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Ärzte zum Verlieben, Band 18

ALISON ROBERTS

Wird unsere Liebe stärker sein ?

Der neue Arzt Antonio Costa ist der Schwarm aller Frauen auf der Kinderstation. Auch die junge Ärztin Philippa Murdoch fühlt sich unwiderstehlich zu dem feurigen Italiener hingezogen. Noch hat sie ihm nicht gestanden, dass seine kleine Patientin Alice ihre Tochter ist: Antonio glaubt, sie seien Schwestern! Wie wird er auf die Wahrheit reagieren?

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Alison Roberts

Wird unsere Liebe stärker sein ?

1. KAPITEL

Der sanfte Stoß in die Seite erinnerte sie daran, dass sie nicht allein war.

„Pip?“

Philippa Murdoch wandte den Kopf. „Tut mir leid, Kleines, ich war mit meinen Gedanken woanders.“

Nämlich in der Notaufnahme, wo sie einen Patienten hatte zurücklassen müssen.

„Ich glaube, man hat mich aufgerufen.“

„Alice Murdoch?“

„Hier!“

Pip sprang hastig auf und wünschte, sie hätte ihren weißen Kittel auf der Station ausgezogen. Die Frau, die gerade versuchte, einen Streit ihrer drei kleinen Kinder zu schlichten, warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, als hätte sie sich aufgrund ihrer Position vorgedrängt.

Was natürlich nicht stimmte. Sie hatten ebenso wie die anderen gewartet, um einen Termin bei dem bekanntesten Kinderarzt der Stadt zu bekommen.

Alice und sie wurden in einen kleinen Raum gebeten, in dem ein Schreibtisch und eine Untersuchungsliege standen. Die Schwester legte eine dünne Krankenakte mit Alices Namen auf den Schreibtisch.

„Setzen Sie sich bitte“, sagte sie freundlich. „Dr. Costa kommt gleich.“

Alice hob die Augenbrauen. „Komischer Name …“

„Er ist Italiener.“

„Warum kann ich nicht wieder zu Dr. Gillies gehen?“

„Dr. Gillies ist unser Hausarzt. Wenn er bei einem Patienten nicht herausfinden kann, was mit ihm los ist, überweist er ihn an einen Facharzt.“

Alice überlegte einen Moment, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Klopf, klopf“, sagte sie.

„Wer ist da?“ Pip spielte das Spiel mit.

„Dr. Costa.“

„Welcher Dr. Costa?“

„Der teure Dr. Costa.“

Pips Lächeln verschwand schlagartig. Auch der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann an der Tür hatte Alices Spaß mitbekommen. Aber er lächelte.

„Ich koste überhaupt nichts“, sagte er zu Alice, als er sich setzte und leicht vorbeugte. „Ich bin umsonst … und ganz allein für dich da.“

Alice starrte ihn mit offenem Mund an, und Pip begriff, warum Alice verlegen errötete. Hätte er seinen Charme an sie verschwendet, wäre sie sicher genauso verwirrt gewesen wie ihre Tochter. Der armen Alice hatte es die Sprache verschlagen.

Kein Wunder, denn der Mann sah aus wie eine gelungene Mischung aus sämtlichen Filmstars und Pop-Idolen, die Alice und ihre Freundinnen anhimmelten. Glänzendes schwarzes Haar, olivfarbene Haut, ein umwerfendes Lächeln, faszinierender südländischer Akzent … Jetzt verstand Pip, warum eine der älteren Notfallschwestern neidisch geseufzt hatte, als Pip ihr von diesem Termin berichtet hatte.

„Die Gelegenheit würde ich mir auch nicht entgehen lassen.“ Suzie lachte. „Vielleicht sollte ich mir irgendwo ein Kind ausleihen …“

„Ich begleite Alice doch nur, weil meine Mutter sich einen Virus eingefangen hat und sich ständig übergeben muss.“

„Gehen Sie nur.“ Suzie scheuchte sie mit einer Handbewegung fort. „Und genießen Sie es!“

Und Pip konnte gar nicht anders, als Dr. Costa nun sie anlächelte. In ihrem Bauch tanzten Schmetterlinge. Sie lächelte zurück.

„Und Sie sind Alices … Schwester?“

Pip öffnete den Mund, um ihn zu berichtigen, wurde jedoch von Alice unterbrochen.

„Mum ist schrecklich übel“, informierte sie ihn. „Stimmt doch, Pip? Sie konnte heute nicht mit mir herkommen, weil sie krank ist.“

„Das tut mir aber leid.“

Er hörte sich aufrichtig an. Pip holte tief Luft.

„Wir wollten den Termin nicht verfallen lassen.“ Alices flehender Blick war nicht nötig. Warum sollte es nicht ihr Geheimnis bleiben? Dr. Costa war nicht der Erste, der sie beide für Schwestern hielt, und Alice fand es viel cooler als die Wirklichkeit.

Zudem war es ein harmloses Geheimnis.

„Sie haben eine ziemlich lange Warteliste, Dr. Costa“, fügte Pip ruhig hinzu und zwinkerte Alice dabei verschwörerisch zu.

„Toni, bitte.“ Er warf einen Blick auf ihren Kittel. „Sie arbeiten hier, Pippa?“

„Pip. Die Abkürzung für Philippa.“ Obwohl ihr Pippa sogar besser gefiel, besonders mit seinem Akzent. „Und ja, ich habe vor vier Wochen als Oberärztin in der Notaufnahme angefangen.“

Alice verfolgte das Gespräch mit sichtlichem Interesse. „Ich dachte, Sie wären Italiener“, sagte sie zu dem Arzt.

„Das bin ich auch. Ich stamme von Sardinien, einer großen Insel.“

Tony hört sich nicht sehr italienisch an.“

„Mein Name schreibt sich mit einem i am Ende“, erläuterte er. „Eine Abkürzung für Antonio. Alles klar?“

Da lächelte Alice. „Ich glaube schon.“

Sein Lächeln galt Pip. „Na, wunderbar. Aber nun …“, er nahm die Akte zur Hand und blickte Alice freundlich an, „erzähl mir mal, was dich heute zu mir geführt hat, Alice.“

Verunsichert sah ihre Tochter von ihm zu ihr.

„Alices Hausarzt hat sie überwiesen“, half Pip. „Schon seit Monaten versucht er den Grund für ihre Bauchschmerzen und die Übelkeit herauszufinden, unter denen sie seit einiger Zeit leidet.“

Toni Costa nickte, während er den Arztbrief überflog. „Kein Hinweis auf eine Infektion der Harnwege“, sagte er, „aber der Hausarzt ist sich nicht sicher, ob die Beschwerden auf Kindermigräne oder das Reizdarmsyndrom zurückzuführen sind.“

„Hm.“ Pip war mit diesen Vermutungen nicht glücklich, wollte aber auch nicht den Eindruck erwecken, sie würde sich einmischen, nur weil sie auch Medizinerin war.

Toni warf ihr jedoch einen auffordernden Blick zu, und sie nutzte die Chance.

„Vor ein paar Jahren hatte meine Mutter Gallensteine, und man hat ihr die Gallenblase entfernt“, erzählte sie. „Und im letzten Jahr erkrankte sie an Pankreatitis. Alice zeigt sehr ähnliche Symptome.“ Der Hausarzt hatte angedeutet, dass sie nach Shonas Erkrankung unter dem Münchhausen-Syndrom leiden könnte. Als könnte man Herzrasen und plötzliche Blässe, Erbrechen und starke Schmerzen vortäuschen!

„Und Sie machen sich Sorgen, es könnte sich um eine genetisch bedingte Erkrankung handeln?“

„Ja.“ Ihre innere Anspannung ließ etwas nach. Toni Costa nahm ihre Ängste ernst.

„Genetische Krankheit?“, fragte Alice misstrauisch nach. „Davon hast du nie etwas gesagt.“

Toni lächelte … wieder. Er schien es oft zu tun, und seine dunklen Augen funkelten dabei, sodass ihr ganz warm wurde. Ein solcher Arzt musste ja bei seinen Patienten beliebt sein – vor allem bei den Frauen!

„‚Genetisch‘ bedeutet nur, dass man damit zur Welt gekommen ist“, erklärte er. „Jedem Mensch werden eine Menge Gene von seinen Eltern und Großeltern mitgegeben.“

„Ist das schlimm?“

Toni schüttelte den Kopf. „Grundsätzlich nicht, Alice. Vergleiche es einfach mit Schulbusfahren. Wenn es genetisch bedingt, also vererbt ist, hast du bereits einen Fahrschein. Wenn nicht, musst du einen lösen, sobald du diesen Bus nimmst. Uns interessiert der Bus, nicht dein Fahrschein.“

„Und was ist mit meinem Bus?“, fragte sie. „Wohin bringt er mich?“

„Genau das wollen wir versuchen herauszufinden.“ Toni Costa beugte sich wieder vor. „Erzähl mir mal von deinen Bauchschmerzen.“

Erleichtert machte sich Toni an die Untersuchung. Die Routine half ihm, die seltsame Stimmung im Behandlungszimmer zu ignorieren.

„Wie oft hast du diese Schmerzen, Alice?“

Das Mädchen rümpfte nachdenklich die Nase. „Das letzte Mal, als Charlene ihre Party gab und ich nicht hingehen konnte.“

„Und wie lange ist das her?“

„Also … Jade gibt dieses Wochenende eine Party, und sie ist genau einen Monat älter als Charlene.“

„Älter?“

„Ich meinte jünger.“

Toni nickte. „Also vor vier Wochen. Und davor?“

„Das war, als wir mit der Schule zur Kunstausstellung fahren wollten.“

Toni sah Alices Schwester an. Er bemerkte das Lächeln in ihren Augen. Vermutlich wusste sie, wie schwierig und frustrierend es manchmal war, einem Kind genaue Informationen zu entlocken.

„Ihre Schmerzen treten in Abständen von vier bis sechs Wochen auf“, erklärte sie, „seit einem halben Jahr etwa.“

Er bedankte sich mit einem kurzen Lächeln und wandte sich wieder an seine Patientin. „Bestimmt ist es blöd, wenn man nicht zu den Partys kann“, meinte er mitfühlend.

