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Ärzte zum Verlieben, Band 14

JENNIFER TAYLOR

Werd ich dich jemals wiedersehen?

Sie ist jung, temperamentvoll und ehrgeizig: Dr. Kelly Clayton. Der erfolgreiche Chirurg Dr. Luca Ferrero kann sich ihrem Charme nicht entziehen und beginnt eine heimliche Romanze mit ihr. Doch nach nur sechs Monaten muss er Kelly verlassen! Seine italienische Jugendfreundin ist in Not, und nur er kann ihr jetzt noch helfen …

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Jennifer Taylor

Werd ich dich jemals wiedersehen?

1. KAPITEL

Kelly Carlyon hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie wollte kündigen und am Ende der Woche abreisen. Die ganze Nacht hatte sie darüber nachgedacht, und dies war die einzig vernünftige Lösung. Auch wenn mit dieser Arbeitsstelle ein Traum in Erfüllung gegangen war. Aber keine Stelle der Welt war solchen Kummer wert.

Kelly spürte, wie ihr Herz zu klopfen anfing, als die Bürotür geöffnet wurde. Sie wusste, was sie tun sollte. Dennoch konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass Luca womöglich glaubte, sie hätte Angst davor, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie war schon seit Langem über ihn hinweg. Nämlich von dem Moment an, in dem sie herausgefunden hatte, dass er eine andere Frau heiraten würde.

Sie war hier ins Krankenhaus gekommen, um einen Posten als Assistenzärztin anzutreten. Und es war zugegebenermaßen ein Schock gewesen, als sie feststellte, dass er ihr neuer Chef war. Doch Kelly hatte beschlossen, auf professionelle Weise mit der Situation umzugehen. Nach ihrer gestrigen Auseinandersetzung war sie sich dessen allerdings nicht mehr so sicher. Konnte sie wirklich trotz ihrer gemeinsamen Vergangenheit mit Luca Ferrero zusammenarbeiten?

Buon giorno, Kelly.“

Luca kam herein und schloss die Tür hinter sich. Groll stieg in Kelly auf, als er zu seinem Schreibtisch ging. In seiner Miene war keinerlei Unbehagen zu erkennen, kein Hinweis darauf, dass er die Situation genauso problematisch fand wie sie. Ihm war es offenbar vollkommen egal, dass er ihre Welt schon wieder durcheinanderbrachte. Wenn Kelly ihm irgendetwas bedeutet hätte, hätte er sie vor zwei Jahren niemals so behandelt.

Bei der Erinnerung an das, was damals geschehen war, presste sie den Mund zusammen. Luca hatte für sechs Monate als Gastdozent auf derselben pädiatrischen Station gearbeitet wie Kelly. Auf diese Weise hatten sie sich kennengelernt. Die Intensität ihrer Gefühle für ihn hatte Kelly völlig überrumpelt. Bis dahin war sie viel zu sehr mit ihrer beruflichen Laufbahn beschäftigt gewesen, um irgendwelche Liebesbeziehungen einzugehen. Aber schon eine Woche nach ihrer ersten Begegnung waren Luca und sie ein Paar.

Als er schließlich wieder nach Rom zurückkehrte, war Kelly am Boden zerstört gewesen. Obwohl er ihr geschworen hatte, dass sie immer zusammenbleiben würden, hatte sie schreckliche Angst gehabt, ihn zu verlieren. Eine Woche später hatte er sie angerufen, um ihr zu sagen, dass er wieder in England wäre und dringend mit ihr sprechen müsste. Überglücklich war Kelly nach der Arbeit sofort nach Hause geeilt. Sie war sicher, dass Luca sie fragen würde, ob sie mit ihm nach Italien gehen wollte. Aber sie hatte sich geirrt.

Anstatt sich zu setzen, blieb Luca mitten im Raum stehen und teilte ihr schlicht mit, dass er demnächst heiraten werde. Oh ja, er versuchte, es ihr schonend beizubringen. Er behauptete, er hätte ihr nie wehtun wollen, aber Kelly hörte ihm gar nicht mehr zu. In Wahrheit hatte sie doch nur ihren Zweck erfüllt, und jetzt nutzte sie ihm nichts mehr.

Sie befahl ihm, sofort zu gehen, und hatte ihn danach nie wiedergesehen, bis sie hierher nach Sardinien gekommen war. Denn Luca war der neue Chefarzt im Santa Margherita Ospedale, einem renommierten Kinderkrankenhaus an der Nordküste Sardiniens.

„Also, Kelly, weißt du, was du tun willst?“

Luca setzte sich auf seinen Stuhl. Kelly holte tief Luft. Er hatte ihr vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben, um sich zu entscheiden, ob sie weiter hier im Krankenhaus arbeiten wollte oder nicht. Sie machte den Mund auf, doch er kam ihr zuvor.

„Aber ich glaube, vorher muss ich mich bei dir entschuldigen.“

„Entschuldigen?“, wiederholte sie unsicher.

„Sí.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete sie prüfend über den Schreibtisch hinweg. „Es war falsch von mir, dich vor dem gesamten Team so anzugehen. Das tut mir leid.“

„Oh. Verstehe.“

Kelly biss sich auf die Lippen und hoffte, dass man ihr nicht anmerkte, wie nahe ihr die Sache ging. Der gestrige Vorfall hatte sie sehr verbittert und aufgeregt. Luca hatte ausgesprochen schroff reagiert, als sie bei einem der Kinder eine andere Behandlungsmethode vorgeschlagen hatte. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn er sich wenigstens die Zeit genommen hätte, ihre Idee zu prüfen. Aber er hatte sie von vornherein einfach abgetan.

Kelly war wütend über die Art, wie er mit ihr redete, und hatte darüber auch kein Blatt vor den Mund genommen. Falls Luca nicht angepiept worden wäre, hätte sich bestimmt ein lautstarker Streit entwickelt. Und das wäre absolut unvertretbar gewesen.

„Ich denke, ich muss mich auch bei dir entschuldigen“, meinte sie. „Ich hätte deine Anweisung akzeptieren und dir nicht widersprechen sollen.“

„Dann haben wir wohl beide einen Fehler gemacht.“

Er zuckte die Achseln. Wie immer war er tadellos gekleidet. Der schwarze Anzug betonte die breiten Schultern und seine schlanke Gestalt. Und das weiße Hemd brachte seinen sonnengebräunten Teint perfekt zur Geltung. Mit seinen dunkelgrauen Augen und dem glänzenden schwarzen Haar sah Luca eher wie ein Filmstar aus als wie ein Arzt.

Doch nicht nur sein gutes Aussehen hatte Kelly damals angezogen, sondern einfach alles an ihm: seine Vitalität, sein Engagement, seine Intelligenz. Luca Ferrero war der Inbegriff all ihrer Träume gewesen. Kein Wunder, dass sie sich in ihn verliebt hatte.

Energisch verbannte sie die schmerzlichen Erinnerungen. Seitdem war viel passiert, und der Entschluss, ins Ausland zu gehen, war für sie und ihre Zwillingsschwester Katie ein großer Schritt gewesen. Während Kelly nach Sardinien gegangen war, hatte Katie sich für Zypern entschieden. Gestern Abend hatte sie mit ihrer Schwester gesprochen und erfahren, dass diese demnächst heiraten würde. Also war der Auslandsaufenthalt zumindest für eine von ihnen erfolgreich verlaufen.

„Nun, Kelly? Du wolltest mir deine Entscheidung mitteilen.“

Plötzlich war sie nicht mehr so sicher, ob sie wirklich gehen sollte.

„Ich weiß, wie schwierig es hier für dich ist. Für mich ist das auch nicht einfach.“

Lucas sanfter Tonfall schien beinahe ihre blank liegenden Nerven zu streicheln, und Kelly fröstelte unwillkürlich. Sie hatte schon immer sehr stark auf ihn reagiert. Ein Wort oder eine Berührung von ihm, und sie war Wachs in seinen Händen. Ein weiterer Grund, weshalb sie lieber gehen sollte. Sie wollte diese Gefühle nicht wieder aufleben lassen.

Luca war jetzt verheiratet und völlig tabu. Trotzdem konnte sie es nicht verhindern, dass wohlbekannte Empfindungen sie durchströmten. Kleine heiße Schauer, gegen die sie machtlos war, auch wenn sie sich noch sosehr dagegen wehrte.

„Ich wüsste nicht, warum dir das etwas ausmachen sollte“, entgegnete Kelly scharf. „Du hast mich doch schon vergessen, sobald du England verlassen hast. Immerhin hattest du ja noch ganz andere Dinge im Kopf, stimmt’s?“

„Wenn du meinst, dass mein Leben sich nach meiner Rückkehr nach Italien auf dramatische Weise verändert hat, kann ich das nicht leugnen“, sagte Luca ruhig. „Das heißt jedoch nicht, dass ich vergessen habe, was zwischen uns gewesen ist. Während meiner Zeit in England hast du eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Deshalb ist die jetzige Situation für mich ebenso schwierig wie für dich. Aber wir sind beide erwachsen, und ich bin davon überzeugt, dass wir einen Weg finden werden, miteinander zu arbeiten, wenn wir uns darum bemühen.“

„Soll das heißen, du willst, dass ich bleibe?“, fragte sie erstaunt. Seit ihrer Ankunft hatte Luca sich ihr gegenüber äußerst kühl verhalten und mit keinem Wort zu erkennen gegeben, dass er sich an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnerte.

