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JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 108

KATE HARDY

Die Krankenschwester und der Herzog

Dr. Leo Marchetti ist ein renommierter Kinderarzt, sieht gut aus und hat auch noch einen Adelstitel. Kein Wunder, dass die Frauen es ihm leicht machen. Umso verblüffender findet er, wie feindlich ihm die bezaubernden Krankenschwester Rosie an seinem ersten Arbeitstag im Paddington Hospital entgegentritt – eine verführerische Provokation!

AMY RUTTAN

Nur Liebe rettet dein Herz

Als damals das Flugzeug abstürzte, schwor Sanitäter George Atavik, nie wieder zu fliegen. Warum will ihn nun gerade seine neue Mentorin, die schöne Rettungssanitäterin Samantha Doxtator, davon überzeugen, wieder als Rettungspilot zu arbeiten? Und warum macht ihn Samantha so verrückt vor Sehnsucht, dass er fast den Boden unter den Füßen verliert?

JANICE LYNN

Im Bann zärtlicher Erinnerungen

Dass damals seine Ehe mit Emily scheiterte, hält Lucas inzwischen für den größten Fehler seines Lebens. Als er jetzt Chefarzt der Abteilung wird, in der Emily als Schwester arbeitet, will er sich mit ihr in aller Freundschaft aussöhnen. Aber im Bann zärtlicher Erinnerungen begeht er schon wieder einen Fehler: Er küsst seine Ex-Frau heiß …

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Die Krankenschwester und der Herzog

1. KAPITEL

Paddington Children’s Hospital

Vor ihm tauchte das rote Backsteingebäude mit den grün bedachten Türmchen auf und erinnerte Leo so sehr an Florenz, dass er sich flüchtig nach der Toskana sehnte. Allerdings fühlte er sich in London mehr zu Hause als in Florenz, seit er als junger Mann zum Medizinstudium hierhergekommen war.

Der Wagen hielt, und Leo sah Robyn Kelly vor dem Kliniktor auf ihn warten. Ihr lockiges blondes Haar schimmerte in der Sonne. Als die leitende Chefärztin der Chirurgie ihn anrief und fragte, ob er ihnen nach dem verheerenden Brand in einer nahen Grundschule im Paddington’s helfen könnte, hatte er natürlich sofort zugesagt.

Robyn hatte ihn damals bei seinem ersten Krankenhauspraktikum unter ihre Fittiche genommen, wofür er ihr noch heute dankbar war. Heute erhielt er die Gelegenheit, sich erkenntlich zu zeigen.

Draußen vor der Klinik demonstrierte eine kleine Gruppe mit Sprechchören und Plakaten.

RETTET UNSER KRANKENHAUS!

GESUNDE KINDER STATT TEURER WOHNUNGEN!

Ein Grund, warum Leos Vertrag nur befristet war. Das Paddington Children’s Hospital war von Schließung bedroht, Personal und Patienten sollten vom Riverside Hospital aufgenommen werden. Nicht etwa, weil das altehrwürdige Krankenhaus nicht mehr gebraucht wurde – nach dem Feuer in der Westbourne Grove Grundschule platzte es aus allen Nähten –, sondern weil der Verwaltungsrat für das Grundstück ein lukratives Angebot erhalten hatte.

Statt die Krankenversorgung in dieser Gegend zu erhalten, sollten elegante Wohnungen für einen exklusiven Käuferkreis entstehen. Im Hinblick auf die Zusammenlegung der beiden Krankenhäuser hatte das Gremium bereits einen Einstellungsstopp verfügt. Mit der Folge, dass die verbleibenden Mitarbeiter eine unzumutbar hohe Arbeitslast zu schultern hatten.

Leo war in einer Welt aufgewachsen, in der Reichtum und Ansehen zählten – und es hatte ihn schon immer abgestoßen. Deshalb wollte er als Arzt für diejenigen arbeiten, die vom Schicksal nicht gerade verwöhnt wurden. Robyns Bitte kam ihm da gerade recht. Die Chefärztin hoffte, dass überregionale Medien auf das Krankenhaus aufmerksam wurden, wenn sich herumsprach, dass ein italienischer Herzog für seinen Erhalt eintrat.

Obwohl er wusste, dass die wartenden Fotografen sich nicht wegen der Demonstranten versammelt hatten, nahm er sich vor, dafür zu sorgen, dass die Protestierenden mit ihren Plakaten auf jeder einzelnen Aufnahme zu sehen waren. Je mehr Publicity, desto besser.

Aus diesem Grund tat er nicht seit zwei Stunden Dienst als Dr. Marchetti, sondern traf sich mit Robyn am Vormittag hier draußen in seiner Funktion als Herzog von Calvanera.

Leo öffnete die Tür seines schwarz glänzenden Sportwagens und stieg aus.

„Hoheit!“, rief einer der Fotografen. „Hier, bitte!“

Leo reagierte nicht, bis er Robyn und die Demonstranten erreicht hatte und sicher sein konnte, dass mit seinem Gesicht auch ein oder zwei Worte eines Plakats ins Bild kamen. Dann schüttelte er Robyn die Hand, blickte direkt in die Kameras und lächelte, als Blitzlichter aufflammten.

„Stimmt es, dass Sie hier arbeiten werden?“, rief ein Reporter.

„Ja.“

„Warum ausgerechnet im Paddington’s?“

„Weil es ein wichtiges Krankenhaus ist. Seit hundertfünfzig Jahren versorgt es die Kinder dieser Stadt, und das sollte auch weiterhin der Fall sein.“

„Das Riverside ist moderner ausgestattet als der alte Kasten hier“, betonte ein anderer Journalist.

„Mit allerneuester Technik, meinen Sie?“, erwiderte Leo. „In der Medizin zählt vor allem eins: Zeit. Sie können die besten Geräte der Welt haben – aber wenn Ihr Patient nicht rechtzeitig da ist, werden Sie ihm damit nicht das Leben retten können. Weil es zu spät ist.“

Der Journalist scharrte verlegen mit den Füßen.

„Hochmoderne Apparate und ein neues Gebäude machen noch kein gutes Krankenhaus aus“, fuhr Leo fort. „Es muss vor allem erreichbar sein. Was wäre aus den Kindern der Westbourne Grove Grundschule geworden, wenn das Paddington’s geschlossen gewesen wäre? Wie viele von ihnen hätten es zur Behandlung in die schicken neuen Räume des Riverside geschafft?“

Schweigen breitete sich aus, als sich die Presseleute stumm seine Fragen beantworteten.

„Genau. Und Sie dürfen mich gern zitieren“, meinte er sanft. „Reden Sie mit den Menschen.“ Leo deutete auf die Demonstranten. „Lassen Sie sich ihre Geschichten erzählen. Das ist interessanter und viel wichtiger als meine Person.“

„Der Punkt ging an dich“, sagte Robyn auf dem Weg ins Gebäude.

„Gut“, entgegnete er, als sie die Abteilung betraten, in der er ab heute arbeiten würde. „Das Paddington’s ist unentbehrlich, und ich werde jede Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen.“

Rosie Hobbes unterdrückte einen Unmutslaut, als sie zufällig mit anhörte, was der Herzog von Calvanera von sich gab. Wem wollte er etwas vormachen? Warum sollte ein reicher Playboy wie er sich für das Schicksal eines alten Londoner Krankenhauses interessieren? Ihm ging es bestimmt mehr um die eigene Publicity!

Klar, er tat Robyn einen Gefallen. Das Krankenhaus war hoffnungslos überbelegt, während das Personal immer weniger wurde. Das Direktorium ließ jede frei werdende Stelle unbesetzt, um seine Schließungspläne voranzutreiben. Trotzdem fiel es Rosie schwer zu glauben, dass ein Herzog sich dazu herabließ, in diesem Gemäuer zu arbeiten.

Noch dazu ein umwerfend attraktiver Herzog, der vor Charme nur so sprühte.

Aus bitterer Erfahrung wusste Rosie, dass sich hinter gutem Aussehen und gewinnendem Wesen ein kaltes Herz verbergen konnte. Das hatte sie längst hinter sich, und ihre dreijährigen Zwillinge hätten fast einen hohen Preis dafür gezahlt.

Der Gedanke löste den schon vertrauten Anflug von Panik aus. Jene furchtbare Nacht war jetzt ein Jahr her, aber die Erinnerungen waren beängstigend lebendig. An die Drohungen. An die ausdruckslosen Augen des Mannes. Wie er über ihre Kinder sprach, so als wären sie nur Mittel zum Zweck. Für seine Zwecke.

Sie ballte die Fäuste, bis sich die Nägel in ihre Handflächen gruben. Mach dich nicht fertig, Rosie, ermahnte sie sich. Freddie und Lexi geht es gut. Sollte es Probleme geben, würde man Rosie sofort aus dem krankenhauseigenen Kindergarten anrufen. Dort waren sie völlig sicher. Zugang bekam man nur, wenn das Personal von innen öffnete. Niemand konnte ein Kind einfach so abholen. Entweder musste man auf einer besonderen Liste stehen oder das für jedes Kind vereinbarte Notfallkennwort nennen. Michael war tot, und seine Kompagnons konnten die Zwillinge – oder Rosie – nicht mehr bedrohen.

„Alles in Ordnung, Rosie?“, fragte Robyn.

„Sicher.“ Die Vergangenheit hatte in ihrem neuen Leben nichts zu suchen!

„Ich möchte Ihnen Leo vorstellen“, fuhr die Ärztin fort. „Er wird in den nächsten zwei Monaten bei uns arbeiten.“

Falls sich vorher nicht etwas Prestigeträchtigeres für ihn ergibt, dachte Rosie. Vielleicht tat sie ihm unrecht, aber ihrer Erfahrung nach durfte man attraktiven Playboys nicht über den Weg trauen.

„Leo, das ist Rosie Hobbes, eine unserer Kinderkrankenschwestern. Rosie, dies ist Leo Marchetti.“

„Hallo.“ Sie nickte ihm kühl zu.

In den dunklen Augen blitzte männliches Interesse auf, dann lächelte er. „Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Signora.“

Rosie musste sich eingestehen, dass sie noch nie einen Mann so sexy hatte lächeln sehen. Wahrscheinlich hatte er es vor dem Spiegel einstudiert. Sie war sich ziemlich sicher, dass der aufregende italienische Akzent vorhin bei seinem Gespräch mit Robyn nicht so stark ausgeprägt gewesen war.

„Willkommen im Paddington’s, Hoheit.“

Wieder schenkte er ihr sein gewinnendes Lächeln. „‚Leo‘ genügt vollkommen. Hier bin ich ausschließlich Arzt.“

„Wie Sie meinen, Dr. Marchetti“, entgegnete sie, um klarzumachen, dass sie Wert auf professionelle Distanz legte. „Entschuldigen Sie mich bitte – ich muss die Notizen von der Visite durchsehen. Viel Freude an Ihrem ersten Tag im Schloss.“

Im Schloss? War das eine Spitze gegen seine Herkunft gewesen? Leo war es nicht gewohnt, dass Frauen abweisend reagierten. Er mochte Frauen, und sie mochten ihn. Rosie Hobbes dagegen hatte gerade so viele Worte mit ihm gewechselt, wie aus Höflichkeit nötig waren. Hatte er sie unwissentlich verärgert?

