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PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN, Band 102

ROBIN GIANNA

Wo das Glück geboren wird

„Darf ich Sie zum Essen einladen?“ Dr. Rafael Moreno weiß, dass die Entbindung, die sie gemeinsam gemeistert haben, für die schöne Hebamme Gabriella anstrengend war. Es ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich jetzt um sie zu kümmern. Aber der Abend endet so überraschend sinnlich, wie der adlige Mediziner es nie für möglich gehalten hätte …

ABIGAIL GORDON

Wiedersehen im Rosengarten

Auch wenn er lange im Ausland war – sein Herz hat England nie verlassen! Das erkennt Dr. Drake Melford, als er seine Exgeliebte Tessa in der renommierten Klinik wiedersieht, die er von nun an leiten wird. Viel zu viel hat er damals für seine Karriere geopfert – ein Fehler, den er unbedingt wiedergutmachen will. Wenn Tessa ihn lässt …

LUCY CLARK

Auch Ärzte dürfen träumen

Dr. Pierce Brolin hat einen Traum: Er will an der amerikanischen Spitzenuni Yale forschen, was bedeutet, dass er Australien verlassen muss. Aber als er die hübsche Ärztin Stacey kennenlernt, denkt er nicht mehr daran. Doch da bekommt er von Yale das Jobangebot, und ausgerechnet Stacey besteht darauf, dass er es annimmt – sie gibt ihn frei …

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Wo das Glück geboren wird

HOLLYWOOD HILLS KLINIK

DAS TEAM:

Dr. James Rothsberg

Klinikleiter, Facharzt für Plastische Chirurgie

Freya Rothsberg

PR-Managerin der Klinik

Dr. Rafael Moreno

Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe

Dr. Crane

Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

Dr. Smith

Anästhesist

Dr. Jake Lewis

Neurochirurg

Stephanie

Rezeptionistin

Gabriella (Gabby) Cain

Leitende Hebamme

PATIENTEN:

Cameron Fontaine

Schauspielerin

Skye

ihre Tochter

Megan

Trina

Amala

UND:

Dr. Mila Brightman

Leiterin der Bright Hope Klinik

Ben

Gabbys Exverlobter

1. KAPITEL

Hundemüde starrte Gabriella Cain auf das Chaos und seufzte leise. Ihre zweite Doppelschicht in dieser Woche mochte offiziell beendet sein, aber als leitende Hebamme würde sie diese Unordnung nicht einfach der nächsten diensthabenden Kollegin überlassen.

Allerdings brauchte sie nur an die Zwillinge zu denken, die sie einer überglücklichen Hollywoodschauspielerin und dem stolzen Vater in die Arme gelegt hatte, und schon verspürte sie neue Energie. Wie eine Küche, in der nie gekocht wurde, konnte ein Entbindungszimmer auch nur ordentlich aussehen, wenn dort keine Babys zur Welt kamen! Und das wäre doch sehr traurig.

Gabby bezog das Bett mit der feinen Wäsche aus ägyptischer Baumwolle, die die Hollywood Hills Klinik für ihre anspruchsvollen Klienten bereithielt. Danach faltete sie saubere Decken zusammen und stapelte sie im Wärmeschrank. Aufräumen wollte sie zum Schluss und dabei gleich überprüfen, welches Material sie eventuell nachbestellen musste.

Schließlich bückte sie sich nach aufgerissenen Verpackungen und allem anderen, was den Boden übersäte. Sie kam jedoch nicht weit. Die Doppelschwingtüren flogen auf, und eine Liege wurde eilig ins Zimmer gerollt. Gabby hörte die Frau darauf stöhnen und gleichzeitig die Stimme der Rezeptionistin.

„Gabby? Bist du hier?“

„Ja, Stephanie.“ Sie richtete sich auf und erkannte Cameron Fontaine, die prominente Schauspielerin und eine der schwierigsten Patientinnen, die sie je gehabt hatte. Und ihr Entbindungstermin war erst in acht Wochen! „Cameron? Was ist passiert?“

„Ich glaube, das Baby kommt. Es ist viel zu früh, oder? Ich habe solche Angst! Tun Sie etwas!“

Gabby wurde mulmig zumute. Ja, es war zu früh. Sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Wehen noch nicht eingesetzt hatten, dass das Kind lebendig und gesund zur Welt kommen möge. Nach außen hin ließ sie sich nichts anmerken, als sie zu ihrer Patientin eilte und ihre Hand nahm. „Beruhigen Sie sich. Wir bringen Sie ins Bett, und dann sehe ich mal nach, was los ist, ja?“

Cameron nickte und klammerte sich buchstäblich an Gabbys Finger, während die Sanitäter sie auf das Bett hoben.

Die zweiunddreißigste Schwangerschaftswoche war definitiv zu früh! „Stephanie, du weißt, welcher Gynäkologe Rufbereitschaft hat. Wir brauchen ihn so schnell wie möglich!“

Die Rezeptionistin eilte davon, und die Sanitäter verließen ebenfalls den Raum. Gabby griff zum Blutdruckmessgerät. „Ich werde Puls und Blutdruck messen und Sie dann kurz untersuchen.“

„Wissen Sie dann, ob das Baby kommt?“

„Falls der Muttermund erweitert ist, ja. Weshalb dachten Sie, dass die Geburt einsetzt? Haben Sie Wehen?“

„Nicht … nicht direkt.“ Cameron legte die Hand auf den Bauch und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die sicher noch nie ein Zuschauer zu sehen bekommen hatte. „Ich hatte Krämpfe, so ähnlich wie die Senkwehen, die Sie mir beschrieben haben. Und mein Bauch wurde hart. Als es nicht wegging, habe ich die Klinik angerufen.“

„Das war genau richtig.“

„Der Hubschrauber hat ewig gebraucht. Mindestens fünf Minuten länger als damals, als ich gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen war. Ich musste drei Mal anrufen, und das hat sie wohl auf Trab gebracht.“

Gabby unterdrückte ein Lächeln. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie diese Telefonate verlaufen waren. „Sehen wir erst einmal nach, wie es Ihrem Baby geht.“

Mit dem Stethoskop horchte sie Camerons Bauch ab und atmete auf, als sie den kindlichen Herzton hörte. Dann zog sie ein Paar Einmalhandschuhe aus der Spenderbox.

„Die gute Nachricht ist, dass die Fruchtblase noch intakt ist“, sagte sie ein paar Minuten später. „Das heißt, die Geburt ist noch nicht weit fortgeschritten. Aber Ihr Muttermund hat sich auf zwei Zentimeter geöffnet.“

„Und das bedeutet, es geht los?“ Camerons Stimme klang eine Note schriller.

„Nicht unbedingt“, versuchte Gabby die Schauspielerin zu beruhigen. „Mit den entsprechenden Medikamenten lässt sich der Prozess verlangsamen oder auch ganz stoppen. Ich lege Ihnen einen intravenösen Zugang, damit wir Sie mit allem Nötigen versorgen können. Unter anderem auch mit Glukokortikoiden, um die Lungenreife Ihrer Kleinen zu fördern, falls sie große Sehnsucht nach Mommys Armen hat. Es ist wichtig, dass Sie sich nicht aufregen. Wir tun alles, damit es ihr gut geht.“

„Ich will Dr. Crane sehen. Wo bleibt sie denn?“

„Darum kümmere ich mich gleich.“ Sie tätschelte Cameron die Schulter. „Entspannen Sie sich. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber Sie wollen bestimmt nicht, dass Ihr Blutdruck durch die Decke geht und Ihrem Baby Stress bereitet.“

„Können Sie mir vorher etwas zu trinken bringen? Ich bin völlig ausgedörrt.“ Theatralisch fasste sich Cameron an die Kehle und räusperte sich geziert. „Ich hätte gern artesisches Wasser mit einem Spritzer Limonensaft. Das haben Sie doch da, oder?“

In jedem Zimmer stand ein kleiner, gut bestückter Edelstahlkühlschrank. Eine Krankenschwester hier am Hollywood Hills, die früher Barkeeperin gewesen war, hatte Gabby gezeigt, wie man den Limonenschnitz über den Glasrand zog. Gabby füllte das verlangte Quellwasser ein und reichte Cameron das Kristallglas. Wie eine Verdurstende griff sie danach und leerte es in einem Zug.

„Ich bin gleich wieder da“, erklärte Gabby.

Auf dem Weg zu Stephanie kam sie an dem sanft plätschernden Wasserspiel vorbei, das in der Mitte des gläsernen Atriums stand und der Eingangshalle das Ambiente eines Luxushotels verlieh. Tief atmete Gabby den dezenten Duft nach Lavendel und Sandelholz ein. War sie vorhin noch todmüde gewesen, hatte der Adrenalinstoß bei Camerons Ankunft sie wieder hellwach gemacht.

„Ist der Arzt schon unterwegs, Stephanie? Wer hat Rufbereitschaft?“

„Das wollte ich gerade herausfinden, als James anrief. Cameron hatte vom Hubschrauber aus mit ihm telefoniert, damit er Frau Dr. Crane Bescheid sagt. Aber sie ist zurzeit nicht in der Stadt, also hat James einen guten Freund gefragt, einen Dr. Moreno.“

„Einen Freund? Was soll das heißen?“

„Er scheint ein international anerkannter Gynäkologe zu sein, und nicht nur das – stell dir vor, er soll ein Prinz sein, aus einer Fürstenfamilie im Mittelmeerraum. Ist das nicht aufregend?“ Stephanies Augen glänzten verträumt. Was Gabby wunderte, denn die Empfangsdame der Hollywood Hills Klinik sah hier jeden Tag Superstars aus und ein gehen. „Er hält sich gerade in Kalifornien auf, und James glaubt, dass es Ms. Fontaine gefallen wird, von einem Prinzen behandelt zu werden.“

Gabby liebte ihre Arbeit in dieser Klinik, aber in diesem Moment hätte sie James Rothsberg am liebsten auf den Kopf zugesagt, dass die Qualität der medizinischen Behandlung immer noch wichtiger war als der gesellschaftliche Status eines Arztes, mit dem James zufällig dick befreundet war. Dabei hatte James Rothsberg die Klinik unter der Maxime gegründet, für jeden Patienten und jede Patientin die bestmögliche Versorgung anzubieten.

„Na gut, schick ihn zu uns, sobald er da ist.“ Sie eilte wieder zu ihrer Patientin. „Der Arzt kommt gleich“, erklärte sie. „Ich muss Sie jetzt kurz piksen, um den Zugang zu legen.“ Es fiel ihr nicht leicht, aber sie ignorierte die Unordnung. Im Moment hatte sie Wichtigeres zu tun, als aufzuräumen.