„Ja.“ Alice nickte traurig.

„Dann hast du also starke Schmerzen?“

„Ja. Manchmal muss ich sogar spucken.“

„Und ist der Schmerz immer gleich?“

„Ich glaube schon.“

„Wie würdest du ihn beschreiben?“

Toni sah ihren Augen an, dass sie überlegte. Hübsche Augen. Ein warmes Hellbraun mit ungewöhnlichen goldenen Flecken darin.

Ihre Schwester hatte die gleichen Augen. Aber dennoch ganz anders.

Verwirrend.

Toni räusperte sich. „Ist es ein scharfer Schmerz? So, als wenn man dich mit einer Nadel sticht? Oder eher dumpf?“

Alice seufzte. „Beides.“

Toni verzichtete vorerst auf eine genaue Beschreibung. „Ist der Schmerz ständig da, oder kommt und geht er – so wie Wellen am Strand?“

„Beides“, sagte Alice auch jetzt. Sie biss sich auf die Lippe und setzte hinzu: „Er geht nicht richtig weg. Mal tut es mehr weh und mal weniger.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr genau.“

„Es ist wichtig, dass du mir alles erzählst, woran du dich erinnern kannst. Beschränkt sich der Schmerz auf eine Stelle?“

„Ja. Auf meinen Bauch.“ Sie warf ihm einen verständnislosen Blick zu, als wollte sie sagen: Kann man Bauchschmerzen auch im Kopf haben?

Toni lächelte. „Ich meinte damit, ist er immer genau an derselben Stelle oder auch am Rücken?“

Alices Gesicht hellte sich auf. „Manchmal hilft eine Wärmflasche am Rücken. Meinen Sie das?“

„Ja. Solche Einzelheiten sind sehr wichtig.“

Vom Bauchraum ausstrahlende Schmerzen konnten auf eine Pankreatitis hinweisen, und unwillkürlich glitt sein Blick zu Alices Schwester.

Sie musste um einiges älter sein. Schätzungsweise Ende zwanzig. Deswegen hatte er vorhin gezögert, als es um ihr Verwandtschaftsverhältnis ging. Manche Frauen reagierten pikiert, wenn man ihre Schwester für ihre Tochter hielt.

Aber die Ähnlichkeit deutete darauf hin, dass sie Schwestern waren. Pip hatte die gleichen ausdrucksvollen Augen, und ihr Haar war zwar dunkler, ein warmes Kastanienbraun statt Rotgold wie bei Alice, aber genauso leicht gewellt.

Und all das hat nichts mit deiner Untersuchung zu tun, ermahnte er sich.

„Sind mit dem Erbrechen noch andere Symptome verbunden?“, fuhr er fort. „Durchfall, Kopfschmerzen, Fieber?“

Pip schüttelte den Kopf.

„Auch keine Migräne in der Familie?“

„Nein.“

„Magengeschwüre? Reflux?“

„Nein. Mit säurebindenden Medikamenten ist sie schon behandelt worden.“

„Irgendwelche Stressfaktoren oder familiäre Probleme?“

Überrascht, fast bestürzt sah sie ihn an.

Merkwürdig.

„Ich habe doch kein Magengeschwür“, mischte Alice sich ein. „So was kriegen nur alte Leute. Dr. Gillies hat gedacht, dass Nona eins hat.“

„Nona?“

„Meine Mutter heißt Shona“, mischte Pip sich ein. „Als Alice ganz klein war, konnte sie den Namen nicht aussprechen und machte Nona daraus. Dabei ist es geblieben.“

„Das ist wirklich komisch!“ Jetzt war er an der Reihe, verblüfft zu sein.

„Wieso?“ Pip runzelte die Stirn.

„Wahrscheinlich nur für mich.“ Toni lächelte beruhigend. „Ich bin mehr oder weniger von meiner Großmutter Nonna großgezogen worden.“

„Sie hieß auch Nona?“ Alice war sichtlich fasziniert. „Wie witzig.“

„Nein.“ Toni schüttelte den Kopf. „Nonna ist Italienisch und heißt Großmutter.“

Er wunderte sich selbst, dass er so viel von sich erzählte. Und über den langen Blick, den die beiden Schwestern miteinander tauschten. Er stand auf. „So, cara, nun wollen wir uns deinen Bauch ansehen. Legst du dich bitte hier auf die Liege?“

Alice starrte ihn an. „Cara? Ich heiße Alice.“

„Entschuldige, das ist auch Italienisch. Es bedeutet so viel wie: mein Schatz, meine Liebe.“

„Oh.“ Alice senkte scheu den Blick und kletterte gehorsam auf die Liege. „Okay.“

Es gab nicht viele Menschen, denen es mit Leichtigkeit gelang, Alices volle Unterstützung zu gewinnen. Pip blieb absichtlich im Hintergrund, um das Gespräch zwischen dem Arzt und ihrer Tochter nicht zu stören, aber nahe genug, falls Hilfe nötig war.

Toni untersuchte Alice gründlich von Kopf bis Fuß, bevor er sich dann mit ihrem Bauch befasste.

„Wissen Sie, ob es während der Schwangerschaft oder bei der Geburt irgendwelche Schwierigkeiten gegeben hat?“, wandte er sich schließlich an Pip.

Beinahe hätte Pip aufgelacht. Das Wort Schwierigkeiten beschrieb nicht einmal ansatzweise, was sie seelisch und körperlich durchgemacht hatte, nachdem sie mit sechzehn entdeckte, dass sie schwanger war.

Der Vater des Kindes wollte von dem Kind nichts wissen. Ihrer Mutter, die damals noch immer unter dem tragischen Verlust ihres Mannes, Pips Vater, litt, bürdete sie eine weitere Last auf. Und um allem die Krone aufzusetzen, erlebte Pip eine denkbar schlecht betreute, endlos lange und schreckliche Geburt, nach der sie sich schwor, nie wieder ein Kind zu bekommen.

Anscheinend interpretierte er ihr Zögern als Nein und nickte. „Sicherlich wüssten Sie davon.“

„Ja, das wüsste ich.“

Dr. Costa begann, Alice die Brust abzuhorchen. „Können Sie sich erinnern, wann Alice angefangen hat zu laufen?“

„Sie war damals gut zwölf Monate alt.“

Für Pip waren es die härtesten zwölf Monate ihres Lebens gewesen. Ohne Shonas Hilfe hätte sie es gar nicht geschafft. Andererseits waren es auch zwölf wunderschöne Monate gewesen, in denen die Bindung zu Shona enger geworden war und ihre Mutter durch die Enkelin ihre Lebensfreude wiedergewonnen hatte. Und dass sie für Alice nach und nach immer mehr Mutterstelle vertrat, war unausweichlich gewesen, denn sie hatte Pip ermutigt, die Schule zu Ende zu bringen und anschließend Medizin zu studieren, Pips sehnlichster Wunsch.

„Und wann fing sie an zu sprechen?“ Seine Frage riss sie aus ihren Erinnerungen.

„Als sie ungefähr zwei, zweieinhalb war, genau kann ich es nicht sagen“, gestand sie ein. Als sie von zu Hause fortgegangen war, um ihr Studium aufzunehmen, hatte Alice gerade ein paar Worte gesprochen, und als sie dann während der ersten Semesterferien zurückkam, hatte ihre Tochter bereits munter drauflosgeplappert.

„Kinderkrankheiten? Masern, Mumps, Windpocken und so weiter?“

„Sie hat alle Impfungen bekommen. Windpocken hatte sie ungefähr mit vier Jahren. Damals war der ganze Kindergarten krank, wenn ich mich richtig erinnere.“

Die Briefe und Telefonanrufe ihrer Mutter hatten ihr damals Schuldgefühle verursacht, weil sie ihrer Tochter nicht helfen konnte, als diese sie brauchte. Aber Shona hatte ihr immer wieder deutlich gemacht, dass es das Beste für sie und ihre Tochter war, dass es nicht anders ging, wenn sie sich eine solide Basis für die Zukunft schaffen wollte.

„Zeig mir, wo genau die Schmerzen sind“, forderte er Alice auf.

Alice deutete vage auf die Taille.

„Tut es weh, wenn ich hier drücke?“ Er legte die Hand auf den oberen Bauchbereich.

„Etwas.“

Pip fiel es schwer, den Blick von seiner Hand loszureißen. Dunkle Härchen auf gebräunter Haut, lange, schlanke Finger, gepflegte Nägel. Sichere, aber behutsame Bewegungen.

„Und hier?“

„Ja, das tut weh!“

„Sehr oder nicht so sehr?“

„Nicht so schlimm. Aber wenn ich richtig krank bin, tut es sehr weh.“

Der Pager in ihrer Kitteltasche schrillte.

„Tut mir leid, das ist wohl die Notaufnahme“, sagte Pip.

„Sie können gern mein Telefon benutzen“, bot er an.

„Danke.“

Es war ihr unangenehm, seine Untersuchung zu stören, aber sie musste sich melden.

„Sicherlich ist es nichts Ernstes“, entschuldigte sich Suzie gleich darauf, „aber Mr. Symes hat starke Schmerzen in der Brust, die in den linken Arm ausstrahlen.“

Klassische Symptome. Fast zu klassisch. „Gibt es noch weitere Anzeichen?“

„Seit er eingeliefert wurde, klagt er über Übelkeit und Schmerzen, aber er schwitzt weder, noch erbricht er sich.“

„Machen Sie bitte ein 12-Kanal-EKG, und lassen Sie ihn telemetrisch überwachen.“

„In Ordnung.“

„Wie ist sein Blutdruck?“

„Hundertfünfzig zu neunzig.“

Pip verordnete Nitroglyzerin und Sauerstoff. „Wir sollten weitere Bluttests machen und auf Herzenzyme untersuchen. Das kann ich übernehmen, wenn ich wieder unten bin. Lange sollte es nicht mehr dauern.“

Als sie auflegte, sah Toni sie an. „Ein Herzpatient?“

„Wahrscheinlich nicht, aber wir müssen es sicher ausschließen.“

„Ich werde Sie nicht mehr lange aufhalten. Auf den ersten Blick scheint Alice ein normal entwickeltes, gesundes Mädchen zu sein. Mehr als eine leichte, unspezifische Empfindlichkeit des Bauchraums habe ich nicht feststellen können.“

Die Diagnose machte sie ratlos. Hatte ihr Gefühl sie getäuscht?

