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Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 29

GILL SANDERSON

Cornwall – im Hafen der Liebe

Niemand darf das Schiff verlassen, ordnet Dr. Roberts an. Nicht auszudenken, wenn sich das Virus an Land verbreitet! Zum Glück ist er nicht allein: Schiffsschwester Maddy steht ihm Tag und Nacht zur Seite. So bezaubernd findet Dr. Roberts sie, dass er sich bei dem Wunsch ertappt, Maddy möge für immer bei ihm in Cornwall bleiben …

JOANNA NEIL

Was ist Ihr Geheimnis, Dr. Benyon?

Dr. Theo Benyon wäre genau der richtige Chirurg für die Notaufnahme! Alles versucht die Ärztin Megan, um ihn für die freie Stelle zu gewinnen. Doch Theos Antwort lautet stets Nein. Was hält ihn nur davon ab, mit seinen begnadeten Händen Leben zu retten? Megan versteht es einfach nicht! Bis Theo sie eines Abends küsst – und ihr endlich sein Geheimnis verrät …

LILIAN DARCY

Erfülle meinen Herzenswunsch

„Bitte, wach auf“, flüstert Dr. Luke Bresciano am Bett der bewusstlosen Patientin, die er schon so lange und so gut kennt. Sein erster Wunsch wird erhört: Janey Stafford schlägt die Augen auf – und erfüllt ihm einen zweiten glühenden Wunsch: Sie weiß, wo sein verschwundener Sohn ist! Doch Dr. Bresciano hat noch einen dritten Herzenswunsch …

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Gill Sanderson

Cornwall - im Hafen der Liebe

Gemeinschaftspraxis Penhally Bay

Das Praxisteam:

Dr. Nicholas (Nick) Roberts Chef und Seniorpartner der Gemeinschaftspraxis
Dr. Edward (Ed) Roberts Nicks Sohn
Dr. Dragan Lovak Allgemeinmediziner
Dr. Adam Donnelly sein Kollege
Hazel Furse Praxismanagerin
Kate Althorp Hebamme

Kreuzfahrtschiff Emerald:

Madeleine (Maddy) Granger Krankenschwester
Captain Smith Kapitän der Emerald
Ken Jackson sein Steward
Mr. Bryce Patient
Mrs. Adams Patientin
Miss Owen Patientin
Mrs. Cowley Patientin
Robbie ihr kleiner Sohn
Mr. Simmonds Patient
Mrs. Flynn Patientin
Mr. Flynn ihr Mann
Marina ihre neugeborene Tochter
Mrs. Gillan Patientin
Penny Cox Patientin
Dr.Wyatt Ärztin

Einwohner von Penhally Bay:

Isaac Clinton Farmer, Patient
Ellie seine Tochter
Dr. Ben Carter Chirurg
Jerry Buchan Fischer
Samantha Krankenschwester
Angie Schneiderin

1. KAPITEL

„Heiraten Sie mich, Maddy? Wir leben in meiner großen weißen Villa am Hang und essen jeden Morgen zum Frühstück Erdbeeren.“

Schwester Madeleine Granger lächelte. „Erdbeeren? Das hört sich verlockend an. Ich würde Sie ja liebend gern heiraten, Mr. Bryce, aber werden die Leute nicht sagen, ich sei nur hinter Ihrem Geld her?“

„Es ist doch mein Geld, und ich kann damit machen, was ich will. Vor allen Dingen will ich es nicht dem Fiskus in den Rachen werfen. Au!“

„Entschuldigung. Ich weiß, es tut weh, aber …“

„Schon gut, schließlich bin ich selbst schuld, wenn ich die Stufen hinauffalle und mir das Bein aufschürfe.“

„Leider heilt es nur langsam ab.“ Maddy stäubte antiseptischen Puder auf das eitrige Schienbein und griff nach dem Verband. Bei älteren Menschen verzögerte sich die Wundheilung oft. Malcolm Bryce war fünfundachtzig, ein hagerer, munterer Witwer, der auf dem Kreuzfahrtschiff mehr Freunde gewonnen hatte als jeder andere hier.

„Sie wollen mich also nicht heiraten? Ich bin zutiefst enttäuscht, meine Liebe“, verkündete er mit einem schelmischen Funkeln in den blassen Augen.

„Heiraten ist nichts für mich. Niemals.“

Der alte Herr musterte sie aufmerksam. „Sie scheinen sich dessen sehr sicher zu sein.“

„Oh ja“, erwiderte sie sanft, aber bestimmt.

„Nun denn. Wieder ein Korb. Ich muss stark sein. Aber was soll ich dann mit den Bryce-Millionen machen?“

„Verteilen Sie sie an die Armen. Oder buchen Sie eine zweite Kreuzfahrt durch den Indischen Ozean an Bord der guten alten Emerald.“

„Ja, die Reise hat mir gefallen. Sagten Sie nicht, es wäre Ihr erster Trip als Kreuzfahrtschwester? Wie fanden Sie es?“

„Sehr viel luxuriöser als die Notaufnahme eines Krankenhauses, in der ich vorher gearbeitet habe. Mr. Bryce, mir ist aufgefallen, dass Sie bisher immer zur Krankenstation gekommen sind. Heute hatten Sie darum gebeten, dass ich Sie in Ihrer Kabine aufsuche. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“

„Ich bin ein bisschen wacklig auf den Beinen. Als ich heute Morgen aufwachte, war mein linker Arm merkwürdig taub, und dann bin ich wieder eingeschlafen. Das passiert mir sonst nie.“

„Hatten Sie besonders starkes Herzklopfen?“

Mr. Bryce überlegte. „Stimmt. Und auch so ein Herzstolpern.“

Maddy versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen. „Wahrscheinlich sind Sie aufgeregt, weil es wieder nach Hause geht“, meinte sie betont unbekümmert. „Sicherheitshalber messe ich mal Ihren Blutdruck.“

Sein Blutdruck war zu hoch, und als sie das Herz abhorchte, war sie erst recht alarmiert. Gut, der Mann war fünfundachtzig, aber … „Ich schlage vor, Sie bleiben heute lieber im Bett. Oder noch besser, schonen Sie sich, bis wir anlegen. Dann holen wir einen Arzt. Die Mahlzeiten lasse ich Ihnen von einem Steward in die Kabine bringen – leichte Kost und keinen Alkohol. Und ich werde Ihnen Aspirin verordnen.“

Mr. Bryce nickte bedächtig. „Es war ein leichter Schlaganfall, nicht? Eine transitorische ischämische Attacke, kurz TIA.“

„Was wissen Sie von TIA?“ Erstaunt fragte sie sich, ob er Gedanken lesen konnte.

„Das Gehirn wird zeitweise nicht ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt. Ursache ist ein winziges Blutgerinnsel. Meine Frau hatte so etwas vor ihrem Tod öfter. Ich kenne die Symptome. Am meisten betrübt mich jedoch, dass Sie mich nicht heiraten wollen, Maddy.“ Das Lächeln konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Stimme schwächer wurde.

„Vielleicht überlege ich es mir noch einmal“, sagte sie warmherzig. „Schlafen Sie jetzt. Der Steward wird bald nach Ihnen sehen, und ich komme später wieder vorbei.“

„Ich freue mich darauf, meine Liebe.“ Erschöpft schloss Mr. Bryce die Augen.

Zum nächsten Patienten musste sie zwei Decks höher. Auch in diesem Fall war aus der Kabine angerufen worden, was leider nichts Gutes verhieß.

Auf ihr Klopfen hin ertönte eine zittrige Stimme. „Herein …“

Kaum hatte Maddy die Tür geöffnet, schlug ihr ein verräterischer säuerlicher Geruch entgegen. Ein Blick in das kreideweiße Gesicht von Mrs. Adams bestätigte ihr, dass die Patientin sich tatsächlich nicht wohlfühlte. Maddy sank das Herz, als ihr klar wurde, womit sie es hier wahrscheinlich zu tun hatte. Es war leider nicht die erste Magenverstimmung, die sie in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte behandeln müssen.

„Wie geht es Ihnen, Mrs. Adams?“

„Schwester, ich habe das Gefühl, ich sterbe. Ich habe mich schon ein paarmal übergeben, und mir ist immer noch so furchtbar schlecht. Und ich bin ganz schwach, ich kann gar nicht aufstehen.“

„Dann wollen wir Fieber messen und Puls und Blutdruck überprüfen. Seit wann ist Ihnen übel?“

„Heute Nacht fing es an. Es kam ganz plötzlich, und …“ Mrs. Adams würgte und erbrach sich wieder in die Schale neben dem Bett.

Als es vorbei war, entschuldigte sie sich verlegen ein ums andere Mal, aber Maddy beruhigte sie. Sie wischte der Patientin das Gesicht ab, schüttelte das Kissen auf und machte es ihr bequem. „Verlassen Sie Ihre Kabine heute nicht, Mrs. Adams, und ruhen Sie sich aus. Sie sollten auch nichts essen, jedoch dafür umso mehr trinken. Aber kein Leitungswasser und keine zuckerhaltigen Getränke. Ich lasse Ihnen zwei Flaschen Wasser da. Und nehmen Sie diese Tabletten. Nachher schaue ich noch einmal nach Ihnen.“

„Mir war noch nie so elend“, flüsterte Mrs. Adams.

„Wir tun, was wir können, damit es Ihnen bald besser geht“, versicherte Maddy. „Versuchen Sie, ein bisschen zu schlafen.“

Zurück in der Krankenstation wusch Maddy sich gründlich die Hände, kochte sich einen Kaffee und setzte sich nachdenklich an den kleinen Tisch. Wenn sie mit ihren Vermutungen richtig lag, hatten sie ein Problem. Ein großes Problem.

Bis gestern Morgen war sie einfach ein Mitglied des medizinischen Teams an Bord der Emerald gewesen, zusammen mit dem Arzt und einer zweiten Krankenschwester. Doch die beiden wurden dringend auf einem auslaufenden Kreuzfahrtschiff gebraucht. Und da die Emerald sich bereits in britischen Küstengewässern aufhielt und in zwei Tagen ihren Bestimmungshafen erreichen sollte, hatte niemand daran gezweifelt, dass sie für den Rest der Reise mit nur einer Krankenschwester auskommen würden.

