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Dramatische Stunden mit Dr. Khalil

Meredith Webber

Dramatische Stunden mit Dr. Khalil

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Dramatische Stunden mit Dr. Khalil

1. KAPITEL

Kal beobachtete den Vogel, der sich von der warmen Wüstenluft höher und höher tragen ließ, bis er nur noch ein schwarzer Punkt am flirrend blauen Himmel war. Der Flug des Falken hob seine Stimmung. Nur hier, in diesem endlosen Meer aus Sand, empfand Kal eine Unbeschwertheit, die dem Gefühl von Glück am nächsten kam.

Mehr war ihm nicht vergönnt …

Plötzlich stieß der schwarze Punkt pfeilschnell herab, zielgerichtet und mit atemberaubender Geschwindigkeit, ehe er hinter einer Düne verschwand. Kal pfiff und streckte den Arm aus.

Der Vogel kam zurück. Seine Beute hatte er verfehlt. Nicht dass es Kal gestört hätte. Er hatte genug zu essen für sich und seinen Falken, aber das Versagen des stolzen Tieres erinnerte ihn daran, dass er seine Vögel schon viel zu lange vernachlässigt hatte. Obwohl seine Untergebenen sie regelmäßig trainierten, war es nicht dasselbe, und die Tiere spürten es.

Doch was war wichtiger? Falken für die Beizjagd abzurichten, wie seine Vorfahren es seit unzähligen Generationen getan hatten, oder die Segnungen der modernen Medizin in sein Land zu bringen, um seinem Volk die bestmögliche Versorgung zu bieten?

Er stülpte dem Falken die Kopfhaube über und setzte ihn auf die Stange. Kal strich über die schimmernden dunklen Federn, während er eine enge Verbundenheit mit dieser Kreatur empfand, die zu freiem Flug fähig war und doch bereitwillig in die Gefangenschaft zurückkehrte. So wie Kal ins Krankenhaus zurückkehren würde, keine Frage.

Aber erst morgen.

Er marschierte über den Hügel zu der Stelle, wo er seinen Geländewagen geparkt hatte, und holte ein Bündel Holz heraus. Am Lagerfeuer zu liegen, unter dem Sternenhimmel zu schlafen, sollte ihm helfen, dem Alltag für kurze Zeit zu entfliehen.

Das erhebende Gefühl von Freiheit wollte sich jedoch nicht wieder einstellen. Selbst die Sterne, die wie Diamanten am samtschwarzen Firmament funkelten, und der Wind, als er leise über die Sanddünen strich, brachten ihm die Sorglosigkeit nicht zurück. Von düsteren Gedanken erfüllt, schlief er ein.

Die Maschine ging in den Sinkflug, durchstieß die Wolkendecke, und Nell sah die Wüste: ein goldenes Meer vom Wind geformter Wellen. Kal hatte von ihrer Schönheit gesprochen, aber die Sehnsucht in seiner Stimme verriet Nell mehr, als seine Worte ihr hätten sagen können. Der Mann, in den sie sich verliebt hatte, liebte dieses ausgedörrte Land mit einer tief verwurzelten Leidenschaft, die schon vor Tausenden von Jahren seinen Vorfahren im Blut gelegen hatte.

Nell presste die Hände zusammen, zwischen ihnen das Foto von Patrick. Er hatte noch seine Haare, denn die Aufnahme stammte aus der Zeit, bevor der Krebs ausgebrochen war. Wie einen Glücksbringer hatte sie das Bild während des zwölf Stunden dauernden Fluges festgehalten.

Patrick ging es gut. Seit dem Abflug hatte sie zwei Mal mit ihm telefoniert. Das erste Mal, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie nur ihre Kreditkarte in den Apparat zu stecken und zu wählen brauchte, und das andere, um einfach vor der Landung seine Stimme noch einmal zu hören.

„Sicher gelandet“, seufzte die rundliche Frau neben ihr. Nell blickte auf. Ihre Sitznachbarin und deren Mann waren sympathische Reisegefährten gewesen. Sie lächelte ihnen zu und wünschte ihnen alles Gute.

Nell hatte ihnen erzählt, dass sie in den Wüstenstaat reiste, um eine Methode zur Regeneration der Haut nach Verbrennungen vorzustellen. Sie arbeitete in einem Behandlungszentrum für Brandverletzte und hatte ein Verfahren entwickelt, mit dem aus gesunder Haut Zellen gewonnen und auf die betroffenen Stellen aufgesprüht wurden. Die Heilungschancen durch diese Sprühhaut waren beträchtlich. Der Zufall wollte es, dass das hiesige Krankenhaus um Unterstützung angefragt hatte, weil erst kürzlich eine Spezialstation für Verbrennungsopfer eingerichtet worden war. Als man darum bat, jemanden zu schicken, der die Behandlung demonstrierte, nutzte Nell die Gelegenheit.

Jetzt hatte sie einen Monat Zeit. Zeit, um dem Klinikpersonal die Behandlung zu erklären – und um Patricks Vater ausfindig zu machen. Sie würde ihren wohlbehüteten Seelenfrieden riskieren, aber sie musste ihm sagen, dass er einen Sohn hatte. Einen Sohn, der bald die Hilfe seines Vaters und seines Volkes brauchen würde …

Sie schloss die Augen, doch die Furcht vor diesem Schritt blieb. Nell riss sich zusammen. Es wird schon alles gut gehen, sagte sie sich. Es musste gut gehen!

An der Passkontrolle erklärte sie Sinn und Zweck ihres Besuchs im Scheichtum und verneinte, als sie gefragt wurde, ob sie etwas zu verzollen hätte. Die Türen glitten auf, und inmitten einer Gruppe Reisender erreichte sie die Ankunftshalle. Um sie herum fielen Leute einander in die Arme, begrüßten sich lachend. Am Rand der Menge entdeckte sie ein schmales Schild. Dr. Warren stand darauf, und die junge Frau, die es hielt, lächelte ihr warmherzig entgegen.

„Ich bin Nell Warren.“ Sie streckte die Hand aus.

„Yasmeen Assanti.“

Plötzlich erschütterte eine ohrenbetäubende Detonation das Gebäude. Angstvolle Schreie ertönten, und kurz darauf schrillten Sirenen.

Yasmeen reagierte sofort. „Vielleicht werde ich gebraucht. Aber Sie können gern hier warten.“

„Wenn es ein Notfall ist, kann ich Ihnen helfen.“ Nell stellte ihren kleinen Koffer an einer Säule ab und eilte neben ihr an Menschen vorbei, die panisch zum Ausgang hasteten.

Schließlich erreichten sie einen verlassenen Flur. Yasmeen stieß die Tür zu einem riesigen Raum auf. Hinter der breiten Fensterfront am Ende loderte eine rot glühende Feuersbrunst. Nell trat an eine der Scheiben und sah Löschzüge über das Rollfeld rasen. Einige Feuerwehren standen bereits am Unglücksort. Schneeweißer Schaum regnete auf das Flugzeug.

Yasmeen murmelte etwas vor sich hin. Wahrscheinlich sprach sie ein Gebet, und auch Nell betete insgeheim für die Passagiere, die in diesem Inferno gefangen waren. Hinter ihr öffnete sich die Tür, Leute kamen herein. Manche schoben Instrumentenwagen, andere trugen Erste-Hilfe-Ausrüstungen. Draußen fuhren zwei Krankentransporter auf die Rollbahn.

„Wir werden hier warten und die Verletzten in Empfang nehmen“, sagte Yasmeen. „Da wir die ersten Ärzte vor Ort sind, müssen wir tun, was wir können. Das Krankenhaus steht in Alarmbereitschaft, bald werden noch mehr Rettungswagen eintreffen. Die schlimmsten Fälle schicken wir direkt in die Klinik, wo sich Spezialteams um sie kümmern können.“

Nell warf einen Blick auf die brennende Maschine und fragte sich, ob es überhaupt Überlebende gab.

„Wissen Sie, was passiert ist?“

Yasmeen schüttelte den Kopf. „Nicht genau, aber ich habe gehört, dass es beim Landeanflug Probleme gegeben hätte. Vielleicht ließ sich das Fahrgestell nicht richtig ausfahren, oder die Rollbahn war ölverschmutzt. Jedenfalls geriet das Flugzeug ins Rutschen, brach zur Seite aus und krachte in eine stehende Maschine. Dann ist es explodiert.“

Nell mochte sich das Entsetzen an Bord nicht vorstellen. Wie viele Passagiere waren dort drin? Sie hatte keine Ahnung, wie groß das Flugzeug war, aber auf ihrem Flug waren es an die vierhundert Menschen gewesen.

„Sehen Sie!“ Yasmeen packte sie am Arm. Und tatsächlich, vor den orangeroten Flammen hoben sich Gestalten dunkel ab. Sie taumelten über das Rollfeld und wurden sofort von Flughafenfahrzeugen aufgenommen. Die Autos rasten auf das Gebäude zu.

„Also haben einige überlebt.“

Die ersten Opfer hatten noch Glück gehabt und waren schnell versorgt: Wundreinigung, Verbände, Decken um zitternde Schultern legen, gegen Schock behandeln. Doch der Raum füllte sich rasch mit Schwerverletzten, und bald mussten Nell und Yasmeen aufs Rollfeld, wo grelle Scheinwerfer eine grausige Szene beleuchteten.

