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Ärzte zum Verlieben, Band 12

MARION LENNOX

Eine Traumfrau für Dr. O’Halloran

Dr. Devlin O’Halloran ist tief berührt: Obwohl die junge Frau hochschwanger ist, hilft sie ihm nach einem Schulbusunfall die verletzten Kinder zu versorgen. Noch nie zuvor hat er sich so stark zu einer Frau hingezogen gefühlt wie zu der liebevollen Emma. Doch dann erfährt er, wem er so spontan sein Herz geschenkt hat ...

ALISON ROBERTS

Nie vergaß ich seine Liebe

‚Flucht’ ist Beth’ erster Gedanke! Ausgerechnet in dem abgelegenen kleinen Ocean View Hospital trifft sie Dr. Luke Savage wieder. Nichts hat sie vergessen: nicht seine zärtlichen Küsse, nicht die romantischen Liebesnächte – und nicht den Kummer, als er sie verließ. Und jetzt will Luke einen Neuanfang! Beth fragt sich: Kann ich ihm noch einmal vertrauen?

SARAH MORGAN

Ein Herz aus Eis?

Alice Anderson hat nach schlechten Erfahrungen mit der Liebe abgeschlossen und Männer aus ihrem Leben verbannt – bis sie einen neuen Kollegen bekommt: den attraktiven Sizilianer Dr. Giovanni Moretti. So herzlich, so liebenswürdig und so verführerisch hat noch nie jemand um sie geworben. Lernt sie jetzt endlich die wahre Liebe kennen?

Marion Lennox

Eine Traumfrau für Dr. O’Halloran

1. KAPITEL

Er war hier. Auch wenn sein Gesicht sonnengebräunt und nicht mehr so blass und schmal war. In den Augenwinkeln entdeckte sie Lachfältchen.

Was für ein beeindruckendes Gesicht, dachte sie benommen, während sie langsam wieder das volle Bewusstsein erlangte. Markant, wie aus Stein gemeißelt. In die tief liegenden grauen Augen hatte sie sich auf Anhieb verliebt, als er sie das erste Mal anlächelte. Und dieser sinnliche Mund. Was waren das für Küsse gewesen, bevor … bevor …

Der Nebel in ihrem Kopf löste sich auf. Unmöglich, er konnte nicht hier sein.

Aber er war es. Er lächelte nicht, doch das war auch nicht zu erwarten. Nicht mehr. Sie erinnerte sich kaum an Zeiten, in denen nicht diese Verzweiflung in seinen Augen gelegen hatte.

Trotzdem war irgendetwas anders. Er sah sie voller Besorgnis an – so als wäre er dazu noch fähig.

Dabei hatte sie sich um ihn Sorgen gemacht. Ihn verzweifelt geliebt.

Und ihn verloren.

Wie durch ein Wunder war er hier. Behutsam hatte er sie an den Schultern gepackt, als wollte er sie dazu bringen, ihn anzusehen. Deutlich fühlte sie seine Wärme. Seine Stärke.

Stärke?

„Corey“, flüsterte sie. Seine Miene blieb unverändert.

„Alles in Ordnung? Oder haben Sie beim Atmen Schmerzen?“

Es war nicht Corey. Seine Stimme klang anders. Viel tiefer.

Wer trieb solche grausamen Scherze mit ihr?

„Lass mich“, murmelte sie. „Mir geht es gut, Corey. Mir geht es immer gut.“

Hinter ihr rief jemand etwas. Eine andere Stimme, die sie nicht kannte. Laut, männlich und angsterfüllt.

„Kommen Sie schnell, Doc!“

Corey, ihr Corey, legte ihr die Hand auf die Stirn und strich ihr die Locken aus dem Gesicht.

„Bleiben Sie ruhig liegen“, sagte er. „Hilfe ist unterwegs.“

Sicher, dachte sie.

Es war ein Albtraum, eine Katastrophe, wie jeder Arzt sie fürchtete.

Dr. Devlin O’Halloran trat einen Schritt von der Frau zurück, die er kurz untersucht hatte. Sie war benommen, aber sie atmete normal. Mehr hatte er auch nicht überprüfen können. Alles andere musste warten.

Die Verletzten mussten der Reihe nach behandelt werden. Er hatte Prioritäten zu setzen. Leider gab es außer ihm hier keinen Arzt. Bei einem solchen Unfall hätte er mehr als nur ein paar Kollegen gebrauchen können.

Der Karington-Nationalpark, paradiesisch im australischen Queensland gelegen, galt als einer der schönsten der Welt. Der Regenwald grenzte ans Meer, und die grandiose Landschaft zog immer wieder Touristen an. Aber gegen Ende der Regenzeit waren die unbefestigten Seitenstreifen durchweicht, wodurch die Straßen an den steilen Kliffs besonders gefährlich waren. Der Holztransporter war mit zu hoher Geschwindigkeit in die Kurve gefahren und gegen einen voll besetzten Schulbus geprallt. Zu allem Unglück war auch eine Schwangere in ihrem Kleinwagen in den Unfall verwickelt worden.

Ein Lkw hätte diese Strecke gar nicht benutzen dürfen, dachte Devlin zornig.

So wie es aussah, hatte der Lastwagenfahrer vergeblich versucht, dem Bus auszuweichen, ihn dann vorn erwischt, bevor er mit seinem Transporter gegen den Hang geprallt war. Die ungenügend gesicherten Baumstämme waren von der Ladefläche gerollt, gegen den Bus gekracht und hatten ihn Richtung Straßenrand geschoben.

Dort ging es zehn Meter steil bergab. Am Fuß der Klippe brandete das Meer gegen scharfkantige Felsen.

Jetzt lag der Schulbus auf der Seite, direkt am Abgrund, und Devlin konnte nicht beurteilen, ob er nicht doch noch weiterrutschen und in die Tiefe stürzen würde.

Welch ein Chaos!

Wie sollte er allein damit fertig werden?

Als der Anruf ihn erreichte, hatte Devlin gerade einen Hausbesuch erledigt. Eine Notrufeinrichtung im Bus war direkt mit seinem Handy verbunden, da eins der Kinder schwer asthmakrank war. Jake, der Fahrer, hatte den Knopf gedrückt und gebrüllt, dass Devlin gebraucht würde. Danach riss die Verbindung ab. Devlin wendete seinen Wagen und fuhr die Schulbusroute ab, fluchend, weil Jake ihn im Ungewissen ließ. Anscheinend hatte der Junge einen Anfall erlitten.

Nachdem er die Unglücksstelle erreicht hatte, glaubte Devlin seinen Augen nicht zu trauen.

Apathisch saß der Lastwagenfahrer am Straßenrand. Offensichtlich stand er unter Schock. Fassungslos starrte Jake nur auf den Bus.

Kinder kletterten aus dem geborstenen Heckfenster. Irgendjemand schien ihnen von drinnen dabei zu helfen.

„Jake, packen Sie mit an!“, herrschte Devlin den Fahrer an. „Ich will, dass alle den Bus verlassen – auf der Stelle!“

Es waren ungefähr ein Dutzend Kinder, die dicht gedrängt beieinanderstanden. Einige weinten, andere sahen blass und mit großen Augen auf den Bus.

Es mussten noch mehr da drin sein. Wenn das Gefährt nun die Klippen hinabstürzte …

Devlin rannte zum Fenster, hob weitere Kinder heraus, stellte sie ab und schätzte dabei rasch ihren Zustand ein. Sie hatten Prellungen, bluteten und wimmerten vor sich hin, aber zum Trösten war keine Zeit. Da er förmlich über die junge Frau gefallen war, hatte er sie rasch untersucht. Aber jetzt mussten die Kinder herausgeholt werden.

Die größeren waren schon draußen, aber nun wurden ihm die kleineren angereicht. Vom Lehrer?

„Los, komm, du schaffst es!“

Ja, es war Colin Jeffries Stimme.

„Ich glaube … ich habe alle draußen, denen ich helfen konnte“, rief Colin. „Aber vorn sind noch zwei einklemmt, und ich kann nicht … ich kann nicht … Und Jodie scheint schwer verletzt zu sein.“

„Okay, kommen Sie raus.“

Gleich darauf rutschte Colin ungeschickt rückwärts aus dem Fenster. Sein Anzug war zerrissen und blutbeschmiert. An der Wange hatte er eine klaffende Schnittwunde, während er ein Kind mit sich herauszog.

„Jodie braucht Hilfe“, erklärte er, bevor er das Mädchen auf die Straße setzte, ehe er selbst zu Boden sackte. Aus Jodies Schulterwunde strömte Blut. Devlin presste die Hand darauf, um die Blutung zu stoppen.

Aber da waren auch die vielen Kinder, die um ihn herumstanden und Trost und Hilfe von ihm erwarteten.

„Jake?“

Er antwortete nicht. Auch der Lastwagenfahrer starrte noch immer regungslos auf den umgestürzten Bus.

Devlin blieb keine Zeit, ihn aus seiner Schockstarre zu schütteln.

Er war ganz auf sich allein gestellt. Während er versuchte, Jodies Blutung zu stillen, wandte er sich mit erhobener Stimme an die Kinder. Die meisten von ihnen waren seine Patienten. Er praktizierte seit drei Jahren in der Stadt und kannte sie von klein auf an.

„Katy und Marty, ihr seid die Ältesten – sammelt alle anderen Kinder ein und setzt euch mit ihnen weit genug vom Bus entfernt hin. Aber zuerst läufst du zu meinem Wagen, Marty, und holst mir die Tasche vom Rücksitz, ja?“

Er konnte sich nicht darum kümmern, ob die Kinder gehorchten. Jetzt ging es um Jodie McKechnie. Das zehnjährige, sehr zarte Mädchen befand sich in einer lebensbedrohlichen Lage.

Hellrotes Blut strömte aus der Schulterwunde. Vermutlich war eine Arterie gerissen.

„Jake, mein Handy!“ Er deutete auf seinen Gürtel, aber der Busfahrer starrte ihn verständnislos an. „Jake, nehmen Sie mein Handy, verdammt noch mal!“, fuhr Devlin ihn an.

Jake bewegte sich wie in Trance.