Inzwischen sah die Sache anders aus.

Gestern Abend hatte sie zwei Passagiere mit heftigem Erbrechen behandeln müssen – und heute Morgen eine weitere. Maddy befürchtete, dass es noch mehr werden würden. Gerade auf einem Kreuzfahrtschiff konnte sich eine hoch ansteckende Krankheit in Windeseile ausbreiten.

Fröstelnd legte sie beide Hände um ihren Kaffeebecher. Vieles deutete darauf hin, dass sie es mit akuter Gastroenteritis zu tun hatten, bekannt auch als Kreuzfahrtfieber.

Sie musste den Kapitän informieren.

„Dringend?“ Ken Jackson, sein Steward, nahm den Anruf entgegen. „Er ist sehr beschäftigt. Sie wissen doch, dass wir bald in den Hafen einlaufen.“

„Ich würde es nicht sagen, wenn es nicht wirklich eilig wäre.“

„Okay, ich rufe gleich zurück“, versprach Ken.

Maddy wartete. Captain Smith würde präzise Fakten verlangen, und sie überlegte sich genau, was sie ihm sagen wollte.

Keine fünf Minuten später klingelte das Telefon. Maddy nahm sofort ab. „Captain Smith, ich …“

„Hallo, Maddy? Hast du mich vermisst?“

Es war nicht die Stimme des Kapitäns. Trotzdem kam sie ihr bekannt vor. Wer …? Im nächsten Moment wurde ihr klar, wen sie in der Leitung hatte, und sie straffte entsetzt die Schultern. Diese Stimme hatte sie nie, nie wieder hören wollen!

Sie gehörte Brian Temple, ihrem Exverlobten. Dem Mann, der ihr furchtbar wehgetan hatte. Seinetwegen hatte sie ihre geliebte Arbeit in der Notaufnahme aufgegeben und sich um den Kreuzfahrtjob beworben. Nur, um weit, weit wegzukommen und ihn niemals wiedersehen zu müssen.

„Bist du noch dran, Maddy? Ich weiß, dass du es bist.“

„Was willst du, Brian? Wir waren uns einig, dass es zwischen uns aus ist.“

„Das hast du doch nicht ernst gemeint. Eine deiner Kolleginnen hat mir erzählt, dass ihr morgen anlegt. Ich dachte, wir treffen uns und gehen zusammen etwas trinken.“

„Nein! Es ist endgültig vorbei, Brian!“

Als er antwortete, geschah es mit diesem nörgelnden, ärgerlichen Unterton, den sie so sehr verabscheute. „Maddy, ich liebe dich. Wir lieben uns, das weißt du.“

„Nein, Brian. Ich wünsche dir alles Gute, aber unsere Wege haben sich getrennt.“

„Sag das nicht! Niemals!“

Er klang aufrichtig betroffen, fast schmerzerfüllt. Sanft fragte sie: „Nimmst du auch regelmäßig deine Medikamente?“

„Nicht nötig, die brauche ich nicht mehr.“

Maddy seufzte. So würde es ewig weitergehen.

„Gib’s zu, du hast einen anderen.“ Der weinerliche Tonfall war in einen drohenden umgeschlagen. „Einen schicken Schiffsoffizier oder einen dieser reichen alten Knacker. Aber ich habe es dir schon mal gesagt – das lasse ich mir nicht bieten!“

Eifersucht, Vorwürfe, Verdächtigungen, das kannte Maddy zur Genüge aus ihrer Beziehung mit Brian. Ärger kam in ihr hoch, und sie war schon drauf und dran, ihm zu sagen, ja, sie hätte jemanden kennengelernt. Doch es würde alles nur schlimmer machen.

„Deinetwegen habe ich für den Rest meines Lebens von Männern genug. Ruf mich nicht wieder an.“

Leider konnte sie sich nicht darauf verlassen, dass er sich nie mehr bei ihr melden würde.

Maddy ging in ihre Kabine und holte die Mappe mit ihren privaten Unterlagen aus der Kommodenschublade. Sie wusste auch nicht, warum, aber sie hatte Brians letzten Brief aufbewahrt. Jetzt überflog sie ihn. Es war die gewohnte Mischung aus Betteln und Drohungen. Und er erinnerte sie wortreich an die schöne Zeit, die sie miteinander gehabt hätten.

Sicher, anfangs waren sie verliebt gewesen und hatten Zukunftspläne geschmiedet. Maddy wollte mindestens zwei Kinder. Irgendwann hatte es die ersten Probleme gegeben, und es wurde schnell schlimmer. Kein Glück in der Liebe … Das zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Jeder Mann, mit dem sie sich näher einließ, tat ihr am Ende weh.

Sie holte ein paarmal tief Luft, um sich zu beruhigen, und blickte aus dem Bullauge. Die englische Küste glitt vorbei, ein traumhaftes Bild im Sonnenlicht. Maddy sah felsige Klippen, saftig grüne Weiden und gelegentlich ein Cottage, weiß getüncht oder schlicht aus grauem Stein erbaut. Vor vier Jahren hatte sie hier einen Sommer lang als Praxisschwester gearbeitet, bei Dr. Roberts – Nick Roberts. Ein guter Arzt. Der Kontakt war nie ganz abgerissen; sie schrieben sich immer noch Weihnachtskarten. Jetzt fiel ihr ein, dass er erwähnt hatte, er sei in den Norden von Cornwall gezogen, in ein Fischerstädtchen namens Penhally Bay.

Hoffentlich war er glücklich. Glücklicher als sie. Wozu allerdings nicht viel gehörte …

Ihr Telefon klingelte. Maddy zögerte. Wenn es wieder Brian war? Als sie schließlich abnahm, meldete sich Ken Jackson. „Sie können jetzt zum Kapitän kommen, Maddy.“

Bevor sie die Kabine verließ, sah sie prüfend in den Spiegel. Ihr schulterlanges Haar war ordentlich zurückgebunden, die Schwesternuniform saß tadellos. Captain Smith legte größten Wert auf ein korrektes Erscheinungsbild. „Wer sich nachlässig kleidet, vernachlässigt irgendwann auch seine Arbeit“, lautete sein Credo. Maddy war ganz seiner Meinung. Sie nahm ihre Notizen und machte sich auf den Weg zu ihm.

Captain Smith war ein imposanter, kräftiger Mann mit einem gepflegten weißen Vollbart. Er hatte bei der Royal Navy gedient und im Dienste Ihrer Majestät eine beachtliche Karriere gemacht. Fotos der zahlreichen Schiffe, die unter seinem Kommando gefahren waren, zierten die Wände seiner Kabine. Jetzt lächelte er Maddy freundlich an und bat sie, Platz zu nehmen. „Was gibt es so Dringendes, Schwester Maddy?“

„Keine guten Neuigkeiten, Sir.“ Sie tat es ungern, aber es war ihre Pflicht, ihm Bericht zu erstatten. „Ich fürchte, unter unseren Passagieren grassiert ein Virus, vermutlich Gastroenteritis. Sie werden sicher die Hafenbehörde verständigen wollen. Vielleicht muss das Schiff unter Quarantäne gestellt werden.“

„Verstehe. Wie viele Krankheitsfälle haben wir bisher?“

„Vier. Leider verbreiten sich solche Krankheiten rasend schnell. Wahrscheinlich sind es inzwischen mehr geworden.“

„Nicht zu fassen. Sie wissen, dass man Gastroenteritis auch als Kreuzfahrtfieber bezeichnet?“

„Ja, davon habe ich gehört.“

„Und Sie sind unsere einzige medizinische Fachkraft.“ Nachdenklich strich er sich über den Bart.

„Ich habe eine Liste der Stewards, die über gewisse Basiskenntnisse verfügen. Sie werden mir helfen. Aber das ist auch alles.“

„Stimmt. Gestern erst sind der Arzt und Ihre Kollegin von Bord gegangen.“ Ihm war anzusehen, wie sehr er sich darüber ärgerte. „Für wie ernst halten Sie die Sache?“

Sie war Unfallschwester. Infektionskrankheiten gehörten nicht zu ihrem Spezialgebiet. „Ich bin keine Expertin, aber ich weiß, dass es besonders schwere Formen von Gastroenteritis gibt. Die meisten unserer Passagiere sind schon älter, und für sie könnte es kritisch werden. Wir müssen damit rechnen, dass sehr viele erkranken, und dann brauche ich professionelle Hilfe. Allein, um sie alle rechtzeitig zu behandeln.“

„Ja, das ist mir klar. Wenn ich herausfinde, wer dafür verantwortlich ist, dass man mir zwei Drittel meines medizinischen Teams abgezogen hat …“ Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Natürlich muss ich die Hafenbehörde informieren. Sie werden uns auf Abstand halten, bis die Situation geklärt ist. Und die Mühlen unserer Hauptverwaltung mahlen erfahrungsgemäß langsam, sodass von dort auch keine rasche Hilfe zu erwarten ist.“

„Ich hätte einen Vorschlag“, begann sie zögernd, „falls Sie nichts dagegen haben.“

„Warum sollte ich? Heraus mit der Sprache.“

„Ein Arzt, für den ich einmal gearbeitet habe, hat hier irgendwo an der Küste seine Praxis. Er könnte uns helfen. Sein Name ist Nick Roberts. Berufen Sie sich auf mich, und sagen Sie, ich sei hier an Bord.“

„Telefonnummer?“

Maddy zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass er in einem Ort namens Penhally Bay praktiziert.“

Captain Smith griff zum Hörer. „Jackson? Holen Sie mir bitte einen gewissen Dr. Roberts aus Penhally Bay ans Telefon.“

Der Rückruf kam überraschend prompt. „Dr. Nick Roberts? Hier ist Captain Smith, Kapitän des Kreuzfahrtschiffs, das Sie möglicherweise ein paar Meilen von der Küste entfernt sehen können. Wir haben ein medizinisches Problem.“

Maddy verfolgte das Gespräch aufmerksam.

