert. „Oder sie hat sich verfahren. Vielleicht ist sie längst in Schottland. Sie wissen doch, wie die Aussies sind – die fahren weiter, um einen Liter Milch zu kaufen, als wir in den Urlaub.“

James grinste. „Und ich wette, sie ist zickig. Erinnern Sie sich noch an das Mädchen aus London, das damals hier aufkreuzte? Diese Karrierefrauen sind doch alle gleich.“

Lastende Stille folgte.

Dem jungen Polizisten stieg das Blut ins Gesicht. „Verzeihung, Chief“, murmelte er. „Das war taktlos. Ich hatte nicht an Margaret gedacht und an die Scheidung und all das …“

„Vergessen Sie es, James“, erwiderte Lachlan. „Ich bin darüber hinweg. Zugegeben, es war hart, aber ehrlich gesagt hätten wir uns schon Jahre früher trennen sollen. Im Grunde hätten wir gar nicht erst heiraten dürfen, aber Poppy war unterwegs und …“ Er seufzte ergeben. „Nun ja, damals dachte ich, es sei das Richtige.“

„Wie geht es Ihrer Tochter? Ich habe gehört, Jensons Tod hätte sie ziemlich mitgenommen. Sie war ein großer Fan von ihm, nicht?“

„Teenager, James … Sie wissen doch, wie Mädchen in dem Alter sind. Verrückt nach Stars. Und welche der Frauen hier unter vierzig bekäme keine weichen Knie, wenn ein muskelbepackter und braun gebrannter Surfer an ihr vorbeiliefe?“

Der Constable stand auf. „Wohl wahr. So, ich muss wieder an die Arbeit. Draußen auf Henry Ryalls Farm soll sich ein Dieb herumtreiben. Henry meinte, dass ein paar seiner Schafe fehlen. Aber ich glaube eher, dass er Gesellschaft braucht. Seit Mary tot ist, muss er ziemlich einsam sein.“

„Armer alter Knabe. Für ihn wäre es bestimmt besser, in die Stadt zu ziehen.“

„Das wird er nicht tun. Der stirbt in seinen Arbeitsstiefeln, so viel ist sicher.“ James wandte sich zur Tür, fügte aber noch hinzu: „Viel Glück mit der Gerichtsmedizinerin. Vielleicht ist sie sogar nett.“

Lachlan antwortete nicht. Er wartete, bis James gegangen war, und schlug die Akte wieder auf. Nachdenklich, mit einer steilen Falte zwischen den schwarzen Brauen, betrachtete er die Züge des toten Surfers …

Eloise fand die Polizeiwache ohne Probleme. Allerdings wunderte sie sich, dass hinter dem schmalen Empfangstresen niemand saß.

Sie suchte nach einer Klingel oder Ähnlichem, um sich bemerkbar zu machen, entdeckte eine Messingglocke und läutete. Nichts geschah. Eloise wartete noch eine Minute und rief dann: „Hallo? Ist jemand da?“

Keine Antwort.

Während sie ein zweites Mal die Glocke schwenkte, kam sie sich ein bisschen albern vor. Wie nervös war sie auf dem Weg hierher gewesen – zu ihrem ersten Einsatz auf internationaler Ebene! In ihrem ganzen Leben hatte sie sich noch nie so schlecht vorbereitet gefühlt. Und nun musste sie feststellen, dass ihr neuer Arbeitsplatz von einer modernen Strafverfolgungsbehörde Lichtjahre entfernt war …

Zum Glück hatte sie nicht weitere kostbare Zeit damit verschwendet, sich ein neues Outfit zu kaufen. In ihren abgetragenen Jeans und dem eng anliegenden Top mit der Bluse darüber wirkte sie hier gar nicht mal fehl am Platze. Okay, über ihrer rechten Brust prangte ein Kaffeefleck, und die Hose fühlte sich an, als könnte sie von allein stehen. Aber was konnte sie dafür, dass das Flugzeug genau in dem Moment in Turbulenzen geriet, als der Steward ihr Kaffee nachschenken wollte? Und ihr Gesicht … nun, ja … zumindest war es sauber. Der Schwall heißes Wasser, der vorhin unvermittelt aus der Dusche geströmt war, hatte ihr sechsunddreißig Stunden altes Make-up restlos verdampft – und die oberste Hautschicht wahrscheinlich auch. Ihr feines blondes Haar hatte die waschmittelähnliche Substanz mit der Flaschenaufschrift Shampoo, die sie in der Pension vorgefunden hatte, nicht besonders gut vertragen. Und ohne ihre Bürsten und ihren Hochleistungsföhn konnte sie es nicht wie gewohnt zu einer glänzenden Bobfrisur stylen. Es lag eher wie ein Helm aus Stroh auf ihrer Kopfhaut.

Sie atmete kräftig aus und hob die Hand, um an die erstbeste Tür zu klopfen. Bevor ihre Knöchel jedoch das Holz berühren konnten, wurde die Tür aufgerissen, und im nächsten Moment prallte Eloise mit einer großen, muskulösen Gestalt zusammen.

„Oh … Entschuldigung.“ Ein dunkelhaariger Mann sah auf sie herunter, die Arme ausgestreckt, um sie zu stützen. „Ich hatte keine Ahnung, dass Sie da stehen. Habe ich Ihnen wehgetan?“

Eloise blinzelte ein paarmal, während ihr Herz kleine Saltos vollführte. Sie schluckte und riss sich zusammen. Du bist nur benommen von dem Zusammenprall, sagte sie sich. Sonst nichts!

Es hatte nicht das Geringste mit den intelligenten whiskyfarbenen Augen zu tun, die sie abwartend anblickten, und auch nichts damit, dass sie kräftige Männerhände auf ihren Armen spürte. Zum ersten Mal, seit … nun, seit ziemlich langer Zeit.

„Ich … nein, alles in Ordnung“, antwortete sie zögernd. „Ich hatte geläutet, aber es kam niemand. Und ich wollte gerade klopfen, als Sie herauskamen.“

Sein Lächeln zeigte weiße Zähne und verlieh ihm einen charmanten jungenhaften Ausdruck, obwohl er, wie Eloise vermutete, schon Ende dreißig war.

„Tut mir leid, dass der Empfang nicht besetzt ist. Der diensthabende Constable wurde vor einer halben Stunde zu einem Einsatz gerufen, und der andere ist krank. Was kann ich für Sie tun?“

Eloise strich sich mit der Zunge über die Lippen, eine nervöse Geste, die sie sich eigentlich vor langer Zeit abgewöhnt hatte. Doch ohne ihr schlichtes Businesskostüm, vernünftige Schuhe und ein zwar unauffälliges, aber perfektes Make-up fühlte sie sich plötzlich wie ein schüchterner Teenager.

Es half nicht gerade, dass er so groß war.

Um Blickkontakt zu halten, musste sie den Kopf in den Nacken legen. Vielleicht sollte sie sich das mit den vernünftigen Schuhen noch einmal überlegen und sich stattdessen welche mit höheren Absätzen kaufen. Sonst könnte sie wöchentlich zur Krankengymnastik rennen, um sich die Nackenverspannungen wegmassieren zu lassen. Der Mann war fast einsneunzig, hatte beeindruckend breite Schultern und sonnengebräunte Haut, so als hielte er sich oft am Meer auf.

„Ich bin Chief Inspector Lachlan D’ Ancey.“ Er streckte ihr seine Hand hin.

Jetzt machte auch ihr Magen einen Salto. Überrascht starrte sie ihr Gegenüber an.

Er war der Chief Inspector?

Sie hatte einen übergewichtigen Mann mit Halbglatze erwartet, der ein Päckchen Zigaretten am Tag rauchte und kurz vor der Pensionierung stand. Aber nicht einen durchtrainierten Hünen, der aussah, als könnte er zwei Marathons hintereinander laufen, ohne dabei groß zu schwitzen.

Eloise gab ihm die Hand. Zu Hause war sie für ihren energischen, fast männlichen Händedruck bekannt, aber hier konnte sie ihn irgendwie nicht anbringen. Als seine schlanken, gebräunten Finger sich um ihre schlossen, erschauerte sie unwillkürlich. Sie spürte seine leicht schwielige Haut an ihrer und fühlte sich plötzlich schwach und durch und durch weiblich.

„Hm … Eloise Hayden“, brachte sie hervor. „Dr. Eloise Hayden … aus Australien. Sydney, genauer gesagt. Ich wohne dort … in der Stadt … in der Nähe des Strands …“ Halt den Mund, ermahnte sie sich. Du stammelst wie eine Idiotin.

Eine der dunklen Brauen ging in die Höhe. „Sie sind die Pathologin?“

Sie wusste nicht, was sie von seinem Tonfall und der verblüfften Miene halten sollte. Jetzt glitt sein Blick langsam über sie, verweilte auf dem Kaffeefleck über ihrer linken Brust und erreichte wieder ihre Augen.