„Bedecken Sie die Wunden mit sauberen, trockenen Tüchern, intubieren Sie nur, wenn die Atemwege keinen Schaden genommen haben. Bei Verbrennungen im Gesicht und am Hals führen Sie Sauerstoff über eine Maske zu. Denken Sie daran, dass die Lungen nach Einatmen von Rauch und heißer Luft beeinträchtigt sein können. Hängen Sie die Patienten an den Tropf“, zählte Nell auf, als sie merkte, dass Yasmeen zögerte. „Wir müssen etwas gegen die Schocksymptome tun, aber versuchen Sie nicht, die Brandwunden zu behandeln. Also nicht die Kleidung entfernen, Brandblasen punktieren oder die Köpfe anheben, weil Sie damit die Atmung behindern könnten.“

Nell wurde klar, dass sie sich mit Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Brandverletzten offenbar besser auskannte als die Kollegin. „Sagen Sie es auch den anderen Helfern. Möchten Sie, dass ich die Triage übernehme? Die Patienten nach Schweregrad einteile, damit die, die am schlimmsten dran sind, sofort ins Krankenhaus gebracht werden?“

Yasmeen nickte und gab mit klarer Stimme Anweisungen.

Kleintransporter tauchten auf, und als die Schiebetüren geöffnet wurden, entdeckte Nell dankbar, dass sie mit einem gut sortierten Nachschub an medizinischer Ausrüstung gefüllt waren. Offenbar hatte die Flughafenleitung für solche Katastrophenfälle vorgesorgt.

Sie arbeitete zügig, untersuchte, behandelte, reichte Patienten weiter. Erst als mehr und mehr Menschen aus der Maschine gezogen wurden, für die jede Hilfe zu spät kam, wandte sie sich an Yasmeen.

„Kommen Sie, wir werden in der Klinik gebraucht.“

Das Gesicht der Kollegin war rußig und schmutzig von den Kleidern der Patienten, um die sie sich gekümmert hatte, und Nell vermutete, dass sie selbst nicht besser aussah.

Jetzt blitzten weiße Zähne in dem dunklen Gesicht auf. Yasmeen lächelte und schüttelte den Kopf. „Sie sind unser Gast und haben schon mehr als genug getan. Ich bringe Sie zu Ihrer Unterkunft, damit Sie sich ausruhen können.“

„Kommt nicht infrage! Das ist mein Fachgebiet, Yasmeen. Ich bin Spezialistin für Brandverletzungen. Wie viele solcher speziell ausgebildeten Ärzte haben Sie in Ihrem Krankenhaus? Bringen Sie mich hin, dort kann ich am besten helfen.“

Zusammen eilten sie zum Ausgang. Draußen war der Teufel los. Auf den Zufahrten stauten sich die Autos besorgter Angehöriger, die zum Flughafen gerast waren. Laute Rufe mischten sich in das Hupkonzert. Nichts ging mehr.

„Der Verkehr ist zusammengebrochen. Vielleicht sollten wir versuchen, in einem der Krankenwagen mitzufahren.“ Das Knattern von Hubschrauberrotoren übertönte Nells Worte. Sie sah nach oben.

„Damit kommen wir hier weg. Das ist der Hubschrauber unseres Chefs.“ Yasmeen nahm sie beim Arm und zog sie mit sich. „Ich hatte mich schon gefragt, warum ich ihn hier noch nicht gesehen habe, bis mir einfiel, dass er sich zwei Tage frei genommen hat, was er selten tut, und wahrscheinlich in die Wüste gefahren ist.“

Nell war nicht entgangen, dass sie mit großem Respekt und einem bewundernden Unterton von diesem Mann sprach.

„Ihr Chef? Der Leiter der Abteilung? Oder des Krankenhauses?“

„Chefarzt der Chirurgie, Krankenhausdirektor und Mitglied unserer Herrscherfamilie. Khalil al Kalada ist ein großartiger Mann, der zu Höherem geboren wurde und auch in der heutigen Zeit die Familientradition in Ehren hält.“

Khalil al Kalada.

Die Worte schienen aus weiter Ferne zu kommen, drangen wie ein Echo in ihr Bewusstsein, bis sie laut in ihrem Kopf hämmerten.

Eine eiskalte Faust umklammerte ihr Herz, Panik erfasste Nell. Noch nicht! Ich bin noch nicht so weit! Sie stolperte kurz, aber Yasmeen drängte sie weiter – hin zu dem Mann, dem eigentlichen Ziel ihrer weiten Reise.

Kal verfluchte sich, dass er statt des Hubschraubers den Jeep mit in die Wüste genommen hatte. Er hätte schneller auf den Notruf reagieren können.

Unter ihm leuchteten die roten Blinklichter der Rettungswagen. Manche waren hoffnungslos zwischen Zivilfahrzeugen eingekeilt. Per Funk gab Kal dem Helikopterpiloten seines Vaters Anweisungen, die Polizei zu unterstützen und über Megaphon den Ambulanzen freie Fahrt zu verschaffen.

Er selbst wollte sich erst einen Überblick vor Ort verschaffen, ehe er in die Klinik flog. Kal landete am Rand des Rollfelds, kletterte aus der Kabine und rannte geduckt unter den Rotorblättern entlang auf die Unglücksstelle zu. Wie immer unterbrachen Menschen, an denen er vorbeikam, ihre Arbeit und nickten ihm zu. Einige verbeugten sich sogar. Ein großer, dürrer Mann in rußgeschwärzter Kleidung trat ihm entgegen.

„Ich bin der Leiter des Sicherheitsdienstes, Hoheit“, sagte er und nannte seinen Namen, während er Kal die Hand schüttelte. „Wir wissen nur, dass die Maschine von der Rollbahn gerutscht ist, ein stehendes Flugzeug gerammt hat und dann in Flammen aufging. Die Schwerverletzten sind auf dem Weg ins Krankenhaus, die Leichtverletzten und unter Schock stehende Personen werden im Gebäude von unserem Personal betreut. Wir sind gerade dabei, die Verstorbenen in die Leichenhalle zu transportieren.“

Er deutete auf die reglosen Körper.

„So viele Tote“, murmelte Kal voller Bedauern.

„Ohne die Ärztinnen Ihrer Klinik, die zufällig hier waren, hätten wir noch viel mehr zu beklagen. Sie haben die Verletzten behandelt und meinen Leuten gesagt, was zu tun ist.“ Der Mann schwieg kurz, ehe er hinzufügte: „Trotzdem werden noch einige sterben, Exzellenz. Manche waren in kritischem Zustand, als wir sie in die Rettungswagen brachten.“

„Dann muss ich los, man braucht mich dort.“ Er hätte gern hinzugefügt, dass er auf die korrekte Anrede keinen Wert legte, aber er spürte, dass der Mann die Formalitäten brauchte. Und sei es nur, um sich zu vergewissern, dass gewisse Dinge sich nie änderten. Wenn ein Mitglied der königlichen Familie anwesend war, gab es jemanden, der die Verantwortung übernahm. Als er sich abwandte, hörte er eine Frauenstimme seinen Namen rufen.

Kal drehte sich um und sah zwei Frauen auf ihn zulaufen.

„Hoheit …Yasmeen Assanti, Station sechs. Ich war hier, um die Kollegin aus Australien abzuholen, die uns eine Einführung in die neue Brandwundenbehandlung geben will. Sie hat sich nicht davon abbringen lassen, uns bei der Versorgung der Verletzten zu helfen. Ein Engel in der Not. Ohne sie wären noch mehr Menschen gestorben.“

Ehe sie den Engel in der Not vorstellen konnte, war dieser in die Knie gegangen und hatte eins der Leichentücher angehoben.

„Er lebt!“, stieß sie hervor, aber es klang mehr wie ein Krächzen.

Kal war im nächsten Moment bei ihr, rief, man solle Licht bringen, und untersuchte rasch den Mann, den man für tot gehalten hatte.

„Bringen Sie ihn in meinen Hubschrauber“, befahl er zwei Männern, die auf dem Weg zu dem Leichenwagen waren. „Yasmeen, hängen Sie ihn an den Tropf und decken Sie seine Verletzungen mit einem sauberen Tuch ab. Sie …“ Über die Trage hinweg sah er die Frau an. „Bleiben Sie bei ihm. Tun Sie, was Sie können.“

Sie nickte, während sie den Karotispuls checkte. „Geben Sie ihm auch Sauerstoff, Yasmeen“, sagte sie und hob kurz den Kopf. Kal sah in helle Augen und ein rußiges Gesicht. Doch ihre Stimme, obwohl sie heiser klang durch den Rauch, den sie eingeatmet hatte, sandte ihm einen Schauer über den Rücken.

Rasch schüttelte er das beunruhigende Gefühl ab und trat zurück, um Yasmeen Platz zu machen. Die Männer hoben die Trage an, und er beobachtete, wie die Fremde nebenher ging, in einer Hand die Beatmungsmaske, die sie dicht über die Nase des Verletzten hielt, in der anderen die schwere Sauerstoffflasche.

Kal rannte zum Hubschrauber, um den Transport vorzubereiten. Als der Patient und die beiden Frauen sicher an Bord waren, holte er die Starterlaubnis ein und flog los.

Über dem Flugplatz kreisten Maschinen, denen die Landegenehmigung verwehrt worden war. Kal zweifelte nicht daran, dass sein Bruder im Kontrollturm dafür sorgen würde, dass sie zu anderen Flugplätzen umgeleitet wurden. Ein anderer Bruder hatte sicher längst eine Pressekonferenz einberufen, um die Medien zu informieren.

Während er Kurs auf das Krankenhaus nahm, drehte Kal sich einen Moment um und musterte die Frau, die neben dem Patienten kniete.

Unmöglich. Es konnte nicht sein …

„Ich kann nicht intubieren“, flüsterte Nell Yasmeen zu. „Halten Sie die Maske dicht über Mund und Nase, ohne die verbrannte Haut zu berühren … Nein! Verdammt, er atmet nicht mehr. Die Atemwege sind dicht. Wir müssten einen Kehlkopfschnitt machen und intubieren, aber wenn die Lungen geschädigt sind und wir Sauerstoff hineinpumpen, könnte der Druck …“, überlegte sie laut, während sie schon Skalpell und Tubus aus dem Notfallkoffer nahm.

