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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 141

AMY RUTTAN

Wir sind schwanger, Dr. Gary!

Ein dramatischer Unfall bringt den Neurorchirurgen Ryan Gary wieder mit Dr. Emily West zusammen. Ein halbes Jahr ist ihre verrückte Hochzeit in Las Vegas her; die Scheidungspapiere hat sie ihm bereits zugeschickt. Aber das kommt für Ryan auf ein-mal nicht in Frage! Denn Emily ist nicht nur die schönste Frau, die er kennt. Sie ist auch schwanger …

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Wir sind schwanger, Dr. Gary!

PROLOG

Las Vegas, Nevada

Sie wusste nicht so recht, wie sie hierhergekommen war.

„Wollen Sie, Dr. Emily West, Dr. Ryan Gary zu Ihrem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen?“

„Yep!“, erklärte sie fröhlich. Dabei kniff sie die Augen zusammen, um den Elvis-Imitator besser zu erkennen, der vor ihr stand. Ihr war nicht ganz klar, weshalb er leicht seitwärts geneigt zu sein schien.

Das ist das Unvernünftigste, was ich jemals getan habe.

Zumindest dachte sie das. Aber Emily fühlte sich gerade etwas benommen. Sie warf einen Blick auf den Mann neben ihr, und ein breites Lächeln erhellte ihre Miene.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie mit dem tollsten, sexysten, charmantesten Neurochirurgen der Welt hier in dieser Hochzeitskapelle gelandet war. Doch sie war kein bisschen nervös, und das war gut. Normalerweise litt sie in gesellschaftlichen Situationen jeder Art immer an irgendwelchen Ängsten. Es war ihr schwergefallen, an dem Vortrag von Dr. Ryan Gary über siamesische Zwillinge teilzunehmen und danach mit ihm zu sprechen, um ihm zu sagen, wie sehr sie seine Arbeit bewunderte.

Nachdem ihre Beziehung mit Robert, einem anderen Chirurgen, aufgrund seines Berufsneides gescheitert war, hatte Emily überhaupt nicht damit gerechnet, dass Ryan sie zu einem Drink einladen würde. Sie hatte sich ermahnt, diese Einladung lieber nicht anzunehmen. Andererseits konnte ein Drink mit einem Kollegen ja nicht schaden.

Die fünf Drinks danach hatten es jedoch in sich gehabt. Und je mehr sie über Chirurgie und den Kongress geredet hatten, desto entspannter war sie in seiner Gesellschaft geworden.

Mit einem Heiratsantrag hatte sie allerdings nicht gerechnet. Jedenfalls glaubte sie, dass dies passiert war. Zuerst Dinner, dann Tanzen und danach eine Knutscherei auf dem Rücksitz von Ryans Mietwagen. Und jetzt waren sie hier, in einer Kapelle abseits des Las Vegas Strip.

Ryan wirkte auch irgendwie schief geneigt.

Emily lächelte vor sich hin. Es machte Spaß, mal aus sich herauszugehen. Sie hatte sonst nie Spaß. Nach dem Ende ihrer Beziehung mit Robert war sie auf keine Dates mehr gegangen. Sie hatte kein Interesse an anderen Männern gehabt. Und da sie die gesellschaftlichen Feinheiten von Dates ohnehin nicht verstand, hatte sie sich gar nicht erst die Mühe gemacht.

Doch Ryan schien an ihrer Arbeit genauso interessiert zu sein wie sie an seiner. Bei seinem Lächeln, seiner Selbstsicherheit bekam sie einfach absolut weiche Knie.

In seiner Nähe verlor sie die Kontrolle über sich.

„Und wollen Sie, Dr. Ryan Gary, Dr. Emily West als Ihre rechtmäßig angetraute Ehefrau nehmen?“

„Was?“, fragte er. Dabei lehnte er sich noch ein bisschen mehr zu ihr herüber und blinzelte sie mit seinen strahlend blauen Augen an.

Vielleicht drehte sie sich ja gar nicht selbst, sondern Ryan drehte sich. Einen Moment lang schloss Emily die Augen, spürte aber dennoch, wie der Raum sich drehte. Vielleicht drehten sie sich beide?

Der Elvis wirkte beunruhigt.

„Klar! Natürlich will ich!“

Als Ryan sie anlächelte, wurde Emily erneut schwach zumute. Was möglicherweise aber auch an den Mojitos lag.

„Dann erkläre ich Sie hiermit kraft des mir durch den Staat Nevada verliehenen Amtes zu Mann und Frau.“

Emily warf dem Elvis ihren Brautstrauß zu, ehe Ryan sie schwungvoll hochhob.

„Das ist das Verrückteste, was ich je gemacht habe“, meinte er atemlos, während er sie durch den Mittelgang hinaustrug.

„Ich glaube, du musst mich über die Schwelle und nicht durch den Mittelgang tragen“, protestierte sie.

„Du bist leicht wie eine Feder“, flüsterte er ihr ins Ohr. Ein elektrisierender Schauer lief ihr über den Rücken. Dann schwankte er leicht nach rechts und setzte sie wieder ab. „Vielleicht sollte ich lieber bis zum Hotelzimmer warten und dich dann dort über die Schwelle tragen. Diese Mojitos waren ziemlich stark.“

Emily lachte.

„Was ist denn so lustig?“ Den Arm um sie gelegt, führte Ryan sie zu dem Wagen mit Chauffeur.

„Mojito ist ein komisches Wort.“

„Wieso?“

„Wenn man ein Wort sehr oft wiederholt, ist es witzig.“

„Mojito“, sagte er noch einmal, wobei er die erste Silbe betonte.

Emily kicherte belustigt.

Mit hochgezogenen Augenbrauen öffnete der Fahrer die hintere Tür, und sie stiegen ein.

Ryan lachte leise. „Mann, diese Drinks hatten es wirklich in sich! Ich muss morgen einen Flug kriegen. Oder heute?“ Er schaute auf seine Armbanduhr.

„Heute. Ich glaube, es ist schon nach Mitternacht.“

Er grinste jungenhaft. „Heißt das, du verwandelst dich gleich in einen Kürbis?“

„Nö. Und du?“

Er strich ihr über die Wange und küsste sie. In diesem leidenschaftlichen, intensiven Kuss ergab alles einen Sinn. Und auf einmal stellte Emily ihre Entscheidung, Ryan zu heiraten, nicht mehr infrage.

Es fühlte sich so richtig an. Eine sehr lange Zeit hatte sie sich bei keinem Mann mehr so gut gefühlt. Und Robert hatte nie ein solches Verlangen in ihr ausgelöst.

„Ich bin froh, dass ich dich zum Essen eingeladen und wir geheiratet haben“, meinte Ryan.

Emily kicherte erneut. „Was in Vegas passiert, bleibt auch in Vegas, stimmt’s?“

„Stimmt!“

Der Wagen hielt vor dem Hotel, und als der Fahrer ihnen die Tür aufhielt, stieg Ryan als Erster aus.

„Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht, Dr. West und Dr. Gary?“, erkundigte sich der Mann.

„Könnte nicht besser sein“, erwiderte Ryan.

Emily nickte. „Es ist hammermäßig!“

Sie wusste nicht, ob sie dieses Wort schon jemals zuvor benutzt hatte. Aber ihr gefiel der Klang, genauso wie ihr der Klang von Mojito gefiel. Es ging einem einfach leicht über die Lippen.

Der Fahrer hob etwas zweifelnd die Brauen, nickte dann jedoch.

Ryan legte Emily den Arm um die Schultern, und gemeinsam betraten sie das Hotel. Mit dem Lift fuhren sie hinauf zu seiner Suite. Da Ryan etwas Probleme mit der Schlüsselkarte hatte, half Emily ihm dabei, die Tür zu öffnen. Danach beugte er sich zu ihr, um sie hochzuheben.

Ihr Puls raste, und ein erregendes Kribbeln durchströmte sie. Es fühlte sich richtig an. Sie wollte das hier. Vielleicht würde es ihr dabei helfen, wieder nach vorne zu schauen.

„Bist du sicher?“, fragte Ryan. Seine blauen Augen glitzerten, als er sie eng an sich drückte.

„Absolut sicher.“ Emily, die ihre Finger am Nacken durch sein Haar gleiten ließ, küsste ihn. „Ich will es, Ryan. Sonst wäre ich nicht hier.“

Lächelnd meinte er: „Dann werde ich dich jetzt über die Schwelle tragen, mein Weib.“

Emily fühlte sich geradezu euphorisch.

Es war schließlich nur eine Nacht. Was konnte das schon schaden?

1. KAPITEL

Seattle, sechs Monate später

„Wow.“ Noch einmal betrachtete Emily das Ultraschallbild, das ihre Kollegin Dr. Ruchi ihr aus dem Krankenhaus in einer kleinen Stadt zwischen Portland und Seattle geschickt hatte.

„Ja, die siamesischen Zwillinge haben zwei getrennte Wirbelsäulen, aber zahlreiche gemeinsame Nerven an der Basis. Außerdem teilen sie sich eine Leber, einen Teil des Dickdarms, und sie haben zu zweit drei Nieren.“

„Aber zum Glück gibt es jeweils vier voll ausgebildete Gliedmaßen und getrennte Genitalien.“

Die Teilung einer Leber sowie die Trennung an sich waren einfacher, wenn jeder der Zwillinge eine Chance hatte, allein zu überleben. Glücklicherweise teilten sich diese Zwillinge weder das Herz noch das Gehirn. Die gemeinsamen Organe konnten vermutlich problemlos getrennt werden. Es sah Erfolg versprechend aus. Riskant, aber durchaus möglich.

Es ging darum, ob alle Gliedmaßen voll funktionsfähig waren und ob die siamesischen Zwillinge ihre Geburt überleben würden. Das Überleben war der schwierigste Teil.

„Ja, das ist auf jeden Fall ein Pluspunkt“, bestätigte Dr. Ruchi.

„Und die Eltern sind damit einverstanden, dass die Mutter nach Seattle verlegt wird und ich die Operation durchführe?“ Emily vergrößerte die neueste Aufnahme der Babys in der Gebärmutter.

„Ja, die Mutter weiß, dass ihre Zwillinge zusammengewachsen sind. Wir haben sie detailliert über das Risiko einer Trennung nach der Entbindung informiert, aber sie hat sich für die Geburt entschieden.“

Emily, die einen kleinen Tritt spürte, blickte auf ihren Bauch hinunter. Im sechsten Monat konnte sie ihre Schwangerschaft inzwischen nicht mehr verheimlichen. Was für eine schwere Entscheidung für eine Mutter. Emily war froh, dass ihr so etwas erspart blieb. Mit ihrem Baby war bisher alles in Ordnung.

„Wann willst du sie entbinden?“, fragte sie ihre Kollegin.

