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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 118

Zärtlich verführt von einem Scheich

1. KAPITEL

Es lag bestimmt nicht daran, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Hier war wieder eine!

Adele stand nach ihrem Arbeitstag an der Bushaltestelle gegenüber der Notaufnahme. Wie aus dem Nichts war ein spätes Frühlingsgewitter aufgezogen, und Blitze durchzogen den Himmel über London. Der Unterstand bot keinen Schutz vor dem heftigen Regen, und das weiße Kleid, das für solch ein Wetter nicht gemacht war, klebte ihr am Körper. Ihr blondes Haar hing ihr in nassen Strähnen über die Schultern.

Zum Glück trug sie keine Mascara, sodass sie nicht aussehen würde wie ein Pandabär, wenn Zahir sie nun mitnahm. Es war zehn Uhr abends, und sie sah schon, wie er in seinem silbernen Sportwagen vom Parkplatz fuhr, nach rechts abbog und auf sie zukam.

Adele trat einen Schritt aus dem sogenannten Unterstand, damit Zahir sie auch wirklich sah. Jeder einigermaßen hilfsbereite Mensch würde doch für eine Kollegin, die zitternd im heftigen Regen stand, anhalten und ihr anbieten, sie nach Hause zu fahren.

Adele würde lächeln, sich bedanken und ins Auto steigen. Zahir würde einen Blick auf ihr pitschnasses Kleid werfen und sich fragen, wieso er diese junge Krankenschwester eigentlich noch nie auf diese Weise bemerkt hatte, und sie würde ihm sofort vergeben, dass er sie schon ein ganzes Jahr ignoriert hatte. Endlich würden sie sich unterhalten, und wenn sie dann ihre Wohnung erreichten …

Weiter hatte Adele noch nicht gedacht. Sie hasste ihre Wohnung und ihre Mitbewohner und konnte sich Zahir in dieser Umgebung nicht vorstellen. Vielleicht würde er sie stattdessen auf einen Drink zu sich einladen, überlegte Adele, als ihr Traum endlich Wirklichkeit zu werden schien und das silberne Auto abbremste.

Sie ging einen Schritt darauf zu, so sicher war sie.

Da beschleunigte Zahir wieder und fuhr davon.

Am liebsten hätte sie ihm hinterhergebrüllt: Da hättest du mich auch gleich von oben bis unten nass spritzen können!

Einmal mehr hatte er sie nicht beachtet. Aber wer weiß, vielleicht hatte er nur am Radio herumgedreht und sie einfach nicht gesehen.

Wieso interessierte sie dieser Eisklotz nur so?

Nicht das erste Mal, dass sie sich diese Frage stellte.

Vielleicht mochte er keine Frauen? Was für eine unsinnige Frage. Sie wusste, dass Zahir mit Frauen ausging. Mit jeder Menge Frauen. Viel zu oft schon hatte Adele im Stationszimmer oder in der Mitarbeitercafeteria mitbekommen, wie er einen Anruf seiner jeweils aktuellen, wütenden Freundin entgegennahm. Wütend, weil es Samstagabend war und Zahir immer noch arbeitete, oder weil es Sonntagnachmittag war und er vor einigen Stunden gesagt hatte, er müsse „nur kurz“ im Krankenhaus vorbeischauen.

Die Arbeit war ihm wichtiger, das war nicht zu leugnen.

Während Adeles letzter Nachtschichten war er oft gerufen worden, obwohl er nicht im Dienst war, und jedes Mal war er im Smoking aufgetaucht. Gerade beim letzten Mal hatte er großartig ausgesehen, ausnahmsweise glatt rasiert und das dicke schwarze Haar zurückgekämmt. Adele hatte fast gestottert, als sie berichtete, was dem Patienten fehlte, um den sie und Janet, ihre Vorgesetzte, sich sorgten.

„Er war heute Nachmittag hier und ist mit einem Antibiotikum entlassen worden“, erklärte sie. „Seine Mutter macht sich aber immer noch Sorgen und hat ihn zurückgebracht. Der Kinderarzt hat ihr gesagt, dass das Antibiotikum eben nicht so schnell wirkt.“

„Und?“, fragte Zahir.

Sie roch sein Rasierwasser und meinte, sein Testosteron und die sexuelle Energie, die von ihm ausging, um ihn knistern zu hören. Sie liebte seinen starken Akzent, und jeder dunkle, raue Vokal traf sie so direkt, dass ihr die Beine zitterten.

„Adele“, wiederholte er. „Warum habt ihr mich gerufen?“

„Weil die Mutter sich Sorgen macht“, sagte Adele und schloss die Augen. „Und ich mir auch.“

Zahir verschwand hinter dem Vorhang, um das Kind zu untersuchen. Da betrat eine wunderschöne Frau den Raum, mit langen braunen Haaren und perfektem Make-up, trotz der späten Stunde. Sie trug ein silberglänzendes Kleid und fragte Janet auf ziemlich arrogante Weise, wie lange Zahir noch brauchen würde.

„Bella, du sollst doch im Auto warten.“ Zahir trat wieder hinter dem Vorhang hervor, und seine knappe Ansage ließ die Frau zusammenzucken. Vermutlich gab sie sich in seiner Gegenwart sonst nicht so anmaßend.

Janet unterdrückte ein Grinsen, als Bella davonstelzte. „Die hält nicht einmal bis morgen früh“, sagte sie leise zu Adele.

Zahir bat Janet, ihm Helene zur Unterstützung zu bringen. Er brauchte ihr Fachwissen.

Damit konnte Adele nicht dienen.

Zumindest nicht, was Männer anging. Aber nach einem Jahr in der Notaufnahme war es schon ärgerlich, dass er sie immer noch behandelte wie einen Neuling – vor allem als sich zeigte, dass es richtig gewesen war, sich um das Kind zu sorgen: Zahir führte eine Lumbalpunktion durch, und später bestätigte sich die Diagnose einer durch einen Virus ausgelösten Meningitis. Der kleine Junge musste fünf Tage im Krankenhaus bleiben.

Was sie natürlich nicht von Zahir erfahren hatte.

Mit ihr würde er nicht einmal über das Wetter sprechen.

Und trotz all seiner kommunikativen Fehler war Zahir das Highlight ihres Arbeitstages.

Jedes Tages.

Aber das würde jetzt ein Ende haben, bestimmte sie, als der Wagen an ihr vorbeifuhr.

Er war unverschämt und wusste sie nicht zu schätzen, und es war einfach unmöglich, dass er sie hier stehen ließ. Jetzt war es vorbei mit dieser Schwärmerei!

Adeles Welt war klein, sehr klein, das war ihr bewusst. Doch nun würde sie etwas dagegen unternehmen.

Endlich kam der Bus. Und gleich noch einer – der reguläre und der, der zu spät war. So viel Auswahl, dachte Adele sarkastisch, als sie in den weniger vollen Bus stieg und den Fahrer grüßte.

Sie erkannte einige der üblichen Fahrgäste.

Adele kannte den Weg und würde die nächste halbe Stunde nicht auf ihre Haltestelle achten müssen. Sie lehnte den Kopf gegen das Fenster und starrte ins Nirgendwo, während der Bus sich durch den Regen kämpfte. Sie träumte.

Von Zahir.

Verdammt!

Sie kam gegen seine Anziehungskraft einfach nicht an, sosehr sie es auch versuchte. Auf gewisse Weise hatte sie sich sogar schon daran gewöhnt. Vielleicht lag es daran, dass er einfach unerreichbar war, überlegte sie gerade, als jemand weiter hinten im Bus zu singen anfing.

Ja, sie musste öfter ausgehen, und damit würde sie auch praktisch sofort beginnen. Freitagabend hatte sie eine Verabredung mit Paul, einem der Sanitäter, der ihr sein Interesse ganz offen gezeigt hatte.

Sag einfach Ja, hatten ihr alle geraten.

Also hatte sie zugesagt.

Nur dass Paul sie überhaupt nicht reizte.

Immer nur Zahir. Schon der Name verursachte ihr eine Gänsehaut.

Auf seinem Namensschild stand lediglich „Zahir, beratender Arzt, Notaufnahme“. Die Patienten mussten nämlich nicht wissen, dass er der Kronprinz Scheich Zahir Al Rahal aus Mamlakat Almas war.

Ihr Herz hatte es auch nicht wissen müssen. Das hatte schon zu rasen begonnen, als sie ihn zum ersten Mal erblickt hatte, schon bevor sie seinen Namen kannte.

Das war vor einem Jahr gewesen. Sein Haar war schwarz und glänzte, seine Haut hatte die Farbe von Karamell und war genauso verlockend. Sein Kittel spannte sich über breiten Schultern. Er stand im Wiederbelebungsraum, und obwohl die Patientin in Lebensgefahr schwebte, herrschte eine ruhige, kontrollierte Atmosphäre vor.

Er blickte kurz auf und sah Adele mit seinen silbergrauen Augen eine Sekunde lang an. Ihre Wangen wurden heiß.

„Ich zeige gerade Adele die Abteilung“, sagte Janet, die Leiterin der Krankenpfleger und – schwestern, bei der Adele gerade ihr Vorstellungsgespräch hatte.

Zahir nickte nur kurz und kümmerte sich weiter um seine Patientin.

„Wie du siehst“, sagte Janet und wandte sich wieder an Adele, „haben wir den Wiederbelebungsbereich modernisiert, seit du zuletzt hier warst. Wir haben fünf Betten und zwei Kabinen.“

Davon abgesehen sah vieles noch genauso aus wie damals. Adele erinnerte sich, wie sie vor einigen Jahren hier hereingeschoben worden war. Janet war damals auch hier gewesen, erwähnte es jedoch nicht weiter, und auf dem Weg zurück zu Janets Büro sprachen sie über andere Dinge.

„Das war Zahir, der beratende Arzt für die Notaufnahme“, erklärte Janet. „Wahrscheinlich hast du ihn gesehen, als die Bewerber zusammen hier durchgeführt wurden.“

Adele schüttelte den Kopf. „Vielleicht war er im Urlaub.“

„Möglich. Er ist viel weg, auch wenn er schon seit einigen Jahren hier arbeitet. Aber er ist zu Hause sehr eingespannt und hat deswegen immer nur Zeitverträge“, sagte Janet. „Wir hoffen jedes Mal, dass er zurückkommt, weil er wirklich wichtig für die Abteilung ist.“

„Ich habe aber mit seinem Bruder zusammengearbeitet, Dakan.“

Janet lächelte und nickte. Dakan hatte gerade sein praktisches Jahr abgeschlossen. Er war ein wenig wild und frech, und Adele wusste durch den Buschfunk, dass Zahir als der ernstere der beiden Brüder galt. Auch von seinem guten Aussehen hatte sie schon mehr als genug gehört. Doch dass er wirklich so attraktiv war, hätte sie nicht gedacht.

So sehr hatte Adele sich noch nie zu jemandem hingezogen gefühlt. Doch das spielte keine Rolle. In ihrem Leben gab es für so etwas keinen Platz, und Zahir würde sie nie auch nur einmal so ansehen.