„Es ist doch hoffentlich Dr. Crane?“ Die Schauspielerin zuckte dramatisch zusammen und stieß einen Schmerzenslaut aus, als die Nadel in ihre Vene glitt. „Sie kennt mich gut, und ich möchte keinen anderen Arzt.“

„Leider ist Dr. Crane nicht in der Stadt, aber dieser Arzt ist ein persönlicher Freund von Dr. Rothsberg. Und er ist nicht nur ein exzellenter Geburtshelfer, sondern auch ein Prinz.“

„Ein Prinz?“ Statt einen Wutanfall zu bekommen, weil sie ihren Willen nicht bekam, lächelte sie erfreut. „Wie nett. Ein Prinz wird sicher verstehen, wie wichtig mein Baby für die Welt ist.“

Weil ein Prinz und das Kind einer egozentrischen Filmdiva wichtiger waren als andere Menschen? Heftige Gefühle kochten in Gabby hoch. Sie mochte kaum glauben, dass Cameron das wirklich ernst meinte. Nicht nur, weil es mehr als arrogant war, sondern weil jedes Baby kostbar war!

Sie nahm sich zusammen. „Ich bin nicht sicher, wann Dr. Moreno eintreffen wird. Wir sollten mit der Infusion beginnen. Ist Ihr Bauch immer noch gespannt und hart? Haben Sie noch diese krampfartigen Schmerzen?“

„Ja, ja, aber nicht so schlimm. Ich finde, wir warten auf diesen Prinzen.“ Sprach’s, griff zur Fernbedienung und schaltete einen Spielfilmkanal ein. Im nächsten Moment schenkte sie Gabby das Megawattlächeln, mit dem sie in jede Kamera strahlte. „Oh, sehen Sie, das ist einer von meinen!“, rief sie aus. „Mein Lieblingsfilm!“

„Cameron …“ Gabby rang um Geduld. „Wir sollten nicht warten, bis Dr. Moreno diese Infusion anordnet. Denn das wird er auf jeden Fall tun. Uns läuft ein bisschen die Zeit davon. Damit die Lungen Ihres Babys gekräftigt werden, empfiehlt sich eine dreimalige Gabe von Glukokortikoiden, und zwischen jeder Dosis sollten mindestens vierundzwanzig Stunden liegen. Je eher Sie die erste bekommen, umso schneller können wir Ihnen die nächste geben.“

„Ich muss gestehen, ich bin etwas nervös. Sie sind eine gute Hebamme, das weiß ich. Wenn Sie meinen, wir sollten anfangen, dann tun Sie’s.“

Ihr Lächeln verblasste, und Gabbys Frust verflog augenblicklich. Cameron war sichtlich angespannt. Vielleicht hatte sie sich mit dem Fernsehen ablenken wollen, um sich der Situation nicht stellen zu müssen. Selbsttäuschung war eine der leichtesten Übungen, wie Gabby aus eigener Erfahrung nur zu gut wusste.

Sie tätschelte beschwichtigend Camerons Arm. „Dann starten wir jetzt gleich. Und ich bin sicher, dass der Doktor jeden Moment hier sein wird.“

Als hätte sie ihn damit heraufbeschworen, klopfte es, und die Tür öffnete sich. Gabby drehte sich um.

Ein atemberaubender Mann betrat das Zimmer, der schönste, den sie je gesehen hatte. Das akkurat geschnittene rabenschwarze Haar schimmerte gepflegt, der südländische Teint bildete einen attraktiven Gegensatz zu dem weißen Arztkittel. Das gestärkte Hemd wies kein Fältchen auf und stand am Kragen offen. Darunter verbarg sich ein breitschultriger, athletisch gebauter Körper. Am faszinierendsten waren jedoch seine Augen … grün wie die Frühlingslandschaft in Seattle nach dem ersten Regen.

Die Luft im Raum schien knapp zu werden, als ihre Blicke sich trafen. Der Kontakt blieb jedoch flüchtig, und Gabby hatte das Gefühl, taxiert und abgetan worden zu sein. Dann sah sich der Arzt kurz um und richtete seine Aufmerksamkeit schließlich auf die Patientin.

Ein Lächeln glitt über seine markanten Züge. „Buenos días.“ Er trat ans Bett, griff nach Camerons Hand und hob sie zu Gabbys Erstaunen zu einem formvollendeten Handkuss an die Lippen. „Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Sie die berühmte Cameron Fontaine sind. Ihr wundervolles Gesicht würde ich überall wiedererkennen. Ich bin Dr. Rafael Moreno.“

„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Doktor“, gurrte Cameron.

„Ihr kleiner Liebling scheint es also eilig zu haben. Man hat mir gesagt, dass es ein Mädchen ist – ein Glückskind, weil es die Schönheit seiner Mutter erben wird. Lassen Sie uns herausfinden, was die Kleine im Schilde führt, ja?“

Du meine Güte, dachte Gabby. Dreht er seinen Charme absichtlich auf, oder ist er immer so?

„Oh bitte!“, antwortete Cameron impulsiv. „Ich kann es kaum erwarten, Ihre Einschätzung zu hören. Sie wissen sicher, was wir tun sollen.“

Gabby wusste nicht, ob sie Dr. Moreno bewundern oder verachten sollte. Die egozentrische Schauspielerin lag ihm buchstäblich zu Füßen. Andererseits hatte er sich Gabby weder vorgestellt noch gefragt, wer sie sei. Der Mann mochte ein Prinz sein, aber sein Auftritt war an Arroganz nicht zu überbieten!

„Erzählen Sie mir, was passiert ist.“ Er setzte sich zu Cameron, hörte aufmerksam zu, während sie lang und breit berichtete, und las dabei die Eintragungen auf ihrer Patientenkarte. Gabby würdigte er keines Blickes, so als wäre sie gar nicht anwesend.

Dr. Moreno schien die Ruhe weg zu haben, und Cameron sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit, als er alle möglichen Fragen zu ihrem Leben, ihrer Karriere und ihrer Gesundheit stellte. Die beiden plauderten miteinander, als wären sie auf einer Cocktailparty.

Gabby wurde zunehmend unruhig. Die Minuten verstrichen, und sie fragte sich, wann er endlich mit der medikamentösen Behandlung anfangen wollte. Allerdings musste sie ihm zugutehalten, dass er es schaffte, die Patientin in einen entspannten Zustand zu versetzen.

Als er jedoch zu Handschuhen griff, wohl um eine vaginale Untersuchung vorzunehmen, hatte er bei Gabby gleich wieder verspielt.

„Entschuldigen Sie, Dr. Moreno“, begann sie. „Haben Sie auf der Karte meine Notiz nicht gelesen, dass ich Ms. Fontaine erst vor einer halben Stunde untersucht habe? Dass der Muttermund auf zwei Zentimeter erweitert ist?“

Er wandte sich ihr zu, die Augenbrauen fragend hochgezogen. „Und Sie sind …?“

„Gabriella Cain, leitende Hebamme hier an der Hollywood Hills Klinik.“

„Da Ms. Fontaine nun in meiner Obhut ist, werde ich sie künftig untersuchen. Ich nehme an, Sie wissen, dass häufige Vaginaluntersuchungen bei frühzeitiger Wehentätigkeit kontraindiziert sind?“

Gabby glaubte, sich verhört zu haben. Nur mit Mühe zügelte sie ihren Ärger. „Ja, dessen bin ich mir bewusst, Dr. Moreno. Deshalb bin ich ja der Meinung, dass Sie mit der Untersuchung noch warten sollten. Ich hatte vor, Magnesiumsulfat zu verabreichen, dann Glukokortikoide und anschließend einen Ultraschall zu machen.“

„Ich ziehe es vor, mich nicht auf die Untersuchungen und Meinungen anderer zu verlassen, da das normalerweise nicht im Interesse meiner Patientin liegen kann. Da Sie jedoch Ms. Fontaine schon untersucht haben, werde ich Ihrem Urteil in diesem Fall vertrauen.“ Er wandte sich ab, und Gabby starrte auf seinen Hinterkopf. Seine Patientin? Sie hatte schon öfter mit überheblichen Ärzten zusammenarbeiten müssen, aber dieser hier verdiente wirklich den Titel „Schnösel des Jahres“!

„Es ist gut, dass der Muttermund noch nicht mehr als zwei Zentimeter geweitet ist“, sagte er zu Cameron. „Und obwohl es ein klares Zeichen für den Beginn der Geburt ist, können wir einiges unternehmen, um den Prozess aufzuhalten. Damit Ihr Baby noch ein bisschen wachsen kann.“

„Also geht es doch schon los.“ Cameron biss sich auf die Unterlippe. „Ich hatte so sehr gehofft, dass es noch nicht so weit ist.“

Er stand auf und lächelte charmant auf sie hinunter, bevor er ihre Hand nahm. „Wir tun, was wir können. Aber wenn Ihr Baby partout auf die Welt will, sollten wir vorbereitet sein, und das heißt, dass wir Ihnen etwas geben müssen, das seine Lungenreife fördert. Und wir fangen gleich damit an. Okay?“

„Natürlich. Was immer Sie vorschlagen.“ Cameron schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. „Vielen, vielen Dank, Doktor.“

„Rafael, bitte.“

Gabby war drauf und dran, mit den Zähnen zu knirschen. Als sie vorhin genau die gleiche Behandlung vorschlug, hatte Cameron prompt abgelehnt! Allerdings war es kein Geheimnis, dass die Patientinnen einem Arzt mehr Respekt entgegenbrachten als einer Hebamme. Und wenn er dann nicht nur umwerfend aussah, sondern auch noch ein Prinz war, hatte sie gar nichts mehr zu melden.

„Bien.“ Dr. Moreno wandte sich zu Gabby um, und sein Lächeln machte einer kühlen professionellen Miene Platz. „Kann ich davon ausgehen, dass Sie die Infusionen vorbereitet haben?“ Erneut blickte er sich im Zimmer um und richtete dann seine faszinierenden grünen Augen auf Gabby. „Wahrscheinlich nicht.“ Sein Blick wurde durchdringend. „Als ich vorhin hereinkam, war ich entsetzt, den Raum in diesem unordentlichen Zustand zu sehen. Das passt nicht zu dem herausragenden Ruf der Hollywood Hills Klinik – zumal ich weiß, welche hohen Maßstäbe James Rothsberg ansetzt.“

Das Fass drohte überzulaufen. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein? Er mochte ein Freund von James und außerdem ein Prinz sein, doch das gab ihm nicht das Recht, hereinzumarschieren wie ein Halbgott in Weiß und sie zu kritisieren, ohne auch nur den Funken einer Ahnung zu haben, was sich hier in den letzten zehn Stunden abgespielt hatte!