„Tun Sie es.“ Yasmeen legte ihr die Hand auf den Arm.

Nells Finger bebten leicht, als sie nach der richtigen Stelle tastete, aber sie führte den Schnitt sicher aus. Sobald der Tubus das Loch offen hielt, sah sie, wie die Brust des Mannes sich hob und senkte.

Er atmete selbstständig!

Sie holte ebenfalls tief Luft. Yasmeen beugte sich zu ihr, um den Lärm der Rotoren zu übertönen.

„Da vorn ist das Krankenhaus. Wir landen auf dem Dach. Sie sollten sich auf einen Sitz setzen und sich anschnallen.“

Und den Mann, der schon einmal für tot erklärt worden war, sich selbst überlassen? Ausgeschlossen.

„Ich werde mich gut festhalten.“ Sie nahm ihr die Sauerstoffmaske ab und hielt sie dicht über den Tubus. Das Ausmaß der Lungenschädigung konnte sie nicht einschätzen, aber es machte ihr Sorgen. Lungen waren äußerst empfindliche Organe, und zu viel Druck würde sie zum Platzen bringen. Der Patient hatte Hitze und giftige Dämpfe eingeatmet, also musste das zarte Gewebe teilweise zerstört sein …

Sich Gedanken um ihren Schützling zu machen, bewahrte sie davor, an den Mann zu denken, der den Helikopter steuerte. Vorhin hatte er sie nur flüchtig betrachtet, und sie war froh darüber gewesen.

Gut, sie würde mit Kal reden müssen, aber nach der anstrengenden Reise und diesem nervenaufreibenden Notfalleinsatz, von Kopf bis Fuß bedeckt mit Ruß und Asche … wohl kaum!

Die kleine Maschine setzte sanft auf.

„Dr. Warren?“

Die Stimme war vertraut und ließ ihre Haut prickeln.

„Ich begleite den Patienten“, sagte sie bewusst ruppig, weil sie die Anspannung fast nicht mehr ertrug. Sie hatte Angst, die Fassung zu verlieren, wenn sie Kal jetzt direkt ansah.

Dann tauchte Patricks Bild vor ihrem inneren Auge auf. Nein, sie konnte es nicht riskieren, Kal von vornherein gegen sie aufzubringen.

Ihr Herz klopfte wild, in ihrem Bauch flatterten tausend Schmetterlinge, ihre Knie zitterten. Doch sie war eine erwachsene Frau und hatte einen Sohn, der dringend Hilfe brauchte. Also hob sie den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln.

„Hallo, Kal.“

Bevor er antworten konnte, bäumte sich der Patient neben ihnen auf. Nell beugte sich über ihn und vergewisserte sich, dass der Tubus noch an Ort und Stelle saß.

„Yasmeen?“ Die Trage wurde angehoben und aus dem Hubschrauber geholt. „Sprechen Ihre Mitarbeiter Englisch? Werden die Krankenschwestern mich verstehen, wenn ich etwas brauche?“

„Yasmeen wird dich als Dolmetscherin begleiten, bis wir eine Schwester gefunden haben, die deine Sprache spricht, aber das dürfte kein Problem sein. Die meisten sprechen auch Englisch.“

So viel zu ihrem Versuch, ihn nicht gegen sich aufzubringen. Kals Stimme klang eisig.

Er marschierte davon – ein Fremder in rauchgeschwärzter weißer Kandoura –, riss sich die Kopfbedeckung herunter und griff im Vorbeigehen nach einem Set OP-Kleidung, die auf einem Wagen lag. Der Wüstenfürst verwandelte sich wieder in den Arzt.

Warum taucht sie in meinem Land auf? Nach vierzehn Jahren?

Kal glaubte nicht an einen Zufall. Allerdings fiel ihm auch kein einziger Grund ein, warum sie zu ihm kam. Sie musste annehmen, dass er noch verheiratet war, also konnte es nicht eine Art Midlifecrisis sein, eine Sehnsucht, die Jugend zurückzuholen.

Oder?

Nein, so war Nell nicht. Sie war von Anfang an vernünftig gewesen und hatte für seine Situation Verständnis gehabt.

Außerdem hatte sie auch geheiratet. Warum sonst sollte sie Warren heißen und nicht mehr Roberts? Andererseits trug sie keinen Ring …

Kal schüttelte den Kopf und verschwand in einem Nebenraum, wo er das lange Gewand abstreifte. Sand rieselte zu Boden und erinnerte ihn an die Stunden der Freiheit, die er genossen hatte. Schnell schüttelte er die Gedanken ab. Er zog die OP-Kleidung über, entschlossen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – die Brandverletzten in seinem Krankenhaus. Dass Nell hier war, durfte ihn nicht ablenken. Im Gegenteil, er sollte dankbar sein. Die Dr. Warren, die er erwartet hatte, galt als Spezialistin für Verbrennungsopfer, und gerade jetzt wurde sie dringend gebraucht.

Dr. Warren!

Sie musste geheiratet haben …

Wie konnte sie nur?

Nun, er hatte es auch getan. Doch die Erkenntnis tröstete ihn nicht …

„Wir haben zweiundsechzig Verletzte hier in der Notaufnahme“, berichtete ihm Stationsschwester Lalla el Wafa, als er den Fahrstuhl im Erdgeschoss verließ. „Die diensthabenden Ärzte konnten nicht mehr tun als sie zu untersuchen, die Atemwege freizuhalten und Infusionen zu legen.“

„Wir nehmen uns einen Patienten nach dem anderen vor“, sagte er und fügte hinzu: „Ohne in Panik zu geraten.“

Sie waren im Durchgang stehen geblieben und pressten sich nun an die Wand, um den Pflegern Platz zu machen, die den Verletzten aus dem Hubschrauber vorbeirollten. Nell ging neben ihm und hielt die Sauerstoffmaske dicht über den Tubus.

Warum hatte sie den Tubus nicht direkt an die Sauerstoffflasche angeschlossen? Er musste sie nachher fragen. Seit der Explosion bei einer Ölförderanlage vor drei Monaten hatte Kal sein Krankenhaus für solche Unglücksfälle umgerüstet und viel über die Behandlung von Brandverletzungen gelesen. Während seiner Facharztausbildung hatte er nur gelegentlich mit solchen Patienten zu tun gehabt, und inzwischen waren viele Jahre vergangen. Er wusste längst nicht alles, was er wissen musste. Abgesehen davon war es ihm noch nicht gelungen, einen Spezialisten für die Leitung der neuen Station zu finden.

Vielleicht könnte er Nell überreden, hierzubleiben.

Bist du übergeschnappt?

Die kleine Gruppe verschwand hinter den Türen am Ende des Flurs, doch Kal starrte ihr noch nach. Nell hatte kurz den Kopf gehoben, als sie die Station betrat, um mit Yasmeen zu sprechen, und Kal einen flüchtigen Blick auf ihr klares Profil mit der geraden Nase erhascht.

Nell Roberts fand ihre Nase nicht schön. Zu lang, meinte sie.

Kal dachte nur daran, wie oft er diese Nase geküsst hatte …

2. KAPITEL

Kal wollte Antworten von Nell, aber der Anblick von dreiundsechzig Verletzten in der Notaufnahme setzte andere Prioritäten.

„Wissen Sie, wer zuerst behandelt werden muss?“, fragte er Lalla, die ihm nicht von der Seite wich.

„Jemand muss bereits am Flughafen eine Patientensichtung vorgenommen haben, und wir halten uns an diese Einteilung.“

Er ahnte, wer das gewesen sein könnte. Sein Blick fiel auf diejenigen, die auf Behelfsliegen an der Wand lagen. Sie gehörten nicht zu den Schwerverletzten, aber sie litten große Schmerzen und standen unter Schock. Ein junger Arzt brüllte, er brauche mehr Infusionsbeutel, und ein anderer hob in seiner Verzweiflung einen Verletzten einfach auf die Arme, um ihn in einen der Behandlungsräume zu tragen. Aber sie waren alle belegt.

Kal begriff, dass er und sein Team mit dreiundsechzig Patienten, von denen viele so schwer verletzt waren, dass sie kaum Überlebenschancen hatten, hoffnungslos überfordert waren.

„Kal, ich will dir hier nicht vorschreiben, was zu tun ist, aber ihr müsst systematisch vorgehen.“ Nell kam aus einem der Zimmer und blieb vor ihm stehen. „Deine Mitarbeiter sollten die Verbrennungen der Körperfläche anhand der Neunerregel beurteilen. Jeder Patient mit mehr als zwanzig Prozent braucht eine Infusion – Ringer-Laktat in den ersten vierundzwanzig Stunden. Um den Elektrolythaushalt kümmern wir uns später.“ Sie redete weiter, sprach von Kathetern, Hämoglobin und Nierenversagen.

Verwundert musterte er sie. Sie gab Anweisungen, als wäre es das Normalste der Welt. Seine Gefühle waren in Aufruhr. Ihre nicht? Oder konnte sie Privates und Beruf einfach besser trennen als er?

„Sag ihnen, sie sollen die Wunden mit sterilen Tüchern abdecken. Am wichtigsten ist jetzt, Blutungen oder Wundsekretion zu stoppen, um noch mehr Flüssigkeitsverlust zu vermeiden und die Patienten zu stabilisieren.“

„Schmerzmittel?“ Das Wimmern und Stöhnen um ihn herum brachte ihn zur Vernunft. Natürlich musste Nell Anweisungen geben. Es war ihr Spezialgebiet. Und selbstverständlich konnte er Beruf und Privates trennen – tat er das nicht seit Jahren?