„Schwester Madeleine Granger hat Sie empfohlen … Verdacht auf Gastroenteritis. Es wäre eine privatärztliche Konsultation … Umgehend? Danke, Sie tun uns einen großen Gefallen.“

Der Kapitän wandte sich an Maddy. „Er kommt, so schnell er kann. Er meinte, das könnte sich in Windeseile zu einer Epidemie ausweiten. Als ob mir das nicht bewusst wäre.“

Dr. Ed Roberts stand jeden Morgen früh auf. Er brauchte nicht viel Schlaf. Vor allem nicht diesen seltsamen Zustand zwischen Wachen und Schlafen, der ihn im Morgengrauen befiel. Wenn man nicht mehr wusste, was wirklich und was nur geträumt war. Er brauchte auch nicht die Erinnerungen, die Realität vorgaukelten, bis man dann in der Wirklichkeit aufwachte. Sie machten ihn verletzlich. Ed hatte lieber alles unter Kontrolle.

Für England war es an diesem Morgen Anfang Mai ungewöhnlich warm. Und stickig. Ganz anders als der heiße, trockene Wind, den Ed in Afrika kennengelernt hatte.

Er parkte seinen Wagen am Strand und streifte Sportschuhe und Trainingsanzug ab. Die kleine Bucht hatte es ihm auf den ersten Blick angetan gehabt, und so kam er fast jeden Tag in aller Frühe zum Schwimmen hierher. Ihm gefielen die Abgeschiedenheit und das Gefühl von Freiheit, wenn er mit kraftvollen Zügen durchs Wasser schwamm.

Er streckte sich und blickte sich um. Eine alte Gewohnheit, die er nicht ablegen konnte: seine Umgebung aufmerksam wahrnehmen, abschätzen, was einen vielleicht erwartete, um vor unangenehmen Überraschungen sicher zu sein. Am Horizont ballten sich dicke Wolkenfelder zusammen, die ihm verrieten, dass das Wetter gegen Ende des Tages umschlagen würde. Im Gebüsch halb verborgen entdeckte er ein kleines Zelt. Im Sommer kamen oft junge Leute her, und sie übernachteten, wo es ihnen gerade in den Sinn kam.

Froh darüber, dass niemand in der Nähe war, lief er zum Wasser. Sie hätten ihn angestarrt. Nicht wegen seines muskulösen Körpers, sondern wegen der Narben.

Zügig schwamm er drauflos, als hätte ein unbeugsamer Gegner ihn zu einem harten Wettkampf herausgefordert. Ed genoss es, seine Kräfte zu testen, und bald hatte er das offene Meer erreicht. Er trat Wasser und sah sich wieder um. Plötzlich stutzte er.

Keine hundert Yards entfernt schaukelte ein Schlauchboot auf den Wellen. Darin saßen ein Mädchen und ein Junge, sicher nicht älter als siebzehn oder achtzehn, und bespritzten sich lachend mit Wasser.

Ed kraulte zu ihnen hinüber. „Sie wissen vielleicht nicht, dass das Meer hier tückisch ist“, warnte er. „Wenn Sie in die Rippströmung geraten, werden Sie aufs offene Meer hinausgetrieben. Paddeln Sie lieber in die Bucht zurück, da sind Sie sicher.“

„Später.“

„Nein, jetzt“, sagte Ed mit freundlichem Nachdruck. „Ich kenne diese Gewässer. Hier ertrinken jedes Jahr Menschen. Wollen Sie dazugehören?“

„Ertrinken? Ja, klar. Passen Sie lieber auf, dass Sie nicht ertrinken. Wir haben wenigstens ein Boot.“

Ed schwamm noch näher. „Paddeln Sie zurück, oder ich kippe das Boot um. Dann können Sie zurückschwimmen.“

„Wollen Sie uns umbringen?“

„Im Gegenteil.“

„Kieran, vielleicht hat er recht“, meldete sich das Mädchen zu Wort. „Ich habe sowieso keine Lust mehr.“ Sie sah Ed an. „Wir sind gleich weg.“

„Ich warte, bis Sie sicher wieder in der Bucht sind.“ Der junge Mann schien weiterdiskutieren zu wollen, aber Ed ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Sehen Sie den Felsen da hinten?“

Beide blickten in die angegebene Richtung. „Ja.“

„Vor zwei Jahren haben wir dort einen ertrunkenen Touristen gefunden. Er hatte zwei Tage im Wasser gelegen. Kein schöner Anblick, das kann ich Ihnen sagen. Also, los, zurück in die Bucht.“

Das überzeugte die beiden. Ohne ein weiteres Wort tauchten sie die schmalen Paddel ins Wasser und machten sich hastig auf den Rückweg.

Ed schwamm noch eine Runde, und als er eine Weile später wieder an Land watete, waren Zelt, Boot und das Pärchen verschwunden. Er zuckte mit den Schultern. Okay, er war hart zu ihnen gewesen. Aber lieber einmal das Gesicht verlieren als das Leben.

Wieder blickte er sich um. Am Horizont entdeckte er ein weißes Kreuzfahrtschiff. Die dunklen Wolken dahinter verkündeten, dass ein Sturm heraufzog.

2. KAPITEL

Ed hatte das Cottage erst vor Kurzem gekauft. Er ließ sich Zeit beim Renovieren und Einrichten, weil er sich noch nicht entschieden hatte, wie sein Zuhause aussehen sollte. Passend zu der Frage, was für ein Leben er führen wollte. Also war auch das Cottage erst halb fertig.

Unerwünschte Gedanken drängten sich ihm auf. Selbst wenn er es eines Tages in ein richtiges Heim verwandelt hätte, so würde immer etwas fehlen. Er wusste genau, was es war, aber er wollte nicht darüber nachdenken. Früher hatte er Pläne gehabt. Die waren gescheitert, und jetzt musste er nach vorn blicken. Vergangenheit war Vergangenheit.

Ed duschte, frühstückte schnell und fuhr zur Praxis. Noch war er kein offizieller Partner in der Gemeinschaftspraxis Penhally Bay, aber seinem Vater lag sehr viel daran, dass er so bald wie möglich voll einstieg.

Zu tun gab es genug.

Zurzeit war er zwar noch krankgeschrieben, aber nicht mehr lange. Eigentlich ging es ihm gut. Mehr oder weniger. Nachdem er aus der Armee ausgeschieden war, freute er sich nun auf die Arbeit als Allgemeinmediziner. Warum war er dann nicht glücklich? Ärgerlich über sich selbst schüttelte er den Kopf. Probleme waren dazu da, überwunden zu werden!

Wie gewöhnlich war er einer der Ersten. Die Tür zum Personalraum stand offen, und er sah seinen Vater, der sich mit Kate Althorp, einer der Hebammen, unterhielt. Nick wirkte ungewohnt entspannt. Beide beugten sich über einige Papiere, Kates Kopf dicht neben seinem. Jetzt lachten sie über etwas.

Ed wunderte sich. Zwischen ihnen herrschte eine Vertrautheit, die ihm früher nie aufgefallen war. Oder bildete er sich das nur ein?

Sie hatten ihn nicht gehört, und so stand er da und betrachtete sie. Sein Vater war ein großer, schlanker Mann, der eine natürliche Autorität ausstrahlte. Allein durch seine Haltung und sein entschlossenes Auftreten verschaffte er sich Respekt – Liebe und Zuneigung dagegen nicht. Jedenfalls nicht auf Anhieb. In den letzten Jahren hatte Ed kaum Kontakt zu ihm gehabt, und wirklich nahe waren sie sich nie gewesen. Als Mensch war Nick Roberts schwer zugänglich, aber Ed wollte es versuchen. Leider gehörte er selbst auch eher zu den verschlossenen Männern.

Er räusperte sich. Nick und Kate blickten auf und lächelten. Kate warm und herzlich, wie immer. Das Lächeln seines Vaters hingegen wirkte zwar aufrichtig, aber auch wachsam.

„Schon so früh?“, fragte er. „Ich dachte, du hättest heute Morgen keine Sprechstunde.“

„Stimmt, aber ich wollte zu den Clintons rausfahren und mir Isaac Clinton ansehen. Dafür brauche ich seine Patientenakte.“

„Gibt es Probleme?“

„Ich hoffe nicht. Seine Tochter rief gestern Abend an und bat mich, heute vorbeizukommen. Am Nachmittag hatte er einen Angina-Anfall, der allerdings vorbeiging, nachdem sie Isaac überredet hatte, sich hinzulegen.“

Kate schob die Papiere zusammen und verstaute sie in ihrer Aktentasche. „Ich glaube, wir sind hier so weit fertig, Nick, und ich muss jetzt los.“ Sie lächelte den beiden fröhlich zu, und dann war sie weg.

Nick sah ihr nach. Ed fragte sich, was ihm wohl durch den Kopf ging. Auch das war ungewöhnlich für seinen Vater – diese Nachdenklichkeit am frühen Morgen, wenn er sonst vor Energie und Tatkraft strotzte. Sekunden später hatte er sich wieder gefangen. „Isaac Clinton ist ein Arbeitstier. Er glaubt, wenn er seine Augen nicht überall hat, wird der Hof den Bach runtergehen. Dabei ist seine Tochter Ellie eine tüchtige Frau, die den Laden gut im Griff hat. Soll ich …“

„Nicht nötig“, unterbrach Ed ihn. „Er ist mein Patient, und ich werde ihn schon zur Vernunft bringen. Falls ich Hilfe brauche, frage ich dich. Versprochen.“

„Natürlich, ich habe vollstes Vertrauen in dich. Du weißt sicher, dass Isaac schon vor seinem Herzinfarkt eine dicke Akte bei uns hatte? Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft ich rausgefahren bin und ihn zusammengeflickt habe. Der Mann steht mit Maschinen auf Kriegsfuß, aber er ist ein guter Farmer.“

Ed grinste. „Hätte er all die Verletzungen beim Militär erlitten, könnte er sich jetzt mit einem Dutzend Orden behängen.“

„Und ich wette, er hat dir jede einzelne genau beschrieben“, antwortete Nick lächelnd.

„Ausführlich.“

Über Medizinisches zu reden, fiel ihnen leicht. Das war noch nie ein Problem gewesen. Nur über Gefühle sprachen sie nicht gern, und ihr Umgang miteinander war eher sachlich wie unter Kollegen. Nicht wie zwischen Vater und Sohn. Persönliche Beziehungen, auch die zu anderen Menschen, waren einfach kein Thema.