„Ja, aber nur, wenn du es auch willst.“ Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an. „Ich möchte dich zu nichts überreden, wenn es sich für dich nicht richtig anfühlt. Dazu achte ich dich viel zu sehr, als Mensch und als Ärztin.“

„Danke.“ Kelly atmete tief durch. „Ich würde gerne bleiben. Es war schon immer mein Traum, in einem Kinderkrankenhaus zu arbeiten. Und ich konnte es kaum glauben, als ich erfuhr, dass ich die Stelle hier bekommen habe.“

„Ging mir genauso.“ Ein Lächeln huschte über seine sinnlichen Lippen. „Ich wusste, dass es Dutzende von Bewerbern aus der ganzen Welt für diese Stelle gab. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als der Vorstand mir den Chefarztposten angeboten hat.“

„Sei nicht so bescheiden.“ Kelly erwiderte sein Lächeln, und ihre Anspannung ließ ein wenig nach. An diesen Luca erinnerte sie sich am liebsten, den warmherzigen, fürsorglichen Mann, der sich selbst über den kleinsten Erfolg freuen konnte. In Manchester hatten ihn alle verehrt. Er hätte jede Frau haben können, aber er hatte sie gewählt.

Doch rasch verdrängte Kelly den Gedanken und sagte: „Du weißt genau, dass es nur wenige Kinderärzte gibt, die dir das Wasser reichen können, Luca.“

„Hm. Ich glaube, ich sollte dir meine PR überlassen. Du tust meinem Ego ausgesprochen gut.“

Er lächelte sie an, ehe er unvermittelt wieder ernst wurde. Kelly hatte den Eindruck, dass er sich absichtlich zurückzog, und war enttäuscht. Doch dann wurde ihr bewusst, wie dumm das war. Eigentlich sollte sie froh sein, dass er ihre Beziehung auf einer rein platonischen Ebene halten wollte.

„Du bist eine hervorragende Ärztin, Kelly. Das beweist die Tatsache, dass die Klinikleitung dich für diese Stelle ausgewählt hat. Auch wenn ich zum Zeitpunkt deines Vorstellungsgesprächs noch nicht hier gearbeitet habe, hätte ich deine Bewerbung sofort unterstützt, falls man mich dazu befragt hätte.“

„Danke. Das bedeutet mir sehr viel. Ich habe angenommen … Na ja, das kannst du dir ja vermutlich denken.“

„Du meinst, ich hätte eher verhindert, dass du hierherkommst?“ Luca seufzte. „Auch wenn es jetzt nur noch reine Spekulation ist, hoffe ich, dass ich deine Bewerbung aufgrund deiner Fähigkeiten beurteilt hätte. Du hast eine sehr vielversprechende Karriere vor dir, Kelly. Das war mir schon in Manchester klar. Ich weiß, wie engagiert du bist, und ich will dich ganz sicher nicht daran hindern, deine Ziele zu erreichen.“

Irgendetwas an seinem Tonfall zeigte ihr, dass ihre Karriere ihm wirklich wichtig war und er es nicht nur so dahingesagt hatte. In diesem Augenblick läutete das Telefon, und Luca nahm ab. Offensichtlich gab es schlechte Nachrichten, da seine Miene sich verfinstert hatte, als er wieder auflegte.

„Alessandro Alessi, der Junge, den wir uns gestern bei der Visite angesehen haben, krampft. Ich gehe sofort zu ihm. Kannst du dem Rest des Teams Bescheid sagen, dass wir uns dort treffen?“

„Natürlich.“

Kelly folgte ihm hinaus und eilte zum Aufenthaltsraum, um ihre Kollegen zu verständigen. Gemeinsam gingen sie auf die Station, und als Kelly die Tür aufstieß und Luca sah, der mit der Stationsschwester sprach, zog sich ihr das Herz zusammen. Ob sie wegging oder blieb, es würde so oder so wehtun. Daran bestand kein Zweifel.

„Grazie.“

Luca gab der Schwester das Krankenblatt und trat an das Bett des Jungen. Der zehnjährige Alessandro war vor zehn Tagen mit starken Kopfschmerzen und Fieber eingeliefert worden. Luca, der eine bakteriell verursachte Hirnhautentzündung vermutete, hatte ihn sofort auf die Intensivstation verlegen lassen. Die schnelle Antibiotikabehandlung hatte ihm das Leben gerettet. Aber dieser Rückfall des Jungen war ein herber Schlag.

„Wie lange hat der Krampf gedauert?“, fragte Luca, ohne den Blick von dem kleinen Patienten abzuwenden.

Als jemand ihn im Vorbeigehen streifte, beschleunigte sich unwillkürlich sein Pulsschlag. Er brauchte nicht hinzuschauen, um zu wissen, dass es Kelly war. Seit ihrer Ankunft machte sein innerer Radar Überstunden. Luca war imstande, mit absoluter Genauigkeit wahrzunehmen, wo im Raum sie sich gerade befand. Und das machte ihm zu schaffen.

Er konnte sich solche Gefühle nicht leisten. Das war weder Kelly noch ihm selbst gegenüber fair. Er hatte Sophia versprochen, dass er Matteo sein Leben lang lieben und für ihn sorgen würde. Und das würde er auch tun. In seinem Leben gab es keinen Platz für irgendjemanden außer seinem Sohn. Auf keinen Fall wollte Luca Kellys Karriereaussichten aufs Spiel setzen, indem er sie in seine Privatangelegenheiten hineinzog.

„Nur ein paar Minuten“, antwortete die Stationsschwester auf seine Frage. „Eine der jüngeren Schwestern hat mich alarmiert. Als ich kam, ging es Alessandro wieder gut. Aber ich dachte, ich sollte Ihnen trotzdem sofort Bescheid geben.“

„Sie haben genau das Richtige getan. Ich möchte über jede Veränderung bei dem Zustand eines Patienten schnellstmöglich informiert werden“, erklärte Luca und lächelte den Jungen an. „Na, und wie fühlst du dich jetzt, Alessandro?“

„Ganz gut“, murmelte der Junge.

„Bene.“ Luca nickte, obwohl er merkte, dass Alessandro nicht so munter war wie beim letzten Mal. Mit einer Taschenlampe testete Luca die Augenreaktion des Jungen. Das rechte Auge schien nicht so schnell zu reagieren, wie es sollte.

Er blickte auf, befriedigt, das gesamte Team versammelt zu sehen. Von Anfang an hatte er klargemacht, dass er von allen die Anwesenheit bei der Visite erwartete. Nach dem Ausscheiden seines Vorgängers waren die Mitarbeiter ein wenig nachlässig geworden. Doch Luca verlangte von jedem hundertprozentigen Einsatz.

Er warf einen Blick zu seinem Stationsarzt Carlo Baldovini hinüber, einem ernsthaften jungen Mann Anfang Dreißig. Neben ihm stand Letizia Sentini, eine der beiden Assistenzärztinnen. Letizia lächelte Luca zu, obwohl dieser sie ignorierte. Er hatte kein Interesse an Letizias nicht gerade dezenten Flirtversuchen.

Dann blieb sein Blick an Kelly hängen, und er wurde wehmütig. Luca wusste, wie schwer es sein würde, ihre Beziehung auf das rein Berufliche zu beschränken, wenn sie hier im Krankenhaus blieb. Von allen Frauen, die ihm je begegnet waren, hatte Kelly ihn am meisten berührt. In ihr hatte er seine Seelenpartnerin gefunden. Aber als Sophia ihm von ihrem Baby erzählte, war ihm klar geworden, dass er Kelly aufgeben musste.

Falls er seine Entscheidung noch einmal treffen müsste, würde er es genauso machen. Und dennoch, als er Kellys Gesicht sah, wünschte er sich, die Umstände wären anders gewesen. Wenn er sich nicht um Sophia und ihr ungeborenes Kind hätte kümmern müssen, wären er und Kelly vielleicht immer noch zusammen.

Auf Lucas Aufforderung hin untersuchte sie die Augen des Jungen, auch wenn sie nach dem gestrigen Zusammenstoß nicht damit gerechnet hatte, dass er auf ihre Ansicht Wert legte.

„Eine kaum merkliche Verzögerung im rechten Auge“, sagte sie.

Sí. Das kam mir auch so vor.“

Luca nahm die Taschenlampe wieder an sich und beugte sich noch einmal über Alessandro. Kelly seufzte erleichtert. Wenigstens diesmal schienen sie einer Meinung zu sein. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Verblüfft schaute sie sich um, als Letizia plötzlich vortrat und sie grob zur Seite stieß.

„Vielleicht gibt es da eine Durchblutungsstörung“, meinte Letizia, die nun Kellys Platz einnahm. „Falls sich zu viel Rückenmarkflüssigkeit im Schädel angesammelt hat, könnte dies den Krampf ausgelöst haben. Wir müssen operieren, um den Hirndruck zu verringern.“

„Das ist eine Möglichkeit“, erwiderte Luca und sah Kelly mit erhobenen Brauen an. „Bist du der gleichen Ansicht wie Letizia, Kelly? Sollten wir operieren?“

„Ich glaube, dass es momentan noch zu früh ist, um das zu sagen“, antwortete sie, wobei sie Letizias giftigen Blick geflissentlich ignorierte. „Erst durch ein CT lässt sich feststellen, ob eine Durchblutungsstörung vorliegt oder nicht.“

„Allerdings, und deshalb wollen wir nicht vorschnell handeln.“ Luca schaute zu Letizia. „Könnten Sie für Alessandro ein CT veranlassen? Sobald die Ergebnisse da sind, werden wir über das weitere Vorgehen entscheiden. Außerdem müssen wir überprüfen, ob noch eine Infektion vorhanden ist.“

„Sie wollen eine Lumbalpunktion machen?“, meinte Letizia sofort.

„Nein. Man sollte niemals eine Lumbalpunktion durchführen, wenn ein Verdacht auf erhöhten Hirndruck besteht“, entgegnete er tadelnd. „Im Augenblick dürften Bluttests reichen.“

Kelly folgte der Gruppe, die zum nächsten Bett weiterging. Letizia warf ihr einen gehässigen Blick zu, als sie an ihr vorbei zum Telefon marschierte. Kelly seufzte. Offenbar hatte sie sich nun eine Feindin gemacht.