„Am besten Morphin. Intravenös. Dann brauche ich jemanden – dich, wahrscheinlich, Yasmeen sagte, du wärst Chirurg –, der die Verletzungen auf Schorfbildung untersucht. Vor allem auf der Brust und an den Extremitäten.“

„Um Entlastungsschnitte durchzuführen?“

Sie nickte. „Du wirst keine Narkose brauchen. Bei Verbrennungen dritten Grades sind die Nervenenden zerstört, sodass der Patient nichts spüren wird.“

Noch während sie ihre Erläuterungen fortsetzte, rief Yasmeen nach ihr, und Nell wandte sich ihr zu. Dann schien ihr noch etwas einzufallen. „Tetanusprophylaxe ist ganz wichtig. Und keine orale Medikation – wenn sie zu viel Rauch eingeatmet haben, kann es zu einem Darmverschluss kommen.“

Das wusste er auch, aber sie hatte recht, ihn – und alle anderen – daran zu erinnern, wie wichtig es war, grundsätzliche Regeln einzuhalten. Wäre ein einziger Brandverletzter eingeliefert worden, hätte man ihn zügig und effizient behandelt. Aber angesichts so vieler Patienten konnte leicht etwas übersehen werden und ein übereifriger Arzt schnell einen Fehler machen.

Nell ging zu Yasmeen und beugte sich über den kleinen Körper auf der Liege. Yasmeen redete auf sie ein, doch Nells Miene verriet Kal, dass sie nicht mehr helfen konnte. Das erste Todesopfer unter den Neuzugängen.

„Der Kleine hätte niemals überlebt“, sagte Nell zu der Kollegin. „Sehen Sie sich das an, er hat zu starke Verbrennungen erlitten. Selbst Erwachsene haben bei sechzig Prozent betroffener Körperoberfläche kaum Chancen.“

Als Nächstes kümmerte sie sich um ihren speziellen Fall, den Mann, den man vorhin schon zu den Toten gelegt hatte. Sie setzte einen Katheter, entnahm eine Urinprobe für das Labor und überprüfte den Blutsauerstoffgehalt. Er war noch zu niedrig. Nell regulierte die Zufuhr und ging weiter.

„Achten Sie auf die Kohlenmonoxidvergiftung bei Brandopfern“, erklärte sie einem jungen Arzt, der ratlos an einer Trage stand. Der Patient wies die typischen kirschroten Schleimhäute auf. „Kohlenmonoxid verdrängt Sauerstoff im Blut. Hat der Betroffene zu viele giftige Dämpfe inhaliert, erstickt er irgendwann.“

„Ist er deshalb bewusstlos? Nicht wegen der Brandwunden, sondern aufgrund der Rauchvergiftung?“

Nell betrachtete den Mann, um seine Verbrennungen genau einzuschätzen.

„Höchstwahrscheinlich. Geben Sie ihm hundertprozentigen Sauerstoff, aber behalten Sie seine Bewusstseinslage im Auge. Haben Sie eine Überdruckkammer?“

Verwundert sah er sie an. „Wie wir sie bei der Taucherkrankheit benutzen?“

Sie nickte.

„Ja“, antwortete er. „Viele Touristen kommen zum Tauchen hierher, und es gibt immer wieder Unfälle. Deshalb gehört sie zu unserer Standardausrüstung.“

„Gut, wenn er in … sagen wir … einer Stunde noch immer bewusstlos ist, bringen wir ihn in die Kammer. Sein Zustand ist ähnlich wie bei einem betroffenen Taucher. Über den Druck entziehen wir dem Blut Kohlenmonoxid.“

Nell schrieb die Anweisung auf die Patientenkarte und schaute auf, als Kal zu ihnen trat.

„Wir haben noch mehr mit Kohlenmonoxidvergiftung. Ich werde die Kollegen anweisen, besonders auf den Grad der Bewusstlosigkeit zu achten.“

Damit verschwand er. Doch während Nell arbeitete, tauchte er immer mal wieder neben ihr auf. Manchmal, um sie etwas zu fragen, manchmal, um sie zu einem Patienten zu bringen.

Zusammen mit anderen kämpfte Nell um das Leben der Schwerverletzten. Niemand hielt sich mit Anamnese auf, fragte nach früheren Erkrankungen, und in einigen Fällen kannten sie nicht einmal Namen oder Nationalität des Patienten. Dieser Notfall setzte vieles außer Kraft, was im normalen Krankenhausalltag zur Routine gehörte.

Von Zeit zu Zeit zog Yasmeen sie in einen kleinen Aufenthaltsraum, wo erschöpfte Mitarbeiter sich stumm mit Kaffee und Keksen stärkten. Platten voller Sandwiches standen bereit, doch viele Kollegen aßen hastig und nur, weil sie wussten, dass sie bei Kräften bleiben mussten.

Ungezählte Stunden später kehrte in der Notaufnahme allmählich Ruhe ein. Auf dem Boden häuften sich aufgerissene Verpackungen von Verbandsmaterial, Kanülen und anderen Instrumenten. Die Schlacht war geschlagen. Vierzehn Patienten, deren Zustand nach wie vor kritisch war, hatte man in die neue Abteilung für Brandverletzte verlegt, zwei davon auf die Intensivstation. Elf wurden auf die übrigen Stationen des Krankenhauses verteilt.

Einundzwanzig leicht Verletzte waren behandelt und entweder nach Hause geschickt oder in Hotels untergebracht worden. Weitere zehn – Fußballspieler aus einem Nachbarstaat – hatte man im Privatjet des Herrschers in ihre Heimat ausgeflogen, wo sie im Krankenhaus der Hauptstadt weiterbehandelt werden konnten.

Sechs Menschen hatten sie nicht retten können, und Nell kämpfte noch immer um das Leben des Mannes, den sie unter den Toten entdeckt hatte.

„Lassen Sie uns ihn auf die Station bringen“, bat Yasmeen. „Die Krankenschwestern sind ausgeruht. Sie werden sich um ihn kümmern.“

„Ich möchte ihn nicht bewegen, ehe er nicht stabil ist.“ Nell studierte die Testergebnisse, die sie gerade aus dem Labor bekommen hatte. „Sein Säure-Basen-Status gefällt mir nicht. Es muss mit der Rauchvergiftung zu tun haben, aber die Röntgenaufnahmen zeigen, dass seine Lungen frei sind. Kohlenmonoxid kann auch nicht die Ursache sein …“, dachte sie laut und ging noch einmal alle Möglichkeiten durch.

Yasmeen hörte geduldig zu und wiederholte nur ihre Bitte, sie möge sich endlich ausruhen.

„Aber …“, protestierte Nell.

„Wir bringen ihn auf die Station“, wurde sie von einer tiefen Männerstimme unterbrochen.

Sie blickte auf. Kal stand an der Tür. Seine Worte hatten wie ein Befehl geklungen, doch Nell war ganz und gar nicht einverstanden.

„Er sollte nicht bewegt werden.“

„Er wird verlegt“, bekräftigte er. „Du hast getan, was du konntest, aber du bist so fertig, dass du Gefahr läufst, genau den Fehler zu machen, der ihn umbringt.“

Betroffen öffnete sie den Mund, um zu widersprechen, klappte ihn jedoch wieder zu, als Kal sie eindringlich ansah.

„Yasmeen“, fuhr er freundlicher fort, „ich werde jemanden finden, der den Patienten begleitet und dafür sorgt, dass eine Krankenschwester sich um ihn kümmert. Gehen Sie nach Hause und erholen Sie sich. Ich bringe Dr. Warren zu ihrer Unterkunft, sobald ich den Transfer in die Wege geleitet habe.“

Kal verschwand, kehrte aber ein paar Minuten später zurück. „Komm“, sagte er und nahm Nell beim Arm. „Du kannst dich ja kaum noch auf den Beinen halten.“

Widerstand war zwecklos. Als sie die ersten Schritte machte, musste sie Kal recht geben. Ihre Beine waren schwer wie Blei, und sie hatte das Gefühl, kaum einen Fuß vor den anderen setzen zu können.

Er murmelte ärgerlich etwas vor sich hin, und als sie ein Wort aufschnappte, musste sie unwillkürlich lächeln.

Hatte er tatsächlich Dummkopf gesagt? Sie erinnerte sich, dass er sie damals so genannt hatte, wenn sie während eines Praktikums kleinlaut die schwierigsten Dienste übernahm oder Freunden, die die Vorlesungen geschwänzt hatten, bereitwillig ihre Notizen überließ.

„Du lächelst?“

Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie den ungläubigen Unterton hörte.

„Mir fiel ein, dass du mich schon früher einen Dummkopf geschimpft hast.“ Sie wandte sich ihm zu und sah ihm zum ersten Mal richtig in die Augen. Nell suchte nach Ähnlichkeiten, nach Veränderungen, nach irgendetwas, das an den ernsten jungen Mann erinnerte, den sie unendlich geliebt hatte.

Der Mann, der vor ihr stand, war unrasiert, erschöpft, hatte harte Züge und Zorn im Blick.

„Es ist lange her“, fügte sie ruhig hinzu, obwohl ihr ganz anders zumute war. Sie hatte den jungen Mann wiedererkannt, und weil ihr Herz ihr sagte, dass sie ihn noch immer liebte, schlug sie die Augen nieder, ehe Kal ihre Gefühle lesen konnte. Sie brauchte nicht noch mehr Komplikationen. Ihre Mission war schwierig genug.

Sie ging neben ihm den Flur entlang, ohne die geringste Ahnung, wo sie sich befanden. Immer noch im Krankenhaus, vermutete sie, aber sie hatten eine hohe, verglaste Brücke überquert und das Gebäude gewechselt.