Aber wie und womit? Sie waren sich noch nie begegnet. Daran hätte er sich auf jeden Fall erinnert – nicht nur, weil sie groß und hübsch war, mit üppigen weiblichen Rundungen, dem zu einem Bob geschnittenen kupferroten Haar und den leuchtend blauen Augen. Nein, an ihr war etwas Besonderes, etwas, das in ihm den Wunsch weckte, sie näher kennenzulernen und herauszufinden, was für ein Mensch sie war.

Sie trug keinen Ehering. Zwar musste das heutzutage nichts heißen, aber vielleicht war sie wirklich Single?

Warum machte er sich darüber eigentlich Gedanken? Er war hier, um zu arbeiten. Beziehungen standen nicht auf seiner Agenda, vor allem nicht mit einer Kollegin. Von ihm wurde erwartet, dass er sich eine standesgemäße Frau suchte: jemanden aus einem europäischen Adelshaus oder vielleicht die Erbin eines Firmenimperiums.

Leo mochte nicht einmal daran denken. Er war noch nicht bereit, jemanden in das Schloss zu locken, in dem er aufgewachsen war … einsam und unglücklich, während er verzweifelt versuchte, die Anerkennung seines Vaters zu erringen. Die Zuwendung wurde ihm schnell entzogen, wenn Leo etwas Falsches tat oder sagte. Was falsch oder richtig war, konnte sich von einem Tag auf den anderen ändern. Leo hatte nie begriffen, was sein Vater von ihm wollte. Er wusste nur, dass der Herzog von ihm maßlos enttäuscht war.

Er schob die unangenehmen Gedanken weit von sich. Jetzt hatte er Wichtigeres zu tun, als mit seinem Vater zu hadern. „Danke“, sagte er zu Rosie, lächelte sie warmherzig an und folgte Robyn, um sich den anderen vorzustellen.

Nachdem Rosie die Notizen in den PC eingegeben hatte, machte sie sich auf den Weg zur Station. Dr. Marchetti war inzwischen hoffentlich längst auf der nächsten Station, sodass sie in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen konnte.

Warum brachte er sie so durcheinander? Sie ließ sich doch sonst nicht von gut aussehenden Männern aus der Fassung bringen. Nicht mehr, jedenfalls. Leo sah aus wie ein Filmstar: hochgewachsen, dunkle Augen, kurzes schwarzes Haar, klassische Züge. Außerdem war er charmant und wirkte auf Anhieb sympathisch.

Aber darauf fiel sie nicht mehr herein. Sie hatte sich schon einmal blenden lassen, hatte sich glücklich verliebt in eine Ehe gestürzt und zu spät begriffen, dass sie in eine emotionale Achterbahn eingestiegen war, die ständig aus den Schienen zu springen drohte. Danach schwor sie sich, wachsam zu sein und einen solchen Fehler nie wieder zu machen.

Leo Marchetti mochte mit der Leiterin der Chirurgie gut befreundet sein, aber Rosie nahm sich vor, professionellen Abstand zu wahren. Auch wenn der Mann noch so faszinierend war.

Sie ging zu Penelope Craig, einer ihrer Langzeitpatienten. Das kleine Mädchen litt an Herzinsuffizienz und war nach einer bedrohlichen Infektion eingeliefert worden.

„Wie geht es dir, Penny?“

Die Kleine sah von ihrem Zeichenblock auf und strahlte sie an. „Schwester Rosie! Mir geht’s prima, danke.“

Rosie tauschte einen raschen Blick mit Pennys Mutter Julia. Die wusste genauso gut wie sie, dass das nicht stimmte. Aber Penny beklagte sich nie. Sie war schnell zum Liebling der Station geworden, weil sie immer fröhlich war, bunte Bilder malte und stundenlang von Kätzchen und Ballett schwärmte.

„Das freut mich“, antwortete Rosie. „Ich wollte auch nur …“

„… bei mir Fieber und so messen“, beendete Penny den Satz für sie.

Lächelnd maß Rosie Blutdruck, Temperatur und die Sauerstoffsättigung im Blut. „Braves Mädchen“, lobte sie dann. „Ach, ich habe hier noch etwas für dich.“ Sie zog ein Blatt mit Stickern aus ihrer Kitteltasche.

„Kätzchen! Ich liebe Kätzchen.“ Pennys Augen leuchteten. „Vielen Dank. Sieh mal, Mummy.“

„Die sind aber niedlich“, begeisterte sich auch Julia, doch Rosie spürte die Anspannung, die die Mutter hinter ihrem Lächeln verbarg. Sie verstand, wie ihr zumute sein musste. Es war schwer, nichts tun zu können und einfach abwarten zu müssen. „Danke, Rosie“, fügte sie hinzu.

„Gern geschehen.“ Rosie zwinkerte Penny zu. „Mit der neuen Medizin wird es dir hoffentlich bald besser gehen.“ Das Mädchen träumte davon, Primaballerina zu werden, und trug selbst im Bett ein rosa Tutu über dem Schlafanzug. Rosie wünschte ihr von Herzen, dass ihr Traum eines Tages wahr wurde. „Drücken Sie auf den Knopf, falls Sie irgendetwas brauchen“, wandte sie sich dann an die Mutter.

„Das mache ich. Danke.“

Rosie sah noch nach den anderen Kindern in ihrer Obhut und vervollständigte dann an der Stationszentrale ihre Notizen. Ihre Kollegin Kathleen entdeckte sie und kam herüber.

„Hast du den Herzog schon kennengelernt?“ Theatralisch fächelte sich Kathleen Luft zu. „Sieht der gut aus! Wie ein Filmstar.“

„Gutes Aussehen ist nicht alles.“

„Hey, der Mann scheint ein echter Schatz zu sein. Die Bilder von ihm sind überall im Internet, und auf jedem ist mindestens ein Protestplakat gegen die Krankenhausschließung zu sehen. Robyn hatte recht, er wird uns unterstützen.“

Rosie zwang sich zu einem Lächeln. „Gut.“

Kathleen musterte sie. „Alles in Ordnung, Rosie?“

„Natürlich. Ich hatte eine unruhige Nacht“, schwindelte sie. „Lexi hat schlecht geträumt, und es dauerte eine Weile, bevor ich wieder einschlafen konnte.“

„Ich weiß nicht, wie du das alles schaffst. Alleinerziehende Mutter und berufstätig zu sein ist schon nicht einfach. Aber mit Zwillingen muss es besonders hart sein.“

„Dafür bekomme ich doppelte Freude und doppelte Liebe zurück. Außerdem helfen meine Eltern und meine Schwester aus, wann immer ich sie brauche.“

„Trotzdem. Du vermisst deinen Mann sicher sehr.“

Rosie ließ die Leute in dem Glauben, dass sie eine trauernde Witwe war. Sie fand es einfacher, als zu erklären, dass sie sich schon lange vor Michael Duncans Tod scheiden lassen wollte und gleich danach ihren Mädchennamen wieder angenommen und die Nachnamen ihrer Kinder entsprechend geändert hatte. „Ja“, antwortete sie deshalb jetzt. Es war nicht einmal gelogen. Ihr fehlte der Mann, den sie geliebt und geheiratet hatte – bevor er sich als jemand entpuppte, dem Geld wichtiger war als seine Frau und seine Babys.

Den Rest des Vormittags hatte Rosie viel zu tun und sah Leo Marchetti erst gegen Mittag wieder.

„Ich nehme an, dass wir eng zusammenarbeiten werden“, sagte er.

Hoffentlich nicht, dachte Rosie.

„Deswegen dachte ich, wir könnten zusammen Mittag essen, um uns etwas besser kennenzulernen“, fügte er hinzu.

„Tut mir leid, ich bin schon verabredet.“ Wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag, wenn Penny hier im Krankenhaus war. „Ich bin sicher, dass Kathleen oder jemand anders Ihnen in der Kantine gern Gesellschaft leisten wird.“

„Danke, dann mache ich mich mal auf die Suche.“ Leo lächelte freundlich und ging.

Prompt verspürte sie Gewissensbisse. Aber es war zu spät, um ihn zurückzurufen und zu erklären, warum sie seine Einladung ablehnen musste.

Warum wirkte Rosie Hobbes jedes Mal gereizt, wenn er sie ansprach? Alle im Paddington Children’s Hospital schienen sich zu freuen, dass er im Team war, und hatten ihn herzlich willkommen geheißen. Alle außer Rosie.

Hatte sie etwas gegen Männer?

Nein, das konnte nicht sein. Vorhin hatte er gesehen, wie sie sich völlig entspannt mit dem Kardiologen Thomas Wolfe unterhielt.

Warum störte es ihn eigentlich so sehr, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte? An jedem Arbeitsplatz gab es Menschen, mit denen man gut zusammenarbeitete, Menschen, die man mochte, und wieder andere, bei denen man die Zähne zusammenbiss, um einigermaßen mit ihnen klarzukommen. Anscheinend gehörte er für Rosie zur letzteren Gruppe.

Am besten reagierte er professionell darauf und verhielt sich ihr gegenüber ruhig und sachlich. Dennoch konnte Leo es sich nicht verkneifen, die beiden Assistenzärzte und die Krankenschwestern, mit denen er am Kantinentisch saß, ein bisschen auszufragen.

„Isst Rosie nicht mit Ihnen zusammen?“

„Nicht, wenn Penny hier ist“, gab Kathleen bereitwillig Auskunft.

„Penny?“

„Sie müssten sie bei der Visite mit Robyn kennengelernt haben. Eine unserer Patientinnen, sechs Jahre alt, mit braunen Zöpfen und auffälligen grauen Augen?“

Leo schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, daran hätte ich mich erinnert.“

„Penny leidet an einer Herzinsuffizienz und verbringt seit Monaten viel Zeit im Paddington’s. Ein süßes Mädchen. Rosie gehört zu den Krankenschwestern, die sich ständig um sie kümmern. Während Penny hier ist, liest sie ihr an jedem Montag, Mittwoch und Freitag Ballettgeschichten vor.“

„Vermutlich, weil die Kleine Ballett mag?“, meinte Leo.

„Ballett ist Pennys Traum. Abgesehen davon verschafft Rosie ihrer Mutter oder ihrem Vater eine Atempause. Je nachdem, wer von beiden sich freigenommen hat, um bei ihr zu bleiben.“

„Bedeutet sie Rosie so viel?“

„Penny bedeutet uns allen viel“, erwiderte Kathleen. „Neun von zehn Kinderzeichnungen, die im Personalraum oder im Büro aufgehängt sind, hat sie gemalt.“

„Verstehe.“ Leo fragte sich, warum Rosie ihm das nicht selbst erzählt hatte. Fürchtete sie einen Vorwurf, dass sie die professionelle Distanz nicht einhielt?