„Also“, sagte Janet, als sie ihr Büro betraten. „Willst du hier arbeiten?“

Adele nickte überzeugt. „Vor dem Kurzpraktikum hätte ich nie gedacht, dass mich die Notaufnahme interessiert, aber jetzt liebe ich es.“

„Und du bist gut. Allerdings müsstest du in der Wiederbelebung arbeiten.“

„Das habe ich verstanden.“

In der Ausbildung war es ihr noch schwergefallen, diesen Bereich betreten zu müssen, in dem ihre Mutter zwar nicht gestorben war, in dem Adele aber erfahren hatte, dass sie nie mehr die Gleiche sein würde. Janet hatte das gewusst und ihre Zeit dort so kurz wie möglich gehalten. Doch wenn Adele sich nun wirklich auf die Notaufnahme konzentrieren wollte, konnte sie nicht mehr mit Samthandschuhen rechnen.

„Bist du sicher, dass dir das nicht zu viel ist?“, hakte Janet nach.

„Bin ich.“ Adele hatte viel darüber nachgedacht. Sie erklärte Janet, was ihr inzwischen klar geworden war: „Meine Mutter war ja nicht nur dort, sondern auch im OP-Saal, in der Radiologie und auf der Intensiv. Aus irgendeinem Grund hat mich die Wiederbelebung am meisten getroffen, aber eigentlich erinnere ich mich hier doch überall an sie.“

„Wie geht es ihr inzwischen?“

„Unverändert.“ Adele lächelte angestrengt. „Sie ist in einem guten Pflegeheim, die Mitarbeiter sind toll, und ich gehe sie mindestens einmal täglich besuchen.“

„Das belastet dich bestimmt.“

„Es geht.“ Adele schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, ob sie weiß, dass ich da bin, aber sie soll niemals denken, ich würde sie vergessen.“ Janet wollte etwas sagen.

Dass Adele jahrelang jeden Tag mindestens einmal ihre Mutter besuchte, das musste anstrengend sein. Aber sie verstand auch, warum es Adele so schwer fiel, weiterzumachen. Sie wusste schließlich, was geschehen war.

Janet hatte an diesem Tag Schicht gehabt, und es kam die Nachricht herein, es habe einen Autounfall gegeben und fünf Verletzte seien aus den Fahrzeugen befreit worden.

Lorna Jenson, die auf dem Beifahrersitz des einen Wagens gesessen hatte, hatte schwere Verletzungen an Kopf und Brust. Der Fahrer des anderen Wagens war im Bauchbereich und am Kopf verletzt und musste wiederbelebt werden. Seine Frau und Tochter hatten kaum etwas abbekommen, waren allerdings hysterisch und schrien die ganze Abteilung zusammen.

Schließlich wurde Lorna Jenson in den Operationssaal geschoben, wo der Druck auf ihr Gehirn gelöst werden sollte. Janet trat auf Lornas Tochter zu, die achtzehn Jahre alt war und reglos auf ihrer Liege lag. Adeles blondes Haar war blutverklebt, ihr Gesicht weiß wie ein Laken. Mit ihren kobaltblauen Augen blickte sie ohne zu blinzeln an die Decke.

„Adele?“

Die junge Frau versuchte zu nicken, was wegen der starren Halskrause kaum möglich war. Janet drückte ihr kurz den Arm. „Phillip war schon hier, oder? Der beratende Arzt? Hat er mit dir über deine Mutter gesprochen?“

„Ja.“

Phillip hatte ihr also schon gesagt, wie schlecht es ihrer Mutter ging und dass die sehr reale Gefahr bestand, dass sie die Operation nicht überleben wurde.

Adele hingegen sah nicht so aus, als ob sie geweint hätte. Nun blickte Janet zu ihr hinab. „Sie wird gleich in den OP gebracht.“

„Wie geht es dem Mann …?“, fragte Adele.

„Tut mir leid, das darf ich dir nicht sagen.“

„Aber ich höre, dass seine Familie da draußen weint.“

„Ja.“

„Wie schlimm sind sie verletzt?“

„Tut mir leid, Adele, das darf ich dir auch nicht sagen, das sind vertrauliche Informationen.“

„Ich weiß“, erwiderte Adele. „Ich studiere Krankenpflege. Ich will nur wissen, ob er noch lebt.“

„Das ist nicht einfach für dich“, sagte Janet und drückte ihr noch einmal den Arm. Dennoch gab sie ihr keine Informationen. „Möchtest du deine Mutter vorher noch einmal sehen?“

Adele versuchte, sich aufzusetzen.

„Bleib einfach liegen“, beruhigte Janet sie. „Wir schieben dich so rüber. Ich kann dir den Kragen abnehmen, Phillip hat auf den Röntgenbildern gesehen, dass dein Hals in Ordnung ist.“

Vorsichtig nahm sie die Halskrause ab.

„Wie geht es dir?“

„Ganz gut“, sagte Adele. Janet war sich sicher, dass das nicht stimmen konnte. Sie hatte bestimmt Kopfschmerzen von dem Lärm, als die Feuerwehr das Autodach hatte aufschneiden müssen.

Janet hörte das Knacken eines Funkgeräts vor dem Vorhang, und ein Polizist fragte, ob er mit Adele Jenson sprechen könne.

„Einen Augenblick“, sagte sie zu Adele. Sie zog den Polizisten mit ans andere Ende des Flurs, sodass Adele sie nicht mehr hören konnte.

„Ich will sie gerade zu ihrer Mutter bringen. Kann das warten?“

„Natürlich“, sagte der Polizist. „Aber mit der anderen Fahrerin müssen wir unbedingt sprechen.“

„Fahrschülerin“, betonte Janet.

Der Polizist nickte.

Janet ging zurück zu Adele und schob sie hinüber zu ihrer Mutter. Zu diesem Zeitpunkt war sie sich ziemlich sicher, dass Lorna die Operation nicht überleben würde.

Doch das hatte sie.

Seitdem lag sie im Koma.

Ihre Tochter würde diesen schlimmen Tag bestimmt niemals vergessen können.

2. KAPITEL

„Was für ein Gewitter gestern“, sagte Janet.

„Allerdings“, antwortete Helene. „Ich habe Hayden eine Fahrstunde gegeben und musste ihn zwingen, anzuhalten.“

Adele hatte erneut Spätschicht, und sie saßen zu dritt im Schwesternzimmer. Doch die Fahrstunden von Helenes Sohn interessierten sie wirklich nicht. Sie konnte es einfach nicht mehr hören! Helene war vor einigen Monaten nach langer Elternzeit zurückgekommen und sprach über nichts anderes mehr als über ihre perfekte Familie.

„Bist du gut nach Hause gekommen, Adele?“, fragte Janet.

„Klar“, sagte Adele und warf einen Blick zu Zahir hinüber, der mit dem Rücken zu ihnen saß und sich am Computer Laborergebnisse ansah. Er trug die dunkelblaue Krankenhauskleidung und hatte die langen Beine von sich gestreckt. Sie dachte immer noch viel zu oft an ihn. „Ein netter Mann hat angehalten und mich mitgenommen.“

Sie sah, wie Zahir kurz innehielt, dann aber sofort weiter durch die Ergebnisse scrollte.

„Wer? Paul?“, fragte Janet. Sie wussten alle, dass Adele morgen eine Verabredung mit ihm hatte.

„Nur irgendein Mann. Ich hab dann herausgefunden, dass er aus der Geschlossenen ausgebrochen ist, aber das war nicht weiter schlimm. Er hatte ja seine Kettensäge nicht dabei.“

Janet lachte. Sie verstand Adeles leicht schrägen Humor. „Du bist also mit dem Bus gefahren.“

„Ja, ich bin mit dem Bus gefahren.“

Nach einigen Minuten Geplauder kamen sie auf Berufliches zu sprechen. „Adele, du musst langsam wirklich deinen Urlaub nehmen.“

Janet legte den Jahresplaner vor sie hin, und Adele runzelte die Stirn. „Wir sollen nicht immer so viel nach hinten verschieben. Du hattest noch keinen Tag Urlaub, seit du hier bist.“

„Luxusproblem“, sagte Helene.

„Wie wäre es mit September?“, schlug Adele vor. Dort waren noch einige freie Zeiten. Janet nickte und wählte zwei Wochen aus. „Vorher musst du dir aber auch schon vierzehn Tage auswählen.“

Jetzt war Mai. Die Sommermonate waren alle schon reserviert. Adele hatte vor einigen Wochen ihre geplanten Urlaubstage wieder zurückgenommen, als Helene ein Preisausschreiben gewonnen hatte und ihre perfekte Familie mit auf eine Seereise nehmen wollte.

„Die ersten beiden Juniwochen?“, schlug Janet vor. „Das geht noch.“

„Das ist ja schon in drei Wochen.“

„Da findest du noch etwas Preiswertes last minute“, sagte Janet. Sie berührte Adele kurz am Arm, stand auf und verließ den Raum.

„Weißt du schon, wo du hinwillst?“, fragte Helene.

„Überhaupt nicht.“

Selbst wenn sie es sich hätte leisten können, irgendwo hinzufliegen, hätte sie ihre Mutter nicht allein lassen wollen. Doch hierbleiben, ganz ohne die Routine, die ihr die Arbeit bot, wollte sie auch nicht. Ihr gefiel die Wohnung nicht, in der sie wohnte, und auch wenn sie es nicht gern zugab, wollte sie auch nicht mehr Zeit als sonst im Pflegeheim verbringen. Vielleicht könnte sie sich einen Aushilfsjob suchen und etwas zusammensparen, um endlich eine eigene Wohnung zu finden.

„Wie geht es Mr. Richards, Adele?“, fragte plötzlich Zahir. An Mr. Richards’ Akte hatte Adele gerade gearbeitet, bevor der Urlaub zum Thema geworden war.

„Ganz gut.“

„Und seine Werte?“

„Stabil.“

Mr. Richards’ Werte mussten alle dreißig Minuten gemessen werden und würden in … huch, in anderthalb Minuten fällig sein.

Das hatte Zahir dann wohl damit sagen wollen.

Als ob sie eine Erinnerung brauchte! Doch sie sagte nichts und stand auf.

Mr. Richards hatte eine instabile Angina. Während Adele ihn untersuchte, lächelte sie den alten Mann an, der sich unter seiner Decke zusammengerollt hatte und vor sich hin brummte, während sich die Manschette zum Blutdruckmessen aufblies.

„Ich will schlafen.“

„Ich weiß“, sagte Adele. „Aber wir müssen Sie momentan gut im Auge behalten.“

Sein Blutdruck war gestiegen, und sein Herz schlug zu schnell. „Haben Sie im Moment Schmerzen?“, fragte sie.

„Nein. Hätte ich auch nicht, wenn Sie mich einfach schlafen lassen würden.“

Adele wollte Zahir über die Veränderungen informieren, wurde jedoch von einer eleganten Frau aufgehalten. Ihr langes schwarzes Haar floss ihr über den Rücken, und sie trug ein dunkelblaues bodenlanges Kleid, das mit goldenen Blüten bestickt war. Um den Hals hatte sie eine eng anliegende Kette aus Gold, in deren Mitte ein riesiger Rubin prangte. Sie war die wunderschönste Frau, die Adele je gesehen hatte.