„Ja“, antwortete sie steif und entzog ihm ihre Hand. „Die bin ich.“

Amüsiert blitzten seine Augen auf, und seine Mundwinkel zuckten. „In Down Under scheinen sie mit der Ausbildung früher fertig zu sein als bei uns. Ich hatte jemand Älteres mit ein bisschen mehr Erfahrung erwartet.“

Eloise straffte die Schultern. „Ich bin zweiunddreißig und kann Ihnen versichern, dass ich über jede Menge Erfahrung verfüge“, gab sie scharf zurück.

Diesmal hatte sie keine Mühe, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. „Nun, Dr. Hayden aus Australien“, entgegnete er ironisch, „ich hoffe, Ihre Erfahrung wird uns von Nutzen sein, solange Sie hier bei uns in Penhally Bay sind.“

Unwillkürlich presste sie kurz die Lippen zusammen und packte den Riemen ihrer Schultertasche fester. „Worauf Sie sich verlassen können, Chief Inspector.“

Wieder musterte er sie von oben bis unten. „Ich bin kein pingeliger Chef, aber für unser erstes Treffen hätte ich jemanden erwartet, der sich dem Anlass entsprechend kleidet. Oder üben Sie im Nebenjob verdeckte Ermittlungen aus?“

Sie hob das Kinn, und ihre blauen Augen sprühten Funken. „Ich komme direkt vom Flughafen, nach einem Auslandsflug, der mehr als zwölf Stunden Verspätung hatte, und ohne mein Gepäck – wahrscheinlich reist es gerade durch den Mittleren Osten. Falls Sie also ein Problem mit meiner Kleidung haben, Chief Inspector D’ Ancey, beschweren Sie sich bei der Fluggesellschaft, nicht bei mir.“

Lachlan unterdrückte ein Lächeln. Constable Derrey hatte recht gehabt. Sie war leicht reizbar und angriffslustig wie alle Karrierefrauen, die sich von einem Mann nichts sagen lassen wollten.

Andererseits war sie für eine knallharte Karrierefrau bemerkenswert attraktiv. Mit ihrer schlanken Figur und Kurven an genau den richtigen Stellen hätte sie auch auf einem Laufsteg großartig ausgesehen. Ihr kurzes platinblondes, leicht zerzaustes Haar und die strahlend hellblauen Augen hätten jeden Mann zu einem zweiten Blick verführt. Und der ärgerliche Zug um ihren Mund konnte nicht verbergen, dass sie fein geschwungene Lippen hatte. Lachlan fragte sich unwillkürlich, wie oft sie schon geküsst worden war.

Unwillkürlich glitt sein Blick zu ihren Händen. Kein Ehering, also war sie unverheiratet. Am schmalen Handgelenk trug sie eine teure silberne Uhr, die nicht recht zu den Jeans und dem kaffeefleckigen Top passen wollte. Trotzdem würde er sich für seine Bemerkung nicht entschuldigen. Dr. Eloise Hayden führte sich auf, als könnte sie einen Dämpfer vertragen, und er war gern bereit, dafür zu sorgen. „Wo werden Sie wohnen?“

„Im Trevallyn House.“

Ein spöttischer Blick traf sie. „Ihre Abteilung muss Kosten sparen, wie?“

Eloise hätte ihn ohrfeigen können. Solche Spielchen kannte sie, und sie kannte auch die Sorte Männer, die sie spielten – machthungrige Typen, die von einer jüngeren Frau keine Anweisungen entgegennahmen.

Aber sie war nicht von einem Kontinent zum anderen gereist, um sich wie eine Anfängerin behandeln zu lassen. Sie hatte einen Job zu erledigen, und wehe dem, der sich ihr in den Weg stellte! Es war ihr erster Auftrag auf internationaler Ebene, und ein Erfolg würde ihr den Ruf sichern, einer der besten forensischen Pathologen Australiens zu sein.

Obwohl ihr Nacken zu schmerzen begann, blickte sie dem Mann fest in die Augen. „Ich bin mit der Unterbringung sehr zufrieden. Sie liegt mitten im Ort, und ich kann durchaus auf Bequemlichkeiten verzichten, wenn es nötig ist.“

„Das werden Sie in Trevallyn House auch müssen. Neulich habe ich gehört, dass nur eine Toilette funktioniert.“

„Ich sehe wenig Sinn darin, Steuergelder für eine luxuriöse Unterkunft zu verschwenden, falls die Untersuchung länger dauert als erwartet“, antwortete sie spitz.

Als ihre Blicke sich trafen, blitzte in seinen Augen kurz etwas auf, was sie nicht recht deuten konnte. Dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos.

„Wir haben den Fall von allen Seiten beleuchtet, was ich in einer kurzen Zusammenfassung bereits erläutert habe. In spätestens einer Woche werden Sie festgestellt haben, dass dem nichts hinzuzufügen ist – selbst wenn Sie noch so toll in Ihrem Job sind.“

Eloise sah ihn abschätzig an. „Es gibt da ein paar Punkte, zu denen ich einige Fragen hätte. Und das ist doch der Zweck einer externen Nachprüfung … man gewinnt neue Perspektiven, oder?“

Kühl lächelnd schob er die Tür zu seinem Büro weiter auf. „Dann lassen Sie uns anfangen“, sagte er und bedeutete ihr, voranzugehen.

2. KAPITEL

Eloise schob sich an ihm vorbei, beide Arme an den Körper gepresst, um den Mann nicht versehentlich zu berühren. Trotzdem konnte sie nichts dagegen tun, dass ihr ein Hauch Aftershave in die Nase stieg. Es war eine verwirrende Mischung aus Zitrone und Moschus, und sie ertappte sich dabei, wie sie ungewollt tiefer einatmete.

Sie setzte sich auf den Besucherstuhl vor seinem mit Papierstapeln überhäuften Schreibtisch und stellte die Beine dicht aneinander.

Chief Inspector D’ Ancey nahm ebenfalls Platz, wobei er sie mit dunklem Blick ansah. „Verraten Sie mir eines, Dr. Hayden“, begann er betont höflich. „War es Ihre Entscheidung, die weite Reise nach Penhally Bay auf sich zu nehmen, oder stand außer Ihnen niemand zur Verfügung?“

Verärgert schürzte Eloise die Lippen. „Ich war nicht die Einzige, die infrage kam, aber die Einzige, die genügend Erfahrung besitzt, um sich mit diesem Fall zu befassen. Sagt mein Chef“, fügte sie hinzu. „Abgesehen davon wird es meiner Karriere nützen.“

„Ist dies Ihr erster internationaler Einsatz?“

„Ja, doch das heißt nicht, dass ich …“

„Wir leben hier in einer kleinen Gemeinde, in der jeder jeden kennt und alle sich einander verbunden fühlen“, unterbrach er sie. „Wenn Sie in der zweifelhaften Absicht hergekommen sind, im Wespennest zu stochern, nur um zu Hause ein paar Karrierestufen hinaufstolpern zu können, vergessen Sie es.“

„Das hatte ich nicht vor. Ich will nur …“

„Der Obduktionsbericht zeigt, dass Ethan Jenson ertrunken ist“, schnitt er ihr wieder das Wort ab. „Ich bezweifle, dass Sie etwas anderes herausfinden werden, ganz gleich, für wie talentiert Ihr Boss Sie halten mag.“

Eloise hatte Mühe, ihren Ärger im Zaum zu halten. Normalerweise war sie nicht so leicht auf die Palme zu bringen, aber dieser Inspektor verhielt sich ihr gegenüber unverschämt arrogant. Ihre Haut prickelte, wenn er sie spöttisch und mit einem verächtlichen Funkeln in den Augen musterte. Anscheinend hielt er sie für inkompetent und karrieresüchtig, und das machte sie erst recht wütend.