Der Rest der Visite verlief problemlos, wobei Kelly jedoch darauf achtete, Letizia aus dem Weg zu gehen. Nach der Visite war Vormittagssprechstunde, und Kelly ging hinunter zur Ambulanz im Erdgeschoss. Aldo, einer der Reinigungskräfte, wischte gerade verschütteten Orangensaft vom Boden auf, hielt dann aber inne. Er lernte Englisch und übte gerne, wann immer sich ihm die Gelegenheit dazu bot.

„Heute ist ein schöner Tag, dottoressa“, sagte er mit einem schüchternen Lächeln.

„Sí, Aldo, molto bello“, antwortete Kelly freundlich. Vom Italienischlernen wusste sie aus eigener Erfahrung, wie wichtig es war, seine Kenntnisse anzuwenden. Dann ging sie weiter zum Büro.

Serafina, eine der Sprechstundenhilfen, lächelte sie an, als sie hereinkam. „Buon giorno, Kelly. Ich fürchte, Sie haben heute eine lange Patientenliste. Einige der Kinder möchte sich Dr. Ferrero auch noch selbst ansehen. Wissen Sie, wann er kommt?“

„Er müsste gleich da sein“, versicherte Kelly und blickte auf ihre Liste. Wahrscheinlich würde sie keine Zeit zum Mittagessen haben. Aber das störte sie nicht. Die Patienten kamen bei ihr immer an erster Stelle. Sie legte die Liste wieder auf den Tresen und nahm den Stapel an Patientenakten, die Serafina für sie vorbereitet hatte.

„Na, dann will ich mal anfangen“, meinte Kelly, doch da kam auch Luca. An ihr vorbei griff er nach der Patientenliste, und Kelly spürte, wie ihr der Atem stockte, als sein Arm ihre Schulter streifte.

„Wir haben hier einen Fall, den ich gern mit dir besprechen würde, Kelly.“ An seinem Blick merkte sie, dass er keine Ahnung hatte, was in ihr vorging. Sein Tonfall war vollkommen neutral. „Es ist einfacher, wenn wir das nach der Sprechstunde machen. Komm also am besten in mein Büro, sobald du fertig bist.“

Damit ging er, und sie eilte ins Sprechzimmer, an dem heute ihr Namensschild hing. Sie betrachtete es, um sich selbst daran zu erinnern, wer sie war: Dr. Kelly Carlyon, Assistenzärztin.

Sie war eine Mitarbeiterin in Lucas Team, mehr nicht. Wenn sie hierbleiben wollte, musste sie vergessen, dass er der Mann war, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte. Es durfte keinen Blick zurück in die Vergangenheit geben, und vor allem keine Wiederholung dessen, was gerade passiert war.

Ihr wurde heiß, als sie daran dachte, wie sein Arm sie gestreift hatte. Ein flüchtiger Kontakt, und dennoch kribbelte ihre Haut wie damals, wenn Luca sie berührt hatte. Er war ein wunderbarer Liebhaber gewesen. Kelly hatte nur wenig Erfahrung gehabt, aber er hatte ihr beigebracht, Liebe zu geben und zu empfangen. In seinen Armen hatte sie sich so lebendig gefühlt wie nie zuvor. Aber sie durfte sich nicht dazu verleiten lassen, zu glauben, dass es wieder so werden könnte. Luca war jetzt verheiratet, und mit ihm würde sie nie mehr solche Gefühle erleben.

Ein trockenes Schluchzen stieg in ihr auf, doch sie unterdrückte es. Sie legte die Patientenakten auf den Schreibtisch und zog einen sauberen weißen Kittel an. Rasch überprüfte sie ihr Aussehen im Spiegel. Das rote Haar war im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst, so wie Kelly es meistens zur Arbeit trug. Mit dem dezenten Lipgloss und ein wenig Mascara wirkte sie wie eine Frau, die ihr Leben unter Kontrolle hatte. Zumindest äußerlich sah sie aus wie immer. Nur die Augen verrieten ihren inneren Aufruhr.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie, während sie die Schatten sah, die ihre meergrünen Augen verdunkelten. Dass der flüchtige Kontakt von vorhin Luca so völlig kalt gelassen hatte, verletzte sie zutiefst. Früher hätte sie voller Überzeugung behauptet, dass er sie ebenso liebte wie sie ihn. Aber sie hatte sich getäuscht. Luca hatte sie schon damals nicht geliebt, und jetzt erst recht nicht.

„Herein.“

Luca wappnete sich, als die Tür geöffnet wurde. Doch es war nur Serafina, die ihm einige Akten brachte.

„Grazie.“ Es gelang ihm, sein Lächeln beizubehalten, bis sie den Raum verließ. Aber die ständige Anspannung forderte allmählich ihren Tribut. Den ganzen Vormittag hatte er versucht, die Erinnerung an die Berührung zwischen ihm und Kelly zu verdrängen. Vergeblich. Noch immer konnte er es tief in seinem Inneren spüren – ihren weichen Körper, die feste, glatte Haut, ihre Wärme …

Leise fluchte er vor sich hin, und zwar mit den Worten, die er als Kind in einer der ärmsten Gegenden Italiens gelernt hatte. Die Leute aus dem Waisenhaus, in dem er später aufwuchs, hatten es Gossensprache genannt und ihm deshalb mit Wasser und Seife den Mund ausgespült. Nicht einmal das hatte ihn jedoch davon abgehalten. Denn es war für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, all den Schmerz und die Wut loszuwerden, die er in sich trug.

Nach dem Abschluss seines Studiums hatte Luca sich dazu erzogen, nicht mehr laut zu fluchen. Obwohl der Zorn und die schmerzlichen Erinnerungen an seine Kindheit natürlich noch immer da waren. Doch erst als er Kelly kennenlernte, verblassten sie nach und nach. Sie zeigte ihm, dass er kein zerlumptes, verwahrlostes Straßenkind mehr war, sondern ein Mann, den eine Frau lieben konnte.

Zu wissen, dass er unter anderen Umständen ihre Liebe sein ganzes Leben lang hätte haben können, tat schrecklich weh. Es war nicht so, dass er Kellys Liebe einfach achtlos weggeworfen hatte. Ihm war keine andere Wahl geblieben.

Sophia hatte ihn gebraucht, und er hätte es niemals übers Herz gebracht, sie und ihr ungeborenes Kind im Stich zu lassen. Er hatte eine Liebe für eine andere eingetauscht, und er bereute seine Entscheidung nicht. Kelly war seine große Liebe gewesen, aber sie hatte ihn nicht so sehr gebraucht wie Sophia.

Es klopfte erneut, und Luca zuckte zusammen. „Herein“, rief er und tat dann so, als beschäftigte er sich eingehend mit Serafinas Akten.

Er hörte, dass die Tür aufging und jemand durchs Zimmer kam, doch er schaute nicht auf. Er wusste auch so, dass es Kelly war. Er konnte ihren Duft wahrnehmen und spürte ihre Nähe mit jeder Faser seines Seins. Einen winzigen Moment lang gestattete Luca es sich, die Empfindungen auszukosten, die ihn durchströmten, ehe er sie entschlossen verbannte.

„Wie war die Sprechstunde?“, erkundigte er sich in höflich distanziertem Ton.

„Gut. Die meisten Kinder sind nur zur Nachsorge gekommen. Es gab also keine Probleme.“

„Bene.“ Endlich blickte Luca auf, und sein Herz schien für Sekundenbruchteile auszusetzen. Doch rasch hatte er sich wieder gefasst. Auch wenn Kellys prachtvolles Haar im Sonnenlicht schimmerte, das zum Fenster hereinfiel, hatte dies keinerlei Bedeutung für ihn. Für ihn zählte ausschließlich seine Arbeit.

Als Kelly sich bewegte und er ihren schlanken Körper unter dem weißen Kittel betrachtete, gab es ihm wieder einen Stich. Nichts hätte Luca lieber getan, als ihr diesen weißen Kittel abzustreifen und danach die sittsame Bluse aufzuknöpfen, die sie darunter trug. Er wusste, dass Kellys Teint kaum dunkler war als der Stoff – milchfarben, glatt und makellos. Er sehnte sich danach, ihren Duft einzuatmen, die Wärme ihrer Haut zu spüren, sie an sich zu ziehen und …

„Du wolltest einen Fall mit mir besprechen?“

Ihre scharfe Stimme riss ihn unsanft aus seinen Träumen.

„Ja, das stimmt.“ Luca ging zum Aktenschrank und wies auf einen Stuhl, damit Kelly Platz nahm. Heftiger als nötig stieß er die Schublade wieder zu. „Es geht um Domenico de Pietro, einen Fünfzehnjährigen aus Palau.“ Er gab Kelly die Patientenakte und setzte sich. „Sein Hausarzt hat ihn zu uns überwiesen.“

Stirnrunzelnd las sie die Krankengeschichte. „Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein.“ Sie schaute auf. „Hier steht nichts über seinen psychischen Zustand. Wie hat er auf dich gewirkt?“

„Ziemlich deprimiert.“ Luca lächelte in sich hinein. Offenbar hatte Kelly den richtigen Verdacht. Doch das überraschte ihn nicht. Sie war schon immer eine gute Diagnostikerin gewesen.

„Wurde schon eine volle neurologische Untersuchung durchgeführt?“

„Noch nicht. Deshalb kommt Domenico morgen zu uns.“

„Pfeiffer-Drüsenfieber hast du wahrscheinlich schon ausgeschlossen?“

„Ja, die Tests waren negativ. Also, Kelly, irgendwelche Vorschläge?“

„CFS.“ Sie legte die Akte auf den Schreibtisch. „Die Symptome sind typisch für das chronische Erschöpfungssyndrom.“

„Und du gehst davon aus, dass es sich bei CFS um eine organische Krankheit handelt und nicht um eine psychische Störung?“

„Ja. Auch wenn ich gut nachvollziehen kann, dass jemand mit CFS an depressiven Verstimmungen leidet. Wer täte das nicht, wenn man sich die ganze Zeit krank und elend fühlt? Aber ich bin überzeugt, dass es eine körperliche Ursache dafür gibt. Die meisten Leute mit CFS-Symptomen hatten vorher irgendeinen Virus-Infekt, oder?“

„Domenico hatte vor sechs Monaten einen Atemwegsinfekt.“

„Und danach sind die Symptome aufgetreten?“, fragte sie.