„Ich bin mit Zahir verabredet“, sagte sie würdevoll. „Bitte richten Sie ihm doch aus, dass ich warte.“

Normalerweise würde Adele fragen, mit wem sie sprach, aber diese Frau hatte etwas so Majestätisches an sich, dass sie sich unhöflich gefühlt hätte. Außerdem hatte sie vorhin gehört, dass Phillip die nächsten Stunden für Zahir übernehmen würde, da er und Dakan ihre Mutter zum Fünf-Uhr-Tee ausführen wollten.

Die Frau musste also seine Mutter sein – die Königin von Mamlakat Almas!

„Ich sage ihm Bescheid.“

Zahir saß immer noch im Schwesternzimmer und war allein. Er meldete sich gerade vom Computer ab.

„Zahir?“

Er drehte sich nicht um. „Ja?“

„Da ist eine Dame für dich. Wahrscheinlich deine Mutter.“

„Danke.“ Er stand auf. „Ich nehme sie mit in mein Büro. Wenn du Dakan siehst, sag ihm das bitte.“

„Ich wollte …“ Adele unterbrach ihn. „Ich wollte dir gerade sagen, dass Mr. Richards’ Blutdruck und Herzschlag erhöht sind.“

„Hat er Schmerzen?“

„Er sagt Nein. Er will nur schlafen.“

„Okay.“ Zahir warf einen Blick auf die Patientenakte. „Könntest du meine Mutter bitte in mein Büro bringen, damit sie dort wartet?“

„Klar. Wie rede ich sie denn an?“, rief sie hinter ihm her, aber er war schon verschwunden.

„Mein Name ist Leila.“

Adele drehte sich um und sah, dass Zahirs Mutter ihr durch die andere Tür auf die Schwesternstation gefolgt war.

„Entschuldigung“, sagte Adele und lächelte. „Kommen Sie bitte mit mir?“

Sie gingen durch die Abteilung. Leila sagte, wie schön es sei, in London zu sein und mit ihren Söhnen essen zu gehen.

„Hier ist alles viel weniger förmlich als zu Hause“, erläuterte sie. „Deswegen möchte ich auch meinen Titel nicht benutzen. Sonst starren mich immer gleich alle so an.“

Sie würden sowieso starren, dachte Adele. Leila war so unglaublich schön und schien neben ihr zu schweben.

„Ich hätte gedacht, Sie haben Bodyguards“, sagte Adele, und Leila lachte auf.

„Mein Fahrer ist als Bodyguard ausgebildet, aber er wartet draußen. Wenn meine Söhne in der Nähe sind, brauche ich keinen weiteren Schutz.“

„Zahirs Büro ist etwas versteckt“, erklärte Adele auf dem Weg durch die Beobachtungsstation. Da bemerkte sie, dass die Königin nicht mehr neben ihr ging. Adele drehte sich um und sah, dass sie stehen geblieben war und sich die Finger auf die Stirn drückte.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Adele.

„Mir ist nur ein wenig …“ Leila führte den Satz nicht zu Ende. Sie atmete tief ein, und Adele sah, wie blass sie war. „Könnten Sie mir die Toiletten zeigen?“

„Die sind gleich hier.“ Adele wies auf die Toiletten für die Mitarbeiterinnen. „Ich warte kurz auf Sie.“

Adele wartete. Und wartete.

Vielleicht musste sie sich nachschminken, überlegte sie. Aber Leila hatte wirklich blass ausgesehen. Ihr war bestimmt schwindelig gewesen. Sie wollte sie nur ungern stören. Sie war schließlich Zahirs Mutter und eine Königin.

Doch letztendlich war sie auch einfach nur eine Frau und Adele Krankenschwester. Sie begann sich zu sorgen. Sie drückte die Tür auf und sah sich um. Leila stand nicht am Waschbecken, um neues Make-up aufzutragen.

„Leila?“, rief Adele in die Stille.

„Bitte helfen Sie mir“, hörte sie Leila hinter der Tür einer Kabine.

„Ich bin schon da.“ Adele überlegte kurz und suchte nach einer Münze in ihrer Tasche, die sie von außen in das Schloss stecken konnte. Die Tür ließ sich öffnen.

„Meine Söhne dürfen nicht sehen, dass ich blute“, flüsterte Leila.

„Ich werde nichts sagen.“

Leila war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.

„Hängen Sie den Kopf zwischen die Knie“, sagte Adele. „Ist Ihnen das schon mal passiert?“

„Ein paar Male. Ich gehe zu einem Arzt in der Harley Street.“

Es war nicht gut, dass sie so sitzen blieb, falls sie ohnmächtig werden würde, aber Adele wollte sie auch nicht auf den Boden legen. Sie eilte zur Tür und versuchte gleichzeitig, Leila im Auge zu behalten. Im Flur sah sie zum Glück gleich Janet, die gerade eine Patientin in ein Zimmer führte.

„Janet!“ Adele winkte ihr zu und schloss die Tür wieder.

„Atmen Sie tief ein und aus“, sagte Adele, als sie sich wieder zu Leila hockte. Janet betrat den Raum.

„Das ist Leila, Zahirs Mutter“, sagte Adele. „Sie hat vaginale Blutungen.“

„Ich hole eine Trage.“

„Warte“, rief Adele Janet hinterher. „Sei vorsichtig. Sie will nicht, dass Zahir sie so sieht.“

Dann ging alles ganz schnell. Sie legten Leila auf die Trage und verabreichten ihr Sauerstoff. Adele breitete zwei Decken über sie, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen.

Natürlich war Zahir gerade mit Mr. Richards fertig und auf dem Weg in sein Büro.

„Was ist passiert?“, fragte er und warf Adele einen Blick zu, der besagte: Ich habe dich fünf Minuten mit ihr allein gelassen!

„Deine Mutter ist ohnmächtig geworden“, sagte Adele und verlangsamte ihre Schritte nicht.

Janet rief nach der diensthabenden Assistenzärztin: „Maria!“

„Ich kümmere mich selbst um meine Mutter“, sagte Zahir, als sie die angesteuerte Kabine erreichten. Adele stellte sich ihm in den Weg. Nun ja, er hätte leicht an ihr vorbeigehen können, so klein wie sie war, aber das würde sie nicht zulassen.

„Zahir“, sagte sie und sah zu ihm hoch. Das zweite Mal innerhalb der zwölf Monate, die sie sich kannten, trafen sich ihre Blicke.

„Lass mich durch.“

„Nein.“ Sie bewegte sich nicht. „Zahir, es gibt Dinge, von denen eine Mutter nicht will, dass ihr Sohn sie sieht.“

Er verstand offensichtlich und nickte kurz. „Okay.“

„Wir kümmern uns um sie.“

Es fiel ihm schwer, aber schließlich trat er einen Schritt zurück.

„Hältst du mich auf dem Laufenden?“

Sie nickte.

Arme Leila, dachte Adele, als sie sich die Schutzkleidung überzog und der Patientin den Blutdruck maß. Leila weigerte sich, ihren Schmuck abzunehmen.

Janet legte ihr eine Infusion, und Maria wies Adele an, welche Flüssigkeiten Leila bekommen sollte. Wenig später sah Zahirs Mutter bereits besser aus.

„Mir geht es schon eine Weile nicht gut“, erklärte sie schließlich. „Ich war letzten Monat in der Stadt, um meine Söhne zu sehen, aber auch, um mich untersuchen zu lassen. Morgen soll mir die Gebärmutter entfernt werden. Mein Mann soll davon aber nichts wissen.“ Sie atmete tief ein. „Ich hatte geplant, meinen Söhnen heute Nachmittag davon zu erzählen. So unangenehm es auch gewesen wäre.“

Maria fragte sie nach ihrer medizinischen Vorgeschichte, aber Leila blieb sehr vage.

„Wie oft waren Sie schwanger?“

„Ich habe zwei Kinder.“

„Und wie oft waren Sie schwanger?“, wiederholte Maria.

„Drei Mal.“ Adele sah, dass Leila eine Träne die Wange hinunterlief und in ihrem Haar verschwand. „Darüber möchte ich nicht sprechen.“

Maria sah Adele an, die nach Leilas Hand gegriffen hatte.

„Die Ärztin muss Ihre Vorgeschichte kennen, Leila“, versuchte Adele es. „Sie muss alles über Ihre Schwangerschaften und Geburten wissen und welche Probleme es gegeben hat.“

„Meine Gebärmutter hat mir viele Probleme gemacht. Mit Zahir bin ich ganz schnell schwanger geworden, aber er ist zu früh gekommen. Die Geburt war schwierig.“

Sie warteten, ob Leila noch mehr sagen würde. Sie schwieg.

„Und die nächste Schwangerschaft?“, hakte Adele nach.

„Bis dahin hat es fünf Jahre gedauert. Das war Dakan. Die Geburt war wieder schwierig. Er hatte so breite Schultern. Zwei Jahre darauf wurde ich noch einmal schwanger, aber mein Körper ist damit nicht fertiggeworden. Ich hatte zwar einen großartigen Heiler und einen speziellen attar, aber sie konnten beide nichts für mich tun.“

„Attar?“

„Der stellt die Kräutersude her, die der Heiler empfiehlt. Ich habe jeden Tag eine bestimmte Mischung genommen, aber mir ging es trotzdem nicht gut, und ich musste mich ständig übergeben.“

„In welcher Phase der Schwangerschaft war das?“, fragte Maria.

„Der Heiler meinte, ich hätte noch vier Monate“, sagte Leila. „Es wurde immer schlimmer, und ich habe darauf bestanden, ins Ausland in eine Klinik geflogen zu werden. Mein Mann und der Heiler waren dagegen, aber ich habe nicht aufgegeben. In Dubai haben sie dann gesagt, mein Blutdruck sei zu hoch und ich müsse das Kind gebären. Daraufhin habe ich meinen Mann angerufen, Fatiq, und der Heiler sagte, es sei zu früh und das Baby werde sterben, wenn es jetzt auf die Welt käme. Ich solle nach Hause kommen. Also ist Fatiq nach Dubai gekommen, um mich zu holen.“

Nun begann Leila richtig zu weinen.

„Aber da war die Geburt schon vorbei, und der Heiler hatte recht behalten. Ein paar Stunden nachdem mein Mann angekommen war, war unser Sohn tot.“

„Das tut mir so leid“, sagte Adele.

„Ich habe ein Bild von ihm.“

Sie zeigte auf ihre Tasche und Adele reichte sie ihr. Aus dem Geldbeutel zog Leila ein Foto, das sie mit einem winzigen Baby auf dem Arm zeigte.

„Wir haben ihn Aafaq genannt, das ist der Ort, an dem Erde und Himmel sich treffen.“

„Ein schöner Name“, sagte Adele. Neben der jungen Leila saß ein Mann, dem Zahir sehr ähnlich sah. Sie hielten das Baby gemeinsam.

„Und so ein schönes Kind“, sage Adele.

