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Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 23

Olivia Gates, Fiona McArthur, Meredith Webber

Julia präsentiert Ärzte zum Verlieben, Band 23

OLIVIA GATES

Dieser charmante Dr. Da Costa!

„Diesmal läufst du mir nicht davon, Jewel Johansson!“ Roque hat sich geschworen, seine Noch-Ehefrau zurückzuerobern. Die allerdings stellt sich stur. Doch so schnell gibt der smarte Chirurg nicht auf. In der Urwaldklinik werden sie zwar nur Kollegen sein, aber er hofft, dass so manche zärtliche Geste im Zauber des Regenwaldes Jewels Herz erweicht …

FIONA MCARTHUR

Wunder des Lebens – Wunder der Liebe

Als Arzt sagt man Stewart Kramer nach, er bringe die Sonne im Herzen seiner kleinen Patienten wieder zum Strahlen. Die junge Frau aber, um die er sich nach einem Zugunglück kümmert, weckt ganz andere Gefühle in ihm: Sie beschleunigt seinen Puls derart, dass er mit der ganzen Kraft seiner Liebe um ihr Leben und das ihres Babys kämpft.

MEREDITH WEBBER

Zum Träumen schön

Liebe auf den ersten Blick? Das ist verrückt! Dr. McGregor hatte bisher nur einen Traum: Kinderarzt in seiner schottischen Heimat zu werden. Seine Gefühle für Kate, die neue Schwester des Notfallteams, müssen ein vorübergehender Virus sein! Aber sie bleiben und werden stärker. Was, wenn er nun zwischen seiner Liebe zu Kate und seinem Traum wählen muss?

Olivia Gates

Dieser charmante
Dr. Da Costa!

1. KAPITEL

„Wenn das nicht meine geliebte Ehefrau ist …“

Die tiefe, volltönende Stimme mit dem spöttischen Unterton ließ Jewel Johansson zusammenzucken.

Sie war gerade damit beschäftigt, eine Transportkiste zu packen, und fuhr nun hoch. Die Boote auf dem schlammigen rötlichen Wasser des Rio Solimões und die mit Stroh oder Wellblech gedeckten Hütten am Ufer verschwammen vor ihren Augen.

Nein, bitte nicht. Nicht er. Das konnte doch nicht sein!

Und doch war er es. Roque. Kein Zweifel. Die Stimme kannte sie unter Tausenden heraus.

Meine Ehefrau, hatte er gesagt. Nicht Exfrau.

Verschiedene Szenarien spulten sekundenschnell in Jewels Kopf ab. Und jedes brachte die Bitterkeit und Enttäuschung zurück, die sie längst überwunden zu haben glaubte.

Der Impuls, einfach wegzulaufen, sich gar nicht umzusehen, ob er tatsächlich da stand, war fast übermächtig. Sie wollte ihm nicht gegenübertreten, auf keinen Fall …

Stopp! Jetzt nicht die Nerven verlieren! Denk nach! Jewel wusste, dass Flucht keine Lösung war. Sie musste sich der Begegnung stellen.

Aber zuerst einmal galt es, den unerwarteten Schock zu überwinden und ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Das Beste würde sein, ganz normal mit ihrer Arbeit weiterzumachen. Also verstaute sie Medikamente und medizinische Ausrüstung in der Kiste.

Dann erst wandte sie sich mit der eindrucksvoll lässigen Körperhaltung, die sie als ehemaliges Model immer noch perfekt beherrschte, um. Sie schaute Roque an – konnte aber nicht verhindern, dass Tränen in ihr aufstiegen.

Die gleißende Vormittagssonne ließ sie blinzeln, und sie hob die Hand, um ihre Augen zu beschatten. Was würde wohl passieren, wenn ihre Blicke sich trafen? Aber das geschah nicht, denn seine Augen waren hinter den dunklen Gläsern einer Sonnenbrille verborgen.

Wieder einmal war er ihr gegenüber im Vorteil. Roque konnte sie sehen, ihr in die Augen schauen und ihre Gedanken und Gefühle erkunden. Er selbst jedoch verschanzte sich hinter einer Barriere aus getöntem Glas.

Roque stieß einen leisen Pfiff aus. „Also hatten die Leute recht, die mir von dir erzählt haben“, sagte er. „Sie haben mir allerdings verschwiegen, dass du noch schöner geworden bist.“ Er sprach Englisch mit dem weichen portugiesischen Akzent des Brasilianers.

Was sollte diese Bemerkung denn nun wieder? Wollte er etwa mit ihr flirten?

Ohne den Blick von ihm zu wenden, beobachtete Jewel, wie er auf sie zukam. Dicht vor ihr blieb er stehen. Sein Knie berührte ihr Bein, seine Schulter ihre. Jewel fuhr zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Roque hatte sich seit damals kaum verändert. Er strahlte immer noch die geschmeidige Eleganz eines Panthers aus und jene unerschütterliche Selbstsicherheit, die ihr so imponiert hatte. Zehn Jahre war das jetzt her. Achtundzwanzig war er bei ihrer ersten Begegnung gewesen. Zwei Jahre lang hatte sich für Jewel alles nur um ihn gedreht.

Er war immer noch schlank, seine Schultern waren im Lauf der Jahre jedoch breiter geworden, und er hatte ein paar Kilo Gewicht zugelegt. Aber das fiel nur ihr auf, weil sie ihn von früher kannte. Sein Gesicht hingegen war mit den Jahren eher markanter geworden.

Als er langsam die Sonnenbrille abnahm und Jewel seine faszinierenden Augen sah, schrillten sämtliche Alarmglocken in ihr.

„Nun, willst du deinen bedauernswerten verlassenen Ehemann nicht umarmen?“ Wieder dieser ironische Ton.

Lass dich nicht beeindrucken. Sag was! Jewel atmete tief ein. „Hallo, Roque“, erwiderte sie so gleichmütig wie möglich. „Was führt dich denn nach Tabatinga?“

Sie war erleichtert, dass sie die Worte herausgebracht hatte, ohne sich ihre Aufregung anmerken zu lassen.

„Hallo, Roque.“ Er ahmte ihren Ton nach. „Ist das alles, was du nach acht Jahren zu sagen hast, minha Jóia?“

Minha Jóia – mein Juwel. So hatte er sie in Anspielung auf ihren Vornamen immer genannt, wenn sie in seinen Armen gelegen hatte.

Was war nur mit ihr los? Warum waren ihr diese Erinnerungen plötzlich so klar und eindeutig präsent, als sei das alles erst gestern passiert? Es war doch längst vorbei und vergessen.

„Was mich nach Tabatinga führt …“ Er unterbrach sich und musterte sie forschend. Unwillkürlich folgte sie seinem Blick. Verflixt! Ihr dünnes olivgrünes T-Shirt klebte in der feuchten Hitze am Körper, und die Spitzen ihrer Brüste, die sich deutlich unter dem Stoff abzeichneten, verrieten, dass sie auf sein Erscheinen nicht so cool reagierte, wie sie ihm weismachen wollte.

Den Bruchteil einer Sekunde verharrte sein Blick auf ihren Brüsten, bevor er den Kopf hob und Jewel anschaute. „Was sollte mich schon hierher in den Urwald locken, wenn nicht der brennende Wunsch, dich wiederzusehen, minha Jóia?“

Wie kam er dazu, mit ihr zu flirten? Und das tat er, kein Zweifel.

Noch eine Veränderung registrierte Jewel bei ihm. Eine beunruhigende. Der Roque Aguiar Da Costa, den sie gekannt hatte, war liebenswürdig und charmant gewesen. Der Roque aber, der jetzt vor ihr stand, strahlte eine unübersehbare Aura von Härte und Autorität aus.

Nun, sie war kein Teenager mehr, der sich von Männern seiner Art beeindrucken ließ. Sie war dreißig, und fast zehn Jahre harter Arbeit hatten sie selbstbewusst und unabhängig gemacht. Roque störte sie bei den Vorbereitungen für ein Projekt, an dessen Planung sie ein Jahr gearbeitet hatte. Sie hatte nur den einen Wunsch, dass er sie in Ruhe weitermachen ließ.

„Dann bist du also 2500 Meilen von Rio de Janeiro bis hierher an die brasilianisch-kolumbianische Grenze gereist, um mich wiederzusehen? Nun, das hast du ja jetzt.“ Ihre Stimme klang kühl. „Oder kann ich sonst noch etwas für dich tun?“

„Eine Menge.“

Die Doppeldeutigkeit seiner Worte traf sie wie ein Schlag. Lass dich von ihm nicht einschüchtern. Hör auf, ihm Fragen zu stellen. Beende das Gespräch sofort.

Sie richtete sich so hoch wie möglich auf, was bei einer Größe von einem Meter und dreiundsechzig nicht sehr imponierend wirkte. Es störte sie, dass er sie weit überragte und sie zu ihm aufschauen musste. „Okay, Roque, schön, dich zu sehen. Was auch immer dich herführt, ich jedenfalls habe einen Job zu erledigen …“

Lautes Stimmengewirr unterbrach sie. Jewel fuhr herum und sah einen Lastwagen heranbrausen, der mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. Die dichte Staubwolke, die dabei aufgewirbelt wurde, brachte sie zum Husten. Eine Horde Menschen sprang von dem klapperigen Vehikel und kam unter lautem Rufen in einem kaum verständlichen Gemisch aus Portugiesisch und dem hiesigen Dialekt auf sie und Roque zugelaufen.

Jewel hörte aus dem ganzen Geschrei nur das Wort Schlange heraus. Offensichtlich war jemand von einer Giftschlange gebissen worden.