„Was aber nicht heißen soll, dass ich von weiteren Untersuchungen absehen möchte. Ich denke an Blut- und Urintests sowie eine Ultraschalluntersuchung des gesamten Bauchraums. Vielleicht auch Kernspin.“ Toni füllte einen Überweisungsschein aus. „Zusätzlich sollten wir eine Endoskopie vornehmen, um Gastritis und ein Zwölffingerdarmgeschwür, verursacht durch Helicobacter pylori, auszuschließen.“

Pip nickte. Das war mehr als erwartet.

„Alice ist wegen der Beschwerden noch nicht im Krankenhaus gewesen, oder?“

„Nein. Beim ersten Anfall war ich kurz davor, sie hinzubringen, weil es ihr so schlecht ging, aber dann war es nach knapp einer halben Stunde vorbei.“

„Es wäre ideal, wenn wir sie während einer Schmerzattacke hier hätten und ihr Blut abnehmen könnten, um die Amylase-Werte zu überprüfen.“

„Halten Sie eine Pankreatitis für möglich?“ Erhöhte Amylase-Werte konnten auf eine Bauchspeicheldrüsenentzündung – oder auf einen Tumor hindeuten. Pip blickte Toni an und las in seinen Augen, dass er ihre schlimmsten Befürchtungen ahnte.

„Zu diesem Zeitpunkt schließe ich nichts aus. Wir werden das Problem ergründen und dann damit fertig werden, ja?“

„Ja.“ Pip senkte den Blick. „Danke.“

„Und Sie bringen sie wieder her, wenn sie akut Schmerzen hat? Lassen Sie mich rufen, ja? Ich möchte sie mir möglichst selbst ansehen.“

Sein warmes Lächeln ließ sie glauben, dass er notfalls sogar mitten in der Nacht ins Krankenhaus kommen würde.

Und dass er alles täte, um eine korrekte Diagnose zu stellen und Alice wieder gesund zu machen.

Ob alle Patientenangehörigen sich in seiner Gegenwart so fühlten wie sie? So sicher und … umsorgt?

Pip erwiderte sein Lächeln, während Alice sich fertig anzog und auf den Stuhl neben ihr sinken ließ. Ihre Tochter blickte von Toni zu Pip und wieder zurück.

„Okay“, sagte sie, „also, wohin fährt mein Bus?“

Alice war nicht sonderlich begeistert, die vielen Untersuchungen über sich ergehen zu lassen.

„Warum können wir nicht einfach röntgen oder so? Du weißt doch, ich hasse Spritzen.“

„Eine Ultraschalluntersuchung ist absolut schmerzfrei und besser als Röntgen. Und beim Kernspin erzielt man noch bessere Ergebnisse. Eigentlich ist es eine Fotografie von deinem Bauchinnern mit unglaublich vielen Einzelheiten.“

„Krass! Kann man sehen, was ich zum Frühstück gegessen habe?“

Pip lachte. „Fast, aber mach dir keinen Gedanken. Vielleicht bekommst du erst in sechs Wochen einen Termin. Wir werden tun, was Dr. Costa vorschlägt, und dich das nächste Mal herbringen, wenn du Bauchschmerzen hast.“

„Kommst du dann wieder mit?“

„Natürlich.“

„Und wenn du gerade Dienst hast?“

„Dann lasse ich alles stehen und liegen. So wie heute.“

„Bekommst du keinen Ärger?“

„Nein, natürlich nicht.“ Pip schaffte es sogar, überzeugend zu klingen. „Ich muss die Zeit nur nacharbeiten. Kannst du im Personalraum bleiben, bis ich mich um die Patienten gekümmert habe, die noch auf mich warten?“

„Klar.“

„Wenn du willst, hol dir einen Becher Kakao aus dem Automaten. Du weißt doch, wie es geht, oder?“

„Klar.“

Sie gingen an der Notaufnahme vorbei Richtung Personalzimmer.

„Pip?“

„Ja?“

„Dr. Costa ist nett, oder?“

„Sehr nett.“ Welche Untertreibung!

„Ist er verheiratet?“

„Keine Ahnung.“ Lügnerin. Unter dem weiblichen Personal im Christchurch General hatte sich längst herumgesprochen, dass er noch zu haben war.

„Vielleicht sollten wir es herausfinden.“

„Warum?“

„Weil du endlich einen Freund haben solltest, und ich finde Dr. Costa echt heiß!“

Pip wollte sich nicht mit einer Zwölfjährigen auf dieses Thema einlassen, und ganz besonders nicht mit ihrer Tochter. „Für einen Freund habe ich gar keine Zeit.“

„Wenn du zu lange wartest, wirst du alt und faltig, und dann will dich kein Mann mehr.“

„Na, vielen Dank!“ Aber Pip grinste. „Nur zu deiner Information, mein Kind – achtundzwanzig ist nicht alt.“

Sie erreichten den Personalraum, und wie immer hatte Alice auch jetzt das letzte Wort.

„Also, er mag dich. Ich habe es genau gesehen.“

Toni lehnte sich zurück und seufzte erleichtert, als sein letzter Patient, ein kreischendes Kleinkind, den Behandlungsraum mit seiner Mutter verlassen hatte.

Dann warf er einen Blick auf den Stapel Krankenakten auf seinem Schreibtisch und zog seinen Kugelschreiber aus der Brusttasche. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seine knappen Notizen jeder einzelnen Untersuchung zu ergänzen, ehe er Feierabend machte.

Als er jedoch Alice Murdochs Akte vor sich liegen hatte, starrte er gedankenverloren vor sich hin.

Wann würde er die beiden Schwestern das nächste Mal sehen?

Natürlich wünschte er Alice deswegen noch keine Bauchschmerzen.

Bestimmt ließ sich ein anderer Grund für einen Besuch in der Notaufnahme finden …

Selbstverständlich hatte er nicht vor, Pippa zu einem Drink oder zum Essen einzuladen. Schließlich war sie eine Verwandte seiner Patientin.

Allerdings nur die Schwester, nicht die Mutter. Das war doch etwas anderes, oder?

Lass die Finger davon, sagte er sich. Sie ist Ärztin, eine Frau, die Karriere machen will. Und Toni war nicht bereit, seinen obersten Grundsatz zu brechen. Wann immer er auch die passende Frau fand, sie musste bereit sein, sich mit vollem Herzen ihren Kindern zu widmen.

Was seine Eltern niemals getan hatten.

Aber er selbst wollte ja auch Karriere machen. Hatte nicht auch jede intelligente Frau den gleichen Wunsch, in ihrem Beruf zu arbeiten – zumindest in Teilzeit?

Vielleicht wollte Pippa Murdoch irgendwann in einer Praxis arbeiten.

In Teilzeit.

Toni versuchte die Gedanken abzuschütteln, um sich auf seine Notizen zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Zwischen den beiden Schwestern bestand eine besondere Beziehung, das hatte er gespürt. Die Familie schien Pippa sehr wichtig zu sein, sonst hätte sie wohl kaum ihren Patienten in der Obhut anderer gelassen, um ihre Schwester zu einem Arzttermin zu begleiten.

Abgesehen davon war sie eine hinreißend schöne Frau.

Anders.

Überwältigend.

Toni griff nach dem Telefon und wählte.

„Hallo, Marie, hier ist Toni Costa von der Pädiatrie“, sagte er, als am anderen Ende aufgenommen wurde. „Es geht um eine zwölfjährige Patientin von mir, Alice Murdoch, die bei Ihnen einen Ultraschall bekommen soll …“

„Ja?“

„Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn der Termin feststeht? Ich möchte möglichst bei der Untersuchung dabei sein.“

„Wirklich?“ Marie klang überrascht. „Ich rufe durch, sobald ich es weiß. Ist es dringend?“

Toni überlegte kurz. „Eher wichtig als dringend. Aber es wäre sehr schön, wenn es innerhalb der nächsten ein, zwei Wochen passieren könnte.“

Und es wäre schön, wenn auch ziemlich unwahrscheinlich, dass er dann Zeit hatte. Immerhin bestand die geringe Chance, Pippa in nicht allzu ferner Zukunft wiederzusehen.

Leise vor sich hin summend, widmete Toni sich wieder seinen Aufzeichnungen.

2. KAPITEL

Das Kind sah krank aus.

Schon zwei Mal war Pip an der Mutter mit dem kleinen Jungen auf dem Schoß vorbeigekommen. Die beiden warteten bereits eine halbe Stunde und hätten eigentlich längst dran sein müssen, aber es waren mehrere schwer verletzte Unfallopfer eingeliefert worden, die erst versorgt werden mussten.

Schon den ganzen Tag war es in der Notaufnahme hektisch zugegangen. Pip kümmerte sich um drei Patienten in kritischem Zustand. Bei der fünfundsiebzigjährigen Frau mit Angina Pectoris waren die Untersuchungen im Gange, und sie hatte Schmerzmittel bekommen, aber Pip bemühte sich, das EKG im Auge zu behalten, während sie auf die Ergebnisse der Blutwerte und den Kardiologen wartete.

Doris, in Kabine drei, war vierundachtzig und im Badezimmer ausgerutscht. Sie hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Im Moment wurde sie geröntgt.

Der neunjährige Jake hatte einen Asthmaanfall erlitten und auf seine Medikamente nicht angesprochen. Daraufhin hatte die besorgte Mutter ihn in die Notaufnahme gebracht, wo gerade mehrere Opfer eines Autounfalls eingeliefert wurden. Pip verordnet eine Inhalation mit Salbutamol und legte vorsichtshalber einen Venenzugang, falls Jake weitere Medikamente benötigte. Aber die Sauerstoffwerte verbesserten sich, und die ängstlichen Gesichter von Mutter und Sohn entspannten sich.