„Ich war gerade dabei, nach einer schwierigen Entbindung aufzuräumen, als Cameron hereingerollt wurde. Da es sich offensichtlich um einen Notfall handelte, hielt ich es für wichtiger, mich um sie und ihr Baby zu kümmern. Und die Infusionen sind vorbereitet!“

Sie marschierte zum Schrank, holte alles Notwendige und widerstand nur schwer dem Impuls, ihm die Sachen an den aristokratischen Kopf zu werfen. Als er danach griff, berührten sich ihre Hände flüchtig, und im selben Moment schoss ein Prickeln durch ihren Arm, wie von einem leichten Stromstoß. Gabby weigerte sich, das als ein Zeichen von Anziehungskraft zu deuten. An diesem Mann war nichts Anziehendes!

Äußerlich vielleicht, aber sie interessierte sich nicht für blendend aussehende Männer – geschweige denn für Männer überhaupt.

Leider musste sie zugeben, dass er schnell und geschickt die Medikamente verabreichte und dabei seine Patientin mit einer unbefangenen Unterhaltung ablenkte.

„Fertig“, sagte er schließlich und lächelte Cameron beruhigend an. „Ruhen Sie sich aus, schlafen Sie ein bisschen. Wir beobachten Ihr Baby regelmäßig, Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen.“

„Danke, Rafael. Ich bin so froh, dass Sie und Gabby sich um mich kümmern.“

Und Gabby war froh, dass eine Kollegin sie bald ablösen würde. Sie brauchte dringend eine ausgiebige Runde Schlaf.

„Was möchten Sie heute Abend essen?“, fragte sie und brachte Cameron die Menükarte und noch ein Glas Wasser. Der Sternekoch der Klinik zauberte frische, erlesene Speisen, mit denen selbst die verwöhntesten Patienten hochzufrieden waren. „Die diensthabende Hebamme wird darauf achten, dass Sie es nachts bequem haben. Morgen früh bin ich dann wieder für Sie da. Und am Nachmittag geben wir Ihnen die nächste Kortikoid-Dosis.“

„Aber ich will keine andere Hebamme.“ Cameron zog einen Schmollmund, und Gabby fragte sich, wie sie es schaffte, dabei so hübsch auszusehen. „Ich möchte, dass Sie heute Nacht bei mir bleiben, Gabby.“

Die Müdigkeit, die sie vorhin verspürt hatte, kehrte mit Wucht zurück. Gabby war überzeugt, dass sie wie ein Pferd im Stehen schlafen würde, wenn sie nur die Augen schloss. Sie sehnte sich unbeschreiblich nach ihrem Bett, aber sie kannte auch Cameron und ihre Ansprüche. Die Hollywood Hills Klinik war für ihre außergewöhnliche medizinische und pflegerische Betreuung bekannt, und das bedeutete auch außergewöhnliche Arbeitszeiten.

Es sah ganz so aus, als müsste Gabby auch diese Nacht im Dienst verbringen. „Ich weiß Ihr Vertrauen in mich zu schätzen, Cameron. Ich …“

„Da Sie mit dem Zustand und den Sorgen unserer geschätzten Patientin vertraut sind“, wurde sie von Rafaels samtiger Stimme unterbrochen, „halte ich es für ausgesprochen wichtig, dass Sie bleiben. Hier ist meine Karte. Bitte zögern Sie nicht, mich zu verständigen, wann immer es nötig ist.“

Wer glaubt er, wer er ist? Der Herrscher der Welt? Gabby hätte ihm am liebsten das selbstsichere Lächeln aus dem Gesicht gewischt, als er erst ihr und dann Cameron eine edel geprägte Karte überreichte.

Cameron klimperte mit ihren langen Wimpern, während sie ihn anlächelte. „Vielen Dank, Rafael. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr Sie mir mit Ihrer Hilfe und Ihrer Erfahrung in dieser schwierigen Zeit beistehen.“

„Das tue ich gern. Es ist meine Aufgabe, Mamas und ihren Babys zu helfen, egal, ob eine Schwangerschaft nun wie im Lehrbuch verläuft oder hochriskant ist. Ich verspreche Ihnen, dass ich für Sie und Ihr bébé alles in meinen Kräften Stehende tun werde.“

Und ich nicht? Oder die anderen Ärzte und Krankenschwestern? Der Mann war die personifizierte Arroganz im weißen Kittel! Gabby nahm sich vor, ihm genau das klarzumachen – wenn auch in einem anderen Ton und mit gemäßigteren Worten als denen, die ihr gerade durch den Kopf geisterten.

„Wie ich gerade sagen wollte, bleibe ich natürlich gern“, versicherte sie ihrer Patientin und warf Dr. Moreno einen Blick zu, den er hoffentlich richtig deutete: Dass er in dieser Klinik nur einen Gastauftritt hatte und sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte!

„Danke, Gabby.“

„Möchten Sie sich jetzt nicht ausruhen? Vielleicht ein bisschen fernsehen? In ein paar Minuten bin ich wieder da und nehme Ihre Wünsche für das Abendessen auf.“ Sie drehte sich zu Dr. Wichtig um. „Könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen, Dr. Moreno? In meinem Büro?“

Er nickte knapp und folgte ihr aus dem Zimmer. Sonst genoss Gabby den herrlichen Ausblick aus den großen Fenstern, wenn sie die marmorgefliesten Flure entlangging. Im Moment hatte sie jedoch keinen Blick dafür, weil sie in Gedanken schon Rafael Moreno die Leviten las. Vor ihrem Arbeitszimmer blieb sie stehen, öffnete die Tür und bedeutete ihm, einzutreten.

„Ladys first“, sagte er und streckte die schlanke Hand zur gleichen Geste aus.

Männer mit Manieren gefielen ihr, doch das hier sah nicht nach gutem Benehmen aus, sondern mehr danach, die Kontrolle zu behalten. Da war er bei ihr an der falschen Adresse! Mit einem steifen Lächeln, das er wahrscheinlich durchschaute, entgegnete sie: „Nein, ich bestehe darauf. Schließlich sind Sie Gast der Klinik.“ Ein Wink mit dem Zaunpfahl, der ihn in seine Schranken weisen sollte. Falls er ihn nicht verstand, würde sie es ihm mit deutlichen Worten klarmachen.

Spöttisches Erstaunen zeichnete sich auf seinem markanten Gesicht ab, und ihre Blicke trafen sich. Gabby straffte die Schultern. Wenige Momente später nickte Dr. Moreno kaum merklich und betrat ihr Büro. Sie folgte ihm und schloss die Tür, damit niemand ihr Gespräch mit anhören konnte.

Als sie sich zu ihm umdrehte, hatte sie wieder das irritierende Gefühl, dass die Luft im Zimmer knapp wurde. Groß und breitschultrig stand Rafael Moreno da, und seine aufrechte, selbstbewusste Haltung tat ein Übriges, dass die Wände plötzlich näherzurücken schienen.

Aber Gabby brauchte Luft zum Atmen, wenn sie ihm die Meinung sagen wollte. Leider war ihr Mund auf einmal wie ausgedörrt. Sie trat hinter ihren Schreibtisch, um auf Distanz zu gehen und ihm zu zeigen, wer auf dieser Station das Sagen hatte.

„Bitte, nehmen Sie Platz“, forderte sie ihn auf, während sie sich hinsetzte.

Was er natürlich nicht tat. Er blickte auf sie hinunter, sodass sie sich wie eine Feldmaus vorkam, die ein Habicht ins Visier genommen hatte. Und was nun? Sollte sie den Kopf in den Nacken lehnen und zu ihm aufsehen? Oder wieder aufstehen? Beides würde ziemlich lächerlich wirken und in jedem Fall ihre Autorität untergraben.

Verdammter Kerl!

„Was möchten Sie mit mir besprechen, Ms. Cain?“

Gabby atmete langsam aus, um ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden, erhob sich und sah ihm in die Augen. „Ich weiß, Sie sind ein Freund von James, und man hat mir gesagt, dass Sie ein guter Arzt sind. Und auch, dass Sie einer Fürstenfamilie angehören. Vielleicht glauben Sie deshalb, dass Sie tun können, was Sie wollen.“

„Ich kann tun, was ich will.“

Die sanft ausgesprochenen Worte milderten nicht den arroganten Inhalt. Aber seine tiefe Stimme ging ihr unter die Haut. Gegen ihren Willen schlug ihr Herz schneller. „Woanders vielleicht, aber nicht hier, Dr. Moreno“, erwiderte sie tapfer. „Ich mag Hebamme und keine Ärztin sein, aber ich bin tagtäglich für die Entbindungsstation verantwortlich. Selbstverständlich bin ich Ihnen dankbar, dass Sie auf James’ Bitte so schnell wie möglich zu meiner Patientin gekommen sind, doch ich kann es nicht gutheißen, dass Sie hier hereinmarschieren und alles an sich reißen. Sie haben meine Notizen völlig ignoriert und sich nicht im Geringsten für meine medizinische Einschätzung interessiert. Und das vor der Patientin. Das war grob unhöflich und hätte ihr Vertrauen in mich, mein Wissen und meine Erfahrungen zerstören können.“

Er verzog keine Miene, nur in den Tiefen seiner grünen Augen blitzte etwas auf, ein gefährliches Funkeln … Mühsam unterdrückter Zorn? Gabby hielt unwillkürlich den Atem an, während sich das Schweigen dehnte.

„Sonst noch etwas?“, sagte er schließlich kühl.

„Ja, tatsächlich.“ Gabby kam um den Schreibtisch herum und nutzte die Gelegenheit, tief Luft zu holen, um ihr hämmerndes Herz zu beruhigen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, größer als ein Meter achtundsechzig zu sein. Aber sie war so wütend, dass sie buchstäblich über sich hinauswuchs.

„Die Art und Weise, wie Sie den Zustand des Zimmers bemängelt haben, war in keinster Weise gerechtfertigt. Ich nehme Ihnen übel, dass Sie vor der Patientin den Eindruck erweckt haben, ich würde es mit der Sauberkeit nicht so genau nehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich arbeite hart dafür, dass auf meiner Station alles reibungslos verläuft und die Entbindungszimmer nicht nur penibel sauber, sondern so luxuriös und wunderschön hergerichtet sind, wie James es sich für unsere Patientinnen wünscht.“

Erneut holte sie tief Luft. „Als Geburtshelfer müssten Sie wissen, dass es bei einem Notfall wie der Zwillingsgeburt, um die wir uns vor Camerons Ankunft kümmern mussten, schnell aussehen kann, als wäre das Zimmer tagelang nicht gereinigt worden. Oder haben Sie nie einen Gedanken daran verschwendet, weil Sie als Arzt herbeieilen, das Baby auffangen und den Helden spielen, bevor Sie wieder verschwinden und das Aufräumen anderen überlassen?“

„Ich versichere Ihnen, dass ich chaotische Zustände in Krankenzimmern gewohnt bin, da ich in Kliniken auf der ganzen Welt gearbeitet habe.“ Die samtweiche Stimme verriet keine Regung, doch der harte Glanz in seinen Augen blieb. „Sie beleidigen mich, wenn Sie unterstellen, dass ich ein verwöhnter, selbstsüchtiger Mensch bin, der sich vor seinen Aufgaben drückt. Zu meinen Prioritäten als Arzt gehört auch, dass ich auf Details achte – und so, wie ich den Entbindungsraum vorfand, drängte sich mir der Eindruck auf, dass hier jemand die Kontrolle verloren hatte.“

Sie standen dicht voreinander und maßen sich mit Blicken, ein stummer Kampf, den Gabby verlor. Bevor ihr von seinem intensiven Blick schwindlig wurde, senkte sie die Lider. Leider rückte dafür sein Mund in ihr Sichtfeld. Sie starrte auf die festen Lippen, unversöhnlich im Ausdruck und gleichzeitig weich und sinnlich geschnitten, sodass ihr Magen einen kleinen Salto vollführte. Ein unwillkommenes Gefühl erfasste sie, das nichts mit dem Ärger zu tun hatte, der sie erfüllte.