Sie musste helfen. Sofort. Jewel setzte sich in Richtung Boot in Bewegung, auf dem sie bereits ihre medizinische Ausrüstung verstaut hatte. Aber Roque war ihr bereits voraus und sprang auf das Boot. Als sie ebenfalls mit einem Sprung an Bord hechtete, fing er sie in seinen starken Armen auf. Bevor sie protestieren konnte, ließ er sie los. „Geh mir aus dem Weg, Roque“, fuhr sie ihn an. Das war ihr Sanitätsboot. Er versperrte ihr den Zugang zum Deckshaus, in dem sie ihre medizinische Ausrüstung aufbewahrte.

Roque musterte sie amüsiert. „Nun mal langsam. Weißt du denn überhaupt, wo wir das Opfer des Schlangenbisses finden?“

Wir? Sie hatte sich wohl verhört. „Sie haben mich um Hilfe gebeten, nicht dich.“

Er hob die Brauen. „Da bist du dir sicher, obwohl du kein Wort verstanden hast?“

„Ja, das weiß ich ganz genau. Sie wenden sich immer an mich, wenn es Probleme gibt, seit sie wissen, dass ich dieses Projekt leite. Du brauchst dich nicht einzumischen, das ist völlig unnötig. Ich gehe davon aus, du hast wichtigere Dinge zu tun.“

„Findest du, es gibt Wichtigeres, als einem Menschen in Lebensgefahr zu helfen? Für was für eine Art von Arzt hältst du mich eigentlich?“

„Das ist mir egal. Geh mir aus dem Weg, Roque.“

Er schüttelte den Kopf. „Statt dankbar zu sein, dass du Hilfe bekommst, willst du mich wegjagen. Soll ich vielleicht über Bord springen?“

Ihre Aufregung legte sich allmählich. Obwohl sie wusste, dass es falsch war, antwortete sie: „Solange du mich nicht von der Arbeit abhältst, kannst du ruhig weiter hier herumstehen. Übrigens – warum sollte ich für dein unerwartetes Erscheinen dankbar sein? Als ich dich das letzte Mal sah, warst du Chirurg und kein Unfallarzt.“

Er verzog spöttisch den Mund. „Als ich dich das letzte Mal sah, standst du vor der Kamera eines Modefotografen und führtest Haute Couture vor.“

„Dein Gedächtnis scheint auch nicht mehr das beste zu sein. Bei unserer letzten Begegnung lag ich unter einem Röntgengerät und einem Computertomografen.“

Einen Augenblick herrschte Stille. Verflixt! Warum hatte sie sich dazu hinreißen lassen, die Vergangenheit anzusprechen? Das würde ihn ermutigen, weiterzureden.

Aber zu ihrer Überraschung sagte er nichts. Roque drehte sich um und ging zu der Reihe niedriger Holzschränke. Er rüttelte an einer der Türen, doch sie war verschlossen. „Wo sind die Schlüssel?“

Jewel bebte vor Wut, begann aber, in den Taschen ihrer Kakihose danach zu suchen. Woher wusste er überhaupt, wo was zu finden war? Trieb er sich schon länger hier herum und hatte ihr nachspioniert?

Da er sich nicht von der Stelle rührte, musste Jewel sich an ihm vorbeidrängen, um das Schränkchen aufzuschließen.

Ärgerlicher auf sich selbst als auf ihn, nahm sie verschiedene Medikamente aus dem Schrank und stopfte sie in ihre große Arzttasche. Roque warf einen Blick in die Tasche und ergänzte ihre Ausrüstung. Wütend wollte Jewel den Reißverschluss mit einem Ruck zuziehen, da griff er nach ihrem Handgelenk und hielt sie fest. Sofort versuchte sie, sich loszureißen.

Kühl und gelassen begegnete er ihrem flammenden Blick. „Die am häufigsten vorkommenden Giftschlangen in dieser Gegend sind die Jararaca, deren Gift eine gefährliche Blutvergiftung auslöst, und Surucucu Pico-de-Jacca, die die Atmung ihrer Opfer lähmt. Hast du das geeignete Gegengift zur Verfügung?“

Das wurde ja immer rätselhafter! Wie kam ein Großstadtchirurg dazu, sich mit den Schlangenarten im brasilianischen Urwald auszukennen?

Unmöglich konnte er so gut Bescheid wissen wie sie. Schließlich hatte sie einen Intensivkursus für Urwaldmedizin im Trainingszentrum in Manaus besucht.

Roque hatte seinen Griff nicht gelockert. Er wollte eine Antwort. Energisch riss Jewel sich los und zog den Reißverschluss zu. „Ich habe ein Antiserum gegen das Gift der Korallenschlange und außerdem ein Breitband-Antiserum.“

„Cro Fab nicht?“

Er kannte sich gut aus. Cro Fab war ein neues Breitband-Antiserum, das aus dem Blut von Schafen gewonnen wurde. „Wie stellst du dir das vor? Das Zeug kostet siebenhundert Dollar pro Ampulle. Die Global Aid Organisation, die unsere Expedition finanziert, kann so viel Geld nicht ausgeben.“

„Und hast du wenigstens Medikamente, die gegen den Schock wirken?“

Er musste sich diese Kenntnisse erst kürzlich angeeignet haben. Warum hätte er sich als Chirurg mit solchen Fragen beschäftigen sollen? Wieso wusste er, dass es bei der Anwendung von Breitband-Seren manchmal zu Schockreaktionen kam?

Jewel jedenfalls war auf alles vorbereitet. „Sicher, ich habe eine vollständige Ausrüstung“, ließ sie ihn wissen.

Doch er gab sich immer noch nicht zufrieden. „Wie steht’s mit einer chirurgischen Notausrüstung? Vielleicht brauchen wir die.“

„Hast du nicht zugehört? Ich sagte, ich verfüge über eine vollständige Ausrüstung.“

Ihre Verärgerung entlockte ihm nur ein gleichmütiges Achselzucken. „Ich als Chirurg verstehe darunter vielleicht etwas anderes als du als Internistin. Das bist du ja wohl, Jóia.“

Er wusste alles über sie. Doch jetzt blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern.

Roque griff nach der großen Tasche, die ein beachtliches Gewicht hatte. Kurzerhand entwand Jewel sie ihm und lief zu der kleinen Treppe, die an der Bordwand lehnte. Während sie mit der schweren Last auf der Schulter die wackeligen Treppenstufen hinabstieg, war er mit einem Satz auf den Landungssteg gesprungen und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr zu helfen. Jewel ignorierte ihn, doch er griff einfach entschlossen zu und hob sie mitsamt ihrer Tasche auf die hölzerne Pier.

Das hatte nur Sekunden gedauert, und Roque hatte sie gleich wieder losgelassen. Aber ihre Haut prickelte, wo seine Hände sie berührt hatten. Lächerlich, diese Reaktion, schalt sie sich im Stillen.

Jewel überließ Roque die Tasche und lief zum Lastwagen. Ihre beiden Mitarbeiter Inácio und Madeline, ein Krankenpfleger und eine Krankenschwester, warteten bereits. Roque war trotz der schweren Tasche schneller als Jewel, sprang auf die Ladefläche und beugte sich zu ihr hinunter. Er nahm ihre Hände und zog sie mit einem Ruck hoch. Bevor sie noch festen Stand gefunden hatte, fuhr der Lastwagen mit durchdrehenden Reifen an. Eine gewaltige rötliche Staubwolke stieg auf.

Jewel wurde durch die plötzliche Beschleunigung nach hinten gerissen. Einen Moment lang fürchtete sie, rücklings von der Ladefläche zu stürzen, aber dann spürte sie wieder Roques Hände, die sie festhielten.

In Panik warf sie sich an seine Brust und klammerte sich an ihn. Unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.

Roque drückte sie beruhigend an sich und führte sie vorsichtig zu einem Platz, wo sie sich setzen konnte. Jewel schaute ihn unsicher an, entdeckte in seinen Augen aber nur Sorge um ihr Wohlergehen.

Die widersprüchlichsten Gefühle stürmten auf sie ein. Hielt er sie jetzt für eine Memme, die ohne männliche Unterstützung nicht zurechtkam? So, wie sie damals gewesen war?

Sie musste anerkennen, dass er sie durch seine blitzschnelle Reaktion vor einem Sturz mit nicht absehbaren Folgen bewahrt hatte. Trotzdem wurde sie den Eindruck nicht los, dass er bei aller ehrlich gemeinten Fürsorge und Freundlichkeit ein heimliches Vergnügen an der Situation empfand.

Freundlichkeit? Dafür gab es zwischen ihnen keinen Anlass. Getrennt hatten sie sich damals im Streit. Warum also versuchte er jetzt so zu tun, als sei nichts gewesen?

