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Judasmord

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Für Del Tinsley,

ohne den keines dieser Bücher je das Tageslicht erblickt hätte.

Und für meinen Randy,

ohne den ich verloren wäre.

PROLOG

Blut.

Es war überall. Auf dem Boden, den Wänden, dem Körper. Auch auf der Jeans und dem T-Shirt. Verdammt. Die Flecken würden nie wieder rausgehen. Mit einer Grimasse legte der Mörder die Waffe beiseite und stellte sich über den nun reglosen Körper. Keine Streitereien mehr. Kein Geschrei über Misserfolge, gebrochene Versprechen, Enttäuschungen. Das Weinen eines Kindes in der Ferne wurde immer lauter, doch das wütende Summen in den Ohren des Mörders übertönte es. Ein Lächeln brach sich Bahn.

„Du widerliche Schlampe. Jetzt hast du genau das, was du verdienst.“

Zehn Stunden später

„Mama?“

„Mama, Mama. Hunger. Keks. Mama. Keks.“

„Wach auf, Mama, wach auf.“

„Bin Töpfchen gegangen, Mama. Gutes Mädchen.“

„Mama?“

„Mama aua? Aua? Mama hingefallt?“

„Decke, Mama.“

„Decke. Teddy.“

„Mama! Mamaaaaaa.“

„Nacht-nacht, Mama. Tschüss-tschüss.“

1. KAPITEL

Michelle Harris saß mit zusammengebissenen Zähnen in ihrem Auto an der Ampel der Kreuzung Old Hickory und Highway 100. Sie war spät dran. Corinne hasste es, wenn sie sich verspätete. Sie würde sie nicht kritisieren, würde ihr keine Vorwürfe machen; sie würde nur auf die Uhr am Herd schauen, die Digitaluhr, die immer drei Minuten vorging, damit Corinne ein Zeitpolster hatte. Eine kleine Falte würde zwischen ihren perfekt gezupften Augenbrauen erscheinen.

Ihr Tennismatch begann in einer Stunde. Sie hatten noch Unmengen Zeit, aber Corinne würde erst Hayden in der Kinderkrippe abgeben und dann einen Proteindrink trinken müssen, bevor sie sich zur Vorbereitung auf ihr Spiel aufwärmen und stretchen würde. Michelle und Corinne waren seit Jahren Partner im Doppel, und sie brauchten nur noch zwei Spiele, um die Meisterschaft zu gewinnen. Ihr jährlicher Sieg der Richland Klubmeisterschaft war beinahe schon eine feste Institution, hatten sie beide doch schon siebenmal in Folge gewonnen.

Sie tippte mit den Fingern ihrer rechten Hand nervös aufs Lenkrad und zog mit der linken ihren Pferdeschwanz über die Schulter nach vorne; eine tröstende Geste, die sie sich als Kind angewöhnt hatte. Corinne hatte nie irgendwelchen Trost gebraucht. Sie war immer die Starke gewesen. Selbst wenn Michelle als kleines Kind ihren Pferdeschwanz nach vorne gezogen hatte, sodass die kleinen, ungezähmten Locken sich um ihr Ohr kringelten, war zwischen Corinnes Augenbrauen diese kleine Falte entstanden, die ihren Unmut über die Schwäche der älteren Schwester ausdrückte.

Bei der Erinnerung daran warf Michelle den Zopf angewidert nach hinten. Die Ampel wurde grün, und sie trat das Gaspedal durch. Sie hasste es, bei Corinne zu spät zu kommen.

Michelle nahm die Abfahrt zur Jocelyn Hollow Road und folgte der geruhsamen, sich in leichten Kurven dahinschlängelnden Straße zu der Sackgasse, in der ihre Schwester wohnte. Der Hartriegelstrauch im Vorgarten der Wolffs zeigte gerade erste Knospen. Michelle lächelte. Der Frühling kam. Ein schrecklicher Winter hatte Nashville monatelang fest im Griff gehabt, doch jetzt sah es endlich so aus, als wäre diese Zeit vorbei. Neues Leben rührte sich an den Waldrändern, Kälber wurden auf den Weiden geboren. Das Zwitschern der Zaunkönige und Kardinäle hatte einen helleren Klang, und alle Altvögel erwarteten die Ankunft ihrer Jungen. Corinne trug auch ein neues Leben in sich, sie befand sich im siebten Monat einer unkomplizierten Schwangerschaft – dabei sah sie aus, als hätte sie kaum den vierten Monat erreicht. Da sie noch genauso viel Sport machte wie vor der Schwangerschaft, blieben die Babypfunde aus; sie hatte vor, bis zur Geburt Tennis zu spielen, genau wie sie es bei Hayden getan hatte.