Er unterhielt sich noch mit den anderen, bis deren Mittagspause endete, und kehrte dann auf die Station zurück. Als Erstes begegnete ihm Rosie, die wahrscheinlich gerade von ihrem kranken Schützling kam.

„Hat Penny die Geschichte gefallen?“, fragte er.

Ein rosiger Hauch überzog ihre Wangen. „Woher wissen Sie davon?“

„Kathleen hat mir von Ihrer regelmäßigen Verabredung erzählt.“

„Julia und Peter, ihre Eltern, können sich dann eine Weile ausruhen“, verteidigte sie sich. „Und Robyn hat nichts dagegen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“

„Sie ist ein liebenswertes Kind.“

„Vielleicht möchten Sie mir nach der Arbeit mehr von ihr erzählen“, schlug er vor. „Ich habe gehört, dass gegenüber dem Krankenhaus ein netter Pub liegt. ‚Frog and …‘?“

„‚Frog and Peach‘ meinen Sie. Es tut mir leid, aber ich kann nicht.“

Kann sie nicht, oder will sie nicht? fragte er sich. „Auch wieder verabredet?“

„Tatsächlich, ja.“

Noch ein Patient? Leo ahnte, dass sie ihm nichts Näheres verraten würde. „Schade, dann ein andermal.“

Doch sie ging darauf nicht ein. Sollte er einfach aufgeben?

Zwei seiner neuen Kolleginnen hatten deutlich signalisiert, dass sie ihm gern Gesellschaft leisten würden, wenn er einsam war. Viel mehr interessierte ihn jedoch Rosie Hobbes. Es war keine Frage des Stolzes, weil sie ihm abweisend begegnete. Sein Ego konnte es durchaus vertragen, wenn eine schöne Frau ihm die kalte Schulter zeigte. Es kam allerdings nicht oft vor.

Rosie hatte etwas an sich, das ihn nicht losließ. Lag es daran, dass sie anders war als die Frauen, die ihm begegneten? Frauen, die ihn umschwärmten wie Motten das Licht, weil er ein Herzog war? Oder ging die Sache tiefer?

Es war sehr lange her, dass ihn eine Frau so sehr fasziniert hatte. Sicher, er fand sie körperlich reizvoll, aber das war nicht alles. Er wollte mehr von ihr wissen.

Morgen, dachte er. Morgen würde er es wieder versuchen, mit ihr zu reden.

Rosie kam nur fünf Minuten später vom Dienst als geplant, und die Zwillinge warteten bereits auf sie – fertig angezogen, die Rucksäcke auf dem Rücken. Sie sangen gerade mit Nina, einer der Erzieherinnen, ein Lied, und Rosies Herz lief über vor Liebe zu den beiden.

Ihre Zwillinge waren so verschieden: Lexi, lebhaft und selbstbewusst, mit blondem Lockenschopf, der Rosie etwas zu sehr an Michael erinnerte – und doch war ihre Tochter wie ein Ebenbild ihrer selbst, als Rosie im selben Alter war. Freddie war ruhiger und ein wenig schüchtern, hatte die gleichen Locken wie seine Schwester, nur mittelbraun statt goldblond, und Rosies hellblaue Augen.

Rosie war froh darüber, dass er nicht wie ein kleiner Doppelgänger von Michael aussah. Sie war fest entschlossen, ihren Kindern alle Liebe und das Glück zu geben, das sie brauchten, und hoffte, dass sie sich später nicht mehr daran erinnern würden, wie das Leben mit ihrem Vater gewesen war.

„Mummy!“ Kaum hatten sie sie entdeckt, rannten sie auf Rosie zu und schlangen die Ärmchen um sie.

„Na, meine Süßen, wie geht es euch?“ Wie immer, wenn sie wieder bei ihren Kindern war, spürte sie, wie froh die beiden sie machten. Sie liebte ihren Beruf, aber richtig glücklich fühlte sie sich nur in ihrer Nähe.

„Und, was habt ihr heute Schönes gemacht?“, fragte sie, als sie, an jeder Hand ein Kind, das Krankenhaus verließ.

„Wir haben gesungt.“ Lexi schmetterte die erste Strophe eines bekannten Kinderlieds, laut und völlig aus dem Takt.

„Und wir hatten Knete“, setzte Freddie hinzu. „Ich hab ein Hündchen gemacht. Ein lilas.“

Seine niedliche Kindersprache entlockte Rosie ein Lächeln. „Wunderbar.“ Sie wusste, wie sehr sich ihr Sohn einen Hund wünschte, aber leider passte ein Haustier zurzeit nicht zu ihrem Leben. Der arme Hund wäre den ganzen Tag allein in der Wohnung. Und wenn sie von der Arbeit kam, konnte sie ihm nicht den wohlverdienten langen Spaziergang gönnen, weil ihre Kinder nach einem langen Tag in der Kita dazu viel zu müde wären. Und natürlich würde sie sie nicht allein zu Hause lassen.

Auf der kurzen U-Bahnfahrt und dem zehnminütigen Weg zum Haus erzählten die Zwillinge munter von allem, was sie heute erlebt und getan hatten. Sie plapperten immer noch, während Rosie das Abendessen zubereitete und sie badete. Bei Fremden war Freddie eher schüchtern, aber zu Hause stand er seiner lebhafteren Schwester kaum nach.

Rosie ließ sie reden, lachte und freute sich mit ihnen. Im letzten Jahr hatte sie jeden Tag gebangt, dass die Erlebnisse mit Michaels zwielichtigen Partnern ihren Kindern geschadet haben könnten. Aber anscheinend waren sie zum Glück zu jung, um zu begreifen, welche Angst ihre Mutter ausstehen musste.

Sobald die Zwillinge im Bett lagen, machte sie es sich mit einer Tasse Tee und einer Rätselzeitschrift auf dem Sofa gemütlich. Vor einem Jahr hätte sie es nicht für möglich gehalten, jemals wieder entspannt zu sein.

Einiges war zwar geblieben. So tat sie immer noch alles für ihre Kinder, erledigte Kochen und Putzen und was sonst im Haushalt anfiel. Aber sie musste nicht länger mit Michaels Launen, seinen höhnischen Vorwürfen und seiner Missachtung fertig werden. Als alleinerziehende Mutter hatte sie es zwar nicht einfach, verfügte aber über ein gut funktionierendes Netzwerk aus Familie und Freunden.

Einige von ihnen hatten nicht nur einmal gefragt, ob sie nicht wieder einen Mann kennenlernen wollte. Natürlich vermisste sie es, jemanden zu haben, mit dem sie reden oder bei dem sie sich ankuscheln konnte, wenn sie nachts schlecht geträumt hatte. Doch nach den schlechten Erfahrungen mit Michael hatte sie das Vertrauen in ihr eigenes Urteilsvermögen verloren. Könnte es ihr nicht jederzeit wieder passieren, dass sie sich in einem Mann gefährlich täuschte? Außerdem musste sie an die Zwillinge denken.

Also gab sie jedem Mann, der sich mit ihr verabreden wollte, grundsätzlich einen Korb.

Das galt auch für Leo Marchetti, der wahrscheinlich wirklich nur bei einem Drink ein bisschen reden wollte.

War sie zu hart gewesen?

Okay, der Mann war ein Charmeur. Da schrillten bei ihr sämtliche Alarmglocken. Andererseits war heute Leos erster Tag am Paddington’s. Außer Robyn kannte er hier niemanden und kam sich wahrscheinlich ein bisschen verloren vor. Rosie bekam ein schlechtes Gewissen. Es war ja nicht seine Schuld, dass er mit einem Y-Chromosom geboren worden war und vor Charme sprühte. Vielleicht sollte sie ihm morgen vorschlagen, zusammen zu Mittag zu essen.

Allerdings würde sie ihm deutlich klarmachen, dass er von ihr nur ein gemeinsames Essen erwarten durfte, nicht mehr und nicht weniger. Rose konnte nicht sagen, wann sie jemals wieder bereit wäre, sich auf mehr einzulassen.

Falls überhaupt …

2. KAPITEL

„Sie haben heute Sprechstunde mit Rosie zusammen“, teilte ihm Kathleen lächelnd mit, als Leo die Station betrat. „Allergie und Immunologie.“

„Großartig! Zeigen Sie mir nur, wo ich hinmuss.“

Hoffentlich war Rosie heute umgänglicher. Wenn sie erst ein gutes Team waren, konnte er vielleicht herausfinden, warum er sich so sehr zu ihr hingezogen fühlte.

Während er auf sie wartete, blätterte er die Akten der angemeldeten Patienten durch.

„Entschuldigung!“, rief sie, als sie kurz darauf ins Zimmer rauschte. „Ich wurde heute Morgen aufgehalten.“

„Sie sind ja nicht zu spät“, beruhigte er sie, insgeheim froh, dass sie nicht so abweisend war wie gestern.

„Nein, aber …“ Sie ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen. „Hat Sie schon jemand aufgeklärt, wie die heutige Sprechstunde abläuft?“

„Kathleen sprach von Allergien und Immunologie, also vermute ich, dass die meisten Patienten schon öfter hier waren.“

„Richtig.“

„Dann sind Sie für die Kleinen ein vertrautes Gesicht“, meinte er lächelnd. „Möchten Sie den ersten Patienten aufrufen?“

Gemma Chandler war achtzehn Monate alt. „Der Arzt hat mich beim letzten Mal gebeten, ein Ernährungs- und Symptom-Tagebuch anzulegen“, erklärte die Mutter.

„Dürfte ich das einmal sehen?“ Leo streckte die Hand aus.

Sie holte es aus ihrer Tasche und reichte es ihm.

Leo studierte die Eintragungen. „Sie neigt also zu Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall“, fasste er zusammen. „Und manchmal wirkt ihr Bäuchlein aufgebläht, meinen Sie?“

„Ja, und dann bekommt sie ab und zu diesen juckenden Ausschlag im Gesicht. Es ist wirklich nicht einfach, sie am Kratzen zu hindern.“

„Ich kann Ihnen eine Lotion verschreiben, die den Juckreiz lindert“, sagte Leo. „Und Ihr Tagebuch ist sehr hilfreich. Zwischen Gemmas Symptomen und dem, was sie isst, besteht ein deutlicher Zusammenhang.“

„Es sind die Milchprodukte, oder?“ Mrs. Chandler blickte ihn besorgt an. „Ich habe im Internet nachgesehen.“

„Das Internet ist eine nützliche Sache, aber es kursieren auch beängstigende Geschichten und viele Informationen aus unseriösen Quellen, die schlichtweg falsch sind. Deshalb ist es gut, dass Sie zu uns gekommen sind. Ja, ich glaube, dass Gemma auf Milchprodukte allergisch reagiert – also an einer Laktoseintoleranz leidet. Ihr Körper produziert nicht genug Laktase, ein Enzym, das den Milchzucker, auch Laktose genannt, verarbeitet. Um meine Vermutung zu bestätigen, sollte sie in den nächsten zwei Wochen eine bestimmte Diät einhalten. Das heißt, Sie müssen bei allem, was sie zu sich nimmt, das Kleingedruckte lesen, um auszuschließen, dass in Nahrung und Getränken Milch enthalten ist. Und führen Sie bitte das Tagebuch weiter wie bisher.“

„Wir geben Ihnen gern Informationsmaterial mit hilfreichen Tipps mit“, sagte Rosie. „Zum Beispiel können Sie Gemma statt Kuhmilch Reismilch geben und Sonnenblumenmargarine anstelle von Butter.“

„Nächste Woche ist Gemma auf der Geburtstagsparty ihres Cousins.“ Mrs. Chandler seufzte. „Das wird schwierig, wenn sie von den Sandwichs und der Torte nichts essen darf.“

„Sie könnten ihr ein schönes Lunchpaket mitgeben“, schlug Rosie vor. „Sprechen Sie mit Freunden und Ihrer Familie darüber. Ich bin sicher, dass alle Verständnis haben und Sie unterstützen werden.“ Sie gab Mrs. Chandler ein paar Broschüren. „Mit einem Kleinkind auswärts zu essen kann schon eine Herausforderung sein. Kommt noch eine Allergie dazu, ist man schnell überfordert.“

Spricht sie aus persönlicher Erfahrung? fragte sich Leo. Oder gab sie nur wieder, was Patientenmütter ihr anvertraut hatten? Natürlich würde er sie nicht fragen. Er wollte ihr keine Gelegenheit bieten, zu ihm noch mehr auf Distanz zu gehen.