„Rufen Sie das Krankenhaus an! Jede verfügbare Person soll sich auf den Weg hierher machen! Und danach kümmern Sie sich um die Kinder. Colin sagt, es sind noch welche drinnen. Sie müssen sie herausholen. Und zwar so schnell wie möglich.“

Verdammt, er war dabei, Jodie zu verlieren. Er musste die Blutung zum Stillstand bringen.

Wenn er es nicht in den nächsten Minuten schaffte, würde sie sterben.

Plötzlich tauchte Marty mit der Arztasche in der Hand neben ihm auf. Er hatte sie bereits geöffnet. Was für ein großartiger Junge!

„So, und nun hilf Katy“, befahl er ihm.

Er musste sich darauf konzentrieren, Jodies Leben zu retten. Nur darauf. Es lag allein in seiner Hand.

Langsam hob Emma den Kopf. Was um alles in der Welt war geschehen?

Wo war sie?

Fassungslos schaute sie sich um. Sie richtete sich vorsichtig auf, während sie sich wünschte, der Nebel in ihrem Kopf möge sich lichten. Was war nur geschehen?

Es hatte einen Unfall gegeben. Ja, das musste es sein.

An Details konnte sie sich jedoch nicht erinnern. Sie wusste nur noch, wie sie auf der Straße gelegen hatte und nicht glauben mochte, dass sie noch am Leben war.

Bis sie die Stimme gehört und dann das Gesicht über ihr gesehen hatte. Beides versetzte sie an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Aber Corey war tot.

Nein. Er war nicht tot. Er war hier.

Vielleicht war sie tot.

Nein, rief sie stumm, während sie verzweifelt versuchte, sich an die Fakten zu klammern.

Corey war tot. Sie aber lebte.

Irgendjemand erteilte mit barscher Stimme Befehle. Der Mann, den sie für Corey gehalten hatte?

Ein Kind weinte. Es war ein erbärmliches Schluchzen, das ihr das Herz zerriss. Irgendwo in der Nähe gab es ein verängstigtes Kind. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich.

Vorsichtig betastete sie ihren Kopf. Als sie die schmerzende Stelle berührte, zuckte sie zusammen. Sie musste einen Schlag an den Kopf bekommen haben und für kurze Zeit bewusstlos gewesen sein. Aber ansonsten war sie okay. Es ging ihr gut.

Sie bewegte den Kopf leicht hin und her. Ihr wurde ein wenig schwindlig. Na schön, es ging ihr einigermaßen gut.

Mein Baby! Angstvoll presste sie die Hand auf ihren gewölbten Bauch. Als hätte das Ungeborene sie verstanden, spürte sie plötzlich eine Bewegung. Es war ein kräftiger Tritt, bei dem sie ein Gefühl von Erleichterung durchströmte.

Emma richtete sich über die Seite auf, bis sie kniete. Ihre Beine waren wie aus Gummi. Sie musste sich an ihrem Wagen abstützen, um aufzustehen.

Das Auto war nur noch ein Schrotthaufen. Ein Wunder, dass sie überlebt hatte!

Das Kind schluchzte noch immer zum Steinerweichen. Was hatte der Professor am Kinderkrankenhaus noch gesagt? Wenn ein Kind kreischend durch die Eingangstür kommt, kann man es normalerweise zuletzt behandeln. Wichtiger sind in der Regel die, die nicht zu hören sind. Die Stillen sollte man sich zuerst ansehen.

Als sie sich umblickte, war sie entsetzt. Überall lagen Baumstämme, mindestens einen halben Meter dick und mehrere Meter lang.

Ein Mann saß am Straßenrand und würgte.

Ein anderer mit kreideweißem Gesicht und zerrissenem Hemd tippte hektisch ein paar Ziffern in sein Handy.

Ein dritter hockte am Lastwagen und hielt sich den Kopf. Seine Hände waren blutbeschmiert.

Und dann waren da noch die Kinder.

Eins von ihnen lag auf der Straße. Ein vierter Mann beugte sich über den leblosen Körper. Neben ihm stand eine offene Arzttasche. Emma konnte sehen, dass er sich bemühte, Aderklemmen anzubringen.

Er sieht Corey so unglaublich ähnlich, dachte sie. Wieder verspürte sie Benommenheit. Wenn es Corey wäre, dann musste er Arzt sein, und das würde erklären …

Aber er war nicht Corey, sondern ein unbekannter Arzt, der verzweifelt um ein junges Leben kämpfte.

Sie konnte helfen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, blieb stehen, doch dann siegte ihr ärztliches Pflichtgefühl.

Nein, es ging nicht nur um dieses Kind. Sie musste Prioritäten setzen.

Irgendwie gelang es ihr, ihre Aufmerksamkeit vom Arzt und seiner kleinen Patientin loszureißen.

Der Mann mit der Kopfwunde sah aus, als hätte er ernsthafte Probleme. Er saß am Bus, als wäre er dort zusammengesackt.

Vielleicht sollte sie ihn zuerst versorgen.

Aber seine Verletzung wirkte nicht lebensbedrohlich.

Wichtig war, sich ein Bild von der Gesamtsituation zu machen.

Die Kinder waren alle auf den Beinen. Es gab zwar eine Menge Blut zu sehen, aber es schienen nur leichte Verletzungen zu sein. Einige Kinder hielten sich den Arm fest. Wahrscheinlich Brüche oder Schnittwunden.

Rasch überflog sie noch einmal die Gruppe. Es war niemand dabei, der zuerst ihre Hilfe brauchte. Damit blieben ihr zwei Möglichkeiten. Entweder kümmerte sie sich um den Mann mit der Kopfverletzung, oder sie half dem Arzt bei der Versorgung der Kleinen.

Ihr Blick fiel auf den Bus, der gefährlich nah am Abgrund lag. So wie es aussah, könnte er jeden Augenblick abstürzen.

War er leer? Wahrscheinlich.

Aber konnte sie sicher sein?

Sie zwang sich, auf den Mann mit dem Handy zuzugehen, auch wenn ihr dabei die Knie zitterten. Offensichtlich versuchte er immer noch, irgendwo anzurufen.

„Ist der Bus leer?“, fragte sie ihn.

Er drehte sich um und starrte sie an, als hätte er sie nicht verstanden. Wortlos kehrte er ihr halb den Rücken zu und machte weiter.

Offenbar schaffte er es nicht, die richtigen Tasten zu drücken. Seine Finger zitterten heftig.

Wahrscheinlich stand er unter Schock.

Wen wollte er anrufen? Den Rettungsdienst? Für behutsame Fragen war keine Zeit. Emma holte tief Luft, bevor sie ihm das Handy aus der Hand nahm.

„Sind alle aus dem Bus heraus?“, verlangte sie zu wissen.

„N…nein …“, flüsterte er. „Ich kann nicht … ich weiß nicht.“

Emma trat einen Schritt zurück und wählte die Notrufnummer. „Auf der Küstenstraße wenige Meilen nördlich von Karington ist ein Schulbus mit einem Holzlaster zusammengestoßen. Er droht in den Abgrund zu stürzen“, erklärte sie möglichst ruhig. „Schicken Sie sofort Rettungswagen, Ärzte und Polizei, dazu schweres Bergungsgerät, um den Bus zu sichern. Es können noch Kinder darin eingeschlossen sein. Wir brauchen hier umgehend Hilfe!“

Sie gab ihm das Handy zurück und zwang sich, zum Bus zu gehen. Ihre Beine wollten sie kaum tragen.

Der Mann im Anzug hielt sich noch immer den Kopf. Aus einer klaffenden Stirnwunde sickerte Blut. Emma kniete sich vor ihn hin und zog sich die Jacke aus.

„Waren Sie im Bus?“, fragte sie. „Sie müssen sich jetzt hinlegen.“ Sie drückte ihn zu Boden. „Haben es alle hinausgeschafft?“

Er stöhnte. „Ich glaube, zwei sind noch drin. Ich … konnte nicht an sie herankommen …“

Seine Stimme schwankte. Blutverlust plus Schock, dachte Emma. Er war kurz davor, bewusstlos zu werden.

„Bleiben Sie still liegen“, befahl sie, presste die zusammengefaltete Jacke auf die Wunde, während sie sich suchend umschaute.

Mit den beiden Fahrern war nichts anzufangen. Sonst waren nur die Kinder da.

Sie führte seine Hände zu der provisorischen Kompresse. „Drücken Sie so kräftig darauf, wie Sie können, und lassen Sie nicht los.“

Emma richtete sich auf. Plötzlich stand ein Kind neben ihr, ein Mädchen, das ihr höchstens bis zur Schulter reichte. Es war dünn, hatte Zöpfe und trug eine Brille mit dicken Gläsern. Sie schätzte es auf elf, zwölf Jahre.

„Was sollen wir tun?“

Emma hätte sie küssen können. „Wie heißt du?“

„Katy.“

„Katy, du bist großartig“, lobte sie. „Ich brauche jemand, der hier das Kommando übernimmt. Bring die Großen dazu, sich um die Kleinen zu kümmern. Sag ihnen, sie sollen sie trösten und ein wenig streicheln, wenn sie Schmerzen haben, damit sie sich beruhigen. Wenn ich noch mehr Kinder im Bus finde, schicke ich sie zu dir, okay?“

„Ja. Marty und ich machen das schon“, sagte Katy. „Soll auch jemand Mr. Jeffries helfen?“

Wenn Emma eine Medaille dabeigehabt hätte, sie hätte sie Katy auf der Stelle an die Brust geheftet.

„Ja“, erwiderte sie.

„Ich rufe Chrissy Martin, dass sie das übernehmen soll“, versprach Katy. „Sie will nämlich Ärztin werden und fällt nicht gleich um, wenn sie Blut sieht.“

„Sind alle Kinder aus dem Bus?“

„Zwei sind noch drin. Kyle Connor und Suzy Larkin. Ich wollte gerade hingehen und nach ihnen sehen.“ Besorgt schaute sie hinüber. „Ist es auch nicht gefährlich, da reinzukrabbeln?“

„Das werde ich tun.“ Emma musste sich zwingen, nicht so mutlos zu klingen, wie sie sich fühlte. „Du hast andere Dinge zu erledigen.“

Kyle und Suzy. Zwei Kinder, die noch im Bus lagen.

Wenn er nun über die Klippe rutschte? Wie könnte man ihn sichern?