Das war nicht fair. Michelle hatte keine Kinder, sie hatte nicht mal einen Ehemann. Der Richtige war ihr einfach noch nicht begegnet. Ihr einziger Trost war Hayden. Mit einer so anbetungswürdigen und zauberhaften Nichte wie ihr brauchte sie kein eigenes Kind. Zumindest jetzt noch nicht.

Sie bog auf die mit Ahornbäumen gesäumte Auffahrt der Wolffs und stellte den Motor ab. Corinnes schwarzer BMW 535i stand vor der Garage. Die gusseisernen Lampen zu beiden Seiten der Haustür brannten. Michelle runzelte die Stirn. Es sah Corinne gar nicht ähnlich, zu vergessen, die Lichter auszuschalten. Sie erinnerte sich noch an den Streit, den Corinne und Todd, ihr Ehemann, über sie gehabt hatten. Todd wollte welche, die automatisch im Dunkeln angingen und im Hellen wieder aus. Corinne hatte darauf beharrt, dass sie es ohne Probleme schaffen würden, das Licht selber an- und auszuschalten. So war es ewig hin und her gegangen. Todd argumentierte mit der Sicherheit, während Corinne behauptete, dass diese automatischen Lampen billig aussähen und nicht zu ihrem Haus passten. Am Ende hatte sie gewonnen. Wie immer.

Corinne schaltete die Lampen immer als Erstes am Morgen aus. Wie ein Uhrwerk.

Michelles Nackenhaare richteten sich auf. Hier stimmte etwas nicht.

Sie stieg aus dem Wagen und schloss die Tür nicht ganz hinter sich. Der Weg zur Haustür ihrer Schwester war in einem kunstvollen Muster gepflastert, in dessen Nischen kleine Statuen standen. Es handelte sich um lächerlich teure Designerpflastersteine aus einem winzigen, jahrhundertealten Steinbruch in Virginia, wenn Michelle das noch recht in Erinnerung hatte. Sie folgte dem Weg und erreichte die Haustür. Diese war nicht verschlossen, aber das war typisch. Michelle hatte Corinne wieder und wieder gesagt, dass sie die Tür über Nacht abschließen sollte. Aber Corinne hatte sich immer sicher gefühlt und keinen Sinn darin gesehen. Michelle öffnete die Tür.

Oh mein Gott.

Michelle rannte zurück zu ihrem Auto und holte ihr Handy. Während sie den Notruf wählte, eilte sie wieder zum Haus und stürmte durch die Tür.

Das Telefon klingelte an ihrem Ohr und klingelte und klingelte. Sie registrierte die Fußspuren, drehte eine kleine Runde durchs Erdgeschoss, und als sie niemanden sah, rannte sie die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend hoch. Schwer atmend kam sie oben an, wandte sich nach links und ging den Flur hinunter.

Eine Stimme erklang in ihrem Ohr, und sie versuchte, die einfachen Fragen zu verstehen, während sie das sich ihr bietende Bild aufnahm.

„911, um was für einen Notfall handelt es sich?“

Sie konnte nicht antworten. Oh Gott, Corinne. Auf dem Boden, das Gesicht nach unten. Überall Blut.

„911, was für einen Notfall möchten Sie melden?“

Die Tränen flossen. Die Worte verließen ihren Mund, bevor sie merkte, dass sie die schreckliche Wahrheit ausgesprochen hatte.

„Ich glaube, meine Schwester ist tot. Oh mein Gott.“

„Können Sie das bitte wiederholen, Ma’am?“

Konnte sie? Konnte sie ihre Stimmbänder dazu bringen, ohne sich auf den reglosen Körper ihrer Schwester zu übergeben? Mit einem Finger berührte sie Corinnes Hals. Erstaunlich, wie kalt sich ein toter Körper anfühlte. Oh Gott, das arme Baby. Panisch rannte sie aus dem Zimmer. Hayden, wo war Hayden? Michelle drehte sich um die eigene Achse und erblickte weitere Fußabdrücke. Kein Anzeichen des kleinen Mädchens. Sie schrie erneut, hörte die Worte aus ihrem eigenen Mund, als wenn jemand anderes spräche.