„Sí.“

Kelly nickte und überflog die Laborergebnisse. „Alles Normalwerte, wie nicht anders zu erwarten. Bei CFS gibt es nur selten veränderte Laborwerte.“

„Stimmt. Und was würdest du vorschlagen?“

„Dass wir die neurologische Untersuchung abwarten und dann weitersehen“, antwortete sie.

„Genau das habe ich vor.“ Luca lächelte anerkennend. „Vielleicht hast du ja Lust, an dem Fall beteiligt zu sein. Es wäre eine gute Erfahrung für dich.“

„Gerne. Vielen Dank.“ Rasch erwiderte sie sein Lächeln und stand auf. „Wenn das alles ist, muss ich wieder zurück. Die Vormittagssprechstunde dauerte länger als geplant, sodass Serafina einige Patienten auf heute Nachmittag umgelegt hat. Und vorher möchte ich die Unterlagen noch einmal durchgehen.“

Mit zusammengezogenen Brauen schaute Luca auf seine Uhr. „Du hast doch jetzt eigentlich Pause.“

„Ach, das macht nichts. Ich bin lieber gut auf meine Patienten vorbereitet.“ Damit ging Kelly zur Tür, ohne ihm Gelegenheit für weitere Einwände zu geben.

Er seufzte. Was hätte er schon sagen können? Er tat den Ordner wieder in den Aktenschrank und setzte sich an den Schreibtisch. Als Erstes rief er bei seiner Haushälterin an, um nachzufragen, ob mit Matteo alles in Ordnung war. Dann nahm er sich den Arztbericht vor, an dem er gerade arbeitete. Wenn Kelly in ihrer Mittagspause durcharbeitete, würde er das auch tun. Irgendwie hatte Luca dadurch ein weniger schlechtes Gewissen, dass sie so hart arbeitete.

Hastig riss er sich zusammen. Er musste aufhören, sich ständig Sorgen um Kelly zu machen. Sie hatte ihr eigenes Leben. Wenn er erst einmal anfing, sich darin einzumischen, könnte er es hinterher vielleicht nicht mehr lassen.

2. KAPITEL

„Ciao.“ Kelly winkte den Krankenschwestern auf ihrer Station zu und machte sich dann auf den Weg zu den Mitarbeiterwohnungen. Sie war froh, dass dieser anstrengende Tag endlich vorbei war. Nachdem die Sprechstunde vorbei gewesen war, hatte sie noch ihre Anmerkungen in die Patientenakten eintragen müssen. Das hatte ewig gedauert, und sie war nur gerade so eben bis zur Nachmittagsvisite fertig geworden.

Kelly tippte den Sicherheitscode ein und betrat das Gebäude. Die Klimaanlage arbeitete auf vollen Touren, und sie stöhnte erleichtert, als sie die kühle Luft auf ihrer Haut fühlte. Seitdem sie auf Sardinien angekommen war, war es fast unerträglich heiß gewesen. Es herrschten Temperaturen von über dreißig Grad, und ohne Klimaanlage hätte Kelly es in ihrem Apartment kaum ausgehalten. Sie lief die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Dort holte sie sich sofort ein Glas Mineralwasser aus der Küche und nahm es mit ins Wohnzimmer.

Die Apartments waren alle in denselben neutralen Grau- und Beigetönen gehalten. Auch die Möbel waren überall gleich: helle Einbauschränke aus Buche, ein kleines Sofa und ein Sessel. Kelly hatte zwar ein paar persönliche Dinge mitgebracht – Fotos von sich und Katie mit ihren Eltern sowie ein paar Dekostücke –, aber es fühlte sich noch immer nicht wie ein richtiges Zuhause an. Es war einfach nur ein Platz zum Schlafen, wenn sie von der Arbeit kam. Solange sie keine eigene Wohnung gefunden hatte, würde sie sich immer wie ein Gast vorkommen.

Sie seufzte. Eine der Schwestern hatte sie zu ihrer Geburtstagsparty in einem Restaurant am Hafen eingeladen. Sobald Kelly geduscht hatte, schlüpfte sie daher in weiße Jeans und ein schwarzes ärmelloses Top. Die nassen Haare band sie einfach zu einem Pferdeschwanz zusammen, um sie so trocknen zu lassen. Eine halbe Stunde später verließ sie ihre Wohnung.

Vom Krankenhausgelände aus ging sie die Straße entlang, die oberhalb der Bucht zum Hafen führte. Es war ein wunderschöner Abend, und die Sonne glitzerte auf dem azurblauen Meer. Ein Kreuzfahrtschiff lag in der Bucht vor Anker, und mehrere kleine Beiboote fuhren hin und her, um die Passagiere an Land zu bringen. Die Luft war schwer vom würzigen Duft der Pinien, die eine Seite der engen, kurvenreichen Straße säumten. Einige luxuriöse Villen waren in den Hang hineingebaut, jedoch gut hinter Bäumen verborgen.

Nach dem Leben mitten im Stadtzentrum von Manchester war es hier herrlich friedlich. Und Kelly hatte überhaupt keine Lust, dorthin zurückzukehren. Aber vielleicht blieb ihr nichts anderes übrig, falls sie es nicht schaffte, vernünftig mit Luca zusammenzuarbeiten.

Sie befand sich auf halber Höhe des Hanges, als sie hinter sich ein Motorrad aufheulen hörte. Da vor ihr eine Kurve lag, beschloss Kelly, es vorbeifahren zu lassen. Viele junge Männer in dieser Gegend fuhren mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf ihren Motorrädern, sodass man besser sicheren Abstand hielt.

Kelly war gerade auf den Grasstreifen ausgewichen, da bemerkte sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Ein kleiner Junge kam mit seinem Dreirad aus der Einfahrt einer der Villen und fuhr direkt auf die Straße. Er wusste nicht, welche Gefahr ihm drohte, und Kelly wurde klar, dass sie sofort etwas tun musste, um einen möglichen Unfall zu verhindern.

Sie stürzte herbei und riss das Kind in ihre Arme, nur Sekunden, bevor das Motorrad in steiler Schräglage die Straße heruntergeschossen kam. Mit kreischenden Bremsen versuchte der Fahrer anzuhalten. Doch Kelly wartete nicht erst ab, sondern warf sich mit dem Kind auf den Seitenstreifen.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie, als sie sich den Ellbogen an einem Stein aufschlug. Gleichzeitig hörte sie ein knirschendes Scheppern hinter sich. Aber sie bemerkte es kaum, weil sie um den Jungen besorgt war. Mit zitternden Beinen rappelte sie sich auf und untersuchte den Kleinen rasch.

„Braver Junge“, lobte sie, während sie seinen rundlichen kleinen Körper abtastete. Abgesehen von einem Kratzer auf der Wange schien er glücklicherweise nichts abbekommen zu haben. Aber Kelly fürchtete um den Motorradfahrer.

Sie nahm den Kleinen auf den Arm und lief zu dem jungen Mann hinüber, der stöhnend an der Straßenseite lag. Kelly sah sofort, dass sein rechter Arm gebrochen war. Sie setzte das Kind ins Gras und zog ein sauberes Taschentuch aus ihrer Handtasche, um die offene Wunde abzudecken. Danach untersuchte sie den Mann, der jedoch offenbar keine weiteren Brüche erlitten hatte. Da er ohne Helm gefahren war, konnte eine mögliche Kopfverletzung allerdings nicht ausgeschlossen werden.

„Ich hole Hilfe“, sagte sie zu ihm. Das Wichtigste war jetzt, ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen.

Er überschüttete sie mit einem Wortschwall auf Italienisch, doch sie schüttelte den Kopf. Zwar reichten ihre Sprachkenntnisse für die Arbeit im Krankenhaus aus, aber den starken Dialekt des Fahrers verstand sie nicht. Daher zeigte sie auf die Villa. „Ich hole Hilfe … aiuto.

Der junge Mann nickte. Kelly hob den kleinen Jungen hoch und eilte die Straße hinauf. Hoffentlich war jemand in der Villa, der einen Krankenwagen rufen konnte.

„Matteo!“

Kelly blieb stehen, als plötzlich ein Mann an der Einfahrt zur Villa erschien. Verblüfft schnappte sie nach Luft, denn es war Luca.

Er rannte auf sie zu und riss den Kleinen an sich. „Was ist passiert?“

„Ein Unfall“, erklärte sie und beobachtete, wie der Junge sich an ihm festklammerte. Anscheinend kannte er Luca.

„Ein Unfall?“, wiederholte dieser und starrte den Kleinen fassungslos an.

„Ja, aber es geht ihm gut. Er hat nur eine Abschürfung an der Wange. Hier.“ Sie strich dem Kleinen die dunklen Locken zurück, um Luca die Stelle zu zeigen. „Dieser kleine Kerl ist genau in dem Moment mit dem Dreirad auf die Straße gefahren, als ein Motorrad kam. Der Fahrer konnte ausweichen, hat sich aber selbst den Arm gebrochen. Ich wollte gerade Hilfe holen.“

„Verstehe.“ Luca presste die Lippen zusammen. Kelly sah ihm an, dass er zornig war, und konnte es ihm nicht verdenken. Das Kind war höchstens zwei Jahre alt und noch viel zu klein, um allein unterwegs zu sein.