„Auf der Rückseite finden Sie die Links einiger guter Webseiten von Restaurants, die laktosefreie Gerichte anbieten“, sagte Rosie noch.

„Vielen Dank“, antwortete Mrs. Chandler.

„Gut, dann sehen wir Sie und Gemma in vierzehn Tagen wieder“, meinte Leo. „Ich kann Ihnen eine Diätassistentin empfehlen, die Sie gern mit Plänen zur Ernährungsumstellung unterstützt. Falls Sie bis zu unserem nächsten Termin Fragen haben, rufen Sie uns ruhig jederzeit an.“

„Danke.“ Mrs. Chandler zögerte. „Wird das jemals verschwinden?“, fuhr sie dann fort. „Ich habe gelesen, dass es bei manchen Kindern irgendwann aufhört.“

„Das können wir jetzt noch nicht einschätzen. Lassen Sie uns einen Schritt nach dem anderen gehen.“

Nachdem die Chandlers sich verabschiedet hatten, machte sich Leo Notizen, und Rosie legte ihm die nächsten Krankenunterlagen hin. „Sammy Kennedy“, sagte sie. „Ein süßer Kerl.“

„Weshalb kommt er zu uns?“, wollte Leo wissen.

„Er hat CAPS.“

Cryopyrin-assoziiertes periodisches Syndrom … eine seltene Autoimmunkrankheit, die sich unter anderem mit Fieberschüben und Entzündungen in Gelenken und Nerven bemerkbar machte. „Das kommt nicht oft vor, eins zu einer Million. In meiner gesamten Laufbahn ist mir erst ein Fall begegnet.“

„Für mich ist Sammy der einzige. Die meisten CAPS-Patienten haben die Muckle-Wells-Variante, und das ist auch bei Sammy so.“

„Erzählen Sie mir von ihm.“ Natürlich konnte er die Akte lesen, aber er hörte Rosie gern zu.

„Er ist acht Jahre alt und kommt seit fast einem Jahr hierher. Ungefähr alle acht Wochen. Wir untersuchen seine Knie und Knöchel und nehmen ihm Blut ab, um den Entzündungsgrad festzustellen. Anschließend geben wir ihm eine Spritze, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten.“

„Ein Medikament, das das Zellprotein Interleukin-1-ß blockiert?“

„Ja. Die Behandlungsmethode ist noch recht neu, sodass es keine belastbaren Aussagen zu Langzeit-Nebenwirkungen gibt. Aber wir hoffen, dass sie Sammy vor ernsthaften Problemen schützt, wenn er älter wird.“

„Wie zum Beispiel Taubheit?“

„Genau. Soll ich ihn aufrufen?“

„Gern.“

Rosie ging in den Wartebereich und kam gleich darauf mit Sammy und seiner Mutter wieder.

„Hallo“, begrüßte Leo sie lächelnd. „Ich bin Dr. Marchetti. Und du bist Sammy?“

Der Junge nickte.

„Wie geht es dir, Sammy?“

„Manchmal gibt’s gute Tage, manchmal schlechte“, antwortete er achselzuckend.

„Okay, dann beschreibe mir mal, was an einem schlechten Tag los ist.“

„Mum sagt dann, ich habe einen Schub. Er schlägt auf meinen Bauch, meine Knie und meinen Kopf. Ich kriege Ausschlag, und es passiert immer nachts.“ Sammy verzog das Gesicht. „Zeig es ihm, Mum.“

Mrs. Kennedy zog ihr Smartphone aus der Handtasche und präsentierte ein Bild, auf dem Sammys Bauch mit Nesselfieberpusteln übersät war.

„Wie oft hast du diese Schübe?“

„So alle zwei Wochen. Aber in letzter Zeit war es nicht so schlimm.“

„Darf ich dich kurz untersuchen?“

„Ich kenne das schon“, sagte Sammy lässig. „Sie stellen mir Fragen, untersuchen mich, nehmen Blut ab und geben mir eine Spritze.“

„Ja, genau.“ Leo lächelte ihn an.

„Ich mag keine Spritzen. Es piekt, und mir tut die Haut weh. Aber der Ausschlag ist noch unangenehmer.“

„Die meisten Menschen mögen keine Spritzen, da bist du in guter Gesellschaft.“ Leo wandte sich an die Mutter. „Möchten Sie noch etwas ergänzen, oder haben Sie Fragen, Mrs. Kennedy?“

„Wir haben uns daran gewöhnt und kommen ganz gut klar.“

Nach Untersuchung und Blutentnahme injizierte Leo das Medikament.

Sammy zuckte zusammen.

„Tut mir leid“, sagte Leo.

„Ist schon gut“, versuchte der Junge, die Sache herunterzuspielen.

„Ich habe hier etwas für dich“, meinte Rosie. „Es sei denn, du bist schon zu alt für einen Lolli als Belohnung dafür, dass du so tapfer warst.“

Sammy grinste, als er den rot-weißen Lutscher sah. „Ich lasse mir doch keinen Lolli entgehen! Und bestimmt keinen in den Farben meiner Lieblingsmannschaft.“

„Bist du Fußballfan?“, fragte Leo.

Sammy nickte. „Ich möchte auch gern spielen, bloß durch mein CAPS würde ich ab und zu ausfallen, und ich will mein Team nicht im Stich lassen. Aber ich könnte später Wissenschaftler werden und eine Spritze erfinden, die nicht wehtut.“

„Das ist eine brillante Idee, die eine Extrabelohnung verdient.“ Er hielt ihm einen zweiten rot-weißen Lutscher hin.

„Danke, Dr. Leo. Bis in zwei Monaten.“

Als Mutter und Sohn gegangen waren, sah Leo Rosie an. „Ein netter Kerl.“

„Ja, das ist er.“ Sie schwieg einen Moment, bevor sie fortfuhr: „Ich war gestern ein bisschen schroff. Das tut mir leid, und ich dachte … vielleicht können wir heute zusammen Mittag essen. Als Kollegen, meine ich“, fügte sie hastig hinzu.

Das klang fast beschwörend. Unwillkürlich fiel sein Blick auf ihre Hände. Kein Ehering. Leo überlegte, ob sie die gleiche Anziehung spürte wie er und deshalb genauso verwirrt war. Das würde immerhin erklären, warum sie gestern so spröde reagiert hatte.

„Nur Kollegen“, bekräftigte er. Schließlich war er nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung.

Nach dem letzten Vormittagspatienten gingen sie zusammen zur Kantine. Leo fiel auf, dass sie einen Salat und eine Tasse grünen Tee wählte. Anscheinend achtete sie sehr auf ihre Gesundheit.

„Und, haben Sie sich schon eingelebt?“, fragte sie, nachdem sie einen freien Tisch gefunden und sich gesetzt hatten.

„Meinen Sie das Krankenhaus oder London?“

„Beides, schätze ich.“

„Ja. Die Kolleginnen und Kollegen sind nett, und da ich in London studiert habe, ist mir die Stadt vertraut.“

„Das ist gut.“

Eine unbehagliche kleine Gesprächspause trat ein, so als wüsste Rosie nicht, worüber sie als Nächstes reden sollte. Leo beschloss, sie auf das Dilemma des Krankenhauses anzusprechen, um die Unterhaltung wieder in Gang zu setzen.

„Robyn hat mir von den Plänen des Verwaltungsrats erzählt, als sie mich bat, hier mitzuarbeiten“, begann er. „Kein Wunder, dass das Personal knapp ist. Und durch das Feuer in der Grundschule ist die Situation noch komplizierter geworden, oder?“

„Das können Sie wohl sagen. Vor vier Wochen brach im Kunstraum ein Brand aus. Ob durch ein defektes Heizgerät oder etwas anderes, kann ich nicht sagen, aber das Papier ist sofort in Flammen aufgegangen. Die Kinder konnten alle herausgeholt werden, doch wir wurden von null auf jetzt mit kleinen Patienten überschüttet, die an Rauchvergiftung und Brandverletzungen litten. Simon Beckett hat es besonders schlimm erwischt. Er braucht auf jeden Fall Hauttransplantationen. Der Ärmste ist ständig zu Kontrolluntersuchungen hier.“ Traurig blickte sie vor sich hin. „Und dann ist da noch Ryan.“

„Ryan?“

„Ryan Walker. Er wurde als einer der Letzten aus dem Gebäude befreit. Der Kleine hatte sich in einem Schrank versteckt und hörte die Feuerwehrleute, als sie das Feuer in seinem Klassenzimmer löschten. Ryan kroch aus seinem Versteck und wurde von einem herabstürzenden Balken am Kopf getroffen.“

„Er hat großes Glück gehabt, dass er das überlebt hat.“

„Ja, aber schwer verletzt. Am nächsten Tag mussten die Ärzte eine Kraniektomie vornehmen, weil der Hirndruck zu stark war. Zurzeit ist Ryan sediert und trägt einen Helm, bis das Schädeldach reimplantiert werden kann.“

„Armes Kind.“

„Stellen Sie sich vor, wir hätten ihn erst ins Riverside bringen müssen“, sagte sie. „Dann hätte er es nicht geschafft. Das Gleiche gilt für Simon. Victoria hat ein Komitee gegründet, dem auch Simons Pflegemutter Quinn angehört. Draußen vor dem Krankenhaus stehen rund um die Uhr Demonstranten. Aber das wissen Sie. Sie wurden ja gestern mit ihnen fotografiert.“

Seitdem waren die Fotos um die Welt gegangen. „Da kann sich die Presse einmal nützlich machen“, antwortete er.