„Hier ist Blut, oh mein Gott, hier ist überall Blut. Und da sind Fußabdrücke … Hayden?“, rief Michelle, nun verzweifelt, außer sich. Sie rannte ins Schlafzimmer zurück. Sie konnte nicht klar denken.

Die Frau in der Notrufzentrale sprach sie wieder und wieder an, doch sie reagierte nicht, konnte nicht reagieren. „Ma’am? Ma’am? Wer ist tot?“

Wo war das süße kleine Mädchen? Ein erdbeerroter Schopf tauchte hinter der Ecke des großen Doppelbetts auf. Sie braucht einen Moment, um ihn zuzuordnen – Hayden mit roten Haaren? Sie war doch hellblond, beinahe weiß. Nein, da stimmte etwas nicht.

„Hayden, oh meine Güte, du bist ja ganz voller Blut. Komm mal her. Wie bist du denn aus deinem Bettchen gekommen?“

Sie zog das kleine Mädchen in ihre Arme. Hayden war wie erstarrt, vollkommen unbeweglich, einen Moment lang unfähig oder unwillig, sich zu rühren. Dann schlang sie ihre Arme um den Hals ihrer Tante. Die vor geronnenem Blut steifen Haare piksten Michelle in die Haut. Sie fühlte einen tiefen Stich im Herzen.

„Ma’am? Ma’am, wie lautet die Adresse?“

Die Stimme der Frau am Notruf zwang Michelle, ihren Blick von der Leiche ihrer Schwester abzuwenden. Sie richtete sich auf und hielt Hayden ganz fest. Nur hier raus. Die Kleine soll das nicht weiter mit ansehen.

„Ja, ich bin noch da. Die Adresse ist 4589 Jocelyn Hollow Court. Meine Schwester …“ Sie waren jetzt auf der Treppe nach unten, und Michelle sah die Blutspuren, die kreuz und quer über den Teppich verliefen.

Die Dame am Notruf versuchte immer noch, die Einzelheiten zusammenzufügen. „Hayden ist Ihre Schwester?“

„Hayden ist ihre Tochter. Oh Gott.“

Als Michelle unten an der Treppe ankam, bewegte sich das Kind auf ihrem Arm, streckte seine Hand aus und schaute nach oben zur ersten Etage.

„Mama wehtun“, sagte sie mit einer Stimme, die eher klang wie von einer gebrochenen Vierzigjährigen als von einer schüchternen, achtzehn Monate alten Elfe. Mama tut jetzt nichts mehr weh, Darling.

Sie standen nun auf der Veranda vor der Haustür. Michelle atmete ein paar Mal tief durch. Hayden weinte leise an ihrer Schulter; mit einer Hand zeigte sie immer noch zurück zum Haus.

„Wer ist tot, Ma’am?“, fragte die Telefonistin jetzt sanfter.

„Meine Schwester. Corinne Wolff. Oh, Corinne. Sie ist … sie ist so kalt.“

Michelle konnte sich nicht mehr zusammenreißen. Sie hörte, wie die Frau vom Notruf sagte, dass die Polizei unterwegs wäre. Sie ging den Weg mit seinen verdammten Pflastersteinen hinunter und setzte Hayden auf den Beifahrersitz ihres Volvos.

Dann dreht sie sich um und verlor ihren Kampf gegen die Übelkeit. Direkt am Fuße des zart knospenden Hartriegelstrauchs spie sie sich die Seele aus dem Leib.

2. KAPITEL

Ein freier Vormittag.

Anstatt im Bett zu bleiben, die gestärkten Laken zu genießen und sich vom Tennessean verärgern zu lassen, musterte Lieutenant Taylor Jackson von der Mordkommission der Metro Nashville Police aus zusammengekniffenen Augen die Decke in ihrem Esszimmer. Ein kleiner Anfall von Panik flatterte in ihrer Brust.

„Baldwin?“, rief sie und trat näher an den Kamin heran. „Baldwin!“ „Was denn?“ Eine Stimme, in der leichte Ungeduld mitschwang, erklang im Obergeschoss.