Pip war auf dem Weg zu Jake und überlegte, ob sie den Jungen auf die Kinderstation verlegen sollte.

Toni Costas Station.

Der Anblick des Kleinkinds ließ sie wieder an Toni denken. Der Mann ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sicher nicht wegen Alices Bemerkung, dass Toni sie mochte, sondern weil er sie als Kinderarzt beeindruckte. Er hatte ihre unausgesprochenen Ängste ernst genommen und ihr das Gefühl gegeben, dass Alice bei ihm in guten Händen war.

Der Junge sah fiebrig aus, sein Gesicht war gerötet und geschwollen. Und für sein Alter war er unnatürlich still, lag schlaff in den Armen seiner Mutter und starrte blicklos vor sich hin.

Selbst auf die Entfernung von mehreren Metern konnte Pip erkennen, dass er Atemprobleme hatte. Seine schmale Brust unter dem dünnen T-Shirt hob und senkte sich viel zu schnell.

Pip blieb neben dem Empfang stehen.

„Doris ist beim Röntgen, dadurch haben wir vorerst eine Kabine frei“, sagte sie zu Suzie. „Ich glaube, ich sollte mir den kleinen Jungen dort drüben einmal ansehen.“

„Das würden Sie tun?“ Die Krankenschwester klang erleichtert. „Ich wollte ihn gerade als dringenden Fall einstufen. Er sieht jetzt sehr viel schlechter aus als vorhin.“ Sie schickte eine junge Schwester los, um ein freies Bett zu finden. „Bringen Sie es in Kabine drei. Ich hoffe, wir haben woanders Platz, wenn Doris zurückkommt.“

„Welche Informationen haben wir über den Jungen?“, erkundigte sich Pip, da neue Patienten hereingerollt wurden.

„Er bekam heute Fieber, mochte nichts essen. Die Familie ist erst vor kurzem hergezogen und hat noch keinen Hausarzt.“

„Husten? Schnupfen?“

„Anscheinend nicht. Als wir Fieber maßen, hatte er 36,9. Er heißt Dylan Harris. Wird nächsten Monat zwei.“

Pip lächelte die Mutter an, die ungefähr in ihrem Alter war.

„Mrs. Harris?“

„Ja … Jenny.“

„Ich bin Dr. Murdoch. Bitte folgen Sie mir. Gerade ist ein Bett frei geworden, sodass ich Dylan untersuchen kann.“

„Oh, Gott sei Dank! Es geht ihm gar nicht gut.“

Pip nahm den Stuhl, auf dem die Mutter gesessen hatte, mit in die Kabine.

„Behalten Sie Dylan noch für einen Augenblick auf dem Schoß, Jenny. Dann wird er ruhiger sein, und es hilft ihm auch beim Atmen.“

„Seit fünf Minuten gibt er so komische Laute von sich.“

Pip lauschte. Das gurgelnde Atemgeräusch gefiel ihr überhaupt nicht. „Wie lange sabbert er schon?“

„Tut er das?“ Jenny blickte auf ihren Sohn. „Das ist mir gar nicht aufgefallen. Es muss gerade erst angefangen haben.“

Pip griff nach der Sauerstoffmaske. „Halten Sie sie so dicht wie möglich an Dylans Gesicht, ohne dass er sich aufregt“, wies sie die Mutter an.

Während er nach Atem rang, wölbte sich die Haut am Halsansatz tief nach innen. Sie schob sein T-Shirt hoch und legte das Stethoskop auf die schmale Brust.

Ein Pfleger rollte ein leeres Bett herein.

„Holen Sie mir bitte eine Schwester“, sagte sie zu ihm. „Am liebsten Suzie, wenn sie frei ist.“ Sie warf einen prüfenden Blick auf Dylans Gesicht. „Geht es dir nicht gut, mein Kleiner?“

Keine Reaktion. Nicht einmal Augenkontakt. Pip blickte Jenny an.

„Hat er heute gesprochen?“

„Kaum, und seit wir hier sind, kein einziges Wort. Er weint nicht einmal. Normalerweise weint er oft. Heißt das, dass er nichts Ernstes hat?“

„Nicht unbedingt.“ Meistens waren die stillen Kinder die Sorgenkinder, aber sie wollte Jenny nicht weiter beunruhigen. Dylans Kopf lag an der Schulter seiner Mutter, das Kinn erhoben. Diese Haltung nahm er instinktiv ein, um besser Luft zu bekommen.

„Und er hat auch nicht gehustet?“

„Nein. Es kam wie aus heiterem Himmel. Heute Morgen schien es ihm noch gut zu gehen, nur sein Toastbrot wollte er nicht essen. Ich dachte, vielleicht hat er Halsschmerzen.“ Besorgt schaute sie auf ihren Sohn. „Es wird schlimmer, nicht wahr?“

Das stimmte. Dylans Augen schlossen sich, und sein Kopf sank auf die Brust. Pip berührte sein Gesicht.

„Dylan, wach auf, mein Kleiner. Mach die Augen auf.“ Er reagierte kaum. „Ich bin sofort zurück“, sagte sie zu Jenny. Als sie durch den Vorhang hinausschlüpfte, stieß sie fast mit Suzie zusammen.

„Ist einer der Chefärzte gerade frei?“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Von den Traumapatienten hatte einer eben einen Herzstillstand. Im Wiederbelebungsraum ist der Teufel los.“

„Ich brauche dringend einen Kinderanästhesisten“, sagte Pip, „und wir müssen Dylan in den OP bringen. Ich bin ziemlich sicher, dass er eine Epiglottitis hat.“

Alarmiert sah Suzie sie an. „Gut, ich kümmere mich darum.“

„Und bringen Sie mir bitte gleich einen Wagen mit Atemwegsinstrumenten.“

„Kommt sofort.“

Pip hoffte nur, dass der Anästhesist eintraf, ehe sie zu drastischen Maßnahmen greifen musste.

„Möglicherweise hat Dylan eine Schleimhautentzündung des Kehldeckels, genannt Epiglottitis“, erklärte sie gleich darauf der Mutter. „Sie erschwert ihm das Atmen, deswegen gibt Dylan solche seltsamen Geräusche von sich.“

„Und was unternehmen Sie dagegen?“

„Wir werden ihn mit Antibiotika behandeln, aber zuerst müssen wir dafür sorgen, dass er genügend Luft bekommt. Deswegen werde ich Dylan in den OP bringen lassen, wo man ihm einen Tubus in die Luftröhre einführen wird.“

„Er muss operiert werden? Oh, mein Gott!“

„Keine Operation“, beruhigte Pip sie. „Es sei denn, wir hätten Schwierigkeiten, ihn zu intubieren. In dem Fall wird ein externer Atemweg gelegt …“

Suzie rollte den Instrumentenwagen herein. „Gleich kommt jemand“, unterbrach sich Pip. „Dürfte nicht mehr lange dauern.“

Zu lange für Dylan. Auf einmal verdrehte er die Augen, und seine Lider schlossen sich. Als Jenny spürte, wie er in ihren Armen schlaff wurde, hob sie die Sauerstoffmaske. Jeder im Raum sah die bläulich verfärbten Lippen.

„Dylan?“ Pip rieb sein Brustbein. „Wach auf!“

Keine Reaktion, der Junge hatte aufgehört zu atmen.

Pip nahm ihn und legte ihn auf die Liege.

„Oh … Gott!“, keuchte Jenny. „Er atmet nicht mehr, oder?“

„Nein.“ Pip zog sich sterile Handschuhe an und hoffte, dass sie ruhiger klang, als ihr zumute war. Wo blieb der Chefarzt? „Wir müssen sofort intubieren. Können Sie ihn bitte beatmen, Suzie?“

Während die Schwester versuchte, dem Jungen über den Beatmungsbeutel Sauerstoff zuzuführen, griff Pip zum Laryngoskop und nahm den kleinsten Tubus vom Wagen.

„Halten Sie seinen Kopf, Suzie.“ Pip platzierte das Laryngoskop und versuchte, in die kleine Luftröhre hineinzuschauen. „Ich kann so gut wie nichts erkennen“, sagte sie.

„Sekrete?“, fragte Suzie.

„Ja. Und die Epiglottis ist stark geschwollen.“ Pip atmete einmal tief durch, um ruhiger zu werden.

Jenny schluchzte so laut, dass eine zweite Schwester hereinkam.

„Ich kann das nicht mit ansehen“, jammerte die junge Mutter.

„Kommen Sie für einen Moment mit hinaus“, meinte die Schwester mitfühlend. „Ihr Junge ist in guten Händen.“

Pip konzentrierte sich auf ihre schwierige Aufgabe. Aber selbst nachdem die Sekrete abgesaugt worden waren, gelang es ihr nicht, den Tubus zu setzen. Das Gewebe war stark angeschwollen. „So wird das nichts“, murmelte sie angespannt.

Suzie wusste genauso gut wie sie, was das bedeutete. „Was jetzt?“

Pip musste sich rasch entscheiden. Sie konnte nicht darauf bauen, dass ein erfahrener Kollege auftauchte und für sie intubierte. Wenn sie jetzt nichts unternahm, starb ihr der Junge unter den Händen.

„Versuchen Sie, ihn zu beatmen, Suzie.“ Sie riss eine weitere Packung auf. „Ich werde eine Koniotomie vornehmen.“

Schnell streifte sie sich die OP-Handschuhe ab und griff nach einem frischen Paar. Panik wallte in ihr auf. Wenn sie scheiterte, wenn ihr der Eingriff misslang ….

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund dachte sie auf einmal an Toni Costa. Obwohl – so abwegig war das nicht, da Dylan sicher von dem Kinderarzt weiterbehandelt werden würde.

Außerdem hatte sie in der letzten Woche oft an den schlanken dunkelhaarigen Kollegen denken müssen.

Auf einmal glaubte sie, seine Gegenwart im Raum zu spüren, und das gab ihr den Mut und die Entschlossenheit, das Richtige zu tun.