„Hat man deine Koffer hierherbringen lassen?“

Die Frage ergab keinen Sinn.

„Meine Koffer?“

„Gepäck! Persönliche Habe! Oder hast du dir keine Kleidung zum Wechseln mitgebracht und wenigstens eine Zahnbürste?“

Nell blieb abrupt stehen und sah an sich herab. Ihre Handtasche hatte sie über der Schulter. Sie hatte sie quer über der Brust getragen, als sie losrannte, um Erste Hilfe zu leisten. Später, in der Notaufnahme, konnte sie sie in einem der Spinde einschließen, den Yasmeen ihr gezeigt hatte.

„Ich habe meinen Koffer am Flughafen stehen lassen, als die Sirenen losheulten. Yasmeen wollte erst, dass ich auf sie warte, aber ich musste doch mithelfen.“

Kal schnaubte. „Das ist typisch für dich“, brummte er vor sich hin und ging mit langen Schritten weiter, sodass sie gezwungen war, ihm zu folgen. „Du hast lahme Enten unter deine Fittiche genommen und streunende Katzen aufgelesen – du würdest deine Schuhe weggeben, wenn jemand sie bräuchte!“

„Es scheint, als hätte ich es diesmal tatsächlich getan“, versuchte sie ihn aufzuheitern. Gleichzeitig fragte sie sich, warum ihr so viel daran lag, seine düstere Stimmung zu mildern. Schließlich war sie so kaputt, dass es ihr egal sein könnte. „Vorausgesetzt, der, der den Koffer genommen hat, brauchte wirklich welche …“

Mit finsterer Miene blieb Kal vor einer Tür stehen, zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und steckte einen Schlüssel ins Schloss.

„Dies ist ein Generalschlüssel, deshalb kann ich ihn dir nicht geben. Falls drinnen auf dem Tisch keiner liegt, schicke ich morgen früh jemanden, der dir einen bringt.“

Morgen früh?

„Haben wir nicht schon Morgen?“

„Es ist kurz vor Mitternacht. Du bist gestern angekommen und hast eine Nacht und einen Tag durchgearbeitet.“

Er öffnete die Tür. Dahinter erstreckte sich ein geschmackvoll möbliertes Wohnzimmer, das am anderen Ende in eine kleine Küche überging. „Schlafzimmer und Bäder sind dort drüben.“ Kal deutete auf eine Tür zur Rechten. „Waschzeug findest du in beiden Badezimmern, und in den Schlafzimmerschränken hängen Bademäntel.“

„Wie im Erste-Klasse-Hotel.“

„Erstklassig beschreibt nicht einmal annähernd, was du heute für uns getan hast.“ Der raue Unterton brachte sie dazu, ihn anzublicken. Der Schmerz in seinen Augen tat ihr weh, und spontan beugte sie sich vor, wollte Kal umarmen, um ihn zu trösten.

Er legte die Hände auf ihre Schultern und hielt Nell auf Armlänge von sich ab. „Leider benötigen wir deine Hilfe weiterhin. Zumindest, bis ich andere Spezialisten herholen kann. Also, leg dich am besten gleich schlafen, damit du ausgeruht bist.“

Sein Verhalten verwirrte sie. „Es macht mir nichts aus zu helfen.“

„Geh schlafen.“ Er ließ die Hände sinken und marschierte zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. „Falls du irgendetwas brauchst, wähl die Eins, und du wirst mit der Zentrale verbunden. Du kannst jetzt etwas zu essen bekommen oder später, sobald du wieder wach bist. Wenn du mich sprechen musst, drück dieVier. Mein Apartment ist nebenan, aber wenn ich nicht da bin, wird der Anruf in mein Büro weitergeleitet. Wer auch immer ihn entgegennimmt, sagt mir Bescheid.“

Kal ging.

Zu müde, um sich zu rühren, starrte sie eine Weile auf die Tür, zuckte dann mit den Schultern und machte sich auf die Suche nach dem Telefon. Sechs Stunden Zeitunterschied zu Australien bedeutete, dass dort früher Morgen war. Vorhin hatte sie kurz zu Hause angerufen, um ihre Familie zu beruhigen, dass sie gut gelandet und nicht in das Unglück verwickelt war. Aber nun musste sie erst mit Patrick sprechen, ehe sie unter die Dusche ging.

Patrick …

Nell sah wieder auf die Wohnungstür und fröstelte.

Sie ist aus einem ganz bestimmten Grund hier, und ich bin nicht sicher, ob er mir gefallen wird.

Kal wurde den Gedanken nicht los, während er die Station aufsuchte, um nach den Patienten zu sehen, ehe er sich ebenfalls für ein paar Stunden hinlegte.

Was ihm ganz und gar nicht gefiel war die Tatsache, dass sein Denken und Fühlen sich nur noch um Nell drehte. Mit dem Notfall war er besser klargekommen als mit ihrem Auftauchen. Aber vielleicht gab es eine einfache Erklärung dafür. Dass sie wirklich der beste Spezialist war, den das Brisbane Hospital zu bieten hatte. Oder dass die Beziehung zu ihm ihr Interesse an diesem Land geweckt hatte und sie deshalb hierhergereist war.

Nein.

Sein Instinkt verriet ihm, dass mehr dahintersteckte.

Wie auch immer, Nell war nun einmal hier. Und nach allem, was er heute gesehen hatte, hätte man ihm keinen besseren Facharzt schicken können.

Wenige Minuten, nachdem Nell sich Frühstück bestellt hatte, klopfte es an der Tür.

Yasmeen stand draußen, beladen mit Päckchen und Tragetaschen.

„Seine Hoheit hat mich zum Einkaufen geschickt“, sagte sie verlegen. „Er sagte, ich solle Ihnen Kleidung besorgen. Ich habe verschiedene Größen mitgenommen. Was nicht passt, kann ich zurückbringen.“

Nell schüttelte verblüfft den Kopf, als ein junger Bote Yasmeen ins Apartment folgte, ebenfalls mit Tüten und Taschen bepackt.

„Ein Wunder, dass er nicht den gesamten Laden hat herbringen lassen“, sagte sie mehr zu sich selbst.

„Oh, das wollte er erst“, entgegnete Yasmeen ernsthaft, ohne zu merken, dass Nell einen Witz gemacht hatte. „Aber ich habe ihm erklärt, dass es Ihnen sicher peinlich wäre. Also hat er dafür gesorgt, dass eins der Geschäfte früher öffnet, damit ich alles aussuchen kann. Ich war die einzige Kundin.“

„Das muss Spaß gemacht haben. Sie haben recht“, sagte sie dann. „Es wäre mir wirklich unangenehm gewesen. Aber ich kann die Sachen jetzt nicht anprobieren. Ich habe viel zu lange geschlafen und muss unbedingt nach den Verletzten sehen.“

„Sie haben sechs Stunden geschlafen. Genau wie ich, doch ich hatte keinen langen Flug von Australien hierher hinter mir, als das Unglück passierte.“

„Gut, dass wir Ärzte es gewohnt sind, mit wenig Schlaf auszukommen.“ Nell öffnete eine Schachtel nach der anderen, fand aber nicht, was sie suchte. „Eigentlich brauche ich nur Unterwäsche. Ich kann OP-Kleidung tragen, bis mein Koffer wieder auftaucht.“

„Er wird nicht wieder auftauchen.“ Yasmeen hielt ihr eine Tüte hin. „Und wenn Sie nicht tragen, was ich ausgesucht habe, wird Seine Hoheit mich dafür verantwortlich machen.“

„Wollen Sie mich erpressen?“, fragte sie. Aber sie lächelte, griff nach einer dunkelblauen Hose und einem T-Shirt, nahm Yasmeen die Unterwäschetüte ab und verschwand damit im Bad. Zwischen ihr und der jungen Kollegin war in kurzer Zeit eine besondere Vertrautheit entstanden.

„Sie können nicht sechs Stunden geschlafen haben, wenn Sie all diese Sachen besorgt haben“, sagte sie, als sie wieder herauskam und sich dabei die Haare zu einem festen Knoten im Nacken drehte.

„Ich habe das Krankenhaus noch vor Ihnen verlassen.“Yasmeen lächelte, und Nell wusste, dass sie ähnlich empfand wie sie. Die Katastrophe hatte sie zusammengeschweißt.

Die beiden Frauen eilten den Glasgang entlang. Als sie bald darauf die neue Abteilung für Brandverletzte betraten, war Nell überrascht. Die Räume waren nach modernen Maßstäben ausgestattet, die Technik auf dem neuesten Stand.

„Die Patienten, die wir hier aufgenommen haben, brauchen Hauttransplantationen. Bei einigen habe ich bereits Eigenhaut von unversehrten Körperstellen entnommen und zur Zellkultur und Hautzüchtung ins Labor gegeben. Uns stehen zwei Sorten interaktiver Wundauflagen zur Verfügung, aber wir möchten von dir hören, welche bei welchem Patienten angewendet werden sollten.“

Kal stand vor ihr, neben sich einen Instrumentenwagen. „Wir haben hier einen Behandlungsraum, einen kleinen OP-Saal und Badeeinrichtungen. Außerdem bieten wir den Angehörigen ein eigenes Zimmer an. Zurzeit wird alles in die Wege geleitet, dass Familienmitglieder der ausländischen Patienten eingeflogen werden, um den Verletzten emotionalen Halt zu geben.“

Nell genügte ein Blick, um festzustellen, dass er nicht geschlafen hatte. Allerdings war er frisch rasiert, bis auf den ordentlich gestutzten Bart um seinen Mund.