„Werden Sie die ganze Zeit von Reportern verfolgt?“

„Mal mehr, mal weniger. Das hängt davon ab, ob sie schon genug Storys haben oder nachrichtentechnisch Sauregurkenzeit herrscht. Aber wenn sie mich im Visier haben, interessieren sie sich eher für den Herzog als für den Arzt.“ Ihm fiel etwas ein. „Haben Sie deshalb gestern von einem Schloss gesprochen?“

„Schloss?“, wiederholte sie verwundert, begriff dann. „So nennen wir das Krankenhaus – wegen der Türmchen.“

„Ach so.“

Betroffen blickte sie ihn an. „Dachten Sie, das wäre ein Seitenhieb von mir, weil Sie ein Herzog sind?“

„Wir hatten gestern keinen guten Start miteinander“, betonte er.

„Nein … Ich war wohl ein bisschen unfreundlich. Tut mir leid.“

Obwohl er sich über die Entschuldigung freute, entging ihm nicht, dass sie keinen Grund für ihr Verhalten nannte.

„Ich bin in einem Schloss aufgewachsen und kann Ihnen versichern, dass es die romantischen Erwartungen nicht erfüllt. Schlösser sind zugig und feucht.“

„Und überall stehen Ritterrüstungen?“

Leo lächelte. „Stimmt. Deshalb überlege ich, ob wir unser Schloss für Besichtigungen öffnen.“ Dann konnte seine Mutter sich endlich mit etwas anderem beschäftigen als damit, dass ihr Sohn heiratete und einen herzoglichen Erben zeugte!

„Wie kommt ein Herzog darauf, Arzt werden zu wollen? Bringt Ihr Titel nicht genug Pflichten mit sich?“

„Ich habe gute Leute und delegiere vieles.“

„Was Sie wiederum von jedem anderen Arzt unterscheidet, dem ich bisher begegnet bin. Ich kenne niemanden, der Personal hat. Nicht einmal jemanden, der eine Putzfrau beschäftigt.“

„Schuldig im Sinne der Anklage. Natürlich weiß ich, wie man einen Staubsauger betätigt, aber ich verbringe meine Freizeit lieber mit etwas anderem.“

Sie schwieg.

„Ich möchte Arzt sein, weil ich Menschen helfen will.“

„Können Sie das als Herzog nicht?“

„Das wäre etwas anderes. Es reicht mir nicht, Spenden zu verteilen. Ich möchte persönlich etwas bewirken.“

„Man könnte meinen, Sie sind nicht gern Herzog.“

Damit traf sie den Nagel auf den Kopf. „Sagen wir, das Leben eines Herzogs ist nicht das, wofür viele es halten. Und die meisten sehen zuerst den Titel und nicht den Menschen dahinter.“

Unerwartet griff sie nach seiner Hand und drückte sie. Seine Haut kribbelte dort, wo sie ihn berührte. Die Empfindung war so deutlich, dass sein Puls beschleunigte. Nicht dass er sich sonst nicht zu Frauen hingezogen fühlte, aber diese starke Reaktion war ungewohnt. Im ersten Moment wusste Leo nicht, wie er damit umgehen sollte.

Hinzu kam, dass Rosie genauso verwirrt wirkte, wie er sich fühlte. Hatte sie auch dieses Prickeln gespürt?

„Entschuldigung …“, sagte sie verlegen.

Wofür? Dass sie ihn berührt hatte?

Leo war sich sicher, dass sie das Weite suchen würde, wenn er sie darauf ansprach. „Nicht nötig. Es freut mich, dass Sie mich verstehen. Und wie lange arbeiten Sie schon in diesem Schloss?“

„Seit fast einem Jahr.“

„Wo waren Sie vorher?“

„Auf der anderen Seite von London, wo ich auch die Ausbildung gemacht habe.“

Ihm fiel auf, dass sie den Ort nicht genannt hatte. Warum machte sie aus ihrer Vergangenheit ein Geheimnis?

Leo beschloss, es dabei bewenden zu lassen. Zumindest, bis er sich genauer damit befasst hatte, wie er auf sie reagierte. Und damit, wie er damit umgehen sollte …

Am Mittwoch um die Mittagszeit verschwand Rosie, und Leo erinnerte sich daran, was Kathleen ihm erzählt hatte. Sofern sie Dienst hatte, las sie Penny jeden zweiten Tag etwas vor.

Seine Neugier trieb ihn in den Flur, an dem Pennys Zimmer lag. Die Tür stand einen Spalt offen, und er hörte, wie Rosie mit klarer Stimme vorlas und Penny gelegentlich kicherte.

„Rosie ist wundervoll mit ihr“, erklang eine sanfte Stimme hinter ihm.

Er drehte sich um. Die Frau, die vor ihm stand, sah Penny so verblüffend ähnlich, dass es keinen Zweifel gab, wer sie war. „Sie sind Pennys Mum, nicht wahr?“

„Julia Craig.“

„Dr. Marchetti.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Auch wenn Ihre Tochter nicht zu meinen Patienten gehört, so hat Rosie mir doch eine Menge erzählt. Wir arbeiten zusammen.“

„Rosie ist wirklich bezaubernd. So geduldig und freundlich. Ich finde es unglaublich nett von ihr, dass sie ihre Mittagspause opfert, um Penny vorzulesen.“

„Wie ich höre, wird Ihre Tochter hier von allen vergöttert. Pennys Katzenbilder hängen im Personalraum – was für fröhliche, bunte Zeichnungen!“

„Ja, das stimmt.“ Sie lächelte, aber ihre Augen blickten traurig. „Entschuldigen Sie, ich möchte Sie nicht aufhalten, Sie müssen sicher zu einem Patienten.“

„Kein Problem“, beruhigte Leo sie. „Aber falls Sie etwas brauchen, sprechen Sie mich gern an.“

„Rosie ist ja da. Trotzdem vielen Dank.“

Leo verabschiedete sich lächelnd von ihr und machte sich auf den Weg zu seinem Büro, um sich auf die nächste Sprechstunde vorzubereiten. Dabei ging ihm Rosie nicht mehr aus dem Kopf.

Thomas Wolfe, der Kardiologe, lehnte sich gegen Rosies Schreibtisch. „Natürlich habe ich ihre Akte gelesen, aber Sie sehen Penny öfter als jeder andere von uns. Wie ist Ihr Eindruck?“

„Auch in dieser Woche hat sich ihr Zustand nicht verändert, obwohl wir ihre Medikation so verändert haben, wie Sie es angeordnet hatten.“

„Also funktioniert es nicht. Wahrscheinlich wird sie um eine Transplantation nicht herumkommen.“ Er seufzte schwer. „Heute ist Julia da, oder? Ich werde sie bitten, Peter herzuholen, damit wir uns in Ruhe darüber unterhalten können.“

„Möchten Sie, dass ich dabei bin, wenn Sie es ihnen sagen?“

„Danke für das Angebot. Sie sind ihnen eine großartige Hilfe, aber ich trage die Verantwortung. Es wird ein Schock für sie sein.“

„Sie wissen, wo ich bin, falls Sie es sich anders überlegen“, sagte sie sanft.

„Vielen Dank, Rosie, das weiß ich zu schätzen.“

Er wirkt mitgenommen, dachte sie, wusste jedoch, dass er keine Unterstützung annehmen würde. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich gefühlt hatte, als die Probleme mit Michael größer wurden. Deshalb würde sie niemals jemanden bedrängen, sich ihr anzuvertrauen. Aber sie konnte ihm zeigen, dass sie für ihn da war.

„Thomas, ich möchte nicht aufdringlich sein, aber geht es Ihnen gut?“, sagte sie deshalb.

„Klar.“ Das übertrieben zuversichtliche Lächeln unterstrich eher noch die Tatsache, dass er nicht okay war. Allerdings wollte er nicht darüber reden.

Rosie trat den Rückzug an. „Dann bis später.“

Er nickte und verließ die Stationszentrale.

Was für eine bedrückende Situation! Rosie hoffte inständig, dass Penny ein neues Herz bekam. Gleichzeitig fühlte sie sich schlecht bei dem Gedanken, weil es bedeutete, dass eine andere Familie um ihr Kind trauern würde. Am besten wäre es gewesen, wenn die Kleine auf die Medikamente angesprochen hätte, aber das war nicht passiert.

Und die arme Julia. Rosie konnte sich gut vorstellen, wie der jungen Mutter zumute war. Sie an ihrer Stelle wäre krank vor Sorge gewesen, hätten Freddie oder Lexi nicht die Behandlung bekommen, die sie sie so dringend benötigten. Die Zeit mit Michael war nervenaufreibend und voller Angst gewesen, doch ohne ihn hätte sie heute ihre Zwillinge nicht. Die beiden waren ihr größtes Glück. Ja, es gab vieles, wofür sie dankbar sein konnte.

Doch jetzt war nicht die Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen. Die nächste Sprechstunde stand an.

Leo sah in der Stationszentrale Patientenunterlagen durch, als Rosie vorbeikam. Irgendetwas schien ihr Sorgen zu bereiten, und ehe er sich zurückhalten konnte, fragte er: „Gehen wir nach der Arbeit etwas trinken, und Sie erzählen mir, was los ist?“

Stumm schüttelte sie den Kopf.

„Sagen Sie nicht, Sie sind schon verabredet“, meinte er trocken.

„Tut mir leid, aber so ist es.“

„Dann ein kleiner Schwatz in der Stationsküche.“

„Ich muss zu meinen Patienten, Vitalzeichen messen.“

„Damit sind Sie in einer halben Stunde fertig und haben sich fünf Minuten Pause verdient. Und bevor Sie auf komische Gedanken kommen – es geht mir nicht darum, mich durchzusetzen. Sie sehen bekümmert aus, und ich möchte helfen. Genau, wie ich es bei jedem Ihrer Kolleginnen und Kollegen tun würde.“

Im ersten Moment überrascht, blickte sie ihn jetzt reumütig an. „In Ordnung, in einer halben Stunde“, sagte sie. „Danke.“

Während sie bei ihren Patienten war, erledigte er den Rest Papierkram und lief zu Tony’s Trattoria hinüber, wo es guten Kaffee geben sollte. Leo kaufte zwei Cappuccinos.

Er war nicht sicher, ob sie tatsächlich auftauchen würde, aber sie kam fast zeitgleich mit ihm in der Personalküche an.

„Danke.“ Lächelnd nahm sie den Pappbecher mit dem Logo des italienischen Restaurants entgegen. „Dann hat Ihnen schon jemand erzählt, dass Tony exzellenten Kaffee verkauft?“

„Richtigen italienischen Kaffee, meinen Sie? Der schmeckt wirklich viel besser als das, was man hier im Krankenhaus bekommt.“

„Wir haben Instant-Cappuccino auf der Station.“ Sie deutete auf die Schachtel mit den metallisch glänzenden Tütchen.