Ihre Finger zitterten nicht im Geringsten, als sie mit einem senkrechten Schnitt in die Haut schnitt und die Kehlkopfmembran ertastete. Für eine örtliche Betäubung blieb keine Zeit mehr, und Dylan würde sowieso nichts spüren, da er bewusstlos war.

Wieder ein präziser Schnitt mit dem Skalpell, diesmal horizontal.

Aus dem Augenwinkel bekam sie mit, dass jemand hereinkam und hinter ihr stehen blieb. Eine hochgewachsene Gestalt. Vielleicht Brian Jones, einer der Chefärzte der Abteilung, der ihrem Notruf gefolgt war. Pip sah nicht auf.

Sie schob den Tubus in die Öffnung, zog die Führungshülse wieder heraus, und Suzie schloss den Beatmungsbeutel an, während Pip zu ihrem Stethoskop griff, um sicherzugehen, dass sich die Lungen füllten. Als Nächstes überprüfte sie den Puls.

Der Vorhang der Kabine bewegte sich erneut. Pip hob den Kopf und seufzte erleichtert. Aber als sie sah, wer gerade hereinkam, blieb ihr der Seufzer im Hals stecken. Es war Brian Jones. Wer also hatte ihr die letzten Minuten über die Schulter geschaut? Ihr Kopf ruckte herum.

Toni Costa stand direkt hinter ihr.

„Was ist los?“, wollte Brian wissen.

„Epiglottitis“, erklärte Pip ihrem älteren Kollegen. „Mit Atemstillstand. Wegen der starken Schwellung war eine Intubation unmöglich.“

Dylan regte sich langsam. Vorerst war die Gefahr abgewendet, aber er würde ein Beruhigungsmittel brauchen und Unterstützung durch ein Beatmungsgerät.

Brian nickte anerkennend. „Gut gemacht, Pip“. Das war ein hohes Lob von einem Arzt, der als wortkarg bekannt war. „Schließen wir ihn ans Beatmungsgerät an. Wo ist seine Familie?“

„Ich hole seine Mutter“, bot Suzie an.

„Und ich sorge dafür, dass man auf der Intensivstation auf ihn vorbereitet ist.“ Toni drehte sich um, um Suzie zu folgen, wandte sich aber noch kurz an Pip. „Bravo, Pippa“, sagte er ruhig. „Meine Hilfe haben Sie wirklich nicht gebraucht.“

Das Lob wärmte ihr für den restlichen langen Arbeitstag das Herz. Bevor sie ging, wollte sie noch einmal nach Dylan sehen – und das Gefühl genießen, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben. Und wenn sie ganz ehrlich war, würde es eine besondere Belohnung sein, Toni Costa ein zweites Mal an diesem Tag zu sehen. Deshalb freute sie sich, als sie ihm tatsächlich begegnete, im Gespräch mit Jenny und einem Mann, wahrscheinlich Dylans Vater.

„Oh, Sie sind es!“ Jenny blickte ihr freudestrahlend entgegen. „Er wird wieder gesund werden. Darling“, wandte sie sich an ihren Mann, „das ist die Ärztin, von der ich dir erzählt habe. Sie hat Dylan das Leben gerettet, als er aufhörte zu atmen.“

„Ja?“ Der Mann trat vor und ergriff Pips Hand mit beiden Händen. „Wie können wir Ihnen danken? Ich …“ Von Gefühlen überwältigt, verstummte er, kämpfte sichtlich mit den Tränen. „Tut mir leid“, brachte er schließlich hervor.

„Schon gut.“ Pip lächelte. „Ich verstehe, wie Ihnen zumute ist. Es war ein bedrückendes Erlebnis.“

Auch für sie selbst. Wenn Dr. Costa wüsste, dass sie ihm indirekt das nötige Selbstvertrauen für diesen Eingriff verdankte … Sie wagte es nicht, ihn anzusehen.

„Es freut mich sehr, dass es Dylan besser geht“, fügte sie hinzu.

„Er macht gute Fortschritte.“

Pip blickte den Kinderarzt an, und als er lächelte, wurde ihr warm.

„Und ich muss Ihnen nochmals gratulieren“, fügte Toni hinzu. „Ich hatte bisher keine Gelegenheit zu sagen, wie sehr Ihr Einsatz mich beeindruckt hat. Besser hätte ich es auch nicht machen können.“

Pip war noch nie so stolz gewesen. Sie hatte sich ihre Ausbildung hart erkämpfen und im Privatleben viele Kompromisse eingehen müssen, aber Tonis Lob und die Dankbarkeit der Eltern machten alles wieder wett.

Doch dann sah sie, wie Dylans Eltern Hand in Hand zu ihrem Sohn gingen und ihm sanft übers Gesicht strichen. Die enge Bindung, ihre Liebe zu dem Kind war so deutlich, dass Pip plötzlich einen Kloß im Hals spürte. Ja, für ihren Beruf hatte sie Opfer gebracht, und wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass in ihrem Leben etwas fehlte.

„Machen Sie nicht so ein besorgtes Gesicht“, sagte Toni. „Er wird wieder gesund werden.“

Pip nickte und lächelte, damit er glaubte, sie hätte an den Jungen gedacht.

„Wie geht es Alice?“, fragte er plötzlich.

„Danke, zurzeit gut.“

„Hat man Ihnen den Termin für die Ultraschalluntersuchung schon mitgeteilt?“

„Ja, für nächsten Donnerstag. Das ging schneller, als ich dachte.“

Eine Schwester reichte ihm eine Krankenakte. „Könnten Sie bitte die geänderte Medikation abzeichnen, Dr. Costa?“

„Gern.“ Toni blickte Pip an. „Ich werde versuchen, bei der Untersuchung dabei zu sein. Um zehn Uhr, richtig?“

Pip verabschiedete sich nachdenklich und ging. Woher kannte Toni die genaue Uhrzeit? Einen winzigen, beunruhigenden Augenblick war sie fast überzeugt, dass Alice recht hatte. Vielleicht fand Dr. Costa sie tatsächlich attraktiv und suchte nach einer Gelegenheit, sie wiederzusehen. So wie sie es auch darauf angelegt hatte, ihm zu begegnen …

Auf ihrem Weg durch die Korridore nahm Pip kaum wahr, wer ihr entgegenkam oder welche Abteilung sie durchquerte. Ein aufregendes, nie gekanntes Prickeln erfüllte sie bis in die Zehenspitzen, und ihr Herz klopfte schneller als sonst.

Was für ein wundervolles, herrliches Gefühl!

Als Pip am Abend nach Hause kam, hatte Alice ziemlich schlechte Laune.

„Nona hat mir mein Handy weggenommen“, beschwerte sie sich mürrisch. „Das ist unfair!“

„Überhaupt nicht.“ Shona erschien in der Küchentür. „Denn sonst würdest du weiter eine SMS nach der anderen an deine Freundinnen schreiben. Wenn du deine Schularbeiten gemacht hast, bekommst du es zurück.“ Sie lächelte Pip an. „Endlich bist du da! Wasch dir die Hände, Liebes, gleich gibt’s Essen.“

Alice verschwand nach oben, und Pip folgte ihrer Mutter in die Küche.

„Alles in Ordnung, Mum?“

„Ja, natürlich. Bin nur etwas müde.“ Shona strich sich ein paar graue Strähnen hinters Ohr zurück und öffnete die Herdklappe. „Es gibt nur Schmorfleisch und gebackene Kartoffeln. Ich hoffe, das genügt dir.“

„Bestimmt!“ Welche ihrer überarbeiteten und gestressten Kolleginnen konnte sich nach der Arbeit zu Hause an den gedeckten Tisch setzen? Oder bekam ihre Wäsche gewaschen und gebügelt?

Im Grunde genommen, hatte Pip nichts dagegen, so umsorgt und bemuttert zu werden. Nur manchmal, ganz selten, hatte sie das Bedürfnis, allein über ihr Leben bestimmen zu können. Sich einfach nur hinzusetzen und ein Glas Wein zu trinken, statt sich der gewohnten häuslichen Routine zu fügen.

Einer Routine, die ihr so vieles ermöglicht hatte: eine gesicherte Existenz, eine Familie. Dankbar legte Pip ihrer Mutter den Arm um die Schulter, als diese sich aufrichtete und die gebackenen Kartoffeln auf den Tisch stellte.

„Wofür ist das denn?“, wollte Shona wissen.

„Ach, einfach nur, weil ich dich lieb habe.“ Pip lächelte. „Und weil ich heute einen erfolgreichen Tag hatte. Eine reichlich schwierige Notfallmaßnahme bei einem kleinen Jungen, Mum. Er hatte aufgehört zu atmen und hätte sterben können, aber Gott sei Dank konnte ich ihn retten.“

„Gut gemacht, Pip!“

Es klang stolz, aber Pip hörte noch mehr heraus. „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Du hast nicht wieder Schmerzen?“

„Nur ein bisschen.“

„Hast du denn schon einen neuen Termin bei Dr. Gillies?“

„Nein, darum kümmere ich mich morgen.“

„Das hast du gestern schon gesagt. Und letzte Woche auch.“ Pip sah ihre Mutter besorgt an. Sie war blass. Und sichtlich erschöpft. „Hast du dich über Alice aufgeregt?“

Nun lächelte Shona wieder. „Nicht mehr als sonst. Wir bekommen das schon hin.“

Das wir schloss Pip nicht ein, aber sie verscheuchte rasch das Gefühl, nicht beteiligt zu sein. „Kann ich dir denn bei irgendetwas helfen?“

„Hast du dir schon die Hände gewaschen?“

„Mum, ich bin achtundzwanzig! Wenn ich mit schmutzigen Händen essen will, ist es mein gutes Recht.“ Pip seufzte gefühlvoll. „Okay, ich geh ja schon!“

„Braves Mädchen. Sag Alice, sie soll sich auch die Hände waschen. Das Essen steht in fünf Minuten auf dem Tisch.“

Als Pip das Badezimmer betrat, stand Alice vor dem Spiegel, bürstete sich die Haare und starrte ihr Gesicht an.