Mit gestrafften Schultern richtete sie sich in ihrem Stuhl auf und fixierte ihn kühl. „Gut, dass Sie es erwähnen, meine erste Frage betrifft nämlich die Autopsie. Ich bin nicht besonders glücklich mit dem Bericht. Die Diagnose Tod durch Ertrinken wurde hauptsächlich aufgrund äußerer pathologischer Befunde gestellt. Aber die Umstände passen meiner Ansicht nach nicht dazu. Wie kann ein Weltklassesurfer im flachen Ufergewässer ertrinken? Man hat nur eine einzige Lungenbiopsie vorgenommen, und die wies keine Ödeme auf. Ich möchte die Obduktion wiederholen und bestehe darauf, dass noch mehr Lungengewebe und außerdem Tracheal- und Bronchialgewebe untersucht wird.“

„Wollen Sie damit ausdrücken, unser Gerichtsmediziner sei unfähig?“, entgegnete er genauso kühl. „Haben Sie sich auch genau überlegt, dass Sie mit einer zweiten Autopsie bei den Angehörigen des Opfers die Wunden wieder aufreißen? Vor allem seine Eltern und seine drei jüngeren Brüder sollten Sie mit solchen unnötigen Aktionen besser verschonen.“

„Mir ist klar, dass die Familie eine schwere Zeit durchmacht. Aber anhand des Berichts, den ich gelesen habe, kann ich Selbstmord und sogar Mord nicht definitiv ausschließen. Für mich ist nicht schlüssig, dass es ein Unfall war.“

„Wir sind hier in Cornwall und nicht in der Bronx“, konterte er. „Die Obduktion wurde von einem erfahrenen Pathologen durchgeführt, der zweifelsfrei Tod durch Ertrinken festgestellt hat. Die Familie wartet darauf, dass der Leichnam freigegeben wird, damit sie ihn in die Heimat überführen können. Ich halte es für unsinnig, sie mit einer zweiten Autopsie zu beunruhigen, die ja doch zu keinem anderen Ergebnis führen wird.“

„Eigentlich müsste Ihnen bekannt sein, dass die Forderung nach einer zweiten Untersuchung von den Anwälten der Jensons in Sydney kam“, antwortete sie bestimmt. „Zudem hatte Ethan Jenson einige namhafte Sponsoren, die genau wie seine Familie klare Antworten wollen auf die Frage, was denn nun tatsächlich mit ihm passiert ist.“

Sie holte rasch Luft und gab sich alle Mühe, sich von seinem eindringlichen Blick nicht irritieren zu lassen. „Sie wissen selbst, dass die Diagnose Tod durch Ertrinken zu den schwierigsten in der forensischen Pathologie zählt. Okay, die äußeren Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Körper längere Zeit im Wasser gelegen hat. Aber das beweist nicht, dass das Opfer ertrunken ist. Im Autopsiebericht steht nichts von Schaum in den Luftwegen – also war er vielleicht schon tot, bevor er ins Wasser gelangte.

Die Biopsie hat weder Hinweise auf ein akutes Lungenemphysem noch ein Lungenödem ergeben. Auch der Diatomeen-Test war meiner Meinung nicht gründlich genug. Ich möchte ihn erneut durchführen, um zu überprüfen, ob sich Kieselalgen im Herz, im Blut, in der Lunge, der Leber, im Knochenmark und in Hirngewebe finden. Für einen aussagekräftigen Vergleich brauche ich Wasserproben von der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde.“

Lachlan überdachte ihre Argumente. In einigen Punkten hatte sie sicher recht, aber der lokale Gerichtsmediziner genoss sein vollstes Vertrauen. Er wollte es nicht erschüttern, indem er ohne gewichtigen Grund eine zweite Obduktion befürwortete.

„Und das bringt mich zu Frage Nummer zwei“, sagte Eloise in die angespannte Stille hinein. „Was den toxikologischen Befund betrifft, so ist mir aufgefallen, dass die Kohlenmonoxid-Bestimmung fehlt – obwohl die Hände des Opfers kirschrot waren.“

„Wollen Sie andeuten, dass der vorliegende Autopsiebericht nicht das Papier wert ist, auf dem er gedruckt wurde, Dr. Hayden? Ich kenne den zuständigen Pathologen. Er ist ausgesprochen zuverlässig.“

„Natürlich“, antwortete sie. „Aber kein Mensch ist vollkommen, und selbst die Besten unter uns können manche Details übersehen.“

Seine Mundwinkel hoben sich leicht. „Sie geben also zu, dass Sie manchmal auf dem Holzweg sind, Dr. Hayden?“

Sie presste kurz die Lippen zusammen. „Es kommt nicht oft vor, aber ich bin nicht so arrogant, zu behaupten, dass ich nie Fehler mache.“

Er lächelte immer noch. „Hoffen wir in Ihrem Interesse, dass es Ihnen hier nicht passiert.“

„Worauf Sie sich verlassen können, Chief Inspector D’ Ancey.“ Eloise versuchte sich der unerwünschten Gefühle zu erwehren, die sein Lächeln auf sie ausübte. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, fühlte sich ihre Brust an, als wäre zwischen ihren Lungen ein Schmetterling gelandet, der flatternd einen Weg ins Freie suchte.

Sie schlug die Beine übereinander und sagte in geschäftsmäßigem Ton: „Damit kommen wir zu Frage drei. Hat Mr. Jenson regelmäßig Medikamente genommen?“

„Das können wir nicht bestätigen.“ D’ Ancey lehnte sich zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Der toxikologische Bericht steht noch aus. Warum? Verfügen Sie über entsprechende Informationen, die uns noch nicht vorliegen?“

„Nein.“ Sie befeuchtete sich mit der Zungenspitze die Lippen. „Ich habe die gleichen Unterlagen wie Sie. Ethan Jenson hatte in seiner Jugend zwei Anzeigen wegen Trunkenheit am Steuer. Danach ist nichts Derartiges mehr passiert. Kannten Sie ihn persönlich?“

Lachlan hätte sich ohrfeigen können, dass er mit ihrer Frage nicht gerechnet hatte. Er war es nicht gewohnt, überrumpelt zu werden. Die Gerüchte, dass seine Tochter in den Surfer vernarrt gewesen sei, waren ihm erst kürzlich zu Ohren gekommen, und er wusste nicht, ob er ihnen Glauben schenken sollte. Poppy hatte zugegeben, dass sie Ethan Jenson am Strand begegnet war, und dass er ihr ein Autogramm gegeben hatte. Eine nähere Beziehung stritt sie jedoch vehement ab. Im Zusammenhang mit James Derreys Bemerkung vorhin fragte sich Lachlan allerdings, ob er sich nicht umgehend mit seiner Tochter unterhalten sollte.

Dass Dr. Eloise Hayden mit einem scharfen Verstand gesegnet war, hatte er inzwischen begriffen. Ihren klugen hellblauen Augen entging nichts, und er war sicher, dass sie sich hinter ihrer Miene kühler Gleichgültigkeit längst eine Meinung über ihn gebildet hatte.

Er griff nach seinem Kugelschreiber, drückte ihn rhythmisch an und wieder aus, und das feine Klicken unterstrich das angespannte Schweigen noch. „Wie ich bereits sagte, Dr. Hayden, wir befinden uns in einem kleinen Fischerstädtchen, in dem nichts unbeobachtet bleibt. Die Anwesenheit eines gefeierten Surfers war etwas Besonderes, und Ethan Jenson konnte keine drei Schritte die Hauptstraße entlanggehen, ohne dass ihn jemand ansprach und um ein Autogramm bat.“

„Haben Sie ihn um eins gebeten?“

Er runzelte die Stirn. „Nein.“

Sie hob eine ihrer fein geschwungenen Brauen. „Also waren Sie nicht gerade ein Fan von ihm, Chief Inspector D’ Ancey?“

Lachlan war kurz davor, mit den Zähnen zu knirschen, ließ sich stattdessen jedoch zu einem geringschätzigen Lächeln herab. „Meine Dienststelle ist in Wadebridge, und ich habe dort genug zu tun. Diesen Fall hat man mir anvertraut, weil ich zufällig in Penhally Bay wohne.“

„Ich hatte mich schon gewundert, dass jemand von Ihrem Rang von einem kleinen Ort wie diesem aus ermittelt. Wer sind Ihre Kollegen hier?“

„Police Constable James Derrey und Police Constable Gaye Trembath, beide lokale Beamte, die Ihnen zusammen mit mir während Ihres Aufenthalts für Fragen zur Verfügung stehen.“

Fluch oder Segen? Insgeheim fragte Eloise sich, wie sie mit Lachlan D’ Ancey zurechtkommen würde. Irgendetwas an ihm verunsicherte sie zutiefst. Ihr Blick wanderte zu seinen kräftigen Händen mit den langen, schlanken Fingern. Die rechte klickte immer noch den Kugelschreiber an und aus, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass der Inspektor sie ein bisschen ärgern wollte.

Klick. Klick. Klick. Klick.

Der schmale Streifen hellerer Haut am Ringfinger seiner linken Hand zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Entweder hatte er den Ring verloren, oder er war erst seit Kurzem von seiner Frau getrennt. Letzteres erschien ihr wahrscheinlicher. Obwohl auf seinem Schreibtisch blankes Chaos herrschte, hielt sie ihn für einen sorgfältigen und gründlichen Ermittler. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er etwas verlor oder dass ihm irgendetwas entging. Eine Aura ruhiger, aber stählerner Autorität umgab ihn, aber sie konnte sich nicht helfen … die whiskyfarbenen Augen bargen Geheimnisse, die dicht unter der Oberfläche lauerten.

Als sie aufsah, trafen sich ihre Blicke, und ein Prickeln überkam sie, so als hätte ihr jemand mit einer Feder über den Nacken gestrichen. Unruhig bewegte sie sich auf ihrem Stuhl.