„Das ist kein Kaffee, sondern eine Zumutung.“ Leo lächelte sie an. „Und, möchten Sie mir erzählen, was los ist?“

Ein Schatten legte sich über ihre schönen blauen Augen. „Ich habe vorhin mit Thomas gesprochen. Über Penny.“

„Was ist mit ihr?“

„Wir haben eine Woche lang vergeblich versucht, ihren Zustand mit Medikamenten zu verbessern. Thomas meint, dass eine Herztransplantation wahrscheinlich ihre letzte Chance ist. Aber selbst wenn sie auf der Liste steht, garantiert ihr das noch kein neues Herz. Es könnte Tage, Monate und sogar bis zu einem Jahr dauern, bevor ein passendes Spenderherz gefunden wird. Gleichzeitig finde ich es schrecklich, sich ein Herz für sie zu wünschen, weil das immer bedeutet, dass eine andere Familie einen geliebten Menschen verliert.“

„Vielleicht kann sie sich damit trösten, dass sein Tod jemand anderem das Leben rettet“, entgegnete er sanft. „Glauben Sie denn, dass für Penny nicht rechtzeitig ein Organ gefunden wird?“

„In einem von fünf Fällen kommt die Organspende zu spät. Das sind nicht gerade ermutigende Umstände, Leo. Penny ist so ein wunderbares kleines Mädchen.“

„Hey.“ Er zog sie in die Arme – und wünschte sich im selben Moment, er hätte es nicht getan. Weil er mehr wollte, weil er ihr die Tränen wegküssen und sie danach richtig küssen wollte, bis sie nicht mehr an ihre Sorgen dachte.

Als er sich zurücklehnte und ihr in die Augen sah, waren ihre Pupillen dunkel geworden. Sie spürt es auch, dachte er. Sein Blick glitt zu ihrem Mund. Ihre vollen Lippen schimmerten verlockend.

Leo blickte auf und ertappte Rosie dabei, dass sie auf seinen Mund starrte.

Sollen wir? Dürfen wir?

Er war kurz davor, dem Impuls nachzugeben, da entzog sie sich ihm. „Verzeihung. Ich sollte nicht bei Ihnen Trost suchen.“

Sie hatte recht, unter Kollegen war das unpassend. Allerdings hatte er damit angefangen. „Es ist meine Schuld“, erklärte er. „Vermutlich ist es mein italienisches Temperament, das mich dazu bringt … nun ja …“

„Leute zu umarmen?“

„So ungefähr.“ Leo wollte noch nicht aufgeben. „Sind Sie sicher, dass ich Sie nicht heute Abend zum Essen ausführen darf?“

„Ja. Danke für die Einladung, aber es geht nicht.“

Täuschte er sich, oder schwang leises Bedauern in ihrer Stimme mit? Warum gab Rosie ihm immer wieder einen Korb? Wäre sie verheiratet oder in einer festen Beziehung, hätte er eine annehmbare Erklärung gehabt. Da sie nichts dergleichen gesagt hatte, musste es einen anderen Grund geben. Leider konnte er schlecht auf der Station herumfragen, ohne eine Lawine an Krankenhaustratsch loszutreten. Und wenn er eins verabscheute, dann war es Klatsch!

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als es immer wieder zu versuchen und darauf zu hoffen, dass er eines Tages mehr Erfolg hatte. Rosie Hobbes gefiel ihm, und er wollte sie näher kennenlernen. Vor allem wollte er herausfinden, warum er sich so stark zu ihr hingezogen fühlte. Was unterschied sie von den Frauen, mit denen er sonst ausging?

„Danke für Kaffee und Trost“, sagte Rosie. „Ich mache besser weiter.“

„Bis später.“

Leo Marchetti ist ein netter Mann, dachte sie. Und genau das war das Problem. Rosie hatte ihn bei einigen Visiten begleitet und festgestellt, dass er mit seinen kleinen Patienten und deren Eltern wunderbar umging. Ein paar Mütter hatten sich dazu hinreißen lassen, mit ihm zu flirten, aber er blieb professionell und auf die Kinder konzentriert. Vor allem besorgte Eltern wusste er zu beruhigen, indem er ihnen alles sachlich und zuwendend erklärte.

Ja, Rosie war versucht, seine Einladung zum Essen doch noch anzunehmen.

Aber da sie nicht auf eine Beziehung aus war, wäre es unfair gewesen, Erwartungen zu wecken, die sie nicht erfüllen konnte. Abgesehen davon war er ein Herzog und bewegte sich in gesellschaftlichen Kreisen, die Rosie nie akzeptieren würden. Eine Beziehung zu Leo hätte keine Zukunft. Es war müßig, darüber auch nur nachzudenken.

Außerdem hatte sie ein schönes Leben mit zwei wundervollen Kindern, ihrer großartigen Familie, auf die sie sich immer verlassen konnte, und einem Beruf, der ihr Spaß machte. Wäre es nicht vermessen, mehr zu wollen? Einen Partner, mit dem sie alles teilen konnte?

Wenn es um Männer ging, versagte ihre Menschenkenntnis kläglich. Jede Lüge, die Michael ihr auftischte, hatte sie bereitwillig geglaubt. Weil sie ja so verliebt gewesen war!

Nein, Leo durfte nicht mehr sein als ein Kollege, auch wenn er ein attraktiver, charmanter Mann war und sie ihn sehr sympathisch fand.

Dabei musste es bleiben.

3. KAPITEL

Freitagmorgen sprach Leo Rebecca Scott, die Transplantationschirurgin, auf der Station an.

„Rosie hat mir erzählt, dass Thomas die kleine Penny auf die Transplantationsliste setzen wird.“

Bildete er sich etwas ein, oder zuckte Rebecca leicht zusammen, als er Thomas’ Namen erwähnte? Rebecca und Thomas gingen stets professionell mit ihren Patienten um, doch war Leo aufgefallen, dass sie einander nie anlächelten oder persönliche Bemerkungen machten wie bei den übrigen Kolleginnen und Kollegen. Irgendetwas ging zwischen den beiden vor – oder war in der Vergangenheit passiert.

Mit komplizierten Beziehungen kannte er sich bestens aus. Deshalb bemühte er sich, seine eigenen so einfach wie möglich zu halten. Aber welche Differenzen Rebecca und Thomas auch immer haben mochten, es ging ihn nichts an, solange die Patienten nicht darunter litten.

„Ja“, antwortete sie. Flüchtig schien ein Anflug von Traurigkeit in ihren Augen auf, wurde aber schnell unterdrückt. „Haben Sie sich gut in unser Krankenhaus eingelebt?“

„Ja, vielen Dank.“ Rebecca wollte also das Thema wechseln. Gut, er hatte nichts dagegen. Nichts lag ihm ferner, als versehentlich einen wunden Punkt zu berühren. „Hier sind alle sehr aufgeschlossen. Ich musste bisher nicht in einer Ecke der Kantine allein essen.“

Rebecca lächelte. „Das ist gut. Jetzt muss ich in den OP, aber sagen Sie gern jederzeit Bescheid, wenn ich etwas für Sie tun kann.“

„Danke.“

Wie gewohnt verbrachte Rosie am Freitag ihre Mittagspause bei Penny. Sie wusste, dass Thomas mit den Eltern gesprochen hatte, und umarmte Julia mitfühlend.

„Wir alle drücken ihr die Daumen. Wir sollen keine Lieblingspatienten haben, aber unsere Penny ist etwas Besonderes.“

Eine Träne lief Julia über die Wange, und sie brachte einen Moment lang kein Wort hervor.

„Schon gut“, sagte Rosie sanft. „Ich bin auch Mutter, deshalb weiß ich genau, wie Ihnen zumute ist.“

„Es ist sehr lieb von Ihnen, ihr vorzulesen“, sagte Julia mit einem zittrigen Lächeln.

„Das tue ich gern. Meine beiden sind zurzeit ganz wild nach Dinosaurierbüchern, aber wenn Lexi älter ist, wird sie genau die gleichen Geschichten mögen wie Penny jetzt.“

Am Nachmittag trug sie an der Stationszentrale Notizen nach, als Leo auftauchte und ihr einen Pappbecher Cappuccino reichte. „Einen schönen Nachmittag, Rosie. Hier ist etwas, das Ihnen beim Schreiben der Notizen helfen wird“, sagte er.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Leo. Aber es ist schon das zweite Mal in dieser Woche, dass Sie mir einen Kaffee ausgeben. Jetzt stehe ich in Ihrer Schuld.“

„Überhaupt nicht.“ Er lächelte charmant. „Obwohl, wenn ich’s mir recht überlege, könnten Sie mir nach Dienstschluss einen spendieren, falls Sie sich dann besser fühlen.“

„Tut mir leid, ich kann nicht.“

„Oder wir gehen am Wochenende Pizza essen“, schlug er vor. „Hinterher geben Sie mir dann einen Kaffee aus.“

Wie leicht wäre es, einfach Ja zu sagen … Rosie machte es zu schaffen, dass Leo Marchetti ihr immer sympathischer wurde. Er war freundlich, ging großartig mit Patienten und Kollegen um, und er sah umwerfend aus mit seinen dunklen ausdrucksvollen Augen und einem Mund, der sündige Freuden versprach.

Es wäre so leicht!

Doch woher sollte sie wissen, ob sie nicht wieder einem attraktiven Blender aufsaß? Was nützten ihr Verliebtheit, Herzklopfen und das Gefühl, auf Wolken zu schweben, wenn sie eines Tages tief stürzte, weil der Mann ihrer Träume sie im Stich ließ? Im Dienst war Leo ein wunderbarer Arzt, aber wie verhielt er sich in einer privaten Beziehung?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Sie stimmte einem Date zu. Mal sehen, wie Leo reagierte, wenn er die Zwillinge sah. Wahrscheinlich würde er die Beine in die Hand nehmen, sobald ihm klar wurde, dass sie alleinerziehende Mutter von zwei Dreijährigen war!

„Einverstanden“, sagte sie. „Aber die Pizza geht auf mich.“

Anscheinend hatte er nicht mit einem Ja gerechnet. „Wann?“, fragte er verblüfft.

„Morgen Abend“, legte sie sich schnell fest, bevor sie kalte Füße bekam.

„Okay, sehr gut. Ich hole Sie ab. Um wie viel Uhr?“

„Um sechs?“ Rosie schrieb ihm ihre Adresse auf.

„Und Ihre Telefonnummer? Für Notfälle?“

Sie setzte sie dazu.

„Danke. Ich schreibe Ihnen nachher eine SMS, damit Sie meine auch haben.“

„Okay.“

„Dann will ich Sie nicht weiter von der Arbeit abhalten.“ Bevor er ging, berührte er mit den Fingerknöcheln sanft ihre Wange, und Rosie durchfuhr es heiß.

Genau wie Mittwochnachmittag, als er sie umarmt und fast geküsst hatte …

Rosie hatte Mühe, sich auf den Papierkram zu konzentrieren, und war erst bei Dienstschluss damit fertig. Sie eilte nach unten in den Kindergarten, um die Zwillinge abzuholen. In Gedanken fragte sie sich, ob es nicht ein großer Fehler gewesen war, sich mit Leo zu verabreden.

Allerdings war sie sich ziemlich sicher, dass Leo die Kinder sehen, eine charmante Ausrede präsentieren und sich verabschieden würde. Um von da an nie wieder eine Einladung auszusprechen …

Leo konnte kaum glauben, dass Rosie tatsächlich eingewilligt hatte, mit ihm auszugehen.