„Ich gar nicht“, antwortete Ana Ruchi. „Ich möchte die Eltern lieber nach Seattle hochschicken und sie deiner Obhut anvertrauen. Ich hoffe, dass die Mutter Bettruhe einhält und ihr in ein paar Wochen den Kaiserschnitt durchführt, wenn die Babys weiterentwickelt sind. Es ist wichtig, dass die Geburt der Zwillinge bei euch stattfindet, damit sie sofort von deinem Fachwissen profitieren können. Du bist eine der besten Kinderchirurginnen im ganzen Land und hast schon mehrere Trennungen erfolgreich durchgeführt.“

„Ja, gerne. Natürlich. Allerdings macht mir das Bündel an Nerven Sorge, welches die Zwillinge sich miteinander teilen. Das beunruhigt mich. Die Leber, die Nieren und sogar den Dickdarm kann ich trennen. Aber für die Nerven brauche ich einen Weltklasse-Neurochirurgen, der mit einer solchen Arbeit vertraut ist und mir bei diesem Teil der Operation assistiert.“

„Ich habe einen Neurochirurgen für dich.“

Emily wusste sofort, wen ihre Kollegin meinte, und es verursachte ihr ein flaues Gefühl in der Magengrube. „Wie bitte?“

„Dr. Ryan Gary. Er hat sich bereit erklärt, von San Diego nach Seattle zu fliegen, um bei dem Fall mitzuhelfen. Das ist meine Patientin. Ich habe ihr erstes Kind entbunden, und ich möchte, dass du die Trennung zusammen mit Dr. Gary durchführst.“

Dr. Ruchi hatte recht. Ryan war der Beste. Er hatte bereits mehrere Trennungen durchgeführt. Emily wusste nur nicht, ob es nicht doch unangenehm sein würde, mit einem Mann zusammenzuarbeiten, dem sie gerade die Scheidungspapiere zugeschickt hatte.

Ihre Beziehung mit Robert war schlecht ausgegangen. So schlecht, dass Emily danach völlig niedergeschmettert gewesen war. Daher hatte sie sich davor gehütet, mit einem anderen Chirurgen auch nur irgendeine persönliche Beziehung einzugehen.

Nein, sie war sogar fest entschlossen gewesen, es nie wieder zu versuchen. Bis sie Dr. Gary begegnet war. Trotzdem war ihr One-Night-Stand ein großer Fehler gewesen. Eine wundervolle Nacht, aber mit Folgen. Jetzt war sie schwanger und allein. Sie bereute es.

Nein, tust du nicht.

Doch, diese Nacht war der größte Fehler ihres Lebens gewesen.

Als Emily versuchte, mit Ryan Kontakt aufzunehmen, um ihm von dem Baby zu erzählen, hatte sie festgestellt, dass er zu einem medizinischen Hilfseinsatz in irgendwelchen Krisengebieten unterwegs war. Er hatte nie reagiert. Nicht einmal, als sie ihm die Scheidungspapiere zukommen ließ.

Aber das war schon okay. Sie wollte die Scheidung so oder so durchziehen.

Natürlich hatte Emily nicht geplant, jetzt eine Familie zu gründen oder ein Kind allein großzuziehen. Aber darauf zu warten, ob Ryan irgendeine Reaktion zeigte, würde sie ganz sicher nicht davon abhalten, genau das zu tun.

„Emily, ist alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte sich Dr. Ruchi.

„Was? Ja, entschuldige. Du sagtest, Dr. Gary?“

„Ja, ist das ein Problem?“

Sie hörte die Besorgnis in der Stimme ihrer Freundin. Emily hatte Jahre dafür gebraucht, um solche Gefühle bei anderen überhaupt zu bemerken. Nicht immer bekam sie diese mit. Aber seit Robert sie vor fünf Jahren verlassen hatte, und jetzt, da sie kurz davor war, alleinerziehende Mutter zu werden, konnte sie erkennen, wenn jemand ihretwegen besorgt war. Sie merkte es an der Art, wie andere mit ihr sprachen. So, als hätten sie Mitleid mit ihr.

„Nein“, erwiderte sie. „Aber ich muss das wahrscheinlich erst mit dem Chefarzt der Chirurgie abklären. Ich meine, wir haben ja auch ausgezeichnete Neurochirurgen hier am SMFPC.“

Lügnerin.

Ja, sie hatte ein Problem damit, dass Ryan kommen sollte. Da er auf ihre E-Mails bezüglich ihrer Schwangerschaft nicht geantwortet hatte, ging sie davon aus, dass er nichts damit zu tun haben wollte. Auch wenn sie mal wieder von einem Mann verletzt worden war, konnte sie dieses Baby durchaus alleine großziehen. Sie brauchte keine Hilfe. Und obwohl sie Ryan nicht wieder in ihrem Leben haben wollte, wäre es das Beste für die Patientin, wenn er die Operation übernahm. Er war ein hervorragender Neurochirurg.

„Mit deinem Chef habe ich schon alles geklärt“, sagte Dr. Ruchi. „Ich wollte sichergehen, dass du den Fall übernimmst und er ihn nicht an einen anderen Kinderchirurgen abgibt!“

Emily lachte. „Ana, du weißt genau, dass ich die leitende Ärztin der Kinderchirurgie bin.“

Ana seufzte, lachte dann aber auch. „Na gut, ich wollte außerdem sicherstellen, dass er Dr. Gary gestattet, bei euch zu arbeiten.“

„Ich nehme an, das ist in Ordnung?“

„Ja. Danke für deine Hilfe, Emily. Ich vertraue niemand anderem so wie dir. Du und Ryan, ihr habt beide schon erfolgreiche Trennungen siamesischer Zwillinge durchgeführt. Ich weiß, dass du das kannst.“

„Ja, das weiß ich auch“, erklärte Emily. Allerdings wusste sie nicht, ob sie imstande war, es mit Ryan gemeinsam zu tun. Doch das behielt sie für sich.

Ein Teil von ihr wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen, weil er sich nie bei ihr gemeldet hatte. Sie bezweifelte, dass dies für ein gutes Arbeitsklima förderlich war.

Ignorier es einfach. Ihr seid beide Chirurgen und könnt euch professionell verhalten.

Rasch schüttelte sie den Gedanken ab. Dass sie ihn bewunderte, seine Selbstsicherheit, seinen Charme und sein umwerfend gutes Aussehen attraktiv fand, hatte sie schließlich erst in diese Lage gebracht.

Bei ihm war Emily nicht unbeholfen oder ängstlich gewesen. Es war, als hätte seine Selbstsicherheit auf sie abgefärbt. In seiner Nähe hatte sie sich begehrenswert gefühlt.

„Wann soll die Patientin eintreffen?“, fragte sie.

„Ich habe dir alle Unterlagen gemailt“, antwortete Ana. „Ich möchte sie morgen früh mit dem Rettungsflugzeug schicken. Aber Dr. Gary wird früher da sein. Er ist gestern Abend in Portland gelandet, und ich habe den Fall mit ihm besprochen. Er kommt mit dem Hubschrauber, weil er einen anderen pädiatrischen Patienten begleitet, der heute Morgen eingeliefert wurde. Zum Glück war Dr. Gary gerade hier.“

Emily warf einen Blick auf ihren Pager. Das war der zweite Patient, auf den sie wartete. Na toll, dann würde sie also auch hierbei mit Ryan zusammenarbeiten.

„Gut. Danke, Ana. Ich werde mich um deine Patientin kümmern. Sag mir Bescheid, wann der Transport mit ihr hier ankommen soll. Dann nehme ich sie gleich in Empfang.“

„Mach ich. Danke, Emily.“

Sobald Emily aufgelegt hatte, stützte sie seufzend den Kopf in die Hände.

Oh nein.

Nach dem Debakel mit Robert, der weder mit ihrer Promotion umgehen konnte noch damit, dass sie eine Stelle als Oberärztin der Pädiatrie erhielt, hatte Emily sich geschworen, sich nie wieder auf einen Kollegen einzulassen. Auf einen solchen Berufsneid konnte sie in ihrem Privatleben wirklich verzichten.

Fünf Jahre lang war es ihr gelungen, sich von allen Dates fernzuhalten, weil sie Männern grundsätzlich nicht traute. Bis zu diesem Kongress in Las Vegas, wo Ryan sie im Sturm erobert hatte. Sie war schwach und dumm gewesen und er so unglaublich charmant.

Als er dann so gar nicht auf ihre Nachrichten über das Baby reagierte, hatte sie sich Vorwürfe gemacht, wieder mal hereingefallen zu sein.

Es hatte Emily tief verletzt, dass sie auf eine solche Weise benutzt worden war, aber sie hatte beschlossen, nach vorne zu schauen. Sie wollte nicht in Selbstmitleid versinken. Sie hatte ihre Arbeit und das Baby. Für ihr Kind wollte sie ein gutes Vorbild sein, selbst wenn es ihr große Ängste verursachte, all das alleine schaffen zu müssen.

Jetzt war Ryan auf dem Weg hierher, und ihre Schwangerschaft war nicht mehr zu übersehen. Aber wenn er nach Seattle kam, konnte sie ihn zumindest dazu bringen, die Scheidungspapiere zu unterschreiben.

Sie atmete einmal tief durch. Im Grunde wäre es nicht anders, als mit wütenden, aufdringlichen Eltern umzugehen, die die Mitarbeiter anschrien, wenn die geplante Operation ihres Kindes abgesagt wurde, weil ein Kind mit lebensgefährlichen Verletzungen eingeliefert worden war.

Solchen Leuten trat sie mit einer ruhigen, sachlichen, aber bestimmten Haltung entgegen. Also würde sie auch mit Ryan und seiner Arroganz fertig werden. Vor allem, wenn es um ihre Patienten ging.

Bei der Arbeit fiel Emily der Umgang mit Patienten und deren Eltern nicht allzu schwer. Doch sobald es sich um persönliche Beziehungen handelte, ging das Ganze schnell den Bach hinunter.

Gegen Ende ihrer Beziehung mit Robert hatte er sie oft verletzt. Sich über die Fähigkeiten lustig gemacht, die ihr fehlten. Die sie von anderen unterschieden und die sie schon ihr ganzes Leben lang zu verstehen versuchte.

In dem Augenblick, als sie Ryan in Las Vegas kennengelernt hatte, war sie wie verwandelt gewesen, und jetzt hatte sie Angst, dass er ihr wahres Ich erkennen könnte. Ihre Mängel. Ihre Schwächen.

Da ertönte ihr Pager. Der Rettungshubschrauber war im Anflug.

Ihr Herzschlag schien einen Moment lang auszusetzen.

Tief durchatmen. Du schaffst das.

Emily steckte den Pager in ihre Kitteltasche, stand auf und streckte sich. Das Baby fing ein bisschen an zu strampeln, und sie lächelte.

Ja, sie würde es schaffen.

Sie hatte schon viel schlimmere Situationen überstanden. Ihre milde Form des Asperger-Syndroms bedeutete, dass sie nie wirklich irgendwo reinpasste. Aber hiermit würde sie schon klarkommen.