„Geh zum Haus und sag Bescheid, dass wir einen Rettungswagen brauchen“, befahl Luca knapp. „Ich schau mir den Motorradfahrer noch mal an.“

„Gut.“ Er wandte sich ab, doch Kelly hielt ihn zurück. „Soll ich den Kleinen mitnehmen? Ich nehme an, seine Mutter fragt sich, wo er abgeblieben ist.“

Ein seltsamer Ausdruck huschte über seine Miene. „Danke, das ist nicht nötig. Ich behalte ihn bei mir.“

Er eilte zu dem Verletzten, und Kelly sah ihm ein wenig verständnislos nach. Irgendetwas entging ihr hier anscheinend, doch im Moment war keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Hastig eilte sie zur Villa hinauf. Es war ein schönes Haus, ebenerdig gebaut, mit einem kleinen Türmchen an einer Seite und einem niedrigen Dach aus den für diese Gegend typischen Terrakottaziegeln. Dunkelrote Bougainvilleen hingen über die Mauern herab und umrahmten die riesige Eichentür mit ihrem glänzenden Messingklopfer.

Kelly klopfte und wartete. Von drinnen hörte sie Schritte, und gleich darauf öffnete eine ältere Frau.

„Sí?“

„Entschuldigen Sie die Störung, aber unten auf der Straße gab es einen Unfall“, sagte Kelly. „Könnten Sie bitte einen Krankenwagen rufen?“

„Ein Unfall?“ Erschrocken schlug sich die Frau die Hand vor den Mund. „Mit Matteo? Ist er verletzt?“

„Nein, nein. Ihm geht’s gut“, beruhigte Kelly sie. „Der Motorradfahrer ist verletzt. Dr. Ferrero ist bei ihm, und er bittet Sie, einen Krankenwagen zu rufen.“

„Sí, sí. Immediatamente, signorina.“

„Grazie.“ Kelly dankte ihr, ehe sie wieder zur Straße hinunterlief.

Luca, der gerade den linken Knöchel des jungen Mannes untersuchte, blickte auf. „Ich glaube, er hat sich auch den Knöchel verletzt. Entweder eine Prellung oder ein Bänderriss“, meinte er.

„Das ist mir wohl entgangen“, gestand sie und hockte sich neben ihn. „Ich hab mir mehr Sorgen um seinen Arm gemacht. Tut mir leid.“

„Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen. Nach dem, was er mir erzählt hat, wäre das Ganze ohne dich wahrscheinlich noch viel schlimmer ausgegangen.“ Er schaute hinüber zu dem kleinen Jungen, der zufrieden mit ein paar Kieselsteinen spielte. „Matteo hätte sterben können, wenn du ihn nicht rechtzeitig gerettet hättest. Ich weiß nicht, wie ich dir jemals dafür danken soll.“

„Der Fahrer hätte es sicher noch geschafft, ihm auszuweichen“, erwiderte sie verlegen.

„Vielleicht.“

In diesem Augenblick kam auch schon der Rettungswagen, und Luca berichtete den Sanitätern, was passiert war. Erstaunt bemerkte Kelly den zärtlichen Ausdruck auf seinem Gesicht, als er schließlich den kleinen Jungen auf den Arm nahm.

Wer war Matteo? Und warum war er Luca so wichtig?

Mit hämmerndem Herzen sah Luca zu, wie der Verletzte in den Krankenwagen gehoben wurde. Sobald ihm auffiel, dass Matteo verschwunden war, hatte ihn ein unbeschreiblicher Schrecken erfasst. Er hatte das Schlimmste befürchtet, als er das offene Tor sah und die kreischenden Bremsen hörte.

Mit einem entsetzlich flauen Gefühl im Magen drückte er das Kind an sich. Matteo protestierte jedoch sofort und strampelte unwillig, weil er zu fest gehalten wurde. Luca zwang sich dazu, seinen Griff etwas zu lockern, und lächelte den Jungen an. „Sollen wir nach Hause gehen und was trinken?“

„Sí, sí!“ Matteo klatschte begeistert in die Patschhändchen.

Offensichtlich war er sich der Gefahr gar nicht bewusst, in der er geschwebt hatte. Darüber war Luca froh. Kein Kind sollte jemals so leiden müssen, wie er und Sophia in ihrer Kindheit gelitten hatten. Das Leben eines Kindes sollte von Glück und Liebe erfüllt sein und nicht von solchen Qualen, wie er sie früher erfahren hatte. Grausamkeit war Teil des alltäglichen Lebens im Kinderheim gewesen.

Die Kinder wurden geschlagen und, was noch schlimmer war, seelisch gequält. Ständig gesagt zu bekommen, dass man nutzlos war, hatte viel größeren Schaden angerichtet als die körperlichen Misshandlungen. Und Luca wäre jederzeit bereit gewesen, sein Leben zu opfern, um sein geliebtes Kind vor ähnlichem Leid zu bewahren.

Im Augenblick war er jedoch nicht imstande, sich mit seinen Erinnerungen auseinanderzusetzen. Er sprach noch kurz mit den Sanitätern und wandte sich dann an Kelly. Dabei hoffte er, dass sie ihm nicht anmerkte, wie aufgewühlt er war. In ihrer Nähe musste er seine Selbstbeherrschung wahren, seine Gefühle genauso fest unter Verschluss halten wie seine Kindheitserinnerungen. Das war die einzige Möglichkeit, mit der Situation fertig zu werden.

„Möchtest du auf einen Kaffee mit ins Haus kommen?“, fragte er.

„Nein danke“, lehnte sie ab. „Ich will euch keine Umstände machen.“

„Das tust du nicht“, entgegnete er kurz angebunden, ein wenig gekränkt über ihre schnelle Ablehnung. Musste sie es ihm denn gar so deutlich zeigen, dass sie mit ihm nichts zu tun haben wollte?

„Ich möchte trotzdem lieber nicht reinkommen.“ Sie zuckte die Achseln, woraufhin sein Blick auf ihre bloßen Schultern fiel, denn das schwarze Top besaß nur dünne Spaghettiträger.

Plötzlich spürte Luca, wie seine Gefühle ihn erneut überschwemmten. Er konnte seine Augen einfach nicht von Kelly losreißen. Im sanften Abendlicht, das durch die Bäume fiel, schimmerte ihre helle Haut beinahe golden. Sie sah aus wie eine schöne Statue, doch er wusste, wenn er sie berührte, war sie aus Fleisch und Blut. Er hatte seine Hand schon halb erhoben, ehe er merkte, was er tat. Nein, er durfte sie nicht anfassen, ihre warme Haut streicheln, sie küssen …

Ein fast übermächtiges Verlangen regte sich in ihm, und Luca stöhnte. Er begehrte sie so sehr, aber es war falsch, seiner Sehnsucht nachzugeben. Selbst wenn sie seine Gefühle erwiderte, machte das keinen Unterschied. Er konnte ihr nichts weiter bieten als Sex, und das reichte nicht. Kelly hatte es verdient, geliebt zu werden. Sie hatte einen Mann verdient, der sie von ganzem Herzen und ganzer Seele liebte. Und dieser Mann war er nicht.

„Ich treffe mich unten am Hafen mit ein paar Leuten. Catarina hat heute Geburtstag, und wir wollen zusammen essen gehen. Ich muss los, sonst komme ich noch zu spät.“ Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und sog hörbar die Luft ein.

„Was ist?“, fragte er.

„Ach, nichts. Ich habe mir den Ellbogen angeschlagen, und das tut ein bisschen weh. Das ist alles.“

„Lass mal sehen.“ Luca setzte Matteo ab und nahm ihren Arm. „Du brauchst eine kalte Kompresse gegen die Schwellung.“

„Ach, das ist schon okay“, meinte sie und entzog sich ihm rasch.

„Falls du riskieren willst, dass du die ganze nächste Woche deinen Arm nicht bewegen kannst, ist das deine Sache“, erklärte er schroff. „Aber ich warne dich. Ich werde nicht besonders erfreut sein, wenn du deine Arbeit nicht richtig erledigen kannst, nur weil du zu stur warst, meinen Rat zu befolgen.“

Zornesröte stieg ihr in die Wangen. „Dann habe ich wohl keine andere Wahl, oder?“ Verächtlich schaute sie zur Villa hinauf. „Ich hoffe nur, dass deine Freunde nichts dagegen haben, von einer Wildfremden belästigt zu werden. Bloß damit du den Big Boss spielen kannst. Wahrscheinlich kennen sie diese Seite an dir noch gar nicht. Hast du keine Angst um dein gutes Image?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich noch nie von irgendetwas abhalten lassen, wenn ich weiß, dass ich das Richtige tue.“

Erbost folgte Kelly ihm zum Haus, doch das war ihm egal. Matteo plapperte in einem fort, aber Luca hörte kaum zu. Er war viel zu aufgeregt, zu wütend, zu … einfach alles.

„Papà.“

Matteos Kinderstimme drang durch seinen Gefühlsaufruhr hindurch, und Luca zuckte zusammen. „Was ist denn, caro?“

Aufmerksam hörte er zu, als Matteo irgendwas von „großes Brummbrumm“ plapperte, das die „Straße nunterrast“ war, und wie die „Frau ihn hochhebt“ hatte. Erst als der Kleine schwieg, merkte Luca, dass Kelly wie erstarrt mitten auf der Einfahrt stehen geblieben war. Der schockierte Ausdruck in ihrem Gesicht erschreckte ihn. Instinktiv machte er einen Schritt auf sie zu, doch Kelly wich zurück. Sie war leichenblass.

„Wem gehört diese Villa?“, fragte sie mit kaum hörbarer Stimme.