Sechs Uhr erschien ihm zwar ein bisschen früh, aber dann hätten sie noch Zeit für einen Drink, bevor es zum Essen ging. Als sein Dienst beendet war, passte er Robyn ab.

„Dich wollte ich sprechen!“, begrüßte er sie lächelnd.

„Wie kann ich dir helfen?“

„Es geht um etwas Persönliches. Kannst du mir ein erstklassiges Restaurant in der Nähe empfehlen?“

„Oh, kommt deine Mutter zu Besuch?“

Er schüttelte den Kopf. „Mamma ist zurzeit gesundheitlich etwas angegriffen, sodass sie besser in der Toskana bleiben sollte.“

„Bist du etwa auf eine Romanze aus?“, neckte Robyn.

„Ja.“

Die Chefärztin nannte ihm zwei Restaurants, und er speicherte die Namen auf seinem Smartphone.

„Darf ich fragen, wer die Glückliche ist?“

Leo lächelte. „Ein Gentleman genießt und schweigt.“

Robyn lachte hell auf. „Leo, du magst zwar ein Gentleman sein, aber du wirst es ein-, zweimal genießen und dich dann charmant verabschieden, bevor sie dir zu nahekommen kann.“

„Ich treffe mich öfter als zwei Mal mit Frauen“, protestierte er. Obwohl, es war etwas dran an dem, was sie sagte. Nach Emilia hatte er keine Frau näher an sich herangelassen. Vielleicht sollte er doch lieber einen Bogen um Rosie machen.

Das Problem war nur, dass er das nicht wollte. Rosie faszinierte ihn, und er musste herausfinden, warum. Ähnlich wie bei Emilia damals fühlte er sich wie magnetisch angezogen. Eigentlich hätte er daraus eine Lehre ziehen müssen: Das mit Emilia hatte bitter geendet!

Zu Hause angekommen, rief er in einem der beiden Restaurants an und bestellte einen Tisch. Am nächsten Tag befiel ihn eine ungewohnte Unruhe, ein bisschen so, als wäre er wieder ein Teenager. Seine Teenagerjahre waren allerdings das Letzte, woran Leo sich erinnern wollte. Sie endeten damit, dass ihm das Herz brach und er von Rom nach London flüchtete, um wieder zu sich zu kommen.

So etwas wollte er nie wieder erleben – die Unsicherheit, die verzweifelten Versuche, es jemandem recht zu machen, der die Messlatte ständig höhersetzte und dem jungen Leo zu verstehen gab, dass er seine Erwartungen niemals würde erfüllen können.

Er schob die Gedanken beiseite. Sein Vater war tot. Leo war mit sich im Reinen, er wusste, wer er war und was er konnte. Und er musste niemandem gefallen außer sich selbst.

Am späten Nachmittag fuhr er zu Rosies Adresse und parkte sein Cabrio vor ihrem Haus.

Sie trug ein kleines Schwarzes und war dezent geschminkt, als sie ihm die Tür öffnete. Ein ungewohnter Anblick, da er sie nur in Schwesterntracht und ohne Make-up kannte.

„Sie sehen hübsch aus“, sagte er und fühlte sich wie ein Trottel, als sie fragend die Brauen hob.

„Nicht dass Sie sonst nicht hübsch aussehen“, fügte er hinzu und kam sich noch blöder vor. Merkwürdig, sonst war er Frauen gegenüber nie verlegen. Warum jetzt bei Rosie?

„Danke für das Kompliment“, meinte sie lächelnd. „Kommen Sie herein.“

An der Tür zum Wohnzimmer blieb er wie angewurzelt stehen. Auf dem Fußboden spielten zwei kleine Kinder mit einer bunten Eisenbahn. Der brünette Junge und das goldhaarige Mädchen waren eindeutig Rosies Kinder, da beide ihre hellblauen Augen und ihr Lächeln hatten. Und sie schienen im selben Alter, also vermutlich Zwillinge zu sein. Ein Babysitter war nirgends zu sehen, aber vielleicht hielt der sich gerade in der Küche auf oder ließ Badewasser für die Kleinen ein.

Der Groschen fiel erst, als er Rosie ansah.

Sie hatte ihn bewusst hierhergebeten, weil sie fest damit rechnete, dass er nach einem Blick auf die Kinder das Weite suchen würde.

Das saß. Hielt Rosie ihn für so oberflächlich? Andererseits musste ihr Verhalten vielleicht gar nichts mit ihm zu tun haben. Hatte der Vater der Zwillinge sie so schwer enttäuscht, dass sie jedem Mann misstraute? Leo nahm sich vor, erst die ganze Geschichte zu hören, um sich nicht auch ein falsches Urteil zu bilden.

„Also Dinner zu viert?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern und sagte mit gesenkter Stimme, damit die Kinder sie nicht hören konnten: „Mich gibt’s nur im Gesamtpaket.“

„Das hätte ich gern vorher gewusst.“

„Um eher abzusagen?“

„Nein. Dann hätte ich ein größeres Auto mitgebracht und nicht das zweisitzige Cabrio.“

Ihre Wangen färbten sich rosig. „Ach so.“

„Es wäre mir eine Freude, Sie und die Zwillinge zum Essen auszuführen“, fügte er genauso leise hinzu. „Aber entweder müssen wir ein Taxi nehmen oder Ihren Wagen. Gibt es ein bestimmtes Restaurant, wo Ihre Kinder gern essen?“

Leo machte sich nicht aus dem Staub. Und er hatte sogar nach den Wünschen der Zwillinge gefragt statt nach ihren.

Rosie schämte sich. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt. Die Erfahrung mit Michael hatte ihr Urteilsvermögen vergiftet. Wenn ein Mann blendend aussah, musste er nicht automatisch ein Schuft sein.

„Danke“, sagte sie verlegen. „Sind Sie sicher, dass Sie das auf sich nehmen wollen?“

„Wie ich sehe, sind die Kinder zum Ausgehen angezogen. Ich werde ihnen nicht den Spaß verderben.“

„Ich hatte ihnen gesagt, dass ich mit ihnen essen gehe“, gestand sie.

„Und wie hätten Sie ihnen erklärt, dass ich hier auftauche?“

„Dass Sie ein Kollege und vorbeigekommen sind, um mir etwas aus dem Krankenhaus zu erzählen. Und dass Sie nicht mit uns Pizza essen könnten, weil Sie noch etwas anderes vorhaben.“

Erstaunt sah er sie an. „Sie haben tatsächlich gedacht, dass ich die Kinder sehen und auf der Stelle verschwinden würde?“

„Ja, und ich entschuldige mich aufrichtig dafür. Es tut mir leid, dass ich Sie mit jemand anderem über einen Kamm geschoren habe.“ Rosie seufzte unterdrückt. „Ich erkläre es Ihnen später. Die Kinder müssen das nicht hören.“

„In Ordnung. Möchten Sie einen Tisch bestellen, wo es den Zwillingen gefällt, während ich meinen absage?“

So viel Großmut hatte sie gar nicht verdient. „Vielen Dank.“ Ihr Tisch war längst bestellt, aber nur für drei Personen, weil sie sicher gewesen war, dass Leo nicht dabei sein würde. Es dürfte kein Problem sein, die Bestellung auf vier Personen zu erweitern. „Und bitte, entschuldigen Sie noch einmal.“

Leo sagte nichts, sondern nickte nur, was Rosie das Gefühl gab, auf eine Größe von fünf Zentimetern zu schrumpfen.

Leo ging in den Flur, um im Restaurant anzurufen. Als er fertig war, wartete er, bis Rosie ihren Anruf erledigt hatte, und folgte ihr ins Wohnzimmer.

„Hallo, ich bin Leo“, sagte er, während er sich zu den Zwillingen auf den Fußboden setzte.

Der kleine Junge würdigte ihn keines Blicks, aber das Mädchen lächelte ihn an. „Ich bin Lexi. Mein Name fängt mit ‚L‘ an, so wie deiner.“

„Freut mich, dich kennenzulernen.“ Er schüttelte ihr die Hand und sah ihren Bruder an. „Und wie heißt du?“

Der Kleine senkte den Kopf und blickte ihn von unten herauf schüchtern an.

„Das ist Freddie“, erklärte Lexi.

Überließ er immer seiner Schwester das Reden? „Es freut mich sehr, auch dich kennenzulernen.“ Leo streckte die Hand aus.

Freddie beobachtete ihn wachsam und rührte sich nicht.

Hatte das mit ihm zu tun, oder war der Junge bei Männern grundsätzlich zurückhaltend? Anscheinend war der Vater in dieser Familie nicht mehr präsent. Vielleicht hatte es eine bitterböse Scheidung gegeben? Das würde Rosies Vorurteile erklären.

„Ich arbeite mit eurer Mummy im Krankenhaus“, sagte Leo.

„Wir sind auch im Krankenhaus“, zwitscherte Lexi.

Fragend sah Leo Rosie an.

„Sie gehen in die hauseigene Kita“, erklärte sie.

Deshalb hatte sie nach Dienstschluss nie Zeit! Leo begriff, dass sie sofort nach der Arbeit ihre Kinder abholte.

„Wie alt bist du, Freddie?“

Der Junge schwieg beharrlich, und seine Schwester stupste ihn schließlich an, als wollte sie sagen: Antworte dem Mann.

„Freddie ist ein bisschen schüchtern“, sagte Rosie.

„Mummy sagt immer, redet nicht mit jemand, den ihr nicht kennt.“

„Da hat sie vollkommen recht“, stimmte Leo zu.

„Aber du kennst Mummy, also dürfen wir mit dir reden“, fügte Lexi hinzu.

„Drei“, sagte Freddie widerstrebend. „Ich bin drei.“

„Ich bin drei und ein bisschen mehr“, betonte Lexi. „Ich bin eher gebort als Freddie.“

Leo unterdrückte ein Lächeln. „Dann bist du ja der ältere Zwilling, Lexi.“

In einem unerwarteten Anfall von Selbstvertrauen platzte Freddie heraus: „Mummy geht mit uns aus. Wir kriegen Pizza zum Abendessen.“

„Da komme ich mit.“

„Warum?“, wollte Lexi wissen.

„Lexi, das war unhöflich“, mahnte Rosie.

„Schon gut.“ Leo lächelte die Kleine an. „Ich komme mit, weil deine Mummy so nett war, mich einzuladen. Da ich noch nicht lange am Krankenhaus arbeite, kenne ich nicht viele Leute. Und damit ich heute Abend nicht allein bin, hat deine Mummy gefragt, ob ich mit euch Pizza essen möchte. Das würde ich gern, falls es für euch beide auch in Ordnung ist.“

Die Zwillinge blickten einander an.

„Ist Mummy deine Freundin?“, fragte Freddie.

„Ja.“ Leo wagte es nicht, Rosie anzusehen. Freundschaft war nicht gerade das treffende Wort, um ihre Beziehung zu beschreiben. Aber fürs Erste musste es genügen.