„Und ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Eindruck falsch war. Es bestand nicht die geringste Notwendigkeit, dass Sie die Kontrolle übernehmen.“ Gabby widerstand dem Bedürfnis, sich über den Hals zu streichen. Warum war es plötzlich so heiß hier drin? Es musste daran liegen, dass sie sich so aufgeregt hatte. Oder strahlte der große, starke Männerkörper vor ihr diese Hitze aus? „Falls Sie sich weiterhin um Cameron kümmern – und ich würde es vorziehen, dass ein anderer Arzt diese Aufgabe übernimmt –, erwarte ich, dass Sie mich vor der Patientin respektvoll behandeln. Nur dann kann ich Ihnen den gleichen Respekt erweisen.“

„Oh, ich werde wiederkommen, Ms. Cain. Ob es Ihnen gefällt oder nicht. Ich pflege meine Versprechen zu halten, sowohl meinem Freund James als auch meiner Patientin gegenüber.“

Ihr Herz machte einen Satz, als er plötzlich nach ihrer Hand griff und sie an seine Lippen hob. Sekundenlang spürte sie sie warm auf ihrem Handrücken, während wieder ein Prickeln ihren Arm hinaufschoss. Dann ließ Rafael Moreno ihre Hand sinken und verließ wortlos das Zimmer.

Verwirrt starrte sie auf die geschlossene Tür, rieb gedankenverloren über Handrücken und Arm, in dem es immer noch kribbelte. „Toll, Gabby“, murmelte sie atemlos vor sich hin. „Von dem Mann lässt du dir aber schnell die Butter vom Brot nehmen.“

Fragte sich nur, was sie tun sollte, falls er vorhatte, auch ihre Station zu übernehmen!

2. KAPITEL

„Du warst schon immer ein Workaholic, aber dein Terminplan ist verrückt.“ Rafael saß James gegenüber, froh darüber, dass sein Freund endlich Zeit gefunden hatte, ihn in dem Haus auf den Klippen, das er gemietet hatte, zu besuchen. „Ich dachte schon, wir schaffen es nicht auf einen Drink, bevor ich L. A. wieder verlasse.“

„Hey, mein Leben besteht nicht nur aus Arbeiten.“

„Woraus noch? Hast du etwa mit Golf angefangen?“ Rafael warf ihm einen belustigten Blick zu. Er wusste genau, dass James nicht das geringste Interesse an diesem Sport hatte.

Der grinste zurück. „Nein, aber ich habe in …“ James blickte auf seine Armbanduhr. „… gut einer Stunde eine Verabredung. Und was soll das heißen, du willst L. A. schon wieder verlassen? Ich dachte, du versteckst dich hier erst mal eine Weile.“

„Das klappt offenbar nicht besonders gut. Fast täglich rufen mich entweder meine Mutter oder mein Vater an, um ihre Missbilligung zum Ausdruck zu bringen, weil neue Fotos und sensationslüsterne Artikel über mich in den Klatschblättern aufgetaucht sind.“

„Du hättest dich eben nicht mit einer Stripperin einlassen dürfen.“

„Ich wusste ja nicht einmal, dass sie Striptänzerin ist, bis sämtliche Zeitungen genüsslich darüber berichteten! Aber wenn ich mir von meiner Familie noch länger anhören muss, dass ich mir eine anständige Freundin suchen soll, werde ich zum Mönch.“

„Haha“, kommentierte James trocken. „Einer der Gründe, warum ich bei dir rumgehangen habe, war, dass Frauen sich auf einen Prinzen stürzen wie Ameisen auf einen Kuchenkrümel. Da fiel immer auch für mich etwas ab.“

„Als wenn du Probleme hättest, Frauen kennenzulernen. Sagtest du nicht gerade, du hättest heute Abend eine Verabredung?“

„Richtig.“ James wurde unerwartet ernst, und Rafael fragte sich, ob sein Freund sich wieder mit seiner früheren Verlobten Mila Brightman traf.

„Ich habe gehört, dass du Mila öfter siehst, seit du dich für ihr Charityprojekt starkmachst“, meinte Rafael, um ihm eine Gelegenheit zu geben, falls er darüber reden wollte. „Trefft ihr euch wieder privat?“

„Nein. Das ist endgültig vorbei.“ James schien aufmerksam das Kondenswasser auf seinem beschlagenen Glas Eistee zu studieren. Wollte er Rafael nicht in die Augen sehen? „Vielleicht sollte ich versuchen, jemanden kennenzulernen. Das würde mich wenigstens davon ablenken, über die Vergangenheit nachzugrübeln.“

Es war James gewesen, der die Beziehung beendet hatte. Bereute er es vielleicht? „Vielleicht sollten du und Mila …“

„Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen“, unterbrach James ihn und stellte das Glas ab. „Erzähl mir, wie es Cameron Fontaine geht“, wechselte er das Thema. „Übrigens bin ich sehr froh, dass du sofort für Dr. Crane eingesprungen bist.“

„Und ich, dass du mich gefragt hast. Das Leben in L. A. kann ganz schön langweilig sein, wenn man nicht arbeitet und die Öffentlichkeit weitgehend meidet. Deshalb mache ich mich gern in deiner Klinik nützlich.“

Seltsamerweise hatte er sich bei James’ Frage nicht zuerst an die Schauspielerin erinnert, sondern an eine hinreißende, temperamentvolle Hebamme, die mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg hielt.

„Was hat dieses versonnene Lächeln zu bedeuten?“, neckte James. „Bist du Cameron verfallen?“

„Nein.“ Eher fällt Schnee in der Wüste. Beinahe hätte Rafael aufgelacht. Cameron Fontaine war genau der egozentrische Typ Frau, dem er schon zu oft begegnet war und der ihn nicht im Mindesten interessierte, nicht einmal für ein paar vergnügliche Stunden im Bett.

Natürlich würde er James nicht verraten, dass seine leitende Hebamme gewisse … Gefühle in ihm weckte. Eine Frau, deren leidenschaftliches Wesen zu ihren rotgolden schimmernden Haaren passte. Eine Affäre wäre das Letzte, was er zurzeit gebrauchen konnte. Abgesehen davon, dass es selten gut ging, mit einer Kollegin etwas anzufangen, wäre es ein gefundenes Fressen für die Medien. Und er musste seiner Familie unbedingt weiteren Kummer ersparen.

Als das Rauschen im Blätterwald zu einem tosenden Sturm angewachsen war und ihm überall die Schlagzeile „Der Prinz und die Stripperin“ entgegensprang, waren seine Eltern sehr deutlich geworden. Er sollte endlich aufhören, den Ruf der Familie in den Schmutz zu ziehen. Dabei hatte er sich höchstens einen Monat lang mit der Frau getroffen. Rafael hielt seine Beziehungen kurz, um keine Wünsche zu wecken, die er nicht erfüllen wollte. Heiraten kam für ihn nicht infrage, niemals. Die Aufgabe hatte sein Bruder bereits übernommen und auch für genügend Erben gesorgt – mit einer Frau, die ihn nicht sonderlich mochte.

Und die perfekte Bilderbuchpartnerschaft seiner Eltern, deren Ehe arrangiert worden war? Niemand hatte sich anscheinend bisher gefragt, warum er so ein kühles, distanziertes Verhältnis zu ihnen hatte oder weshalb er sich die meiste Zeit auf einem anderen Kontinent aufhielt.

Rafael dachte nicht daran, sich in eine leidenschaftslose Ehe drängen zu lassen. Er liebte seine Freiheit, und das Beispiel seiner Eltern war abschreckend genug. Und mit etwas Glück würden sie bald aufhören, ihm „standesgemäße“ Frauen vorzustellen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir bei Cameron die Geburt aufhalten können“, sagte er zu James. „Hoffentlich kann ich ihr wenigstens noch die zweite Glukokortikoid-Dosis geben, bevor es richtig losgeht. Ich wollte gleich noch bei ihr vorbeischauen.“

„Gut. Du bist der Beste, den wir zu bieten haben, und ich hoffe, sie weiß das zu schätzen. Ich vermute, dass sie begeistert ist, von einem Prinzen behandelt zu werden.“

Wahrscheinlich. Rafael selbst empfand seinen fürstlichen Status allerdings eher als Bürde. „Ich schicke dir eine SMS, nachdem ich bei ihr gewesen bin.“

„Danke.“ James stand auf. „Es wird Zeit, dass ich mich für mein Date umziehe.“

Rafael erhob sich ebenfalls. Wie Mila wohl reagieren würde, wenn sie in den Medien – die auch seinen Freund auf Schritt und Tritt verfolgten – Fotos von James mit einer zweifellos atemberaubenden Schönheit sah?

Das geht dich nichts an. Achte lieber darauf, nicht aufzufallen und dein Gesicht möglichst aus der Presse herauszuhalten.

Gabby goss sich die nächste Tasse Kaffee ein, weil ihr immer wieder die Augen zufielen. In der Nacht, während Cameron schlief, hatte sie sich auch ein, zwei Stunden ausruhen können, war aber oft hochgeschreckt, wenn ihre Patientin wach wurde. Akuter Schlafmangel und dazu zwei Doppelschichten innerhalb weniger Tage zehrten ihre Energiereserven nahezu vollständig auf.