„Sie erwähnten, Ihr Gepäck sei verloren gegangen“, sagte er. „Brauchen Sie etwas für heute Abend oder morgen? Meine sechzehnjährige Tochter ist ungefähr so groß wie Sie und hat die gleiche Figur.“

Überrascht registrierte sie, wie seine Gesichtszüge weicher wurden, als er von seiner Tochter sprach. Die harten Linien um seinen Mund verschwanden, und in seine Augen trat ein warmer, fast zärtlicher Ausdruck. Er mochte sich von seiner Frau getrennt haben, aber mit Sicherheit nicht von seinem Kind.

„Sehr freundlich von Ihnen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man mich hier ernst nimmt, wenn ich in der Kleidung einer Sechzehnjährigen herumlaufe.“ Nach einer kleinen Pause setzte sie hinzu: „Es genügt, dass ich bereits auf Sie einen schlechten Eindruck gemacht habe, weil ich in Jeans aufgetaucht bin.“

„Erwarten Sie etwa eine Entschuldigung von mir, Dr. Hayden?“

„Nein.“ Sie erwiderte den spöttischen Blick, aber in ihrer Brust schienen sich plötzlich noch mehr Schmetterlinge zu tummeln. „Außerdem scheinen Sie damit nicht besonders freigebig zu sein.“

Er sah ihr intensiv in die Augen. „Sie wissen also genau, wie andere Menschen ticken?“

Eloise hob das Kinn. „In Ihrem Fall ja, Chief Inspector D’ Ancey. Schließlich habe ich lange genug mit Polizisten zusammengearbeitet.“

Lässig im Sessel zurückgelehnt, musterte er sie weiterhin. „Und was denken Sie über mich?“

„Kontrolle ist Ihnen wichtig.“

Wieder ein ironisches Lächeln. „Welchem Polizisten ist es das nicht?“

„Und Sie sind nicht besonders froh darüber, dass ich hier bin, um Ethan Jensons Tod zu untersuchen. Aber ich habe noch nicht herausgefunden, warum.“

Ihre Blicke verfingen sich. „Vielleicht habe ich etwas gegen Australier?“

„Oder gegen Frauen – besonders Karrierefrauen.“

Sie ist gut, dachte Lachlan. Scharfsinnig und anziehender, als gut für ihn war. Und was ihr Verhalten betraf, so lehnte sie sich auf eine Art und Weise gegen ihn auf, wie nur wenige Menschen es taten. Es ärgerte und verwirrte ihn zugleich. „Gegen Karrierefrauen habe ich nichts, solange sie sich an die Regeln halten.“

„Ihre Regeln?“

Ungewollt presste er die Lippen zusammen. „Ich bin es gewohnt, das Sagen zu haben, Dr. Hayden. Das verrät schon der Titel Chief Inspector. Meine Anweisungen sind zu befolgen.“

„Mein Auftrag lautet, die mysteriösen Todesumstände eines australischen Bürgers zu untersuchen. Ich erwarte keine Sonderbehandlung, und ich weiß, wie ich mich professionell und persönlich zu benehmen habe.“

In der folgenden Stille meinte sie die Sekunden ticken zu hören.

„Ich weiß auch, wie man mit schwierigen Kollegen umgeht“, fügte sie hinzu, als er immer noch schwieg.

Eine der dunklen Brauen hob sich. „Halten Sie mich für einen schwierigen Kollegen?“

Eloise rutschte auf ihrem Stuhl herum. „Mit allen typischen Anzeichen, ja.“

„Die da wären?“

Er machte sie wütend. Mit den gleichen Spielchen, die die meisten Kollegen zu Hause trieben, um sie zu verunsichern. „Sie sind ganz anders, als ich erwartet hatte.“

„Und was genau hatten Sie erwartet, Dr. Hayden aus Australien? Ein Empfangskomitee mit Blaskapelle und Fähnchen schwenkende Einwohner?“

Sie gab sich keine Mühe mehr, ihren Ärger zu verbergen. „Nein, aber ich hatte zumindest gehofft, auf einen Chief Inspector zu treffen, der für alles offen ist, was den Fall betrifft. Stattdessen begegnen Sie mir von Anfang an feindselig, obwohl ich Ihren Ermittlungen mit Sicherheit wertvolle Hinweise hinzufügen kann.“

D’Ancey beugte sich vor. „Für mich sieht es eher danach aus, als wollten Sie sich eine schnelle Beförderung sichern.“

„Das ist nicht wahr. Es gibt Ungereimtheiten, und ich bin darauf spezialisiert, sie auszuräumen.“

„Tatsächlich? Und wenn sich nun herausstellt, dass Ihre Reise eine komplette und sehr kostspielige Zeitverschwendung war?“

„Eine zweite Meinung ist niemals Zeitverschwendung, Chief Inspector. Oder haben Sie Angst, ich könnte Ihren Leuten Fahrlässigkeit nachweisen?“

„Nicht im Geringsten, Dr. Hayden. Ich möchte Sie allerdings bitten, sich nicht wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen. Man hat hier sehr betroffen auf Ethan Jensons Tod reagiert, und wenn Sie versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, werden Sie weitere Untersuchungen behindern. Die Einheimischen sind dann unter Umständen nicht bereit, mit uns zu kooperieren, falls wir Zeugen vernehmen müssen.“

Eloise lehnte sich zurück, um seinem intensiven Blick auszuweichen. „Dem Bericht, der mir zugefaxt wurde, habe ich entnommen, dass Mr. Jenson im Morgengrauen von Surfern gefunden wurde.“

„Ja, und er war seit mehreren Stunden tot. Die Aussagen der drei jungen Männer müssten Ihnen vorliegen.“

„Wo hat Mr. Jenson vorher gewohnt?“

„In einem der Pubs, im Penhally Arms. Es liegt an der Harbour Road. Sie müssten daran vorbeigekommen sein.“

Sie nickte. „Ich erinnere mich.“ Das weiße Gebäude mit den blauen Fensterrahmen war ihr gleich aufgefallen, nicht zuletzt wegen der üppig mit Petunien und Lobelien bepflanzten Hängekörbe, die die Fassade schmückten.

Wieder entstand eine Gesprächspause, und Eloise konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sie absichtlich in die Länge zog. Der Mann wollte ihr die Situation so unbehaglich wie möglich machen. Sie richtete sich auf und sah ihm unbeirrt in die Augen. Leider untergrub ihr Magen ihre Autorität, indem er leise anfing zu knurren.

Lachlan räusperte sich, brach den Blickkontakt und schaute auf seine Armbanduhr. „Oh, ist es schon so spät?“, sagte er und fügte mit einem gezwungenen Lächeln hinzu: „Ich fürchte, ich muss unser Treffen jetzt beenden. Die Pflicht ruft, wie man so schön sagt.“

Eloise stand auf. „Ich muss auch los. Ich möchte mich in der Gemeinschaftspraxis vorstellen.“

„Warum?“ Das schien ihm nicht zu gefallen. „Sie arbeiten doch hier.“

„In Ihrem Bericht wurde ein Arzt erwähnt …“ Sie warf einen Blick auf ihre Notizen. „… Nick Roberts. Er hat den Toten zuerst untersucht, und ich möchte ihm einige Fragen stellen. Haben Sie überhaupt Platz für mich?“ Sie blickte sich in dem vollgestellten Raum um.

„Hinten gibt es ein kleines Büro, das Sie benutzen können. Natürlich steht Ihnen auch unser Polizeirevier in Wadebridge zur Verfügung. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg zur Praxis.“ Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor, nachdem er in einer geschmeidigen Bewegung aufgestanden war und seine Jacke von der Stuhllehne gezogen hatte.

„Nicht nötig“, wehrte sie ab. „Mrs. Trevallyn hat mir einen Stadtplan mitgegeben.“

„Ich muss sowieso in die Richtung.“

Wieder ließ er ihr an der Tür den Vortritt, und diesmal passte sie nicht auf. Ihr Arm streifte seinen, nur ganz leicht, aber ihr Körper reagierte sofort. Ihr wurde warm, ihre Haut prickelte wie elektrisiert.

Vorsicht! ermahnte sie sich, während sie ihm nach draußen folgte. Arbeit und Privatleben zu vermischen, hatte bisher nie geklappt. Und nach dem Drama mit Bill Canterbury hatte sie sich geschworen, sich nie wieder mit einem Kollegen einzulassen.

Seitdem war sie auch nicht mehr in Versuchung geführt worden.