Die ganze Familie war schön, trotz der Schmerzen, die sie gerade erlitten hatten. Der König, der damals wohl so alt gewesen sein mochte, wie Zahir es heute war, hatte den Arm um seine Frau gelegt und sah auf seinen Sohn herunter. Die Trauer stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Wir sprechen nie von Aafaq“, sagte Leila seufzend, „und nie von dieser Zeit. Ich glaube, mein Mann gibt mir die Schuld, dass ich dem Heiler nicht geglaubt habe. Trotzdem liebt er mich natürlich. Ich würde so gerne mit ihm über unseren Sohn sprechen, unseren verlorenen Sohn. Aber es geht nicht. Aafaq würde nächsten Monat fünfundzwanzig Jahre alt werden, und ich vermisse ihn immer noch jeden einzelnen Tag.“

Adele hielt Leilas Hand weiterhin in ihrer eigenen, während Maria die Königin untersuchte. Ein Ultraschall zeigte eine Reihe von Uterusmyomen, und Maria erklärte Leila, was sie tun konnte.

„Wir haben einen Privatflügel, und ich kann mit dem Gynäkologen sprechen, Dr. Oman. Sie können sich aber auch in das Krankenhaus überweisen lassen, in das Sie sowieso gehen wollten. Allerdings glaube ich nicht, dass die Operation morgen stattfinden kann. Sie müssen sich erst ein paar Tage von der Blutung erholen.“

„Ich würde lieber hier bleiben“, sagte Leila. „Aber ich muss es mit meinem Sohn besprechen. Können Sie mit ihm reden, Maria? Er macht sich Sorgen, und mir ist es so peinlich.“

„Es muss Ihnen nicht peinlich sein“, sagte Adele. „Zahir ist Arzt. Er hat ständig mit so etwas zu tun.“

„Adele hat recht“, bestätigte Maria. „Darf ich Zahir sagen, dass die Operation schon geplant war?“

Leila nickte. „Aber sagen Sie ihm nicht, was ich Ihnen über Aafaq erzählt habe.“

„Werde ich nicht. Soll ich ihn zu Ihnen schicken, wenn wir gesprochen haben?“

„Ja, bitte.“

„Aber schau vorher selbst noch einmal kurz rein“, sagte Adele, bevor Maria ging. „Ich werde Leila helfen, sich etwas frisch zu machen.“

Adele holte alles, was sie brauchte, um Leila zu waschen und die Laken zu wechseln. Als sie wiederkam, starrte Leila noch immer auf das Foto, schob es dann jedoch in die Tasche zurück.

Es musste schwer für sie sein, dass sie nicht über ihren Sohn sprechen konnte. Ob Zahir überhaupt wusste, dass seine Mutter ein Kind verloren hatte?

„Wollten Sie Ihrem Mann später von Ihrer Operation erzählen?“, fragte Adele, während sie Leila wusch.

„Ja. Vielleicht hätte ich ihm sogar noch vorher Bescheid gesagt oder hätte es einen meiner Söhne machen lassen. Ich weiß, dass es schwer ist, unsere Sitten zu verstehen. Meist bin ich sehr dankbar, wie gut ich behandelt werde, aber manchmal reicht es eben nicht aus.“

So wie damals bei Aafaq, dachte Adele.

Bald sah Leila wieder besser aus.

„Danke, dass Sie sich um mich kümmern.“

„Gerne. Jetzt muss ich aber noch einmal Ihren Blutdruck messen.“

Da steckte Maria den Kopf herein, gefolgt von Zahir und Dakan, die beide besorgt aussahen. Zahir nahm seine Mutter in die Arme und sprach sanft auf Arabisch mit ihr.

„Du hättest mir sagen können, dass es dir nicht gut geht.“

„Ich wollte selbst damit fertigwerden.“

„Aber das musst du nicht. Du hast zwei Ärzte als Söhne.“

„Der Heiler scheint zu glauben …“

Zahir biss die Zähne zusammen.

„Zahir, sperr dich nicht gleich dagegen. Zuerst hat der Kräutersud geholfen, aber am Schluss nicht mehr. Genauso wie damals bei …“ Sie beendete den Satz nicht.

Zahir blickte seiner Mutter in die geröteten Augen und wusste, dass sie bestimmt zu ihren Schwangerschaften befragt worden war. Er wusste auch, dass er sie niemals danach fragen durfte.

„Als es nicht besser wurde, hat der Heiler gesagt, ich solle in London zu einem Arzt gehen.“

„Das hat er gesagt?“

„Ja, aber bitte sag das deinem Vater nicht. Ich will nicht, dass der Heiler Schwierigkeiten bekommt.“

Es war ein langer Nachmittag, der schließlich in den Abend überging. Dakan musste zurück auf seine Station, und Zahir kümmerte sich um seine Patienten, während er gleichzeitig seine Mutter im Auge behielt.

Dr. Oman kam und sprach mit ihr. Sie entschieden, dass sie in den Privatflügel verlegt werden und die Operation am Montag stattfinden würde.

„Jetzt bringen wir Sie erst einmal in ein gemütlicheres Zimmer, wo Sie sich ausruhen können.“

Auf dem Weg nach draußen sprach er mit Zahir.

„Sie wissen, dass ich mich bestmöglich um sie kümmern werde.“

„Natürlich. Danke.“

„Und machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Ich werde laparoskopisch vorgehen und sie nicht lange in der Narkose lassen.“

Zahir wusste, dass es eine Routineoperation war. Doch seine Mutter hatte dafür eine Reise von zehn Stunden auf sich nehmen müssen, weil zu Hause nicht einmal solche Eingriffe möglich waren.

Dakan kam erneut vorbei, und zusammen überzeugten sie ihre Mutter, dass König Fatiq noch heute informiert werden müsse. Sie stimmte schließlich zu.

„Aber geh nachsichtig mit ihm um“, sagte Leila. „Er macht sich bestimmt solche Sorgen um mich.“

Zahir nickte. Zu Beginn des Anrufs blieb er auch tatsächlich freundlich. Er wusste, wie sehr seine Eltern sich liebten und was für ein Schreck diese Nachricht für seinen Vater sein musste. Er erklärte ihm so gut wie möglich, was passiert war, und dass seine Mutter am Montag operiert werden würde.

„Nein“, sagte sein Vater. Zahir hörte die Angst in seiner Stimme. „Sie soll herkommen. Letztes Mal, als sie im Krankenhaus war …“

Diese Sätze sprach nie jemand zu Ende. Niemand sprach über dieses Thema.

„Zahir, wenn ihr etwas passiert …“

Fatiq meinte, der Heiler könne sie gesund machen, eine Operation sei nicht nötig.

„Sie muss operiert werden“, unterbrach Zahir ihn. Sie diskutierten eine Weile, drehten sich jedoch nur im Kreis. Zahir widerstand dem Drang, seinem Vater zu sagen, dass der Heiler diese Reise überhaupt erst vorgeschlagen hatte – was Zahir wirklich überrascht hatte. Doch es war eine positive Überraschung. Vielleicht würde es doch endlich Fortschritt geben.

„Sie ist bei einem der besten Chirurgen Londons in Behandlung“, sagte Zahir. „Ich sorge dafür, dass alles optimal verläuft. Ich rufe dich wieder an.“

Er legte den Hörer auf. Mit zwei Fingern übte er Druck auf die Nasenwurzel aus und atmete tief durch. Er war so wütend auf seinen Vater, der sich nicht um die Gesundheitsversorgung in seinem Land kümmerte. Diesen Kampf führten sie schon seit über zehn Jahren, und deshalb lebte Zahir auch in London.

3. KAPITEL

„Ist alles in Ordnung?“

So eine sanfte, angenehme Stimme. Er öffnete die Augen. In der Tür stand Adele. Zahir hatte gedacht, er hätte die Tür geschlossen. Es war ihm unangenehm, in einem solchen Moment gesehen zu werden.

„Heute wird doch nicht noch jemand aus der Familie Al Rahal in Ohnmacht fallen?“, fragte sie. Zahir musste lächeln.

„Nein.“

„Wir bringen deine Mutter jetzt in den Privatflügel.“

„Gut.“ Zahir sah auf die Uhr. „Und du hast gleich Feierabend. Danke für deine Hilfe.“

„Kein Problem.“

„Wer bringt sie hoch?“

„Ich. Deine Mutter hat darauf bestanden, und einer Königin wollte wohl niemand einen Wunsch abschlagen. Sie fragt, ob du mit ihrem Mann gesprochen hast.“

„Ja, sag ihr, dass er Bescheid weiß. Ich komme später zu ihr hoch. Zuerst muss ich mich noch um ein paar Patienten kümmern.“

Es dauerte ewig, bis Leila im Privatflügel untergebracht war. Sie war eine reizende Frau, aber sehr anspruchsvoll. Als Adele endlich alles so hergerichtet hatte, dass die Königin zufrieden war, war ihre Schicht schon lange vorbei, und sie war erschöpft.

„Wir sehen uns morgen“, sagte Leila, als Adele ihr eine gute Nacht wünschte.

Zahir war gerade ins Zimmer getreten, um nach seiner Mutter zu sehen.

Adele schüttelte den Kopf.

„Aber Sie haben gesagt, dass Sie morgen um sieben anfangen“, sagte Leila verwundert.

„Ja, aber ich arbeite in der Notaufnahme.“

Mutter und Sohn unterhielten sich lange auf Arabisch. Schließlich wandte sich Zahir an Adele.

„Sie fragt, ob du dich nicht um sie kümmern möchtest, aber ich habe ihr erklärt, dass das nicht geht.“

Jetzt sprach auch Leila wieder Englisch.

„Adele soll meine Krankenpflegerin werden.“

„Sie ist daran gewöhnt, alles zu bekommen, was sie sich wünscht.“ Zahir lächelte kühl und sprach auf Arabisch weiter. Als Adele sah, dass seine Mutter begann sich aufzuregen, sprach sie Leila direkt an.

„Leila, ich würde mich wirklich gern um Sie kümmern, aber die Gynäkologie ist nicht mein Fachgebiet, und ich bin morgen auch schon in der Notaufnahme eingeplant. Ich komme Sie aber gern besuchen.“

„Wirklich?“

„Sehr gern.“ Adele nickte. Sie ging oft ihre Patienten besuchen, die aus der Notaufnahme auf eine Station gebracht worden waren – und die waren meist nicht einmal so interessant wie Leila. „Ich komme einfach in der Mittagspause vorbei. Aber Sie müssen jetzt schlafen.“

Adele fuhr nach unten, zog sich im Umkleideraum die Arbeitskleidung aus und Jeans und T-Shirt an. Es war nach zehn Uhr, und sie hatte den Bus verpasst. Der nächste würde auf sich warten lassen. Doch das war schon öfter passiert.

Allerdings war es noch nie geschehen, dass der silberne Sportwagen, der sonst immer an ihr vorbeifuhr, an der Bushaltestelle zum Stehen kam. Das Fenster wurde geöffnet, und Zahir rief ihr zu: „Soll ich dich nach Hause fahren?“

Adele war immer noch beleidigt, wenn sie an gestern Abend dachte, aber es wäre albern gewesen, jetzt Nein zu sagen. Also setzte sie sich auf den Beifahrersitz.