„Das musst du dir ansehen. Ich glaube, die Decke ist feucht.“

Das Trampeln von Schritten auf der Treppe versicherte Taylor, dass ihr Verlobter sich schnellstmöglich vom Schlafzimmer im ersten Stock zu ihr in das direkt darunterliegende Zimmer begab. Er stellte sich neben sie und schaute ebenfalls zur Decke. Ein dunkelgrauer Fleck, der eine dünne, feuchte Spur hinter sich herzog, zeigte sich in der Ecke. Während sie ihn anstarrten, bildete sich ein kleiner Tropfen Wasser in der Verfärbung. Keiner von ihnen rührte sich, als der Tropfen größer und größer wurde, sich schließlich löste und mit einem gedämpften Plopp auf Baldwins Schulter landete.

Nun brachen sie in hektische Aktivität aus. Es bedurfte keinerlei Worte. Baldwin rannte zurück nach oben, um das Wasser im Badezimmer abzustellen. Taylor ging in die Küche und kam mit einem großen Topf wieder zurück. Sie stellte sich unter das Rinnsal und fing die Tropfen auf, die durch die Trockenbaudecke sickerten und zu Boden fielen.

Großer Gott, was käme wohl als Nächstes?

Baldwin kam mit einer Trittleiter in der Hand zurück ins Esszimmer. „Ich schwöre, dass dieses Haus auf einem alten Indianerfriedhof erbaut wurde, Taylor. Ich habe das Wasser abgestellt. Wir können den Topf hier draufstellen, so bleibt wenigstens der Teppich trocken.“ Er stellte die Leiter unter das Leck und nahm Taylor den Topf ab, den er auf die oberste Stufe stellte. Seine Anstrengungen wurden von einem fröhlichen Pling, Pling belohnt.

Sie lachten erschöpft auf. In dem Monat, den sie nun aus ihren Pseudo-Flitterwochen zurück waren, war alles, was in ihrem relativ neuen Haus schiefgehen konnte, auch schiefgegangen. Eine passende Metapher für ihr Leben. Egal, was sie planten, wie sehr sie sich bemühten, sie schienen es nicht zu schaffen, ihre Beziehung offiziell zu machen. Taylor war zufrieden damit, unverheiratet zu bleiben, und langsam schloss auch Baldwin sich ihrer Denkweise an.

„Wen soll ich anrufen? Die Versicherung?“ Er ging in Richtung Küche.

„Ja, die Nummer ist in der Mappe. Sie müssen uns sofort einen Klempner schicken. Wir können nicht länger warten.“

Er öffnete die betreffende Schublade in der Küche und holte eine übervolle Mappe heraus. „Okay. Ich rufe an. Aber dann muss ich weiterpacken. Mein Flug geht um halb elf.“

Taylor warf einen letzten bösen Blick zur Decke, dann gesellte sie sich zu Baldwin.

„Hier, lass mich das machen. Ich rufe da an, und du packst zu Ende. Außerdem hebt das Flugzeug erst ab, wenn du es sagst, Direktor.“

Er warf ihr einen Blick zu. „Ich bin nicht der Direktor. Ich bin der geschäftsführende Direktor, solange Garrett durch seine blöde Operation verhindert ist. Das bedeutet lediglich, dass ich die Stifte auf seinem Schreibtisch herumschiebe und zwei Wochen lang so tun darf, als wäre ich wichtig. Ehrlich, ich würde lieber hierbleiben und mit dem Klempner streiten.“

Garrett Woods, Direktor der Behavioral Science Unit, kurz BSU, des FBI und somit Baldwins Chef, hatte am Vorabend angerufen. Nach seinem jährlichen Routinecheck beim Arzt war er direkt ins Krankenhaus eingewiesen worden, wo ihm ein dreifacher Bypass gelegt werden sollte. Er brauchte jemanden, dem er vertraute, um für ihn die Stellung zu halten. Baldwin war seine erste Wahl gewesen. Taylor hoffte, dass es sich nicht um einen Trick handelte, um Baldwin zurückzuholen, damit er die verhaltenswissenschaftliche Abteilung leitete. Während Taylor und Baldwin in Italien waren und das genossen, was eigentlich ihre Flitterwochen hätten sein sollen, hatte es in der BSU einige dramatische Veränderungen gegeben. Stuart Evans, der Leiter, war gefeuert worden, nachdem seine persönlichen Probleme Schlagzeilen gemacht hatten. Das FBI war nicht scharf darauf, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen, und so hatte Garrett Woods die Stelle wieder übernommen. Ihm hatte seine Arbeit auf dem anderen Posten sowieso nicht gefallen, und so war er begeistert, in die BSU zurückzukehren und seine investigativen Abteilungen und die Fallanalytiker wieder auf Kurs zu bringen.