Bis jetzt …

3. KAPITEL

„Mein Angebot mit der Kleidung gilt“, sagte Lachlan auf dem Weg zur Praxis. „Es gibt hier zwar ein paar Geschäfte, aber um diese Jahreszeit finden Sie dort kaum mehr als T-Shirts, Badeanzüge und Strandkleider.“

Eloise biss sich auf die Lippe. Das Malheur mit ihrem Gepäck war wirklich zu ärgerlich. Sie brauchte wenigstens eine Zahnbürste und Unterwäsche. Die Jeans gingen vielleicht noch einen Tag, aber das fleckige Top konnte sie auf keinen Fall mehr anziehen.

„Poppy wird bestimmt nichts dagegen haben“, fuhr er fort. „Sie hat Unmengen an Sachen. Ich sammle sie ständig vom Fußboden auf.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Vielleicht sollten Sie sie erst fragen, ob sie etwas verleihen möchte.“

Er stutzte kurz, als er zum Eingang der Praxis hinüberblickte. „Sieht aus, als könnten Sie das gleich selbst übernehmen.“

Eloise folgte seinem Blick und entdeckte ein hübsches junges Mädchen mit langen blonden Haaren, das direkt auf sie zukam. Poppy war sonnengebräunt und schlank, und mit dem rauchgrauen Lidschatten um die braunen Augen wirkte sie älter als sechzehn. Sie machte ein ernstes Gesicht, und trotz des sorgfältig aufgetragenen Make-ups hatte Eloise den Eindruck, dass sie kürzlich geweint hatte. Kaum sah sie ihren Vater, verwandelte sich ihre Miene jedoch in eine mürrische Grimasse.

„Ich dachte, du arbeitest bis sieben“, sagte sie statt einer Begrüßung, musterte Eloise flüchtig und meinte dann ironisch: „Hast du sie verhaftet, oder gehst du mit ihr aus?“

Bevor Lachlan seine Tochter zurechtweisen konnte, sagte Eloise: „Hallo, Poppy, ich bin Eloise Hayden.“ Sie lächelte. „Ich fürchte, ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

Verwirrt blickte Poppy sie an und wirkte auf einmal nicht mehr wie ein trotziger Teenager, sondern wie ein kleines Kind. „Ja …?“

„Dr. Haydens Gepäck ist verloren gegangen“, erklärte Lachlan. „Ich dachte, du könntest ihr für ein, zwei Tage mit einigen Stücken aus deinem überfüllten Kleiderschrank aushelfen.“

Der besorgte Ausdruck verschwand, und Poppy verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich glaube kaum, dass ihr etwas von mir passen wird. Sie ist viel breiter als ich.“

Du kleine Ziege, dachte Eloise mit unbewegter Miene, zog jedoch unwillkürlich den Bauch ein und wünschte sich nicht zum ersten Mal, sie hätte nicht die üppigen Brüste ihrer Mutter geerbt.

„Sie hat eine schöne Figur, genau wie du“, antwortete Lachlan ungehalten. „Sei bitte nicht so unfreundlich zu ihr.“

Das müssen Sie gerade sagen, hätte Eloise am liebsten eingeworfen, wäre sie nicht so verblüfft gewesen. Chief Inspector D’ Ancey fand, dass sie eine schöne Figur hatte …

Poppy schürzte die Lippen. „Aha, du gehst also mit ihr aus.“

„N…nein“, beeilte sie sich zu sagen, wurde rot und wäre am liebsten im Erdboden versunken, weil Lachlan sie genau beobachtete. „Ich bin dienstlich hier.“

Auf einmal wirkte der Teenager wieder beunruhigt. „Wegen Ethan Jenson?“

„Ja. Ich bin Gerichtsmedizinerin aus Australien und damit beauftragt, die näheren Umstände seines Todes genauer zu untersuchen.“

Poppy warf ihrem Vater einen Blick zu. „Ich dachte, es wäre längst alles geklärt … er ist ertrunken. Es war ein Unfall.“

„Zweifellos wird Dr. Hayden zu demselben Schluss kommen.“ Ein provozierendes Glitzern blitzte in seinen Augen auf, als er Eloise ansah.

Eloise schluckte eine bissige Antwort hinunter und wandte sich wieder an seine Tochter. „Kanntest du ihn, Poppy?“

Das Mädchen wich ihrem Blick aus. „Eigentlich nicht“, murmelte sie. „Ich bin ihm ein- oder zweimal begegnet, aber das ist eine Ewigkeit her.“

„Weißt du noch, wann das war?“

„Dr. Hayden, dies ist weder die Zeit noch der Ort, meine Tochter zu befragen“, mischte Lachlan sich ein. „Komm, Poppy, wir haben noch etwas vor.“

„Was denn?“, fragte sie verwundert.

„Du hattest mich gebeten, dich zu Fiona zu fahren.“

„Aber das ist mor…“

„Wir bringen Ihnen etwas zum Anziehen in die Pension“, sagte er zu Eloise, fasste seine Tochter am Ellbogen und führte sie davon.

Eloise sah ihnen nach, bis sie hinter der nächsten Straßenecke verschwanden. Chief Inspector D’ Ancey wollte also verhindern, dass sie mit seiner Tochter über Ethan Jenson redete. Ob das Mädchen gelogen hatte? Vielleicht hatte sie den Surfer doch besser gekannt?

„Suchen Sie jemanden?“, ertönte eine Frauenstimme hinter ihr.

Als sie sich umdrehte, entdeckte Eloise eine elegante Frau von vielleicht Mitte bis Ende vierzig am Eingang zur Praxis. „Oh ja, danke … ich wollte mich vorstellen. Ich bin Eloise Hayden aus Australien und werde …“

„Wir haben Sie schon erwartet.“ Die Frau lächelte herzlich. „Ich bin Kate Althorp, eine der Hebammen. Kommen Sie gern herein, dann stelle ich Ihnen unsere Praxismanagerin Hazel und Sue, die leitende Sprechstundenhilfe, vor. Dr. Roberts hat gerade einen Patienten bei sich, wird aber bald fertig sein. Die anderen Ärzte sind entweder leider schon weg oder zu Hausbesuchen gefahren, doch Sie werden sie bald kennenlernen.“

Sie folgte ihr ins Gebäude und war sofort angetan von der lichten, freundlichen Atmosphäre. Im Wartezimmer standen bequeme Stühle, und in der Kinderecke lagen buntes Spielzeug und Bilderbücher.

Noch während sie die beiden Frauen am Empfang begrüßte, kam ein hochgewachsener, gut aussehender Mann mit ergrauten Strähnen im vollen dunklen Haar aus einem der Zimmer.

„Da ist Dr. Roberts ja“, sagte Kate. „Nick, dies ist Eloise Hayden, die Pathologin aus Sydney.“

„Wie geht es Ihnen?“ Nick drückte ihr kurz die Hand. „Willkommen in Penhally Bay.“

„Danke. Ich hätte Ihnen gern ein paar Fragen zu Ethan Jenson gestellt. Sie waren doch der Arzt, der ihn am Fundort untersucht hat, oder?“

„Ja.“

„Haben Sie jetzt Zeit, oder sollen wir einen anderen Termin vereinbaren? Es wird allerdings nicht lange dauern, höchstens ein paar Minuten.“

Dr. Roberts wirkte nicht gerade begeistert. „Ich wollte gerade zu einem Hausbesuch aufbrechen.“

„Mrs. Griggs wird es nichts ausmachen, ein bisschen zu warten“, mischte Kate sich ein. „Sie weiß, dass du nicht immer pünktlich sein kannst.“

Nick Roberts tauschte einen Blick mit Kate, ehe er sich wieder Eloise zuwandte. „Kommen Sie mit in mein Zimmer. Aber wie gesagt, ich habe nicht viel Zeit.“

Sie folgte ihm, nahm auf einem der beiden Besucherstühle Platz und sah zu, wie Dr. Roberts sich setzte. Er kam ihr angespannt vor.