„Hast du kein Auto?“, fragte Zahir.

„Ist in London nicht nötig.“

Das sagte sie immer, aber in Wahrheit hatte sie sich nach diesem schlimmen Tag nie mehr hinter ein Steuer setzen wollen. Schon der Gedanke daran verursachte ihr Übelkeit.

„Aber es wäre bequemer, als jeden Tag Bus zu fahren, oder?“

„Mag sein.“ Adele zuckte mit den Schultern.

Vielleicht konnte sie sich kein Auto leisten? Er hatte gehört, dass sie sparte, um eine neue Wohnung zu finden.

Er würde ihr eines kaufen!

Er seufzte innerlich. Ein Gedanke, der wie automatisch kam und ihm zeigte, wie in seinem Hirn zwei Kulturen aufeinandertrafen. Das war nämlich genau das, was seine Familie tun würde: ihr ein Auto kaufen, die Schulden zurückzahlen, ihr ihre Freundlichkeit zehnfach vergelten. Dabei würde er sie damit lediglich beleidigen.

Er hatte keine Schulden bei ihr, nur weil sie sich um seine Mutter gekümmert hatte.

Das war ihr Job. Sie war Krankenpflegerin. Eine sehr gute übrigens. Es war nicht ihre Schuld, dass er ihr gegenüber oft so streng war.

Sie faszinierte ihn. Sie war lustig und offen und gleichzeitig zurückgezogen. Stille Wasser sind tief, hatte er schon öfter gedacht.

Er hielt sich von Adele fern, weil sie der einzige Mensch war, dem er gern nahekommen würde. Doch das würde nur negative Folgen haben.

„Ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe heute“, sagte er.

„Ich hab nur meine Pflicht getan.“

„Ich weiß, aber damit hast du meiner Mutter sehr geholfen. Sie hätte sonst viel mehr Angst gehabt, so weit von zu Hause und niemand, mit dem sie reden konnte.“ Zahir zögerte. Er dachte an die geröteten Augen seiner Mutter. Sie hatte bestimmt geweint.

„Hat sie erwähnt, dass sie ein Baby verloren hat?“

Er warf Adele einen Blick zu. Sie runzelte die Stirn.

Leila hatte darum gebeten, Zahir nichts von dem kleinen Jungen zu erzählen, und sie hatte gedacht, dass Zahir gar nichts von ihm wusste. Doch nun rechnete sie nach. Zahir musste etwa sieben Jahre alt gewesen sein. Sie sagte nichts, und Zahir sprach weiter.

„Ich weiß nichts Genaues. Im Palast wird darüber nicht gesprochen. Ich weiß nur, dass sie ein Baby bekommen sollte und nach Dubai geflogen ist, mein Vater hinterher. Und als sie wiederkamen, wurde der kleine Aafaq in der Wüste begraben. Aber bis heute …“

„Darüber musst du mit deiner Mutter sprechen“, sagte Adele. Es fiel ihr nicht leicht, denn sie wusste noch genau, wie schlimm es war, keine Informationen zu bekommen. Janet hatte ihr damals nichts über den anderen Autofahrer gesagt, auch wenn sie es unbedingt hatte hören wollen.

„Tut mir leid.“

„Schon gut“, sagte Zahir. „Mir tut es leid, dass ich gefragt habe. Ich hoffe nur, dass sie Dr. Oman gegenüber offener war.“

Adele antwortete nicht.

„Hier.“ Adele zeigte aus dem Fenster, und er hielt neben einem großen Gebäude mit einem schmiedeeisernen Tor davor.

„Nochmal vielen Dank“, sagte er.

„Kein Problem. Danke fürs Mitnehmen.“

„Jederzeit“, sagte er automatisch.

Sie lachte laut auf. Ein Jahr lang war er an ihr vorbeigefahren. Gestern Abend war sie vollkommen durchnässt gewesen, und er hatte sie ignoriert. Es mochte vielleicht zickig sein, aber jetzt würde sie es trotzdem sagen. „Du meinst: jederzeit, wenn du das Gefühl hast, mir etwas zu schulden?“

Zahir sah wortlos geradeaus, aber die Knöchel seiner Hände, mit denen er das Lenkrad umklammerte, waren weiß vor Anspannung.

Natürlich sprach Adele von gestern Abend. Er war ja nicht blöd. Oder blind. Natürlich hatte er sie gesehen, und es hatte ihn viel Kraft gekostet, nicht anzuhalten.

„Gute Nacht, Zahir.“

Sie stieg aus und öffnete das Tor.

Das hier war nicht ihr Zuhause. Das hier war ein Pflegeheim. Adeles Mutter, das wusste er, war sehr krank, und sie besuchte sie oft.

Er hatte nie viel darüber nachgedacht, weil er versuchte, insgesamt nicht viel über Adele nachzudenken. Auch wenn er es gewollt hatte. Er wollte herausfinden, welche Gefühle er für Adele hegte. Denn eins war klar: Er wollte sie so sehr, wie er noch nie eine Frau gewollt hatte.

Doch er war schließlich Thronfolger und würde König werden. Er musste sich zusammenreißen, seine Gefühle für sich behalten und durfte sein Herz erst dann verschenken, wenn er heiratete.

Was hoffentlich bald geschehen würde. Denn eine Hochzeit war das letzte Verhandlungsargument, das er seinem Vater gegenüber hatte. König Fatiq wollte schon lange eine sogenannte Auswahlzeremonie veranstalten, bei der Zahir seine zukünftige Ehefrau aussuchen sollte. Es gab mehrere potenzielle Bräute, und die Verbindung sollte dem Land viele Vorteile bringen.

Aber Zahir hatte noch nicht zugesagt. Er würde sich nur dann für eine Frau entscheiden, wenn er das Gesundheitssystem des Königreichs vollständig erneuern durfte. Bislang hatte sein Vater sich dagegen gesperrt, aber mittlerweile war Zahir zweiunddreißig, und der König wollte seinen Sohn wieder bei sich im Land haben. Verheiratet.

Also ging Zahir in London keine engen Beziehungen ein. Er hoffte, dass sein Vater bald nachgeben würde und ihn zu sich rief, um ihn endlich das Gesundheitssystem reformieren zu lassen.

Doch Adele stellte ihn auf eine harte Probe. Sie war geradezu gefährlich.

Als er das letzte Mal in seiner Heimat gewesen war, hatte er sich in die Wüste begeben und dort nach einer Lösung gesucht. Früher hatte er für Aafaq gebetet, für eine bessere Beziehung zu seinem Vater und immer dafür, dass er seinen Untertanen bestens dienen könnte. Doch letztes Mal hatte er auch über Adele nachgedacht.

Es schien keine Lösung zu geben, und trotzdem hatte er um Hilfe gebeten, um eine Antwort.

Sei geduldig.

Mit der Zeit werden alle Fragen beantwortet werden.

Tu das, was am wichtigsten ist.

Also versuchte er sich in Geduld. Doch das war nicht einfach. Er sah zu, wie Adele auf die Klingel drückte. Bevor sie das Gebäude betrat, drehte sie sich noch einmal um und runzelte die Stirn.

Sie war überrascht, dass der Mann, der sie jeden Abend allein im Dunkeln an der Haltestelle stehen ließ, nun darauf wartete, dass sie in Sicherheit war. Sie ging den Flur zum Zimmer ihrer Mutter hinab.

„Hallo, Adele“, sagte Annie. Die Pflegerin hatte ihre Mutter gerade umgedreht, damit sie sich nicht wund lag, und lächelte Adele zu.

„Ziemlich spät heute“, gab Adele zu, „aber ich habe es heute Morgen nicht geschafft.“ Sie unterbrach sich selbst. Die Pflegerinnen sagten ihr immer, dass sie sich nicht entschuldigen musste, wenn sie nicht kommen konnte. Morgen hatte sie Frühschicht und am Abend war sie mit Paul verabredet.

Worauf sie sich nicht einmal freute.

„Hallo, Mum“, sagte Adele, setzte sich neben sie und griff nach ihrer Hand.

Die Nägel waren korallrot lackiert, denn Adele machte jede Woche ihre Maniküre und Pediküre. Das ehemals braune Haar war jedoch silbergrau geworden. Anfangs hatte Adele es immer noch nachgefärbt, aber das hatte sie inzwischen aufgegeben.

Oh, sie wusste, dass sie ihr eigenes Leben leben musste, aber es fiel ihr so schwer, ihre Mutter nicht zu besuchen, und das verstanden die Leute einfach nicht.

Ihre Mum war so ein lebendiger, offener Mensch gewesen. Sie hatte Adele allein aufgezogen, gleichzeitig gearbeitet und sogar noch jede Menge Freunde gehabt. Kurz nach dem Unfall waren alle gekommen, auch ihre Verwandten, hatten im Wartezimmer der Intensivstation gesessen und sie später hier besucht.

Doch mit den Jahren wurden es immer weniger. Nun erhielt sie hin und wieder eine Karte oder einen Brief. Adele las sie ihr vor und pinnte sie dann an die Wand über dem Bett. Ihre Tante kam zweimal im Jahr zu Besuch, aber ansonsten war Adele immer mit ihrer Mutter allein.

„Er hat mich endlich mitgenommen“, gestand sie. „Aber es war sehr unaufregend. Ich bin echt über ihn hinweg. Dieses Mal wirklich, Mum. Morgen Abend gehe ich mit Paul aus, einem der Sanitäter. Er hat mich schon ein paar Mal gefragt, und ich hab gedacht, ich gebe ihm einfach mal eine Chance. Wahrscheinlich werde ich aber nie jemanden so mögen wie Zahir.“

Wenn ihre Mutter ihr nur einmal die Hand drücken oder blinzeln würde. Wenn sie nur einmal zeigen könnte, dass sie wusste, dass Adele hier war.

„Mum, ich muss dir noch etwas sagen. Ich habe noch so viele Urlaubstage und habe überlegt, ob ich wegfliegen soll.“

Jetzt war es raus. Sie konnte wirklich nicht ewig so weitermachen. Sie zahlte für das Pflegeheim und hatte auch für die Anwaltskosten aufkommen müssen, als die Familie des anderen Unfallbeteiligten sie verklagt hatte. Sie hatte das Haus verkaufen müssen und lebte nun in der winzigen Wohnung zusammen mit Helga und James. Dann hatte sie auch noch ihr Studium um zwei Jahre verschieben müssen, während sie mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen hatte. Sie hatte seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Wochenenden und freie Tage waren immer mit anderen Sachen voll: Hausarbeiten für die Universität, Besuche bei ihrer Mutter, Arbeiten am Haus, bevor sie es verkaufen konnte, Anrufe bei Anwälten, Ärzten und Immobilienmaklern.

Als sie endlich den Platz im Pflegeheim gefunden hatte, hatte Adele ihren ersten Job in der Notaufnahme begonnen, und nun hatte sie das Gefühl, endlich einmal durchatmen zu können. Sie wollte eine Weile verschwinden und vielleicht dort um ihre Mutter trauern.