„Du musst dich um Garretts Fälle kümmern. Und sicherstellen, dass er auf die Ärzte hört. Ich kann immer noch nicht fassen, dass er so krank ist.“

„Ich auch nicht. Er kam mir immer so unverwüstlich vor. Glaubst du, du kriegst das hier alleine hin?“

Sie gab ihm einen Kuss und schaute ihn dann mit schiefem Gesicht an. „Oh, ja. Das ist doch nur ein kleines Leck.“

„Okay. Dann pack ich mal fertig.“ Mit einem Klaps auf ihr Hinterteil verließ er die Küche. Sie schaute ihm lächelnd hinterher. Gott, was für eine Idiotin aus ihr geworden war. Verliebte Narren …

Und ihr Liebesnest brach langsam, aber sicher über ihnen zusammen. Das war das vierte Mal, dass sie die Handwerker rufen mussten, seitdem sie vor zwei Monaten eingezogen waren. Erst hatte es lauter kleine Probleme gegeben: ein gebrochenes Ventilatorblatt in der Heizung, ein Eichhörnchen, das auf dem Dachboden hauste und einige Elektroleitungen durchgenagt hatte, ein kaputter Thermostat an der Kühltruhe. Und jetzt ein Leck im Hauptbadezimmer. Die Versicherung machte sich jetzt schon ordentlich bezahlt. Taylor fand die Nummer des Klempners und hinterließ ihm eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter. Dann ging sie nach oben, fest entschlossen, es den geschäftsführenden Gesellschafter Dr. John Baldwin bereuen zu lassen, dass er sie für zwei Wochen alleine lassen würde. Und um ihre Aussage zu untermauern, dass die Gulfstream schlecht ohne ihn abheben konnte.

Sie hatte gerade den Fuß auf die zweite Stufe gestellt, da klingelte das Telefon. Was jetzt? Sie ging zurück in die Küche und sah die Nummer auf dem Telefondisplay.

„Hey Fitz“, sagte sie.

Sergeant Peter Fitzgerald, ihr Stellvertreter, begrüßte sie brüsk.

„Ich weiß, es ist dein freier Tag, aber du musst heute reinkommen. Wir haben einen Mord, der es in sich hat.“

„Wer wurde getötet?“

„Eine süße kleine Mom in Hillwood. Ich musste spontan an den Fall Laci Peterson denken … Üble Sache, genau wie damals.“

Taylor blätterte durch den Block, der neben dem Telefon lag, bereit, dringende Nachrichten aufzunehmen. Nein, danke. Ich bin nicht in der Stimmung für einen Mord. Ich passe. Aber das konnte sie nicht. Sie war die Mordkommissarin, und wenn ihr Team sie brauchte, würde sie kommen.

„Gut. Gib mir zwanzig Minuten, dann mach ich mich auf den Weg.“

„Ist der Fed schon weg?“

„Er packt gerade.“

„Dann küss sein hübsches Gesicht zum Abschied und schaff deinen Hintern hierher. Wir brauchen dich.“

Sie legte auf, da klingelte das Telefon noch einmal. Der Klempner. Er begrüßte sie herzlich. Natürlich tat er das, denn wenn es mehr war als ein simples Leck, würde sie ganz allein die College-Ausbildung seiner Kinder finanzieren. Er sagte, dass ein Techniker in einer Stunde da sein würde. Sie sagte ihm, wo sie den Schlüssel hinterlegen würde, und lief dann die Treppe hinauf. Baldwin zog gerade den Reißverschluss seines Koffers zu.

„Bist du bereit?“

„So bereit, wie ich nur sein kann.“

„Gut. Dann komm. Ich setz dich ab. Ich muss noch mal rein.“

„Wer ist gestorben?“

Ah, der Segen des Zusammenlebens mit einem Arbeitskollegen. Er verstand sie einfach.

„Fitz sagt, es handelt sich um eine junge Mutter. Muss schon was ganz Besonderes sein, wenn er mich dafür an meinem freien Tag stört.“ Sie zog einen schwarzen Pullover über ihr graues T-Shirt und ging in das Ärger bereitende Badezimmer. Dort bürstete sie ihre Haare, fasste sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, warf der Toilette, in der sie das Leck vermutete, einen misstrauischen Blick zu und ging dann zu ihrem Schrank, um sich ein Paar Stiefel zu schnappen. Sie krempelte die Hosenbeine ihrer Jeans hoch und schlüpfte, ohne sich zu setzen, in die Tony-Lama-Boots. Dann trat sie einmal fest auf und ließ die Hosenbeine wieder herunter. Fertig.