Vorerst gar nicht.

Ein Blick zu den anderen Erwachsenen zeigte ihr, dass von ihnen keine Hilfe zu erwarten war.

Auch nicht vom Arzt.

Emma schluckte, bevor sie zum Bus ging, sich am Fensterrahmen festhielt und mühsam hochzog.

Überall lagen Glasscherben, verdrehte Metallstreben und aus der Verankerung gerissene Sitze, dazwischen Schulranzen, Bücher und Hefte …

„Ist da jemand?“, rief sie, während sie ihre Bestürzung unter Kontrolle zu halten versuchte.

Keine Antwort.

Vielleicht hatte Katy sich geirrt. Emma hoffte es inständig.

Sie biss sich auf die Lippen und kletterte in den Bus. Ihr sträubten sich die Nackenhärchen bei der Vorstellung, dass sie zehn Meter über dem Abgrund hing. Rasch verdrängte sie den Gedanken.

Langsam arbeitete sie sich durch die Sitzreihen voran und suchte …

Gott sei Dank hatte sie vernünftige Kleidung an. Jeans, Windjacke und Sneakers schützten sie einigermaßen vor den Glasscherben. In Sommerkleid und Sandalen würde jetzt schon Blut fließen …

Wo waren bloß die Kinder?

Katy hatte gesagt, zwei wären noch drinnen. Und sie machte einen vernünftigen Eindruck.

Da entdeckte sie das erste Kind.

Beinahe hätte sie es übersehen. Einer der Baumstämme hatte die Scheibe durchstoßen und das Kind gegen die andere Busseite gedrückt. Als der Bus umkippte, musste der Stamm zurückgerollt sein, aber der Junge lag immer noch an derselben Stelle.

Er muss sofort tot gewesen sein, dachte Emma entsetzt. Ein kleiner Junge, sieben oder acht, mit kupferrotem Haar …

Sie musste schlucken, und dann liefen ihr die Tränen übers Gesicht.

„Kyle“, flüsterte sie und berührte sanft das Gesicht des Jungen, das beinahe unverletzt war. Aber der Rest … Sie suchte nach einem Puls, doch es war sinnlos.

Ärzte sollten Tod und Verlust gewohnt sein.

Nein, an so etwas gewöhnte man sich nie.

Zwei Kinder. Katy hatte von zwei Kindern gesprochen. Sie wischte sich die Tränen ab und suchte weiter.

War das andere Kind vielleicht hinausgeschleudert worden?

„Suzy?“

Nichts.

Doch dann hörte sie ein Keuchen. Leise nur, rasselnd, aber es war ein Lebenszeichen.

Emma wagte sich weiter vor in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Schließlich fand sie das Mädchen und erstarrte.

Irgendetwas musste Suzy am Kopf getroffen haben. Gesicht und Hals waren monströs geschwollen. Angsterfüllte Augen starrten Emma Hilfe suchend an. Eingeklemmt zwischen zwei Sitzen, konnte das Mädchen nicht um Hilfe rufen.

Lange würde es nicht mehr durchhalten.

„Schon gut, Suzy, alles wird gut“, beruhigte Emma die Kleine und nahm ihre Hände. „Ich bin Ärztin. Ich bin hier, um dir beim Atmen zu helfen.“

Das Kind starrte sie mit wildem Blick an, in seinen Augen spiegelte sich der Horror, den Emma empfand.

Und dann, als hätte sie lange genug durchgehalten, rang Suzy ein letztes Mal verzweifelt nach Luft und wurde ohnmächtig.

Nein!

Bewusstlosigkeit bedeutet Tod, dachte Emma verzweifelt. Sie schob einen Finger in den Mund des kleinen Mädchens und suchte nach einem losen Zahn oder etwas anderem, das die Luftröhre versperrte. Doch was sie fühlte, ließ sie die Hand frustriert zurückziehen. Die Verletzung war schwerwiegend. Das Kind konnte nicht mehr durch den Mund oder die Nase atmen.

Was nun?

Der Arzt draußen hatte eine Arzttasche dabei. Er hätte auch ein Skalpell und einen Tubus …

Leider würde es zu lange dauern. Bis dahin würde ihr das Kind unter den Händen wegsterben.

Ihr blieben nur noch Sekunden.

Suzy atmete rasselnd, pfeifend, und ihr Körper zuckte, während sie nach Luft rang.

Verzweifelt schaute Emma sich um. Sie musste etwas tun!

Eine Federmappe …

Sie riss den Reißverschluss so heftig auf, dass die Naht platzte.

Ein Bleistiftanspitzer. Ein Kugelschreiber.

Sie fischte beides heraus.

Mit dem Fingernagel gelang es ihr, die winzige Schraube des Anspitzers zu lösen, und gleich darauf hielt sie die schmale Klinge in der Hand.

Hoffentlich war sie scharf genug.

Sie durfte nicht lange überlegen. Jetzt oder nie. Suzys Zeit lief ab.

Los.

Innerhalb weniger Sekunden war es getan. Der gröbste, fürchterlichste Luftröhrenschnitt, den Emma je gesehen, geschweige denn ausgeführt hatte.

Mit einem Bleistiftanspitzer Haut und Luftröhre zu durchschneiden und dann eine angekaute, tintenbefleckte Kugelschreiberhülse als Tubus einzuführen – eigentlich unmöglich.

Aber wie durch ein Wunder gelang es. Sekunden danach atmete Suzy durch die dünne Kunststoffröhre.

Allmählich hörte das schreckliche Keuchen auf.

Für einen Moment entspannte Emma sich. Sie hatte es geschafft.

Doch plötzlich bewegte sich der Bus und ruckte kurz.

Sie würden in den Abgrund stürzen. Was für ein Jammer nach dieser chirurgischen Meisterleistung, war ihr erster Gedanke.

Suzy hatte eine Chance, am Leben zu bleiben. Sie durften nicht abstürzen, jetzt nicht mehr!

Trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig, als sitzen zu bleiben und den behelfsmäßigen Tubus genau in derselben Position zu halten. Sonst würde Suzy keine Luft mehr bekommen und sterben.

Da flatterten die Augen des kleinen Mädchens und öffneten sich. Emma legte ihr rasch die Hand auf die Stirn, damit sie ruhig liegen blieb.

„Suzy, es ist alles in Ordnung. Du darfst dich aber auf keinen Fall bewegen“, sagte sie sanft. „Wir beide sitzen hier im Bus fest, bis jemand kommt und uns herausholt. Aber ich habe dir noch gar nicht gesagt, wer ich bin. Ich heiße Emma O’Halloran und bin Ärztin aus England. Ich bin nach Australien gekommen, um die Familie meines Babys kennenzulernen. Sie wissen noch nicht, dass es mich gibt. Meinst du, sie werden sich freuen, wenn sie von meinen Baby erfahren?“

Zuerst waren die Sirenen nur schwach zu hören, aber sie kamen schnell näher. Schließlich waren sie so laut, dass man meinen könnte, sämtliche Rettungsdienste des Bezirks seien auf dem Weg hierher.

Devlin hatte Jodies Blutung endlich stillen können. Jetzt machte er sich daran, einen intravenösen Zugang zu legen. Da sie sehr viel Blut verloren hatte, drohte Jodie ein Herzstillstand, wenn der Flüssigkeitsverlust nicht ausgeglichen wurde.

Er hatte seine Jacke ausgezogen und das Mädchen damit zugedeckt. Nun schloss er den Beutel mit Kochsalzlösung und Blutplasma an und stellte die Tropfgeschwindigkeit auf Maximum. Gott sei Dank hatte er diese Beutel immer im Wagen. Ansonsten waren seine Mittel beschränkt, weshalb er unbeschreiblich erleichtert war, als die Sanitäter kamen.

Zuerst erreichte der lokale Krankenwagen die Unfallstelle. Helen und Don sprangen heraus und rannten auf ihn zu.

Keiner hielt sich lange mit Begrüßungen auf.

„Ich brauche noch mehr Plasma“, erklärte Devlin knapp. „Unsere kleine Patientin muss warm gehalten werden. Haben Sie Decken im Wagen?“

Helen warf einen Blick auf Jodie und nickte.

„Ja. Aber so wie es aussieht, haben Sie bereits entscheidende Hilfe geleistet.“ Sie kniete sich neben Jodie, setzte ihr das Stethoskop auf die Brust und horchte. Devlin hatte keine Zeit dazu gehabt. „Das Herz schlägt regelmäßig“, verkündete sie zufrieden. „Don, kannst du hier übernehmen? Devlin, was gibt es sonst noch?“

„Der Bus …“, setzte er an, unterbrach sich aber, da das Fahrzeug erzitterte, als würde es sich in Bewegung setzen – weiter auf den Abgrund zu.

Helen sprang auf und wollte losmarschieren, aber Devlin hielt sie zurück.

„Ich glaube, es sind alle draußen.“

„Nein, sind sie nicht.“

Alle sahen zu Katy hinüber. Sie hockte neben dem Lehrer am Straßenrand, presste eine Jacke auf seine Kopfwunde und sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

„Die schwangere Frau ist im Bus!“, rief sie. „Ich hab ihr gesagt, dass Kyle und Suzy noch drin sind, und da ist sie reingekrochen. Und sie ist noch nicht wieder rausgekommen.“

„Die schwangere Frau?“

Devlin schaute zu dem zerbeulten Kleinwagen hinüber. Sie war verschwunden.

Dabei hatte er ihr gesagt, sie solle ruhig liegen bleiben, weil er nicht ausschließen konnte, dass sie ernsthaft verletzt war.

Aber das war nur ein flüchtiger Eindruck gewesen. Er erinnerte sich an große grüne Augen in einem bleichen Gesicht, an ihre dunklen Locken, die sie im Nacken zusammengebunden hatte, und an das Blut auf ihrer Stirn. Sie war noch jung.

Und schwanger, hochschwanger.

„Sie ist im Bus?“, fragte er verblüfft.

„Ja.“ Katy kämpfte tapfer gegen ihre Tränen. „Ich wollte Kyle und Suzy suchen, aber sie hat gesagt, ich soll mich um Mr. Jeffries und die Kleinen kümmern. Aber … sie ist immer noch nicht wieder herausgekommen. Wird der Bus abstürzen?“

Und dann liefen ihr die Tränen über die Wangen.