Das Stethoskop um den Hals gelegt, ging sie auf den Lift zu, der direkt zum Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Krankenhauses hinauffuhr.

„Dr. Teal, Sie kommen mit mir“, sagte sie zu einer Assistenzärztin, die am Schwesterntresen an ihren Patientenakten arbeitete. „Holen Sie eine Liege, wir treffen uns dann gleich oben auf dem Landeplatz.“

„Selbstverständlich, Dr. West.“ Amanda Teal eilte davon.

Im Lift drückte Emily den Knopf und den Code fürs Dach. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Oben angekommen, stellte sie sich in den Unterstand und wartete. Da es ein sonniger Tag war, konnte man vom Dach des Seattle Maternal Fetal Pediatric Center aus den Puget Sound und die Fähren auf dem Wasser sehen.

Emily schloss die Augen, um die Stille und die friedliche Stimmung dieses Vormittags im Spätfrühling zu genießen. Dann hörte sie das entfernte Brummen des Helikopters und erblickte den leuchtend orangefarbenen Rettungshubschrauber, der über die Skyline von Seattle auf sie zukam.

Mit verschränkten Armen wappnete sie sich für die bevorstehende Begegnung mit Ryan.

Hier ging es nur um die Arbeit. Darum, Kindern das Leben zu retten. Mehr nicht.

Als der Hubschrauber sich näherte, trat sie wieder zurück in den Unterstand des Aufzugs. Der Wind der Rotorblätter wirbelte ihr kurzes blondes Haar durcheinander.

Dr. Teal wartete bereits mit der Liege, und Emily nickte ihr zu. Bei dem Lärm des Helikopters, der gerade auf dem Landeplatz aufsetzte, konnte man ohnehin nichts verstehen.

Sobald sich das Drehen der Rotorblätter verlangsamte, wurde die Tür des Hubschraubers geöffnet.

„Kommen Sie!“, rief Emily ihrer Kollegin zu, als auch das Motorengeräusch leiser wurde.

Mit eingezogenem Kopf liefen sie zu der geöffneten Tür hinüber. Dort waren die Sanitäter schon in Aktion, um ihnen das Kind zu übergeben.

Emily erblickte Ryan im Hintergrund, und erneut spürte sie dieses seltsame Gefühl in ihrer Herzgegend. Er hatte sich in den letzten sechs Monaten kaum verändert, sondern war genauso attraktiv wie zuvor. Ihr stockte der Atem. Das hellbraune Haar wirkte perfekt zerzaust, während seine umwerfenden blauen Augen auf den Patienten und die Sanitäter gerichtet waren. Der Dreitagebart verdeckte nicht die charmante Kerbe in seinem Kinn.

Als er plötzlich den Blick von seinem kleinen Patienten zu ihr hob, weiteten sich seine blauen Augen erstaunt. So, als hätte er nicht damit gerechnet, Emily hier zu sehen, was sie sich allerdings kaum vorstellen konnte. Rasch schaute sie weg und ging zu einem der Sanitäter, um den kleinen Patienten zu übernehmen.

Die einzige Möglichkeit, diese ganze Sache zu überstehen, bestand darin, Ryan wie jeden anderen Kollegen aus der Chirurgie zu behandeln, distanziert und professionell.

Genau das hätte sie vor einem halben Jahr in Las Vegas tun sollen, anstatt sich von ihm im Sturm erobern zu lassen.

„Männlicher Patient, zehn Jahre alt, der sich beim Fahren auf einem Quad eine Wirbelsäulenverletzung zugezogen hat“, erklärte der Sanitäter. „Der Patient hat einen Wirbelbruch zwischen C7 und T3. Dr. Gary hat ihn in ein künstliches Koma und in eine therapeutische Hypothermie versetzt.“ Er und seine Kollegin hoben die Trage aus dem Hubschrauber auf die Liege.

„Hypothermie?“, fragte Emily verblüfft.

„Um das Rückenmark zu schützen, damit er vielleicht wieder laufen kann“, sagte Ryan, der dabei half, den Jungen auf die Liege umzulagern.

Ohne darauf einzugehen, wandte Emily sich an den Sanitäter: „Wir übernehmen jetzt.“

Der Mann nickte und gab ihr das Krankenblatt, das sie ans Fußende der Trage hängte. Dann fing sie an, den Patienten zum Aufzug zu rollen. Obwohl sie Ryans Blick auf sich spürte, war ihr das egal. Sie wollte nur den Patienten auf die Intensivstation bringen, um ihn dort zu stabilisieren.

Da Dr. Teal den Lift bereits gerufen hatte, schoben sie gleich darauf zu dritt die Liege hinein, ehe Emily den Code für die Intensivstation drückte. Als sich die Tür schloss, hörte sie, wie der Hubschrauber wieder startete.

Sie wünschte, Ryan wäre mit an Bord.

„Was hast du dir dabei gedacht, ein Kind in Hypothermie zu versetzen?“, fragte Emily ihn erbost.

Sie war so wütend auf ihn, weil er sie ein halbes Jahr lang ignoriert hatte, dass sie ihn an liebsten angebrüllt hätte.

Verwundert sah Amanda sie an. Einen Moment lang tat es Emily leid, so vor ihrer Assistenzärztin explodiert zu sein. Aber als sie Ryan ansah, lächelte er.

Dieses charmante, arrogante Lächeln, das sie von Anfang an in Schwierigkeiten gebracht hatte.

„Ich freu mich auch, dich zu sehen, liebste Ehefrau.“

2. KAPITEL

Wieso musste er so übermütig sein?

In dem Moment, als er das Wort aussprach, hatte Ryan den Eindruck, dass Emily gleich Feuer spucken würde. Und so böse, wie sie ihn ansah, machte dies dem Spruch „Wenn Blicke töten könnten“ alle Ehre. Aber sie war verdammt noch mal so umwerfend attraktiv wie immer.

Sie trug das fast platinblonde Haar kürzer, doch es stand ihr. Ryan erinnerte sich noch gut daran, wenn er sie genau unterhalb des Ohrläppchens küsste, wie lustvoll sie dann geseufzt hatte. Er war ein Idiot gewesen, sie zu verlassen.

Du warst nicht der Einzige, der gegangen ist, schon vergessen?

Als er in dem Hotelzimmer in Las Vegas aufwachte, war er allein gewesen, und von Emily war nur noch die Heiratsurkunde auf dem Nachttisch geblieben.

Er hatte sich bemüht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, doch sie hatte nicht darauf reagiert. Und als sie dann versucht hatte, ihn zu erreichen, war er bereits an Bord eines Flugzeugs in den Nahen Osten gewesen.

Danach hatte sie sich nie wieder bei ihm gemeldet, bis Ryan vor einer Woche die Scheidungspapiere erhielt. Ungefähr zur selben Zeit, als Dr. Ruchi sich mit ihm über den Fall der siamesischen Zwillinge beraten hatte.

Er wollte Emily die Scheidungspapiere persönlich übergeben und damit jene unbesonnene Nacht in Las Vegas endgültig aus der Welt schaffen. Außerdem hoffte er, Emily dadurch auch aus seinem Kopf zu verbannen, da er in den vergangenen sechs Monaten nur noch an sie hatte denken können.

Dass eine Frau ihm wieder so unter die Haut ging, erschreckte ihn, denn er wusste nur allzu gut, wie das beim letzten Mal ausgegangen war.

Ryan hatte geglaubt, Morgan hätte ihn geliebt. Aber als sie schwanger geworden war, hatte sie diese Schwangerschaft abgebrochen, ohne ihm etwas davon zu sagen, und ihn verlassen.

Danach hatte er sich nie mehr ernsthaft auf eine Frau einlassen wollen. One-Night-Stands waren in Ordnung, aber eine Heirat?

Was hatte er sich bloß dabei gedacht?

Er war erleichtert, dass Emily offenbar genauso empfand.

Obwohl er sich darauf vorbereitet hatte, sich in Seattle seinen inneren Dämonen zu stellen, war er dennoch nicht darauf vorbereitet gewesen, Emily tatsächlich wiederzusehen. Bei ihrer ersten Begegnung in Las Vegas hatte es ihn sofort erwischt. Trotz ihrer Schüchternheit hatte sie etwas an sich gehabt, weshalb er sie gerne näher kennenlernen wollte.

Ihre Intelligenz, ihre Schönheit, ihr Charme und sogar, dass sie nicht tanzen konnte, all das hatte Ryan verzaubert. Doch wie jede andere Frau hatte sie ihn nur benutzt und dann verlassen.

Mittlerweile hatte er sich angewöhnt, immer als Erster zu gehen. Das war ihm lieber, denn er war nicht imstande gewesen, mit dem Schmerz fertigzuwerden, den Morgan ihm damals zugefügt hatte.

Jetzt öffnete Emily den Mund, um etwas auf seine Bemerkung zu erwidern. Doch dann schaute sie über ihre Schulter zu der Assistenzärztin am anderen Ende der Liege und besann sich eines Besseren.

Sobald sich die Lifttür wieder öffnete, schoben sie die Liege gemeinsam zu einem Zimmer auf der Intensivstation, wo Ryan die Hypothermie rückgängig machen konnte, um die Wirbelsäule des Jungen wieder in Ordnung zu bringen.

„Dr. Teal, würden Sie bitte für Dr. Gary einen Klinik-Anzug und eine OP-Haube besorgen?“, sagte Emily, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Patient stabil war.

„Natürlich, Dr. West.“ Die Assistenzärztin verließ den Raum.

Ein Team an Pflegekräften übernahm alles Weitere, während Emily nach dem Krankenblatt griff und Ryan bedeutete, ihr zu folgen. Am Schwesterntresen legte sie die Unterlagen ab, ehe sie sich mit verschränkten Armen zu ihm umwandte. Erst in diesem Augenblick fiel ihm die deutliche Rundung unter dem Klinik-Anzug auf.

Unwillkürlich stockte ihm der Atem. Er konnte es nicht fassen. Emily war schwanger und hatte es ihm verheimlicht? Dieser Anblick versetzte ihn sofort zurück in die Vergangenheit.

„Du hättest mir wenigstens sagen können, dass du schwanger bist!“, schrie Ryan, als Morgan ihre Sachen packte.

„Wieso? Wir sind nicht verheiratet, und ich will nicht Mutter werden. Ich konzentriere mich ausschließlich auf meine Karriere.“

„Ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren!“

„Das stimmt, und ich habe es dir gerade erzählt. Aber es ist vorbei. Jetzt können wir beide unser Leben weiterleben.“

Schnell schüttelte er die Erinnerung ab. Zwar hatte er auch nicht Vater werden wollen, aber als er nach einer Geschäftsreise nach New York zurückkehrte, hatte Morgan sowohl die Schwangerschaft als auch die Beziehung beendet.

Ihn hatte sie dabei jedoch im Dunkeln gelassen.