Natürlich würde sie sie weiter besuchen, dachte sie, als sie den kurzen Weg nach Hause lief. Aber sie musste eine Art Ausgleich finden.

Helga stand in der Küche und kochte etwas für sich und James. Die Musik dröhnte durch die Wohnung. Adele war so müde, dass sie sich aufs Bett warf und überlegte, wohin sie fahren könnte.

Griechenland? Das klang gut. Sie öffnete den Laptop und sah sich verschiedene Orte an. Dann stolperte sie über ein Sonderangebot: Südfrankreich. Oh je, aber das war teurer als erwartet.

Am nächsten Morgen sah sie auf dem Weg zur Bushaltestelle, dass eine Einzimmerwohnung zu vermieten war. Vielleicht sollte sie lieber dafür Geld ausgeben, als zwei Wochen Urlaub zu machen.

Im Krankenhaus lächelte sie Janet zu, die darauf wartete, dass alle für die Frühschicht eintrudelten. Die Übergabe würde nicht lange dauern, so leer wie es in der Notaufnahme aussah.

Zahir saß am Telefon und schien in der Warteschleife zu hängen. Er blickte missmutig.

„Wie läuft’s mit der Urlaubsplanung?“, fragte Janet.

„Ich hab was Schönes in Südfrankreich gesehen.“

„Oh là là“, sagte Helene, die zu ihnen trat. „Gehst du dann auch oben ohne baden?“

„Vielleicht“, antwortete Adele. „Und dazu ein netter Franzose …“

„Was ist mit Paul?“, warf Janet ein.

„Ach ja.“ Adele hörte selbst, wie wenig begeistert sie klang.

„Heute Abend ist dein Date!“, rief Janet. Adele verdrehte die Augen. „Wo geht ihr hin?“

„Keine Ahnung.“

Zahir versuchte, das Gespräch zu ignorieren. Warum sollte Adele auch nicht verabredet sein? Sie war schön, sie war wunderschön, und es ging ihn wirklich gar nichts an, was sie in ihrer Freizeit machte.

Allerdings war das hier keine Freizeit.

„Findet ihr es wirklich angemessen“, sagte er und knallte den Hörer auf die Gabel, „euch hier über oben ohne und eure Verabredungen zu unterhalten?“

„Ähm, Zahir.“ Janet wusste immer wieder ganz genau, wie sie auf ihn reagieren musste. „Es sind keine Patienten da. Ich komme mit meinen Krankenpflegerinnen schon zurecht, keine Sorge.“

Sie lächelte, und Zahir wandte sich ab.

Verdammt. Sie wusste ganz genau, dass er Adele mochte.

4. KAPITEL

Der Vormittag war schnell vorüber, und in der Mittagspause löste Adele ihr Versprechen ein und ging Leila besuchen.

Adele war erleichtert, Leila aufrecht im Bett sitzen zu sehen. Sie war auch nicht mehr so blass und hatte sich das Haar hochgesteckt. Selbst im Krankenhaushemd sah sie umwerfend aus.

„Sie sehen schon viel besser aus.“

„Mir geht es auch besser. Danke für Ihre Hilfe gestern. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was sonst hätte passieren können. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir wären schon beim Tee gewesen.“

„So sollten Sie nicht denken.“ Adele lächelte.

„Das fällt mir schwer.“ Leila seufzte. „Hier gibt es ja sonst nichts zu tun. Wie schön, dass Sie gekommen sind. Ich bin normalerweise immer beschäftigt. Es ist so frustrierend, im Bett liegen zu müssen. Zahir und Dakan waren natürlich hier, und die Krankenschwestern sind auch sehr nett, aber mir ist trotzdem langweilig.“

„Kommt denn Ihr Ehemann? Weil er doch jetzt weiß, dass Sie operiert werden?“

Leila schüttelte den Kopf.

„Er mag keine Krankenhäuser.“

Kein Wunder, dass sie sich einsam fühlte.

„Er wollte eine Dienerin schicken, aber ich habe es ihm ausgeredet. Dakan holt mir meine Stickarbeit aus dem Hotel. Dann habe ich etwas zu tun.“

Es war so angenehm, mit Leila zu sprechen. Sie war das genaue Gegenteil von Zahir, der wohl eher nach seinem Vater kam. Leila hingegen war genauso offen und freundlich wie Dakan.

„Haben Sie am Wochenende frei, Adele?“

„Ja, aber danach habe ich wieder vierzehn Tage Schicht.“

„Das ist bestimmt anstrengend.“ Leila musterte sie, und Adele wusste, dass sie dunkle Augenringe hatte. „Dabei sehen Sie jetzt schon so müde aus.“

„Bin ich auch.“ Das gab sie nicht nur Leila gegenüber zu, sondern auch vor sich selbst. Die letzten Jahre waren wirklich anstrengend gewesen, und Janet hatte recht: Sie musste sich freinehmen. „Ich habe zum Glück bald Urlaub.“

„Das ist gut. Fahren Sie weg?“

„Weiß ich noch nicht. Darüber werde ich mir am kommenden Wochenende Gedanken machen.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile, und Adele erwähnte, dass sie am Abend eine Verabredung hatte.

„Das erste Date?“ Leila strahlte.

„Ich freue mich aber gar nicht besonders“, gab Adele zu. „Ich habe schon überlegt, ob ich absagen soll, aber mir ist noch keine gute Ausrede eingefallen.“

„Was halten Ihre Eltern von dem jungen Mann?“

„Sie …“ Adele hielt inne. „Ich glaube, Sie haben eine andere Einstellung zu einem ersten Date als ich, Leila. Wir gehen erst einmal nur essen.“

„Natürlich.“ Leila nickte. „Als ich zum ersten Mal mit Fatiq ausgegangen bin, waren wir schon verheiratet.“ Sie lachte.

„Haben Sie ihn vor der Hochzeit überhaupt nie gesehen?“

„Doch, zwei Monate vorher gab es diese Auswahlzeremonie. Ich wusste schon, dass er mich wählen würde – oder hoffte es zumindest. Schon als ich ein kleines Mädchen war, habe ich immer gewusst, wen ich heiraten werde. Allerdings habe ich ihm gesagt, dass ich ihn nur unter bestimmten Umständen nehmen würde.“

Sie tippte auf den Rubinstein an ihrer Kette. Wahrscheinlich hatte sie ihm gesagt, dass sie immer einen gewissen Grad an Luxus verlangen würde.

„Also, ich glaube nicht, dass ich Paul heiraten werde“, gab Adele zu. „Ich weiß ja nicht einmal, wie ich das Essen hinter mich bringen soll.“

„Ihre Eltern haben ihn also noch nicht kennengelernt?“

Adele schüttelte den Kopf.

„Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch ganz klein war. Seitdem habe ich meinen Vater nicht mehr gesehen.“

„Und Ihre Mutter?“

„Sie hatte einen Unfall. Sie ist in einem Pflegeheim, wo ich sie jeden Tag besuche.“

„Und nun besuchen Sie auch noch mich!“

„Aber das mache ich doch gern.“ Plötzlich musste Adele die Augen schließen, weil sie die Tränen aufsteigen spürte. Adele weinte nie. Aber sie hatte sich auch noch nie so weit an die Wahrheit herangewagt, und die lautete: Sie ging ihre Mutter nicht gern besuchen. Leila nahm Adeles Hand. Das kam überraschend und war umso netter, wenn man bedachte, was Adele gerade zugegeben hatte.

„Sie spricht nicht, sie reagiert nicht auf mich“, erklärte sie Leila. „Sie ist nur noch eine Hülle. Wahrscheinlich weiß sie nicht mal, dass ich da bin.“

„Aber Sie wissen, dass Sie für Ihre Mutter da sind“, sagte Leila. „Das ist das Wichtigste.“

Endlich verstand sie jemand! Familie, Freunde und Kollegen rieten Adele ständig, sich mehr Ruhe zu gönnen. Selbst die Pflegerinnen im Heim meinten, dass sie nicht jeden Tag vorbeikommen müsse.

„Ich mache mir Sorgen, was passiert, wenn ich in Urlaub fahre“, sagte sie.

„Darf ich Ihnen ein Geheimnis verraten?“, fragte Leila. „Ich würde auch gern Urlaub machen. Ich liebe mein Land und die Menschen, aber es gibt so viele Regeln.“ Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. „Es muss immer ein Mitglied der Königsfamilie im Land sein. Fatiq war schon König, als wir geheiratet haben, deswegen hatten wir nie Flitterwochen. Wenn wir heute aus offiziellen Gründen verreisen müssen, kann einer unserer Söhne einspringen, meist Zahir. Aber sie haben beide hier genug zu tun und kommen nur nach Hause, wenn sie es müssen. Ich glaube, ein Urlaub würde mir guttun. Ich träume schon lange davon, mit meinem Mann alleine Zeit zu verbringen, aber ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird. Deswegen, Adele, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Danach wird es Ihnen besser gehen und Sie können sich wieder um Ihre Mutter kümmern.“

Das waren weise Worte, die Adele bei ihrer Entscheidung helfen würden.

„Ich muss wieder los“, sagte sie. Die beiden Frauen verabschiedeten sich, und Adele wünschte Leila alles Gute für die Operation am Montag.

„Wahrscheinlich wollen Sie danach erst einmal keine Besucher empfangen, aber ich sehe Dienstagmorgen nach Ihnen, wenn meine Schicht vorbei ist.“

„Das würde mich freuen. Und Ihnen viel Vergnügen heute Abend.“

Tatsächlich lief die Verabredung besser, als Adele befürchtet hatte. Paul war nett, und es gab nichts an ihm auszusetzen. Trotzdem kribbelte es nicht.

Überhaupt nicht. So beendeten sie den Abend auch ohne Kuss.

Montagnachmittag lag Adele im Bett, um vor ihrer Nachtschicht noch etwas zu schlafen.

Da begannen Helga und James einen lauten Streit. Schon wieder! Adele hatte sich die Einzimmerwohnung angeschaut, aber sie war nicht die Einzige gewesen. Trotzdem hatte sie eine Bewerbung eingereicht und hoffte nun, dass sie ausgewählt werden würde.

Oh, Leila hatte so recht: Adele brauchte Urlaub.

Nur noch zwei Wochen. Danach wartete die große, weite Welt auf sie.

Adele seufzte. Sie griff nach ihrem Laptop und sah nach, wie viel Geld sie noch auf dem Konto hatte. Bei Weitem nicht genug. Dennoch träumte sie weiter von Griechenland und Südfrankreich. Da sprang ihr eine Anzeige für exotische Flitterwochen ins Auge.

Was sollte sie denn damit anfangen, wenn sie nicht einmal ein zweites Date mit Paul wollte? Er hatte angerufen und vorgeschlagen, gemeinsam ins Kino zu gehen, aber Adele hatte abgelehnt.

Es war der Ort, der sie auf das Flitterwochenangebot hatte aufmerksam werden lassen.

Mamlakat Almas.

Daher kam Zahir.

Adele klickte auf den Link und war sofort hin und weg.

Der Name bedeutete „Königreich der Diamanten“.