Baldwin stand in der Schlafzimmertür und schaute ihr mit einem amüsierten Lächeln zu. „Dreißig Sekunden. Nicht schlecht. Du siehst umwerfend aus.“

Taylor verdrehte die Augen. „Auf geht’s, Loverboy. Je eher du nach Quantico kommst, desto eher kannst du wieder nach Hause.“

3. KAPITEL

Taylor traf Fitz auf dem Parkplatz des Criminal Justice Centers. Wolken huschten über den grauen Himmel. So schön der Frühling in Nashville auch war, das Wetter gebärdete sich vollkommen schizophren. In der einen Minute sonnig, in der nächsten stürmisch. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und hakte sie mit einem Bügel in den Ausschnitt ihres Pullovers.

„Hey“, rief Fitz und zeigte auf einen weißen Chevy Impala, ein offizielles Fahrzeug des Departments. „Ich muss noch mal kurz ins Büro. Willst du was trinken?“

Mit einem Nicken machte Taylor sich auf den Weg zu dem Wagen. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und schob ihn ein wenig zurück, um Platz für ihre langen Beine zu schaffen. Fitz verschwand in den Eingeweiden des CJC und kehrte ein paar Minuten später mit zwei Dosen Cola light zurück. Er reichte ihr eine davon und setzte sich dann hinters Lenkrad. Taylor öffnete ihre Cola, nahm einen Schluck und stellte die Dose zwischen ihren Oberschenkeln auf den Sitz.

Einen kurzen Moment schaute die Sonne hervor und blendete sie. Zeit, die Sonnenbrille wieder aufzusetzen, eine neue Ray Ban, die sie im Malpensa-Flughafen in Mailand erstanden hatte. Sie hatte große, dunkle Gläser und verschaffte ihr eine beinahe glamouröse Aura – eine winzige Hommage an die neu erwachte Europäerin in ihr. Man sah und spürte viel mehr von einem fremden Land, wenn man es mit jemandem bereiste, der die Sprache sprach. Taylor hatte schon mehrere Reisen nach Übersee unternommen, doch nie hatte sie die Länder dabei so intensiv erlebt wie jetzt Italien an der Seite von Baldwin.

Sie hatte Probleme, sich hier wieder zu akklimatisieren. Sie vermisste die Leichtigkeit der italienischen Lebensart. Die geruhsamen Autofahrten, die Pausen, um etwas zu essen und guten Wein zu trinken; die symmetrische Schönheit der Olivenhaine und Weinberge, die von Zypressen gesäumten Alleen und das Gefühl, sehr, sehr jung zu sein. Und wenn sie ehrlich war, war es auch verdammt nett gewesen, drei Wochen lang keine einzige Leiche zu sehen.

Das zarte erste Sonnenlicht wurde wieder von Wolken verdunkelt, doch Taylor behielt ihre Sonnenbrille trotzdem auf. Diese Übergangsmonate waren einfach nur nervig. Sie wollte, dass es entweder kalt oder warm war, sonnig oder bewölkt. Aber nicht dieses Durcheinander.

Fitz lenkte den Wagen vom Parkplatz.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

„Ich habe einen Wasserschaden in meinem Badezimmer“, schmollte sie.

„Ich habe dir doch gesagt, dass man kein neues Haus kauft. Wenn du was Richtiges genommen hättest, stabil und solide, wie die großen alten viktorianischen Villen in East Nashville, hättest du diese Probleme jetzt nicht.“

„Nein, Fitz. Ich hätte nur Termiten und Straßenbanden. Vielen Dank, aber Gentrifizierung ist nicht so mein Ding.

„Verwöhnter Fratz.“

„Das hat damit gar nichts zu tun. Wir wollten nur etwas … Luftiges.“

Fitz lachte. „Luftig, ist klar. Du wolltest etwas, das groß genug ist für den vermaledeiten Billardtisch und einen Haufen Kinder.“

Taylor schaute ihn misstrauisch an. „Wie um alles in der Welt kommst du denn darauf?“

Er erwiderte ihren Blick mit hochgezogener Augenbraue. Das verlieh seinem Gesicht einen leicht schiefen Ausdruck, wie Popeye mit geröteten Falten. „Willst du etwa keinen?“

„Keinen was?“

„Einen Haufen Kinder mit dem Fed.“ Er sagte es so ruhig, dass sie sofort wachsam wurde.