Sie trank einen großen Schluck und trat an Camerons Bett. „Wie fühlen Sie sich?“

„Unverändert.“ Die Schauspielerin verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund. „Außerdem habe ich keine Lust mehr, herumzuliegen. Das ertrage ich nur, weil Sie mich so gut pflegen.“

„Danke.“ Das unerwartete Lob munterte sie ein bisschen auf, zumal sie es insgeheim leid war, jedes Mal zu springen, wenn die verwöhnte Aktrice einen Wunsch äußerte. „Ich tue, was ich kann, damit Sie sich wohlfühlen und Ihr Baby noch etwas länger drinbleiben mag.“

„Und natürlich hilft es mir sehr, dass Rafael da ist. Ein traumhafter Mann, finden Sie nicht? Ist er nicht süß? Und offensichtlich ein hervorragender Arzt.“

Traumhaft vom Aussehen her bestimmt, aber süß? Auf keinen Fall! Gabby hatte Mühe, ihr Lächeln beizubehalten. „Er besitzt einen ausgezeichneten Ruf. Ich bin froh, dass Sie ihn mögen.“

„Mögen? Ich liebe ihn! Er ist göttlich!“, rief Cameron aus. „Sie können sich nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass er zurzeit in Los Angeles ist. Das muss Schicksal sein, eine glückliche Fügung!“

Gabby sah das anders. Oder aber das Schicksal legte es darauf an, ihr das Leben in der Klinik schwerer zu machen. In Gestalt eines Rafael Moreno, dessen Ego von hier bis zum Mond reichte! Aber sie war professionell genug, um sich nichts anmerken zu lassen. Es hatte auch sein Gutes. Cameron war zufrieden … was selten genug vorkam.

Sie blickte auf ihre Uhr. „Ich würde gern noch einen Ultraschall machen und Ihnen danach die nächste Dosis Kortikoide geben.“

„Sollten wir nicht auf Rafael warten? Er wollte heute Nachmittag kommen.“

Na bitte, sie vertraut mir nicht, dachte Gabby. Und wem hatte sie das zu verdanken? Dr. Rafael „Ich bin der Größte“ Moreno, der die volle Verantwortung an sich gezogen hatte! „Dr. Moreno ist sicher nur vorsichtig, weil er mich nicht kennt. Aber wir Hebammen sind umfassend ausgebildet und mit allen Aspekten von Schwangerschaft und Geburt vertraut. Einschließlich Risikoschwangerschaften. Bei mir sind Sie wirklich in guten Händen.“

„Das weiß ich doch, meine Liebe. Ehrlich gesagt … Oh! Oh nein …“ Cameron schnellte aus den Kissen hoch, saß kerzengerade im Bett, die hellblauen Augen ängstlich aufgerissen.

Gabbys Herzschlag beschleunigte. Diesmal schien das Drama nicht gespielt. Beunruhigt griff sie nach Camerons Hand. „Was ist?“

„Ich glaube … die Fruchtblase ist gerade geplatzt!“

Oh, bitte nicht. Gabby untersuchte sie sofort, und es stimmte tatsächlich. Sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Kortikoide gewirkt hatten und das Baby die Frühgeburt überstand. „Sie haben recht“, sagte sie und setzte sich zu Cameron auf die Bettkante. „Und das heißt, dass Ihr Kleines mit Macht auf die Welt will. Ich werde gleich Dr. Moreno verständigen.“

„Tun Sie das, schnell!“ Cameron packte ihre Hand, grub die manikürten Fingernägel in Gabbys Haut. „Sagen Sie ihm, es ist ein Notfall. Er muss sofort kommen!“

„Das wird er, da bin ich sicher. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Ich gleich wieder da.“

Gabby eilte in den Flur, holte ihr Handy aus der Tasche und wählte seine Nummer.

Er antwortete beim zweiten Klingeln.

„Dr. Moreno, hier ist Gabby Cain. Camerons Fruchtblase ist geplatzt und …“

„Ich komme.“

Die Verbindung war unterbrochen. Gabby starrte auf das Telefon. Ein Mann weniger Worte. Er hatte keine einzige Frage gestellt – was natürlich auch bedeutete, dass er schneller vor Ort war und Cameron beruhigen konnte.

Wieder im Entbindungszimmer schüttelte sie ihrer Patientin zum x-ten Mal die Kissen auf und maß noch einmal Puls und Blutdruck. „Dr. Moreno ist unterwegs.“

„Ich wusste, dass er sofort kommt. Ich hoffe nur, dass er noch vor meinem Baby da ist!“

„Normalerweise dauert es eine Weile, bis die Wehen stark genug sind, dass Sie gebären können. Spüren Sie schon welche?“

„Ich … ich weiß nicht. Ich habe Bauchkrämpfe, als würde sich eine Faust hineinbohren. Und mir tut wirklich der Rücken weh. Ich hasse Schmerzen. Wird das noch schlimmer?“

„Das ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Aber die Wehen helfen Ihrem Kind, auf die Welt zu kommen, es ist also ganz natürlich.“

„Ich will eine PDA, es tut nämlich schon ganz schön weh. Rufen Sie jemanden an. Oder macht Rafael das selbst?“

„Die Periduralanästhesie wird von einem unserer Narkoseärzte gesetzt. Lassen Sie uns das mit Dr. Moreno besprechen.“

Es dauerte nicht lange, da betrat er den Raum. Hochgewachsen, kraftvoll, in fürstlicher Haltung. Gabby sah ihn an und fühlte sich, als hätte jemand die Luft in Brand gesetzt. Sein intensiver Blick hielt ihren fest, und einen Moment lang schien alles andere um sie herum zu verblassen. Ihre Beine waren wie aus Pudding, aber das lag sicher daran, dass sie hundemüde und völlig erschöpft war.

„Dem Himmel sei Dank, dass Sie da sind, Rafael!“

Camerons Stimme holte Gabby aus ihrer Benommenheit. Konzentriere dich auf die Arbeit, du Dummchen, schalt sie sich. Nicht auf den gut aussehenden Prinzen! „Hallo, Dr. Moreno. Wie ich bereits gesagt hatte, ist der PROM eingetreten, und ich wollte gerade den Muttermund untersuchen.“

„Was ist PROM?“ Cameron klang alarmiert.

„Entschuldigung. Es ist eine Abkürzung für ‚premature rupture of membranes‘ und bedeutet ‚früher vorzeitiger Blasensprung‘.“

„Dann wollen wir mal sehen, wie weit Sie sind, Cameron.“ Rafael begann mit der Untersuchung. Dabei plauderte er munter, stellte Fragen und schaffte es sogar, die Schauspielerin zum Lachen zu bringen. Widerwillig musste Gabby zugeben, dass er eine wunderbare Art hatte, mit Patienten umzugehen.

„Ihr kleines Mädchen hat es tatsächlich eilig“, sagte er schließlich und zog sich die Handschuhe aus. „Der Muttermund ist auf sechs Zentimeter erweitert.“

„Oh, dann brauche ich sofort die Betäubung, oder?“ Panisch schnappte sie nach Luft, als im selben Moment eine Wehe kam. Sie packte Rafael bei der Hand. „Ich ertrage keine Schmerzen. Sie sorgen dafür, dass ich keine mehr spüre, ja? Tun Sie etwas. Bitte!“

„Ich habe bereits mit dem Anästhesisten gesprochen, weil ich weiß, wie empfindsam Sie sind“, sagte er mit seiner beruhigenden tiefen Stimme, die – wie Gabby fand – auch verdammt sexy war. „Wir werden ihn herholen, und zwar pronto.“ Lächelnd wandte er sich um. „Gabriella, wären Sie so freundlich, Dr. Smith zu uns zu bitten?“

„Selbstverständlich, Dr. Moreno.“

„Bitte, nennen Sie mich Rafael. Sie und Cameron und ich sind doch Freunde, die sich aufeinander verlassen können, gemeinsam ein Kind auf die Welt zu holen, oder?“

„Ja …“ Nein. Keine Freunde, sondern Arbeitskollegen. Dennoch erfüllte sie das Wort „Freunde“ mit Wärme, als sie das Zimmer verließ, um den Narkosearzt zu verständigen.

In ihrer letzten Beziehung hatte sie schmerzlich erfahren müssen, dass es ein Fehler war, sich bei einem Mann auf wahre Freundschaft und Nähe zu verlassen. Dass Vertrauen ein Trugschluss war, ein flackerndes Licht, das schnell erlöschen konnte, sobald die Zeiten rauer wurden.

Gabby schloss kurz die Augen und verdrängte die bittere Enttäuschung. Jetzt ging es nicht um sie, sondern darum, einer Mutter zu helfen, ihr Kind in den Armen zu halten. Neues Leben, sehnsüchtig erwartet.

Tränen stiegen ihr in die Augen, und Gabby wischte sie ärgerlich weg. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt damit, Babys auf die Welt zu holen, und für gewöhnlich empfand sie dabei nichts als Freude. Was war nur mit ihr los, dass plötzlich diese Erinnerungen auftauchten, die besser für immer verborgen blieben?

Lag es an Rafael, dass sie so ungewohnt reagierte? Nein, das konnte nicht sein. Sie kannte ihn nicht einmal. Und wollte ihn auch nicht näher kennenlernen.

Ihr Leben verlief wenig spektakulär. Sie arbeitete viel, übernahm so oft es ging Doppelschichten. Gelegentlich traf sie sich mit Freundinnen, und das war es praktisch auch schon. Kein Liebesleben, nichts. Vielleicht spielten nur ihre Hormone verrückt, weil der Mann atemberaubend gut aussah? Ja, das war es bestimmt. Die Erkenntnis genügte, um den Grübeleien einen Riegel vorzuschieben und sich wieder an ihre Aufgabe zu erinnern. Rasch sagte sie Dr. Smith Bescheid und ging zurück zu Cameron.

„Hatten Sie Cameron auf Streptokokken der Gruppe B getestet?“, fragte Rafael.

„Ja. Das Ergebnis war nicht eindeutig, sodass ich eine zweite Dosis Antibiotikum verabreicht habe, damit wir auf der sicheren Seite sind.“

„Gut.“

Er stand auf, und Gabby ertappte sich dabei, wie sie seine breiten Schultern und die muskulöse Brust, die sich unter der OP-Kleidung abzeichneten, musterte. Und mit seinen kräftigen sonnengebräunten Armen hätte er eher ein durchtrainierter Athlet sein können als jemand, der seinen Lebensunterhalt mit Geburtshilfe verdiente.

Da betrat Dr. Smith das Zimmer, und Gabby spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Hoffentlich hatte niemand gemerkt, dass sie Rafael angestarrt hatte!

Die beiden Ärzte begrüßten sich, und Dr. Smith stellte sich der Patientin vor.

„Cameron, ich überlasse Sie jetzt dem geschätzten Kollegen und Gabriellas fähigen Händen“, begann Rafael. „Aber natürlich bleibe ich in der Nähe. Wir sehen uns bald wieder, ja?“

Gabby atmete insgeheim auf. Sie wusste auch nicht, warum sie sich von ihm ablenken ließ, bei jedem Blick seiner rätselhaften grünen Augen, bei jedem Lächeln. Es ärgerte sie, dass sie ständig seine männliche Ausstrahlung wahrnahm – konnte der Mann doch seinen Charme nach Belieben an- und ausknipsen!

Zum Glück hielt er sich zurück und sah nur ab und zu bei ihnen vorbei. Gabby kümmerte sich derweil um die werdende Mutter und versuchte, ihr die Wartezeit so angenehm wie möglich zu machen.