Helles Sonnenlicht ergoss sich auf die Landschaft, während Ed durchs Hochmoor fuhr. Eine trügerische Idylle. Bald würde ein Sturm den Tag verdunkeln, und die unangenehm schwüle Luft gehörte zu seinen ersten Vorboten. In Penhally Bay war Ed sicher nicht der Einzige, der aufmerksam das Wetter beobachtete.

Er erreichte den Hof und steuerte auf das Haupthaus zu. An der Tür stand Ellie Clinton. Sie musste auf ihn gewartet haben. Ihr strahlendes Lächeln verriet allerdings weniger Erleichterung als vielmehr unverhüllte Freude. Eindeutig ein Willkommensgruß. Also schien es ihrem Vater nicht allzu schlecht zu gehen. Ed war ihr schon ein paarmal begegnet. Obwohl sie mit der Verwaltung der Farm sicher alle Hände voll zu tun hatte, war sie immer da, wenn er ihren Vater besuchte.

„Wie schön, Sie zu sehen, Dr. Roberts. Es ist ganz schön heiß heute. Darf ich Ihnen ein Glas Limonade anbieten? Ich habe sie selbst gemacht. Oder lieber Tee, Kaffee?“

„Nichts, vielen Dank. Wie geht es Ihrem Vater?“

Ellie trat beiseite und winkte ihn herein. „Sie kennen ihn ja. Gestern habe ich ihn dabei erwischt, wie er Steine auf den Wagen geladen hat. Er sah völlig fertig aus. Erst haben wir uns gestritten, aber dann konnte ich ihn überreden, sich hinzulegen. Danach habe ich Sie angerufen. Sind Sie sicher, dass Sie keine Limonade möchten?“

Ed gab sich geschlagen. Ihm war warm, und ihr lag offensichtlich viel daran, dass er ihre Limonade probierte. „Vielleicht ein kleines Glas“, sagte er. „Danke, Ellie.“

Viel lieber hätte er die distanzierte Position des Arztes beibehalten, aber nun hatte sie ihn in die Rolle des Gastes gedrängt. Er musste sich hinsetzen, seine Limonade trinken und sich unterhalten. Jetzt sah er Ellie an. Heute trug sie ein ärmelloses, leicht ausgeschnittenes blaues Kleid, ihr Haar glänzte frisch gewaschen, und ihre Lippen waren dezent geschminkt. Auch in Stiefeln, Jeans und T-Shirt war sie eine attraktive Frau, aber heute hatte sie sich besonders hübsch zurechtgemacht.

„Wollen Sie noch ausgehen?“, fragte er das Erstbeste, was ihm einfiel.

Ellie drehte sich anmutig, sodass der Rock um ihre schlanken Waden wirbelte. „Gefällt Ihnen das Kleid? Es ist ein herrlicher Tag, und da ich nicht aufs Feld konnte, weil ich auf Sie gewartet habe, dachte ich, ich ziehe es einmal an. Es ist neu, ich habe es mir für den Spendenball gekauft. Nächsten Samstag, im St. Piran-Krankenhaus. Kommen Sie auch?“

„Nein, ich nicht, aber aus unserer Praxis nehmen sicher einige teil.“

„Aber Sie müssen dabei sein! Es ist für einen guten Zweck, für ein neues Ultraschallgerät. Das müssten doch gerade die Ärzte unterstützen.“ Ellie sah ihn an, als ob ihr gerade etwas eingefallen wäre. „Wissen Sie was, ich habe eine Eintrittskarte übrig. Meine Cousine wollte auch mitkommen, aber jetzt kann sie doch nicht. Wir könnten zusammen hingehen. Ich schenke Ihnen die Karte. Das Krankenhaus hat schon so viel für Dad getan, dann kann ich mich auf diese Weise erkenntlich zeigen.“

Ed war kurz davor, das Angebot anzunehmen. Ellie sah gut aus, war intelligent und besaß viel Humor. Jeder Mann hätte sich an einem solchen Abend gern mit ihr gezeigt. Andererseits … warum sollte er etwas anfangen, das nicht die geringsten Chancen auf ein Happy End hätte?

Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Das ist nett von Ihnen, aber solche Großveranstaltungen sind nicht mein Fall. Für den Scanner werde ich natürlich trotzdem spenden. So, und nun erzählen Sie mir von Ihrem Vater.“

Sichtlich enttäuscht bemühte Ellie sich um ein Lächeln. „Heute geht es ihm ein bisschen besser. Wollen Sie zu ihm nach oben gehen? Er wartet in seinem Zimmer.“

Isaac saß am Fenster und blickte auf, als Ed hereinkam. „Mir geht es gut, Doktor“, brummte er. „Meine Tochter ist ein Angsthase.“

„Das glaube ich kaum. Sie macht sich Sorgen, und wahrscheinlich zu Recht.“

Widerstrebend fügte sich der alte Farmer und ließ sich untersuchen. Zuerst fand Ed nichts Beunruhigendes, doch beim Abhorchen waren deutliche Herzgeräusche zu hören.

„Nehmen Sie regelmäßig Ihre Tabletten ein, Isaac?“

„Ja, mehr oder weniger, aber sie taugen wohl nicht viel. Ich fühle mich nicht besser, wenn ich sie schlucke.“

„Die Tabletten bewirken mehr, als Ihnen bewusst ist. Sie sind nicht dazu da, damit es Ihnen besser geht, sondern damit Ihr Zustand sich nicht verschlimmert. Isaac, Sie werden es nicht gern hören, aber wenn Sie weiterhin auf Ihrem Hof schuften, als wären Sie dreißig und nicht sechsundsechzig, sind Sie bald …“

„Reif für den Abdecker, ich weiß. Nennen Sie das Kind ruhig beim Namen, Doktor.“

„So würde ich es nicht ausdrücken, aber die Wahrheit ist, dass Sie sich schonen müssen. Es spricht nichts dagegen, dass Sie leichte Spaziergänge unternehmen und Ihren Hof im Auge behalten. Schwere Arbeit sollten Sie jedoch anderen Menschen überlassen. Und nehmen Sie Ihre Pillen.“ Ed deutete mit dem Kopf Richtung Fenster, hinter dem sich Felder und Weiden erstreckten. „Das hier würde Ihnen doch fehlen, wenn Sie ein paar Monate im Pflegeheim verbringen müssten, oder?“

Zum ersten Mal wirkte der störrische Mann irritiert. „Meinen Sie, es kommt so schlimm?“

Beruhigend klopfte Ed ihm auf die Schulter. „Das wollen wir lieber gar nicht erst herausfinden.“

Es klopfte, und Ellie kam herein. Sie brachte einen Krug Limonade und zwei Gläser. „Haben Sie ihn zur Vernunft gebracht?“, fragte sie, aber der Blick, den sie ihrem Vater zuwarf, war voller Zuneigung.

Ed lächelte. „Er hat Glück, dass Sie auf ihn aufpassen. Also, Isaac, die nächsten drei Tage bleiben Sie im Haus und gönnen sich viel Bettruhe. Danach lassen Sie es langsam angehen. Ellie, Sie können mich jederzeit anrufen, falls sich sein Zustand ändert, okay?“

„Okay.“ Hoffnungsvoll fügte sie hinzu: „Kann ich Sie wirklich nicht überreden, die Eintrittskarte anzunehmen?“

„Danke, aber so ein Ball ist wirklich nichts für mich.“

Auf dem Rückweg nach Penhally Bay fragte er sich, warum er sie auf Abstand hielt. Zumal er sie sehr attraktiv fand. Warum hatte er ihre Einladung nicht angenommen?

Einerseits, um ihr gegenüber fair zu bleiben. Er würde ihr nie das geben können, was sie sich vielleicht erhoffte. Zum Beispiel innige Nähe, die über körperliche Anziehungskraft hinausging, Liebe aus vollem Herzen, Zärtlichkeit mit allen Sinnen. All das hatte er früher gehabt und verloren. Und damit auch den Mut, sich wieder danach auf die Suche zu machen. Der Schmerz war zu groß gewesen.

Als Ed aus dem Wagen stieg, klebte ihm das Hemd am Rücken. Krawatte und Jackett hatte er schon abgelegt. Doch selbst wenn man sich nur langsam bewegte, hatte man das Gefühl, durch warmes Wasser zu waten. Er blickte zum Himmel hinauf. Dichte Wolken hatten auch das letzte Sonnenlicht geschluckt, bleigrau hingen sie über der Bucht.

Er hatte die Praxis gerade betreten, da kam sein Vater aus dem Sprechzimmer, das Telefon am Ohr, und winkte ihn zu sich. Ed folgte ihm, schloss die Tür hinter sich und hörte Nick sagen: „Okay, Captain, Sie schließen sich mit Ihrer Hauptverwaltung kurz, und ich komme so schnell wie möglich zu Ihnen raus … Gut, bis dann.“

Er legte das Telefon auf die Station. „Ein Notfall. Vor der Küste liegt ein Kreuzfahrtschiff. Sie brauchen einen Arzt.“

„Ich dachte, es wäre immer ein Arzt an Bord.“

„Sie hatten auch einen, aber er wurde gestern woanders eingesetzt. Und jetzt haben sie ihn bitter nötig.“

„Was ist passiert?“

„Eine Virusinfektion. Breitet sich rasch aus. Sie befürchten eine Epidemie.“

„Gut, ich habe heute Nachmittag frei. Ich fahre hin.“

„Vielleicht sollte ich das lieber übernehmen. Ich kenne die Krankenschwester, sie hat den Kapitän gebeten, mich anzurufen. Ihrer Meinung nach ist die Lage ernst.“

„Aber du hast Sprechstunde, und ich nicht.“ Ed schwieg kurz. „Komm, Dad, ich weiß, was du denkst. Sag es einfach.“

Nick verzog den Mund, aber das Lächeln wirkte gequält. „Du meinst, wir haben keine Zeit, um den heißen Brei herumzureden? Na schön, ich bin mir nicht sicher, ob du der Sache gewachsen bist. Es könnte bittere Erinnerungen an eine andere Epidemie wecken.“

„Aber ich habe schon mit Masseninfektionen zu tun gehabt. Das heißt, ich bin der Experte. Deine Stärke ist die Laborarbeit, die Diagnose. Doch was die Therapieplanung, die Versorgung großer Menschenmengen mit Medikamenten angeht, da habe ich mehr Erfahrung. Und mit meinen Erinnerungen werde ich fertig.“

„Sicher?“

„Was bleibt mir anderes übrig?“

Ed hielt dem eindringlichen Blick seines Vaters stand, und die Spannung im Raum stieg spürbar. Er fragte sich, ob es zwischen ihnen immer so sein würde. Dass sie miteinander kämpften, obwohl jeder für den anderen doch nur das Beste wollte …

„Okay“, sagte Nick schließlich. „Dann fahren wir zusammen hin. Dieses eine Mal können Adam und Dragan meine Patienten übernehmen. Hol, was du brauchst, wir treffen uns in einer halben Stunde am Hafen. Bis dahin habe ich ein Fischerboot gefunden, das uns zum Schiff bringt.“

Noch während er sprach, schlugen die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheiben.