Was hatte sein Benehmen zu bedeuten? Warum war er überhaupt hier? Und was wollte er von ihr? Womöglich brauchte er sie für seine Einbürgerung in die USA …

„Die Leute haben mir eben erklärt“, sagte Roque, „warum sie das Opfer des Schlangenbisses nicht zu uns gebracht haben. Der Vorfall liegt schon zwei Tage zurück. Das Opfer ist ihr Schamane. Sie fanden ihn im Dschungel, in Fieberfantasien.“

Jewel staunte, dass Roque mit dem Dialekt der Einheimischen offenbar keine Probleme hatte. „Dann war unsere Diskussion über das Antiserum völlig nutzlos“, erwiderte sie. „Du weißt bestimmt, dass es nur wirkt, wenn es innerhalb von vier Stunden nach dem Biss gegeben wird. Warum haben sie so lange gewartet, bis sie Hilfe holten? Warum haben sie überhaupt Hilfe geholt? Normalerweise verfügen die Urwaldbewohner über einen reichen Erfahrungsschatz in der Behandlung von Schlangenbissen.“

Roque zog die Brauen zusammen. „Diese Kenntnisse gehen auch hier langsam verloren, leider. Die Menschen sind mehr oder weniger Opfer der Zivilisation geworden. Innerhalb weniger Generationen hat sich ihre alte Lebensweise total verändert. Nur eins ist noch genauso stark wie früher – ihr Aberglaube. Deshalb haben sie sich nicht getraut, den Schamanen selbst zu behandeln oder zu uns zu bringen. Übrigens – sie haben mich gewarnt, dass wir von den Geistern bestraft würden, falls er stirbt.“

„Das kenne ich auch von anderen Stämmen.“

Roque lehnte sich gegen die Bordwand. „Und diese Drohungen ängstigen dich nicht?“

„Oh, die sind nicht ernst gemeint. Die Leute reden – aber sie tun nichts.“

„Die Kollegen im Militärkrankenhaus sehen das anders. Wegen der ständigen Todesdrohungen lehnen sie es ab, solche Fälle zu behandeln. Deshalb sind die Leute zu uns gekommen.“

Jewel überhörte das Wort „uns“ und schaute zu den Einheimischen hinüber. Sie wirkten keineswegs bedrohlich. „Vielleicht sind die Krankenhausärzte etwas zu ängstlich“, meinte sie.

Roque schüttete den Kopf. „Sie haben keine Angst, sie sind nur vorsichtig. In dieser Gegend ist man auf sich allein gestellt. Die paar Hundert Mann der brasilianischen Grenzkontrollen müssen 850 Kilometer Grenze zwischen Brasilien, Kolumbien und Peru kontrollieren. In dem Gebiet siedeln über einhunderttausend Menschen. Es gibt jede Menge Rauschgiftschmuggler, Wilddiebe und illegalen Fischfang. Da ist es verständlich, dass sie sich nicht auch noch um solche heiklen humanitären Fälle kümmern.“

Jewel wusste das alles, wunderte sich aber über Roques Detailkenntnisse. Sie zuckte die Achseln. „Ich habe nur aus meiner eigenen Erfahrung gesprochen.“

„Vielleicht hattest du bisher Glück, weil du mit deinen Behandlungen erfolgreich warst.“

„Das war nicht immer der Fall. Aber mir ist trotzdem nie etwas passiert. Eigentlich glaube ich, dass diese Drohungen nur so etwas wie ein Ritual darstellen. Ich habe die Menschen hier immer freundlich erlebt und dankbar für jede Hilfe.“ Sie lächelte verschmitzt. „Du siehst ja, ich lebe noch.“

Beinahe erschrocken hielt sie inne, als sie den Ausdruck in seinen Augen bemerkte. Klopfenden Herzens folgte sie der Bewegung seiner Hand, die er auf ihre linke Wange legte. Er berührte die feine Narbe, die sich von der Augenbraue bis zu ihrem Wangenbein zog. Ganz plötzlich waren die Erinnerungen wieder da. So hatte Roque sie auch damals tröstend gestreichelt. Seine Liebkosungen hatten sie regelmäßig dahinschmelzen lassen vor Lust, sodass ihr Widerstand jedes Mal schnell zusammenbrach. Sie hatte sich dafür gehasst.

Jetzt schob er die Finger in ihr Haar. Wieso ließ sie das geschehen? Warum prickelte ihre Haut plötzlich so unsagbar wonnevoll?

Jewel rührte sich nicht.

„Du redest so, als würdest du dich schon lange hier in der Gegend aufhalten“, raunte er ihr zu. „Ich weiß aber, dass du erst seit einer Woche hier bist.“

Was wusste er noch alles über sie? Sie drückte sich an die Holzwand des Lastwagens und versuchte, die schmerzende Stelle in ihrem Nacken zu kneten. „Ich war schon in anderen Regenwaldgebieten. Vermutlich sind die Gegebenheiten überall ziemlich gleich.“

Ohne zu fragen, schob er ihre Hand beiseite und begann, ihren Nacken zu massieren. „Du irrst dich. Das Grenzgebiet von Brasilien und Kolumbien ist ein besonders gefährliches Terrain. Und die Menschen, die hier leben, sind durch die ständige Gefahr für Leib und Leben misstrauisch und unberechenbar geworden.“

Seine Fingerspitzen hatten exakt die Stelle gefunden, von wo der Schmerz ausstrahlte – Jewel spürte, wie sie sich allmählich entspannte. Aber sie spürte auch noch etwas anderes, etwas, von dem sie angenommen hatte, es gehöre der Vergangenheit an.

„Glaubst du wirklich, die Leute meinen ihre Drohungen ernst?“, fragte sie.

Roque schnaubte verächtlich. „Es ist mir egal, wie ernst sie es meinen. Ich werde wegen des idiotischen Aberglaubens keinen Mann sterben lassen. Und ich lasse auch nicht zu, dass sie dir etwas antun.“

Sofort läuteten bei Jewel wieder die Alarmglocken. Diese plötzliche Ritterlichkeit kam doch nicht von ungefähr, dafür musste es einen Grund geben. Einen Grund, den sie nicht kannte. „Ach, heißt das, du beziehst diese Drohungen nicht auf dich?“

„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen, minha Jóia.“

„Und von mir nimmst du an, ich könnte das nicht?“

„Nicht so gut wie ich.“ Bevor sie wütend auffahren konnte, griff er nach ihrer Hand. „Ich bin vorbereitet, wie du gleich merken wirst …“ Er führte ihre Hand unter seine Baumwolljacke bis zu seinem Gürtel – Jewel zuckte zurück, als sie die Pistole im Gürtelhalfter ertastete. Eine ziemlich große Pistole …

Sie riss erschrocken die Augen auf. „Bist du etwa in Militär- oder Geheimdienstoperationen verwickelt?“

„Nein, ich finde es nur unverantwortlich, ohne Vorsichtsmaßnahmen in so gefährliche Gegenden zu reisen.“

„Für unsere Expedition wurden uns bewaffnete Wächter zugeteilt. Sie folgen uns dort hinten in dem Jeep.“

Roque warf einen flüchtigen Blick über die Schulter zurück und sah Jewel dann amüsiert an. „Du meinst also, ich soll um Hilfe rufen, wenn die Situation brenzlig wird?“

Bei dem Gedanken, dieser große, starke Mann könne irgendwann tatsächlich um Hilfe rufen, musste selbst sie lachen. Roque stimmte ein, wurde aber gleich wieder ernst. Man könnte meinen, die Jahre der Trennung hätte es nie gegeben. Die Spannung, die bisher zwischen ihnen geherrscht hatte, wich von einer Sekunde zur anderen dem Gefühl alter Vertrautheit. Jewel war so gefangen von der Präsenz dieses Mannes, dass sie die neugierigen Blicke ihrer beiden Assistenten gar nicht bemerkte.

Roques kehliges Lachen hatte in ihr die Erinnerung an die Leidenschaft, die sie einmal für ihn empfunden hatte, geweckt. Auf einmal knisterte die Atmosphäre förmlich vor unausgesprochenen Emotionen.

„Wir sind da, Leute.“ Madelines Ruf katapultierte Jewel in die Wirklichkeit zurück. Der Lastwagen hatte auf einer Lichtung angehalten. Mindestens ein Dutzend Männer und Frauen in billiger westlicher Kleidung und mit bemalten Gesichtern umringten das Fahrzeug. Sie fuchtelten aufgeregt mit den Händen in der Luft herum und forderten die Ankömmlinge auf, sich zu beeilen.

Roque erlebte nicht zum ersten Mal eine solche Situation. Er hatte dabei mit hervorragenden jüngeren Medizinern zusammengearbeitet – aber manchmal auch mit Stümpern. Er als der ältere, erfahrene Arzt trug die Verantwortung für die Behandlung des Kranken. Ob Jewel sich im Ernstfall bewähren würde, wusste er nicht. Sie schien eine solide medizinische Ausbildung durchlaufen zu haben und hatte außerdem im Schulungszentrum der GAO an speziellen Kursen für den Einsatz in Krisenregionen teilgenommen. Aber wie gut sie in der Praxis war, würde sich erst noch herausstellen.

An Selbstvertrauen schien es ihr nicht zu mangeln. Sofort nachdem sie in die Hütte des Schamanen Qirmaco geschlüpft waren, hatte sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Sie hatte weder auf Roques Anweisungen gewartet noch ihn um Rat gefragt. Tatsächlich agierte sie so, als sei Roque gar nicht anwesend. Sie schien zu glauben, dass Chirurgen von Notfallmedizin ohnehin nichts verstanden – im Gegensatz zu ihr.

Roque verzichtete darauf, auf sein Recht als ranghöherer Arzt zu pochen. Er kümmerte sich besser um Qirmacos geschwollenes Bein, bevor die Schwester Madeline O’Brien übernahm.

Kurzentschlossen hockte er sich ans Fußende von Qirmacos Lager und winkte Madeline, ihm zu helfen. Dabei registrierte er, wie Jewel ihre Anweisungen in fließendem Portugiesisch an Inácio weitergab.

Erstaunt horchte er auf. Was für eine Entwicklung! Vor fast zehn Jahren hatte sie nicht mehr als zwei Dutzend Worte auf Portugiesisch sagen können.

Offensichtlich hatte sie die Sprache nach ihrer Trennung intensiv gelernt. Wieso? Er schüttelte irritiert den Kopf.

Doch er sagte nichts und untersuchte das Bein des Schamanen, das Madeline inzwischen freigelegt hatte. Der Anblick, der sich Roque bot, war der Albtraum jedes Unfallchirurgen – ein grotesk angeschwollener und rotblau verfärbter Oberschenkel. Die Ursache dafür war sofort zu erkennen – eine viel zu stramm angelegte Aderpresse, die die Blutzirkulation unterbrochen hatte.