„Wie lange dauert es denn noch? Ich dachte, sie kommt bald!“ Cameron wurde sichtlich ungnädiger, je dichter die Wehen aufeinanderfolgten.

„Die Herzfrequenz zeigt, dass es ihr gut geht. Lassen Sie mich noch einmal nachsehen, wie weit der Muttermund inzwischen ist. Sie spüren nichts, fühlen sich wohl mit der PDA?“

„Soweit man sich wohlfühlen kann, wenn man halb verhungert.“ Mit einem theatralischen Seufzer nahm sie wieder einen kleinen Eiswürfel aus dem Becher, den Gabby inzwischen drei Mal nachgefüllt hatte, und zerkaute ihn knirschend. „Bei den Fortschritten, die die moderne Medizin gemacht hat, sollte man meinen, dass eine Geburt für die Frau ohne Beschwerden ablaufen kann.“

„Anfang des letzten Jahrhunderts gab man den Gebärenden eine Mischung aus Morphin und Scopolamin, um sie in einen Dämmerschlaf zu versetzen. Sie hatten Halluzinationen und erinnerten sich hinterher nicht mehr an die Entbindung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich möchte mich immer an die Geburt meines Babys erinnern.“

Allerdings wünschte sie keiner werden Mutter, dasselbe durchzumachen, was ihr widerfahren war. Sie sah ihn wieder vor sich, wie er in ihren Armen lag. Leblos zur Welt gekommen. Still, wunderschön, wie ein schlafendes Engelchen.

Jener Tag hatte sich mit allen Einzelheiten tief in ihre Seele gebrannt. Und sie hoffte inständig, dass Cameron niemals die gleiche Erfahrung machen musste.

„Ja, ja“, murrte diese. „Und? Wie weit bin ich?“

Dankbar für die Ablenkung, untersuchte Gabby sie und fand den Muttermund zu ihrer Überraschung voll eröffnet vor. „Großartig!“, verkündete sie munter. „Zehn Zentimeter. Das heißt, es geht los.“

„Oh, wirklich? Müssen Sie nicht Rafael rufen? Was ist, wenn sie kommt, bevor er hier ist?“

Gabby verzichtete darauf, Cameron darauf hinzuweisen, dass sie als erfahrene Hebamme der Situation bestens gewachsen war. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie zusehen wollte, wie Rafael ein Baby auf die Welt holte. „Ich werde ihn sofort verständigen.“

„Nicht nötig, hier bin ich“, ertönte eine tiefe Männerstimme. „Ich hatte so eine Ahnung, dass Ihr kleines bébé sich auf den Weg macht.“

Die nächste Wehe kam schnell. Weitere folgten, doch die Minuten dehnten sich, und es verging eine halbe Stunde. Rafael redete seiner Patientin gut zu, munterte sie auf, aber Cameron wurde mit jeder Kontraktion ungeduldiger.

„Bei meiner Freundin haben sie das Baby mit irgendwas herausgesaugt. Können Sie das nicht auch machen?“, keuchte sie frustriert.

„Herausgesaugt? Das hört sich lustig an, trifft es aber ungefähr.“ Über Camerons Kopf hinweg suchte er amüsiert Gabbys Blick, und sie konnte nicht anders, sie musste lächeln. „Allerdings halte ich es für keine gute Idee, die Saugglocke bei einem Frühchen anzuwenden. Außerdem machen Sie Ihre Sache sehr gut, nicht wahr, Gabriella?“

„Ja, wunderbar. Vergessen Sie nicht, bei der nächsten Presswehe zu atmen, okay?“ Sie streichelte Cameron beruhigend die Hand und gab den Atemrhythmus vor. „Ein und aus, so ist es gut. Das Kinn auf die Brust und dann mit Schmackes, wenn Sie pressen.“

„Mit Schmackes.“ Wieder suchten Rafaels lachende Augen ihre. „Den Ausdruck kannte ich noch nicht. Den muss ich mir aufschreiben.“

„Aber nicht jetzt“, erwiderte Cameron scharf. „Ich möchte lieber endlich dieses Kind zur Welt bringen, als Ihren Wortschatz zu vergrößern.“

„Ich wollte Sie nur von Ihrer harten Arbeit ablenken, Cameron. Pressen Sie.“

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Patientin zu, und Gabby merkte erst jetzt, dass sie ihn verträumt angestarrt hatte. Sie blickte zum Überwachungsgerät und kam vollends in der Gegenwart an. „Der Wehenschreiber zeigt eine verminderte Variabilität an, Dr. Moreno.“

Rafael warf einen Blick auf die Anzeige. Seine Miene wurde ernst. „Behalten Sie das während der nächsten Kontraktionen im Auge.“

„Was bedeutet das? Stimmt etwas nicht?“, stieß Cameron stöhnend die Fragen hervor, während sie wieder presste.

„Babys Herzfrequenz ist etwas schwach. Vielleicht schläft sie nur.“

„Sie schläft? Wie kann sie schlafen, wenn sie gerade geboren wird?“

„In ihrer Mama hat sie es warm und gemütlich, und außerdem ist sie noch klein, weil sie zu früh dran ist. Also kann es sein, dass sie sich ausruht.“

Er sah Gabby an, und sie begriff sofort, dass er die Mutter beruhigen wollte, um den Stress für das Baby nicht zu erhöhen. „Ich gebe dem Neonatal-Team kurz Bescheid, dass sie sich auf den Weg machen sollen“, sagte sie und drückte auf das Rufgerät, das sie um den Hals trug, während sie den fetalen Herzschlag fest im Blick behielt.

„Das Köpfchen tritt durch, Cameron!“, verkündete er da. „Jetzt haben Sie es bald geschafft. Sie machen das hervorragend.“

„Ja, noch ein paar Presswehen, dann ist sie da. Drücken Sie das Kinn auf die Brust und pressen Sie.“ Gabby wischte ihr die schweißnasse Stirn ab, blickte wieder auf den Monitor und erstarrte. „Herzfrequenz flach, Dr. Moreno“, erklärte sie, ohne sich ihre Besorgnis anmerken zu lassen.

„Hören Sie auf, zu pressen, Cameron!“, befahl er.

„Aufhören?“ Mit großen Augen sah sie ihn an. „Haben Sie nicht gesagt, das Köpfchen kommt?“

„Die Nabelschnur ist um ihren Hals, ich muss sie erst davon befreien.“

Cameron stieß einen Angstschrei aus, und Gabby griff nach ihrer Hand. „Warten Sie, Cameron. Rafael kümmert sich um die Nabelschnur.“

Gabby hatte selbst Mühe, gelassen zu bleiben. Ihr zog sich das Herz zusammen, als sie sah, wie die Schnur zwischen Schlüsselbein und Kinn um den zarten Kinderkörper gewunden war. Das war wirklich das Letzte, was ein Frühchen gebrauchen konnte!

Unwillkürlich hielt sie den Atem an, als Rafael behutsam seine schlanken Finger zwischen Nabelschnur und Hals des Babys schob. Die Sekunden tickten, während er vorsichtig versuchte, die Schnur zu lockern.

„Was ist los?“ Camerons Stimme klang schrill. „Geht … Geht es ihr gut?“

„Ich arbeite daran. Bleiben Sie ruhig.“

Endlich gelang es ihm, den Würgegriff um den kleinen Hals zu lösen und die Nabelschnur über den Kopf zu schieben. Gabby atmete erleichtert aus. „Geschafft, Cameron. Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann halten Sie Ihre Kleine im Arm.“

„Sieht aus, als hätte sie da drinnen Synchronschwimmen geübt – so wie sie sich verheddert hatte.“ Rafael lächelte ihr zu.

Wie er es schaffte, nach dieser buchstäblich beklemmenden Situation auch noch einen humorvollen Kommentar abzugeben, war Gabby schleierhaft. Sie hoffte sehr, dass sie bei ähnlichen Komplikationen genauso gelassen blieb! „Kopf und Schultern sind draußen. Rafael hält sie. Noch einmal pressen, okay?“, ermutigte sie Cameron.

„Gut … Perfekt … Und hier ist sie!“ Rafael hielt das Neugeborene in den Händen, und sein blendendes Lächeln hellte das Zimmer auf. „Sie waren magnifico! Bravo!“ Er legte ihr das Kind im selben Moment auf die Brust, als das Neonatal-Team hereingestürmt kam.

Liebevoll betrachtete Cameron das zerknitterte Gesichtchen. Die Gesichtsfarbe der Kleinen gefiel Gabby nicht, sie war immer noch bläulich. Doch dann wurde die zarte Haut zu Gabbys Erleichterung immer rosiger.

„Mein süßer Schatz“, flüsterte Cameron. Ihre winzige Tochter richtete die großen Augen auf sie, und prompt brach die junge Mutter in Tränen aus. „Ich liebe dich so sehr“, schluchzte sie. „Bitte sei gesund und kräftig. Ich weiß, ich habe nicht genug gegessen und zu viel gearbeitet und mich in enge Kostüme gezwängt, nur an mich gedacht statt an dich. Bitte, Skye, bitte sei stark. Ich bin so glücklich, dass du da bist.“

Skye. Cameron hatte oft betont, sie hätte keine Ahnung, wie sie ihr Kind nennen sollte, aber Gabby hatte immer vermutet, dass sie den Namen noch für sich behalten wollte. Und als sie jetzt auf das kleine Wesen mit babyblauen Augen blickte, schnürte sich ihr der Hals zu. Ja, sie wusste, wie Cameron sich fühlte, kannte die Gewissensbisse.

Weil Gabby ihre Schuldgefühle auch niemandem anvertraut hatte.

„Skye ist ein wundervoller Name.“ Sanft wischte Gabby Cameron den feinen Schweiß von den Brauen. Sie fand, dass die Schauspielerin nie so schön ausgesehen hatte wie jetzt, auch ohne makelloses Make-up und perfekt frisiertes Haar. Nach der anstrengenden Geburt ihrer Tochter kam hinter der selbstbewussten Diva eine verletzliche, natürliche Frau zum Vorschein, die Gabby einfach ins Herz schließen musste.

Sie beobachtete, wie Skye von den Neonatal-Spezialisten unter die Wärmelampe gelegt wurde. Rasch säuberte man ihr die Atemwege und schob ihr eine kleine Sauerstoffmaske auf das Gesicht. Danach wurde sie saubergemacht und in ein weiches Tuch eingeschlagen. Nach einer komplikationslosen Entbindung hätte Gabby das auch getan, aber Skye war nicht nur eine Frühgeburt, sondern hatte zusätzlichen Stress durch die Nabelschnur um den Hals erlitten.

Schließlich wandte Gabby sich wieder Cameron zu und fing dabei Rafaels Blick auf. Er sah sie an, als wollte er herausfinden, was in ihr vorging. Gabby hielt seinem Blick nicht lange stand, zu verwirrend waren seine forschenden grünen Augen.