„Es sollte ein robustes Boot sein“, sagte Ed. „Dort draußen braut sich ein Sturm zusammen.“

„Robust sind sie alle. Machen wir uns auf den Weg.“

Ed ging zum Medizinschrank der Praxis und stellte eine beträchtliche Menge Antibiotika zusammen. Kreuzfahrtschiffe waren zwar in der Regel hervorragend ausgestattet, aber er wollte kein Risiko eingehen. Anschließend fuhr er nach Hause und packte eine Reisetasche mit allem, was er für einen Aufenthalt von zwei bis drei Tagen benötigen würde. Auch darin hatte er Erfahrung. Es war nicht das erste Mal, dass er überstürzt aufbrechen musste.

Schließlich ging er zum Hafen. Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber dafür wurde der Wind stärker.

Sein Vater stand am Steg und winkte ihn näher. Unter ihm tanzte ein Fischerboot in den aufgepeitschten Wellen. Während Ed darauf zumarschierte, versuchte er, sich vorzustellen, wie Nick zumute war. Ende der Neunzigerjahre hatte es in Penhally Bay eine Tragödie gegeben, als ein Sturm bei einer Seenotrettungsaktion mehrere Menschenleben forderte. Darunter das von Nicks Vater und seinem Bruder.

Ed hatte seinen Großvater und seinen Onkel geliebt. Beide waren viel zu früh gestorben.

Er hatte das Ende des Stegs erreicht, kletterte die Eisenleiter hinunter und sprang an Deck des schwankenden Kutters. Der Fischer packte ihn am Arm und zerrte ihn in die kleine Kajüte. „Das wird noch übel heute!“, brüllte er gegen den tosenden Wind an.

Ed nickte nur.

Captain Smith war nicht untätig gewesen.

„Oberstes Gebot ist die Sicherheit meiner Passagiere“, informierte er die beiden Ärzte nach einer kurzen Begrüßung. „Auch wenn sie dafür auf Komfort verzichten müssen. Ich bin bereit, mich an Ihre Vorgaben zu halten. Die Hafenbehörde ist informiert. Das Schiff wurde unter Quarantäne gestellt.“ Er sah Nick an. „Dr. Roberts, sie erwarten Ihren Bericht. Unsere Zentrale ist natürlich nicht sehr glücklich wegen dieser Vorfälle – das kostet sie einen Haufen Geld.“ Der Kapitän lächelte grimmig. „Leider nicht zu ändern. Inzwischen habe ich auch mit den Passagieren gesprochen. Alle Erkrankten bleiben in ihren Kabinen und werden dort mit Mahlzeiten und Medikamenten versorgt. Außerdem habe ich ein Hygieneprogramm angeordnet, sodass das Schiff inzwischen weitgehend desinfiziert wurde. Und auf den Rat meiner Krankenschwester hin bieten wir bis auf Weiteres keine Büfetts mehr an.“

„Anscheinend wissen Sie genau, was Sie in solchen Fällen zu tun haben“, sagte Ed anerkennend.

„Wir sind im Indischen Ozean gewesen. Wenn Mannschaft und Passagiere von einem Besuch an Land zurückkehrten, erhielt jeder Einzelne ein desinfizierendes Tuch und wurde angewiesen, sich damit die Hände abzureiben. Meine Crew hat regelmäßig sämtliche Handläufe und Geländer des Schiffes abgewischt und desinfiziert. Ich habe streng darauf geachtet, dass diese Vorsichtsmaßnahmen eingehalten wurden“, fügte er bitter hinzu. „Und dann passiert uns dies hier, wenn wir schon fast zu Hause sind!“

„Sie haben getan, was Sie konnten. Immerhin sind Sie vorbereitet.“

„Alte Soldatenregel – erhoffe das Beste und plane für den Ernstfall. Man wird Ihnen jetzt die Krankenstation zeigen. Melden Sie sich bei mir, falls Sie irgendetwas brauchen.“

„Ich mag Männer, die wissen, was sie wollen“, murmelte Nick, als sie dem Steward den Gang entlang folgten.

„Er ist ein geschulter Stratege und denkt wie ein Militär“, gab Ed zurück. „Was ich gerade abzulegen versuche. Ich bin Arzt, kein Soldat.“

Er verspürte ein leises Unbehagen. Sein Vater beobachtete ihn sicher genau, ob er nicht doch Anzeichen von Schwäche zeigte. Aber er war schon öfter mit Epidemien fertig geworden. Auch wenn er zuletzt einen hohen Preis dafür bezahlt hatte … Nicht daran denken, ermahnte er sich, nicht jetzt.

Die Krankenstation war leer, und der Steward machte sich auf die Suche nach der Schwester. Die beiden Männer sahen sich inzwischen um. Die Station bestand aus dem Empfangsbereich und zwei Behandlungsräumen, von denen einer auch als OP-Saal genutzt werden konnte. Sogar ein Röntgengerät war vorhanden, dazu ein Labor, eine Apotheke und fünf Zimmer, falls Patienten stationär aufgenommen werden mussten. Ein schmaler Flur führte zu den Unterkünften für das medizinische Personal. Alles in allem eine perfekte Kombination von Krankenhaus und Allgemeinarztpraxis im Miniformat.

„Nick!“, ertönte eine melodische weibliche Stimme. „Wie schön, Sie zu sehen.“

„Ganz meinerseits, Maddy. Sie waren die beste Krankenschwester, die ich je hatte.“

Ed drehte sich um und sah, wie sein Vater sich hinunterbeugte und eine hübsche Frau in Schwesterntracht auf die Wange küsste. Dann trat Nick beiseite und sagte: „Maddy, ich möchte Ihnen noch einen Dr. Roberts vorstellen. Mein Sohn Ed.“

Ed streckte die Hand aus. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Maddy.“ Dabei betrachtete er sie genauer. Sie schien ungefähr in seinem Alter zu sein und hatte schulterlanges hellbraunes Haar, das sie im Nacken zusammengebunden trug. Ihre üppigen Kurven standen in reizvollem Gegensatz zu der strenggeschnittenen Uniform. Eine ausgesprochen anziehende Frau.

Maddy lächelte ihn an, und er sah ihr in die Augen. Sie waren groß und haselnussbraun. Ed ertappte sich dabei, wie er den Blick vertiefte. Irgendetwas am Ausdruck dieser wunderschönen Augen machte ihn neugierig. War es ein Hauch von Melancholie, den er zu entdecken glaubte? Eine Andeutung von Furcht, die nichts mit der drohenden Epidemie zu tun hatte?

Auf einmal wollte Ed mehr über Maddy erfahren, ihr helfen. Er hatte das Gefühl, ihre Trauer zu spüren – und mit Trauer kannte er sich aus.

Doch zuerst musste er sich um seine Pflichten kümmern! „Was können wir für Sie tun, Maddy?“, fragte er sachlich.

„Sagen Sie mir, dass ich mich irre. Aber ich fürchte, das können Sie nicht. Mittlerweile mussten wir fünfzehn Passagiere in ihre Kabinen verbannen, und es werden mehr.“ Sie seufzte. „Ich glaube, wir haben es mit dem Norovirus zu tun. Leider in einer besonders schweren Form.“

„Hier in England?“, meinte Ed verwundert. „Ich dachte, für Europäer, die in der Regel gut ernährt sind, ist der Erreger zwar lästig, aber nicht lebensbedrohlich.“

Nach einer lastenden Pause meldete Nick sich zu Wort.„Kürzlich wurden Mutationen des Virus entdeckt. Einige können verdammt unangenehm werden.“

„Hast du schon einmal damit zu tun gehabt?“

„Nur im Labor.“

Maddy war froh, Nick und Ed an Bord zu haben. Auch allein hätte sie alles unternommen, um die Infektion einzudämmen, aber mit Hilfe der Roberts’ würde es einfacher sein.

Sie hatte auf den ersten Blick gewusst, dass sie Vater und Sohn vor sich hatte. Nicht wegen der äußerlichen Ähnlichkeit, obwohl beide hochgewachsene, schlanke und gut aussehende Männer waren. Nein, es war mehr die Haltung. Sie strahlten Ruhe, Kompetenz und eine Stärke aus, die sofort Vertrauen schuf.

Nick hatte sich kaum verändert, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sein dunkles Haar hatte lediglich mehr Silberfäden bekommen und das kantige Gesicht einige Falten zusätzlich. Doch sonst wirkte er kraftvoll und energiegeladen wie immer.

Ed Roberts war blond und trug sein Haar sehr kurz geschnitten. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte er blaue Augen, und er bewegte sich auch anders. Fast lautlos und geschmeidig wie ein durchtrainierter Athlet.

Wie verschieden die beiden doch von den Männern waren, mit denen sie in letzter Zeit zu tun hatte. Abgesehen von der Crew nur ältere Herren. Und Dr. Coombs war ein untersetzter, dicklicher Mann gewesen, der bestimmt nicht an Überarbeitung sterben würde. Ja, ihre Zuversicht wuchs, dank der beiden Ärzte aus Penhally Bay.

„Also, was haben Sie für uns, Maddy?“, fragte Nick.

Sie erstattete kurz Bericht und überreichte ihnen dann die Patientenakten. Nick gab seinem Sohn die Hälfte ab, und es wurde still in der Krankenstation, während sie die Unterlagen studierten.