Wer auch immer dem Mann das Bein abgebunden hatte, um zu verhindern, dass das Schlangengift sich im Körper ausbreitete, wusste nicht, dass eine Aderpresse nur half, wenn sie innerhalb einer Minute nach dem Biss der Giftschlange angelegt wurde. Das Gift hatte sich also längst im Körper des Schamanen verbreitet. Und die Aderpresse hatte ihm nur unerträgliche Schmerzen bereitet und diese monströse Schwellung hervorgerufen.

„Schere!“ Madeline reichte sie ihm sofort. Mehrere Dorfbewohner, die sich mit in die Hütte gedrängt hatten, um zu beobachten, was die Weißen mit ihrem Schamanen anstellten, verfolgten misstrauisch, wie er die Schnur durchschnitt, die Qirmacos Bein abgeschnürt hatte. Roque sog scharf die Luft ein, als er sah, dass die stramm gezogene Schnur eine tiefe, blutige Wunde in den Oberschenkel gegraben hatte. Fast schien es, als käme jede Rettung zu spät.

Zum Teufel mit bösen Vorahnungen! Und zum Teufel mit den Dorfbewohnern, denen offenbar alle Kenntnisse ihrer Vorfahren in der Behandlung von Schlangenbissen abhandengekommen waren.

Roque fluchte im Stillen. Aber er hatte trotzdem Verständnis für diese Menschen. Der Kontakt mit der Außenwelt hatte sie entwurzelt. Kenntnisse, die ihren Vorfahren das Überleben gesichert hatten, waren längst verloren. Die meisten Schamanen waren über siebzig. Nachfolger gab es keine. Wenn die alten Männer wegstarben, dann würden diese Menschen völlig hilflos sein.

Und hier lag Qirmaco, einer der alten Schamanen, den die Dummheit seiner eigenen Stammesbrüder womöglich das Leben kostete.

Madeline deutete besorgt auf die starke Blutung der Wunden. Aus Qirmacos Mund und Nase floss ebenfalls Blut. Roque konnte auch ohne Inácios gemurmelten Hinweis, der Blutdruck sei gefährlich niedrig, erkennen, dass der Schamane an akuten Durchblutungsstörungen litt. Das Schlangengift hatte offensichtlich den Gerinnungsfaktor des Blutes massiv vermindert.

„Könnte es helfen, ihm ein Antiserum zu injizieren?“, wandte sich Roque mit gedämpfter Stimme an Jewel. Berechtigte Frage, denn das Antiserum bewirkte normalerweise, dass die Blutgerinnung wieder funktionierte.

„Nein, nicht so lange Zeit nach dem Biss.“

Roque nickte – Jewel kannte sich also aus. Er nannte Madeline eine Reihe von chirurgischen Instrumenten, die er brauchte. Es war nötig, mehrere Einschnitte in die verkrampfte Muskulatur des Beines zu machen, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Madeline suchte die Instrumente rasch heraus und legte sie auf ein sauberes Tuch. Aus dem Augenwinkel registrierte Roque, wie Jewel das batteriebetriebene Absauggerät absetzte, mit dem sie die Atemwege des Patienten frei gemacht hatte.

Dreißig Sekunden später hatte sie Qirmaco einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre geschoben und presste über den Atemsack in rascher Folge große Mengen von Sauerstoff in die Lunge des Schamanen.

Roque war beeindruckt über die routinierte Schnelligkeit, mit der sie handelte.

„Wie ist sein Blutdruck?“, fragte sie Inácio.

„Seine Venen sind völlig zusammengefallen.“

„Okay, dann legen wir eine Kanüle an seine Hauptvene in der Brust. Er braucht dringend Flüssigkeit, er ist völlig ausgetrocknet.“

Roque runzelte die Stirn. Eine Kanüle in der zentralen Vene war eine wirksame, aber nicht ungefährliche Maßnahme. Er würde es vorziehen, mit einem kleinen Schnitt die Vene am anderen Fuß des Patienten zu öffnen und die Kanüle dort anzulegen.

„Warum versuchst du es nicht mit einem Venenschnitt?“, wandte Roque ein.

Jewel schaute nur kurz zu ihm hoch. „Ich will sein gesundes Bein nicht auch noch belasten. Die zentrale Vene gibt uns außerdem bessere Möglichkeiten, schnell und präzise zu reagieren, falls nötig. Aber das weißt du ja sicher.“

„Wenn wir ihm vorher eine Dosis Antibiotikum und Tetanus spritzen, wird die Auswirkung auf sein gesundes Bein minimal sein …“

„Aber sie ist trotzdem gegeben.“

„Ein Venenschnitt ist viel unproblematischer“, beharrte er.

„Nicht in diesem Fall. Möglicherweise verliert er ein Bein. Deshalb möchte ich das andere unversehrt lassen.“

So einfach ließ er sich nicht überzeugen. „Was du vorhast, ist ein Job für einen Chirurgen.“

Sie funkelte ihn an. „Warum kümmerst du dich nicht um die Leute draußen und lässt mich in Ruhe meine Arbeit machen? Ich werde hier sehr gut ohne dich fertig.“

Mit diesen Worten wandte sie ihm den Rücken zu und beugte sich wieder über den Patienten. Roque beobachtete sie aufmerksam, bereit, jederzeit blitzschnell einzugreifen. Madeline hatte die Brust des Kranken sterilisiert und mit einem sauberen Tuch abgedeckt, das nur eine kleine Stelle frei ließ. Roque registrierte fasziniert, wie Jewel mit einer Sicherheit, die nur von langer Übung herrühren konnte, die lange Injektionsnadel in die zentrale Vene schob. In weniger als einer Minute hatte sie den Katheter gelegt und befestigt.

Roque merkte, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte, und stieß nun die Luft aus. Gerade wollte er Jewel empfehlen, Qirmaco eine Dosis Mannitol zu verabreichen, um die Venen zu weiten, als er bemerkte, dass sie schon dabei war, genau das zu tun.

Natürlich hatte er bereits vor seiner Anreise in Erfahrung gebracht, dass Jewel Ärztin geworden und seit drei Jahren in verschiedenen Regionen Brasiliens für die GAO tätig war. Aber es gab solche und solche Ärzte – Jewel schien jedoch zu den guten zu gehören, soweit er das bisher beurteilen konnte.

Immer noch irritiert, fragte er sich, wie ein ehemaliges Top-Model, die seelisch verletzte junge Frau, die er geheiratet hatte, zur Medizin gekommen war.

„Sind Sie bereit, Dr. äh …“

Roque sah Madeline an. Er hatte noch gar keine Zeit gehabt, sich vorzustellen. Inácio und sie hatten wohl aus Jewels Verhalten geschlossen, dass sie einander kannten, und ihn akzeptiert.

„Dr. Aguiar Da Costa. Aber nennen Sie mich Roque.“ Er suchte Jewels Blick – und da war es wieder, dieses Gefühl unwiderstehlicher Anziehung. Neun Jahre lang hatte er sich einzureden versucht, er habe sich das damals nur eingebildet …

„Ich werde einen Muskeleinschnitt machen, um den Nerv, der das Bein verkrampfen lässt, zu unterbrechen. Willst du mir dabei assistieren, Jóia?“

Ihre Augen blitzten. Was dachte sie? Dass er sie auf die Probe stellen wollte?

Nach kurzem Nachdenken nickte Jewel. Madeline machte ihr sofort Platz und reichte ihr ein Paar steriler Handschuhe und eine Atemmaske.

Jewel hockte sich auf die andere Seite des Patienten und sah Roque an. „Welchen Nervenknotenpunkt willst du unterbrechen?“

„Welchen würdest du nehmen?“

Ihre Brauen schossen in die Höhe. „Was soll das werden? Ein Test?“

„Wenn ich mich auf deine Hilfe verlassen soll, wäre es doch gut zu wissen, wie viel du davon verstehst, oder nicht?“

„Wir haben keine Zeit für solchen Unsinn“, zischte sie.

„Oh, bisher haben wir keine Zeit verloren. Es ist erst acht Minuten her, seit wir hier hereingekommen sind.“

Jewel nahm ihm die Injektionsspritze aus der Hand. „Wie wäre es mit einer kurzen Demonstration? Vielleicht kann ich dir ja noch etwas über den Eingriff bei einem zentralen Nervenknoten beibringen.“

Roque spürte, wie sein Puls sich erneut beschleunigte. „Zeig es mir.“

Das tat sie. Und demonstrierte ihm damit ihr überragendes Können.

Nachdem sie das lokale Betäubungsmittel injiziert hatte, benutzten beide die Wartezeit, bis die Wirkung eintrat, um das Verbandszeug und die Pflasterstreifen bereitzulegen, die sie nach der Operation brauchen würden. Dann begann Roque mit der Operation.

Zuerst machte er einen circa zwölf Zentimeter langen Einschnitt auf der Außenseite des Oberschenkels, dann wiederholte er den Schnitt auf der Innenseite. Das sollte verhindern, dass die angespannten Muskeln einseitig belastet würden.

Jewel tupfte das Blut und die austretende Wundflüssigkeit ab. Sie wusste in jeder Sekunde genau, was er brauchte, und reagierte sofort. Roque warf ihr über den Rand seiner Atemmaske hinweg einen gleichermaßen erstaunten wie bewundernden Blick zu.

Es war offensichtlich, dass sie das hier nicht zum ersten Mal tat. Sie hatte Erfahrung mit solchen Operationen. Beachtlich in so wenigen Jahren …

Schließlich hatte Roque den Eingriff abgeschlossen. „Und was nun?“ Er wusste, dass die nachoperative Versorgung solcher Patienten selbst für erfahrene Internisten nicht unproblematisch war. Warum nur konnte er es nicht lassen, Jewel erneut auf die Probe zu stellen?