„Was für eine niedliche Kleine“, sagte sie zu Cameron und hoffte, dass niemand ihr anmerkte, wie sie mit den Tränen kämpfte. „Es war schwer, sie zur Welt zu bringen, aber jetzt ist sie da, und Sie können sie nach Strich und Faden verwöhnen.“

„Ja“, antwortete Cameron mit zittriger Stimme, während sie dem Team nachsah, das Skye zur Säuglingsintensivstation brachte. „Oh ja, das werde ich.“

„Sie waren großartig“, sagte Rafael. „Es wundert mich nicht, dass Cameron Fontaine im wirklichen Leben eine noch stärkere Kämpferin ist als in ihren Filmrollen.“ Sein Lächeln wirkte echt. Gabby war sich allerdings nicht sicher, ob er vor seiner Patientin nur ein guter Schauspieler war.

„Danke.“ Es klang längst nicht so herablassend wie sonst, wenn jemand ihr ein Kompliment machte. „Aber wenn ihr nun irgendetwas fehlt?“

„Warten wir erst einmal ab. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Bald dürfen Sie bestimmt zu Ihrem bébé und hören dann von den Ärzten, wie es ihr geht, okay?“

Cameron nickte nur mit zitternden Lippen, und Gabby wollte sie von ihren Sorgen ablenken. „Nach der anstrengenden Geburt haben Sie bestimmt Hunger. Was darf ich Ihnen bringen? Worauf hätten Sie Appetit?“

„Nur ein paar Kräcker. Und vielleicht einen Saft. Haben Sie Orangensaft?“

„Was auch immer Sie wünschen, bekommen Sie bei uns.“

Der Klang von Rafaels tiefer Stimme begleitete sie, als Gabby das Zimmer verließ. Inzwischen hatte sie erlebt, wie gut er mit Patienten umging. Er schien genau zu wissen, wann sie deutliche Anweisungen brauchten und wann ein tröstendes oder humorvolles Wort. Trotz seines manchmal arroganten Auftretens war er nicht nur der selbstbewusste Fürstensohn, sondern vor allem ein hervorragender Arzt.

Ihre Antipathie dem zwar gut aussehenden, aber überheblichen Adligen gegenüber bekam erste Risse. Leider. Je sympathischer er ihr wurde, umso mehr konnte er sie von ihrer Arbeit ablenken.

Gabby konzentrierte sich darauf, Camerons Wünsche zu erfüllen, und nahm sich vor, ihn nicht weiter zu beachten. Doch als sie, ein Tablett in den Händen, ins Entbindungszimmer zurückkehrte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Rafael und Cameron lagen sich in den Armen, und einen schrecklichen Augenblick lang dachte sie, dass er bei seiner wunderschönen Patientin den Moment der Schwäche ausnutzte.

Ihr Herz schlug ruhiger weiter, als sie erkannte, dass er sie nur tröstete. Schluchzend hatte Cameron den Kopf an seine breite Schulter gelehnt. Tränen strömten ihr über die Wangen, während sie sich mit beiden Händen an sein OP-Hemd klammerte. Er strich ihr behutsam das Haar aus dem Gesicht, murmelte samtig klingende spanische Wörter, die Gabby zwar nicht verstand. Aber der weiche Tonfall verriet, dass sie beruhigen und aufmuntern sollten.

In all den Jahren als Hebamme hatte sie mit den unterschiedlichsten Ärzten zusammengearbeitet. Viele gingen wundervoll mit ihren Patientinnen um. Aber das hier bedeutete für sie eine völlig neue Erfahrung: ein exzellenter Mediziner, der sich nicht zu schade war, aufrichtiges Mitgefühl und Trost zu spenden, und – als Kirsche auf dem Sahnehäubchen – aussah wie ein Filmstar. Eine höchst gefährliche Mischung!

Ihre Fantasie spielte ihr verrückte Streiche. Atemlos stellte sich Gabby vor, wie er ihr mit seiner großen schlanken Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, ihr Kinn umfasste und mit seinen sinnlichen Lippen ihren Mund berührte. Im selben Moment schien Rafael bemerkt zu haben, dass sie ins Zimmer gekommen war, und sah auf.

Ihre Blicke trafen sich, er lächelte und neigte leicht den Kopf, anerkennend, wie ihr schien. Ein stummes Kompliment, dass sie gute Arbeit geleistet hatte.

Irgendwie schaffte sie es, den verwirrenden Blickkontakt zu brechen, Luft zu holen und ihre Füße in Bewegung zu setzen. Während sie ans Bett trat, hämmerte ihr das Herz in den Ohren. Zum Glück konnte er es nicht hören. Oder doch …?

Gabby nahm sich zusammen und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf Cameron zu richten. Allerdings erwies sich das als beinahe unmöglich, da die Schauspielerin buchstäblich an ihm hing wie eine Klette, das Gesicht an seinen Hals geschmiegt. „Ich habe Ihnen etwas zur Stärkung gebracht“, sagte Gabby und ertappte sich bei dem Gedanken, wie es wäre, den Duft seiner warmen Haut einzuatmen. Sie zu schmecken, wenn sie sie mit den Lippen liebkoste …

Da löste sich Cameron langsam von Rafael und wischte sich die nassen Wangen ab. Als er ihr ein Papiertuch reichte, lächelte sie ihn dankbar an.

„Ich danke Ihnen“, begann sie mit bebender Stimme. „Ihnen beiden. Sie haben mir einfach wundervoll durch eine schwere Zeit geholfen, und das werde ich nie vergessen.“

„Es war mir eine Ehre, Ms. Fontaine.“ Rafael erhob sich. „Ich möchte mir jetzt einige Notizen machen und mit dem Kinderarzt sprechen, um zu erfahren, wann Sie Ihr bébé sehen dürfen. Bin bald wieder bei Ihnen.“

Obwohl sie gerade noch sichtlich aufgewühlt gewesen war, ließ sich Cameron ihren kleinen Snack schmecken. Gabby war froh darüber, hatte sie die Schauspielerin doch als eine sehr wählerische, schlechte Esserin kennengelernt. „Es freut mich, dass Sie Appetit haben“, sagte sie aufmunternd. „So kommen Sie schnell wieder zu Kräften.“

„Ich dachte, ich wüsste, was Hunger ist, als ich kaum etwas gegessen habe, um in meine Kostüme zu passen. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem Bärenhunger, den ich jetzt habe!“

„Sie brauchen nur zu sagen, was Sie möchten.“

„Ich möchte Skye sehen.“ Wieder schimmerten Tränen in ihren Augen. „Rafael hat gesagt, dass ich bald zu ihr darf.“

„Ich bin sicher, dass Sie nicht mehr lange warten müssen. Die Ärzte wissen, wie wichtig es nach der Geburt für Mutter und Kind ist, zusammen zu sein.“

„Das hoffe ich doch.“ Cameron seufzte, und diesmal klang es verträumt. „Rafael ist süß, finden Sie nicht? Ein wundervoller Mann. Großartig. Zum Anbeißen.“

Zum Anbeißen? Anscheinend war Gabby nicht die Einzige, die so dachte. Hatte die Schauspielerin vor, sich an ihn heranzumachen, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen war? Natürlich hatte ein berühmter Filmstar mehr zu bieten als Gabby. Andererseits hatte Cameron gerade entbunden, also würden sie wohl nicht …

Sie dachte den Satz nicht zu Ende, erschrocken, welchen absurden Gedanken sie gerade nachhing. Erstens hatte sie das Liebesleben anderer nicht zu interessieren, und zweitens brauchte sie kein eigenes. Weil sie keine Beziehung mehr wollte, nie mehr! Warum sie so oft an Sex dachte, konnte nur einen Grund haben: Das letzte Mal war lange her, und sie war schließlich auch nur ein Mensch, oder? Und außerdem, welche Frau würde bei Rafael Moreno nicht an heiße Liebesnächte denken?

Gut, dass er in diesem Augenblick wie gerufen das Zimmer betrat. So musste sie nicht auf Camerons Frage antworten. Oder auch nicht gut, weil sie automatisch auf seinen Mund blickte. Und ja, er sah wirklich zum Anbeißen aus! Rasch senkte sie den Blick, kam jedoch vom Regen in die Traufe. Die sonnengebräunte Haut, die im V-Ausschnitt des OP-Hemds sichtbar wurde, machte sie genauso schwach wie der Anblick der breiten, muskulösen Brust unter dem blauen Stoff.

Als sie hastig aufsah, hatte sie wieder das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Rafael sah sie an, und in seinen grünen Augen blitzte etwas auf, das sie erst recht atemlos machte. Du lieber Himmel, ahnte er etwa, was in ihr vorging?

„Hat unsere Patientin etwas gegessen?“ Die tiefe Stimme, rau und leise, da nur für ihre Ohren bestimmt, sandte Gabby prickelnde Schauer über den Rücken.

„Ja“, brachte sie hervor und räusperte sich. „Darf sie jetzt zu ihrer Tochter?“

„Sí. Man hat uns grünes Licht gegeben und wird sie gleich hinbringen.“ Lächelnd wandte er sich zu Cameron um. „Sind Sie bereit, Ihre süße Kleine zu sehen?“

„Und wie!“ Cameron schob das Tablett beiseite. „Wie geht es ihr? Ist alles in Ordnung?“

„Bedenken Sie, dass sie in einem Inkubator liegt, weil sie spezielle Pflege braucht. Also erschrecken Sie nicht, wenn sie von einem Gewirr von Schläuchen und Kabeln umgeben ist. Die Neonatal-Spezialistin wird Ihnen alle Fragen beantworten. Ich kann vorab jedoch sagen, dass die Kollegin sehr optimistisch ist.“

Gabby war nicht entgangen, dass er eine direkte Antwort auf Camerons Fragen elegant schuldig geblieben war. Eine weise Reaktion angesichts der Tatsache, dass Skye sehr früh zur Welt gekommen war und als zusätzliche Komplikation die Nabelschnur drei Mal um den Hals gewickelt hatte.

„Warum brauchen sie dann so lange, um mich abzuholen?“

Niemals hätte Gabby geglaubt, dass sie froh sein würde, Camerons gebieterischen Tonfall zu hören. Aber alles war besser, als die Schauspielerin schluchzend und völlig außer sich zu erleben.

Sekunden später kam ein Pfleger mit einem Rollstuhl. Gabby wollte ihr vom Bett helfen, doch zu ihrem Erstaunen hob Rafael seine Patientin kurzerhand auf seine starken Arme und setzte sie in den Rollstuhl, als wäre sie leicht wie eine Feder.

„Kommen Sie auch mit, Rafael?“ Cameron packte ihn am Arm, während sie ihn mit ihren großen blauen Augen ansah. Ihre Lippen bebten, und Gabby vermutete, dass sie gerade ihre Schauspielkünste an ihm austestete. Sie hatte zu viele Stunden mit der egozentrischen Aktrice verbracht, um nicht zu erkennen, wann sie eine Rolle spielte und wann nicht.