„Schießen Sie los“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Lag die Leiche noch im Wasser, als Sie hinzukamen?“

„Nein. Die drei Männer, die den Verstorbenen fanden, hatten ihn schon auf den Strand gezogen.“

„Wie viel Zeit war bis zu Ihrem Eintreffen vergangen, Dr. Roberts?“

„Die Leiche wurde um sechs Uhr morgens gefunden, und ich war gegen halb acht vor Ort, also anderthalb Stunden.“

„War sie zugedeckt?“

„Ja, man hatte eine Decke über sie gebreitet, da sich inzwischen eine Menge Leute am Strand versammelt hatten.“

„Erinnern Sie sich an Farbe und Material der Decke?“

„Sie war aus Wolle … und braun, soweit ich weiß.“ Seine Augen wurden schmal, als er Eloise fixierte. „Bestehen Zweifel an der Korrektheit meiner Untersuchung?“

„Nein, nicht im Geringsten. Es gibt nur ein paar verwirrende Aspekte, und ich will versuchen, Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Die australischen Behörden wurden gebeten, den Todesfall zu untersuchen. Verstehen Sie mich nicht falsch, niemandem wird mangelnde Kompetenz vorgeworfen. Es geht eher darum, die Fakten noch einmal zu beleuchten. Unter Umständen ergeben sich neue Erkenntnisse.“

Eloise wartete, aber als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Das heißt, er war anderthalb Stunden aus dem Wasser, als Sie ihn zu Gesicht bekamen. Im Bericht werden Sie zitiert, Sie hätten gedacht, dass er ertrunken sei. Was machte Sie so sicher, dass das die Todesursache war? Hätte er nicht an etwas anderem gestorben und erst hinterher ins Wasser gelegt worden sein können?“

Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Mord, meinen Sie?“

„Das kommt in idyllischen Dörfern genauso vor wie in Großstädten, Dr. Roberts.“

„Es gab keine sichtbaren Verletzungen. Er war im Wasser gewesen, und alle Anzeichen wiesen auf Ertrinken hin. Die Obduktion hat meine Einschätzung bestätigt.“

„Das stimmt. Trotzdem wären einige Punkte noch zu klären.“

„Zum Beispiel?“

„Nun, erstens haben Sie in Ihrem Bericht angegeben, dass seine Hände und Füße rosig waren – nicht bläulich wie bei einer Zyanose, die man bei Tod durch Ertrinken erwartet. Zweitens war der Verstorbene ein Weltklassewassersportler, und das Meer soll an jenem Morgen ziemlich ruhig gewesen sein. Wie kann ein Surfer, der die gefährlichsten Wellenkämme der Welt bezwungen hat, am Strand ertrinken?“

„Gelegentlich ertrinken auch Surfer“, betonte er. „Es sind Menschen, wie alle anderen auch, und nicht vor Unfällen geschützt.“

„Schon, aber Unfälle hinterlassen Spuren, zum Beispiel eine Kopfverletzung, wenn er das Surfbrett gegen den Kopf bekommen hat und bewusstlos geworden ist. In Ihrem Bericht ist nichts dergleichen erwähnt.“

„Weil er äußerlich unversehrt war.“ Ungeduldig blickte Dr. Roberts auf seine Uhr. „Peter Middleton, der Pathologe, hat auch nichts entdeckt.“

Eloise ließ sich nicht beirren. „Ich muss zugeben, dass ich mit der Obduktion nicht zufrieden bin. Manche Tests wurden entweder gar nicht erst vorgenommen, oder sie waren unvollständig.“

„Soll es eine zweite Autopsie geben?“

„Ja, das verlangen seine Familie und seine Sponsoren. Der Untersuchungsrichter wurde informiert, und man hat mir das Okay gegeben.“

„Das heißt, es wird noch eine Weile dauern, bis die Angelegenheit endgültig abgeschlossen ist“, meinte er stirnrunzelnd. „Wie auch immer, Sie sind die Spezialistin, Dr. Hayden. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Für mich sah es aus, als sei das Opfer frühmorgens schwimmen gegangen, in Schwierigkeiten geraten und ertrunken. Ich bin kein Sherlock Holmes, aber auch der Gerichtsmediziner hat meine These bestätigt. So, ich muss mich jetzt verabschieden. Falls ich Ihnen noch in irgendeiner Weise behilflich sein kann, wenden Sie sich an Hazel oder Sue. Sie werden Ihnen einen Termin geben.“

„Danke, dass Sie Zeit hatten.“ Eloise stand auf.

Kate kam auf sie zu, nachdem Nick aus der Praxis marschiert war. „Nehmen Sie es nicht persönlich“, riet sie. „So ist er zu jedem.“

„In diesem Ort scheint es einige schwierige Männer zu geben“, erwiderte Eloise trocken.

„Meinen Sie Chief Inspector D’ Ancey? Ich sah Sie vorhin zusammen.“

„Ich bin nicht hier, um Freundschaften zu schließen, sondern um die Wahrheit über den Tod eines jungen Mannes herauszufinden.“

„Lachlan D’ Ancey ist in Penhally Bay sehr beliebt.“ Kate begleitete sie zum Ausgang. „Ich bin sicher, dass Sie Ihre Meinung ändern werden, sobald Sie ihn näher kennengelernt haben. Nick steht auf einem anderen Blatt. Ich kenne ihn schon sehr lange, und er war immer arrogant und unnahbar.“

Der bedauernde Unterton war Eloise nicht entgangen, und flüchtig meinte sie in den warmen braunen Augen der attraktiven Frau einen wehmütigen Ausdruck zu sehen. „Hier arbeiten noch drei weitere Ärzte, nicht?“, fragte sie. „Auch Dr. Roberts’ Sohn Edward?“

„Ja, er hat vor Kurzem geheiratet und ist gerade in den Flitterwochen. In ein bis zwei Wochen erwarten wir einen weiteren Kollegen, Dr. Oliver Fawkner. Dann sind da noch unsere beiden Sprechstundenhilfen Gemma und Alison.“

„Die Praxis scheint sehr gut ausgelastet zu sein.“

„Oh ja. Das nächste Krankenhaus ist das St. Piran, eine halbe Stunde Fahrt entfernt. Wir müssen also ein ziemlich großes Gebiet abdecken. Aber wahrscheinlich ist das nicht zu vergleichen mit australischen Verhältnissen.“

„Nein, bestimmt nicht. Bevor ich meinen Facharzt machte, habe ich eine Zeitlang als Vertretung im Outback gearbeitet. Ohne Flugzeug oder Hubschrauber ging gar nichts, weil wir zu weit entlegenen Rinderfarmen mussten.“

„Haben Sie jemanden mitgebracht?“, wollte Kate wissen, als sie draußen auf der Straße standen. „Einen Partner, einen Ehemann?“

„Nein“, antwortete Eloise verlegen. „Ich bin Single. Vermutlich habe ich mich zu sehr auf meine Karriere konzentriert.“

„Das Leben ist einsam, wenn man niemanden hat, mit dem man die Höhen und Tiefen teilen kann. Ich muss es wissen, denn ich habe vor Jahren meinen Mann verloren.“ Sie seufzte leise. „Während einer Seenotrettungsaktion ging einiges schief. James starb, und auch Nicks Vater und sein Bruder. Es war eine furchtbare Zeit.“

„Wie tragisch für Sie alle. Es tut mir sehr leid.“

„Ich habe einen Sohn. Jeremiah, aber jeder nennt ihn Jem.“ Ein zärtlicher Ausdruck glitt über ihr Gesicht. „Ich wüsste nicht, wie ich das alles ohne ihn überstanden hätte.“

„Wie alt ist er?“

„Gerade neun geworden.“

„Penhally Bay ist ein herrlicher Ort, um Kinder großzuziehen“, sagte Eloise, als eine frische Brise den würzigen Salzgeruch des Meeres herantrug. „In einem Reiseführer habe ich von dem spanischem Schiffswrack aus dem siebzehnten Jahrhundert und den Schmugglerhöhlen gelesen. Ein Paradies für abenteuerlustige Jungen.“

„Ja …“ Kate wurde ernst. „Ich denke gerade an Ethan Jensons Eltern. Sie waren gestern hier, und Nick hat sich über eine Stunde mit ihnen unterhalten. Es muss schrecklich sein, den Sohn zu verlieren und nicht zu wissen, ob er ermordet wurde oder sich das Leben genommen hat.“

„Sie glauben also nicht, dass er einfach ertrunken ist?“

„Das ist schwer zu sagen.“ Kate blickte auf die im Sonnenlicht glitzernde Bucht. „Er war ein brillanter Surfer. Manche sagten, der Beste überhaupt. Jem hat mir ein Surfer-Magazin gezeigt mit einem Foto von Ethan, wie er am Shipstern Bluff in Tasmanien surft. Die Wellen dort sind die größten und gefährlichsten auf der gesamten Südhalbkugel. Genau wie seine Familie kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass er nach Cornwall kommt und hier ertrinkt.“

„Die lokalen Behörden scheinen allerdings davon überzeugt zu sein. Vor allem Chief Inspector D’Ancey. Er meint, mit meiner Anwesenheit würde ich für die trauernden Verwandten alles nur noch schlimmer machen.“

„Wenn es mein Sohn wäre, würde ich wissen wollen, was passiert ist. Vielleicht ist an der Sache ja wirklich etwas faul?“

„Mochten ihn die Einheimischen?“

„Die Mädchen mochten ihn sehr.“ Ein vielsagendes Lächeln glitt über ihre sympathischen Züge. „Was viele junge Männer wahrscheinlich geärgert hat, aber bestimmt nicht so sehr, dass ihn deshalb jemand aus dem Weg geräumt hätte. Allerdings hatte er einen gewissen Ruf hier in Penhally Bay.“

„Nahm er, was sich ihm bot?“

„Wenn man den Gerüchten glauben will, ja. Wie gesagt, die Mädchen waren verrückt nach ihm.“ Kate wechselte das Thema. „Wo sind Sie eigentlich untergekommen?“