Zu seiner großen Erleichterung bewältigte sie auch diese Aufgabe ohne Schwierigkeiten. Routiniert und ruhig tat sie genau das Richtige – sie säuberte die Wunde und legte eine Drainage, damit die Flüssigkeit abfließen konnte. Dann wurden die Wundränder mit starken Klebestreifen zusammengezogen und das Bein verbunden.

Zu seiner Erleichterung bekam Roque von Inácio die Bestätigung, auf die er gehofft hatte. Qirmacos Blutdruck hatte sich zufriedenstellend erhöht, und sein Herz schlug regelmäßig. Auch in seinem verletzten Bein war die Durchblutung wieder in Ordnung.

Roque trat aus der Hütte und verkündete den versammelten Dorfbewohnern die frohe Nachricht. Dieselben Leute, die erst kurz zuvor düstere Drohungen ausgestoßen hatten, jubelten ihm nun zu.

Zwei Stunden später kehrten Roque, Jewel und ihre beiden Helfer, beladen mit allen möglichen exotischen Geschenken, zum Lastwagen zurück. Roque hielt sich neben Jewel, wie die ganze Zeit während des spontanen Festes, das die Dorfbewohner anlässlich des Operationserfolgs ausgerichtet hatten. Erst jetzt bemerkte er ihre Erschöpfung. Sie atmete schwer, und über ihrer Oberlippe zeigte sich ein feiner Schweißfilm.

Nachdem er ihr geholfen hatte, sich hinzusetzen und gegen die Seitenwand der Ladefläche zu lehnen, schaute sie zu ihm hoch. „In zwei, drei Tagen müssen wir noch einmal hierher, um die Wunden zu nähen und neu zu verbinden. Es darf nicht zu einer Wundinfektion kommen – oder Schlimmerem.“

Schlimmerem? Damit konnte sie nur eine Amputation meinen. Obwohl er sonst recht gut in der Lage war, die Heilungschancen von Patienten einzuschätzen, fühlte Roque sich in diesem Fall verunsichert.

Er versuchte, seine Antwort so optimistisch wie möglich klingen zu lassen. „Jóia, ich denke, der Schamane wird noch lange durch den Urwald laufen können.“

„Das nehme ich auch an.“ Sie holte tief Luft und brachte hervor: „Es war gut, dich bei uns zu haben, Roque.“

Diese Bemerkung hätte ihn eigentlich freuen sollen, aber er empfand sie wie eine kalte Dusche. Sie brachte die Erinnerung an seine Gefühle zurück, als Jewel ihn damals ohne ein Wort der Erklärung verlassen hatte.

Nach einer lastenden Pause klang seine Stimme kühl und gepresst. „Ich war also in deinen Augen tatsächlich mal nützlich? Vor neun Jahren hast du mir bereits einmal klargemacht, wozu ich tauge – Sex und eine Ehe. Der Sex war zu deinem Vergnügen, damit konntest du vor deinen Freundinnen prahlen. Und die Ehe mit mir hast du benutzt, um dich an deinen hochnäsigen Eltern und deinem miesen Exverlobten zu rächen. Du hast den Mann geheiratet, mit dem du sie alle am meisten ärgern konntest.“

Er sah, wie ihr Gesicht kreidebleich wurde.

Als sie ihm antwortete, klang ihre Stimme tonlos. „Es war ja zu erwarten, dass wir wieder anfangen zu streiten. Zum Glück werden wir einander nicht sehr viel länger ertragen müssen.“

„Was macht dich da so sicher?“

Sie sah ihn kühl an. „Die paar Tage, die es dauert, bis es Qirmaco wieder besser geht, können wir uns so gut wie möglich aus dem Weg gehen. Übrigens hast du mir immer noch nicht verraten, was dich eigentlich hierherführt.“ Sie lächelte herablassend. „Aber behalt es ruhig für dich. Es interessiert mich im Grunde gar nicht.“

„Nur ein bisschen neugierig, nicht wahr? Ich bin sicher, du hast dir schon Gedanken gemacht.“

Jewel zuckte die Achseln. „Kaum. In dieser Gegend treiben sich eine Menge Leute herum – Chirurgen gehören allerdings normalerweise nicht dazu.“

Sie gab sich ganz cool. Aber er spürte die unterschwellige Spannung, die zwischen ihnen herrschte.

Roque drehte sich um und stieß mit dem Knie an ihre Hüfte. Sofort rückte sie von ihm ab. Als er ihr die Hand auf den bloßen Arm legte, fing ihre Haut sofort an zu prickeln.

„Ist dir nicht in den Sinn gekommen, ich könnte mich danach sehnen, dich wiederzusehen, Jóia? Vielleicht möchte ich auch einfach nur hier arbeiten? Genau das ist der Fall. Ich bin hier, um mich an der Expedition zu beteiligen.“

Sie lachte ungläubig auf. „Lass den Unsinn. Auf keinen Fall wirst du an einer meiner Expeditionen teilnehmen.“

Roque bedachte sie mit einem triumphierenden Lächeln. „Da hast du recht. Ich werde nicht einfach bloß an deiner Expedition teilnehmen, ich werde sie leiten.“

2. KAPITEL

„Überrascht?“

Roque registrierte, wie ihre Miene versteinerte und ihr Körper erstarrte. Dann plötzlich entspannte Jewel sich. Offenbar hielt sie seine Worte für einen Witz, für den Versuch, sie auf den Arm zu nehmen. „Netter Versuch, Roque. Du weißt, dass es für mich absolut inakzeptabel ist, dich als Leiter meiner Expedition anzuerkennen.“

„Stört dich der Begriff ‚Leiter‘ vielleicht? Wie wäre es mit ‚Chef‘? Ich persönlich würde das gute alte ‚Boss‘ bevorzugen. Aus deinem Mund würde das wunderbar klingen …“

„Ich werde dich auf keinen Fall so nennen“, stieß sie verärgert hervor.

Er rückte näher an sie heran, bis er sie fast berührte. „Du brauchst nichts zu sagen, meine Schöne. Du brauchst mich bloß anzufassen.“

Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Lass diese alberne Verführungsmasche, Roque.“ Aber ihre Stimme klang rau vor Erregung.

Auch Roque spürte, wie heißes Verlangen in ihm aufstieg. Ihr Anblick, ihre Stimme, die Berührung ihrer Hüften – all das ließ ihn daran denken, wie es früher einmal zwischen ihnen gewesen war.

„Wer sagt denn, dass das mit der Verführung nur eine Masche ist, mein Schatz?“

Sie schnappte nach Luft und sah ihn voller Verachtung an. Wie konnte er nur annehmen, dass sie nach so langer Zeit noch Gefühle für ihn hatte? Er war ein Narr gewesen, zu glauben, sie liebte ihn vielleicht noch. Jetzt sah er seinen Irrtum ein. Leider änderte das nichts daran, dass er sie immer noch begehrenswert fand.

Roque nahm sein Handy aus der Tasche und drückte es Jewel in die Hand. „Hier, ruf die GAO-Zentrale an, und lass dir bestätigen, dass ich die Wahrheit gesagt habe.“

Sie zögerte nur einen Moment, dann atmete sie tief durch und tippte die Nummer ein. Nachdem sie sich ein paar Minuten mit dem Verwaltungschef unterhalten hatte, las er in ihren Augen eine Abfolge verschiedenster Emotionen: die Erkenntnis, dass er die Wahrheit gesagt hatte, dann Zorn und Enttäuschung. Die Auskunft, die sie erhielt, traf sie offensichtlich wie ein Schock.

Roque bedauerte, der Grund für ihren Gefühlswirrwarr zu sein. Aber er konnte es ihr nicht ersparen. Er konnte nicht so einfach wieder aus ihrem Leben verschwinden wie sie damals aus seinem. Es gab so viele Fragen, auf die er eine Antwort brauchte. Nach dem Baby zum Beispiel, das sie verloren hatte. Verloren? Oder nicht gewollt?

Sie hatte sich seit damals sehr verändert, war ernsthafter geworden, erfahrener. Erfahrener auch mit Männern? Welch eine überflüssige Frage. Sie hatten beide ihr eigenes Leben gelebt seit dem Ende ihrer kurzen Ehe.

Jewel schaltete das Telefon aus und hielt es ihm wortlos hin.

„Es stimmt also. Was mich jetzt nur noch interessiert, ist, wie du das hinbekommen hast. Und wieso du es getan hast. Das war von Anfang an mein Projekt.“

„Ich weiß. Und du hast einen wunderbaren Job gemacht, alles zu organisieren.“ Sein Lob war ehrlich gemeint. Sie hatte Enormes geleistet. „Jedenfalls hast du deinen großen Auftritt.“

Ihre hübsch geschwungenen Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. „Was soll das denn heißen? Kannst du mir das bitte erklären?“

„Aber das wissen wir doch beide ganz genau, Jóia.

„Du irrst dich“, stieß sie gepresst hervor. „Ich verstehe kein Wort von dem, was du redest.“

Man hätte tatsächlich glauben können, dass sie nicht wusste, was er meinte. Eine überzeugende Vorstellung. So überzeugend wie damals die Verletzlichkeit und Melancholie, die sie ihm vorgegaukelt und die seine Verliebtheit in eine Obsession verwandelt hatte. Es dauerte eine Zeit, bis Roque begriff, dass sie nicht nur ihm, sondern der Öffentlichkeit etwas vorgespielt hatte. Nach ihrem Unfall hatte Jewel die Traurigkeit allerdings nicht mehr gespielt, denn sie war zur bitteren Realität geworden.

Doch jetzt war davon nichts mehr zu merken. Jewel hatte sich sehr verändert.