Das traditionelle Bärtchen hatte er damals schon getragen. Wie oft hatte sie versucht, ihn zu überreden, es abzurasieren, weil sie neugierig war, wie er ohne aussehen würde!

„Sehr gut.“ Da sie nicht direkt sagen wollte, dass er sich endlich ein paar Stunden Schlaf gönnen solle, erklärte sie: „Wenn es dir recht ist, übernehme ich jetzt. Ich werde die Patienten untersuchen und festlegen, in welcher Reihenfolge sie operiert werden müssen.“

Sie warf einen Blick auf den Wagen und fragte, ob die Vorräte ausreichten.

„Ich lasse Nachschub einfliegen, und heute Nachmittag müsste ein Team spanischer Ärzte und Krankenschwestern hier eintreffen.“

Nell nickte. Es war weltweit üblich geworden, im Katastrophenfall Spezialisten aus anderen Ländern zu holen.

„Ich möchte mir die Patienten ansehen“, wiederholte sie, da er noch nicht zugestimmt hatte.

Kal neigte leicht den Kopf. „Yasmeen und ich werden dich begleiten.“

Sie gingen von Bett zu Bett. Nell war beeindruckt, mit welch hohem Standard hier gepflegt wurde. Für jeden Patienten war eine Krankenschwester zuständig, und seine Daten wurden auf einem Monitor neben dem Bett angezeigt.

„Bei diesem und einigen anderen habe ich die Blasen geöffnet“, erklärte Kal, als sie am Bett eines Teenagers stehen blieben. Das Mädchen hatte schwere Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht. „Ich weiß, das ist ein umstrittenes Thema, aber meiner Erfahrung nach kommt es durch Prostaglandine in der Blasenflüssigkeit zu tieferen Verbrennungen, und da ihr Gesicht betroffen ist …“

Er zögerte, und Nell beeilte sich, ihm zu versichern, dass sie in diesem Fall das Gleiche getan hätte. Sie studierte den Bildschirm.

„Die trockene Wundauflage ist genau richtig, und wie ich sehe, benutzt du Aspirin gegen den Prostaglandin-Effekt.“

Während Nell weitere Ratschläge gab, unterhielt Yasmeen sich in ihrer Sprache mit der Patientin. Als Nell Tränen in den dunklen Augen entdeckte, wandte sie sich fragend an Kal.

„Ihre Eltern und ihr Bruder haben nicht überlebt“, sagte er grimmig. „Wir suchen schon nach anderen Verwandten, aber es ist schwierig. Viele Fluggäste buchen ihre Tickets über das Internet, und auch wenn die Fluggesellschaft eine Kontaktnummer speichert, ist es in der Regel der Telefonanschluss zu Hause.“

„Und dort ist niemand mehr.“ Sanft berührte Nell die bandagierte Hand des Mädchens.

Trotzdem ging sie weiter. Sie musste entscheiden, welche Patienten stabil genug waren, dass man sie für Hauttransplantationen vorbereiten konnte.

„Erzähl mir mehr über die Transplantate.“ Kal betrachtete die Frau, die auf den Beinen, vor allem an den Knien, schwere Verbrennungen aufwies. „Die Patientin hat an Rücken und Oberschenkel gute Haut, die wir für Gittertransplantate nutzen könnten, aber an manchen Stellen ist das nicht angezeigt, oder?“

Nell dachte an das Dermatom, ein Gerät zur Entnahme dünner Hautschichten, die mit einem speziellen Schnitt zu einer Art Gitternetz verarbeitet wurden, um großflächige Areale abzudecken.

„Ja, zum Beispiel im Gesicht. Rückenhaut eignet sich gut für Transplantationen, aber bei dieser Patientin frage ich mich, ob wir nicht besser Haut am Arm entnehmen. Kannst du sie bitten, den Ärmel hochzuschieben?“

Kal sprach die Frau an und nahm ihre Hand, während er Nell vorstellte.

„Das Problem ist“, begann Nell, als sie mit dem Finger über die glatte, unversehrte Haut strich, „dass die Stelle, wo wir Haut entnehmen, im Zuge der Heilungsphase stärker schmerzt als die Brandwunde. Außerdem ist sie genauso anfällig für Infektionen. Wenn wir also Rückenhaut entnehmen und nach der OP ihre Beine fixieren, damit die Transplantate nicht verrutschen, wie soll sie dann liegen?“

Er verzog den Mund. „Darauf hätte ich selbst kommen müssen.“

„Du kannst nicht an alles denken, aber da du jetzt Bescheid weißt, fang mit ihr an. Ihr Zustand verträgt eine Narkose, sodass du das abgestorbene Gewebe entfernen und ein kleines Transplantat am Arm entnehmen kannst, um den Bereich hier oberhalb des Knies abzudecken.“ Sie erklärte im Einzelnen, mit welchen Mitteln er Blutungen an der Entnahmestelle stillen und wie die Wundfläche behandelt werden sollte.

Kal nickte und redete kurz mit der Patientin, ehe er wieder aufblickte und Nell anlächelte.

Ihr wurde warm, als wäre die Sonne aufgegangen und schiene ihr mitten ins Gesicht. Ehe sie dem verwirrenden Gefühl nachspüren konnte, stellte er die nächste Frage.

„Was nehmen wir für die anderen Flächen?“

„Künstlichen Hautersatz oder, falls es anwendbar ist, das Verfahren zur Herstellung von Sprühhaut, das ich entwickelt habe.“ Sie lächelte. „Hast du ernsthaft geglaubt, dass du ohne mich in den OP gehst? Ich werde bei diesem ersten Eingriff bei dir sein, zusammen mit sämtlichen anderen Chirurgen, die du auftreiben kannst. Obwohl ich Wichtigeres zu tun hätte als Operationen.“

„Wichtigeres als Operationen!“, wiederholte er missbilligend, und sie erinnerte sich an ähnliche Wortgefechte vor vielen Jahren. Kal und sie hatten hervorragend zusammengearbeitet. Die Liebe zum Beruf hatte sie zusammengebracht – und eine starke erotische Anziehungskraft, die Nell nie zuvor erlebt hatte.

Und seitdem nicht wieder, wenn sie ehrlich war.

Kal schickte eine Krankenschwester los, um den Anästhesisten zu holen, und wies einen jungen Assistenzarzt an, die Patientin vorzubereiten. Nell widmete sich den anderen Verletzten.

„Ich weiß, dass diese Spezialstation aus einem bestimmten Grund eingerichtet wurde“, sagte sie zu Yasmeen, „aber Sie können unmöglich damit gerechnet haben, so viele Schwerbrandverletzte auf einmal behandeln zu müssen.“

Die Kollegin erzählte ihr von der Explosion auf dem Ölfeld, und Nell begriff, dass Kal daraus seine Lehren gezogen hatte.

Gerade rechtzeitig, dachte sie.

Zuletzt besuchte sie den Mann, den sie im Hubschrauber transportiert hatten. Ihre erste Freude darüber, dass er am Leben war, wurde empfindlich gedämpft, als sie feststellte, dass er noch immer Probleme mit der Atmung hatte.

„Ich möchte eine Bronchoskopie vornehmen, um die oberen Luftwege zu prüfen, und einen Lungen-Ultraschall.“

Yasmeen nickte und gab ein paar Anweisungen in ihrer Sprache. „Man wartet auf Sie im OP“, fügte sie dann hinzu.

Nell sah auf ihre Uhr. Sie hatte sie während des Flugs auf Ortszeit eingestellt, aber noch kein Gefühl für die Zeit. Es störte sie nicht. Sie würde arbeiten und schlafen und hoffen, dass ihr Körper seinen eigenen Rhythmus fand.

Als sie auf Kal traf, der sich für den Eingriff die Hände desinfizierte, fragte sie sich, wie er die Strapazen verkraftete.

„Du hast nicht geschlafen – schaffst du das hier überhaupt?“

Die OP-Schwester, die Kal den Kittel hinhielt, keuchte leise auf.

Er drehte sich um und grinste. „Jetzt hast du Schwester Aboud schockiert“, neckte er. „Sie hat eine hohe Meinung von mir und würde nie in dem Ton mit mir reden.“

Nell lächelte die junge Frau an. „Als ich ihn kennenlernte, war er noch Student. Ein chirurgischer Niemand wie ich.“

Doch sie konnte sie damit offensichtlich nicht besänftigen. Während der Operation warf Schwester Aboud ihr immer wieder argwöhnische Blicke zu.

„Danke“, sagte Kal hinterher. „Deine Ratschläge werde ich auch für weitere Eingriffe gut gebrauchen können.“

„Sobald das spanische Team hier ist, hast du speziell ausgebildete Verbrennungschirurgen an deiner Seite. Aber bis dahin solltest du es gut sein lassen. Wenn du nicht bald etwas Schlaf bekommst, wirst du auf einem Patienten zusammenbrechen, und er oder sie wird dich verklagen wegen …“

Kal hatte Kappe und Mundschutz abgenommen und sah Nell an. Ihr blieben die lässigen Worte im Halse stecken. In seinen dunklen Augen lag ein intensiver Ausdruck, der ihr Herz schneller schlagen ließ.

„Ich werde schlafen gehen“, begann er ruhig, „wenn ich weiß, dass in meinem Krankenhaus alles zu meiner Zufriedenheit geregelt ist.“

Oh, oh, dachte Nell, als er sich abwandte. Hatte er sie gerade in die Schranken gewiesen?

Verbal vielleicht, aber sein Blick hatte eine andere Sprache gesprochen. Die Botschaft war persönlich gewesen.

Beunruhigend persönlich.

Sie war froh, dass Kal gegangen war. Also konnte sie sich entspannt auf ihren Job konzentrieren. Nell entledigte sich der OP-Kleidung und eilte zurück zur Station.