„Mir“, antwortete Luca. „Ich wohne hier.“

Flüchtig schloss sie die Augen, ehe sie sie wieder öffnete und ihn ansah. „Wenn das dein Haus ist, wer ist dann Matteo? Wo sind seine Eltern?“

Tiefe Niedergeschlagenheit breitete sich in ihm aus. Luca wusste, dass Kelly seine Antwort kränken würde. Aber er konnte nichts dagegen tun. Er hatte Sophia versprochen, niemandem die Wahrheit über Matteo zu sagen, und er hatte sein Versprechen gehalten. Vor dem Gesetz war Matteo sein Sohn, und das musste jeder glauben. Auch und vor allem Kelly.

Sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie wichtig ihr ihre Karriere war. Vor zwei Jahren hatte sie ihm gesagt, dass sie die Absicht hatte, bis ganz an die Spitze zu kommen. Luca konnte ihren Wunsch nach beruflichem Erfolg gut nachvollziehen, denn ihm ging es genauso. Zu beweisen, dass sich die Leute im Kinderheim geirrt hatten, als sie behaupteten, er würde es nie zu etwas bringen, das hatte ihn immer angespornt. Es war ein langer, harter Kampf gewesen, seine jetzige Position zu erreichen. Und er hätte es nie geschafft, wenn er nicht immer absolut auf sein Ziel fixiert gewesen wäre.

Falls Kelly ihre Ziele erreichen wollte, musste sie ebenso engagiert sein. Sobald Luca ihr jedoch die Wahrheit über Matteo anvertraute, würde sie ihm sicher helfen wollen. Und das durfte er nicht zulassen. Elternschaft mit beruflichen Anforderungen in Einklang zu bringen, war außerordentlich schwierig, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Und eine solche Belastung wollte er Kelly zum jetzigen Zeitpunkt keinesfalls zumuten.

Die nächsten Jahre waren für sie entscheidend. Sie musste sich darauf konzentrieren, so viel wie möglich zu lernen, und durfte sich durch nichts ablenken lassen. Obwohl Luca sich bewusst war, dass seine Antwort auf ihre Frage all die guten Erinnerungen an ihn zerstören würde, war er fest entschlossen, unter keinen Umständen ihre Karriere zu gefährden.

„Matteo ist mein Sohn, Kelly. Sophias und mein Sohn.“

„Wenn du hier wartest, schaue ich erst mal, ob mit Matteo alles in Ordnung ist. Dann komme ich gleich wieder.“

Stumm kam Kelly mit ins Wohnzimmer. Sie war außerstande, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Sie wusste nicht einmal, wie sie ins Haus gekommen war. Mitten im Zimmer blieb sie stehen.

„Setz dich und mach’s dir bequem. Ich sag meiner Haushälterin Bescheid, dass sie dir was zu trinken bringt. Was möchtest du – Tee, Kaffee oder lieber etwas Kaltes?“

„Gar nichts.“ Ihre Stimme klang dünn und brüchig, und Kelly räusperte sich. „Ich möchte nichts trinken, danke.“

„Bist du sicher?“, fragte Luca.

Doch sie antwortete nicht. Sie hatte einfach keine Kraft mehr. Sobald er hinausgegangen war, ließ Kelly sich aufs Sofa sinken und schloss die Augen. Sie spürte ihren Herzschlag, hörte ihren Atem und wusste, dass sie lebendig war. Aber etwas in ihr war gerade gestorben, ausgelöscht durch diese wenigen Worte: ‚Matteo ist mein Sohn. Sophias und mein Sohn.‘

Ein furchtbarer Schmerz überwältigte sie, und sie biss sich auf die Lippen. Der einzige Trost in den vergangenen zwei Jahren war der Gedanke gewesen, dass Luca sie nicht vorsätzlich hintergangen hatte. Aber jetzt wurde ihr klar, wie dumm sie gewesen war. Er hatte eine Affäre mit ihr angefangen, obwohl er von Sophias Schwangerschaft gewusst haben musste.

Kelly blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen. Als Luca zurückkam, hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Er stellte ein kleines Tischchen vors Sofa, auf das sie ihren Arm stützen sollte. Er hatte eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch mitgebracht, und Kelly erhob keine Einwände, als er ihren Arm abwusch. Es war ihr gleichgültig, ob er sie berührte. Sie war wie betäubt.

„Damit müsste sich die Schwellung verringern.“ Luca wickelte ihr das ausgewrungene Handtuch um den Ellbogen. „Du wirst morgen zwar noch einen blauen Fleck haben, aber zumindest dürfte das den Schmerz etwas lindern.“

„Danke.“ Kelly stand auf. „Ich gebe dir das Handtuch morgen zurück.“

„Das brauchst du nicht.“

„Es wäre mir aber lieber so“, entgegnete sie und ging zur Tür. Ohne nach links oder rechts zu schauen, marschierte sie durch den mit Marmor gefliesten Flur. Alles Interesse an dem Haus oder seinem Eigentümer war mit einem Schlag verschwunden.

An der Haustür drehte Kelly sich um. Der Mann, der vor ihr stand, war ein Fremder. Einer, der sie angelogen und getäuscht hatte, um zu kriegen, was er wollte. Sie empfand nicht einmal Zorn, sie fühlte gar nichts.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du hast doch keine Kopfschmerzen, oder?“

„Alles okay“, erwiderte sie tonlos. „Wir sehen uns dann morgen.“

„Natürlich.“ Schweigend ließ Luca sie hinaus.

Kelly blickte nicht zurück, als sie die Einfahrt hinunterging. Es war ihr egal, ob er ihr nachschaute. Er bedeutete ihr nicht mehr das Geringste. Jetzt war er nur noch jemand, für den sie arbeitete und von dem sie etwas lernen konnte. Ansonsten war er ihr völlig gleichgültig.

Erst als sie das Tor erreicht hatte und feststellte, dass sie nichts sehen konnte, merkte sie, dass sie weinte. Die Tränen strömten ihr übers Gesicht, sodass sie stolperte und sich an dem Eisengitter festhalten musste. Luca hatte ein Kind mit einer anderen Frau. Sophia war von ihm schwanger gewesen, während er sich mit Kelly vergnügte. Was für ein Schuft schlief mit einer anderen Frau, wenn seine Freundin ein Baby erwartete?

„Kelly? Alles okay? Was ist los?“

Plötzlich war Luca neben ihr, und wütend fuhr sie herum. „Wie konntest du nur, Luca? Wie konntest du mit mir schlafen, während Sophia ein Kind von dir erwartete?“

„Weil ich keine Ahnung von ihrer Schwangerschaft hatte!“ Er hielt sie an den Armen fest. „Ich habe von dem Baby erst erfahren, als ich nach Italien zurückkam.“

„Und das soll ich dir glauben?“, höhnte sie.

„Ja, weil es die Wahrheit ist.“ Seine grauen Augen blitzten, und er packte sie noch fester, sodass Kelly zusammenzuckte. Er stieß einen schroffen Laut aus und ließ sie los. „Entschuldige. Ich wollte dir nicht wehtun.“

„Nein?“, sagte sie erstickt.

„Nein.“ Sanft fuhr er ihr mit dem Finger über die Wange und wischte ihr die Tränen fort. „Jetzt nicht und damals schon gar nicht. Dazu warst du mir viel zu wichtig.“

„Nicht“, bat sie. „Bitte, sag nichts mehr, Luca. Ich will es nicht hören.“

„Ich weiß, und ich kann es dir nicht verdenken. Aber du musst mir glauben, dass ich das alles nicht gewollt habe. Ich wollte dich immer nur beschützen.“ Er legte ihr die Hand an die Wange, und seine Augen waren traurig. „Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. Aber ich schwöre dir, das wird nicht wieder geschehen.“

Sie drehte den Kopf zur Seite. „Ich will nicht von dir beschützt werden. Ich schlage vor, du beschränkst dich damit ab jetzt auf deine Frau und deinen Sohn und lässt mich in Ruhe.“ Freudlos lachte sie auf. „Ich frage mich, was Sophia wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass du einer anderen Frau solche Versprechungen machst. Oder vielleicht tust du so was ja auch ständig, und sie ist schon daran gewöhnt? Vielleicht sollte ich sie mal fragen.“

„Das geht nicht“, erklärte Luca rau.

„Ach nein?“ Achselzuckend meinte Kelly: „Du willst wohl nicht, dass wir uns begegnen. Keine Angst, Luca. Ich werde sehr diskret sein. Und ich werde kein Wort davon sagen, dass du mit mir geschlafen hast, als sie schwanger war.“

„Sophia ist tot.“

Die Worte hingen in der stillen Abendluft, und Kelly stockte der Atem. Fassungslos starrte sie Luca an. „Tot?“

„Ja. Sie starb vor anderthalb Jahren.“

„Aber da muss Matteo ja noch ganz klein gewesen sein.“

„Er war sechs Monate alt.“ Luca holte tief Atem, aber seine Stimme war von solchem Schmerz erfüllt, dass Kelly erneut die Tränen kamen. „Sie hatte einen hochaggressiven Brustkrebs.“

„Und man konnte nichts für sie tun?“, flüsterte sie.