„Scheint mir wirklich ernst zu sein“, murmelte Nick nach einer Weile.

„Darf ich die anderen Akten sehen?“, fragte Ed. Die beiden Männer tauschten die Stapel, und wieder herrschte Ruhe.

Ed sprach als Erster. „Sie haben leider recht, Maddy. Es scheint sich um ein sehr aggressives Bakterium oder Virus zu handeln.“

„Vermutlich eher ein Virus“, warf Nick ein.

„Das müssen wir erst noch herausfinden. Genauer gesagt, du. Meiner Erfahrung nach könnte es ein Bakterium sein. Denk an das hohe Fieber.“

„Virus-Infektionen sind die Regel.“

„Ich weiß.Trotzdem werde ich mit Antibiotika behandeln, bis du mir definitiv nachweisen kannst, dass es ein Virus ist.“

Maddy hatte den Eindruck, unfreiwillig Zeugin einer kleinen Machtprobe zwischen Vater und Sohn zu werden. Beide waren Mediziner. Und unterschiedlicher Meinung. Schon damals, zu ihrer Zeit, hatte Nick es nicht gern gehört, wenn man ihm widersprach.

Nach kurzem Schweigen sagte er schließlich: „Gut, wir waren uns einig, dass du die Verantwortung trägst. Du musst tun, was du für richtig hältst.“

Ed nickte. „Ich möchte, dass du die notwendigen Tests durchführst und mir so schnell wie möglich ein Ergebnis verschaffst. Diagnose ist deine Stärke.“ Er blickte Maddy an. „Hatten Sie vor Ausbruch der Infektion viel zu tun? Sie haben doch sicher auch noch andere Fälle?“

„Ich war ganz gut beschäftigt. Kleinere Verletzungen, Sonnenbrand, das Übliche. Heute Morgen habe ich bei einem unserer Passagiere Anzeichen für einen leichten Schlaganfall festgestellt.“

„Soll ich ihn mir einmal ansehen?“

„Ja, gern. Falls es Ihnen nichts ausmacht.“

„Natürlich nicht. Schließlich bin ich Arzt.“ Er lächelte zum ersten Mal, was seine markanten, fast strengen Züge noch attraktiver machte. „Das Gute ist“, fuhr er fort, „dass eine heftige Infektion auch schneller wieder abklingt. Es dürfte genügen, die Patienten für achtundvierzig Stunden zu isolieren. Wollen wir?“

Sie beschlossen, dass Nick zusammen mit einem Steward die männlichen Patienten aufsuchte und Ed mit Maddy die weiblichen.

Während sie neben ihm den Gang entlang eilte, verspürte sie ein seltsames Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Eine leise Ahnung, dass das Leben doch nicht so trostlos wäre, wie es ihr seit Langem erschien. Als sie plötzlich begriff, was es war, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ed Roberts! Sie fühlte sich zu ihm hingezogen …

Er blieb auch stehen. „Alles in Ordnung?“

„Ich dachte, ich hätte etwas vergessen“, flüchtete sie sich in eine Notlüge. „Nichts Wichtiges.“

Maddy versuchte immer noch, ihre Gefühle zu verstehen. Vielleicht war es einfach nur Erleichterung, nicht allein vor der drohenden Epidemie zu stehen? Oder die Zuversicht, dass ihr mit Ed Roberts an der Seite nichts passieren konnte? Es war bestimmt keine erotische Anziehung … oder doch? Er war ein attraktiver Mann, sogar ein bisschen geheimnisvoll, so als verberge er etwas. Obwohl sie natürlich keine Ahnung hatte, was es sein könnte …

„In welcher Abteilung beim Militär waren Sie, Ed?“ Sie hoffte, dass ihre Stimme nichts verriet.

Er lachte überrascht auf. „Woher wissen Sie, dass ich beim Militär war?“

„Erstens Ihr Haarschnitt, aber das ist es nicht allein. Mit Soldaten habe ich Erfahrung, und da besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Die Art, wie Sie auftreten, wie Sie ihre Umgebung aufmerksam einschätzen. Die unerschütterliche Überzeugung, das Richtige zu tun. Stets bereit, das Kommando zu übernehmen.“

Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie glauben also, dass ich die Führung beanspruche? Nein, Maddy, wir sind ein Team. Das kann ich nicht oft genug betonen. Außerdem habe ich mich immer mehr als Arzt denn als Soldat gesehen. Und dass ich überzeugt bin, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen – nein, auch das stimmt nicht. Ich habe mich schon einmal geirrt, fatal geirrt. Leider habe ich es zu spät bemerkt.“

Seine Stimme war leiser geworden, und Maddy fragte sich, woran er wohl gerade dachte. Sicher waren es keine schönen Erinnerungen. „Wir alle machen Fehler“, versuchte sie, ihn zu trösten. „Das liegt in der Natur des Menschen.“

„Ja. Sie haben richtig vermutet – ich war Soldat, und während meiner Militärzeit hatte ich die glücklichsten Tage meines Lebens.“ Er schwieg kurz. „Aber nicht unbedingt, weil ich in der Armee war.“

„Verstehe“, sagte sie und hätte so gern mehr gewusst.

3. KAPITEL

Miriam Jones war achtundsechzig Jahre alt, verwitwet und höchst unzufrieden.

„Für diese Reise habe ich eine Menge Geld bezahlt, Dr. Roberts“, beschwerte sie sich, nachdem Ed sich vorgestellt hatte. „Es gefällt mir gar nicht, dass ich die letzten beiden Tage in meiner Kabine liegen muss.“

Doch ihre Stimme klang kraftlos, was zu dieser robusten, temperamentvollen Frau nicht passen wollte. Mrs. Jones kämpfte ums Überleben – mit ungewissem Ausgang.

Ed untersuchte sie. Maddy hatte sie bereits an den Tropf gehängt, um sie vor der gefährlichen Austrocknung zu schützen, und nun bat Ed, die Infusionsgeschwindigkeit zu erhöhen. Nachdem er eine stärkere Dosis Antibiotikum verschrieben hatte, nahm er Mrs. Jones’ Hand.

„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mrs. Jones“, begann er. „Sie sind schwer krank. Aber ich vertraue darauf, dass Sie stark genug sind, um diese Krise zu überstehen. Und ich weiß, dass Sie tapferer sein werden als mancher andere Patient hier an Bord.“

Ein Leuchten glitt über Mrs. Jones’ blasses Gesicht. „Ganz bestimmt.“

„Ich sehe später noch einmal nach Ihnen. Falls es Ihnen deutlich schlechter geht, rufen Sie uns bitte an.“

Der nächste Krankenbesuch führte sie zu Miss Owen, bis vor Kurzem noch Mrs. Dacre und inzwischen erfolgreich geschieden. Miss Owen hatte diese Kreuzfahrt gebucht, um „ihr Selbstvertrauen zu stärken“, wie sie sich ausdrückte. Die krampfartigen Anfälle der Gastroenteritis hatten es inzwischen allerdings sehr geschwächt.

Maddy fiel auf, dass Ed diese Patientin völlig anders behandelte. Er scherzte mit ihr. Entlockte ihr sogar ein Lächeln. Als sie die Kabine wieder verließen, wirkte Miss Owen ein bisschen glücklicher.

Es dauerte eine Weile, bis sie alle betroffenen Passagiere aufgesucht hatten. Auf dem Rückweg zur Krankenstation kam ihnen eine Mutter mit ihrem Kind entgegen. Als der Junge Maddy entdeckte, stürmte er auf sie zu. „Schwester Maddy! Guck mal, ich bin ein Pirat!“

Tatsächlich, Robbie Cowley schwang ein riesiges Entermesser aus Plastik, und auf seinem schwarzen Hut prangte ein Totenschädel mit zwei gekreuzten Knochen. Nur sein T-Shirt mit dem frech grinsenden Teufelchen auf der Brust passte nicht ganz zum Outfit. Robbies rechter Arm war bandagiert.

Lachend wollte Maddy ihn in die Arme schließen, als ihr gerade noch einfiel, wo sie herkam. Je weniger Körperkontakt, desto besser.

„Komm mir lieber nicht zu nahe, Robbie“, mahnte sie, lächelte jedoch, um ihn nicht zu erschrecken. „Ich war bei einem Kranken und will dich nicht anstecken.“ Dann begrüßte sie seine Mutter. „Hallo, Mrs. Cowley. Ihr Kleiner ist mal wieder nicht zu bändigen, wie?“

Die vollbusige Blondine schüttelte lächelnd den Kopf. „Nachdem er sich den Arm aufgerissen hatte, dachte ich, er würde ein bisschen ruhiger werden. Sie haben ihm ja auch gesagt, er solle ein braver Junge sein und nicht mehr herumtoben, sonst könnte er sich noch mehr verletzen. Er hat sich wirklich bemüht, still zu sitzen. Ungefähr zwanzig Minuten lang, dann war Schluss.“

„So sind kleine Jungen nun einmal. Man darf sie keine Minute aus den Augen lassen.“ Maddy wandte sich zu Ed um und stellte ihm Mrs. Cowley vor. „Ihr Sohn Robbie musste unserer Krankenstation schon öfter einen Besuch abstatten.“ Sie zwinkerte dem Siebenjährigen zu. „Der Teufel auf seinem T-Shirt sagt alles.“

„Ich bin kein Teufel, ich bin ein Pirat!“, brüllte Robbie, sprang vor und schwang sein Entermesser.

Ed stoppte die schwungvolle Attacke und ging vor dem Jungen in die Hocke. „Eine gefährliche Waffe habt Ihr da, Captain“, sagte er. „Und einen prachtvollen Hut. Wie heißt Euer Schiff?“

„Hispaniola“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen. „Schwester Maddy hat mir aus der Schatzinsel vorgelesen, nachdem sie meinen Arm verbunden hat. Das war gut!“

„Das glaube ich. Vielleicht kann ich sie überreden, mir auch etwas vorzulesen. Aber seid vorsichtig mit Eurer tödlichen Waffe, Captain.“

Ed schien den Jungen zu mögen. Maddy hatte den Eindruck, dass er sich nur widerstrebend erhob und wieder in die Rolle des Arztes schlüpfte.