Aber Kal war schon in dem Behandlungszimmer, wo sie einem Patienten eine Magensonde legen wollte.

„Du solltest dich endlich hinlegen“, sagte sie schärfer als beabsichtigt. Kal lenkte sie ab, und das gefiel ihr nicht. Ihre Haut prickelte, wenn sie ihm zu nahe kam, und ihre Gedanken schweiften ab, weil sie immer noch nicht wusste, wie sie ihm ihr Geheimnis am besten enthüllen sollte.

„Ich bin Chirurg, und ich werde hier gebraucht“, konterte er. „Also lass uns anfangen.“

„Kal, es gibt zurzeit nichts, was die Kollegen nicht allein bewältigen könnten. Keiner der Schwerbrandverletzten ist stabil genug für eine Operation. Für den Rest des Tages können wir uns nur mit Pflege und Ernährung befassen. Selbst diejenigen, die keine künstliche Ernährung brauchen, werden nicht die Kalorien aufnehmen können, die notwendig sind. Ich brauche einen Diätspezialisten, der für jeden ein individuelles Programm ausarbeitet.“

„Heißt das, die betroffene Körperfläche ist ausschlaggebend für ihre Nahrungsbedürfnisse?“

„Ja, sie ist ein wichtiger Faktor vor allem für die Eiweißzufuhr.“

„Was ist mit den Problemen, die bei Sondenernährung auftreten können?“

Wollte er sie testen? Über solche Dinge müsste er Bescheid wissen. Sie musterte ihn, aber es brachte sie nicht weiter. Im Gegenteil, wenn sie ihn direkt ansah, wurde ihr warm, und in ihrem Bauch flatterten wieder Schmetterlinge. Nell wandte sich wieder dem Patienten zu.

„Um zu verhindern, dass Sondenkost in die Luftröhre gelangt, sollte das Kopfteil des Bettes höher gestellt und der Sitz der Sonde regelmäßig kontrolliert werden.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Es wird deine Pflegedienstleitung in den Wahnsinn treiben, aber diese Patienten werden vorerst eine Eins-zu-eins-Betreuung brauchen.“

Kal wünschte, sie würde ihn nicht so anlächeln. Und wie, verdammt, sollte er so viel Personal auftreiben?

Er konnte nicht mehr klar denken. Sicher, er war müde, aber er würde nicht zulassen, dass Nell ihm sagte, was er zu tun hätte, nachdem sie wieder in sein Leben geplatzt war. Obwohl er genau wusste, es wäre besser, ein paar Stunden zu schlafen und weiterzuarbeiten, wenn sie sich ausruhte. Vorhin im OP-Saal hätte er beinahe lautstark geflucht, weil Nell ihn so stark ablenkte.

Womit er Schwester Aboud erst recht schockiert hätte!

„Ich sorge dafür, dass wir genug Pflegekräfte haben“, sagte er knapp. „Es gibt zwei kleine Privatkliniken, die uns sicher ein paar ihrer Schwestern zur Verfügung stellen.“

Nell nickte zufrieden. Ihr Lächeln wurde wärmer, und sie sagte sanft: „Geh, Khalil. Geh schlafen. Morgen werden wir mehr Patienten haben, die dich brauchen, und danach gibt es jeden Tag mehr zu tun, weil wir immer nur kleine Flächen behandeln können.“

Niemand sprach seinen Namen so aus wie Nell.

Vielleicht machte sie eine Midlifecrisis durch und hatte sich entschlossen, eine alte Liebe zu besuchen?

Eine alte Liebe wiederzubeleben?

Eine alte Liebe zu erneuern?

Kal unterdrückte die Erregung, die in ihm aufstieg. Selbst wenn Nell nicht länger verheiratet sein sollte, musste sie annehmen, dass er gebunden war. Sie wusste, wie viel Familie ihm bedeutete. Hatte er ihr nicht oft genug gesagt, welche Werte in seinem Land herrschten? Man heiratete fürs Leben. Möglicherweise mehr als einmal, das war erlaubt, aber eine einmal geschlossene Ehe galt für immer.

Meistens jedenfalls!

Nell arbeitete den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein. Zusammen mit Yasmeen und anderen Ärzten kämpfte sie um das Leben der Verletzten, versuchte, sie zu stabilisieren, damit die geschwächten Körper den Operationen gewachsen waren. Irgendwann kam Kal zurück und forderte sie auf, die Station zu verlassen. Als sie die Räume am nächsten Morgen wieder betrat, war er immer noch da, unrasiert und übernächtigt.

„Leg dich hin. Du musst schlafen“, sagte sie zu ihm, weil ihr bewusst geworden war, dass niemand außer ihr es wagen würde, so mit ihm zu reden. „In deinem Zustand kannst du nicht vernünftig arbeiten. Hauttransplantationen erfordern einen klaren Kopf und eine ruhige Hand, Kal, und du hast im Moment weder das eine noch das andere.“

Zuerst dachte sie, er würde widersprechen, aber dann drehte er sich um und ging.

„Sie kennen ihn von früher?“Yasmeen hatte verwundert zugehört.

„Ja, als er in Australien studierte. Da war er nur ein Kommilitone, nicht der Oberpascha oder was auch immer er jetzt ist.“

„Er ist kein Oberpascha, sondern ein Scheich“, protestierte Yasmeen, und Nell bereute ihre flapsige Bemerkung sofort. Schließlich wusste sie, wie sehr ihre Kollegin Kal bewunderte. „Seine Familie regiert unser Land seit Generationen“, fuhr Yasmeen fort. „Es ist zwar ungewöhnlich, dass er Medizin studiert hat, aber er ist ein guter Arzt. Er hat das Krankenhaus zu dem gemacht, was es ist, und dafür gesorgt, dass es nur mit dem Besten ausgestattet ist.“

„Das hat er wirklich.“ Nells Unbehagen blieb. Sie hatte immer gewusst, dass Kal in seiner Heimat zur Oberschicht gehörte, obwohl er nie ausführlich darüber gesprochen hatte. Aber seine Ausstrahlung, sein stolzes Auftreten ließen Nell vermuten, dass seine Familie Macht und hohes Ansehen genoss.

Doch musste es gleich die Herrscherfamilie sein?

Oh, verflixt! Ob das die Dinge schwieriger machen wird?

Sie wollte ja gar nicht, dass sie Patrick anerkannten, aber eines Tages würde sie sie vielleicht als Knochenmarkspender brauchen …

Verdammt!

„Dr. Warren, kommen Sie bitte mal?“

Eine junge Krankenschwester holte sie zu einem Patienten, der zu zwanzig Prozent Verbrennungen am Körper davongetragen hatte.

„Hier!“ Sie deutete auf eine leichte, aber deutliche Rötung am Oberschenkel, ein sicheres Zeichen für eine beginnende Infektion.

Nell bedankte sich bei der aufmerksamen Schwester. Sämtliche Gedanken an Kal und seine Familie waren vergessen …

3. KAPITEL

Am späten Nachmittag schloss Nell ihr Apartment auf.

Kal verließ seins im selben Moment. Er war ausgeruht, aber nicht ruhiger geworden, und schuld daran war Nell.

„Hast du die Wohnung hier, weil das Krankenhaus dich zeitlich stark beansprucht?“, fragte sie. „Wäre es nicht besser, nach Hause zu fahren und eine richtige Pause zu machen?“

„Dies ist mein Zuhause.“ Kal sah ihr in die klaren grauen Augen. Sie waren dunkel umschattet, und das Weiße um ihre Pupillen war gerötet. Nell war erschöpft, man sah es ihr an, aber er konnte nicht länger warten.

„Warum bist du hier, Nell?“

Sie zögerte.

„Verschon mich mit irgendwelchen Märchen, es wäre wegen neuer Behandlungsmethoden mit Sprühhaut“, grollte er. „Ich will die Wahrheit wissen.“

Nell blickte ihn bittend an. „Ich sage es dir, Kal“, versprach sie leise und war noch blasser geworden. „Aber jetzt?“

„Ja, jetzt!“ Sein Gefühl, dass sie etwas vorhaben könnte, was ihm nicht gefallen würde, war stärker als sein Verstand, der ihm sagte, dass dieses Krankenhaus dringend ihr Fachwissen brauchte.

Aber sie machte es ihm schwer, allein dadurch, dass sie hier war – er wollte sie berühren, sie in die Arme nehmen und halten, weil er ihren Körper nicht vergessen hatte. Sie küssen, weil die Erinnerung an ihre weichen Lippen noch immer lebendig war …

„Ich brauche einen Kaffee.“ Nell stieß die Tür auf, ließ sie jedoch offen.

Er folgte ihr. Sein Blick fiel auf die Taschen und Schachteln, die auf dem Sofa verstreut lagen. Eigentlich sollte er sie erst in Ruhe auspacken lassen. Und wann würde sie vernünftig essen?

Nachdem sie mir erklärt hat, was los ist!

„Kaffee?“ Sie lächelte nicht.

„Bitte.“ Auch er verzog keine Miene, doch er beobachtete Nell, während sie den Wasserkocher füllte. An ihrer anmutigen, zielgerichteten Art, sich zu bewegen, hatte sich in all den Jahren seit ihrer Trennung nichts geändert. Kal schaute auf ihre Hände, als sie Kaffeepulver abmaß. Keine Ringe. Allerdings war sie gerade von der Station gekommen. Die wenigsten trugen bei der Arbeit Ringe, die die hauchdünnen Handschuhe zerreißen könnten.

Sie sah ihn nicht an, als sie ihm die dampfende Tasse zuschob und dann den Zuckertopf auf den Tisch stellte.