„Falls sie behandelt worden wäre, sobald sie die Diagnose bekam, hätte sie möglicherweise eine Chance gehabt.“

„Was soll das heißen? Wieso wurde sie nicht sofort behandelt?“

„Sophia erfuhr von ihrem Krebs in derselben Woche, in der sie feststellte, dass sie schwanger war.“ Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, und Kelly spürte, wie sehr es ihn schmerzte, davon zu erzählen. „Sie hat jede Behandlung abgelehnt, um dem Baby nicht zu schaden. Ihr Arzt hat sie angefleht, aber sie hat sich geweigert. In ihren Augen wäre das gleichbedeutend damit gewesen, ihr Kind zu töten.“

„Wusstest du davon?“, fragte Kelly erschrocken. „Hat sie dir gesagt, dass sie sich nicht behandeln ließ?“

„Nein. Bis ich nach Italien zurückging, wusste ich nicht, dass Sophia schwanger war, geschweige denn, dass sie Krebs hatte. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits im achten Monat, und es gelang mir, sie zu einem Kaiserschnitt zu überreden, damit sie mit der Chemotherapie beginnen konnte. Aber wir wussten beide, dass das nicht mehr viel bringen würde. Letztendlich hat sie dadurch vielleicht noch ein paar zusätzliche Monate mit Matteo gewonnen.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll … Das muss schrecklich gewesen sein … Für euch beide.“

Luca seufzte. „Für Sophia war es viel schlimmer. Sie wusste, dass sie ihren Sohn nicht aufwachsen sehen würde. Und das hat ihr mehr Angst gemacht als alles andere. Sobald sie sicher sein konnte, dass für Matteo gesorgt war, hat sie ihre Krankheit akzeptiert. Sie war unglaublich tapfer, bis zum Ende. Es machte einen demütig, zuzusehen, wie sie mit der Krankheit umging.“

„Habt ihr deshalb so schnell nach deiner Rückkehr geheiratet?“, fragte Kelly leise. Diese Eile hatte sie damals besonders gekränkt. Aber nun kannte sie den Grund dafür, und das machte es ein wenig leichter.

Sí. Wozu warten, wenn es das Einzige war, womit Sophia ihren Frieden finden konnte?“ Einen Moment lang blickte er zu Boden, ehe er wieder aufschaute. „Was ich eben gesagt habe, war ernst gemeint, Kelly. Ich wollte dir niemals wehtun. Ich hatte nur keine andere Wahl.“

3. KAPITEL

„Na, Alessandro, wie fühlst du dich heute?“, erkundigte sich Luca bei der Morgenvisite.

„Schon viel besser“, antwortete der Junge.

Sein CT zeigte keinerlei Durchblutungsstörung. Daher ging Luca davon aus, dass die zuvor erhöhte Menge an Hirnflüssigkeit noch durch die Infektion bedingt war. Er hatte andere Antibiotika verschrieben, die offensichtlich ihre Wirkung taten.

„Das freut mich“, meinte er. „Aber ich denke, es wäre gut, wenn du noch ein paar Tage hierbleibst. Ich hoffe, dass wir dich nach dem Wochenende entlassen können.“

Alessandro machte ein langes Gesicht. „Aber ich habe am Freitag Geburtstag. Ich wollte mit meinen Freunden feiern.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte Luca mitfühlend. „Vielleicht kannst du die Party ja verschieben?“

„Das ist aber nicht dasselbe“, murrte Alessandro.

Luca seufzte. Es war immer schwierig, schlechte Nachrichten zu vermitteln. Doch die Gesundheit des Jungen stand auf dem Spiel.

Das Team ging weiter zum nächsten Bett. Da Letizia neben Luca stand, wandte er sich an sie. „Sind die Laborergebnisse für diese Patientin schon da, Dr. Sentini?“

„Ich schau mal nach.“ Mit einem verführerischen Lächeln in seine Richtung warf sie einen Blick in die Patientenakte. „Sí. Hier sind sie. Die Leukozytenzahl ist erhöht – genau wie Sie vermutet haben, dottore.

Luca ignorierte ihren schmeichlerischen Ton. Falls Letizia glaubte, sie könnte bei ihm extra Punkte gewinnen, indem sie sich bei ihm einschmeichelte, irrte sie sich gewaltig. Er nahm den Laborbericht und überflog die Zahlen, ehe er ihn an Carlo, den Stationsarzt, weitergab. Die sechsjährige Ilaria hatte viel zu viele weiße Blutkörperchen, und die Zellen waren außerdem unreif und zeigten eine anomale Form.

„Können Sie uns die Symptome schildern, mit denen das Kind eingeliefert wurde?“, forderte er Letizia auf.

„Fieber, geschwollene Lymphknoten und vergrößerte Milz“, las sie aus den Unterlagen vor. „Ihre Eltern haben berichtet, dass sie auch einen Ausschlag hatte. Aber bei ihrer Aufnahme war davon nichts zu sehen.“ Letizia zuckte die Achseln. „Alles klassische Anzeichen einer Virusinfektion.“

„Und was schließen Sie aus dem Blutbild?“

„Dass es sich um eine Infektion handelt“, erklärte sie.

„Sie würden also keine weiteren Untersuchungen anordnen?“

„Nein. Ich würde darauf warten, dass das Immunsystem des Kindes die Krankheit abwehrt. Die antiviralen Medikamente können schwere Nebenwirkungen verursachen.“

„Das stimmt“, bestätigte Luca. „Allerdings bezweifle ich, dass es in diesem Fall ratsam wäre, einfach abzuwarten.“ Letizias Lächeln schwand abrupt, als er sich an Kelly wandte. „Was würden Sie tun, Dr. Carlyon?“

„Ich würde eine Biopsie des Knochenmarks anordnen, um es auf eine erhöhte Anzahl von Leukoblasten zu untersuchen“, erwiderte sie. Er merkte ihr jedoch an, dass sie keineswegs so gelassen war, wie es den Anschein hatte.

„Und falls Leukoblasten vorhanden wären? Worauf würde das hinweisen?“

„Dass es sich um eine akute Form von Leukämie handeln könnte.“ Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Ich würde außerdem eine Lumbalpunktion machen lassen, um auch die Rückenmarkflüssigkeit auf Leukoblasten zu untersuchen.“

Luca drehte sich zu Carlo um. „Was meinen Sie, Dr. Baldovini? Sind Sie derselben Ansicht wie Ihre Kollegin?“

„Sí.“ Carlo lächelte Kelly herzlich an. „Ich denke, Dr. Carlyon hat völlig recht, beide Untersuchungen vorzuschlagen. Das würde ich auch empfehlen.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

Luca wandte sich ab, damit ihm kein unüberlegter Kommentar entschlüpfte. Es ging ihn schließlich nichts an, wenn Carlo Kelly attraktiv fand. Während er das Team zum nächsten Patienten weiterschickte, füllte Luca die notwendigen Formulare fürs Labor aus. Zum Glück waren Ilarias Eltern noch im Krankenhaus, sodass er sofort deren Einwilligung zu den weiteren Untersuchungen einholen konnte.

Die kleine Ilaria fing an zu weinen, als er ihr behutsam erklärte, dass er etwas Flüssigkeit aus ihrer Wirbelsäule entnehmen musste. Er wartete, bis die Mutter das Mädchen beruhigt hatte, und wünschte, er hätte Kelly gebeten, ihm zu helfen. Sie konnte wunderbar mit Kindern umgehen und besaß eine besondere Begabung dafür, ihnen ihre Ängste zu nehmen.

Aber Kelly hatte ihren Job, und Luca seinen. Er sollte ihr helfen, nicht umgekehrt. Er wollte ihr sein Wissen weitergeben. Das musste als Ersatz dafür reichen, dass auf privater Ebene zwischen ihnen nichts sein durfte. Er stöhnte leise, denn durch nichts konnte er wiedergutmachen, dass er sie verloren hatte. Falls er Kelly wie jede andere Kollegin behandeln wollte, musste er seine Gefühle in Schach halten. Auch wenn Carlo oder sonst irgendjemand an ihr interessiert sein sollte. Schließlich war es allein ihre Sache, mit wem sie sich traf.

In der Theorie hörte sich das alles höchst vernünftig an. Aber als er die Rückenmarkspunktion bei dem kleinen Mädchen durchführte, wurde ihm bewusst, wie schwer dies sein würde. Der Gedanke, Kelly mit einem anderen Mann zu sehen, war unerträglich, da Luca sie doch für sich haben wollte.

In Lucas Büro ging das Team die Patientenakten durch. Da Luca mit Ilarias Eltern sprach, leitete Carlo die Besprechung. Als das Telefon klingelte, nahm Kelly ab. Es war eine Krankenschwester vom Pronto Soccorso, der Notaufnahme, die darum bat, dass Luca sich so schnell wie möglich bei ihnen melden sollte.

Kelly entschuldigte sich und ging hinaus, um ihn zu suchen. Er hatte erwähnt, dass er Ilarias Eltern zu einem der Familienapartments bringen wollte. Im Krankenhaus gab es drei dieser Apartments, in denen Angehörige von Patienten übernachten konnten. Kelly suchte Ilarias Eltern auf, doch Luca war bereits gegangen.

Erstaunt kehrte Kelly zurück. Es war ungewöhnlich, dass Luca einfach so verschwand. Normalerweise achtete er sehr genau darauf, seine Leute wissen zu lassen, wo er sich befand, für den Fall, dass er gebraucht wurde. Sie wollte ihn gerade anpiepen lassen, da sah sie ihn aus dem Lift kommen.

„Luca, warte“, rief sie und eilte zu ihm.

„Ja?“ Fragend sah er sie an.

„Pronto Soccorso hat eben angerufen“, berichtete Kelly, wobei sie sich um einen möglichst neutralen Tonfall bemühte. Die ganze Nacht hatte sie darüber nachgedacht, was er ihr über Sophia erzählt hatte. Obwohl sie schrecklich darunter gelitten hatte, als er sie verließ, hätte Kelly sich nie gewünscht, dass so etwas passierte.

Wenn Luca auch nur die geringste Andeutung machen würde, dass sie ihm helfen könnte, hätte sie nicht gezögert. Doch er gab ihr deutlich zu verstehen, dass er das nicht wollte. Rasch fuhr sie fort: „Sie möchten, dass du dich so schnell wie möglich bei dem diensthabenden Arzt meldest. Es klang dringend.“

„Grazie.“

Sofort ging er zum Stationstresen und rief in der Notaufnahme an. Kelly zögerte. Sie wusste nicht recht, ob sie bleiben oder zur Besprechung zurückkehren sollte.

„Sí, sí. Immediatamente. Bene.“ Luca legte auf.

„Probleme?“, meinte Kelly.