„Wo hast du solche Sachen nur immer her? Ich habe nie irgendetwas übers Kinderkriegen gesagt. Wir schaffen es ja noch nicht einmal zu heiraten, also bin ich bestimmt nicht auf der Jagd nach Nachwuchs. Ich weiß noch nicht mal, ob ich überhaupt welchen haben will.“ Sie schaute aus dem Fenster und sah Downtown Nashville vorbeiziehen wie einen Schleier, der gelüftet wurde. Aus Steinen und Zement wurde Laub. Sie waren im West End und fuhren Richtung Hillwood. Eine idyllische Fahrt durch die Vororte. Hatte das Fitz zu seiner Frage veranlasst?

„Okay, Mädchen, ich bin überzeugt. Aber ich habe gehört, dass dieser Tatort ein wenig verstörend ist. Wenn du also mit dem Gedanken gespielt hättest, ein Kind zu haben, hätte ich dir geraten, ihn lieber nicht zu betreten und nicht hinzuschauen.“

„Meine Güte, Fitz, jetzt sag endlich, was da los ist.“

„Parks ist da. Hey, da steckt ein Foto hinter der Sonnenblende, kannst du das mal herausholen?“

Gut, dachte Taylor. Bob Parks war ein besonnener Streifenpolizist der Metro Police. Wenn es am Tatort etwas Wildes gäbe, wüsste er, wie es zu zähmen war, damit die Presse nicht zu verrückt spielte. In der Erwartung, ein Tatortfoto zu sehen, klappte sie die Sonnenblende herunter. Doch stattdessen fiel ihr das Bild eines Bootes in den Schoß. Sie drehte es richtig herum, um es anzusehen. Es war ein hübsches Boot mit hohen Segeln, das durch unglaublich blaues Wasser segelte.

„Ja …?“

„Parks sagte, es wäre da draußen ein wenig gruselig, das ist alles.“

„Nein, ich meine, was ist mit dem Boot?“

„Ich denke darüber nach, es zu kaufen.“

Taylor schaute sich das Bild noch einmal an. Es war … nun ja, es war ein Boot. Mehr hatte sie mit Segeln nicht am Hut.

„Wann willst du damit fahren?“

„Meine Güte, LT, man nennt das segeln. Und es ist für die Zeit nach meiner Pensionierung.“

Fitz presste die Lippen aufeinander. Taylor kannte diese Geste – er hatte alles gesagt, was es zu sagen gab. Er hatte sie vor dem Tatort gewarnt und ihr eine Bombe über die Zukunft in den Schoß fallen lassen; mehr würde er nicht von sich geben. Großartig.

Ein Krankenwagen schoss an ihnen vorbei; er kam aus der entgegengesetzten Richtung. Er fährt ins St. Thomas, dachte sie und bekreuzigte sich innerlich, wie jedes Mal, wenn sie eine Sirene hörte. Nach dreizehn Jahren bei der Truppe, davon fünf in der Mordkommission, war sie nicht so abgestumpft, dass sie kein Mitgefühl mehr für die Menschen auf dieser Welt hatte, die eine helfende Hand benötigten.

Sie spielte mit ihrem neuen Verlobungsring. Der Nach-Verlobung-vor-Hochzeit-Ring, um genau zu sein. Bei seinem ersten Antrag hatte Baldwin ihr einen umwerfenden Zweikaräter von Tiffanys gekauft, dessen Platinring von perfekten kleinen Steinen im Baguetteschliff eingefasst wurde. Wunderschön, aber unpraktisch. Und da die Hochzeit nicht stattgefunden hatte – sie war ohne eigenes Verschulden kurzfristig verhindert gewesen; während Baldwin allein am Altar gestanden hatte, war sie getasert und bewusstlos nach New York geflogen worden –, war der neue Ring das Sinnbild einer zweiten Chance.