„Bei Mrs. Trevallyn. Die Pension ist gemütlich und liegt sehr zentral.“

„Beatrice ist ein echter Schatz. Sie wird Sie von vorn bis hinten bemuttern. Ihr Sohn Davey ist ein bisschen einfältig, aber ein lieber Kerl. Wahrscheinlich werden Sie ihm öfter im Ort begegnen, weil er hier und da Handlangerarbeiten erledigt. Bea hatte es nicht leicht, nachdem ihr Mann gestorben war, aber sie hält sich tapfer über Wasser. Das Haus könnte zwar einen neuen Anstrich und auch sonst einige Reparaturen vertragen, aber ich vermute, dass ihr dafür das Geld fehlt. Sie wird überglücklich sein, dass Sie bei ihr Quartier bezogen haben.“

„Sie hat mich herzlich willkommen geheißen. Und mein Zimmer ist bezaubernd, mit einem herrlichen Blick auf die Bucht.“

„Wie lange werden Sie bleiben?“

„Für Erste einen Monat. Alles Weitere hängt davon ab, was ich herausfinde.“

„Für die armen Eltern hoffe ich, dass es sich nicht zu lange hinzieht.“

„Ich weiß, sie machen eine schwere Zeit durch“, sagte Eloise. „Ich hatte Fälle, bei denen es Wochen dauerte, die Opfer eines Bombenanschlags oder nach einem Gebäudebrand zu identifizieren.“

Kate verzog das Gesicht. „Wie machen Sie das? Sie haben ständig mit Toten zu tun. Mir geht es furchtbar nahe, wenn wir mal eine Totgeburt haben, aber ich darf mir dann nichts anmerken lassen. Ich muss stark sein, für die Eltern.“

„Man gewöhnt sich nie ganz daran, aber man lässt es nicht mehr so nah an sich heran. Nach meiner ersten Autopsie habe ich ein Jahr lang kein Fleisch gegessen. Und ich habe immer noch den Geruch des Tatorts in der Nase, als ich das erste Mordopfer sah. Aber das ist es wert, wenn ich dafür sorgen kann, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Für die Angehörigen ist es ein wenigstens ein kleiner Trost, wenn die Schuldigen für lange Zeit oder für immer hinter Gittern verschwinden.“

„Unser Chief Inspector hat eine anstrengende Scheidung hinter sich, und seine Tochter ist in einem schwierigen Alter. Hormone, Stimmungsschwankungen, Sie wissen, was ich meine. Außerdem vermisst sie ihre Mutter, was sie jedoch nie zugeben würde.“

„Kannten Sie seine Exfrau gut?“ Eloise hoffte, dass es nicht zu neugierig klang.

„Margaret D’Ancey hatte nie Zeit. Vor allem nicht, nachdem sie in ihrer Londoner Investmentfirma befördert worden war. Ich habe mich oft gefragt, warum sie überhaupt geheiratet hat, denn die Karriere schien ihr immer wichtiger zu sein als Mann und Kind. Sie besuchte ein exklusives Fortbildungsseminar nach dem anderen und überließ es Lachlan, sich um Poppy zu kümmern. Keine Ahnung, wie er es geschafft hat, seinen Job und die Kleine unter einen Hut zu bringen.“

Eloise wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Ihr Beruf war für sie das Wichtigste im Leben. Gedanken an Heiraten und Kinderkriegen hatte sie immer weit von sich geschoben. All die Jahre mit Tod und Verbrechen hatten sie gelehrt, wie gefährdet ein Menschenleben war, und die Vorstellung, ein Kind zur Welt zu bringen, um es vielleicht durch einen Unfall oder einen Mörder wieder zu verlieren, war zu schrecklich. Also hatte sie es von vornherein für sich ausgeschlossen.

Abgesehen davon war sie noch keinem Mann begegnet, mit dem sie gern zusammengelebt hätte. Gut, bei ihrem Kollegen Bill Canterbury wäre sie vielleicht versucht gewesen, aber was nach ihrem kurzen Techtelmechtel passierte, brachte sie dazu, Beruf und Privates in Zukunft strikt voneinander zu trennen.

Sie hatte sich noch nie richtig verliebt, jedenfalls nicht so, wie es in Romanen und Filmen immer geschildert wurde. Und wenn sie an ihre Kindheit und Jugend dachte, fragte sie sich manchmal, ob sie jemals einem anderen Menschen genug vertrauen könnte, um ihn bedingungslos zu lieben.

„Ich bin Ihnen doch nicht zu nahe getreten?“ Kate musterte sie besorgt. „Sie sind auf einmal so still. Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass es schlecht ist, Karriere zu machen.“

„Nein, nein, natürlich nicht. Meine Karriere ist mir sehr wichtig, aber das heißt nicht, dass es immer so bleiben wird. Allerdings muss ich zugeben, dass mir zurzeit nicht danach ist, mich zu binden.“

„Wollen Sie keine Kinder?“

„Ich habe noch keinen Mann kennengelernt, mit dem ich Kinder haben wollte. Ich kenne viele Frauen, die inzwischen allein mit dem Kind dasitzen. Ihre Chancen, einen neuen Partner zu finden, sind gering.“

„Stimmt. Die meisten Männer wollen sich nicht mit dem Sprössling eines anderen belasten. Außerdem ist es gerade für kleine Kinder schwierig, wechselnde Bezugspersonen zu akzeptieren. Ich möchte, dass mein Sohn sich sicher und geborgen fühlt. In seinem Alter ist das sehr wichtig.“

„In jedem Alter.“ Eloise dachte daran, wie sie von einem Pflegeheim zum anderen gereicht wurde, nachdem ihre Mutter an einer Überdosis Heroin gestorben war. Es hatte Jahre gedauert, bis schließlich June und Charles Cummings sie zu sich genommen hatten. Selbst heute noch war sie sich nicht sicher, ob ihre Pflegeeltern ihre Entscheidung, die neunjährige Tochter einer Drogenabhängigen und eines unbekannten Vaters aufzunehmen, nicht bereut hatten.

Kate blickte auf ihre Armbanduhr. „Ich muss nach Hause; Jem wird sich schon fragen, wo ich bleibe. Brauchen Sie noch etwas aus der Praxis?“

„Danke, ich glaube, Chief Inspector D’ Ancey wird alles Nötige für mich in der Dienststelle in Wadebridge organisieren. Ich werde die Autopsie morgen vornehmen und dann im Labor einige Tests durchführen. Es dauert ein paar Tage, bis die Ergebnisse vorliegen.“

„Ein bisschen wie ein Geduldsspiel.“

Eloise seufzte leise. „Ja, aber das ist das Leben doch immer, oder?“

Kates wehmütiges Lächeln verriet mehr, als Worte es gekonnt hätten. „Das kann man wohl sagen.“

4. KAPITEL

„Dr. Hayden, hier ist eine Tasche mit Kleidung für Sie!“, rief Beatrice Trevallyn ihr entgegen, als Eloise am späten Abend die Treppe herunterkam. „Chief Inspector D’ Ancey hat sie vor ein paar Minuten abgegeben. Ich habe ihn gefragt, ob er Sie sprechen wolle, aber er war in Eile. Wahrscheinlich wegen seiner Tochter.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ein schwieriges Mädchen, diese Poppy. Frühreif, wenn Sie mich fragen. Wenn sie nicht aufpasst, hat sie bald denselben Ruf wie Molly Beale.“

Eloise nahm ihr die Tasche ab. „Wer ist Molly Beale?“

Beatrice presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Mein Zimmermädchen. Wissen Sie, die, die mich von einem Tag auf den anderen im Stich gelassen hat. Ich hatte ihr eines meiner Zimmer billiger überlassen, nachdem ihre Mutter sie vor die Tür gesetzt hatte.“

„Haben Sie schon jemanden gefunden, der Ihnen beim Saubermachen hilft?“, fragte Eloise mehr aus Höflichkeit als aus Interesse.

„Morgen wollen sich ein paar Frauen vorstellen.“ Beatrice blickte sich verstohlen um, ob andere Gäste in Hörweite wären. „Davey hat sie zusammen gesehen“, fuhr sie dann im Flüsterton fort. „Unten am Strand.“

„Wen?“, fragte Eloise ebenso leise zurück.