Offenbar wiederholte sich diese Geschichte gerade. Das machte ihm Angst. Also musste er mit der ganzen Sache sehr behutsam umgehen.

„Du siehst gut aus, Emily.“

„Lass das“, wehrte sie kopfschüttelnd ab.

„Was denn?“

„Das weißt du genau.“ Sie blickte hinüber zu dem Raum auf der Intensivstation. „Das ist ein Kind.“

„Mit einer traumatischen Rückenmarksverletzung“, antwortete Ryan. „Ich habe das getan, was für den Transport aus Portland das Beste war.“

Emily biss sich auf die Lippen. „Eine therapeutische Hypothermie wird von pädiatrischen Patienten meistens schlecht verkraftet.“

„Der Junge ist zehn“, entgegnete er schroff. „Er ist kein Säugling, und ich habe ihn in ein künstliches Koma versetzt. Er ist alt genug, um eine kurzzeitige Hypothermie durchzuhalten, und noch jung genug, um wieder ganz gesund zu werden. Er wird keine größeren Schäden davontragen, die man nicht mit umfassender Physiotherapie wieder hinkriegen kann. Anders als bei einer möglichen Querschnittslähmung.“

Sie seufzte, und ihre Miene wurde sanfter. „Ich gehe davon aus, dass du das Einverständnis der Eltern dafür eingeholt hast.“

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine solche Maßnahme bei einem zehn- bis zwölfjährigen Kind mit einer Rückenmarksverletzung einsetze. Wir machen die Hypothermie rückgängig, und dann bringe ich die Wirbelsäule wieder in Ordnung“, gab er gereizt zurück. Es ärgerte ihn, von ihr infrage gestellt zu werden.

Doch im Grunde hatte dieser Streit nichts mit seinem Behandlungsplan zu tun, sondern eher mit der Schwangerschaft und den Scheidungspapieren.

Emily war wütend.

Aber Ryan auch. „Ist es von mir?“

Seine Frage traf sie unvorbereitet. „Ja.“ Sie wurde rot. „Du hast meine E-Mails also erhalten?“

Fragend hob er die Brauen. „Welche E-Mails?“

„Ich habe dir eine Mail geschickt, als ich feststellte, dass ich schwanger war. Und danach noch einige weitere. Da von dir keinerlei Reaktion kam, nahm ich an, du willst mit mir und dem Baby nichts zu tun haben.“

„Du nahmst es an?“

„Du hast mir ja nicht geantwortet!“, fauchte sie.

„Ich habe diese Mails nie bekommen, Emily. Ich wusste nichts von deiner Schwangerschaft.“

Sie wollte etwas sagen, doch in diesem Moment kehrte Dr. Teal mit den Sachen für Ryan zurück. „Hier ist der Klinik-Anzug, Dr. West.“

„Danke.“ Ryan nahm ihn entgegen. „Könnten Sie einen OP für mich vorbereiten?“

„Selbstverständlich, Dr. Gary.“

Sobald Dr. Teal erneut davoneilte, sah Emily ihn finster an. „Sie ist Assistenzärztin und soll heute unter meiner Anleitung lernen.“

„Gehört es denn nicht zu ihrem Job, einen OP vorzubereiten? In meiner Ausbildungszeit war das jedenfalls so“, meinte Ryan.

Ihre Augen wurden schmal. „Du brauchst vermutlich noch einen Stationsarzt. Dr. Sharipov ist einer unserer besten und vielversprechendsten pädiatrischen Chirurgen.“

„Danke. Er wird sicherlich eine große Hilfe sein, aber ich hätte auch gerne dich mit dabei. Mir wurde gesagt, dass du bei diesem Fall mit mir gemeinsam operieren würdest. Ich habe den Eltern des Jungen gesagt, dass mir bei dem Eingriff die beste Kinderchirurgin an der gesamten Westküste assistiert.“

„Natürlich werde ich dabei sein.“

„Gut.“ Es gab zwar noch einiges mehr, was Ryan ihr sagen wollte, aber nicht hier auf der Intensivstation, mitten zwischen Patienten und Mitarbeitern. Das war nicht der richtige Ort, um über ihre Ehe oder das Baby zu sprechen. „Kannst du mir einen Raum zeigen, wo ich mich umziehen und meine Sachen unterbringen kann? Mein Gepäck wird gleich zu meinem Hotel in Seattle gebracht, sodass ich momentan nicht viel bei mir habe.“

Wieder wurden ihre Züge sanfter. „Klar, ich zeige dir den Aufenthaltsraum der Oberärzte. Komm mit.“

Als sie die Intensivstation verließen, spürte Emily die Blicke, die ihnen folgten. Sie war ziemlich sicher, dass mittlerweile fast alle wussten, wie Ryan sie vorhin genannt hatte. Dennoch konnte sie Dr. Teal keinen Vorwurf machen. Die Geschichte war wirklich einigermaßen schockierend, und es tat Emily leid, dass Amanda diesen angespannten Augenblick mitbekommen hatte.

Eigentlich hatte Emily vorgehabt, Ryan wie einen ganz normalen Kollegen zu behandeln. Nur sehr selten zog sie die Methoden eines anderen Arztes so öffentlich in Zweifel. Vor allem, da die Neurochirurgie nicht ihr Fachgebiet war. Dabei ging es nicht einmal darum. Sie war wütend, weil Ryan sich nie wieder bei ihr gemeldet hatte. Und dann hatte er sie vor Dr. Teal auch noch wie eine Idiotin aussehen lassen. Emily hatte es immer gehasst, wenn Robert das getan hatte.

Im Allgemeinen wirkte sie ruhig, kühl und gelassen. Sie war stolz auf ihr professionelles Verhalten. Sie hatte hart daran gearbeitet. Ihre Reaktion von eben passte überhaupt nicht zu ihr, und es ärgerte sie, dass ihre Gefühle die Oberhand gewonnen hatten.

Glücklicherweise war niemand sonst in dem Aufenthaltsraum.

„Da drüben ist ein leerer Schrank.“ Emily deutete auf den Schrank, der am weitesten von der Tür entfernt lag. Sie selbst blieb jedoch vorsichtshalber an der Tür stehen, da ihr dies zumindest eine Fluchtmöglichkeit bot.

„Danke.“ Ryan ging zu dem Schrank und legte seine Lederjacke hinein. „Eine Nachricht habe ich allerdings erhalten.“

„Ach ja?“

„Die Scheidungsunterlagen.“

„Aber nichts über meine Schwangerschaft? Ich habe dir zehn E-Mails geschickt!“

„Ich hatte dir doch am Abend unserer Hochzeit gesagt, dass ich einen bestimmten Flug kriegen musste. Ich war im Ausland, in einer Region, wo die Internetverbindung ziemlich schlecht war. Ich habe dich nicht absichtlich ignoriert.“

Er knöpfte sein Hemd auf, um den Klinik-Anzug anzuziehen, wobei Emily sich bemühte, nicht hinzuschauen.

Sie wollte ihm gerne glauben. „Ich habe an dem Abend viel getrunken und kann mich nicht daran erinnern, dass du mir so etwas gesagt hast.“

„Ich erinnere mich noch dunkel. Ich schätze, wir haben an dem Abend beide viel getrunken. Immerhin hat ein Elvis-Imitator uns getraut. Das klingt reichlich kitschig.“ Dieser Scherz war dazu gedacht, die Spannung zwischen ihnen aufzulockern, was Ryan auch gelang.

Emily musste ein wenig lachen. „Stimmt. Total kitschig.“

„Ich bin froh, dass du das Baby behalten hast“, fügte er leise hinzu.

„Natürlich.“

Ein seltsamer Ausdruck flog über sein Gesicht, während er das Hemd abstreifte und das Oberteil des Klinik-Anzugs über den Kopf zog.

Emily hatte den Eindruck, als könnte er es nicht so ganz glauben, dass sie das Kind behalten wollte. Doch sobald sich das Stäbchen blau färbte, hatte sie gewusst, dass sie dieses Baby haben wollte.

Es war zwar nicht geplant, aber sie freute sich über ihre Schwangerschaft. Sie mochte Kinder. Deshalb war sie auch Kinderchirurgin geworden.

„Nach der Operation müssen wir uns mal zusammensetzen und reden“, erklärte Ryan.

„Ja, klar. Wegen der siamesischen Zwillinge. Ich muss die Patientenakte genau durchgehen.“

Mit erhobenen Brauen meinte er: „Wovon sprichst du?“

„Von dem Fall der siamesischen Zwillinge. Und du?“

„Von unserer Ehe und dem Baby.“

Ihr Herzschlag setzte kurz aus, und sie spürte, wie Hitze ihr über den Nacken in die Wangen stieg. „Ryan, wir haben keine Ehe.“

„Aber wir sind noch verheiratet. Wir können unsere Ehe nicht annullieren lassen, und ich bin nicht sicher, ob ich die Scheidungspapiere wirklich unterschreiben möchte.“

Na super, jetzt muss er es auch noch extra schwierig machen, dachte Emily frustriert. „Du willst über die Scheidung reden? Es steht alles in den Unterlagen.“

„Nein, ich möchte nicht über eine Scheidung reden“, entgegnete Ryan. „Ich möchte über uns und das Baby reden. Darüber, was wir tun sollen.“

Sie lachte kurz auf. „Es gibt kein Wir, Ryan. Wir haben in Vegas bloß einen dummen Fehler gemacht.“

„Ich finde es nicht dumm“, widersprach er.

„Was? Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Doch, absolut. Ich möchte unser Baby …“ Er hielt inne, bevor er etwas unsicher fortfuhr: „Ich möchte, dass wir unser Baby zusammen großziehen.“

3. KAPITEL

Emily hielt diese Idee für völlig absurd.

Ryan wollte über ihre Beziehung sprechen? Darüber, wie sie funktionieren könnte? Und dass sie gemeinsam ein Kind großzogen? Es gab keine Beziehung. Sie hatten sich getroffen, sich einige Drinks genehmigt und einen One-Night-Stand gehabt. Außerdem war Emily nicht ganz davon überzeugt, dass Ryan ihre E-Mails tatsächlich nicht bekommen hatte.

Andererseits hatte er wirklich überrascht ausgesehen.

Doch Robert war auch ein guter Schauspieler gewesen. Sie war schon einmal hintergangen worden. Emily biss sich auf die Lippen. Sie wusste nicht, was sie glauben sollte.

Abgesehen von seinen Veröffentlichungen und den Vorträgen, die sie sich angehört hatte, wusste sie nichts von Ryan. Und er wusste nichts von ihr. Das war keine Basis für eine Beziehung. Ihre Eltern waren die besten Freunde. Sie hatten sich Zeit gelassen, einander richtig kennenzulernen, und führten eine langjährige, glückliche Ehe.

Ryan und Emily hatten gerade mal eine einzige Nacht zusammen verbracht. Das war gar nichts.