2. KAPITEL

„Ist da noch jemand?“

Das Echo hallte durch den zerschmetterten Bus. Für Emma waren diese vier Worte das Schönste, was sie seit Langem vernommen hatte.

Sie hatte die Sirenen näher kommen hören, lauschte auf die Geräusche stoppender Wagen, Gesprächsfetzen, Kinderweinen. Und dann erklang die Stimme des Mannes, den sie für Corey gehalten hatte.

Aber er war es nicht.

„Sie sind da“, sagte sie zu Suzy.

Suzy konnte nicht antworten. Wie auch. Aber das kleine Mädchen war unglaublich tapfer, befolgte jede Anweisung genau und lag absolut still da. Unentwegt blickte sie in Emmas Augen, und Emma wusste, wie wichtig dieser Kontakt war. Lebenswichtig.

Und nun sah es so aus, als könne das Leben gewinnen …

„Wir sind hier! Suzy und ich, wir warten auf Rettung.“

„Ist Kyle auch bei Ihnen?“

„Kyle ist tot“, erwiderte sie knapp. „Er muss sofort gestorben sein.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen, bevor zögernd die nächste Frage folgte: „Geht es Suzy gut?“

„Einigermaßen, aber sie braucht dringend Hilfe. Ich musste einen Luftröhrenschnitt vornehmen und halte jetzt die Kugelschreiberhülse, durch die sie atmet. Wir können uns nicht rühren.“

Diesmal folgte ein längeres Schweigen.

„Sie haben einen Luftröhrenschnitt durchgeführt?“

„Ja. Sie hat im Kopf- und Halsbereich starke Schwellungen. Aber es wird ihr besser gehen, sobald Sie uns hier herausgeholt haben.“

„Wer zum Teufel sind Sie?“

„Emma.“ Soll ich ihm erst meine Zulassung zeigen? dachte sie verärgert.

„Sind Sie denn die schwangere Frau, die den Kia gefahren hat?“

„Ja.“ Sie lächelte Suzy an und versuchte einen lockeren Ton anzuschlagen. „Also, ich, mein dicker Bauch und Suzy sind hier. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns so schnell wie möglich herausholen. Bitte.“

„Wir tun unser Bestes.“ Draußen begann eine aufgeregte Unterhaltung, aber sie konnte nichts weiter verstehen.

„Miss?“ Eine andere Männerstimme ertönte.

„Ja?“

„Ich bin Greg Nunn von der Feuerwehr.“

Das waren gute Neuigkeiten.

„Wir können nicht in den Bus hinein“, fuhr Greg fort. „Das kann niemand, bis das Fahrzeug gesichert ist. Seine Lage ist nicht allzu stabil.“

Ihr Lächeln verblasste. „Das wissen wir. Was unternehmen Sie dagegen?“

„Können Sie das Mädchen herausheben?“

„Ich habe doch erklärt, dass es nicht geht.“

„Können Sie denn herauskommen?“

Machte der Mann Witze?

„Nein!“

„Wenn sie nach einem Luftröhrenschnitt einen Tubus festhält, geht das nicht“, mischte sich die erste Stimme ein. Der Arzt?

„Wer sind Sie?“, rief sie.

„Ich bin Devlin O’Halloran. Dr. O’Halloran.“

Emma erstarrte. Ihr wurde schwindlig, und einen schrecklichen Moment lang glaubte sie, dass sie wieder ohnmächtig werden würde.

Corey. Devlin. Natürlich.

„Ich kann nicht hereinkommen“, fuhr er mit angespannter Stimme fort. „Der Bus darf nicht weiter belastet werden. Aber wir sind dabei, ihn zu sichern.“

„Das ist gut“, brachte sie hervor.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Anscheinend hatte er gehört, dass ihre Stimme bebte. „Verdammt, ich gehe jetzt doch hinein.“

„Dann kippen Sie und alle anderen mit dem Bus in den Abgrund“, hörte sie jemanden sagen. „Seien Sie vernünftig, Doc. Wir arbeiten so gut und schnell wir können.“

Entschlossen verscheuchte Emma jeden Gedanken, der mit den O’Hallorans zusammenhing, und lächelte Suzy an. Es war jetzt wichtiger, ihr das Gefühl zu geben, dass sie es schaffen konnten.

„Was machen Sie jetzt?“, rief sie.

Irgendwie kam ihr alles so unwirklich vor. Es war ein ganz normaler Tag. Durch die zerschmetterten Fenster fiel Sonnenlicht herein, und noch vor einer Viertelstunde war es ein herrlicher Morgen gewesen …

„Wir befestigen Stahlseile am Bus, um ihn zu stabilisieren.“

„Gute Idee.“

„Leider sind sie nicht lang genug, um sie an den Bäumen zu befestigen, die etwas weiter weg stehen. Wir haben schon jemanden in die Stadt geschickt, um passende zu besorgen.“

„Bis dahin ist der Bus über ein starkes Tau mit dem Feuerwehrfahrzeug verbunden“, rief ein anderer. „Das sollte vorerst reichen.“

„Aber nicht sicher genug, dass der Doc auch noch in den Bus kriechen kann“, erklärte ein dritter Mann. „Der Straßenrand ist aufgeweicht.“

„Legen Sie einen Zahn zu“, erwiderte sie schwach. „Suzy und mir gehen die Gesprächsthemen aus.“

Es dauerte eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde, in der Suzys Hals weiter anschwoll und es Emma immer schwerer fiel, die Kugelschreiberhülse in der richtigen Stellung zu halten. Einige Male setzte Suzys Atmung sogar kurz aus. Sie lag apathisch da und starrte Emma an, als wäre sie die letzte Verbindung zum Leben. Was auch stimmt, dachte Emma, während kostbare Minuten verstrichen.

Endlich wurden die Stahlseile gebracht. Sie hörte Befehle und Geräusche.

Und dann …

„Der Bus ist gesichert. Wir kommen jetzt hinein …“

„Warten Sie nicht auf eine Einladung!“ Ihre Stimme zitterte. „Kommen Sie. Und bringen Sie Morphin mit.“

Es waren zwei. Der Arzt und eine Frau in mittleren Jahren in einem Khakioverall mit Rotkreuzabzeichen.

Emma legte den Arm um Suzy und sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich heranarbeiteten.

„Sie sind gleich da, Suzy“, flüsterte sie. „Dr. O’Halloran und eine Frau vom Rettungsdienst.“

Dann sah sie ihn. Er war ein großer, breitschultriger Mann in Jeans und Pullover und trug lederne Arbeitshandschuhe. Sein dunkles Haar war leicht gewellt und fiel ihm in die Stirn, und er sah aus wie …

Rasch verscheuchte sie den Gedanken.

„Ich nehme an, das ist euer Arzt“, wandte sie sich an Suzy. „Kennst du ihn?“

Aber Suzys Augen blickten leer. Schock, Schmerz und der Blutverlust waren zu viel gewesen.

„Wir brauchen Kochsalzlösung und Morphin“, sagte Emma.

„Wir haben alles Nötige dabei“, erwiderte er und wandte sich mit einem Blick auf Kyle an die Frau. „Da ist nichts mehr zu machen, Helen.“ Er kroch vorsichtig weiter.

Helen blieb bei dem toten Jungen. „Ich werde eine Trage für ihn holen“, sagte sie, sichtlich betroffen. „Oder brauchen Sie mich noch?“

„Gehen Sie nur“, meinte Devlin grimmig.

Als er Emma und Suzy erreicht hatte, fiel sein Blick sofort auf den provisorischen Luftröhrenschnitt.

„Was zum Teufel …?“

„Stellen Sie keine Fragen.“ Erneut kämpfte Emma gegen eine drohende Ohnmacht an. „Sie braucht Morphin und muss an den Tropf – und zwar sofort!“

„Aber …“

Für Diskussionen war keine Zeit. „Der Atemweg ist gesichert. Fürs Erste jedenfalls, aber wir müssen uns beeilen.“

Überrascht schwieg er.

„Ja, Ma’am“, sagte er schließlich, bevor er mit einem weiteren ungläubigen Blick auf Emma seine Arzttasche öffnete.

„Es wird ein paar Minuten dauern, bis wir Suzy transportfähig haben“, meinte er zu Helen. „Gehen Sie und lassen Sie Kyle herausholen. Ich komme hier auch allein zurecht. Oder besser gesagt, wir kommen zurecht.“

Es war furchtbar eng. Überall lagen Glasscherben und umgestürzte Sitze. Emma hatte sich, so gut es ging, neben Suzy gequetscht, um ihren Kopf zu stützen.

„Ich kann mich nicht bewegen“, murmelte sie, und er nickte.

„Das dürfen Sie auch nicht.“ Er lächelte Suzy an. Es war ein warmes Lächeln, das Emma beinahe beruhigte. Aber nur beinahe. „Liegt ihr beide nur still, während ich meine Arbeit mache“, sagte er. „Suzy, ich gebe dir jetzt etwas gegen die Schmerzen“, erklärte er, obwohl er nicht wusste, ob sie ihn überhaupt hörte. „Dann lege ich dir eine kleine Kanüle in den Arm, um den Blutverlust auszugleichen. Und sobald deine Schmerzen nachgelassen haben, bringen wir dich hier heraus. Deine Mum und dein Dad warten schon auf dich.“

Natürlich würden sie warten. Alle anderen Kinder waren sicher längst wieder bei ihren überglücklichen Eltern.

Außer Kyle.

Wieder stieg eine Welle der Übelkeit in ihr auf, und sie ahnte, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. Bis eben hatte der Adrenalinschub sie aufrecht gehalten. Nun war Devlin da und …

„Jetzt nicht aufgeben, Emma.“ Als sie seine Stimme hörte, schwand ihre Benommenheit. „Suzy braucht Sie.“

„Ich wollte auch nicht aufgeben“, verteidigte sie sich. „Nur Feiglinge geben auf.“

„Und Sie sind keiner.“

Inzwischen hatte Devlin Morphin aufgezogen, desinfizierte die Stelle an Suzys Arm und injizierte.