„Essen in fünf Minuten“, verkündete Pip. „Und Hände waschen nicht vergessen.“

„Pip, können wir nachher Falling Stars gucken? In deinem Zimmer?“

„Sicher.“ Obwohl Pip sich nicht unbedingt darum riss, sich eine Sendung mit irgendwelchen Hollywoodstars anzusehen, war es doch der Höhepunkt des Tages, aneinandergekuschelt für eine halbe Stunde mit Alice auf ihrem Bett zu liegen und fernzusehen. Oft gab es dazu eine Schale Popcorn oder Schokokekse.

Es war die Zeit, die Mutter und Tochter ganz allein gehörte.

Alice schlang ihr Essen mit ständigem Blick auf die Küchenuhr herunter.

„Es ist fast halb acht“, verkündete sie schließlich mit vorwurfsvollem Unterton.

„Ich weiß. Tut mir leid, dass ich heute später gekommen bin. Es war einfach zu viel los.“

Falling Stars fängt um halb acht an.“

„Du kannst ja schon vorgehen und den Fernseher einschalten, ich komme nach, sobald ich mit dem Abräumen fertig bin.“

Shona stocherte appetitlos in ihrem Essen. Der Teller war noch halb voll. „Bist du mit dem Referat fertig, das du morgen halten sollst?“, fragte sie Alice.

„Mach ich nachher.“

„Das glaubst du doch selbst nicht. Du wirst das Referat schreiben, bevor du etwas anderes machst, und das schließt Fernsehen mit ein. Vor allem Fernsehen!“

„Aber es ist meine Lieblingssendung!“

„Der reinste Blödsinn ist das!“

„Mum hat gesagt, ich darf es sehen.“

Alice nannte Pip nur Mum, wenn sie die Erwachsenen gegeneinander ausspielen wollte, und das hatte in den letzten Monaten zugenommen.

Pip warf nur einen kurzen Blick auf das angespannte Gesicht ihrer Mutter. „Mum hat recht. Zuerst musst du deine Hausarbeiten machen, Alice. Ich nehme die Sendung auf, und wir sehen sie uns dann später an.“

„Aber ich will sie jetzt sehen! Ich freue mich schon den ganzen Tag darauf!“ Sie blickte Pip anklagend an.

Shona sagte nichts, presste aber die Lippen zusammen.

„Bitte, Pip …“

Pip war hin und her gerissen zwischen mütterlicher Verantwortung und dem Bedürfnis, ihrer Tochter eine Freundin zu sein. Tagsüber musste sie ihrer Mutter die Erziehung überlassen, aber abends konnte Shona Unterstützung erwarten.

„Nein“, sagte sie ernst.

„Aber du hast gesagt …“

„Ich weiß, doch da habe ich nicht gewusst, dass du deine Hausaufgaben noch nicht gemacht hast.“

„Hast du wohl! Du hast gehört …“

„Es reicht!“ Shona warf ihre Gabel auf den Teller.

Alice sprang auf, stürmte aus dem Raum und knallte die Tür hinter sich zu.

„Tut mir leid, Mum“, brach Pip das drückende Schweigen und seufzte. „Als Mutter bin ich wohl nicht besonders erfolgreich, wie?“

„Sie kommt langsam in ein schwieriges Alter, das ist alles.“ Shona holte tief Luft. „Ich hatte vergessen, wie es ist, mit einem Teenager unter einem Dach zu leben.“

„War ich auch so schrecklich?“

„Nein.“ Shona lächelte müde und strich ihr kurz zärtlich übers Haar. „Überhaupt nicht.“

Die Geste erinnerte sie an ihre Kindheit, weckte Erinnerungen an Momente, als ihre Mutter stolz auf sie gewesen war, sie getröstet oder ihr damit einfach ihre Liebe gezeigt hatte. Innige Gefühle überschwemmten sie, ließen ihr Herz überfließen. „Das glaube ich nicht. Weißt du noch, was für einen Aufstand ich gemacht habe, als ich mir kein Piercing ins Ohr machen lassen durfte? Eine ganze Woche lang war ich sauer auf dich.“

„Wenn ich mich recht erinnere, ging es um ein Bauchnabelpiercing.“

„Und was ist mit dem ersten Rockkonzert, zu dem ich unbedingt wollte?“

„Du hast deinen Willen durchsetzen können, meine ich. Dank deinem Vater.“

Beide schwiegen einen Moment lang. Die Erinnerung an den unerwarteten Tod von Jack Murdoch schmerzte immer noch. Keine rührte gern daran.

„Und dann wurde ich schwanger.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, so gut damit zurechtzukommen, Mum.“

„Man schafft, was man muss. So ist das nun mal.“

„Und du musst immer noch damit klarkommen.“ Die nagenden Schuldgefühle hatten etwas Vertrautes. „Ich hätte längst die Verantwortung für Alice übernehmen sollen. Ich sollte ein eigenes Heim haben und dich nicht mit all den Sorgen und Nöten belasten.“

„Und wie soll das gehen, solange du deine Facharztausbildung noch nicht vollständig abgeschlossen hast?“ Shona richtete sich auf. „Ich wollte es so, Pip, und ich will es immer noch. Ich möchte, dass du in deinem Traumberuf Erfolg hast. Und den richtigen Mann findest.“

Pip verdrehte die Augen. „Na klar! Nenn mich die Traumfrau jedes Mannes – eine, die noch bei ihrer Mutter wohnt und einen rebellischen Teenager am Hals hat.“

„Du darfst nicht alle Männer an James messen. Er war ein Dummkopf.“

James war Pips letzter Freund gewesen. Er hatte sie Hals über Kopf im Stich gelassen, als er erfuhr, dass Alice nicht Pips Schwester, sondern ihre Tochter war.

„Ein Dummkopf, für den ich vier Jahre meines Lebens vergeudet habe. Glaub mir, mit einer Wiederholung habe ich es nicht eilig.“

„Vielleicht hättest du ihm etwas eher von Alice erzählen sollen.“

„Mit sechzehn schwanger geworden zu sein ist nicht gerade etwas, worauf ich stolz bin, Mum.“

„Das nicht, aber auf Alice schon“, sagte Shona ruhig. „Du kannst sehr stolz auf sie sein.“

Pip räumte die Küche auf, trank ihren Tee aus und machte sich dann auf den Weg nach oben, weil von Alice kein Ton zu hören war. Sie klopfte an die Tür. Vielleicht wäre jetzt ein ernstes Mutter-Tochter-Gespräch angebracht. Um eine neue Phase in ihrer Beziehung zu beginnen.

„Alice?“

Keine Antwort.

Pip klopfte nochmals und öffnete. Alice lag zusammengekrümmt auf dem Bett, mit dem Gesicht zur Wand.

„Alice?“

Alice rollte sich herum, die Arme fest um den Körper geschlungen. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Pip strich ihr das Haar aus der Stirn. Kalter Schweiß bedeckte die Haut. Alice fing an zu wimmern.

„Oh nein!“ Pip griff nach ihrem Handgelenk und wusste schon, dass sie einen rasenden Puls ertasten würde. „Tut dir wieder der Bauch weh? Warum bist du nicht heruntergekommen und hast mir Bescheid gesagt?“

„Hat gerade erst angefangen.“ Sie fing an zu schluchzen, ein krankes, verängstigtes kleines Mädchen. Von dem aufmüpfigen Teenager keine Spur mehr. „Es tut so weh, Mummy. Mach, dass es weggeht … bitte!“

„Gleich, mein Kleines.“

Pip hob ihre Tochter zusammen mit der Bettdecke hoch. „Leg die Arme um meinen Nacken. Ich bringe dich ins Krankenhaus.“

„Nein!“

Shona kam herein. „Was ist los?“

„Sie hat wieder Bauchschmerzen. Ich fahre sie ins Krankenhaus.“

„Soll ich einen Krankenwagen anfordern?“

„Mit meinem Wagen bin ich schneller.“

„Warte, ich hole ihn aus der Garage. Ich kann fahren.“

„Du musst nicht mitkommen. Es könnte eine lange Nacht werden.“

„Selbstverständlich komme ich mit.“

„Ich will da nicht hin“, schluchzte Alice. „Ich will liegen bleiben!“

„Ich weiß, Liebes, aber es muss sein. Dr. Costa hat uns darum gebeten. Im Krankenhaus bekommst du Medikamente gegen die Schmerzen.“

Alice schlang ihr die Arme um den Nacken.

„Versprochen?“

„Ja, das verspreche ich.“

„Wird Dr. Costa da sein?“

„Das weiß ich nicht, Liebes. Wir wollen es hoffen, aber es ist spät, und höchstwahrscheinlich ist er längst zu Hause.“

„Aber ich will, dass er da ist“, flüsterte sie und krümmte sich wieder.

Plötzlich sehnte Pip sich so sehr danach, ihn zu sehen, dass sie einen Moment die Augen schloss.

„Ich auch, mein Schatz, ich auch.“

3. KAPITEL

Die Triageschwester warf nur einen Blick auf Alice und schickte sie umgehend weiter in den Wiederbelebungsraum.

Graham, der diensthabende Arzt, kam gleich mit.

„Geben Sie ihr etwas Sauerstoff“, instruierte er die Schwester, „und ich brauche die Vitalwerte.“ Er wandte sich an Pip. „Was ist passiert?“

„Akute Bauchschmerzen, die in den Rückenbereich ausstrahlen. Dazu Übelkeit und Erbrechen.“

„Okay. Ich lege sofort einen Zugang.“

Aber Alice riss die Hand fort, als er sie nehmen wollte. „Nein! Das soll Dr. Costa machen!“

„Er arbeitet nicht in der Notaufnahme, Kleines“, sagte Graham geduldig. „Komm, es ist nur ein kurzer Pikser, das verspreche ich dir.“

„Nein.“

„Wenn ich diesen kleinen Zugang gelegt habe, bekommst du ein Schmerzmittel, und dann tut dir nichts mehr weh.“

„Nein!“ Alice schluchzte heftig und übergab sich im nächsten Moment wieder. Die Schwester reichte Shona ein feuchtes Tuch, mit dem sie Alice das Gesicht reinigen konnte.