Als sie einen kleinen Tritt spürte, schaute Emily auf ihren Bauch. Nun ja, vielleicht nicht absolut gar nichts. Aber trotzdem wollte sie mit Ryan nicht darüber reden.

„Das werden wir nicht besprechen“, sagte sie daher schnell. „Wir treffen uns gleich unten im OP.“

„Ich weiß nicht, wo der OP-Bereich ist, und ich habe auch keinen Zugang dazu“, erwiderte er.

Mist. „Dann zieh dich jetzt um“, antwortete sie abweisend.

„Emily.“

„Nein“, fuhr sie ihn an. „Das Einzige, worüber wir nach diesem Eingriff reden werden, sind die siamesischen Zwillinge. Das ist ein sehr wichtiger Fall, und die Mutter wird morgen bei uns eingeliefert. Wenn die Babys die Geburt und die erste Woche überleben, müssen wir ihre Trennung planen. Das ist alles, worüber ich im Moment sprechen will. Nur über unsere Patienten. Mit etwas anderem kann ich gerade nicht umgehen, Ryan.“ Das war die Wahrheit. Emily fühlte sich überfordert. Seit Roberts Untreue hatte sie so etwas nicht mehr erlebt, und sie verabscheute dieses Gefühl.

Mit schmalen Augen öffnete Ryan seine Gürtelschnalle. „Na schön.“

Doch sein Tonfall zeigte ihr, dass die Sache noch nicht vorbei war. Seine Beharrlichkeit war eine der Eigenschaften, die sie immer an ihm bewundert hatte. Er war ein Getriebener und deshalb zum besten Neurochirurgen des Landes geworden. Und darum hatte auch Emily danach gestrebt, in ihrem eigenen Fachgebiet immer besser zu werden.

So viele Leute hatten behauptet, sie könnte keine Chirurgin werden, wenn sie am Asperger-Syndrom und sozialen Ängsten litt. Aber sie hatte so vieles überwunden, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt war. Sie hatte länger gearbeitet als alle anderen und hart dafür gekämpft, möglichst perfekt zu sein. Die Beste zu werden.

Die Schwangerschaft machte sie jedoch weicher, was ihr etwas Angst machte. Emily scheute nie vor ihren Fehlern zurück, aber zu glauben, dass zwischen ihr und Ryan mehr war als nur eine flüchtige Anziehung, war albern.

Es ist nicht bloß flüchtig. Du fühlst dich immer noch zu ihm hingezogen.

Ihr wurde plötzlich heiß, als er nach der Anzughose griff. Rasch wandte sie den Blick ab. „Ich warte draußen im Flur. Dann können wir zusammen zum OP gehen.“

„Gut.“ In seinen Augen lag ein anzügliches Glitzern, so als wüsste er genau, welche Wirkung er auf sie ausübte.

Das gefiel Emily gar nicht.

Sie verließ den Aufenthaltsraum, lehnte sich im Flur an die Wand und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie mehrere Assistenzärzte, Pflegekräfte und sogar Fachkollegen, die auf ihren Bauch schauten und miteinander flüsterten.

Emily hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, wenn es sich um Klatsch handelte. Solange es um ihre Arbeit ging, störte sie das nicht. Aber da es ihr Baby und ihre angebliche Ehe mit Ryan betraf, machte es ihr zu schaffen.

Da trat Ryan aus dem Aufenthaltsraum. Der dunkelblaue Klinik-Anzug, der seine blauen Augen noch betonte, stand ihm gut.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Ja.“

„Du wirkst ein bisschen blass. Übernimmst du dich auch nicht?“

„Nein, mir geht’s gut. Komm mit. Die anderen warten in OP zwei auf uns, und ich möchte den Patienten nicht länger in der Hypothermie lassen als unbedingt nötig.“

„Dann mal los.“

Emily ging voran, und obwohl sie und Ryan schwiegen, konnte sie spüren, wie sie auf den Korridoren angestarrt wurden. In diesem Krankenhaus verbreiteten sich Neuigkeiten wie ein Lauffeuer.

Vor dem breiten Gang, der zu zahlreichen Operationssälen führte, blieben sie stehen. Hier setzte Emily sich ihre OP-Haube auf und zeigte Ryan, wo er ebenfalls eine finden konnte. Danach wechselte sie die Schuhe. Ryan hingegen zog eine Plastikhülle über seine Straßenschuhe. In seinem Gepäck hatte er sicher auch Laufschuhe dabei, die ausschließlich für den OP bestimmt waren.

„Bereit?“, fragte sie.

„Jederzeit.“ Voller Selbstvertrauen lächelte er ihr zu.

„Okay.“ Emily tippte einen Code ein, mit dem sie die Tür öffnete. Diesen Korridor ging sie immer gerne entlang. Rechts und links an den Seiten standen Liegen und medizinische Geräte. Manchmal wurde auch eine Liege vorbeigerollt, begleitet von einem Elternteil und einer Sozialbetreuerin. Denn das SMFPC unterstützte die elterliche Anwesenheit bei der Narkoseeinleitung.

Man konnte die Angst in den Augen der Eltern sehen, die hinter den Schutzmasken verborgen waren. Für ihre Kinder versuchten sie jedoch, stark zu sein, und ihre Nähe hatte einen ausgesprochen positiven Effekt auf das Wohlbefinden der Kinder.

Aber dann gab es auch solche Fälle wie die des Jungen, den sie gleich operieren sollten, bei dem es um Leben und Tod ging.

Emily strich sich über den Bauch und sah zu Ryan auf, der ebenfalls auf ihren Bauch schaute, bevor sich ihre Blicke trafen. In seinen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck, aber auch Furcht.

„Der Waschraum ist da drüben“, sagte sie.

Vom Waschraum aus konnte man den OP überblicken, wo der junge Patient lag. Das übrige Operationsteam war dabei, ihn vorzubereiten, und die Anästhesisten warteten bereits.

„Glaubst du, dass der Eingriff erfolgreich sein wird?“, erkundigte sich Emily.

„Natürlich“, antwortete Ryan zuversichtlich. „Ich habe das schon öfters gemacht.“

„Gut, ich nämlich noch nie.“

„Du hast noch nie eine spinale Dekompression und das Richten eines Wirbelbruchs durchgeführt?“

„Doch, dabei habe ich schon assistiert. Aber ich hatte noch nie mit einem Kind in therapeutischer Hypothermie zu tun.“

„Es funktioniert.“ Ryan schüttelte sich das Wasser von den Händen, ehe er sie abtrocknete. „Vertrau mir.“

Auch wenn Emily das gerne getan hätte, fiel es ihr schwer, jemandem zu vertrauen, den sie nicht kannte. Sie mochte Routine und operierte gerne zusammen mit bestimmten Anästhesisten, Assistenzärzten und OP-Schwestern. Routine vermittelte ihr ein Gefühl von Ruhe. Mit Ryan hatte sie jedoch noch nie zusammengearbeitet.

Er ist der Beste.

Das musste sie sich immer wieder sagen. Sie folgte ihm in den OP-Raum, wo Nancy, ihre Lieblings-OP-Schwester, sie mit Handschuhen und Kittel versorgte. Dabei musste Emily sich auch daran erinnern, dass nicht sie heute die Leitung der Operation hatte, sondern Ryan.

Als sie zur Galerie hinaufblickte, sah sie, dass der Chefarzt der Chirurgie zuschaute, genau wie mehrere Assistenz- und Stationsärzte.

Sein Ruf eilte Ryan eben voraus.

Emily musste ihre Selbstzweifel besiegen und sich konzentrieren. Denn bald würden hier zwei winzige Säuglinge liegen, während sie und Ryan mit ihren jeweiligen OP-Teams die Zwillinge trennten, um ihnen eine echte Lebenschance zu ermöglichen.

Sie nahm ihre Position am OP-Tisch gegenüber von Ryan ein. Dr. Sharipov und Dr. Teal waren ebenfalls anwesend, obwohl Amanda Teal den Eingriff nur beobachtete.

„Dr. Teal, würden Sie bitte fürs Protokoll das Krankenblatt vorlesen?“, sagte Ryan.

Fragend sah Amanda zu Emily hin, die ihr zunickte.

Daraufhin las Amanda vor: „Jason Klassen ist ein zehnjähriger männlicher Patient mit einem Wirbelsäulenbruch zwischen C7 und T3. Der Patient wurde für den Transport von Portland aus in ein künstliches Koma sowie eine therapeutische Hypothermie versetzt. Durch den Eingriff wird die Hypothermie rückgängig gemacht, und wir werden versuchen, den Schaden an der Wirbelsäule zu beheben.“

„Wir werden es nicht nur versuchen, Dr. Teal, sondern es tun“, erklärte Ryan fröhlich.

„Ja, natürlich.“

„Bereit, wenn Sie es sind, Dr. Gary“, sagte Emily.

Er nickte. „Skalpell.“

Auch wenn Emily es nicht zugab, dass sie nach der stundenlangen Operation müde war und sich zerschlagen fühlte, konnte man es ihr ansehen.

Vornübergebeugt saß sie auf einer Bank vor dem Operationssaal, den Kopf in die Hände gestützt und die Augen geschlossen. An der Bewegung ihrer Schultern bemerkte Ryan, dass sie tiefe Atemzüge machte.

Es war ein langwieriger, aber erfolgreicher Eingriff gewesen. Die Nerventests der Funktionsfähigkeit in den Beinen des Patienten waren positiv. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn aus dem künstlichen Koma holen konnten, um festzustellen, ob das Gehirn einen Schaden davongetragen hatte. Doch Ryan ging davon aus, dass keine Schäden zurückbleiben würden. Die therapeutische Hypothermie funktionierte.

Im Augenblick ging es ihm aber nicht darum. Vielmehr war er besorgt, dass Emily sich zu viel zumutete und dadurch sich und das Baby womöglich in Gefahr brachte.

Als er sich zu ihr auf die Bank setzte, musste er sich zurückhalten, um sie nicht zu berühren. Ryan fürchtete, eine solche Geste würde bei ihr nicht gut ankommen. Im Grunde hatte er schon seit seiner Ankunft das Gefühl, dass seine Anwesenheit ihr nicht willkommen war.

Aber er hatte die feste Absicht, das zu ändern. Solange er hier war, wollte er ihr die Unterstützung bieten, die sie brauchte. Das war er ihr schuldig. Die Vorstellung, Vater zu werden, erschreckte ihn, denn er wusste nicht, wie er ein guter Vater sein sollte.

Sein eigener Vater hatte ihn und seine Mutter verlassen, anstatt als Rancher auf dem Land der Familie von Ryans Mutter zu arbeiten. Ryan wusste also nicht, wie man für ein Kind da sein konnte. Er war nicht sicher, ob ihm das gelingen würde.

Morgan hatte ihm nie die Chance gegeben, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Vielleicht war es das Beste so, weil er viel zu oft unterwegs war. Und das gefiel ihm.

Wirklich?

„Ist alles okay mit dir?“, erkundigte er sich.