„Ich glaube nicht, dass wir hier mit einer Trage manövrieren können“, meinte er dabei mit einem Blick auf das Chaos um sie herum. „Der Kugelschreiber muss absolut stillgehalten werden. Wir werden ihn kaum irgendwie fixieren können.“

„Sicher nicht.“ Und die Hülse herauszuziehen und durch einen richtigen Tubus zu ersetzen, war unter diesen Umständen viel zu riskant.

Nein, sie würde den Kugelschreiber lassen, wo er war, bis Suzy in einem OP versorgt werden konnte.

„Uns bleibt nichts anderes übrig, als sie ganz langsam nach draußen zu bringen“, schlug er vor, während er den intravenösen Zugang legte. „Wenn ich sie anhebe, schaffen Sie es, mitzukommen?“

„Ja.“

Er schaute sie an. „Nach dem Unfall waren Sie bewusstlos“, sagte er besorgt. „Sie sollten nicht hier sein.“

„Das bin ich aber. Also bringen wir’s hinter uns.“

„Ich kann Helen bitten, mir zu helfen.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich habe einige Zeit gebraucht, um herauszufinden, in welcher Position ich dies Ding hier halten muss.“ Sie deutete mit den Augen auf den Kugelschreiber. „Wenn ich auch nur einen Hauch davon abweiche, bekommt sie keine Luft mehr.“

Devlin musterte sie und nickte dann. Sie hatten keine andere Wahl.

Hinter ihnen ertönte ein Schaben und das Knirschen von Glas.

Kyle wurde hinausgebracht.

„Braucht ihr Hilfe?“ Helen klang bedrückt.

„Wir müssen es allein machen“, erwiderte Devlin. „Räumen Sie uns nur den Weg frei, und drücken Sie uns die Daumen.“

Vorsichtig hob Devlin das Mädchen dann an und bewegte sich Zentimeter für Zentimeter rückwärts aus dem Bus. Jede Bewegung musste so bemessen sein, dass Emma mithalten konnte. Sie sah völlig erschöpft aus, und er hatte Angst, sie könne jederzeit ohnmächtig werden.

Eigentlich benötigte sie selbst medizinische Betreuung.

Sie musste Ärztin sein. Unter solchen Bedingungen erfolgreich einen Luftröhrenschnitt durchzuführen, grenzte fast an ein Wunder.

Woher kam sie, und warum war sie hier? Aus der Gegend stammte sie nicht, und Touristinnen reisten nicht allein, nicht, wenn sie im sechsten oder siebten Monat schwanger waren.

Hoffentlich hielt sie durch.

Er warf einen Blick auf ihr Gesicht. Es war schneeweiß. In ihrem Zustand hätte sie im Krankenhaus liegen müssen.

Doch dann wäre Suzy jetzt tot.

Vorsichtig rutschte er weiter.

Emma folgte ihm.

Als sie es endlich nach draußen geschafft hatten, bot sich ihnen ein völlig anderes Bild. Die Kinder, der Fahrer und der Lehrer waren fortgebracht worden. Der Bus hing an zwei Stahlseilen, die man an den Bäumen auf der anderen Straßenseite befestigt hatte.

Kyle war noch da. Sein lebloser kleiner Körper lag zugedeckt auf einer Trage, und neben ihm saß ein Feuerwehrmann, als wolle er stumm Wache halten, solange es nötig war.

Wieder stiegen Emma die Tränen in die Augen.

„Nicht“, sagte der Mann neben ihr. Überrascht wandte sie den Kopf.

Wusste er, was in ihr vorging?

„Schon okay“, flüsterte sie mit bebender Stimme.

„Natürlich. Sie sind großartig.“

Neben einer zweiten Trage wartete Helen. Vorsichtig legten sie Suzy darauf.

„Ich übernehme jetzt“, sagte Devlin, aber Emma schüttelte den Kopf.

„Ich halte den Kugelschreiber, bis wir sie in einen gut ausgestatteten OP-Saal gebracht haben. Und zu einem Chirurgen. Bitte sagen Sie mir, dass es in Karington einen gibt.“

„Ja, mich“, sagte er ernst.

Ihre Blicke trafen sich. Er ist Chirurg. Vor Erleichterung wurde ihr wieder schwindlig.

„Hurra“, murmelte sie schwach. „Worauf warten wir noch? Suchen wir Ihnen einen OP und ein Skalpell und etwas, das diesen verdammten Kugelschreiber ersetzen kann.“

Zwanzig Minuten später war es so weit. Devlin O’Halloran war nicht nur Chirurg, sondern besaß offensichtlich hervorragende Kenntnisse und genug Erfahrung, um mit der kniffligen Situation fertig zu werden. Emma hätte es sich nicht zugetraut, einen Tubus zu setzen, wenn der Wundbereich stark angeschwollen und es längst zu massiven Blutungen gekommen war. Ein chirurgischer Albtraum, zumal die Luftröhre eines Kindes viel enger war als die eines Erwachsenen.

Endlich saß der Tubus richtig, und die Kugelschreiberhülse lag auf dem Tablett, nun nicht mehr als ein wertloses Stück Plastik. Endlich konnte Emma vom Operationstisch zurücktreten.

„Geben Sie der Dame einen Stuhl“, befahl Devlin, und eine der Schwestern schob ihr einen unter.

Erschöpft nahm Emma darauf Platz.

Devlin war immer noch damit beschäftigt, Suzys Gesichtsverletzungen zu versorgen, alles Weitere würde ein plastischer Chirurg in Brisbane übernehmen.

Die Gerüche des OPs schlugen ihr auf den Magen, obwohl sie sie hätte gewohnt sein müssen …

„Entschuldigen Sie mich“, sagte sie, bevor sie versuchte aufzustehen.

„Gehen Sie mit ihr, David“, sagte Devlin zu einem Pfleger.

„Danke, aber ich schaffe es allein“, wehrte Emma ab, während sie sich mühsam erhob. Ihre Beine zitterten und fühlten sich wie Pudding an, aber sie schaffte es.

Zehn Minuten später, nachdem sie sich fürchterlich erbrochen hatte, verließ sie die Damentoilette. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen und mit kaltem Wasser bespritzt, bis sie wieder einen klaren Kopf hatte.

Eigentlich sollte sie stolz auf sich sein. Aber sie war es nicht, weil ihr erst jetzt klar wurde, was sie getan hatte: Sie hatte das Leben ihres Babys aufs Spiel gesetzt.

Als sie in den Bus hineingekrochen war, hatte sie zwar gewusst, dass er abstürzen könnte, aber letztendlich hatte sie es nicht für möglich gehalten. Erst als sie die daumendicken Stahlseile gesehen hatte …

Sie legte die Hand auf ihren runden Bauch und stöhnte auf. Es war ein Spiel mit tödlichem Einsatz gewesen.

Emma holte tief Luft und verließ den Waschraum. Im Wartezimmer saßen ein Mann und eine Frau, die sie angstvoll anstarrten. Das mussten Suzys Eltern sein, und sie hatten gesehen, wie sie kreidebleich aus dem OP hin zur Toilette gestürzt war.

Vermutlich waren sie davon überzeugt gewesen, dass es mit ihrer Tochter zu tun hatte.

„Die Operation ist gut verlaufen“, sagte sie. „Suzys Atmung ist stabilisiert, und Dr. O’Halloran versorgt gerade die Wunden. Sie muss zwar zur Weiterbehandlung nach Brisbane und wird ein paar Narben zurückbehalten, aber das sollte alles sein. Wirklich.“

Sichtlich erleichtert atmeten beide auf.

„Aber Sie …“

„Ich bin schwanger.“ Emma bemühte sich, fröhlich zu klingen. „Tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe, aber Schwangere übergeben sich ständig.“

„Ach, meine Liebe …“ Die Stimme der Mutter zitterte, und plötzlich vergaß Emma die ärztliche Distanz. Sie beugte sich vor und drückte die Frau herzlich.

„Ich weiß“, flüsterte sie. „Es waren schreckliche Stunden, doch Ihre Kleine wird wieder gesund.“

„Wir haben gerade Kyles Eltern gesehen“, sagte Suzys Vater bedrückt. „Kyle ist der Einzige, der es nicht geschafft hat. Wir hatten Glück, aber sie …“

„Die Schwestern erlauben ihnen nicht, ihn zu sehen.“ Suzys Mutter entwand sich behutsam Emmas Armen und schniefte. „Aber Sie … sind doch Ärztin.“

„Ja, das stimmt.“

„Helen hat gesagt, dass Sie unserer Tochter das Leben gerettet haben.“

„Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, wehrte Emma bescheiden ab.

„Margaret Morrisy, die Oberschwester, hat Kyles Eltern gesagt, sie dürften ihn erst sehen, wenn Dr. O’Halloran es genehmigt hätte. Sie warten schon so lange darauf, dass er fertig wird, und ich denke … sie verlieren bald den Verstand.“ Sie schluckte und deutete kurz mit dem Kopf auf den OP. „Wenn Suzy gestorben wäre, würde ich sie auch sehen wollen, und zwar sofort. Können Sie nicht dafür sorgen, dass … sie zu ihm dürfen? Jetzt gleich?“

3. KAPITEL

Emma verspürte das starke Bedürfnis, ins Bett zu gehen und sich auszuschlafen. Aber Devlin würde noch mindestens eine halbe Stunde im OP bleiben und musste gleich danach die anderen Patienten versorgen. Jodie und der Lehrer waren zwar schon nach Brisbane ausgeflogen worden, doch es gab trotzdem viel zu tun: Wunden nähen, Frakturen richten … er würde stundenlang beschäftigt sein.

Es würde ihr nicht leichtfallen, sich an seiner Stelle um Kyles Eltern zu kümmern. Andererseits brauchten sie dringend Trost und Unterstützung, und sie wollte Devlin helfen.

Emma sah ihn vor sich, wie er am OP-Tisch stand, ein hochgewachsener Mann mit geschickten Händen und warmen dunklen Augen, die verrieten, wie wichtig ihm die anvertrauten Patienten waren. Während sie an ihn dachte, erwachte ein Gefühl in ihr, das genauso intensiv war wie alles andere, was sie an diesem Tag erlebt hatte.

Devlin war wie Corey und doch so anders. Sanft und stark zugleich. Und sein Lächeln … Wie er mit Suzy gesprochen hatte …

Rasch riss sie sich zusammen. Was sollten diese Gedanken?