„Ein Kind auf einem Kreuzfahrtschiff, das in der Bucht vor Anker liegt, ist krank. Der Schiffsarzt ist anscheinend auf Landgang, und die Krankenschwester kann ihn nicht erreichen. Sie hat uns um Hilfe gebeten. Deshalb werde ich rausfahren und mir das Kind mal ansehen.“

„Warum wollte Pronto Soccorso, dass du hinfährst?“, fragte Kelly auf dem Weg zum Lift.

„Sie sind momentan unterbesetzt. Und außerdem gab es heute Morgen auch noch einen Schulbusunfall, bei dem mehrere Dutzend Kinder verletzt wurden. Sie brauchen also jede Hilfe, die sie kriegen können.“

Sobald der Lift kam, trat sie zurück. „Ich sag allen Bescheid, wo du bist, ja?“

„Ist gut.“ Luca überlegte kurz. „Du hast heute Vormittag keine Sprechstunde, oder?“

„Nein, Letizia ist dran.“

„In dem Fall möchte ich gerne, dass du mitkommst.“ Er hielt die Lifttür auf. „Könnte sein, dass ich Unterstützung brauche. Und für dich wäre es eine gute Erfahrung, mit einer Situation außerhalb des Krankenhauses umzugehen.“

„Bist du sicher, dass du mich mitnehmen willst?“, meinte Kelly unschlüssig. „Es würde mir nichts ausmachen, die Sprechstunde von Letizia zu übernehmen, wenn du lieber mit ihr fahren möchtest.“

„Dann hätte ich sie gefragt“, entgegnete Luca knapp.

Kelly wurde rot. „Natürlich“, murmelte sie und trat in den Lift.

An der Anmeldung im Erdgeschoss bat Luca die Rezeptionistin, Carlo eine Nachricht zukommen zu lassen, dass er und Kelly die nächsten beiden Stunden außer Haus seien. Für weitere Details sollte Carlo sich an die Notaufnahme wenden.

Danach holte er ein medizinisches Notfallpaket aus dem Materiallager, ehe sie gemeinsam das Krankenhaus verließen.

Luca parkte seinen Wagen am Hafen. Auf der Fahrt war Kelly ungewohnt schweigsam gewesen. Vielleicht hatte sie ja nach gestern Abend Bedenken, mit ihm allein zu sein.

Seufzend stieg er aus. Für ihn war es heute Vormittag sehr anstrengend gewesen, in ihrer Nähe zu sein. Deshalb war er nach dem Gespräch mit Ilarias Eltern auch in die Kantine gegangen, um etwas Zeit für sich zu haben. Das hatte zwar geholfen, aber nur zu einem gewissen Teil. Noch immer hätte er seinen Gefühlen allzu gern nachgegeben. Doch das durfte nicht sein. Er musste bei seiner Entscheidung bleiben und Kelly wie ein ganz normales Mitglied seines Teams behandeln.

Schwungvoll hob Luca den Kasten mit der medizinischen Ausrüstung aus dem Kofferraum. „Die Beiboote legen dort drüben an“, erklärte er und deutete zum Hafen, wo eine Flotte kleiner Boote die Passagiere zwischen Schiff und Land hin- und hertransportierten.

„Ich habe noch nie ein so großes Schiff gesehen.“ Verblüfft schaute Kelly zu dem Kreuzfahrtschiff hinüber.

„Sie werden jedes Jahr größer“, stimmte Luca ihr zu und ging ihr voran über den Anleger. Er wich einigen Passagieren aus und beschleunigte dann seinen Schritt.

„Wie viel Passagiere da wohl drauf sind?“, überlegte Kelly, die sich mit ihren langen Beinen problemlos seinem schnellen Gang anpasste.

Groß, schlank, mit ihrer athletischen Figur und dem prachtvollen roten Haar, schien sie die bewundernden Blicke ringsum nicht einmal zu bemerken. In Lucas Magen regte sich ein unangenehmes Gefühl, was er jedoch augenblicklich unterdrückte. Eifersucht durfte er sich nicht gestatten. Deshalb schlug er einen möglichst unbeteiligten Ton an.

„Ein Kreuzfahrtschiff dieser Größe hat Platz für etwa zweitausend Passagiere plus noch mal die Hälfte an Besatzung.“

„Tatsächlich?“ Fasziniert betrachtete sie den Ozeanriesen. „Das sind dreitausend Leute, so viel wie in einer ganzen Kleinstadt.“

Luca lachte. „Wahrscheinlich mehr, als die meisten Städte hier in der Gegend Einwohner haben.“

Kopfschüttelnd meinte Kelly: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was für eine Logistik dahintersteckt, so viele Menschen zu verpflegen.“

„Es geht ja nicht nur um die Verpflegung.“ Luca strebte auf eines der Beiboote zu. „Man muss die Leute auch noch unterhalten und für ihre Gesundheit und ihre Sicherheit sorgen.“

„Kein Wunder, dass sie ein eigenes medizinisches Team an Bord haben.“

„Das ist absolut notwendig“, bestätigte er.

Sie hatten nun den Kontrollpunkt erreicht, und ein Mitglied der Schiffscrew versperrte ihnen den Weg. Luca erklärte, wer sie waren, und zeigte dem Mann seinen Krankenhausausweis. Kelly tat dasselbe. Dann wurden Fotos von ihnen gemacht, und kurz darauf bekamen sie einen Bordpass ausgehändigt.

An dem Beiboot zeigte er seinen Bordpass vor, ehe er sich umdrehte, um Kelly beim Einsteigen behilflich zu sein.

„Danke.“

Sie lächelte ihm rasch zu und ging dann nach vorn zum Bug, wo sie sich hinsetzte. Es dauerte einen Moment, bis Luca ihr folgte. Es war bloß ein Lächeln, ermahnte er sich streng, als er sich neben ihr auf der harten Plastikbank niederließ. Mehr nicht.

Entschlossen blickte er geradeaus aufs Wasser und fragte sich, was sie auf dem Schiff wohl vorfinden würden. Seinen nur sehr dürftigen Informationen zufolge handelte es sich bei der Patientin um ein achtjähriges Mädchen, das über Rückenschmerzen klagte und Blut im Urin hatte.

Sobald das Boot das Hafenbecken verließ und in die Bucht hinausfuhr, schaukelte es plötzlich heftig. Unwillkürlich warf Luca Kelly einen Seitenblick zu, und sein Herz verkrampfte sich, als er ihr Profil sah. Sie war so schön, dass jeder Mann sie begehrenswert fand. Doch nicht nur ihr Aussehen hatte ihn angezogen, sondern alles an ihr. Sie war intelligent, freundlich, mitfühlend und rücksichtsvoll. Die Kinder, die sie behandelte, lagen ihr wirklich am Herzen, und sie tat für ihre kleinen Patienten alles, was in ihrer Macht stand.

Kellys Engagement hatte Luca schon immer genauso attraktiv gefunden wie ihre Schönheit. Wenn man ihn dazu auffordern würde, die perfekte Frau zu beschreiben, würde er Kelly nennen. Sie verkörperte alles, was er sich jemals gewünscht hatte. Aber er konnte sie nicht haben. Er durfte es nicht riskieren, einen Teil von ihr zu zerstören, den er so liebte. Ihre Karriere war ihm ebenso wichtig wie ihr, denn Kellys Persönlichkeit definierte sich über ihren Beruf.

Erneut durchzuckte ihn das schmerzliche Gefühl, dass seine Sehnsucht völlig aussichtslos war. Doch er musste aufpassen. Kelly war äußerst scharfsinnig, und sie würde bald merken, was er für sie empfand, falls er sich nicht in Acht nahm. Vielleicht hasste sie ihn für das, was er ihr in der Vergangenheit angetan hatte. Luca spürte jedoch, dass ihr Hass sich leicht wieder in Liebe verwandeln könnte. Er las es in ihren Augen, wenn sie ihn ansah. Ein Teil von ihr wollte ihn hassen, aber unter all dem Zorn und dem Schmerz war auch noch Liebe.

Luca wusste, dass es notwendig war, sie auf Abstand zu halten, damit sie ihre Träume verwirklichen konnte. Doch jedes Mal, wenn er sie von sich stieß, zerstörte er auch einen Teil von sich selbst.

4. KAPITEL

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dr. Ashworth nimmt normalerweise seinen Pager mit, wenn er an Land geht. Aber er hat auf meine Anrufe nicht reagiert“, sagte die Schiffsschwester, die sie durch den Kabinengang führte, besorgt.

Beruhigend meinte Kelly: „Sie haben genau das Richtige getan, indem Sie das Krankenhaus verständigt haben.“

„Meinen Sie?“ Seufzend blieb die junge Frau vor einer der Kabinen stehen. „Ich hoffe nur, dass ich keinen Anpfiff dafür kriege, dass ich Sie geholt habe. Das hier ist meine erste Reise und hoffentlich nicht die letzte.“

„Wie Dr. Carlyon schon sagte, Sie haben richtig gehandelt“, erklärte Luca bestimmt. „Bei einem Kind ist es immer besser, auf Nummer sicher zu gehen.“

„Das dachte ich auch.“ Die Miene der Schwester hellte sich auf. Erfreut lächelte sie Luca zu und klopfte an die Kabinentür. „Danke. Sie haben mich wirklich beruhigt.“

Kelly schwieg. Offenbar hat Lucas Meinung viel mehr Gewicht als meine, dachte sie verärgert. Doch dann merkte sie, dass ihr Ärger eher Eifersucht war als gekränkte berufliche Ehre. Energisch rief sie sich deshalb zur Vernunft. Schließlich war Luca ein ausgesprochen attraktiver Mann, und sie konnte es der Krankenschwester nicht übel nehmen, wenn sie seiner Ausstrahlung erlag.

Die Mutter des Kindes öffnete und ließ sie eintreten. „Ich bin ja so froh, dass Sie da sind.

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