„Ja, alles gut.“ Emily richtete sich auf, doch er sah ihr an, wie erschöpft sie war.

„Du musstest lange stehen.“

„Ich weiß.“

„Wann hast du das letzte Mal was gegessen?“, fragte er.

„Heute Mittag, kurz bevor ich den Anruf von Dr. Ruchi zu den siamesischen Zwillingen erhielt. Und bevor du beschlossen hast, mich mit deiner Anwesenheit zu beehren.“

Ryan lachte. „Komm, lass uns was essen gehen.“

„Keine Zeit. Jasons Eltern sind im Warteraum. Ich denke, wir müssen mit ihnen sprechen und sie zu ihrem Sohn bringen.“

„Wir können mit ihnen sprechen, aber danach soll ein Assistenzarzt sie zu ihrem Sohn bringen. Und du wirst was essen. Das ist eine ärztliche Anweisung.“

Seufzend gab Emily nach. „Na schön.“

„Du willst dich also nicht mit mir streiten?“, meinte er scherzhaft.

„Nein, weil du recht hast und ich am Verhungern bin. Wir sprechen mit den Klassens, und dann kann Dr. Teal sie auf die Intensivstation bringen.“ Als sie aufstand, schloss sie plötzlich die Augen und wurde blass.

Schnell hielt Ryan sie fest. „Hey, dir geht es überhaupt nicht gut.“

„Bloß ein leichter Schwindel. Ja, es stimmt. Heute habe ich mich überfordert. Seit dem Beginn meiner Schwangerschaft habe ich weder an einer orthopädischen noch an einer neurochirurgischen Operation teilgenommen.“

Er half ihr dabei, sich wieder hinzusetzen. „Du bleibst hier. Ich rede mit den Eltern und komm danach sofort zurück.“

Emily nickte. „Ist gut.“

„Bin gleich wieder da. Rühr dich nicht vom Fleck.“

„Okay.“

Eigentlich wollte Ryan sie nicht allein lassen, aber er hatte den Eltern seines Patienten gegenüber eine Verpflichtung. Wahrscheinlich waren sie schon krank vor Sorge. Dr. Teal, die ihn begleitete, führte ihn zum Warteraum.

Dort erklärte er Jasons Eltern den Eingriff und dessen Ergebnis. Sie würden noch eine ganze Weile in Seattle bleiben, während ihr Sohn nach seiner Heilung intensive Physiotherapie bekam.

Glücklicherweise erholten Kinder sich meistens sehr schnell.

Sobald Dr. Teal die Eltern zur Intensivstation brachte, kehrte Ryan in den OP-Bereich zurück, indem er Emilys Zugangskarte benutzte.

Emily saß auf dem Fußboden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und den Kopf zwischen den Knien.

Erschrocken eilte Ryan zu ihr und kniete sich neben sie. „Emily?“

„Ich brauche wirklich dringend was zu essen.“ Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

Lächelnd meinte er: „Komm mit, ich führe dich in das schönste Lokal der Stadt aus.“

„Musst du nicht hierbleiben, solange dein Patient auf der Intensivstation ist?“, fragte sie, als er ihr beim Aufstehen half.

„Doch, aber das schönste Lokal ist ja auch nicht weit weg.“

Sie lachte. „Ich enttäusche dich zwar nur ungern, aber die Cafeteria ist leider nicht das schönste Lokal der Stadt.“

„Na, das muss eben reichen, bis ich dich in das beste Restaurant ausführen kann. Welches wäre das denn?“

Belustigt zuckte sie die Achseln, während sie langsam den Flur hinuntergingen. „Ich weiß es nicht. Ich wohne zwar schon seit fünf Jahren in Seattle, habe aber noch nicht viel von der Stadt gesehen.“

„Du stammst also nicht von hier?“

„Nein, ich komme aus Salt Lake City. Und bevor du fragst: Nein, ich bin keine Mormonin. Meine Eltern schon, aber ich habe mich noch nie irgendeiner Religion verbunden gefühlt. Nur der Wissenschaft.“

Ryan nickte verstehend. Auf ihn übte die Wissenschaft eine ähnliche Anziehung aus. Nach dem Wunsch seiner Mutter hätte er die Ranch und das Land ihrer Familie bewirtschaften sollen. Aber mit achtzehn war ihm klar geworden, dass er für das Leben auf einer Ranch nicht geschaffen war. Zu der Zeit hatte seine Mutter auch den Kontakt zu ihm abgebrochen, und er hatte gelernt, sich alleine durchzuschlagen.

„Dich nach deiner Religion zu fragen, lag mir vollkommen fern.“

„Tut mir leid. Es ist nur so, wenn ich Leuten erzähle, woher ich komme, dann ist das normalerweise das Erste, wonach ich gefragt werde.“ Emily sah zu ihm auf. „Bitte entschuldige, dass ich so langsam bin.“

„Kein Problem. Lass dir ruhig Zeit.“ Ryan fragte sich, weshalb sie sich so oft entschuldigte.

„Es nervt mich“, gestand sie. „Sonst bin ich immer im Eiltempo durch das Krankenhaus gelaufen. Ich habe es in fünf Minuten von der Intensivstation zur Notaufnahme geschafft, und jetzt bin ich viel langsamer geworden.“

Ihm tat es leid, dass er die ersten sechs Monate ihrer Schwangerschaft nicht mitbekommen hatte und sie damit alleine gewesen war. Es beschämte ihn, und gleichzeitig war er auch wütend auf sich. Wenn er es doch nur gewusst hätte …

In der Cafeteria setzte Emily sich an einen Tisch, während Ryan an der Theke ein paar Sandwiches und Mineralwasser holte. Das alles stellte er vor Emily hin.

„Danke. Die machen hier wirklich gute Sandwiches“, sagte sie.

„Trotzdem gibt es bestimmt noch was Besseres. Das werde ich finden und dich dorthin einladen.“

Fragend hob sie die Augenbrauen. „Wieso?“

„Wir haben eine Menge zu besprechen.“

„Abgesehen von der Arbeit gibt es nichts zu besprechen. Das, was ich in meinen Mails geschrieben habe, habe ich auch genauso gemeint. Ich kann dieses Baby alleine großziehen. Wir haben beide einen Fehler gemacht …“

„Ich werde mich meiner Verantwortung nicht entziehen.“ Es ärgerte Ryan, dass sie ihm einen Ausweg bot, weil er den gar nicht wollte. Na schön, einerseits ja, aber andererseits auch nicht. Im Augenblick war er nicht sicher, was er wirklich wollte. Aber wenigstens war er hier.

Beim letzten Mal, als so etwas passierte, hatte er ein Kind verloren, und das hatte ihm sehr wehgetan. Für dieses Kind würde er Verantwortung übernehmen.

Auf gar keinen Fall würde er einfach so gehen. Er war fest entschlossen, Emily so lange zu helfen, wie er konnte.

4. KAPITEL

Emily saß am Schreibtisch in dem ruhigeren Teil der Intensivstation. Ihre Schicht war fast vorbei, doch sie wollte noch nicht nach Hause gehen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Ryan gegenüber so abweisend gewesen war. Aber abgesehen von ihren Eltern hatte sie sich bisher noch nie auf irgendjemand anderen verlassen können. Sie war in ihrem Leben nur deshalb so weit gekommen, weil sie hart daran gearbeitet hatte, all die Dinge zu überwinden, von denen ihre Lehrer ihr prophezeit hatten, dass sie sie an einer Karriere hindern würden. Das einzige Mal, dass sie so dumm gewesen war, sich auf jemand anders zu verlassen, war in ihrer Beziehung mit Robert gewesen.

Er hatte sie lächerlich gemacht und betrogen.

Warum sollte es bei Ryan anders sein?

Aus diesem Grund hatte sie ihm einen Ausweg angeboten.

Doch er war richtig böse geworden, als Emily ihm mitgeteilt hatte, dass er an dem Leben seines Kindes nicht teilzuhaben brauchte. Danach hatten sie schweigend ihre Sandwiches gegessen, bis Ryan wegen Jason ein dringendes Signal auf dem Pager erhalten hatte und auf die Intensivstation zurückgeeilt war.

Nachdem Emily ihr Mahl beendet hatte, war sie ebenfalls zur Intensivstation hinaufgegangen, um die letzte Visite bei ihren kleinen Patienten zu machen, bevor eine ihrer Stationsärztinnen die Nachtschicht übernahm. Als sie jetzt von ihren Eintragungen aufblickte, sah sie Ryan an Jasons Bett, wo er Informationen in einen der Computer eingab.

Auch wenn er ständig von einem Krankenhaus zum anderen unterwegs war und nie irgendwo eine feste Stelle hatte, war er außerordentlich engagiert und fürsorglich, wenn es um seine Patienten ging. Dr. Ruchi vertraute ihm und wünschte ihn sich als den behandelnden Neurochirurgen bei den siamesischen Zwillingen.

Emily rief die Patientenakte auf, die Ana Ruchi ihr geschickt hatte. Sie öffnete das MRT, um sich die Babys anzuschauen. Dort, wo sie am Rücken zusammengewachsen waren, würde es schwierig sein, sie zu trennen, ohne eine Lähmung zu verursachen. Nachdenklich rieb Emily sich übers Gesicht.

Du hast schon andere Trennungen durchgeführt.

All diese Trennungen waren erfolgreich verlaufen. Der Schlüssel zum Erfolg waren ein hervorragendes OP-Team und eine ausführliche Diskussion über die Vorgehensweise.

Wenn Ryan doch nur einen solchen Plan mit ihr besprechen würde, anstatt darauf zu bestehen, über ihr gemeinsames Kind zu reden, das völlig gesund war und dem es gut ging.

Emily schloss die Datei und loggte sich aus dem Computersystem aus. Sobald sie ihre Eintragungen in der Krankenakte beendet hatte, übergab sie sie an die Stationsschwester. Die diensthabende Stationsärztin wusste, was zu tun war. Emily brauchte also nicht mit ihr zu sprechen.

Nach einem letzten Blick auf Ryan, der noch immer an Jasons Bett saß, ging sie zum Aufenthaltsraum der Oberärzte, um sich umzuziehen, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Sie musste sich ausruhen, wenn sie morgen mit der Mutter der siamesischen Zwillinge sprechen wollte. Gemeinsam mit dem Geburtsmediziner, der die Babys entbinden sollte.

Morgen wurde die Mutter im Krankenhaus aufgenommen, bis ihre Babys in ein paar Wochen größer und kräftiger waren, damit sie durch einen Kaiserschnitt sicher auf die Welt gebracht werden konnten. Und hoffentlich würden sie danach lange genug überleben, dass eine Trennungsoperation durchgeführt werden konnte.

Emily schlüpfte gerade in ihre Jacke, als Ryan hereinkam.

„Hier bist du also“, meinte er.