Sie machte sich auf die Suche nach der Oberschwester, um mit ihr wegen Kyles Eltern zu reden. Sie fand sie im Schwesternzimmer. Jung, sehr attraktiv, das Haar im Nacken zu einem eleganten Knoten geschlungen, makellose Haut und perfektes Make-up. Sie telefonierte gerade mit kühler, befehlsgewohnter Stimme.

„Ich benötige das Plasma jetzt. Nein, ich kann nicht bis morgen warten. Unser Vorrat ist aufgebraucht. Sie kennen unsere Situation, und ich erwarte, dass Sie bis zum frühen Abend geliefert haben.“

Der Hörer wurde aufgelegt.

Eine Frau, die in Krisensituationen Gold wert ist, dachte Emma. Sie nimmt es sehr genau mit den Vorschriften und ist gleichzeitig sehr tüchtig.

Sie brauchte sie auf ihrer Seite.

„Ach, meine Liebe“, sagte Margaret Morrisy, nachdem sie einander begrüßt hatten, und ihre Stimme klang wärmer als eben am Telefon. „Es ist unglaublich, was Sie geleistet haben.“ Emma schätzte, dass Margaret ungefähr so alt war wie sie. „Helen hat mir erzählt, was passiert ist“, fuhr sie fort. „Sie haben wirklich Mut bewiesen, in den Bus zu kriechen … und Suzy hatte unglaubliches Glück.“

„Kyle leider nicht“, erwiderte Emma leise, woraufhin Margaret traurig nickte.

„Ich weiß. Es ist tragisch.“

„Ich habe gehört, Sie wollen Kyles Eltern ihren Sohn nicht ohne Dr. O’Hallorans Einwilligung sehen lassen?“

„Ja, ich …“

„Ich übernehme gern die Verantwortung.“

„Sie?“ Margaret wich einen halben Schritt zurück.

„Ich bin Ärztin.“

„Ja, aber …“

„Zwar eine ziemlich angeschlagene und hochschwangere Ärztin, aber dennoch Ärztin“, erklärte Emma entschieden. „Ich kann einen Totenschein ausstellen und genehmigen, dass die Familie den Toten sehen darf. Für Kyles Eltern ist es sehr wichtig, von ihrem Sohn Abschied nehmen zu können. Meiner Ansicht nach gibt es keinen Grund, der dagegen spricht. Wo ist er?“

Margaret runzelte die Stirn. „In der Leichenhalle.“

„Haben Sie nicht irgendwo einen freien Raum?“

„Das schon, aber …“

„Bringen wir ihn doch dorthin, ja?“ Emma blieb freundlich, aber bestimmt. „Er ist nicht so verunstaltet, dass wir den Eltern seinen Anblick ersparen sollten. Sie müssen ihn sehen, sonst können sie seinen Tod nicht akzeptieren. Also … zeigen Sie mir, wo die Leichenhalle ist? Ich kümmere mich um Kyle, und Sie bereiten inzwischen vielleicht den Raum vor?“

„Können sie ihn sich nicht in der Leichenhalle anschauen?“

„Wenn es Ihr Junge wäre … würden Sie sich nicht eine weniger kalte, sterile Atmosphäre wünschen?“, fragte Emma sanft. „Ich denke, wir können Ihnen den schweren Schritt ein wenig erleichtern, oder?“

Devlin verließ den OP, beruhigte Suzys Eltern, atmete zweimal tief durch und überlegte, was er als Nächstes tun sollte.

Suzys Zustand hatte sich stabilisiert, und der Rettungshubschrauber war unterwegs, um sie abzuholen. Das Schlimmste lag hinter ihnen.

Da waren zwar noch die traumatisierten Kinder, aber die Schwestern hatten eine erste Einschätzung vorgenommen und hätten ihn gerufen, wenn ein dringender Fall dabei gewesen wäre.

Zuerst will ich die Frau finden, dir mir geholfen hat, dachte er. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, war sie halb bewusstlos gewesen. Und beim Verlassen des OPs hatte sie einen äußerst erschöpften Eindruck gemacht.

Zierlich, mit viel zu großen Augen für das schmale Gesicht, hochschwanger – und trotzdem hatte sie Unglaubliches geleistet …

Wo war sie?

Das Schwesternzimmer war leer.

Aus der Entfernung war Schluchzen zu hören. Mit besorgter Miene und ein wenig verunsichert tauchte Margaret auf.

„Sind das Kyles Eltern?“, erkundigte er sich.

„Ja. Kyle liegt jetzt in Zimmer fünf“, erklärte sie.

Er runzelte die Stirn. „Warum?“

„Emma hat mich gebeten, ihn dorthin zu bringen, damit ihre Eltern ihn ein letztes Mal sehen können. Ich hoffe, das ist okay. Soll ich mitkommen?“

„Nein, danke. Weißt du, wo Emma ist?“

„Sie ist bei ihnen. Oder sie war es zumindest.“

Was hatte sie denn dort zu suchen? Sie musste sich ausruhen, um sich und ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden …

„Du hattest heute einen furchtbaren Tag.“ Margaret legte ihm die Hand auf den Arm.

Er verzog das Gesicht. „Ja“, sagte er und hörte wieder das Schluchzen, „aber für andere war es die Hölle.“

„Ich hoffe, es war richtig, ihn von der Leichenhalle hierherbringen zu lassen.“

„Natürlich.“ Er nahm sie kurz in den Arm, denn sie schien darauf zu warten. Margaret lächelte und strich sich die Schwesterntracht glatt.

„Nicht hier“, sagte sie verlegen.

„Nein.“

Genug. Jetzt musste er Kyles Eltern gegenübertreten. Die unbekannte Ärztin hatte großes Einfühlungsvermögen bewiesen, als sie den Jungen in eines der Krankenzimmer bringen ließ. Seine Familie würde ein anderes Bild in Erinnerung behalten, wenn er in einem Bett lag anstatt auf einer kalten Bahre im Leichenraum.

„Du hast also mit ihr gesprochen? Wissen wir mehr über sie, außer dass sie Emma heißt?“

„Sie weiß, was sie will, und kann sehr beharrlich sein.“ Margaret schenkte ihm ein kurzes Lächeln. „Beinahe so beharrlich wie ich. Sie hat Kyle gewaschen und hergerichtet, sodass es fast so aussieht, als würde er schlafen. Gute Arbeit.“

Innerlich zuckte Devlin zusammen. Schlechte Wortwahl, dachte er. Nichts war gut an dem, was Kyle passiert war.

Kyle war das vierte von sechs Kindern und ein temperamentvoller Junge gewesen. Devlin hatte öfter eine Platzwunde genäht, ein aufgeschürftes Knie behandelt oder ihm den Gips angelegt, nachdem er sich den Arm gebrochen hatte.

Dass Kyle tot war, konnte er kaum begreifen.

Jetzt lag er in Raum fünf.

Devlin holte tief Luft.

Margaret sah ihn an. In ihrem Blick lag die stumme Frage, ob sie ihn begleiten solle, aber er schüttelte den Kopf. Er atmete noch einmal tief durch, bog in den nächsten Korridor ein – und blieb wenige Schritte weiter wieder stehen.

Die Tür zum Trauerzimmer stand einen Spalt weit offen, und er konnte Kyles Mutter sehen. Sie hatte ihren toten Sohn in den Armen, wiegte ihn und presste weinend das Gesicht in seine kupferroten Locken. Hilflos stand ihr Mann daneben. Mit unglücklichen, tränenüberströmten Gesichtern umringten Kyles Geschwister sie.

Vor der Tür auf einem Stuhl saß Emma.

Vorgebeugt, als hätte sie Schmerzen, und die Hände vors Gesicht geschlagen, weinte sie leise vor sich hin. Ihre Schultern zuckten.

Es sah aus, als hätte diese starke, mutige Frau jede Kraft verlassen.

Wie lange war es her, dass er eine Frau getröstet hatte?

Devlin konnte sich nicht erinnern.

Sicher, Margaret und er führten eine befriedigende Beziehung, und er genoss es, sie zu küssen. Aber sie in den Armen zu halten, nur um sie zu trösten …?

Auch seinen Patienten begegnete er freundlich, jedoch mit gebührendem Abstand. Niemals hätte er einen in die Arme gezogen, um seinen Schmerz zu lindern.

Es war ein plötzliches, überwältigendes Verlangen. Behutsam zog er ihr die Hände vom Gesicht. In ihren Augen stand tiefe Verzweiflung, die ihn mitten ins Herz traf. Wortlos umarmte Devlin sie.

Und so hielt er sie, während er spüren konnte, wie ihr Körper unter den Schluchzern erbebte, und wartete einfach, dass sie sich beruhigte.

Über Emmas dunkle Locken hinweg fing er den Blick von Kyles Vater auf. Der Mann verließ das Zimmer und trat zu ihm.

„Kümmern Sie sich bitte um sie“, bat er Devlin leise. „Ich weiß nicht, wie ich ihr danken soll. Danken Sie ihr bitte in meinem Namen. In unser aller Namen.“

Dann schloss er leise die Tür hinter sich, und Devlin war allein mit Emma im menschenleeren Flur. Ihre Tränen durchfeuchteten sein Hemd. Sie schmiegte sich an ihn, und er fühlte deutlich die Wärme ihres Körpers. Fühlte …

Nein. Das war völlig verrückt. Er fühlte gar nichts.

Sie war eine Patientin in Not. Eine Kollegin in Not, die einen Zusammenbruch erlitten hatte. Mehr nicht.

Sie duftete nach Rosen und fühlte sich weich und anschmiegsam an.

Das alles sollte ihm nicht so deutlich bewusst sein. Aber seine Umarmung schien sie zu trösten – und ihn selbst auch.

Allmählich verebbten ihre Schluchzer.

„Pst …“, sagte er und gab ihr einen zarten Kuss auf die dunklen Locken, so wie man ein trauriges Kind küsste. „Pst …“

Für einen Arzt war es sicher ein unprofessionelles Verhalten, aber er brauchte es, während er sie festhielt, als wäre sie ein kostbarer Schatz.

Trotzdem musste er es irgendwie schaffen, die berufliche Distanz wiederherzustellen.