Es sah beeindruckend aus. Adele schaute sich ein kurzes Video an, das aus der Luft gefilmt worden war. Das Meer leuchtete azurblau, und die Strände waren weiß und endlos. Von kurzen Unterhaltungen mit Dakan und von dem einen oder anderen Kommentar, den Zahir jemand anderem gegenüber hatte fallen lassen, hatte sie geglaubt, ihr Heimatland bestünde nur aus uralten Gebäuden und Wüste. Das zeigte der Film zuerst auch – Sanddünen, Kamelkarawanen und Beduinenstämme, farbenfrohe Suq-Märkte. Doch die Skyline der Hauptstadt sah mit ihren Hochhäusern, die in der Sonne golden schimmerten, ganz modern aus.

Am schönsten von allem war jedoch Qasr Almas.

Der Diamantenpalast.

Er war unheimlich eindrucksvoll: ein imposantes weißes Gebäude mit Strand und Ozean auf der einen Seite sowie den ersten Ausläufern des endlosen Wüstensands auf der anderen.

Der Palast war mit Edelsteinen verziert, mit Rubinen, Smaragden, Saphiren und Diamanten.

Adele bekam Fernweh. Sie wollte plötzlich so gern durch die Suqs spazieren und die Wüste erleben.

In den Kommentaren waren sich alle einig, dass sie noch nie eine so beeindruckende Reise gemacht hätten. Das Land habe etwas Magisches an sich, schrieben viele, und sei das perfekte Ziel für die Flitterwochen oder zumindest einen romantischen Urlaub zu zweit.

Doch dann entdeckte Adele die ersten negativen Kommentare, und auch sie waren sich gewissermaßen einig.

Passt auf, dass ihr nicht krank werdet!

Bringt eure eigenen Medikamente mit!

Auch in dieser Hinsicht hatte Dakan schon einmal etwas erwähnt. Dennoch – Adele wollte das alles so gern selbst erleben.

Aber nun musste sie schlafen. Es war schlimm genug, wenn sie tagsüber arbeiten musste, denn ihre Mitbewohner feierten gern abends Partys, selbst unter der Woche. Aber tagsüber zu schlafen, das war nahezu unmöglich, da ständig Türen knallten und Stimmen laut wurden. Nach kurzer Zeit wachte Adele wieder auf, als jemand den Fernseher einschaltete und Helga und James Abendessen kochten.

Adele war schon so müde, noch bevor ihre Schicht überhaupt begonnen hatte. Das würde eine lange Nacht werden.

Zahir hatte auch schon schönere Tage erlebt.

Er war froh, dass die Operation seiner Mutter problemlos verlaufen war, aber gleichzeitig wütend, dass es überhaupt so weit hatte kommen müssen: In seiner Heimatstadt gab es nur ein einziges, kleines Krankenhaus. Mehrere Architekten arbeiteten auf Zahirs Auftrag hin an einem Plan für eine neue Klinik, doch sein Vater legte ihm immer wieder Steine in den Weg.

Das gesamte Gesundheitssystem von Mamlakat Almas musste von Grund auf erneuert und rundum verbessert werden. Das war für Zahir und Dakan gleichermaßen ein Grund gewesen, Medizin zu studieren. Sie wollten wissen, welche Veränderungen notwendig waren und wie man sie umsetzen konnte. Doch ihr Vater weigerte sich noch immer, Fortschritt zuzulassen. Er führte immer neue Gründe an, warum das Krankenhaus nicht gebaut werden konnte.

Zahir reichte es.

Seine eigene Mutter hatte in ein anderes Land reisen müssen, um richtig behandelt werden zu können.

Dr. Oman berichtete ihm, dass alles gut gegangen sei.

„Aber es wundert mich, dass sie so lange damit gewartet hat“, sagte er.

Er blickte auf seine Mutter hinab, die immer noch müde von der Betäubung war. Sie hatte sicherlich lange mit sich gerungen.

Schlecht gelaunt ging er nach seinem Besuch bei Leila zurück in die Notaufnahme. Dort wurde seine Laune nicht besser: Eine Frau kam mit einem großen Blumenstrauß herein und sagte einer der Krankenschwestern, dass die Lieferung für Adele Jenson sei.

„Adele ist erst heute Abend wieder hier“, sagte die Kollegin und nahm der Frau die Blumen ab. „Aber ich kümmere mich darum.“

Als die Lieferantin wieder weg war, ging die Diskussion los: Wer hatte diesen riesigen Strauß geschickt?

„Sie hatte doch Freitag das Date mit Paul“, sagte eine der Krankenschwestern.

Zahir wollte nicht weiter darüber nachdenken, aber die Blumen schienen ihn zu verfolgen. Als er im Schwesternzimmer seine Notizen überprüfte, standen sie dort. Als er später am Nachmittag erneut bei seiner Mutter vorbeigesehen hatte und zurück in die Mitarbeiterküche kam, stand der Strauß dort auf der Anrichte.

Er flüchtete in sein Büro, um seinen Vater anzurufen, den König.

Eine Weile saß er hinter seinem Schreibtisch und überlegte. Es ging ihm so viel im Kopf herum. Die Verwaltung sagte, er müsse bald seinen neuen Vertrag unterschreiben, und er verstand natürlich, dass sie gern so bald wie möglich Bescheid wissen wollten.

Aber Zahir musste nach Hause – und nicht nur für einen kurzen Besuch. Vielleicht sollte er es dieses Mal auf einen richtigen Streit mit seinem Vater ankommen lassen, damit das Krankenhaus endlich gebaut würde.

Allerdings gab es noch einen Grund, weshalb er den neuen Vertrag noch nicht unterzeichnet hatte, und dieser Grund hieß Adele.

Er wusste noch genau, wo er sie zum ersten Mal gesehen und wie er sich gleich zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Normalerweise ließ er sich von nichts ablenken, wenn er gerade einen Patienten behandelte. Doch ihr war es gelungen.

Er hatte in ihre kobaltblauen Augen geblickt, und Janet hatte erklärt, dass Adele zu einem Vorstellungsgespräch da war. Zahir hatte sich gewünscht, dass sie die Stelle nicht bekommen würde, so anziehend fand er sie. Noch bevor sie überhaupt ein Wort gewechselt hatten, wäre es ihm lieber gewesen, sie nie kennengelernt zu haben. Doch natürlich hatte sie den Job bekommen, und zwei Wochen später hatte er das Schwesternzimmer betreten, wo sie mit Janet stand und lachte.

„Zahir“, sagte Janet. „Das ist Adele. Sie hat gerade ihr Studium beendet.“

„Hallo“, sagte er knapp und nickte ihr zu.

„Hi!“ Sie strahlte zurück.

„Adele hat ihr Praktikum bereits hier gemacht“, erklärte Janet, „und kennt sich deswegen schon aus.“

Zahir war ihr, wann immer möglich, aus dem Weg gegangen. Er hatte um erfahrene Kolleginnen gebeten, hatte ihren leicht schrägen Humor ignoriert und sie nie angelächelt. Stattdessen ging er mit den intelligentesten Schönheiten der Stadt aus und sagte ihnen von Anfang an, dass er kein Interesse an einer Beziehung hatte.

Momentan war es Bella.

Doch das würde nicht mehr lange gehen, und Bella schien es schon zu ahnen. Dieses Wochenende hatte er als Entschuldigung seine kranke Mutter vorgebracht, aber nun hatte Bella für nächste Woche Theaterkarten gekauft.

Er musste vorher Schluss machen.

Denn bald würde er eine Frau heiraten, die als angemessen für ihn galt.

Natürlich würde er um seine Meinung gefragt werden, aber bei dieser Frau spielte es keine Rolle, wie ihm ihr Humor gefiel und ihr ansteckendes Lachen oder die Tatsache, dass er sich jedes Mal zu ihr umdrehen wollte, wenn er auf dem Korridor ihren frischen Duft wahrnahm.

Um eine zukünftige Königin auszuwählen, musste man logischer vorgehen, rationaler. Vielleicht würde ihr Land eine große Armee haben, sodass eine enge Verbindung dorthin günstig war. Adele hingegen hatte vermutlich keine Soldaten zu bieten, und deswegen hatte er sich von Anfang an gegen sie gewehrt, wollte sich nicht zu ihr hingezogen fühlen.

Jedes Mal, wenn er im Laufe des letzten Jahres an ihr vorbeigefahren war, während sie dort allein an der Bushaltestelle stand, hätte er am liebsten mit quietschenden Reifen angehalten, um sie zu bitten, einzusteigen. Nicht, um sie nach Hause zu fahren – sondern um sie mit in sein Bett zu nehmen.

Sie langsam und zärtlich zu lieben.

Einmal, neulich erst, hatte er fast angehalten, aber wie sie dort stand, in diesem kurzen, nassen Kleid, das war zu gefährlich gewesen. Sie war eine Gefahr für all seine Sinne. Der Scheich in ihm hatte ihm schließlich befohlen, aufs Gas zu treten.

Vielleicht wurde es also Zeit zu gehen, bevor er die Kontrolle über sich verlor.

Aus ihnen konnte nichts werden. Er musste sich von ihr fernhalten.

Zahir atmete tief ein, griff nach dem Telefon und wählte die Nummer seines Vaters.

„Ich komme gerade von einem Besuch bei der Königin“, teilte er ihm förmlich mit. „Es geht ihr sehr gut.“

„Wann kann sie nach Hause kommen?“, fragte der König.

„Dafür ist sie noch nicht fit genug“, antwortete Zahir. „Ich habe mit Dr. Oman gesprochen, und er meint, dass sie mehrere Wochen warten sollte, bevor sie wieder in ein Flugzeug steigt. Da sie ja aber mit dem Privatjet fliegt, dauert es wahrscheinlich nicht ganz so lange. Ich werde sie natürlich begleiten.“ Er sammelte kurz seinen Mut. „Ich werde übrigens meinen Vertrag hier im Krankenhaus nicht verlängern. Ich komme nach Hause, um mich dort um die neue Klinik zu kümmern. In den nächsten Wochen sind Gespräche mit Architekten geplant, und ich werde jemanden auswählen, der unsere Traditionen respektiert, aber trotzdem neue Ideen hat. Sobald ich ankomme, werde ich damit beginnen.“

„Ohne meine Erlaubnis wirst du gar nichts beginnen.“

„Es sind schon viel zu viele Leute gestorben“, argumentierte Zahir. „Nur weil du alles verzögerst, ist deine eigene Ehefrau zusammengebrochen. Sorgst du dich denn gar nicht um deine Untertanen?“

„Ich bin der König.“

„Und ich bin der Kronprinz. Ich weigere mich, zu warten, bis du gestorben bist, um unser Land zu verbessern. Ich komme mit der Königin zurück, und wir werden die Dinge verändern.“

„Lass uns nicht jetzt darüber sprechen, Zahir. Nicht, wenn ich mir solche Sorgen um meine Frau mache.“

„Nein“, unterbrach Zahir ihn. „Du kannst nicht länger die Augen davor verschließen, dass es so viele neue Möglichkeiten gibt. Was wäre geschehen, wenn die Königin woanders zusammengebrochen wäre, nicht, als sie mich besuchen war? Wenn es bei einem offiziellen Essen gewesen wäre oder einer Parade? Zum Glück ist es hier im Krankenhaus passiert.“

Zahir stieß die Luft aus. Er mochte selbst nicht darüber nachdenken, wie seine Mutter sich in solch einem Fall geschämt hätte. Er war Adele sehr dankbar, dass sie so rücksichtsvoll vorgegangen war.