Sie wich seinem Blick aus. „Ich geh jetzt nach Hause. Ich bin müde und muss mich ausruhen, bevor unsere Patientin morgen eintrifft.“

„Gut.“ Er rieb sich den Nacken. „Tut mir leid, dass ich dich angeraunzt habe.“

„Schon gut. Ich verstehe das.“ Sie wickelte sich den Schal um den Hals. „Versuch auch ein bisschen zu schlafen, und wir reden dann morgen.“

„Wie wäre es mit heute Abend?“

„Worüber, Ryan? Über unser Baby oder unseren Fall?“

„Über die siamesischen Zwillinge. Es ist erst sieben Uhr, und die diensthabende Stationsärztin hat meine Pager-Nummer. Was hältst du davon, wenn wir was Richtiges essen gehen? Ein Sandwich ist doch ziemlich mager.“

„Na schön. Nicht weit von hier gibt es ein kleines Bistro. Wenn du angepiept wirst, kannst du schnell wieder zurück, ohne dich zu verlaufen.“

„Klingt gut.“

Emily nickte und ging hinaus. Sobald Ryan sich umgezogen hatte, verließen sie gemeinsam das Krankenhaus. Es war ein kühler Abend gegen Ende des Frühlings, und bald würde der Sommer kommen.

Emilys Lieblingsjahreszeit.

Sie war kein Winterfan.

„Es ist gleich da drüben.“ Sie deutete auf das kleine Bistro an der Ecke auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Das bevorzugte Frühstückslokal von unserem Chefarzt der Chirurgie. Also, falls du ihm jemals Honig um den Bart schmieren möchtest, wäre dies der beste Ort dafür.“

„Werde ich mir merken“, erwiderte Ryan amüsiert. „Obwohl ich niemandem Honig um den Bart schmieren muss. Normalerweise kommen die Leute zum Schmieren zu mir.“

Emily lachte.

„Was ist?“

„Ach, es ist bloß … Wenn man ein Wort oft genug hintereinander sagt, klingt es komisch. So als hätte es jede Bedeutung verloren.“

Mit hochgezogenen Brauen warf er ihr einen Blick zu. „Ist mir noch nicht aufgefallen.“

„Sag ein paar Mal hintereinander ‚schmieren‘“, meinte sie belustigt. Ihr fiel der Wortwechsel zu „Mojito“ bei ihrer Hochzeit ein, und sie lächelte.

„Lieber nicht.“ Ryan öffnete die Tür zu dem Bistro.

„Nur Sie beide?“, erkundigte sich der Oberkellner.

„Ja“, antwortete Ryan.

„Dann kommen Sie bitte hier entlang.“ Der Mann führte sie zu einer ruhigen Ecknische. Als sie Platz genommen hatten, legte er zwei Speisekarten auf den Tisch. „Ihr Kellner wird gleich bei Ihnen sein.“

„Danke.“ Emily griff nach der Karte.

Ryan warf nur einen kurzen Blick darauf, schien jedoch kein großes Interesse am Essen zu haben. „Du wolltest über unsere Patientin reden?“

„Ja. Ich bin gerne vorbereitet.“

„Hi, ich heiße Dennis und bin für heute Abend Ihr Tischkellner. Darf ich Ihnen schon irgendetwas bringen?“, unterbrach sie der Kellner.

Ohne ihn anzusehen, sagte Ryan: „Einen Espresso, bitte.“

„Und ein Wasser für mich“, ergänzte Emily.

Dennis nickte und ging davon.

„Woher kennst du Ana Ruchi?“, fragte sie dann unvermittelt.

„Sie ist nicht unsere Patientin“, bemerkte Ryan leicht ironisch.

Emily verdrehte die Augen. „Das ist mir bewusst. Aber Dr. Ruchi war meine Mentorin, als ich Stationsärztin war und überlegte, worauf ich mich spezialisieren sollte. Sie ermutigte mich zur Facharztausbildung in der Kinderchirurgie, und ich habe mich eben gefragt, woher ein Neurochirurg wie du sie kennt. Ich meine, du weißt sogar, dass ich aus Salt Lake City stamme, aber ich weiß überhaupt nichts von dir.“

Ein kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Du weißt eine Menge mehr von mir als die meisten.“

Hitze schoss ihr in die Wangen. „Das meine ich nicht, Ryan.“

Er seufzte. „Schon gut. Du willst wissen, woher wir uns kennen? Ich war derjenige, der letztes Jahr ein ziemlich großes Aneurysma aus ihrem Gehirn entfernt hat.“

Emilys Magen krampfte sich zusammen. „Was? Wann?“

„Ungefähr vor einem Jahr. Sie kam zu mir, als das Aneurysma ihr Sehvermögen zu beeinträchtigen drohte. Und damit auch ihre Fähigkeit, ihre Patienten zu versorgen. Deshalb hat sie es von mir abklemmen lassen.“

„Das dürftest du mir doch eigentlich gar nicht sagen! Ärztliche Schweigepflicht.“

Lächelnd beugte Ryan sich vor. „Ana wusste, dass du nach meiner Verbindung zu ihr fragen würdest, und hat mir erlaubt, dir davon zu erzählen.“

Ana kannte sie so gut. Emily biss sich auf die Lippen. Sie musste wohl ein paar ernste Worte mit ihr reden, wenn sie ihr etwas so Wichtiges verheimlicht hatte.

Du hast ihr ja auch nicht gesagt, dass Ryan der Vater deines Babys ist.

„Deshalb möchte Ana also, dass du bei der Trennung der siamesischen Zwillinge assistierst“, stellte sie fest.

„Ich habe ebenfalls schon mehrere Trennungen von Zwillingen durchgeführt, besonders, wenn die Nerven und das Rückenmark betroffen waren“, erwiderte er. „Ich habe mir die Akte angesehen und habe daher eine recht genaue Vorstellung davon, wie viele Nervenbahnen sich die beiden Mädchen teilen. Ich weiß, dass es eine schwierige Trennung wird und wir uns darauf vorbereiten müssen. Aber es ist ja nicht so, dass wir gleich morgen operieren. Die Babys müssen erst einmal entbunden und dann stabilisiert werden. Und außerdem müssen sie älter als eine Woche sein, bevor wir eine Operation überhaupt in Betracht ziehen können.“

Emily war beeindruckt. Diese Seite von ihm hatte sie ganz vergessen gehabt. In Las Vegas war sie von ihm begeistert gewesen, und dann war aus einem unbefangenen abendlichen Treffen plötzlich eine Fahrt zu dieser dubiosen Hochzeitskapelle auf der weniger glamourösen Seite von Las Vegas geworden. Und das wiederum hatte zu einer Nacht voller Leidenschaft geführt, die Emily nur allzu gern vergessen hätte, was ihr jedoch nicht gelang.

Der Tischkellner brachte die Getränke. „Möchten Sie Ihre Bestellung aufgeben?“

„Ich brauche noch ein paar Minuten“, erklärte Emily. „Entschuldigen Sie.“

„Kein Problem. Ich komme gleich wieder.“ Damit ging er.

Sie nahm die Karte erneut zur Hand und entschied sich für einen Salat. „Willst du auch was essen?“

Ryan schüttelte den Kopf. „Vielleicht nehme ich noch einen Espresso, aber das Sandwich vorhin war genug. Ich werde nachher noch was essen, doch ich will heute Nacht bei Jason sein und wach bleiben. Ich hoffe, dass wir ihn in ein paar Tagen aus dem künstlichen Koma herausholen können.“

„Du glaubst, dass es funktioniert?“

„Das hast du schon mal gefragt“, meinte er lächelnd.

Sie stöhnte. „Ja, stimmt.“

„Kein Problem, Emily. Es ist ein sehr … interessanter Tag gewesen.“

„Allerdings.“ Sie trank einen Schluck Wasser. „Du hast also meiner Mentorin das Leben gerettet?“

„Ja.“

„Dann erzähl mir doch jetzt mal, woher du kommst.“

Ein seltsamer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Warum?“

„Ich hab dir ja auch gesagt, woher ich komme.“

„Und du denkst, wenn du weißt, woher ich komme, hilft dir das, aus mir schlau zu werden?“

„Ja, ich glaube schon. Ich würde gern wissen, welchen Ort du als deine Heimat betrachtest, da du weder eine eigene Praxis noch eine Stelle in einem Krankenhaus hast.“

Seine Miene verhärtete sich, während er mit seiner Espressotasse herumspielte. „Das hatte ich mal, aber es hat nicht funktioniert.“

„Du hattest eine Praxis?“

„Ja.“ Seine Stimme klang gepresst. „Für kurze Zeit, in New York. Aber ich musste trotzdem viel reisen.“

„Also?“

„Ich komme aus einer Kleinstadt in Wyoming. Und ja, auch dort leben vorwiegend Mormonen, aber meine Mutter gehörte nicht dazu“, sagte Ryan. „Willst du sonst noch irgendwas wissen?“

„Deine Ausbildung. Wenn du aus Wyoming stammst, wo hast du dann studiert?“, fragte Emily.

„In Harvard.“

„Beeindruckend.“

Er zuckte die Achseln. „Nicht so beeindruckend wie du. Du bist eine der besten Kinderchirurginnen an der gesamten Westküste, aber du prahlst nicht damit.“

Sie wurde rot. „Warum sollte ich?“

„Warum nicht?“

Bei dieser Frage fühlte sie sich unbehaglich. Da gab es nichts zu prahlen. Intensives Studium und harte Arbeit hatten sie hierhergebracht. „Woher weißt du, dass man mich für eine der Top-Kinderchirurginnen hält?“

„Ich habe über dich nachgeforscht, nachdem ich aufgewacht bin und nur noch die Heiratsurkunde übrig war, auf der dein Name stand.“ Ryan trank von seinem Espresso. „Dein Name und der echte Name von unserem Elvis, der übrigens George Luongo hieß.“

Emily lachte.

Da kam der Kellner zurück. „Sind Sie jetzt so weit für Ihre Bestellung?“

„Ja, ich hätte gerne den Salat des Hauses mit Hähnchenstreifen, und er nimmt noch einen Espresso.“ Sie reichte Dennis die Speisekarten.

„Sehr gerne.“ Der Kellner ging wieder.

„Du hast online nach mir geforscht?“, meinte Emily dann.

„Das hast du bei mir doch auch getan, oder nicht?“, entgegnete er.

„Ja, um herauszufinden, wohin ich dir die Nachricht von meiner Schwangerschaft schicken sollte. Deine Veröffentlichungen hatte ich schon vor dem Kongress in Las Vegas gelesen. Aber ich hatte keine Ahnung, dass du in Harvard studiert hast und aus Wyoming stammst.“

Achselzuckend erwiderte Ryan: „Das spielt doch keine Rolle.“

„Doch, das finde ich schon. Woher man kommt, sagt eine Menge über einen aus. Familie und Orte formen uns.“

Wieder flog dieser seltsam gequälte Ausdruck über seine Miene. „Das sehe ich anders.“

„Wieso?“, fragte sie.