Der Raum neben ihnen war leer. Es wäre wohl am besten, wenn er Margaret rief, Emma aufs Bett legte und dann untersuchte …

Aber er blieb, wo er war, und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr.

Endlich hörte sie auf zu weinen und hob den Kopf. Mit großen Augen schaute sie ihn an.

„Es tut mir leid“, sagte sie leise.

„Nicht nötig.“

„Ich weine nie.“

„Natürlich nicht. Es muss auf meine Schulter geregnet haben.“

Ihr Lachen klang gequält. „Ich … Sie können mich ruhig loslassen …“

„Ich fürchte, dass Sie dann ohnmächtig werden.“

„Bestimmt nicht.“ Ihre Stimme klang etwas fester.

„Wie wäre es, wenn ich Sie jetzt auf das Bett dort drüben lege?“

„Ich muss mich nicht hinlegen.“

„Seien Sie vernünftig“, sagte er ernst. „Heute Morgen haben Sie sich ordentlich den Kopf gestoßen, und anschließend sind Sie noch auf Händen und Füßen über die Scherben im Bus gekrochen. In welchem Monat sind Sie?“

„Im siebten. Und mir geht es gut.“

„Unsinn. Abgesehen davon, dass Ihr Baby untersucht werden muss, sehe ich mindestens drei böse Schrammen, die gereinigt werden müssen.“ Als sie protestieren wollte, sprach er rasch weiter. „Sie wissen, dass ich recht habe. Sie sind Medizinerin. Wenn eine Schwangere in einen Autounfall verwickelt wird, ist ein Trauma nicht auszuschließen. Eine gründliche Untersuchung ist deshalb unbedingt notwendig. So lauten die Regeln.“

Emma sagte nichts, aber ihre Miene verriet ihm, dass sie sich fügte.

„Das wissen Sie doch“, fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu. Trotz der traurigen Ereignisse dieses Tages war etwas an dieser Frau, das ihn zum Lächeln brachte.

„Okay, vielleicht haben Sie recht“, gab sie schließlich zu. „Haben Sie hier einen Gynäkologen? Oder besser, eine Gynäkologin?“

„Dies ist ein kleines Krankenhaus. Da gibt es mich. Oder mich. Oder, noch einmal, mich.“

„Dann untersuche ich mein Kind lieber allein, danke.“

„Das können Sie nicht.“

„Geben Sie mir Ihr Stethoskop. Inzwischen wissen Sie ja, dass ich Ärztin bin. Ich kann ebenso gut wie Sie den Herzschlag meines Babys abhören. Und was meine unteren Regionen betrifft … die sind absolut tabu für Sie, Dr. O’Halloran.“

„Sie müssen …“

„Sie dürfen gern meine Schrammen und meinen Kopf untersuchen.“ Es klang, als gewährte sie ihm eine Gnade.

„Es ist mir eine Ehre“, sagte er amüsiert, bevor er sie ins Zimmer nebenan führte.

„Dr. O’Halloran?“

„Ja?“

„Danke, dass Sie mich gehalten haben“, sagte sie zögernd und legte sich auf das Bett, „… und für mich da waren.“

Kurz schloss sie die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war alles anders. Emma wirkte distanziert, so als hätte sie sich wieder unter Kontrolle.

„Okay, sehen wir uns die Schrammen an. Und vergessen wir, dass Sie mich so schwach erlebt haben.“

„Ja, Ma’am.“

„Sie ist eingeschlafen“, hörte sie Margaret sagen.

„Sie hat sich ihren Schlaf auch verdient“, meinte Devlin. „Wenn man bedenkt, wie ihr erster Tag bei uns gewesen ist.“

„Warum ist sie eigentlich hier?“

Margaret und eine junge Schwester hatten sie ausgezogen, gewaschen und ihr ein Krankenhausnachthemd angezogen. Dann riefen sie Devlin wieder herein, der sie verarztete. Nachdem er fertig war, wollte Emma nur noch schlafen.

„Keine Ahnung“, meinte Devlin. „Wissen wir überhaupt, wer sie ist? Ich meine abgesehen von ihrem Vornamen?“

„Ich dachte, du hättest sie gefragt.“ Margaret hörte sich überrascht an. „Du hast sie doch aufnehmen lassen.“

„Ich habe sie gebeten, im Krankenhaus zu bleiben. Das ist wohl kaum eine förmliche Aufnahme, oder?“

„Heißt das, wir haben keine Unterlagen? Wir kennen nicht einmal ihren Namen? Devlin, um alles in der Welt …“

„Nur keine Panik, Margaret, sie wird uns schon nicht verklagen.“

„Aber wenn sie Blutungen bekommt? Und uns unter den Händen wegstirbt?“

Kein schöner Gedanke, dachte Emma müde, aber er berührte sie merkwürdigerweise nicht sonderlich.

Irgendjemand deckte sie zu. Es musste Devlin sein. Er zupfte die Decke zurecht und ließ seine Hände einen Augenblick länger liegen – ein warmes Gefühl überrieselte sie.

Sie mochte seine Hände.

Er roch gut.

„Wir müssen ihren Namen herausfinden“, erklärte er beinahe zögernd.

„Ihre Handtasche ist hier“, sagte Margaret. „Helen hat sie mitgebracht. Soll ich einmal nachsehen?“

„Wir wissen, dass sie Emma heißt und Ärztin ist.“

„Für die Akten brauchen wir ihren vollen Namen. Wenn du meinst, sie kann hier schlafen, ohne dass wir ihren Nachnamen kennen …“

Man wird mich doch wohl nicht hinauswerfen? dachte Emma halb benommen. Nur weil sie nicht wissen, wie ich heiße?

Es war wohl besser, die Augen wieder zu öffnen.

Aber es fiel ihr unglaublich schwer.

„Ich sehe nach“, meinte Margaret.

Wach auf, Emma, ermahnte sie sich. Los, aufwachen.

„Das ist nicht nötig“, murmelte sie so würdevoll, wie es im Halbschlaf, hochschwanger und im OP-Hemdchen nur ging. „Ich bin Emma O’Halloran. Dr. Emma O’Halloran. Und wenn niemand etwas dagegen hat, möchte ich jetzt schlafen. Gute Nacht.“

Es wurde ein langer Tag für Devlin.

Erst nach zehn Uhr abends konnte er daran denken, Feierabend zu machen. Er zögerte kurz und machte sich dann doch auf den Weg zu Emma O’Hallorans Zimmer. Sie schlief noch immer tief und fest.

„Vorhin war sie kurz wach und hat ein wenig Suppe gegessen“, berichtete Janelle, die Nachtschwester. „Aber dann ist sie sofort wieder eingeschlafen. Und ihre Kopfschmerzen sind fast weg, hat sie gesagt.“

Eine gute Nachricht. Nun durfte er sich entspannen.

Wie zum Teufel sollte er sich entspannen können?

Sie hatte gesagt, ihr Name wäre O’Halloran.

Als sie am Unfallort die Augen aufschlug, hatte sie ihn Corey genannt.

Das war schon verwirrend genug, aber viel mehr machten ihm die Gefühle zu schaffen, die sie in ihm auslöste. Sie hatte an seiner Schulter geschluchzt, und ausgerechnet er, ein Mann, der Tränen hasste, einer, der unter allen Umständen Gefühlen aus dem Weg ging, hatte sie halten und trösten wollen …

Verrückt.

Er fuhr nach Hause. Das stattliche alte Arzthaus lag zwei Meilen von Karington entfernt in Stony Creek, wo der Fluss ins Meer mündete. Es war ein Haus voller Erinnerungen. Sein Vater und vor ihm dessen Vater hatten hier als Allgemeinärzte praktiziert.

Seit Coreys Krankheit schien es gespenstisch leer, und nach Coreys Tod war seine Mutter ausgezogen und hatte sich in der Stadt ein kleines Haus gekauft. Angeblich, damit Devlin tun und lassen konnte, was er wollte, aber er vermutete, dass sie die Erinnerungen an Corey nicht ertrug.

Wie jeden Abend wartete sie auch heute auf ihn, weil sie es sich nicht nehmen ließ, für ihn zu kochen. Lorna hatte nicht nur ihr Haus verlassen, sondern sich auch von ihren Freundinnen zurückgezogen und war schrecklich einsam. Natürlich war er ihr dankbar, dass sie ihm regelmäßig ein warmes Essen zubereitete, doch heute wäre er lieber allein gewesen.

Dennoch riss er sich zusammen und berichtete wie immer von seinem Arbeitstag. Devlin bemühte sich, sachlich von dem Busunfall zu sprechen, um sie nicht aufzuregen. Seltsamerweise schien sie Kyles Tod nicht sehr zu berühren. Für Devlin war dies nur ein Zeichen, wie sehr sie sich nach dem Tod ihres eigenen Sohnes von allem entfernt hatte.

Als er von Emma erzählte, wurde sie allerdings hellhörig.

„Meinst du, diese Ärztin könnte vielleicht mein Besuch sein?“ Nachdenklich sah sie ihn an. „Möglich wäre es … denn er ist nicht gekommen.“

„Du hast Besuch erwartet?“

„Das hatte ich dir doch schon erzählt.“ Sie seufzte. „Zumindest glaube ich es. Ich hatte sie zum Mittagessen eingeladen.“

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus. „Wen?“

„Eine Freundin von Corey.“ Seine Mutter stellte den leeren Topf in ihren Korb. „Zumindest hat sie das gesagt. Gestern Abend rief mich eine Frau aus Brisbane an und erkundigte sich, ob sie mich besuchen dürfe. Ich … natürlich sagte ich Ja. Er hatte so wenige Freunde. Ihr Name sei Emma, und sie hätte Corey schon länger gekannt, meinte sie. Aber dann … ist sie nicht gekommen.“

„Diese Ärztin heißt auch Emma“, erwiderte Devlin langsam, während sich seine Gedanken überschlugen.

Fast flehentlich blickte sie ihn an. „Glaubst du, sie … sie könnte wirklich eine Freundin von ihm gewesen sein?“

„Ich werde sie fragen.“

Devlin lag im Bett und starrte an die Zimmerdecke.

Emma O’Halloran.

Zufall oder nicht?