„Ich werde ein Schiff kapern“, erklärte Robbie ernsthaft. „Eins von den weißen oben an Deck.“

„Viel Glück. Das Piratenleben ist hart.“

Sie wechselten noch ein paar Worte mit Mrs. Cowley und gingen weiter.

„Robbie scheint es Ihnen angetan zu haben“, meinte Maddy.

„Ein lebhafter Junge. Gefällt mir.“ Die Antwort fiel sehr knapp aus. „Ist sein Vater auch an Bord?“

„Mrs. Cowley ist alleinerziehend. Erst kürzlich wurde bei ihr Diabetes diagnostiziert. Sie nimmt Medikamente und weiß, dass sie auf ihre Ernährung achten muss. Leider hält sie sich nicht immer daran. Ich habe versucht, ihr zu helfen, sich etwas mehr zu disziplinieren, aber es fällt ihr schwer. Kein Wunder, ein Kreuzfahrtschiff ist nicht gerade der richtige Ort, um Verzicht zu üben. Das Essensangebot ist überwältigend.“

„Also verbringt Mrs. Cowley viel Zeit in ihrer Kabine, und Robbie tollt allein auf dem Schiff herum?“

„Es gibt zwei große Spielzimmer an Bord, wo die Kinder betreut werden. Aber Robbie hat es schon öfter geschafft, unbemerkt zu entwischen. Einmal hat er versucht, auf eins der Rettungsboote zu klettern, fiel dabei hin und riss sich den Arm auf. Davor ist er ein paar Stufen hinuntergefallen und klemmte sich die Finger an einer Tür.“

„Aber er lässt sich davon nicht unterkriegen?“

„Nein, er ist wirklich ein abenteuerlustiger kleiner Kerl.“

In der Krankenstation fanden sie eine Meldung des Kapitäns vor. Er informierte sie, dass der Sturm noch zugenommen hätte, und dass die Meteorologen für die nächsten zwölf Stunden keine Entwarnung geben könnten. Kranke Passagiere an Land zu bringen, wäre äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Hubschrauberlandungen seien ausgeschlossen und Krankentransporte per Boot höchst gefährlich.

Für Nick führte jedoch kein Weg daran vorbei, sich von einem Fischkutter nach Penhally Bay zurückbringen zu lassen. „Ich habe einige Blutproben genommen, die ich genau untersuchen werde“, erklärte er. „Dafür muss ich für eine Weile ins Labor.“

Maddy sah, wie er seinen Sohn abschätzend musterte. Bildete sie es sich nur ein, oder lag auch eine Spur Mitgefühl in seinem Blick? Irgendetwas ging hier vor, und sie hätte zu gern gewusst, was.

„Kommst du klar? Bist du wirklich sicher?“, fragte Nick da.

„Natürlich.“

Wieder der prüfende Blick. Die Körpersprache der beiden Männer sandte eindeutige Signale aus. Nick wirkte entspannt und schien helfen zu wollen, während Ed die starre Haltung eines Mannes eingenommen hatte, der sich insgeheim auf eine Auseinandersetzung vorbereitete.

„Na schön“, meinte Nick schließlich. „Denk dran, ein guter Arzt fragt um Hilfe, wenn er welche braucht. Ich werde jetzt zum Kapitän gehen, denn letztendlich ist es seine Entscheidung. Wenn er einverstanden ist, bleibst du an Bord und tust, was du kannst. Du weißt ja, die nächsten zwölf bis vierundzwanzig Stunden werden besonders hart.“

„Ich mache das nicht zum ersten Mal.“

„Gut.“ Nick wandte sich an Maddy. „Freut mich, dass wir uns wiedergesehen haben. Viel Glück. Ich habe vollstes Vertrauen in Sie und Ed.“ Mit ausgreifenden Schritten verließ er die Krankenstation.

Maddy und Ed sahen sich an. „Bis heute Morgen hatten wir noch nie etwas voneinander gehört“, begann sie zögernd. „Und jetzt müssen wir zusammen eine Krise bewältigen.“

„Seltsam, ja, das stimmt. Aber ich freue mich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten und Sie näher kennenzulernen.“

Das könnte ich auch noch anders verstehen, dachte Maddy. Als sie seinen Blick suchte, sah Ed sie nur an, ohne etwas zu sagen. Und plötzlich war eine Verbindung da, wie eine verständnisvolle Berührung, die keiner Worte bedurfte. Ed starrte Maddy an. In seinen blauen Augen blitzte kurz Verwunderung auf, so als wüsste er nicht, was er davon halten sollte. Dann wurden sie ausdruckslos.

„Fangen wir an“, brach er den Zauber. „Haben Sie einen Satz OP-Kleidung, den ich mir leihen könnte?“

Sie deutete auf einen der Schränke. „Das ist der Vorteil auf einem Kreuzfahrtschiff. Frische Wäsche ist immer vorhanden.“

„Gut für uns. Bei einer Gastroenteritis-Epidemie ist Sauberkeit oberstes Gebot. Wir sollten …“

Das Telefon klingelte. Maddy nahm den Hörer ab. „Kabine B52? Wir kommen sofort.“ Sie blickte Ed an. „Noch ein Fall. Das wird nonstop so weitergehen, nicht?“

„Mit Sicherheit.“ Er schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Aber zusammen schaffen wir es.“

Ed verschwand im Nebenzimmer, um sich umzuziehen. Als er in der schlichten grünen OP-Kleidung zurückkam, fielen ihr seine muskulösen Unterarme auf. Und noch etwas: Er trug einen Ehering.

Sie war enttäuscht. Sei nicht albern, schalt sie sich, das hättest du dir eigentlich denken können. Selbstverständlich ist ein gut aussehender Mann wie Ed Roberts verheiratet.

Außerdem hatte sie doch genug von Männern. Ed und sie waren Arbeitskollegen, mehr nicht.

Der Patient in Kabine B52 zeigte die erwarteten Symptome – hohes Fieber, niedriger Blutdruck, rasender Puls und die ersten Anzeichen von Dehydrierung wie trockene Haut und Schleimhäute.

Nachdem er auch das Abdomen abgetastet hatte, nahm Ed eine Blutprobe fürs Labor und verordnete Antibiotika.

Maddy hängte den Mann an den Tropf, um mit Kochsalzlösung und Dextrose den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

Hinterher sprach Ed mit der Frau des Kranken, die die Behandlung blass und mit angespannter Miene verfolgt hatte. Wieder war Maddy beeindruckt, wie mühelos es ihm gelang, die ältere Dame zu beruhigen und ihr gleichzeitig klarzumachen, dass seine Anweisungen strikt befolgt werden müssten.

Maddys Freude darüber, mit ihm zusammenzuarbeiten, hatte jedoch einen Dämpfer erlitten. Nachdem sie die Kabine verlassen hatten, fragte sie so beiläufig wie möglich: „Ed, wird Ihre Frau nichts dagegen haben, dass Sie länger wegbleiben?“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau habe?“ Die Frage klang barsch, fast feindselig.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Mir ist nur aufgefallen, dass Sie einen Ehering tragen.“

„Meine Frau ist tot.“

Damit schien für ihn das Thema erledigt zu sein. Ohne ein weiteres Wort marschierte Ed weiter, sodass Maddy Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.

Offensichtlich hatte sie einen wunden Punkt berührt. Maddy fragte sich, ob alle Beziehungen im Schmerz endeten.

Als sie die Krankenstation betraten, hatte Ed sich wieder gefangen. „Die Situation ist immer noch kritisch“, erklärte er sachlich. „Wir sollten unsere Vorräte überprüfen, damit wir rechtzeitig Nachschub ordern können.“

„Ich werde eine Inventarliste der wichtigsten Medikamente erstellen und jede Entnahme eintragen. Dann wissen wir auf einen Blick, wann der Vorrat zur Neige geht.“

„Gut. Sie erwähnten vorhin die Stewards mit medizinischen Grundkenntnissen, die uns unterstützen könnten. Am besten entwerfen wir einen auf ihren Dienst abgestimmten Einsatzplan, sodass im Rotationsverfahren immer jemand zur Verfügung steht.“

„Sie haben so etwas schon einmal gemacht, oder?“

„Ja.“

Wenn sie gehofft hatte, mehr zu erfahren, dann täuschte sie sich. Nur der schmerzliche Ausdruck, der kurz über sein Gesicht huschte, ließ sie vermuten, dass Ed mit bedrückenden Erinnerungen kämpfte. Doch als er die weiteren Maßnahmen erläuterte, klang seine tiefe Stimme klar und sicher wie immer.

Das Klingeln des Telefons unterbrach ihn. Ed nahm den Hörer ab, meldete sich und wiederholte dann die Kabinennummer. „Ich bin gleich bei Ihnen“, versprach er.

Maddy blickte ihn fragend an.

„Der nächste Fall“, sagte er, nachdem er aufgelegt hatte. „Ich übernehme das – Sie haben hier mit der Logistik genug zu tun. Wenn ich zurück bin, besprechen wir alles Weitere.“

Er zieht das Ganze wie eine militärische Operation auf, dachte sie, als sie wieder allein war. Aber wahrscheinlich war das Problem auch nur so in den Griff zu bekommen. Ed schien nichts dem Zufall überlassen zu wollen, und das mit einer Beharrlichkeit, als wäre er persönlich betroffen. Als dürfe er um keinen Preis versagen.

Warum? Was verbarg er?

Wie Ed vorhergesagt hatte, breitete sich die Krankheit weiter aus. Ständig klingelte das Telefon. Die Fälle häuften sich. Auch unter Zeitdruck blieb Ed ruhig, stellte die Diagnose, verordnete die entsprechende Medikation und überließ Maddy dann die pflegerische Versorgung.

Aber er drängte sie, sich auf das Nötigste zu beschränken. „Maddy, wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Sie können sich nicht so intensiv um die Patienten kümmern, wie Sie es normalerweise tun würden. Sie sind die Fachkraft, Sie müssen delegieren. Was immer ein Steward für Sie übernehmen kann, lassen Sie ihn das machen. Sie werden für die spezielle Pflege gebraucht.“

Es fiel ihr schwer, ihren Patienten nicht die gewohnte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aber Ed hatte recht. Es waren einfach zu viele.

Im Laufe des Tages verschlimmerte sich die Lage noch. Maddy ahnte, dass sie wahrscheinlich die Nacht durcharbeiten würden. Und das sagte sie ihm auch.