Vielleicht, weil sie einen noch besseren Weg gefunden hatte, wieder im Rampenlicht zu stehen? Ihr Einsatz als Ärztin, die sich als Abenteurerin in entlegenen Winkeln der Erde für humanitäre Ziele einsetzte, gepaart mit ihrer Schönheit, sicherte ihr die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Und deshalb war er hier. Er wollte verhindern, dass sie die Expedition und ihre Teilnehmer als Plattform für ihren großen Auftritt benutzte.

„Also? Was soll das?“, zischte Jewel.

Seine Miene verdüsterte sich. „Du hast ein Filmteam herbestellt, nicht wahr?“

„Wie bitte?“ Sie starrte ihn entgeistert an. „Was soll diese Frage?“

„Ich gebe zu, das ist eine sehr clevere Idee. Viele Expeditionen sind im brasilianischen Regenwald unterwegs gewesen. Aber keine hat bisher versucht, die Region Vale do Jovari aufzusuchen, um die Krankheiten der dort lebenden Ureinwohner zu analysieren und eine Rettung dieser vom Aussterben bedrohten Menschen zu versuchen. Ich frage mich, aus welchem Motiv heraus du ein so gewagtes Unternehmen angehst.“

Roque hatte alles über sie in Erfahrung gebracht, er wusste genau Bescheid über ihr Studium und ihre verschiedenen beruflichen Engagements. Ihr Privatleben war bei diesen Recherchen erstaunlicherweise im Dunkel geblieben – als existiere es gar nicht.

„Was willst du damit sagen?“, empörte sich Jewel.

„Als ob du das nicht genau wüsstest. Ein Filmteam, der Urwald am Amazonas, ein vom Aussterben bedrohter Stamm, eine Rettungsaktion der GAO – das sind doch die Versatzstücke für eine brisante Fernsehreportage. Und du stehst selbstverständlich im Mittelpunkt. Wenn das kein Aufsehen erregt, was dann?“

Sie starrte ihn wortlos an. Roque bemerkte, wie ihr Gesicht sich vor Zorn rötete. War sie wütend, weil er sie durchschaut hatte? Gleich würde sie alles abstreiten …

Richtig! „Die Fernsehsendung … du glaubst, deswegen bin ich hier?“

Er verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln. „Etwa nicht?“

„Nein, verdammt. Du mit deinen verrückten Ideen … Aber du bist wohl hier, um in die Fernsehdokumentation einzusteigen. Deshalb mischst du dich in mein Projekt ein.“

„Es ist nicht dein Projekt, sondern das der GAO. Und es liegt allein bei ihnen, zu entscheiden, wer für solch eine heikle Mission perfekt ausgestattet ist.“

„Und du hältst dich für perfekt ausgestattet?“

Die Doppeldeutigkeit dieser Worte ließ sie erröten. In diesem Moment erinnerte sie Roque wieder an die scheue junge Frau, die sie einmal gewesen war.

„Das bin ich.“ Er rückte etwas näher an sie heran. „Weißt du etwa nicht mehr?“

Sie wich zurück. „Lass mich in Ruhe mit diesem Unsinn. Die Reportage war nicht meine Idee. Sie wurde uns vorgeschlagen. Ich fand es großartig, Millionen von Fernsehzuschauern auf die Probleme der vom Aussterben bedrohten Menschen aufmerksam zu machen.“

Er lachte auf. „Und gleichzeitig ist es für dich der Start einer verheißungsvollen Fernsehkarriere, oder nicht? Du bist doch der Star der Sendung.“

„Ich, der Star? Wie kommst du auf diese lächerliche Idee?“

„Wirst du etwa nicht diejenige sein, die einem Millionenpublikum die herzzerreißende Story aus dem geheimnisumwitterten Urwald präsentiert?“

Sie schwieg einen Moment, dann nickte sie bedächtig. „Die Fernsehleute haben mich tatsächlich gebeten, mit meinem Team vor der Kamera zu agieren. Wieso auch nicht? Ich habe mir andere Produktionen von denen angesehen, und die schienen mir durchaus interessant und gut gemacht. Ich weiß nicht, wie die GAO mit ihnen ins Geschäft gekommen ist.“ Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Du warst es! Du hast das Ganze ausgebrütet, um die Expedition wirtschaftlich zu nutzen.“

„Ich habe gar nichts ausgebrütet. Ich habe ihnen nur einige Informationen über die Expedition zur Verfügung gestellt. Der Produktionsleiter und der Regisseur drehen hauptsächlich solche Dokumentarshows. Sie kennen deine Karriere als Topmodel und wussten also, dass du mal in einer ähnlichen Branche tätig warst. Daraus haben sie ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen.“

„Dann waren sie es also, die das Geld für die Expedition zur Verfügung gestellt haben. Und deshalb hat die GAO dir die Leitung übertragen.“

„Das ist nicht ganz richtig.“ Er zuckte gleichmütig die Achseln. „Das war das Mindeste, was sie tun konnten – schließlich finanziere ich die ganze Sache.“

Für das, was sich nach dieser Eröffnung auf Jewels Gesicht abzeichnete, hätte ein neues Wort erfunden werden müssen. Schock wäre zu milde ausgedrückt gewesen. Sie schnappte entgeistert nach Luft. „Mir ist klar, dass die Expedition mindestens eine Million Dollar kostet – du hast anscheinend eine reiche Erbin geheiratet.“

Interessant … Jewel wusste also nichts über ihn. Sie hatte nicht versucht, Informationen über ihn einzuholen.

Roque drängte sie in die Ecke der Ladefläche, sodass sie gewissermaßen in der Falle saß. Langsam fing die Sache an, ihm Spaß zu machen.

Mit einem süffisanten Lächeln fragte er: „Wie sollte ich eine reiche Erbin heiraten, wenn ich immer noch an dich gebunden bin, mein Engel? Ich bin doch kein Bigamist.“

„Wir sind nicht mehr verheiratet. Das ist unmöglich.“ Ihre Stimme klang wie ein heiseres Krächzen. Es kann sein, dass er recht hat, du Dummkopf …

„Wir sind nicht mehr verheiratet“, wiederholte sie starrköpfig. So, als ob sie den Satz nur oft genug aussprechen musste, damit er Realität würde.

Er quittierte ihre offensichtliche Schockiertheit mit einem amüsierten Grinsen. „Dein Entsetzen tut mir weh, mein Schatz. Ich hatte erwartet, du würdest jubeln, weil ich noch immer dein Ehemann bin.“

„Du bist nicht mein Mann!“

„Erst war ich nicht der Leiter der Expedition, jetzt bin ich nicht mehr dein Ehemann – was bin ich denn noch alles nicht?“

„Zum Beispiel bist du nicht geeignet, diese Expedition zu führen.“

„Ist dir da nicht etwas entgangen, meine Süße? Ich bin Chirurg mit großer Erfahrung in Notfallmedizin, Thoraxoperationen und allen modernen OP-Techniken. Die restliche Aufzählung meiner Qualifikationen erspare ich dir. Du hingegen bist nur Internistin.“

Sein Spott war genau das richtige Mittel, sie ihren Schock überwinden zu lassen und ihren Zorn wieder anzuheizen. Die beißende Ironie war eine Eigenschaft, die Jewel noch nicht an ihm kannte. Er musste sie sich in den vergangenen Jahren zugelegt haben.

„Nur Internistin?“ Sie schäumte förmlich vor Wut.

„Aber so ist es doch“, erwiderte er gelassen. „Eine junge und unerfahrene Internistin noch dazu. Dein Studium hast du erst vor wenigen Jahren abgeschlossen.“

Wenn er die GAO-Unterlagen über sie sorgfältig studiert hatte, musste er eigentlich wissen, dass sie in der kurzen Zeit ausreichend Erfahrungen hatte sammeln können und dass ihre Qualifikation außer Zweifel stand.

„Und deshalb bin ich dir unterlegen?“, stieß sie wütend hervor.

Gönnerhaft erwiderte er: „Nein, es macht dich zu einer großartigen Nummer zwei.“

Der Drang, ihm ins Gesicht zu schlagen, wurde fast unwiderstehlich. „Pass auf, sonst kannst du was erleben.“

Die dichten schwarzen Augenbrauen schossen in die Höhe, und seine Augen blitzten. Roque warf den Kopf zurück und brach in schallendes Gelächter aus.

„Oh, Jóia.“ Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Das wird ja noch viel spannender als erwartet.“

„Es wird weder spannend noch sonst etwas – der Spaß ist hiermit zu Ende, Roque. Zum Wohl der Expedition. Wenn du meinst, du könntest mich in den nächsten acht Wochen herumscheuchen, wie es dir passt, hast du dich geirrt …“

„Wie kommst du dazu, solche Schlüsse zu ziehen? Du weißt doch nicht das Geringste über mich.“

Damit hatte er recht. Aber das würde sie nie zugeben. Also hob sie herausfordernd das Kinn an. „Ich weiß genug über dich.“

Er warf ihr einen forschenden Blick zu, der sie erröten ließ. „Als wir heirateten, kanntest du meinen Namen, mein Alter und meinen Beruf. Mehr hat dich anscheinend nicht interessiert.“

„Ich wusste alles, was ich wissen musste“, konterte sie. „Ich wusste, dass du schon vor dem letzten Examen angefangen hattest, zu arbeiten …“

„Ja, in dem Krankenhaus, dessen Direktor dein aufgeblasener Exverlobter war und das zum großen Teil deinem Vater gehörte. Da war es ja nicht schwer, solche simplen Dinge über mich zu erfahren.“

Oh, sie hatte mehr über ihn erfahren, viel mehr. Über seine Freunde, Studienkollegen – und Frauen. Sie wusste, dass er keine Familie mehr hatte und zeit seines Lebens an der Armutsgrenze leben musste. Er besaß nur eine zeitlich begrenzte US-Aufenthaltsgenehmigung. Das war der wahre Grund gewesen, warum er sie hatte heiraten wollen – und nicht, weil er sie liebte, wie er geschworen hatte.