Nein. Er dachte daran, wie sie heute Morgen die Augen aufgeschlagen und ihn angesehen … und dann den Namen seines Bruders gesagt hatte.

Nein, dachte er.

Das ist kein Zufall.

4. KAPITEL

Als Emma erwachte, war Devlin wieder da. Sie öffnete die Augen, und er lächelte.

„Corey?“

„Corey ist mein Bruder.“

Überrascht starrte sie ihn an.

Nein, es konnte nicht Corey sein, natürlich nicht.

Devlin.

Er saß auf dem Stuhl neben ihrem Bett und hielt ihr Handgelenk umfasst. Warme Morgensonne schien auf ihr Gesicht.

Sie war in einem Krankenhaus.

Schlagartig kehrten die Erinnerungen zurück. Emma fuhr hoch. Sie hatte Verbände an den Armen und trug ein Krankenhaushemd.

Devlin, nicht Corey. Bei Corey hatte sie nie dieses Gefühl gehabt, dass …

Schluss!

Sie warf einen Blick auf den Wecker auf dem Tisch. Es war acht Uhr. Oh nein! Sie riss ihre Hand zurück.

„Wo sind meine Sachen?“ Sie musste hier raus, und zwar schnell.

„In der Krankenhauswäscherei.“

„Und mein Koffer?“

„Ist beim Unfall zerdrückt worden. Er war wohl bei dem Aufprall aus dem Wagen geflogen, und dann ist eins der Rettungsfahrzeuge darüber gerollt.“ Er lächelte mitfühlend. „Aber Madge – sie fährt unseren Abschleppwagen – meinte, sie hätte ungefähr Ihre Größe. Da sie vier Kinder hat, weiß sie, was in der Schwangerschaft bequem ist, und hat angeboten, etwas Passendes für Sie zu finden, sobald die Geschäfte öffnen.“

„Und wann ist das?“

„In einer Stunde.“

Emma hatte immer noch Mühe, ihre Gedanken zu ordnen. Ein Rettungswagen hatte ihren Koffer überrollt. Eine Abschleppwagenfahrerin wollte für sie Kleidung einkaufen.

Eins nach dem anderen, sagte sie sich im Stillen, bevor sie tief Luft holte. Das Wichtigste zuerst.

„Können Sie Madge bitte ausrichten, dass ich die Sachen so bald wie möglich brauche? Und … wo kann ich einen Wagen mieten?“

„Nirgends.“ Beschwichtigend lächelte er sie an, aber Emma fand dieses Lächeln alles andere als beruhigend. Fasziniert beobachtete sie, wie es sein markantes Gesicht veränderte. Er sah aus wie Corey, und trotzdem hatte er etwas, das …

„Wozu die Eile?“, hörte sie ihn sagen.

Sie riss sich zusammen. „Weil ich die Maschine nach England erwischen muss.“

„Sind Sie Engländerin?“

Emma nickte. „Mein Flug geht um vier Uhr nachmittags von Brisbane. Ich darf ihn nicht verpassen. Bitte.“

Wieder griff er nach ihrem Handgelenk und prüfte in aller Ruhe ihren Puls. „Sie können heute Nachmittag nicht fliegen.“

„Ich muss aber.“ Emma entzog ihm ihre Hand. Sie wollte nicht, dass er sie berührte. Oder doch? Er gab ihr ein Gefühl wie …

Sie konnte es nicht benennen. Aber es verwirrte sie. „Mir geht es gut“, brachte sie heraus.

„Wissen Sie, dass Sie heute Nacht Blutungen hatten?“

Alarmiert sah sie ihn an. „Ich hatte Blutungen?“

„Janelle meint, Sie waren so schlaftrunken, dass Sie es wohl nicht richtig mitbekommen haben.“ Als er die aufsteigende Panik in ihren Augen erblickte, fuhr er rasch fort: „Es war nur eine leichte Blutung. Kein Wunder, so wie Ihr Kleines gestern durchgeschüttelt wurde. Aber wenn Sie sich schonen, kann nichts passieren.“

Entsetzt starrte Emma ihn an. „Ich will mein Kind nicht verlieren“, flüsterte sie – und dann kehrte sein warmes Lächeln zurück, sodass sich ihre Angst wieder legte.

„Ich habe eine gute Nachricht für Sie“, sagte er mit einer Miene wie ein Zauberer, der kurz davor ist, ein Kaninchen aus dem Hut zu ziehen. „Harriet Straw, unsere Gynäkologin, die sich einmal in der Woche unsere werdenden Mütter ansieht, wird nachher zu Ihnen kommen. Harriet ist eine erfahrene und gründliche Geburtshelferin der alten Schule, Emma. Wenn sie der Meinung ist, dass wir Sie nach Brisbane ins Krankenhaus bringen sollen, tun wir es. Aber ich glaube eher, dass Sie Ihnen für ein paar Tage Bettruhe verschreiben und eine Flugreise bis auf Weiteres verbieten wird.“

Emma schluckte. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker, dann auf ihren Bauch.

„Vor der Untersuchung kann ich nicht fort?“, flüsterte sie.

„Das wissen Sie doch.“

Natürlich wusste sie es.

Sie musste ihr Flugzeug erwischen.

Aber nicht, wenn sie dadurch ihr Baby gefährdete.

„Sind Sie wirklich Ärztin?“

„Nein. Das Intubieren habe ich in einem chirurgischen Hobbykurs auf der Volkshochschule gelernt – zusammen mit einer Einweisung in Gehirnchirurgie für Anfänger!“

„Tut mir leid“, erwiderte er grinsend.

„Mir auch. Wenn ich diesen Flug verpasse … Wissen Sie, in welchem Monat ich bin?“

„Sie haben gesagt, im siebten.“

„Das ist richtig. Achtundzwanzigste Woche, um genau zu sein.“

„Ist das nicht das Limit für Langstreckenflüge?“

„Ja“, sagte sie nachsichtig, als hätte sie es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun. „Nach der achtundzwanzigsten Woche darf ich nicht mehr fliegen. Schon für den Hinflug hatte ich Schwierigkeiten. Mein Arzt musste mir attestieren, dass nicht die Gefahr einer Frühgeburt bestehe und auch ansonsten alles okay sei.“

Er runzelte die Stirn. „Ein solches Attest stellt Ihnen jetzt keiner mehr aus.“

„Nein.“ Ihre Stimme bebte leicht. „Und Sie sind daran schuld.“

„He, was habe ich damit zu tun?“, protestierte er.

„Sie haben mich ins Bett gesteckt.“

„Weil Sie sonst zusammengebrochen wären.“

Düster funkelte sie ihn an.

„Sehen Sie mich nicht so an“, meinte er sanft. „Es ist nicht meine Schuld.“

„Es hilft ein wenig. Was soll ich sonst machen?“

„Eine Schiffspassage buchen?“ Als ihr Blick noch finsterer wurde, lachte Devlin leise vor sich hin, wurde aber schnell wieder ernst. Ihre Lage bot keinen Anlass, um Witze zu machen. „Tut mir leid, aber Sie müssen bleiben“, fuhr er fort. „Harriet wird darauf bestehen, dass Sie sich ein paar Tage Bettruhe gönnen. Haben Sie in Australien Freunde, wo Sie bleiben können, bis das Kind auf der Welt ist?“

„Nein.“

„Wann sind Sie in Brisbane angekommen?“

„Vorgestern.“

„Dann habe ich also recht“, sagte er langsam. „Sie waren die Frau, die meine Mutter besuchen wollte. Sie sind wegen Corey hier.“

„J…Ja.“

„Und Sie wollten meine Mutter besuchen …“ Er wartete.

„Ich war mit Corey verheiratet“, flüsterte sie. „Ich bin die Witwe Ihres Bruders.“

Das Schweigen dauerte endlos.

„Wann haben Sie ihn geheiratet?“, fragte Devlin schließlich mühsam.

„Vor drei Jahren.“

„Drei …“

„Damals war er beinahe noch gesund. Zumindest dachte ich es.“

„Möchten Sie es mir erzählen?“

Es schmerzt ihn, dachte sie. Jedes einzelne Wort schien ihm schwer über die Lippen zu kommen.

„Ich war damals für Ärzte ohne Grenzen in Äthiopien“, begann sie, „zusammen mit Kollegen und Kolleginnen aus allen Nationen. Es war eine bedrückende Arbeit. Zwei Jahre lang hatte ich mit Kindern aus Hungergebieten zu tun. Am Ende war ich nervlich und körperlich völlig erschöpft. Und dann kam Corey. Er war wie ein kleines … Wunder, arbeitete unermüdlich, kümmerte sich persönlich um jeden Patienten und war schnell beliebt. Selbst in den schlimmsten Situationen brachte er die Kinder zum Lachen. Magere, halb verhungerte Kinder ohne Hoffnung … aber sie konnten lachen.“ Sie sah in die Ferne und lächelte. „Er war ein Geschenk für mich.“

„Und Sie verliebten sich in ihn.“

„Selbstverständlich verliebte ich mich in ihn“, flüsterte sie. „Zumindest dachte ich es damals. Ich dachte, ich würde ihn kennen. Der Lagergeistliche hat uns getraut, und es war für uns alle ein wundervoller Augenblick. Wir haben sogar gefeiert, nur mit Reis und Wasser, aber es war dennoch unvergesslich. Unsere schönste Zeit.“

„Und dann fanden Sie heraus, dass er krank war?“

„Wir kehrten nach England zurück“, berichtete sie, „weil ich krank war. Selbst mit Corey konnte ich nicht weitermachen. Wir beschlossen also, nach Hause zu fliegen.“

„Haben Sie nicht daran gedacht, vielleicht nach Australien zu gehen? Seine Familie kennenzulernen?“ Devlins Gesicht war ausdruckslos. Sie wusste nicht, was er dachte.

„Wie ich schon sagte, ich war krank, zu krank für eine weite Reisen. Und Corey hatte keine Familie. Zumindest hat er das gesagt.“ Sie konnte ihm ansehen, wie sehr diese Wahrheit ihn verletzte, schloss die Augen und legte sich zurück ins Kissen. Corey hatte allen wehgetan.

„Es hatte mich ziemlich schlimm erwischt“, fuhr sie fort. „Ruhr, Malaria … ich war völlig geschwächt.

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