Neugierig, wie er reagieren würde, betrachtete Gabby ihn aus dem Augenwinkel.

„Ich werde nachkommen, sobald Gabriella und ich hier fertig sind.“

Cameron nickte und griff nach Gabbys Hand. „Sie waren großartig. Schon lange vor Skyes Geburt haben Sie sich sehr fürsorglich um sie und mich gekümmert. Dafür bin ich Ihnen unendlich dankbar.“

„Oh, Cameron.“ Die Worte berührten sie, zumal sie von jemandem kamen, der nicht leicht zufriedenzustellen war. „Es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre. Natürlich kümmere ich mich weiterhin um Sie und Skye, während Sie hier in der Klinik sind.“

Die Schauspielerin drückte ihr die Hand, dann wurde sie aus dem Zimmer gerollt.

Gabby blickte ihr nach und dachte daran, wie die junge Mutter gleich ihr Kind wiedersehen würde, es durch die Öffnungen im Inkubator berührte. Sie wusste genau, wie überwältigend Mutterliebe sich anfühlte, die einzige Liebe, die, was auch passieren mochte, für immer blieb.

Sie drehte sich um und sah, dass Rafael sie musterte. Bei dem nachdenklichen Ausdruck in seinen tiefgründigen Augen fragte sie sich unwillkürlich, ob er ahnte, woran sie gerade gedacht hatte. Gabby setzte ein fröhliches Lächeln auf. „Herzlichen Glückwunsch, Dr. Moreno“, begann sie. „Sie waren beeindruckend! Furchtbar, wie die Nabelschnur sich um den kleinen Hals gewickelt hatte – so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich glaube, Sie haben rechtzeitig eingegriffen, bevor Sauerstoffmangel einen bleibenden Schaden anrichten konnte.“

„Das hoffe ich. Die Blutgaswerte werden es zeigen.“

„Machen Sie sich Sorgen?“

„Nein. Ich stimme Ihnen zu, in Anbetracht der Umstände sah das kleine Mädchen gut aus. Aber ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Wofür?“ Unter seinem intensiven Blick wurde ihr warm. In der Hoffnung, dass er ihr nicht anmerkte, wie sehr er sie verwirrte, fügte sie in scherzhaftem Ton hinzu: „Weil Sie mich als schlampig bezeichnet haben?“

Ein leichtes Lächeln glitt über seine Züge, milderte den ernsten Ausdruck. „Ja. Und auch dafür, dass ich an Ihrer Kompetenz gezweifelt habe. Ich habe mich geirrt – was selten vorkommt. Sie sind eine ausgesprochen fähige Hebamme, und ich war froh, dass Sie bei der Geburt dabei waren. Da Sie mich ständig über die Monitoraufzeichnungen informiert haben, konnte ich schnell reagieren, als Komplikationen auftraten. Cameron und Skye haben Ihnen viel zu verdanken.“

„Danke.“ Was war an diesem Mann, dass er sie mit einem schlichten Lob atemlos machte? Oder lag es eher daran, wie er ihr in die Augen schaute? „Und Sie sind ein exzellenter Arzt.“

Was für eine seltsame Situation! Da standen sie sich gegenüber und verteilten Komplimente. Gabby wandte sich ab, um aufzuräumen. „Ich mache hier lieber schnell Ordnung, bevor Sie mich bei James melden“, meinte sie ironisch und wünschte sich das innere Gleichgewicht zurück, das in Rafaels Nähe in Schieflage geriet.

„Ich werde James nur eins melden: dass Sie außergewöhnlich gut mit Patienten wie Cameron Fontaine umgehen. Bei der Entscheidung, jemanden wie Sie an eine Klinik zu holen, zu deren Klienten die Reichen und Berühmten gehören, hat er das richtige Gespür bewiesen.“

Ein exklusiver Club, dem auch er angehörte. „Danke“, sagte sie noch einmal und ließ, verwirrt, wie sie war, das chirurgische Naht-Set fallen. Scheren, Nadelhalter, Kompressen und was sonst dazugehörte flogen umher.

Auch das noch! Gabby kroch auf dem Boden herum, um die Gegenstände aufzuheben. Warum führte sie sich auf wie ein schüchterner Teenager, der von seinem Highschool-Schwarm angesprochen worden war? Wann verließ der Mann endlich den Raum, damit sie aufräumen und schnellstens nach Hause konnte, um ins Bett zu sinken und sich auszuschlafen? Vielleicht funktionierte ihr Gehirn dann besser in Rafael Morenos Nähe, statt einen Kurzschluss nach dem anderen zu produzieren!

Im nächsten Moment setzte es völlig aus, weil Rafael neben ihr in die Hocke ging, um beim Aufsammeln zu helfen. Seine breite Schulter berührte ihre, und dann hörte sie seine tiefe samtweiche Stimme: „Mache ich Sie nervös, Gabriella? Wenn ja, tut es mir leid.“

Sie blickte auf, konnte sich nicht rühren, während sie auf seine Lippen starrte, die so verlockend nahe waren. Auf die hohen Wangenknochen, das markante Kinn. Fasziniert entdeckte Gabby goldbraune Pünktchen in seinen grünen Augen. Und sie atmete seinen Duft ein, nach warmer Männerhaut und Seife, was so unheimlich sexy roch, dass ihr der Mund trocken wurde.

„Nervös? Natürlich nicht“, stieß sie hervor.

„Ich habe einen anderen Eindruck, und da wir in nächster Zukunft zusammenarbeiten werden, sollten wir etwas unternehmen. Gehen Sie heute Abend mit mir essen, dann können Sie mir mehr über den Ablauf in der Klinik und auf der Entbindungsstation erzählen.“ Er legte die Sachen auf ein Tablett und strich ihr sanft mit der Fingerspitze über die Schläfe. „Versuchen Sie, ein bisschen zu schlafen, bevor Ihr Dienst endet. Das wäre um sechs, ? Ich bin um sieben wieder hier.“

Ehe sie auch nur überlegen konnte, was sie antworten sollte, hatte er den Raum verlassen. Verblüfft sah Gabby auf die geschlossene Tür. Als sie sich gefangen hatte, stand sie auf und betrachtete sich im Spiegel. Langsam strich sie über die Stelle, die er gerade berührt hatte. Toll, wenn man gesagt bekommt, dass man aussieht wie ein hohlwangiges Gespenst …

Völlig übermüdet und mit dunklen Schatten unter den Augen war sie nicht die beste Gesellschaft für einen Prinzen!

3. KAPITEL

Rafael unterdrückte ein Lächeln, während er beobachtete, mit welchem Appetit Gabriella aß. Eine herzerfrischende Abwechslung zu den Hollywood-Sternchen, die sich mager hungerten, oder den Societyprinzessinnen, die so wenig wie möglich aßen, um sich die Kalorien für einen Martini aufzusparen … oder drei.

„Wie ich sehe, schmeckt es Ihnen. Ich hoffe, ich habe damit Ihre Zweifel, ob Sie mit mir essen gehen sollen, endgültig zerstreut?“

„Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass ich drauf und dran war, meinen Teller abzulecken. Es wäre mir nicht einmal peinlich – so köstlich war dieses Essen!“

„Gut. James hatte mir das Restaurant empfohlen, und ich freue mich, dass Sie zufrieden sind. Jetzt weiß ich, dass der beste Weg, Sie zu überzeugen, durch Ihren Magen geht.“

„Im Gegensatz zu Ihrem früheren überheblichen Verhalten?“ Das verschmitzte Funkeln in ihren hellbraunen Augen machte ihm Hoffnung, dass der erste Eindruck voneinander der Vergangenheit angehörte. „Was Sie anscheinend noch nicht ganz ablegen können. Und ich dachte, Sie wären ein erfahrener Frauenkenner.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich das nicht bin?“

„Kein Mann, der eine Frau dazu bewegen möchte, mit ihm essen zu gehen, würde ihr erst einen Schönheitsschlaf empfehlen, weil sie Ringe unter den Augen hat. Geschweige denn beim Essen anmerken, dass sie sich wie ein Vielfraß benimmt.“

Rafael musste schallend lachen. „Ich bitte aufrichtig um Entschuldigung, falls ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Selbst nach einigen langen Arbeitstagen sind Sie immer noch wunderschön. Und was den Vielfraß angeht, so gehört er ab jetzt zu meinen Lieblingswesen. Mir hat das Essen noch besser geschmeckt, weil ich gesehen habe, wie sehr Sie es genießen.“

Im matten Kerzenschein sah er, wie ein rosiger Hauch ihre helle Haut überzog. Bezaubernd, dachte er. Rafael kannte keine Frau, die bei einem einfachen Kompliment rot wurde.

„Danke“, sagte sie. „Für das Essen und die Schmeicheleien. Allerdings frage ich mich, warum Sie mich heute Abend eingeladen haben. Was genau wollen Sie von mir?“

Ja, was wollte er von ihr? Ursprünglich hatte er sich eine entspannte Zusammenarbeit gewünscht und vielleicht ein paar Informationen darüber, wie in der Hollywood Hills Klinik der Hase lief. Ihre Worte weckten jedoch andere Wünsche, die mit der Arbeit nicht das Geringste zu tun hatten. Verlangen regte sich in ihm.

Wahrscheinlich gab es unzählige Männer, die genauso auf sie reagierten. Gab es einen Mann in ihrem Leben? Es würde ihn überraschen, wenn nicht. Oder sie war gerade wieder Single. Wie auch immer, er war nur aus einem einzigen Grund in L. A.: um sich von Frauen und der Regenbogenpresse fernzuhalten, bis sich seine Eltern wieder beruhigt hatten. Er fand ihre Reaktion übertrieben, aber er wollte auch nicht, dass sie seinetwegen eine Herzattacke bekamen!

„Ich möchte nur, dass wir gut zusammenarbeiten – und bei der Gelegenheit etwas mehr über die Klinik erfahren. Verraten Sie mir, warum Sie Hebamme geworden sind?“

„Ich stamme aus einer Familie, in der es seit Generationen Hebammen gibt. Schon als kleines Mädchen wusste ich genau, was ich werden wollte. Gelernt habe ich an einer Krankenpflegeschule in Seattle, meiner Heimatstadt.“

„Und hinterher sind Sie nach Los Angeles gegangen?“

„Nein, ich habe eine ganze Zeit in einem Geburtshaus gearbeitet und kam vor zwei Jahren hierher.“

Bildete er sich etwas ein, oder wirkte sie plötzlich angespannt? Das fröhliche Lächeln von gerade eben war jedenfalls verschwunden. „Haben Sie ein Faible für die Glitzerwelt der Stars und Sternchen von Hollywood?“

„Nein.

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