„Machen Sie sich keine Gedanken, Maddy.“ Ed sah ihr in die Augen. „Wir schaffen es, denn wir sind ein gutes Team.“

Seine ruhige Zuversicht gab ihr Kraft. Es tat gut zu wissen, dass er Vertrauen in ihre Fähigkeiten hatte. Ja, sie arbeitete gern mit ihm zusammen.

Später am Abend, in einer ruhigen Phase, saß Maddy über der Medikamentenliste und prüfte die Vorräte.

Ed war unterwegs. „Nur ein Kontrollgang“, hatte er gesagt. „Ich schaue bei diesem und jenem Patienten vorbei, einfach, um ein Gefühl für die Situation zu bekommen.“

Eine Viertelstunde, nachdem er weg war, rief er an. „Maddy, ich bin’s, Ed.“

Verwundert stellte sie fest, wie sehr sie sich freute, seine Stimme zu hören. Was war bloß mit ihr los? Sie hatte ihn doch vor Kurzem erst gesehen. Erst dann bemerkte sie, wie verhalten, fast bedauernd er geklungen hatte. Das bedeutete nichts Gutes.

„Wo sind Sie, Ed?“

„Bei Mr. Bryce. Er fragt nach Ihnen.“

„Mr. Bryce?“, wiederholte sie besorgt. Sie waren vorhin noch in seiner Kabine gewesen, und Ed hatte den alten Herrn untersucht und ihm statt Aspirin Warfarin, ein anderes blutverdünnendes Mittel, verordnet. „Was ist mit ihm?“

Ed zögerte einen Moment. „Sein Zustand hat sich verschlechtert“, antwortete er dann in dem behutsamen Tonfall, mit dem ein Arzt Angehörige auf schlechte Nachrichten vorbereitet. „Mr. Bryce ist sehr krank und sehr schwach. Wir können nichts mehr für ihn tun. Aber er ist bei Bewusstsein – noch.“

Maddy begriff. Ihr Freund Malcolm Bryce, der einzige, den sie auf diesem Schiff hatte, lag im Sterben. Sie hatte ihn heute zweimal besucht und wäre am liebsten noch länger bei ihm geblieben, doch sie hatte einfach nicht die Zeit gehabt! Und nun würde er sterben. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie biss sich auf die Lippe. Es war so unfair. Warum musste das ihrem Freund passieren?

„Ist es in Ordnung, wenn ich zu ihm gehe?“

„Natürlich, kommen Sie her. Sie können eine Weile bei ihm bleiben. Ich habe noch woanders zu tun.“

„Danke.“

Ein Blick auf Malcolm genügte, und sie wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Für eine erfahrene Krankenschwester waren die Zeichen eindeutig. Doch Mr. Bryce war wach und erkannte sie. Als sie seine Hand nahm, lächelte er sogar.

„Ich muss Ihnen etwas sagen“, flüsterte er matt. „Als ich Sie fragte, ob Sie mich heiraten wollen … ein Scherz, ich weiß, aber … ich habe es halb ernst gemeint.“

Traurig lächelte sie den alten Mann an. „Malcolm, ich sagte Ihnen ja, dass ich nicht heiraten möchte. Aber sonst hätte ich Sie bestimmt genommen.“

„Ich fürchte, ich kann nicht mehr warten, bis Sie es sich anders überlegen, meine Liebe. Wäre ich vierzig Jahre jünger, hätte ich meine Chancen genutzt. Sie werden einen anderen Mann glücklich machen, Maddy.“

„Vielleicht.“ Sie drückte seine Hand. Seine Lider schlossen sich, und Maddy wusste, dass er das Bewusstsein nicht mehr wiedererlangen würde.

Sie war müde und musste eigentlich ins Bett. Aber Malcolm war ihr Freund, und sie wollte ihn nicht allein sterben lassen. Daher blieb sie sitzen und lauschte seinen angestrengten Atemzügen. Seit Langem war kein Mann mehr so liebenswürdig zu ihr gewesen wie er, und jetzt musste sie sich für immer von ihm verabschieden. Ihre Augen fingen an zu brennen, und die ersten Tränen rollten ihr über die Wangen. Stumm weinte sie vor sich hin.

Ein leises Klopfen an der Kabinentür ließ sie aufblicken.

Ed kam herein. Er sagte nichts, warf einen Blick auf Mr. Bryce und hob dann fragend die Augenbrauen. Sie schüttelte den Kopf und wischte sich schnell das Gesicht ab. Hier konnten sie nichts mehr tun. Doch Ed war Arzt, und er ließ es sich nicht nehmen, den alten Mann noch einmal behutsam zu untersuchen. Am Ende nickte er. Es war nur eine Frage der Zeit.

Bald darauf veränderten sich Mr. Bryce’ Atemzüge. Tiefe wechselten sich mit flachen ab, unterbrochen von kurzen Atemstillständen.

Ed und Maddy blickten sich an. Cheyne-Stokes-Atmung – der Tod war nahe.

Maddy beugte sich vor und nahm die Hand ihres Patienten. Sekunden später verstummten die Geräusche, es herrschte Stille. Malcolm Bryce war für immer von ihnen gegangen.

Maddy gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

Als sie sich wieder auf den Stuhl sinken ließ, betrachtete Ed sie nachdenklich. „Waren Sie sehr gut befreundet?“

„Ja, ich denke schon. Heute Morgen hat er mich gefragt, ob ich ihn heiraten wolle.“

„Wie bitte?“

Sie lächelte wehmütig. „Es war nur ein Scherz. Oder vielleicht ein halber Scherz. Er war ein liebenswerter Mann, und ich mochte ihn sehr. Er war seit Langem der erste, der wirklich nett zu mir gewesen ist.“

Überrascht sah er sie an. „Wirklich? Ich hätte nicht gedacht, dass Sie einen Mangel an Verehrern hätten. Sie sind eine attraktive Frau, Maddy; das wissen Sie doch selbst.“

Ein Glücksgefühl durchströmte sie, aber die Freude über das Kompliment hielt nicht lange an. Es brachte die Erinnerung an Brian zurück.

„Vielleicht“, sagte sie abwehrend. „Wissen Sie, heute Morgen … ach, es scheint eine Ewigkeit her zu sein … Ich bekam einen Anruf. Von meinem Exverlobten, er will wieder mit mir zusammen sein. Aber ich möchte es nicht … ich kann einfach nicht … Und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.“

„Warum?

„Ich bin Krankenschwester. Es ist meine Aufgabe, Kranke zu heilen. Und er war krank.“

Ed nahm ihre Hand. „Wollen Sie mir nicht davon erzählen? Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Oder wenigstens helfen, Sie zu verstehen.“

Maddy lachte auf, doch es klang nicht fröhlich. „Wer weiß? Sie und Brian haben einiges gemeinsam.“

Im ersten Moment wirkte er erstaunt, aber dann sagte er nur: „Reden Sie, es wird Ihnen guttun.“

Mit einem unterdrückten Seufzer gab sie nach. „Wir hatten uns ziemlich schnell verlobt. Er war Berufssoldat, ein gut aussehender, charmanter Mann, dem eine Frau schwer widerstehen kann. Kurz danach wurde er zu einem Kriseneinsatz einberufen und kehrte mit PTBS zurück – posttraumatischer Belastungsstörung. Brian hatte sich total verändert. Er war krankhaft misstrauisch und suchte ständig Streit. Unsere Beziehung litt darunter, und eines Tages hielt ich es nicht mehr aus. Ich hatte Angst, dass es nicht bei dem Psychoterror bleiben würde. Irgendwann wäre er gewalttätig geworden.“

„War er nicht in Behandlung?“

„Anfangs schon. Bis er nach ein paar Sitzungen meinte, die Gespräche seien nur Zeitverschwendung, und er hätte alles im Griff. Er würde auch die Medikamente nicht mehr nehmen.“

„Verraten Sie mir mehr über ihn. Was meinten Sie damit, er und ich wären uns ähnlich?“

„Brian kann sehr bestimmend sein. Er wusste, was er wollte, und setzte alles daran, es zu bekommen, weil er sicher war, das Richtige zu tun. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist gut, wenn man sich für etwas einsetzt. Solange man auf andere Menschen Rücksicht nimmt. Aber gerade das hat er nicht getan. Brian will oder kann einfach nicht akzeptieren, dass es vorbei ist. Und das ist es, glauben Sie mir!“

„Kann Ihre Familie Ihnen nicht helfen? Leben Ihre Eltern noch?“

„Nein. Sie sind vor einigen Jahren gestorben, und andere Verwandte habe ich nicht. Sie sagten, ich sei attraktiv. Vielleicht bin ich es, aber mit Männern habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Brian war der Erste, bei dem ich das Gefühl hatte, er wäre anders. Zuerst jedenfalls.“

„Verstehe.“ Ed lächelte flüchtig. „Maddy, es mag Ihnen vielleicht nicht gefallen, aber ich werde jetzt bestimmend sein. Ihr Exverlobter braucht professionelle Hilfe. Ich bin Arzt, und mit posttraumatischen Belastungsstörungen bei Armeeangehörigen kenne ich mich aus. Ich könnte ein paar Fachleute anrufen, die dafür sorgen, dass man sich um ihn kümmert. Die Militärpsychologen sind sehr gut.“

Irgendetwas an seinem Tonfall irritierte sie. Bis ihr klar wurde, was. Sie hob den Kopf und blickte ihn an. „Das klingt, als hätten Sie persönlich diese Erfahrung auch schon gemacht.“

Er zögerte kurz, ehe er antwortete. „Man hatte mir einige psychologische Tests verordnet, ob ich wollte oder nicht.“

„Weil Sie Anzeichen mentaler Probleme zeigten?“

Er lachte auf, aber es klang bitter. „Im Gegenteil. Sie wunderten sich, dass ich keine zeigte, nach allem, was ich erlebt hatte.“

„Was war das?“

Die Antwort fiel knapp aus. „Darüber rede ich nicht.“

Während sie noch überlegte, was sie sagen sollte, fügte er freundlicher hinzu: „Sie sind müde, Maddy.“ Sein Blick glitt zu Mr. Bryce.

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