„Tut mir leid“, sagte Pip zu Graham. „Aber Toni hat uns gebeten, ihn sofort zu verständigen, wenn wir im akuten Fall herkämen. Alice hat wohl vermutet, er würde hier sein.“

„Es ist schon halb zehn. Ich glaube kaum, dass er noch im Haus ist.“

„Das kann gut sein.“

Graham schaute auf das unglückliche Kind, auf die Kanüle in seiner Hand, und dann sah er Pip an.

„Ich kann versuchen, ihn über seinen Pager zu erreichen.“

„Danke.“ Pip strich ihrer Tochter die feuchten Strähnen aus dem Gesicht. „Vielleicht haben wir ja Glück.“

Keine zwei Minuten später war Graham wieder da. „Er ist tatsächlich noch hier, auf der Intensivstation. Er kommt gleich.“

„Hast du gehört, Alice? Dr. Costa kommt extra deinetwegen her“, betonte Pip.

„Gut“, sagte Alice und bekam einen Schluckauf.

Es war wirklich gut. Mehr als das.

Toni hatte kaum den Raum betreten, da beruhigte Alice sich. Er begrüßte die Anwesenden mit einem freundlichen Lächeln und verschaffte sich zügig die nötigen Informationen.

„Herzfrequenz?“

„120“, antwortete Graham.

„Atmung?“

„Achtundzwanzig.“

„Temperatur?“ Er berührte Alices Stirn flüchtig, obwohl es nicht nötig war, aber Pip konnte sehen, dass es Alice guttat. Sie schloss die Augen, und ihr Gesicht entspannte sich kurz.

„37,4.“

„Blutdruck?“

„Achtzig zu fünfzig.“

„Etwas niedrig. Blutdruckabfall?“

„Noch nicht überprüft.“

Alice zuckte kaum mit der Wimper, als er geschickt den intravenösen Zugang legte, aber seine letzte Frage machte Pip Sorgen. Ein hypovolämischer Schock infolge innerer Blutungen verursachte Blutdruckabfall. Hatte Toni einen konkreten Verdacht? Ein Magengeschwür, das durchgebrochen war? Oder noch schlimmer, eine akute Blutung der Bauchspeicheldrüse?

„Im Wagen ist ihr schwindlig geworden“, erklärte sie, während er die Kanüle mit einem Pflaster fixierte.

„Wir werden die Blutproben untersuchen lassen, und dann sollte sie an einen Tropf“, sagte Toni zu Graham. Er lächelte die junge Schwester an, die die fertigen Aufkleber für die Teströhrchen bereithielt.

Es war ein warmes, anerkennendes Lächeln, das Gefühle in Pip auslöste, die nun wirklich nicht hierher gehörten. Sie war tatsächlich eifersüchtig!

„Wir benötigen Amylase, Hämoglobin, Hämatokrit, Elektrolyte …“ Die Liste schien endlos lang. „Und Blutkulturen“, schloss er endlich.

„Du meine Güte!“ Shona sah ihn mit großen Augen an.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Murdoch“, beruhigte er sie. „Es hört sich nach einer Riesenmenge Blut an, aber für jedes Röhrchen brauchen wir nur etwa einen Teelöffel voll.“

„Wozu die Kulturen?“, wollte Pip wissen. „Hätte Alice nicht mehr Fieber, wenn die Schmerzen von einer Infektion herrührten?“

Toni nickte. „Das versuchen wir auszuschließen. Sobald es geht, werden wir einen Urintest vornehmen“, sagte er und fügte verschwörerisch lächelnd hinzu: „Ich bin gern gründlich.“

Gründlich.

Und sanft.

Pip schaute zu, als er behutsam Alices Bauch untersuchte. Sie hatte ihn schon mal dabei beobachtet, und danach war ihr das Bild nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Hätte Alice bloß nicht diese Bemerkung über Toni gemacht! Pip hatte sich mehr als einmal dabei ertappt, wie sie sich seine schlanken, gebräunten Hände vorstellte und sich fragte, wie es sich anfühlen würde, wenn er sie berührte. Sogar nachts, wenn sie wach lag, ging ihre Fantasie mit ihr durch …

Da schrie Alice vor Schmerz auf und erinnerte Pip daran, dass ihre Tagträumereien absolut fehl am Platz waren. Hastig eilte sie zu ihrer Tochter und nahm die ausgestreckte Hand.

„Schon gut, Kleines, ich bin hier“, sagte sie liebevoll.

„Ich weiß, es tut weh, cara, wir werden gleich etwas dagegen unternehmen. Leider müssen wir dies tun, um herauszufinden, woher deine Schmerzen kommen.“ Toni wandte sich an den jungen Kollegen. „Ich denke, wir können jetzt etwas Pethidin geben.“

„Warum kein Morphin?“ Morphingaben waren Standard in Situationen wie diesen.

„Es gibt Erkenntnisse, dass es Sphincter-Oddi-Krämpfe auslösen kann.“

Graham nickte und sah Alice prüfend an, wohl um ihr Gewicht zu schätzen, damit er die Schmerzmitteldosis bestimmen konnte.

Toni bemerkte es und lächelte seine junge Patientin an. „Weißt du, wie viel du wiegst, Alice?“

„Nein.“

„Aber deine Mum doch bestimmt.“ Dabei sah er Shona an.

„Äh …“ Verwundert blickte Shona zu ihrer Tochter. „Eigentlich ist Pip …“

„Sie wiegt ungefähr zweiunddreißig Kilo“, unterbrach Pip sie schnell. Dies war weder die Zeit noch der Ort, Tonis falsche Vermutung zu korrigieren, oder?

„Wir beginnen mit fünfundzwanzig Milligramm, intravenös“, ordnete Toni an. „Dann hätte ich gern eine Röntgenaufnahme des Abdomens, und anschließend nehmen wir Alice stationär auf. Nur zur Beobachtung.“ Er suchte Pips Blick. „Bis morgen früh werden uns wohl die Blutwerte vorliegen, und wir können die Ultraschalluntersuchung vornehmen. Danach wissen wir hoffentlich mehr.“

Er gab weitere Anweisungen und führte ein paar Telefongespräche. Obwohl nun eigentlich alles erledigt war, blieb er dennoch.

„Was machen die Schmerzen, Alice?“

„Nicht mehr so schlimm.“ Zum ersten Mal, seit sie hier angekommen waren, lächelte sie und gähnte dann herzhaft.

„Sobald du geröntgt worden bist, bekommst du dein Bett und kannst schlafen. Möchtest du, dass deine Mum über Nacht hierbleibt?“

Alice nickte langsam. „Mummy?“

Plötzlich war es Pip egal, ob ihre Täuschung auffliegen würde. Oder dass ihr Leben kompliziert genug war, um die meisten Männer abzuschrecken. Wichtig war nur Alice. Ihre Tochter brauchte jetzt besonders viel Zuwendung und Geborgenheit.

Sie drückte ihre Hand. „Was ist denn, Liebes?“

Toni blickte mit gerunzelter Stirn von Shona zu Pip.

„Willst du bei mir bleiben?“ Alice sah Pip an.

„Aber natürlich, du Dummerchen.“

Toni hob kaum merklich eine Augenbraue. „Wenn es dir lieber ist, dass deine Schwester bei dir bleibt, Alice, so habe ich natürlich nichts dagegen.“

„Pip ist gar nicht meine Schwester“, murmelte Alice schläfrig. „Sie ist meine Mutter.“

Zum Glück kam in diesem Augenblick der Radiologe herein, sodass es Toni gelang, seine Überraschung zu verbergen. Aufrichtig konnte man Pips Verhalten nicht nennen, oder? Sicher, er hatte von sich aus angenommen, dass die beiden Schwestern waren, aber sie hatte das Missverständnis hinterher mit keinem Wort aufgeklärt.

Warum war er schockiert? Hatte er nicht schon als kleiner Junge erfahren, dass man Frauen nicht trauen konnte?

An erster Stelle seine Großmutter, die ihm Besuche der Eltern versprochen hatte, wann immer sie bei ihm etwas erreichen wollte. Irgendwann begriff er, dass darauf kein Verlass war.

Und seine Mutter, der er alles geglaubt hatte. Dass sie ihn eines Tages, schon bald sogar, mitnehmen würde. Dass sie dann eine richtige Familie wären. Toni hatte diese Zeit herbeigesehnt, wollte endlich auch bei seinem Vater sein, eine Gestalt, die sich während seiner Kindheit und Jugend schemenhaft im Hintergrund gehalten hatte.

Viele Versprechen. Keins davon wurde eingelöst.

Auch Ellen war nicht besser. Er hatte sich verliebt, angefangen, endlich wieder zu vertrauen, bis sie ihrem früheren Freund folgte, der sich auf einem anderen Kontinent ein neues Leben aufbauen wollte … mit ihr.

Warum hatte er geglaubt, dass Pippa Murdoch anders wäre? Doch nicht, weil sie so verdammt attraktiv war?

So dumm konnte er ja wohl nicht sein!

Genauso unsinnig war es, länger im Krankenhaus zu bleiben, um Alice zu ihren Untersuchungen zu begleiten, und zwar nicht nur aus dem Wunsch heraus, so bald wie möglich eine Diagnose zu stellen.

Toni musste sich eingestehen, dass er neugierig war.

Drei Frauen, drei Generationen … er fand es faszinierend, zu beobachten, wie sie miteinander umgingen, versprach sich insgeheim Antworten auf die Fragen, die seine ungewöhnliche Kindheit bis heute offen gelassen hatte. Verstehen würde ihm helfen zu verzeihen.

Und wenn er den Frauen, die ihn so bitter enttäuscht hatten, vergeben könnte, wäre er in der Lage, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und an die Zukunft zu denken. Vielleicht endlich das zu finden, was ihm im Leben fehlte.