„Poppy und diesen Mann, der ertrunken ist. Es war nicht das erste Mal. Poppy D’ Ancey hat sich mit ihm heimlich getroffen, hinter dem Rücken von Bob Polgrean.“

Eloise wurde hellhörig. „Bob Polgrean?“

„Ihr Freund. Zumindest war er es, bis dieser Surfer hier auftauchte und sie Bob ausgespannt hat. Der Junge war außer sich, denn er und Poppy sind seit der ersten Klasse auf dem Gymnasium zusammen.“

„Mit sechzehn kann man sich doch noch nicht binden“, versuchte Eloise, das Mädchen zu verteidigen. „In dem Alter verlieben sie sich schnell und trennen sich auch schnell wieder.“

Beatrices Vogelknopfaugen verengten sich missbilligend. „Und hüpfen ständig mit anderen ins Bett, wenn man glauben kann, was Davey gesehen hat. Das Mädchen spielt verrückt, seit die Mutter weg ist. Natürlich tut der Chief Inspector sein Bestes, aber der Mann muss schließlich arbeiten, um für sich und seine Tochter den Lebensunterhalt zu verdienen. Margaret hätte zu Hause bleiben und sich um ihr Kind kümmern sollen, statt sich herumzutreiben, um zu beweisen, wie intelligent sie ist.“

Eloise war drauf und dran, eine flammende Rede für die Gleichberechtigung der Frau vom Stapel zu lassen. Doch sie verkniff es sich. Genau wie bei ihren konservativen Pflegeeltern würden die Argumente auch bei Mrs. Trevallyn nicht gerade auf fruchtbaren Boden fallen.

Also wechselte sie taktvoll das Thema. „Ich wollte noch ein bisschen spazieren gehen. Meinen Schlüssel nehme ich mit. Sie brauchen meinetwegen nicht aufzubleiben.“

„Es ist ein wundervoller Abend. Leider plagt mich mein Rheuma zu sehr, sonst würde ich Sie gern begleiten. Falls Sie zum Strand wollen, müssen Sie allerdings eine Weile laufen.“

„Das stört mich nicht. Zu Hause in Sydney wohne ich nahe am Wasser“, erklärte Eloise. „Mein Tag ist nicht vollkommen, wenn ich nicht wenigstens einmal die Zehen ins Meer getaucht habe.“

Jemand kam die Treppe herunter, und Beatrice drehte sich zu ihm um. „Guten Abend, Mr. Price. Möchten Sie eine Tasse Tee, oder wollen Sie ausgehen?“

„Danke, einen Tee nehme ich gern“, antwortete der Mittsiebziger mit einem interessierten Blick in Eloises Richtung.

„Das ist Dr. Hayden aus Australien“, stellte die Wirtin vor. „Sie wird den Tod des Surfers untersuchen.“

Die blassblauen Augen unter den buschigen grauen Brauen leuchteten auf. „Oh, tatsächlich?“

Eloise lächelte höflich. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Price. Machen Sie Urlaub in der Gegend?“

„Ja und nein. Ich bin Schriftsteller und habe meine Arbeit immer bei mir.“

„Mr. Price schreibt Kriminalromane, nicht wahr, Mr. Price?“, zwitscherte Beatrice.

„Ja.“

„Mr. Price kommt jedes Jahr her, stimmt doch, Mr. Price?“

„In der Tat. Ich liebe das Meer und Mrs. Trevallyns kornische Pastetchen. Sie sind die besten, die ich je gegessen habe.“

Zwar hatte Eloise noch nie von ihm gehört, aber sie las auch nicht gern Krimis. Sie hätte es nicht besonders entspannend gefunden, sich in ihrer Freizeit mit Mordfällen zu befassen. Aber sie wollte den älteren Herrn nicht vor den Kopf stoßen. „Ich freue mich darauf, bald eines Ihrer Bücher zu lesen“, sagte sie freundlich.

Mr. Price wirkte plötzlich verlegen. „Nun … eigentlich habe ich noch nichts veröffentlicht, aber mein Manuskript liegt zurzeit bei einem New Yorker Literaturagenten.“

„Ist das nicht aufregend?“ Beatrices Wangen glühten rosig. „Dann können wir sagen, dass wir Mr. Price schon kannten, bevor er berühmt wurde.“

„Ich arbeite gerade an einem zweiten Roman.“ Er lächelte Eloise erwartungsvoll an. „Hätten Sie Zeit, die ersten beiden Kapitel einmal zu lesen? Nur, um zu sehen, ob ich die Polizeiarbeit richtig beschreibe?“

„Da bin ich vielleicht nicht die Richtige“, erwiderte sie. „Ich arbeite zwar für die Polizei, bin aber keine Polizistin. Mein Arbeitgeber ist die Gesundheitsbehörde. Außerdem gibt es bestimmt Unterschiede zur Polizei in Australien.“

Mr. Price strahlte von einem Ohr zum anderen. „Aber die Handlung spielt in Australien, genauer gesagt, im Outback, und die Hauptfigur ist ein Gerichtsmediziner. Ist das nicht ein grandioser Zufall?“

Beinahe hätte sie die Augen verdreht. Stattdessen schenkte sie ihm ein unechtes Lächeln. „Wenn das so ist, Mr. Price, sehe ich mir die Kapitel gern an. Vielleicht kann Mrs. Trevallyn sie in mein Zimmer legen.“ Sie verabschiedete sich und trug die Kleidertasche nach oben.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, inspizierte sie den Inhalt und legte ein Kleidungsstück nach dem anderen aufs Bett. Angesichts der farbenfrohen Teile konnte sie ein Seufzen nicht unterdrücken. Leider befanden sich ihre schlichten, dezent getönten Röcke, Hosen und Blusen immer noch auf Reisen, irgendwo zwischen Sydney und Cornwall.

Sie nahm einen mit riesigen bunten Blüten bedruckten Rock und rieb den weichen, schimmernden Stoff geistesabwesend zwischen den Fingern. Eloise erinnerte sich an das letzte Mal, als sie ihre Mutter gesehen hatte … an das grelle Seidenkleid und das schwere, billige Parfüm. Ihre Lippen waren knallrot geschminkt, und im Mundwinkel hing eine qualmende Zigarette. Eine gemurmelte Ermahnung, Eloise solle ja brav sein, während Mummy bei der Arbeit sei. Dann war sie weg.

Um nie wiederzukommen.

Eloise ließ die Sachen fallen, ging aus dem Zimmer und schloss die Geister der Vergangenheit ein, indem sie den Schlüssel energisch herumdrehte.

Sie sah Lachlan D’ Ancey, sobald sie das Café an der Harbour Road hinter sich gelassen hatte. Lässig und entspannt stand er da und unterhielt sich mit einem der Fischer. Doch selbst in Jeans und einem schwarzen Poloshirt strahlte er eine natürliche Autorität aus.

Da entdeckte er sie, hielt ihren Blick fest, und die Sekunden schienen langsamer zu verstreichen, bis Lachlan sich schließlich wieder dem Fischer zuwandte, sich entschuldigte und auf Eloise zukam. „Hatten Sie Lust auf einen Abendspaziergang, Dr. Hayden?“

„Ja. Aber ich bin froh, dass ich Sie treffe, ich hätte ein paar Fragen an Sie.“

„Dienstlich oder persönlich?“

„Beides, eigentlich.“

Falls ihre Antwort ihn verblüfft hatte, so zeigte er es nicht. Seine Miene blieb undurchdringlich, als er Eloise in die Augen sah. „Vermutlich würden Sie zu Hause gerade anfangen zu arbeiten“, sagte er mit einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. „Oder ist Ihnen Ihre Karriere so wichtig, dass Sie rund um die Uhr arbeiten?“

„Wenn der Fall es erfordert, mache ich natürlich Überstunden“, entgegnete sie kühl.

„Sie wissen, was man über viel Arbeit und kein Vergnügen sagt, Dr. Hayden?“ Kleine Teufelchen tanzten in seinen Augen.

Sie straffte die Schultern. „Und Sie wissen sicher auch, was man über Leute sagt, die mit einem Mord davonkommen, Chief Inspector?“

Ein rätselhaftes, fast sinnliches Lächeln umspielte seinen Mund. „Was denn, Dr. Hayden?“

Ein Funke sprang über, heiß und glutvoll, und er setzte ihr Innerstes in Brand. Eloise spürte, wie die Flammen sich langsam, aber unaufhaltsam ausbreiteten und jeden Winkel ihres Körpers mit Hitze ausfüllten. Ihr Mund wurde trocken, und ihr Herz kam aus dem Takt. Unwillkürlich befeuchtete sie sich mit der Zungenspitze die Lippen, und ihr Magen schlug Purzelbäume, als Lachlan mit dunklem Blick den Bewegungen ihrer Zunge folgte.

Vergeblich versuchte sie, ihren Verstand zu reaktivieren. „Nun …“

Er hob fragend eine Braue. „Nun …“

Wieder strich sie sich mit der Zunge über die wie ausgedörrten Lippen. „Ich habe vergessen, worüber wir gesprochen haben …“

„Über Leute, die mit einem Mord davonkommen.“

„Oh … ja, natürlich …“ Um seinem intensiven Blick zu entrinnen, sah sie auf den Stadtplan in ihren Händen.

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