„Deine Informationen über mich sind also mehr als begrenzt“, wiederholte er. „Hat deine Mutter dir nicht beigebracht, sich mit Spekulationen über andere Menschen zurückzuhalten, minha Jóia?“

Sie spürte einen scharfen Schmerz, der ihr die Brust zusammenzog und den Atem nahm. Als sie schließlich antwortete, klang ihre Stimme verzweifelt. „Ich hatte angenommen, du wüsstest wenigstens, dass meine Mutter mir nie etwas beigebracht hat. Als ich dich geheiratet habe, war sie so entsetzt, dass sie jeden Kontakt zu mir abbrach. Sie hat mir nie verziehen, dass ich meinen standesgemäßen Verlobten deinetwegen verließ. Ich habe sie länger nicht gesehen als dich.“

Sein bronzefarbener Teint wurde einige Schattierungen dunkler. Aus Zorn? Nein, es wirkte eher wie Scham oder Betroffenheit. Wieso schämte er sich jetzt, obwohl es seine Absicht gewesen war, sie zu beleidigen?

Seine nächsten Worte bestätigten, dass sie seine Reaktion richtig eingeschätzt hatte. „Jóia, vergib mir. Ich war hässlich zu dir. Natürlich weiß ich, wie schwer du es mit deiner Mutter hattest, wie sehr dich ihr Verhalten verletzt hat, besonders nach deinem Unfall. Ich wollte dir nicht wehtun, entschuldige bitte meine unbedachten Bemerkungen.“

Sie sah ihn entgeistert an. Es tat ihm leid? Er entschuldigte sich tatsächlich bei ihr? Seit seiner Ankunft hier hatte er es nur darauf angelegt, sie zu verletzen …

Jewel gab sich cool, zuckte die Achseln. „Wie gesagt, das hat mich nicht getroffen.“

Nein, nicht seine Bemerkung über ihre Mutter. Aber sein Verhalten, das ihrem Gefühl von Fairness widersprach und sie wütend machte. Für sie gab es keinen Grund, ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben.

Jewel versuchte es noch einmal in aller Ruhe. „Hör zu, Roque. Wenn du dich wirklich an der Expedition beteiligen möchtest, warum überlässt du mir nicht die Arbeit, machst es dir auf dem Boot bequem und greifst nur dann ein, wenn deine Qualitäten als Chirurg gefragt sind? Die Leitung der Expedition erfordert Erfahrung mit den Gegebenheiten und vor allem organisatorische Flexibilität.“

Er verzog das Gesicht. „Dann wäre es doch das Beste, wenn du dich um die organisatorischen Fragen kümmerst und mir den medizinischen Teil überlässt. Du bist eine gute Ärztin, aber für eine solch schwierige Aufgabe einfach nicht erfahren genug.“

„Du würdest dich wundern, wie erfahren ich bin“, platzte sie heraus, erschrak jedoch gleich über die Doppeldeutigkeit ihrer Worte.

Natürlich ließ er diese Vorlage nicht ungenutzt. „Ich kann es kaum erwarten, das herauszufinden.“

„Spar dir diese albernen Bemerkungen. Wenn du tatsächlich diese Expedition finanzierst, muss das ja noch lange nicht bedeuten, dass du daran teilnehmen und Leuten mit Erfahrung im Weg stehen musst, oder?“

„Je mehr du deine angebliche Erfahrung betonst, desto mehr reizt es mich, herauszufinden, wie es damit in Wirklichkeit steht.“

„Hör endlich auf, mir das Wort im Mund umzudrehen. Keine Ahnung, woher die Million Dollar stammt, die du in das Unternehmen steckst, aber glaube ja nicht, du kannst dich mit dem Geld einfach einkaufen.“

„Ohne mich gäbe es diese Expedition überhaupt nicht, mein Juwel“, erinnerte er sie voller Genugtuung.

„Nenn mich nicht so … ich bin nicht mehr deine Frau. Ich war nie wirklich deine Frau. Das weißt du genau.“

„Oh, ich fürchte, dieses kleine Geheimnis hast du mir vorenthalten. Ich jedenfalls habe mich der Illusion hingegeben, wir beide gehören zusammen, in guten wie in schlechten Zeiten. Diese Vorstellung habe ich auch heute noch. Plus aller gültigen Dokumente und Unterlagen, die mir das Recht dazu geben.“

Gültige Dokumente? Er würde in einer so wichtigen Frage nicht lügen. Schließlich konnte sie die Wahrheit ja ganz einfach herausfinden.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag – er hatte recht, sie waren noch verheiratet.

Oh, mein Gott!

Warum hatte er sich nicht längst scheiden lassen? Und, noch wichtiger, warum tauchte er so plötzlich wieder in ihrem Leben auf? „Wieso hast du die GAO benutzt, um die Sache mit der Reportage einzufädeln? Wolltest du dich an mir rächen?“

Roque hob erstaunt die Brauen. „Warum sollte ich mich an dir rächen wollen?“

„Was weiß ich.“ Ja, warum eigentlich?

„Falls ich das, aus welchem Grund auch immer, wollte, warum dann erst nach so vielen Jahren? Warum akzeptierst du die Dinge nicht, wie sie sind? Dass ich nur deshalb hier bin, um eine Expedition zu leiten, die mich viel Geld kostet. Und um dir zu helfen, falls erforderlich.“

„Ich brauche deine Hilfe nicht“, empörte sich Jewel. „Unfassbar, dass die GAO mir so etwas zumutet.“

„Was stört dich denn so? Ich bin hier, um zu arbeiten und um dich wiederzusehen.“

„Auf Letzteres bin ich nicht scharf, nur dass du’s weißt.“

Er stieß einen erstaunten Pfiff aus. „Okay, das ist nur natürlich. Schließlich warst du es, die mir weggelaufen ist. Das war übrigens alles andere als nett, meine Schöne.“

Jewel fühlte sich völlig erschöpft, ausgelaugt. Und sie war dieser Diskussionen überdrüssig. „Warum reist du nicht einfach wieder ab, Roque, und lässt mich in Ruhe meine Arbeit machen?“, versuchte sie es noch einmal.

Roque wandte sich ab und schaute über die Seitenwand der Ladefläche. Sie folgte seinem Blick und bemerkte, dass sie sich wieder der Pier näherten. Die Sonne ging gerade unter. Und der übliche heftige tropische Regenguss setzte ohne Vorwarnung ein.

Innerhalb von Sekunden waren beide bis auf die Haut durchnässt. Doch Jewel hatte sich längst an diesen täglichen Platzregen gewöhnt.

„Ich bin dir noch eine Antwort auf deine letzte Frage schuldig.“ Roque deutete auf den Fluss. „Siehst du den Rio Solimões, meine Schöne? Der friert eher zu und wir können auf ihm Schlittschuh laufen, als dass ich wieder verschwinde. Ich bleibe, Jóia. Finde dich damit ab.“

Das Herz hämmerte ihr in der Brust, ihre Augen blitzten. In diesem Augenblick hielt der Lastwagen abrupt an. Jewel sprang auf – und plötzlich wurde es schwarz um sie herum.

Wenige Sekunden später kam sie in Roques Armen wieder zu sich. Sie hatte einen kurzen Blackout gehabt, vielleicht, weil sie so hastig aufgesprungen war.

„Ganz ruhig, Jóia. Ich bringe dich in deine Kabine.“ Roques Lippen streiften ihre Stirn.

Jewel löste sich aus seiner Umarmung, versuchte, auf die Beine zu kommen, und kämpfte um ihr Gleichgewicht. Roque sprang behände vom Lastwagen und streckte ihr die Arme entgegen. Noch ziemlich benommen, griff sie automatisch haltsuchend nach seinen Händen. Roque half ihr von der Ladefläche hinunter und hob sie hoch. Diesmal wehrte sie sich nicht.

„Lass mich jetzt bitte runter“, sagte sie wenig später leise, doch Roque überhörte ihre Bitte. Madeline und Inácio folgten ihnen und taten so, als sei es das Normalste der Welt, dass Jewel sich tragen ließ. Himmel, was müssen die beiden jetzt von mir denken, fuhr es ihr durch den Kopf.

Die Einheimischen auf der Pier reagierten nicht so zurückhaltend, sondern musterten den ungewohnten Anblick mit unverhohlener Neugier. Welchen Eindruck von ihren professionellen Qualitäten würden sie jetzt bekommen?

„Lass mich sofort runter, Roque, sonst schreie ich.“

Widerstrebend setzte er sie ab, hielt sie aber weiterhin fest im Arm. Um sich von ihm zu lösen, müsste sie vor den neugierigen Zuschauern eine Szene machen. Darauf konnte sie gut verzichten. Also fand sie sich mit der Situation ab. Am meisten ärgerte sie, dass Roques Nähe heiße Wellen der Erregung durch ihren Körper jagte. Sie mochte ihn aus ihren Gedanken verdrängt haben, aber ihr Körper erinnerte sich nur zu gut an ihn.

Nein, rief Jewel sich zur Ordnung, Schluss damit, das führt doch zu nichts.

Erneut versuchte sie, sich ihm zu entwinden. Schließlich ließ er den Arm sinken, griff jedoch nach ihrer Hand. Er drückte sie fest und so vertraulich, dass sie sich nicht loszureißen wagte.