„Milch habe ich nicht gefunden, aber es macht mir nichts aus, ihn schwarz zu trinken.“

Kal wartete, nippte an seinem Kaffee. Die Nell, die er gekannt hatte, würde sich erst genau zurechtlegen, was sie sagen wollte, und dann mit einer Zusammenfassung herausplatzen, als fürchte sie, den Faden zu verlieren, wenn sie weiter ausholte.

Ihre Abschiedsworte damals waren das beste Beispiel gewesen: Ich werde dich für immer lieben – das ist alles, was ich sagen kann.

Sie hatte die Worte mit tränenerstickter Stimme hervorgestoßen und ihm einen Brief in die Hand gedrückt. Einen Brief, den er während des Heimflugs wieder und wieder gelesen hatte und der die einstudierte Rede enthielt. Er erinnerte sich noch heute an Sätze wie: Ich wusste immer, dass das zwischen uns nicht für immer sein kann oder Ich habe vollstes Verständnis und bewundere Deine Loyalität zur Familie, die Dich an Dein Versprechen bindet.

Er sah ihr an, wie sie mit sich rang, und dann kam es, so abrupt, dass er Mühe hatte, es zu erfassen.

„Wir haben einen Sohn.“

Im Zimmer wurde es totenstill.

„Wir haben einen Sohn?“

Kal hörte das laute Echo ihrer Worte und wusste, dass er es ausgesprochen hatte, aber sie ergaben keinen Sinn.

„Einen Jungen. Ich war schwanger, als du abgereist bist. Zu dem Zeitpunkt wusste ich es nicht, und als es mir klar wurde, konnte ich es dir ja wohl kaum sagen. Du warst in dein Land zurückgekehrt, um zu heiraten. Du hattest deinen Eltern ein Versprechen gegeben, und ich konnte mich doch nicht einmischen. Ich wollte dich nicht in Konflikte stürzen oder sogar deine Ehe ruinieren, und ich dachte, du brauchst es nie zu erfahren …“

Kal packte sie bei den Schultern und schüttelte Nell, um den Redefluss zu stoppen. „Hör auf!“, verlangte er. „Sofort!“

Heiß stieg Ärger in ihm auf. „Ich habe einen Sohn? Du warst schwanger und hast mir nichts davon gesagt? Mit welchem Recht? Du wusstest genau, wie viel Familie mir bedeutet, wie wichtig Blutsbande für mich sind! Mein Sohn! Wie konntest du ihn mir vorenthalten? Wie konntest du es wagen?“

Nell spürte seinen Zorn fast körperlich. Sein wütendes Gesicht beschwor Generationen von Beduinenkriegern herauf, die die Familienehre verteidigen wollten.

„Kal …“, begann sie, aber er stieß sie hart von sich. Nell musste sich am Küchentresen festhalten, um nicht zu fallen.

„Kal!“ Verzweifelt rief sie ihm nach, als er zur Tür stürmte.

Er riss sie auf, fuhr aber noch einmal herum. „Und wo ist mein Sohn jetzt? Wenn du ihn in irgendein Internat abgeschoben …“

Eine unausgesprochene Drohung hing in der Luft, aber Nell achtete nicht darauf. Sie musste ihn besänftigen. Noch wusste er nicht alles.

„Er ist bei meinen Eltern. Wir leben seit seiner Geburt bei ihnen, damit sie für ihn da sein können, wenn ich arbeite.“

„Was zweifelsohne für deine Selbstverwirklichung unerlässlich war und für dein Selbstbewusstsein oder alles andere, wovon ihr sogenannten emanzipierten Frauen immer redet.“

Das reichte. Nell dachte nicht mehr daran, ihn zu beschwichtigen.

„Mindestens die Hälfte der Mediziner in deinem Krankenhaus sind Frauen, also mach kein Emanzipationsthema daraus! Ich habe gearbeitet, um meinen Sohn zu ernähren und ihm ein gutes Leben zu bieten.“

„Und ich hätte das nicht gekonnt?“ Seine tiefe Stimme klang gefährlich sanft. „Hätte ich ihm nicht viel mehr bieten können als du mit deinem bescheidenen Gehalt? Außerdem, wie heißt er überhaupt – mein Sohn? Warren, nach irgendeinem Mann, den du geheiratet hast, um deine Bedürfnisse zu befriedigen?“

„Raus!“ Nell hielt sich nur mühsam aufrecht. „Auf der Stelle!“

Sie sollte ihm nachgehen, versuchen zu erklären, aber sie hatte nicht die Kraft dazu. Nell sank auf das Sofa, irgendwo, wo Platz war zwischen den Tüten und Taschen, die Yasmeen gebracht hatte, und schlug die Hände vors Gesicht.

Das Schlimmste war, dass Kal recht hatte. Sie hatte gewusst, was Familie für ihn bedeutete. Sie hatte gewusst, dass er keinen Augenblick gezögert hätte und zurückgekommen wäre, um sie zu heiraten.

Doch welche Folgen hätte das für seine Verwandten gehabt? Das Wort Ehre wurde in Nells Welt nicht oft benutzt, aber für Kal war es das Rückgrat seiner Existenz. Nell war schnell klar geworden, dass er Schande über sich und die Familie der von Kindheit an für ihn bestimmten Braut bringen würde, wenn er eine andere heiratete.

Sie hob den Kopf, als jemand einen Schlüssel in die Tür steckte und ihn herumdrehte.

Kal war wieder da.

„Haben deine Eltern noch dieselbe Adresse?“

Alarmiert sprang sie auf. „Warum willst du das wissen? Was hast du vor?“

„Ich schicke jemanden, der meinen Sohn holt.“

Sie schoss auf ihn zu und packte ihn am Arm. „Du willst ihn entführen?“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Sei nicht so melodramatisch. Ich schicke nur ein Flugzeug und ein paar meiner Leute, die ihn auf der Reise begleiten werden. Du rufst deine Familie an, damit sie Bescheid wissen.“

Nell glaubte, sich verhört zu haben. „Das kannst du nicht machen. Du kannst nicht einfach in ein fremdes Land fliegen und ein Kind holen.“

„Wenn er mein Sohn ist, ist er kein Kind mehr.“

„Kal, lass uns vernünftig darüber reden. Ich muss dir so vieles erklären, aber ich kann es nicht, wenn du in dieser Stimmung bist.“

„Dann lass es sein. Du hättest vor vierzehn Jahren darüber reden sollen. Jetzt ist es zu spät, Nell.“

Er sah ihr an, dass er sie verletzt hatte, aber sein Zorn brannte noch immer und löschte jedes Mitgefühl aus.

„Kal?“

Wieder berührte sie seinen Arm, und Kal hörte ihre weiche Stimme. Nein, er durfte nicht schwach werden. Sie hatte ihm seinen Sohn vorenthalten. Seit dreizehn Jahren!

Er wandte sich ab und verließ die Wohnung. Es dürfte nicht schwer sein, ihre Adresse herauszufinden, und der Jet stand zu jeder Zeit bereit. Ein Anruf genügte, und die Maschine würde startklar sein, wann immer er sie brauchte.

Kal griff zum Telefon. Da klopfte es an der Tür. Er wusste, wer draußen stand, und zögerte kurz. Schließlich legte er den Hörer auf und öffnete.

Nell blickte sich um. Die Wohnung sah genauso aus wie ihre, mit der Ausnahme, dass überall Bücher lagen. Sie stapelten sich auf dem niedrigen Couchtisch, auf der Küchenarbeitsplatte und sämtlichen anderen Ablagemöglichkeiten.

Kal hatte Bücher schon immer geliebt. In jeder freien Minute hatte er gelesen – nicht nur medizinische Fachbücher.

Diese Leidenschaft hatte Patrick von ihm geerbt …

Der Gedanke an Patrick machte ihr Mut, dem grimmigen, wütenden Mann vor ihr ins Gesicht zu sehen.

Sie holte tief Luft. „Patrick hat Krebs. Er befindet sich in Remission, aber er muss ständig beobachtet werden.“

Die letzten anderthalb Jahre waren ein Albtraum gewesen: Diagnose, Behandlung, Freude über die Erstremission, als die Symptome zurückgegangen waren, und dann dieVerzweiflung, als Patrick einen Rückfall erlitt.

Kal sah, wie sie schluckte, und fragte sich, was es sie gekostet haben musste, diese Worte auszusprechen. Ihm selbst war zumute, als quetsche eine eiserne Faust seine Brust zusammen.

„Er hat Krebs, und du hast auch dann nicht daran gedacht, dich mit mir in Verbindung zu setzen?“ Er konzentrierte sich auf seinen Ärger, um keine Schwäche zu zeigen. „Was für ein Krebs?“

„Leukämie. Zurzeit zeigt er keine Krankheitssymptome, aber es ist die zweite Remission, und wenn es erneut zu einem Rezidiv kommt, braucht er …“

Plötzlich begriff er.

„Eine Knochenmarktransplantation! Dreizehn Jahre lang verschweigst du mir meinen Sohn, und jetzt bittest du mich, ihm zu helfen?“ Er runzelte die Stirn. „Aber Eltern nützen nicht viel. Du brauchst ein Geschwisterkind für das passende Knochenmark.“ Kal kniff die Augen leicht zusammen. „Heißt das, du willst noch ein Kind von mir? Du kommst für einen Monat her, damit ich dich schwängere und du mir noch ein Kind wegnehmen kannst. Findest du, das wäre dem Kind gegenüber fair …?“

Sie unterbrach ihn, und wahrscheinlich war es besser so. Er wusste kaum noch, was er redete!

„Nein, Kal, ich will kein zweites Kind von dir. Mir ist nicht einmal der Gedanke gekommen. Außerdem besteht bei einem Geschwisterkind nur eine Chance von dreißig bis fünfunddreißig Prozent.

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