„Dann bist du auch unser Freund.“ Lexis Lächeln erinnerte Leo so sehr an Rosies, dass sein Herz einen kleinen Satz machte. Ihr Zutrauen berührte ihn.

„Kommst du mit uns zum Park?“

„Heute Abend gehen wir nicht in den Park, Freddie“, antwortete Rosie.

„Morgen aber?“ Lexi blickte ihre Mutter hoffnungsvoll an.

„Vielleicht. Jetzt wollen wir Pizza essen gehen, und deshalb müssen wir die Eisenbahn wegräumen.“

Freddie schob die Unterlippe vor. „Wir wollen spielen, wenn wir wiederkommen.“

„Das sehen wir dann. Zuerst kommt sie wieder in ihre Kiste. Mal sehen, wer von euch schneller damit fertig ist!“

„Ich!“, rief Lexi.

„Ich!“, echote Freddie.

Sie zerlegten das hölzerne Schienennetz und warfen die Teile in eine große Plastikbox. Leo beobachtete die Kinder. Statt sie zu verwöhnen, gab Rosie ihren Kindern klare Regeln vor. Sie bestand darauf, dass sie ihre Spielsachen wegräumten, und legte Wert auf gutes Benehmen. Davon abgesehen, war Leo felsenfest überzeugt, dass es Freddie und Lexi niemals an Mutterliebe mangeln würde. Rosie setzte ihnen Grenzen, liebte sie jedoch grenzenlos.

Wie anders war dagegen doch seine Kindheit gewesen! Seine Mutter hatte ihn zwar nach Strich und Faden verwöhnt, aber nie richtig zu ihm gehalten. Und sein Vater war ein kalter, herrischer Mann gewesen, der in Leo zuerst den zukünftigen Herzog und erst an zweiter Stelle das Kind gesehen hatte. Ein Kind, das ihn ständig enttäuschte.

Leo verdrängte die Gedanken. Er wollte sich nicht den Abend verderben.

„Es stört Sie nicht, wenn ich fahre?“, fragte Rosie, während sie die Zwillinge anschnallte.

„Nein.“

Sie verzog das Gesicht. „Verzeihung, ich fälle schon wieder Vorurteile. Das wollte ich nicht.“

„Jeder Mann, der ein Problem damit hat, dass eine Frau am Steuer sitzt, sollte sich fragen, in welchem Jahrhundert er lebt.“

Ihr wurde warm ums Herz. Leo war ein wunderbarer Mann!

Lexi und Freddie sangen während der ganzen Fahrt ein fröhliches Lied nach dem anderen, sodass Rosie auf Small Talk mit Leo verzichten konnte. Natürlich war das feige, aber sie fühlte sich verunsichert, und die Kinder boten ihr Schutz.

Auf dem Weg zum Restaurant nahm sie an jede Hand ein Kind. Drinnen wollte Lexi neben Leo sitzen und Freddie ihr gegenüber.

Leo sah die Zwillinge an. „Das ist also euer Lieblingslokal?“

„Ja! Wir finden Pizza toll“, krähte Lexi.

„Ich auch, weil ich in Italien geboren bin, dem Land, aus dem die Pizza kommt.“

„Wo ist Italien?“

Wohl wissend, dass ihre Tochter kein Problem damit hatte, jemandem Löcher in den Bauch zu fragen, wollte Rosie sie schon bremsen, doch Leo zog sein Handy aus der Tasche und rief eine Landkarte auf. „Seht ihr das schmale, lange Land, das wie ein Stiefel aussieht? Das ist Italien. Und meine Heimat ist da oben.“ Er zeigte auf eine Region im Nordwesten.

Die Toskana. Rosie hatte schon immer davon geträumt, in die Toskana zu reisen. Michael und sie hatten bereits eine Rundreise mit längeren Aufenthalten in Florenz, Siena und Pisa geplant, als er den Urlaub absagte. Wegen einer neuen Arbeitsstelle, erklärte er, und sie war naiv genug gewesen, um ihm jedes Wort zu glauben. Viel wahrscheinlicher war allerdings, dass er das Geld für die Flüge und das Hotel verspielt hatte.

„Sind die Häuser da hübsch?“, wollte Lexi wissen.

„Sehr hübsch.“ Er zeigte ihr ein paar Fotos. „Siehst du?“

„Das da ist wie das Krankenhaus … nur gelb, nicht rot.“

„Gibt es Schlösser in Italien?“ Auch Freddie war neugierig geworden.

„Ja. Bei uns heißt ein Schloss palazzo.“

„Pal…“ Freddie geriet ins Stocken.

„Palazzo. So ähnlich wie Palast“, half Leo weiter. „Pal-az-zo.“

„Pal-as-o“, wiederholte ihr Sohn, so gut er konnte, und Rosie gefiel es, wie Leo ihn in seiner ruhigen Art zum Sprechen ermutigte.

„Sind auch Prinzessinnen im Schloss?“

„Die Kellnerin ist da, Lexi“, sagte Rosie sanft. „Wir müssen ihr sagen, was wir essen wollen.“

„Pizzabällchen!“, antwortete die Kleine.

„Wie heißt das Zauberwort?“

„Pizzabällchen, bitte“, verbesserte sich Lexi.

„Ich auch, bitte“, sagte Freddie.

„Das macht dann dreimal Bällchen, bitte“, schloss Leo sich an.

Rosie lächelte. „Viermal, bitte – und danach zwei kleine Pizza Margherita für die Kinder, eine mit dünnem Boden und vier Sorten Käse und …“ Fragend sah sie Leo an.

„Eine Quattro stagioni mit dünnem Boden, bitte.“

„Quatt…“, wiederholte Lexi zögernd. „Was ist das?“

Quattro stagioni bedeutet ‚vier Jahreszeiten‘. Weißt du, was Jahreszeiten sind?“

„Frühling ist eine“, warf Rosie ein, als Lexi ungewohnt stumm blieb.

Ihre Kleine schüttelte den Kopf.

„Wie gesagt, es gibt vier“, erklärte Leo. „Es ist Frühling, wenn Narzissen und Hasenglöckchen blühen. Im Sommer wird es heiß, im Herbst färben sich alle Blätter golden und fallen von den Bäumen, und der Winter kommt mit Kälte und Schnee.“

Natürlich kann er gut mit Kindern umgehen, dachte Rosie. Er ist Kinderarzt und arbeitet jeden Tag mit ihnen. Trotzdem war sie froh, dass er Lexis Frage nicht einfach abgetan, sondern so simpel und einleuchtend beantwortet hatte.

Lexi wollte noch mehr über Italien wissen, und sogar Freddie wurde immer zutraulicher, als Leo ihn nach seinen Lieblingseisenbahnen fragte. Dann half er ihrem Sohn dabei, seine Pizza klein zu schneiden. Der Panzer um ihr Herz bekam feine Risse, während sie die beiden dabei beobachtete.

So hatte sie sich eine eigene Familie immer vorgestellt.

Leider hatte Michael mehr gewollt. Sie und die Kinder genügten ihm nicht. Okay, jeder Mensch beging Fehler, und mit ihr hatte Michael sich wohl die falsche Frau ausgesucht. Aber dass ihm seine Kinder völlig egal waren, das tat ihr heute noch weh.

Im Krankenhaus hatte Leo tagtäglich mit Kindern zu tun, privat jedoch eher selten. Überrascht stellte er fest, dass er die Zeit mit Schnatterliese Lexi und dem schüchternen Freddie sehr genoss.

Gelegentlich blickte er zu Rosie hinüber, um sich zu vergewissern, dass sie nicht das Gefühl hatte, zu kurz zu kommen. Zu seiner Freude wirkte sie völlig entspannt – etwas, das er während der Arbeit nicht kannte. Zumindest nicht, wenn er in der Nähe war.

Robyn hatte gar nicht einmal so falschgelegen, als sie ihn mit seinen kurzen Affären neckte. Eine feste Beziehung kam für Leo nicht infrage. Dennoch fühlte er sich zu dieser kleinen Familie hingezogen.

So hätte er sich seine Kindheit gewünscht: mit einem Vater, der ihm beim Essen half, statt ihn während der Mahlzeiten ins Kinderzimmer zu verbannen, bis er alt genug war, um Messer und Gabel richtig zu benutzen. Mit einer Mutter, die ihm half, sein Eis mit bunten Streuseln und Jellybeans zu bestreuen, ohne sich darum zu kümmern, dass ein Teil auf Tischdecke oder seiner Kleidung landete. Allerdings hatte sie sich wahrscheinlich – nicht nur in dem Punkt – seinem Vater untergeordnet. Zart und anfällig, wie sie war, fügte sie sich lieber, als sich mit ihrem herrischen Gemahl auf einen Streit einzulassen.

Du kannst das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen.

Aber die Zukunft gestalten, dachte Leo. Vielleicht musste er gar nicht eine standesgemäße Adelsbraut finden, um mit ihr einen Erben für die Dynastie zu zeugen. Vielleicht konnte er sich das Leben und die Familie suchen, die wirklich zu ihm passten.

Vielleicht …

4. KAPITEL

Nach dem Essen fuhr Rosie alle zu sich nach Hause.

Es wäre unhöflich gewesen, Leo nicht auf einen Kaffee hereinzubitten, doch sie war sich ziemlich sicher, dass er sich gleich verabschieden würde. Obwohl er sich wundervoll um die Kinder gekümmert hatte, war es nicht das romantische Dinner zu zweit gewesen, das er wahrscheinlich erwartet hatte.

Und dann noch ihr albernes kleines Spielchen, das sie anfangs für eine gute Idee gehalten hatte. Inzwischen bereute sie es längst. Sie hätte ihm offen sagen sollen, dass sie zwei kleine Kinder hatte.

„Ich biete Ihnen gern noch einen Kaffee an“, sagte sie deshalb zurückhaltend. „Aber ich habe auch vollstes Verständnis, wenn Sie aufbrechen müssen.“

Seine dunklen Augen verrieten nicht, was er dachte. „Danke, ein Kaffee wäre schön.“

Oh! Also nutzte er nicht die erstbeste Gelegenheit, um zu verschwinden. Ihr Herz zitterte, so nervös war sie.

„Dann setze ich Wasser auf. Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus, eine Weile zu warten, bis ich die Kinder ins Bett gebracht habe?“

„Ich will nicht ins Bett“, maulte ihre Tochter.

„Für euch ist jetzt Schlafenszeit, Lexi. Und wenn ihr morgen in den Park gehen wollt, müsst ihr ausgeruht sein. Ich lese euch noch eine Gutenachtgeschichte vor.“

„Leo soll mir vorlesen“, verlangte Freddie ungewohnt bestimmt. „Leo ist mein Freund.“

„Leo …“ Rosie zögerte, während sie nach einer verständlichen Ausrede suchte.

„… liest dir sehr gern etwas vor“, sagte Leo sanft. „Hast du eine Lieblingsgeschichte, Freddie?“

„Die mit Dinos!“ Der Junge flitzte die Treppe hinauf.

„Danke“, murmelte Rosie.

Bald darauf hatten die Zwillinge Zähne geputzt und ihre Pyjamas an und kuschelten sich unter die Decken.

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