Adele. Immer wieder dachte er an sie.

Selbst jetzt noch musste er lächeln, als er daran dachte, wie sie ihm den Weg versperrt hatte, damit er nicht in das Behandlungszimmer trat.

Doch dann konzentrierte er sich schnell wieder auf das Gespräch mit seinem Vater.

„Wir werden uns darüber unterhalten, wenn ich zu Hause bin“, sagte Zahir. „Jetzt weißt du jedenfalls erst einmal, dass sie sich erholt und medizinisch bestens versorgt wird.“

„Wenn du zurückkommst, werden wir die Auswahlzeremonie abhalten, und du wirst heiraten.“

„Du weißt, was ich davon halte“, sagte Zahir. „Ich werde nur dann heiraten und Kinder bekommen, wenn ihre medizinische Versorgung gesichert ist.“

Er legte auf. Einige Patientinnen warteten noch auf ihn, bevor er schließlich die Mitarbeiterräume betrat. Dort standen auf dem Tisch wieder diese verdammten Blumen, die ihn verfolgten. Jemand hatte ein Kärtchen davor gestellt und „Adele“ darauf geschrieben, ein Herz mit einem Pfeil und eine Reihe von Fragezeichen daneben gemalt.

Zahir wollte es gar nicht wissen.

Fünfzehn Minuten vor Schichtbeginn betrat Adele die Mitarbeiterräume. Ihr Blick fiel zuerst auf den schlafenden Zahir, der ausgestreckt auf dem Sofa lag, den Mund leicht geöffnet. Er hatte sich nicht rasiert, aber ihr gefiel es so. Dann sah sie jedoch den Blumenstrauß und den Zettel mit ihrem Namen daneben. Sie seufzte leise. Nicht eine Sekunde lang wagte sie zu träumen, dass die Blumen von Zahir waren. Beklommen öffnete sie den Umschlag und las die Nachricht.

Adele,

danke für den schönen Abend. Ich hoffe, wir wiederholen das bald.

Paul x

Anders als bei ihrem Date hatte er mit dem x einen Kuss ans Ende gesetzt.

Als Zahir sich bewegte, sah sie zu ihm hinüber. Wie es wohl wäre, neben ihm aufzuwachen?

„Du hast Blumen bekommen“, kommentierte er unnötigerweise.

„Ja.“

Nicht von dir. Von dir bekomme ich nie etwas. Nicht einmal ein Lächeln.

„Wie geht es deiner Mutter?“

„Gut.“ Zahir streckte sich. „Die Operation war problemlos.“

„Das ist gut“, sagte sie höflich, um zu überspielen, wie ihr heiß wurde, allein weil sie sah, wie er sich streckte. Ein ganzer Abend mit köstlichem Essen und Wein und dem gut aussehenden Paul hatte nicht dazu geführt, dass ihr wenigstens nach einem Kuss gewesen war. Dafür wollte sie am liebsten sofort zu Zahir eilen und sich auf seinen Schoß setzen.

Sie hatte noch nie mit jemandem geschlafen, aber sie fühlte, wie etwas sie zu ihm zog, wie sie sich über ihn beugen und seinen Schmollmund küssen wollte.

Er setzte sich auf. Gott sei Dank.

„Meine Mutter meinte, du hast sie besucht und gehst heute noch mal zu ihr.“

„Ja, ich dachte, weil sie hier so allein ist.“

Zahir unterbrach sie.

„Ich weiß das sehr zu schätzen.“

Dann stand er auf und verließ den Raum. Was er sagte und wie er sich verhielt – es passte einfach nicht zusammen. Trotzdem wollte sie sich ja nicht um Leila kümmern, um ihm einen Funken Dankbarkeit zu entlocken. Sie mochte Leila und unterhielt sich gern mit ihr. Adele vermisste es, mit ihrer eigenen Mutter zu sprechen.

Zahir ging nach Hause, und Adele blieb ohne ihn in der Notaufnahme zurück. Es wurde eine lange Nacht. Am Morgen wollte Adele nur noch schlafen, doch sie erinnerte sich an das Versprechen, das sie Leila gegeben hatte.

„Vergiss deine Blumen nicht“, rief Janet ihr hinterher.

Verdammtes Gestrüpp! Doch vielleicht würde es sich in Leilas Zimmer gut machen.

„Blumen!“, rief Leila. Sie trug einen wunderschönen Bademantel und dazu all ihren Schmuck. Erneut sah sie einfach großartig aus. Sie lächelte und wischte sich schnell mit einem Taschentuch über die Augen.

„Das ist so nett von Ihnen!“

„Ach, nein“, gab Adele zu. „Die hat mir der Mann geschickt, mit dem ich Freitag aus war.“ Sie verdrehte die Augen.

„Erzählen Sie mir davon!“

Adele berichtete ihr von ihrem Abend.

„Ist nicht gut gelaufen.“

„Warum nicht?“

Weil Paul nicht Ihr sexy Sohn ist!

„Es hat einfach nicht gepasst“, sagte Adele. „Ich wollte dauernd auf mein Handy gucken. Kein gutes Zeichen, oder?“

Leila lachte.

„Am Wochenende hat er dann angerufen und gefragt, ob wir noch mal ausgehen. Aber ich habe Nein gesagt. Das hat er wohl nicht verstanden. Die Blumen sind von ihm. Ich will nur ungern damit Bus fahren, deswegen dachte ich, dass sie Ihnen vielleicht gefallen.“

„Sehr sogar.“

Doch sie waren nichts anderes als eine Schneeflocke in einem Schneesturm, dachte Adele, als sie sich umsah. Überall standen Blumen.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte sie Leila.

„Gestern Abend hatte ich ziemliche Schmerzen, aber jetzt bekomme ich andere Medikamente, und mir geht es viel besser. Gerade habe ich den ersten Schluck Tee getrunken. Dr. Oman sagt aber, es dauert noch einige Tage, bis ich zurück ins Hotel kann.“

„Sie tragen Ihren Schmuck.“

Leila nickte.

„Ich war ganz bestürzt, als sie gesagt haben, ich müsse ihn für die Operation ablegen. Ich habe darauf bestanden, dass sie ihn mir im Aufwachraum anlegen, bevor ich wieder wach werde.“

Adele lächelte.

„Adele“, sagte Leila. „Ich habe nachgedacht.“

„Worüber?“

„Nun, ich brauche eine persönliche Pflegerin, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie es wären.“

„Ich habe aber doch die nächsten zwei Wochen Nachtschicht.“

„Nein, ich meine nicht im Hotel. Ich meine auf dem Flug nach Hause. Sie haben doch gesagt, Sie wollen Urlaub machen.“

Adele sah offensichtlich sehr erschrocken aus.

„Ich werde Sie auch nicht die ganze Zeit brauchen und herumkommandieren“, versuchte Leila sie zu beschwichtigen. „Ich würde mich nur sicherer fühlen, wenn ich wüsste, dass ich die ersten paar Tage zu Hause eine Krankenschwester in der Nähe habe. Und dann könnten Sie machen, was Sie möchten. Sie bekommen einen eigenen Flügel im Gebäude, mit einem Privatstrand vor der Tür. Und natürlich zahlen wir gut.“

„Leila …“ Adele wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war verblüfft und fühlte sich geehrt. Je mehr sie darüber nachdachte, umso begeisterter war sie. Etwas kribbelte in ihr, das sie viel zu lange nicht mehr verspürt hatte: Abenteuerlust!

An Zahir dachte sie gar nicht. Nicht in diesem Moment. Er würde schließlich hierbleiben und arbeiten. Dieses Abenteuer hatte nichts mit ihm zu tun, sondern nur mit einer Reise an einen so aufregenden exotischen Ort. Es wäre ein Arbeitsurlaub, aber das war sogar noch besser. Denn so musste sie sich nicht zwischen neuer Wohnung und Urlaub entscheiden – sie konnte beides haben.

Doch wie gewonnen, so zerronnen.

„Guten Abend, Zahir!“

Adele, die sich auf die Bettkante gesetzt hatte, sprang auf. Zahir trug einen Anzug. Gleich würde er sich vermutlich wieder seine Dienstkleidung anziehen, aber momentan sah er wunderschön aus, frisch geduscht. Sein Duft verdrehte Adele so den Kopf, wie es all die Blumen nicht gekonnt hatten.

„Ich habe gerade zu Adele gesagt, dass ich eine persönliche Pflegerin brauche, und da sie bald Urlaub hat …“

„Ich kümmere mich um eine Pflegerin“, unterbrach Zahir sie barsch.

„Du musst dich um gar nichts kümmern“, sagte Leila. „Ich möchte gern, dass Adele …“

„Adele ist eine unerfahrene Krankenschwester aus der Notaufnahme. Ich kümmere mich um eine chirurgische Pflegerin, die sich mit Gynäkologie auskennt. Ich weiß sogar schon, wen wir da nehmen. Sie wird dich pflegen, wenn du zurück ins Hotel gehst.“

„Zahir!“, sagte Leila streng.

„Schon gut.“ Adele unterbrach sie beide. Ihre Wangen mussten feuerrot glühen, so heiß war ihr geworden. Zahirs Worte schmerzten. Anscheinend traute er ihr nicht einmal zu, sich zwei Wochen um die Nachsorge einer Operationswunde zu kümmern.

„Es ist lieb, dass Sie an mich gedacht haben, Leila, aber ich muss jetzt wirklich los.“

Sie verabschiedete sich von ihr und nickte Zahir so knapp wie möglich zu.

„Zahir“, sagte seine Mutter noch einmal tadelnd, als sie allein waren. „Das war sehr unhöflich.“

„Ich arbeite mit ihr.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich finde dir etwas Passenderes. Außerdem warst du vielleicht auch unhöflich. Sie hat bestimmt schon etwas geplant.“

Zahir versuchte, sich nicht vorzustellen, wie sie oben ohne an einem Strand in Frankreich lag. Dann fiel ihm auch noch Paul ein.

„Oder sie verreist mit ihrem Freund.“

„Unsinn“, sagte Leila. „Sie hat keinen Freund. Nein, sie hat …“ Sie wies auf den Tisch in der Ecke. Da waren sie schon wieder, diese Blumen.

„Sie hatte am Freitag eine unangenehme Verabredung. Sie meinte, sie habe die ganze Zeit nur auf ihr Handy schauen wollen. Sie verbringt all ihre freie Zeit damit, sich um ihre Mutter zu kümmern, und ich wollte ihr etwas Gutes tun.“

Zahir unterdrückte ein Seufzen: Es gab eine Schuld zu begleichen, und seine Mutter hatte eine Möglichkeit gefunden.

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