„Lass uns über unseren Fall reden, ja? Ich nehme an, du willst vorher Simulationsdurchläufe machen?“

„Unbedingt. Das tue ich jedes Mal vor einer Trennung von siamesischen Zwillingen“, erklärte Emily.

„Hast du jemals einen verloren?“

Auf diese schwierige Frage war sie nicht vorbereitet. Sie dachte nur ungern an die Patienten, die sie verloren hatte, weil sie ihr immer im Gedächtnis haften blieben. Und diese Fälle beeinflussten ihre Vorgehensweise beim nächsten Mal. Sie halfen ihr dabei, noch mehr zu kämpfen.

„Nein, bis jetzt habe ich noch keine siamesischen Zwillinge verloren, und ich habe auch nicht die Absicht, damit anzufangen“, antwortete sie.

Ryan lächelte. „Das freut mich. Ich nämlich auch nicht.“

Als der Kellner das Essen und den zweiten Espresso brachte, sagten sie nicht mehr viel.

Bei Jason hatten sie heute gut zusammengearbeitet, und Emily wusste, dass sie auch bei dem Fall der siamesischen Zwillinge gut zusammenarbeiten würden, solange sie ihre persönlichen Streitpunkte klären konnten.

In diesem Augenblick ertönte ein gellender Schrei, und Ryan sprang sofort auf. Emily erhob sich ebenfalls. Eine Frau kniete auf dem Fußboden des Bistros und hielt ein Kind in den Armen, das offensichtlich gerade einen Anfall hatte.

Gefolgt von Emily, lief Ryan zu ihr.

„Hilfe!“, rief die Mutter erschrocken. „Ich weiß nicht, was passiert ist!“

„Hat Ihre Tochter schon mal einen Anfall gehabt?“ Emily faltete ihre Jacke zusammen und legte sie dem Mädchen unter den Kopf, während Ryan dabei half, die Kleine auf die Seite zu rollen.

„Nein. Ihr ging es gut, und dann hat sie auf einmal ins Leere gestarrt und … Sind Sie Ärzte?“, fragte die Mutter verzweifelt.

„Ja“, antwortete Ryan.

Emily beobachtete die zuckenden Bewegungen und die Versteifung der Muskeln des Mädchens und stoppte die Zeit. Sie hatte solche Anfälle schon miterlebt, aber wenn jemand so etwas nicht kannte, wirkte das durchaus erschreckend. Tonisch-klonische Krampfanfälle waren beängstigend.

„Ihre Lippen sind blau angelaufen! Sie atmet nicht!“ Die Mutter wollte ihr Kind an sich ziehen, doch Ryan hielt sie zurück.

„Es ist okay“, sagte Emily beruhigend. „Sie hat einen tonisch-klonischen Anfall. Dabei hat sie aufgehört zu atmen, was einem Angst machen kann, aber das dauert nur einen kurzen Moment.“

Innerhalb von Sekunden begann das Mädchen wieder zu atmen, und ihre Zuckungen ließen nach. Als der Anfall sich dem Ende näherte, hörte man in der Ferne das Sirenengeheul eines herannahenden Rettungswagens.

Doch das Mädchen reagierte nicht. Kein gutes Zeichen.

Stirnrunzelnd knöpfte Emily der Kleinen das Hemd auf, während die Sanitäter mit einer Trage in das Bistro kamen.

Ryan stand auf, um ihnen zu berichten, was vorgefallen war.

„Wo wollen Sie sie hinbringen?“, fragte Emily einen der Sanitäter.

„Ins Seattle General.“

„Nein, bringen Sie sie ins SMFPC gegenüber. Ich bin die leitende Ärztin der Kinderchirurgie, und Dr. Gary ist Neurochirurg. Das ist unsere Patientin“, erklärte sie bestimmt.

Der Sanitäter nickte, und Ryan half ihr beim Aufstehen.

„Du solltest nach Hause gehen und dich ausruhen“, flüsterte er ihr zu.

Emily hob die Schultern. „Das ist meine Patientin, die laut ihrer Mutter gerade ihren ersten Anfall hatte. Ich brauche einen Neurochirurgen, der mir hilft.“

„Gut, aber sobald das Mädchen aufgenommen ist, werde ich dafür sorgen, dass du nach Hause fährst und dich ausruhst.“ Ryan ging zur Theke, um die Rechnung zu bezahlen.

Unterdessen beobachtete Emily die junge Patientin, die gerade wieder zu sich kam.

Als Emily sich bückte, um ihre Jacke aufzuheben, fragte das Mädchen: „Was ist passiert?“

„Du hattest einen Krampfanfall.“

„Wer sind Sie?“ Das Mädchen wirkte verwirrt, und ihre Stimme klang verwaschen, was auch kein gutes Zeichen war.

„Ich bin Ärztin. Du kommst jetzt zu mir ins Krankenhaus, wo wir dich gründlich untersuchen werden, bevor deine Mom dich wieder mit nach Hause nehmen kann. Einverstanden?“

Das Mädchen nickte.

„Danke“, sagte die Mutter „Ich bin ja so froh, dass Sie da waren.“

„Wir werden uns gut um sie kümmern“, erwiderte Emily. „Bis gleich.“

Die Mutter nickte und folgte den Sanitätern aus dem Bistro.

Seufzend strich Emily sich über ihren Bauch. Das Baby spielte verrückt, ihr taten die Füße weh, und sie wünschte, sie könnte sich jetzt auch einen starken Espresso gönnen.

„Alles klar?“, erkundigte sich Ryan, der seine Jacke anzog.

„Ja, gehen wir.“

Irgendwann werde ich heute noch zu meinem Schlaf kommen, dachte Emily. Denn sie war mehr als bereit, diesen langen, emotional aufwühlenden Tag hinter sich zu lassen.

5. KAPITEL

Ryan war schon seit vielen Stunden auf den Beinen. Normalerweise machte ihm das nichts aus. Aber die Fahrt von San Diego nach Portland und von dort nach Seattle hatte eine Weile gedauert, und er fühlte sich erschöpft.

Als er das letzte Mal nach Jason geschaut hatte, war der Junge stabil gewesen. Jetzt galt seine Hauptsorge Raquel, dem zehnjährigen Mädchen mit dem Krampfanfall. Ryan blickte zur Wanduhr. Es war ein Uhr morgens. Hoffentlich war Emily nach Hause gegangen, um zu schlafen. Sie brauchte ihre Ruhe.

Er trank einen weiteren Schluck von seinem kalten Kaffee, während er darauf wartete, dass sich die MRT-Bilder von Raquel auf dem Bildschirm öffneten.

Auch wenn sie bisher keine Anzeichen von Epilepsie gezeigt hatte, wollte er dies nicht von vorneherein ausschließen. Doch die Länge des Anfalls und die Tatsache, dass das Mädchen so lange gebraucht hatte, um wieder zu Bewusstsein zu kommen, beunruhigten ihn.

Bitte kein Tumor.

Da der Kaffee mittlerweile bitter schmeckte, hätte Ryan ihn gerne etwas aufgewärmt. Aber er wollte den MRT-Raum nicht verlassen, bis er die Bilder gesehen hatte.

„Die Bilder werden jetzt geladen, Dr. Gary.“

Ryan beugte sich über den Techniker, als das MRT auf dem Monitor erschien. Und er erschrak, als er genau das sah, was er nicht hatte sehen wollen.

Verdammt.

„Können Sie mir die Bilder an meine Mail-Adresse schicken?“, fragte er.

„Natürlich, Dr. Gary.“

Eine Krankenschwester kümmerte sich um Raquel, und Ryan verließ das MRT-Labor. Er wollte zuerst mit Emily sprechen, bevor er Raquels Mutter das Ergebnis mitteilte. Das Mädchen stand bereits unter Beobachtung, daher war es am besten, morgen früh mit den beiden zu reden.

Zwar hatte das Mädchen einen Gehirntumor, was aber nicht bedeutete, dass dieser bösartig war. Ryan musste eine Biopsie vornehmen. Erst dann konnte er entscheiden, ob er operieren würde und ob ein Eingriff überhaupt möglich war.

Das war das Schlimmste an der Arbeit mit Kindern: die Möglichkeit, dass sie sterben könnten.

Das fiel Ryan sehr schwer. Es erinnerte ihn an das Kind, das er niemals im Arm halten durfte. Das Kind, das er verloren hatte.

Er hielt inne und atmete tief durch. Daran sollte er jetzt nicht denken.

Am Schwesterntresen blieb er stehen. „Könnten Sie mir bitte Dr. Wests Telefonnummer geben? Ich muss ihr eine Nachricht schicken.“

„Sie ist noch da, Dr. Gary.“

„Was?“

„Im Bereitschaftsraum Nummer vier.“

„Danke.“ Er stieß einen gedämpften Fluch aus. Wieso war Emily noch immer im Krankenhaus? Er war verärgert, allerdings nicht besonders überrascht. Chirurgen verlangten sich selbst viel ab, und das galt wohl auch für eine schwangere Chirurgin.

Obwohl Ärzte ihren Patienten oft den Rat gaben, es ruhiger angehen zu lassen, hielten sie sich selbst kaum daran.

Vorsichtig klopfte Ryan an die Tür des betreffenden Zimmers, erhielt jedoch keine Antwort. Behutsam drückte er die Klinke herunter, um in den abgedunkelten Raum hineinzuschauen. Im Lichtschein, der durch die geöffnete Tür fiel, sah er Emily, die auf der Seite lag und friedlich schlief.

All sein Ärger schmolz bei diesem Anblick dahin. Er ging zu ihr und kniete sich neben das Bett. Sie war so schön, stur und klug. Es gab so vieles, was er an ihr mochte. Deshalb hatte er sich von Anfang an zu ihr hingezogen gefühlt.

Zart berührte er ihren Bauch. Da spürte er eine winzige Bewegung unter seiner Handfläche, und sein Herzschlag setzte eine Sekunde lang aus. Eine Welle von Gefühlen durchströmte ihn. Wie kam er nur darauf, dass er ein guter Vater sein könnte? Ganz sicher nicht. Es war besser, einfach die Scheidungspapiere zu unterschreiben und die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Es hatte Ryan tief verletzt, als Morgan ihre Schwangerschaft vor acht Jahren einfach abgebrochen hatte. Sie wollte nicht Mutter werden und hatte offenbar auch ihm das Vatersein nicht zugetraut, weil er nie da war. Morgan hatte seine Arbeit respektiert, und der Beruf war ihr wichtiger als eine Familie. Vielleicht hatte sie recht gehabt. Ryan liebte seinen Beruf. Außerdem wusste er nicht, wie er ein guter Vater sein sollte, weil er selbst keinen gehabt hatte, von dem er es hätte lernen können.

Als Emily im Schlaf seufzte, zog er seine Hand zurück, und um sie nicht zu erschrecken, ging er wieder zur Tür und klopfte.

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