„Ich bleibe bei Alice“, verkündete Shona, als die Röntgenaufnahme einen Tumordurchbruch oder Blutungen im Bauchraum ausgeschlossen hatte. „Du musst morgen früh arbeiten und brauchst deinen Schlaf.“

„Auf keinen Fall lasse ich Alice allein.“ Pip legte ihrer Mutter den Arm um die Hüfte. „Ruh dich aus, Mum, ich sehe doch, wie erschöpft du bist. Ich mache mir Sorgen um dich. Versprich mir, dass du endlich zu Dr. Gillies gehst. Gleich morgen.“

Obwohl die beiden mit gedämpfter Stimme sprachen, hörte Toni, was sie sagten, und er spürte sofort die innige Nähe zwischen Mutter und Tochter.

In seiner Familie hatte er ganz andere Erfahrungen gemacht …

„Ich begleite Sie auf die Kinderstation“, sagte er.

„Nicht nötig“, versicherte Pip sofort. „Ich kümmere mich um sie und sorge dafür, dass sie noch eine Urinprobe abgibt.“

„Ich wollte dort sowieso nach einigen Patienten sehen, ehe ich gehe.“

„Oh … selbstverständlich.“

Sie wirkte verlegen. Weil es ihr immer noch peinlich war, dass sie ihm etwas vorgespielt hatte? Toni hatte nicht schroff sein wollen, aber vielleicht hatte er unbewusst abweisend geantwortet, um sein Interesse an ihr zu verbergen. Für Menschen, die eine unglückliche Kindheit für mangelnde Erfolge verantwortlich machten, hatte er noch nie viel übrig gehabt. Man musste mit dem fertig werden, was einem das Leben in den Weg warf, und wer stark genug war, schaffte es auch.

Toni besaß diese Stärke.

Pippa auch? Keiner könnte behaupten, dass sie nicht erfolgreich war, oder? Auf der Kinderintensivstation saßen Eltern, die ihr und ihren Fähigkeiten für alle Zeiten dankbar sein würden. Als alleinerziehende Mutter hatte man es nicht leicht, doch Pip hatte sich anscheinend nicht unterkriegen lassen. Vielleicht hatten sie beide etwas Wesentliches gemeinsam, daher die starke Anziehung.

Nachdem Toni nach seinen Patienten gesehen hatte, ging er in Alices Einzelzimmer.

Pip und Shona halfen Alice gerade in ein Krankenhaushemd, überredeten sie dazu, eine Urinprobe zu geben, und machten es ihr anschließend so bequem wie möglich für die Nacht. Es war, als hätte das Mädchen zwei Mütter.

Er hatte nicht einmal eine gehabt.

Seine Großmutter hatte ihre Pflicht getan, nicht mehr und nicht weniger, und stets durchblicken lassen, welch schlechte Wahl ihr Sohn mit seiner Frau getroffen hatte. Die Male, wann er seinen Vater gesehen hatte, konnte er an den Fingern abzählen, und seine Mutter Elizabetta war für ihn eigentlich eine Fremde gewesen. Eine wunderschöne Besucherin, die in einer Wolke aus Parfüm und beladen mit Geschenken einschwebte, starke Spannung im Haus verbreitete, schnell wieder verschwand und bedrückende Leere zurückließ.

In kaum zwei Stunden mit den Murdochs erlebte er nun, was es bedeuten konnte, eine echte Familie zu haben. Er hatte das Gefühl, an einem grauen Regentag draußen zu stehen und in einen hell erleuchteten, warmen Raum zu schauen, in dem Menschen miteinander scherzten und lachten. Ein unwiderstehlicher Anblick.

Was hatte in dieser Familie funktioniert und in seiner versagt? In beiden Fällen spielte eine ungewollte Schwangerschaft eine Rolle. Freiwillig hätte Elizabetta niemals ihre Karrierepläne als Model geopfert, und Pippa – sie konnte nicht älter als fünfzehn, sechzehn gewesen sein. Sie trug keinen Ehering, und Alice hatte denselben Nachnamen wie ihre Mutter und Großmutter. Offensichtlich gab es keinen Ehemann.

Pip griff nach dem Krug auf dem Nachttisch und schenkte Alice ein Glas Wasser ein. Ihre Bewegungen waren voller Anmut, die Finger schmal und feingliedrig.

Der Gedanke, dass sie schon so jung mit einem Mann geschlafen hatte, irritierte ihn.

Pip musste gespürt haben, wie er sie anstarrte, denn sie blickte plötzlich auf und errötete heftig. Als hätte sie ihm seine Gedanken angesehen.

Der Wunsch, mehr über sie zu erfahren, verstärkte sich.

War sie vergewaltigt worden?

Auf die starken Emotionen, die der Gedanke hervorrief, war er nicht vorbereitet. Toni holte tief Luft. Was war es? Abscheu? Zorn? Er beobachtete, wie sie ihrer Tochter zu trinken gab und ihr das Haar aus dem Gesicht strich, als Alice sich hinlegte.

Es lag so viel Zärtlichkeit in ihren Gesten. Zärtlichkeit, die Pippa selbst verdient hatte. Vielleicht war es das, was ihn bewegte – Bedauern, Mitgefühl.

Wie albern, sagte er sich gleich darauf. Du kennst nicht einmal ihre Geschichte. Trotzdem blieb das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen, sie zu beschützen …

Ungewohnt barsch fing er an zu sprechen: „Morgen früh bin ich wieder hier, und dann sehen wir, ob wir weitere Tests vornehmen müssen.“ Er mied Pippas Blick, als sie ihm dankte. „Schlaf gut, Alice“, wandte er sich an das Mädchen. „Sag den Schwestern Bescheid, wenn du wieder Schmerzen hast, sie werden dir etwas dagegen geben.“

Toni marschierte zur Tür, und Shona eilte ihm nach. Während er ihr die Tür aufhielt, sagte sie zu ihrer Tochter: „Du hast recht, ich werde mir etwas Schlaf gönnen. Alles Weitere besprechen wir morgen.“

Er widerstand der Versuchung, Pips Mutter zum Parkplatz zu begleiten. Wahrscheinlich hätte er seine Neugier nicht im Griff und würde ihr Fragen stellen, persönliche Fragen.

Wenn er schon sein Bedürfnis, mehr über Philippa Murdoch zu erfahren, kaum zügeln konnte, dann wollte er sie wenigstens selbst fragen.

Die Bitte, am Nachmittag zu Toni Costa ins Büro zu kommen, kam ziemlich unerwartet, und so war Pip reichlich nervös, als sie sich auf den Weg machte.

Mehr als einmal hatte sie ihre Arbeit unterbrechen müssen, um Alice zu verschiedenen Untersuchungen zu begleiten, die Toni aufgrund der anormalen Leberwerte angeordnet hatte.

Aber dass er sie in sein Büro gebeten hatte, deutete auf eine ernste Erkrankung hin, über die er nur unter vier Augen sprechen wollte.

Und sein Gesicht war ernst, als sie den Raum betrat. Er bat Pip, sich zu setzen, hockte sich dann auf die Schreibtischkante und griff nach seinen Unterlagen. Aber seine ersten Worte nahmen ihr die größte Angst.

„Glücklicherweise können wir einen Tumor ausschließen.“

„Gott sei Dank!“, keuchte Pip. „Ich habe mir große Sorgen gemacht.“

Er lächelte mitfühlend. „Zudem haben wir weder Hinweise auf eine Erkrankung der Leber, ein Magengeschwür oder einen Reflux.“

„Viel bleibt nicht mehr übrig, um sich Sorgen zu machen, oder?“ Sie schaute ihm prüfend ins Gesicht.

„Ich freue mich, dass ich sie heute Nachmittag entlassen kann.“ Toni nickte. „Theoretisch sollten wir eine zweite Schmerzattacke abwarten, um die Diagnose zu bestätigen, aber ich bin überzeugt, dass Alices Probleme auf eine Sphincter-Oddi-Dysfunktion zurückzuführen sind.“

Mit gerunzelter Stirn grub Pip in ihren Erinnerungen.

„Eine recht seltene Fehlfunktion“, fuhr Toni fort, „und es würde mich wundern, wenn Sie irgendwann davon gehört hätten.“

„Es hat mit dem Gallenfluss zu tun, ja?“

Toni nickte. „Der Sphincter Oddi ist ein kleiner Schließmuskel, der das Einfließen von in der Leber produzierter Galle in den Zwölffingerdarm regelt. Manchmal kommt es zu einem Verschluss, meistens bedingt durch Krämpfe, eine harmlose Angelegenheit. Meist betrifft es Frauen im mittleren Alter, besonders nach operativer Entfernung der Gallenblase.“ Er sah sie an. „Oder es ist erblich.“

„Und wie wird es behandelt?“, wollte sie wissen. „Falls Alice tatsächlich darunter leidet.“

„Eine Medikamententherapie wird zurzeit zwar erprobt, aber bis jetzt besteht nur die Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffs.“

„Würde es helfen, ihre Ernährung umzustellen? Meiner Mutter hat es anfangs geholfen, wenn sie fettarm gegessen und strikt auf Alkohol verzichtet hat.“

„Alice trinkt doch noch keinen Alkohol, oder?“

„Das will ich nicht hoffen“, betonte sie, „aber heutzutage weiß man das bei Teenagern nie. Sie erzählt bereits sehnsüchtig, dass einige ihrer Freundinnen auf Partys gehen dürfen.“

„Aber sie nicht?“

„Nein, meine Mutter ist in solchen Dingen sehr streng.“

Einen Moment lang schwiegen beide, und Pip beobachtete fasziniert das Spiel der Emotionen auf seinem Gesicht. Zuerst wirkte er ungewohnt unentschlossen, bis auf einmal ein langsames Lächeln seine Mundwinkel umspielte.

„Und Sie, Pippa“, fragte er sanft, „dürfen Sie denn ausgehen?“

Pip sah ihn verblüfft an. „Wie bitte?“

Nonchalant, die Handbewegung, die dann folgte, so als wäre seine Frage eigentlich nicht von Bedeutung. Doch sein intensiver Blick sagte genau das Gegenteil.

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