„Jewel, hör mir zu. Es tut mir leid, dass ich vorhin so aggressiv gegen dich war. Ich habe es nicht so gemeint. Ich wollte nur dafür sorgen, dass du rasch in deine Kabine kommst. Schon in dem Dorf konntest du kaum noch stehen. Ich weiß, dass du in den letzten Nächten jeweils nicht mehr als drei, vier Stunden geschlafen hast, weil die Vorbereitungen dich so in Anspruch genommen haben.“

Sie musterte ihn forschend. „Haben die beiden dir etwa …“

„Ja, Madeline und Inácio haben es mir gesagt.“

„Du hast sie ausgefragt? Wann?“ Sie winkte ab. „Oh, ich weiß, wann. Auf dem Dorffest warst du mal kurz mit ihnen allein. Hast du ihnen dein Herz ausgeschüttet?“

„Du meinst, ob ich ihnen gesagt habe, dass ich dein verschollener Ehemann bin? Aber sicher. Sie sollen doch bestimmt nicht annehmen, dass jeder Mann, der des Weges kommt, so vertraut mit dir umgehen darf?“

„Wieso vertraut?“ Jewel verstummte resigniert. Egal, wie sie jetzt argumentierte, es würde ihre Lage nicht verbessern. Sollte er doch den Macho spielen. Ihr blieb noch eine Möglichkeit, dem allem zu entgehen.

„Also gut, Roque, du hast gewonnen.“

Er sah sie erstaunt an.

Freu dich nicht zu früh, dachte sie.

Als er besitzergreifend den Arm um ihre Hüfte schlang, bemerkte Jewel verwundert, wie sein Gesicht plötzlich einen entspannten, gelösten Ausdruck annahm.

Sie trat einen Schritt zur Seite, sodass er sie loslassen musste, und maß ihn mit einem vernichtenden Blick. „Du kannst bleiben, Roque. Ich gehe.“

3. KAPITEL

Roque blickte Jewel hinterher, wie sie zum Boot ging.

Offenbar war er dazu verdammt, sie immer wieder weggehen zu sehen.

In diesem Moment gab es nur eins für ihn: Das durfte nicht schon wieder passieren! Also blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst das Feld zu räumen.

Er folgte ihr langsam, während die Gedanken sich in seinem Kopf überschlugen. Gleichzeitig empfand er eine Mischung aus Zorn, Enttäuschung und Erregung.

Roque betrachtete ihre schlanke Figur, während sie die Pier entlang zu dem stabilen Boot mit den drei Decks schritt, das er für die Expedition ausgesucht hatte. Sie hatte ja keine Ahnung, dass er in dieses Abenteuer viel mehr Geld investiert hatte als die eine Million Dollar, die sie vermutete.

Vor allem das Boot hatte einen Haufen Geld gekostet. Er hatte es vollständig renovieren lassen, nicht nur für diese eine Expedition, sondern als Basis für eine dauerhafte medizinische Versorgung der Menschen in dieser Region. Große Teile des Rumpfes waren erneuert worden, und der Motor war ebenfalls neu. Roque hatte sogar eine Klimaanlage einbauen und die Kabinen und Gemeinschaftsräume neu mit Holz verkleiden lassen. Indem er den humanitären Helfern eine angenehme Umgebung schaffte, wollte er demonstrieren, wie sehr er deren Engagement schätzte.

Das Boot hatte er sorgfältig ausgesucht und sich schließlich dafür entschieden, weil es das einzige war, das auf dem oberen Deck einen abgetrennten Wohnbereich besaß. Den hatte er für sich selbst vorgesehen, um sich von der restlichen Besatzung, vor allem jedoch von Jewel, fernzuhalten. Aber das war jetzt nicht mehr aktuell. Inzwischen verzehrte er sich förmlich danach, diesen privaten Bereich mit ihr zu teilen. Aber vorher musste er sie erst einmal überzeugen, zu bleiben.

Roque sprang aufs Deck und ging zu ihrer Kabine. Energisch stieß er die Tür auf und nickte grimmig. Jewel stand über einen offenen Koffer gebeugt und fuhr herum, als sie ihn hereinkommen hörte.

„Mach, dass du verschwindest“, fauchte sie ihn an.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr, schob sie zur Seite und klappte den Koffer zu. „Ich bleibe hier. Und du auch.“

Unsanft packte er sie bei den Schultern. Wollte auf sie einreden, sie überzeugen, die Expedition nicht im Stich zu lassen. Doch plötzlich vergaß er das alles. Er sah nur noch ihre Augen, ihr seidiges Haar, und ihr Atem streifte sein Gesicht.

Roque trat ganz nah an sie heran. Beim Zurückweichen kam Jewel leicht ins Straucheln. Unwillkürlich griff sie haltsuchend nach seinem Arm.

Er fing sie auf und zog sie an sich. Zusammen sanken sie auf den Teppich. Im letzten Moment drehte er sie so, dass sie halb auf ihm zu liegen kam.

Himmel, wie hatte er das Gefühl vermisst, sie in den Armen zu halten …

Jewel bewegte die Lippen, murmelte seinen Namen. So war es damals immer gewesen, wenn sie einander berührten.

Als sein Mund ihren streifte, öffnete sie die Lippen und gab seiner forschenden Zunge nach.

Roque empfand seine Erregung fast schmerzhaft. Er strich über ihr Haar, ihr Gesicht, ihren Hals, und ließ seine Hand dann tiefer gleiten – bis zu ihren Brüsten. Sie stöhnte leise auf. Er sah in ihre Augen und entdeckte dort den Widerschein der Leidenschaft, die sie schon immer aneinander gefesselt hatte.

Trotzdem hatte Jewel ihn verlassen. Als sei sie seiner überdrüssig geworden.

Aber in diesem Moment wollte sie ihn, sie klammerte sich regelrecht an ihn. Er spürte, wie sie ihm die Hüften entgegendrängte.

Sie wollte ihn, und er wollte sie. Er würde sie lieben, leidenschaftlich, ohne Ende, ohne Gedanken an die Konsequenzen …

Roque riss sich die Leinenjacke und das schweißnasse Hemd vom Leib und zog ihr das T-Shirt über den Kopf. Dann nestelte er am Verschluss ihres BHs. Jewel hob leicht den Oberkörper an, um ihm zu helfen.

Ihren ganzen Körper wollte er mit Küssen bedecken, angefangen bei ihrer Stirn. Seine Lippen würden die Narbe nachzeichnen, die von der Wange aus den Hals entlang bis zu ihrer linken Brust lief. Eine Folge des damaligen Unfalls. Er störte sich nicht daran.

Als er sie endlich vollständig entkleidet hatte, richtete er sich auf, um ihre Schönheit zu bewundern.

Plötzlich hielt er den Atem an. Nichts war zu sehen, keine Narben, absolut nichts. Das war doch nicht möglich …

Hatte sie sich am ganzen Körper einer Schönheitsoperation unterzogen? Ihre Haut wirkte makellos wie vor dem Unfall. Womöglich war Jewel jetzt noch perfekter. Aus dem jungen Mädchen war eine reife Frau geworden. Und er begehrte sie mit unbeschreiblicher Intensität.

Sie hatte seinen verblüfften Blick bemerkt und versteifte sich augenblicklich. Rasch zog sie ihre Hände zurück und stieß ihn von sich. „Geh weg, Roque.“

Er drückte sie an den Schultern zurück. „Du willst mich wegschicken, einfach so? Nachdem ich jetzt weiß, was du immer noch für mich empfindest? Wir haben neun Jahre auf diesen Moment gewartet. Ich brauche dich, minha Jóia.“

„Nein, du brauchst nicht mich.“ Ihre Stimme klang rau. „Falls mein Verschwinden dir bei der Einbürgerung Probleme bereitet, dann sag es mir einfach.“

Roque starrte wortlos auf sie hinunter.

Dann stand er langsam auf, bedeckte ihre Blöße mit den Kleidungsstücken, die er ihr eben noch so leidenschaftlich heruntergerissen hatte, und griff nach seinen Sachen.

Jewels Blick war unverwandt auf ihn gerichtet, und sie bemerkte, wie ein Schatten seine Augen verdunkelte. War er wütend, dass sie ihm auf die Schliche gekommen war?

Sie hatte nicht zum Scheitern seiner Pläne beigetragen. Das hatten andere besorgt, ihr Vater und ihr Exverlobter Michael.

Ganz hatte Jewel sich nie von dem Verdacht lösen können, dass Roque sich nur um sie bemühte – mit Erfolg–, um sich an Michael zu rächen, weil der ihn um seine Aufenthaltsgenehmigung und damit um eine große berufliche Chance gebracht hatte.

Jedoch hatte sie nie direkt gefragt, was damals vorgefallen war – in der Hoffnung, mit der Zeit die Wahrheit zu erfahren. Doch ihre Unsicherheit hatte sich nicht gegeben. War Roques Leidenschaft für sie nur Mittel zum Zweck gewesen? Phasenweise hatte sie ihre Bedenken vergessen, so auch, als sie zustimmte, ihn zu heiraten. Doch nach ihrer Fehlgeburt war sie nur von einem einzigen Wunsch besessen gewesen – diese Ehe so rasch wie möglich zu beenden.

In der letzten großen Auseinandersetzung bevor sie verschwand, war die Frage der Einbürgerung nicht zur Sprache gekommen. Jewel hatte Roque die heftigsten Vorwürfe gemacht, ihren Verdacht jedoch, er habe sie nur aus Kalkül geheiratet, unerwähnt gelassen.

Aber jetzt war es einfach aus ihr herausgebrochen. Sie wollte endlich die Wahrheit erfahren.

Roque ließ sie los, schwieg allerdings zu ihren Vorwürfen. Stattdessen brach er in schallendes Gelächter aus.

Jewel war fassungslos. „Hör auf zu lachen, du … du …“

Er verschluckte sich und begann zu husten. In ohnmächtiger Wut schlug sie ihm mit der Faust zwischen die Schulterblätter.

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