In Florenz hatte Baldwin sich ein paar Minuten davongestohlen und war zum Dinner in ihrem Lieblingslokal „Mama Ginas“ wieder aufgetaucht, eine leichte Röte um seine intensiv smaragdfarbenen Augen. Zur Freude ihres Kellners Antonio und der weiteren Gäste fiel er auf ein Knie und präsentierte ihr den neuen Ring. Einen, der ein noch tieferes Versprechen enthielt. Die fünf Diamanten im Asscher-Schliff funkelten auf ihrem Platinbett. Baldwin erklärte ihr, dass jeder Diamant für die nächsten fünf Jahre ihres gemeinsamen Lebens stünde und dass er ihr in fünfundzwanzig Jahren einen neuen kaufen würde.

Fitz’ Räuspern holte sie in die Gegenwart zurück. Er bog gerade auf die Jocelyn Hollow Road ein, und Taylor erblickte die Armada an Fahrzeugen, die sich am Ende einer normalerweise eher ruhigen Straße versammelt hatte.

Für einen Außenstehenden wirkte das Aufgebot am Tatort eines unnatürlichen Todes oft wie ein Tollhaus. Mehrere Fahrzeuge blockierten die Einfahrt in die Sackgasse. Hier standen fünf blau-weiße Streifenwagen der Metro Police. Die Polizisten, die als Erste auf den Notruf reagiert hatten, waren schon wieder fort. Wann immer 911 die Polizei rief, wurden die dem Einsatzort am nächsten stationierten Feuerwehren und Krankenwagen noch vor der Polizei losgeschickt. Das war die Standardvorgehensweise. Die Tatbeschreibung war offensichtlich gewesen; es gab keine Hektik, keinen Grund zur Eile. Es gab nichts mehr, was für dieses spezielle Opfer getan werden konnte.

Das Warum hatte begonnen.

Fitz stellte den Wagen drei Häuser entfernt ab, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Kommandozentrale am Fuß der Einfahrt. Ein Schild auf dem schwarzen Briefkasten trug in geschwungener Schrift den Namen Wolff. Taylor fragte sich immer, wieso die Leute ihren Namen an ihren Häusern bekannt gaben. Die Adresse konnte sie ja noch verstehen, aber der Name … das kam ihr unsinnig vor. Und es war außerdem eine Frage der Sicherheit. Das Letzte, was sie je tun würde, wäre kundzutun, wo sie wohnte. Außerdem wüsste sie gar nicht, welchen Namen sie auf den Briefkasten schreiben sollte. Jackson? Baldwin? Jackson-Baldwin? Das klang ja wie ein Beerdigungsinstitut.

Auf der anderen Straßenseite hatte sich eine Menschentraube gebildet; abwartend standen die Nachbarn auf dem gelben Gras. In Taylors Schritt erkannten sie wohl eine gewisse Autorität, und als sie näher kam, fingen sie sofort an, nach ihr zu rufen. Eine Stimme erhob sich über alle anderen.

„Was ist passiert? Wir haben ein Recht darauf zu wissen, was bei den Wolffs vor sich geht.“ Angst ließ die Stimme des Mannes zittern.

Taylor drehte sich um und schaute den Redner an. Es war ein älterer Mann mit schwarzen Haaren, die sehr gefärbt aussahen. Unrasiert, dicke Brillengläser, Pyjamahose, offene Pyjamajacke über einem schmuddligen ärmellosen Unterhemd. Ihr erster Gedanke war Witwer, und sie hielt einen Moment inne, weil er ihr leidtat.

Als er merkte, dass er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, wiederholte er die Frage. „Was ist da drinnen los? Ist Corinne oder Todd etwas zugestoßen? Geht es Hayden gut? Mein Gott, Sie können uns vor gar nichts beschützen, oder? Sie und der verdammte Polizeichef kriegen gar nichts auf die Reihe.“ Er wischte sich mit einem Taschentuch über die Nase.

„Sir“, setzte Taylor an, aber der Rest der Leute fing an, wild auf sie einzureden. Innerhalb von wenigen Sekunden kippte die Stimmung von ängstlich zu giftig.

„Sie verteilen doch nur Strafzettel für zu schnelles Fahren.“

„Die Gangs haben die Stadt voll im Griff.“

„Wir leben in den Vororten und erwarten, hier in Sicherheit zu sein. Das ist eine gute Nachbarschaft. Ich werde mit Channel Five darüber reden. Phil Williams sollte Ihnen einmal auf den Zahn fühlen.“

Taylor hob eine Hand, um die Leute zum Schweigen zu bringen. „Leute, bitte. Mein Name ist Taylor Jackson, und ich bin leitender Lieutenant der Mordkommission. Ich bin über diesen Vorfall noch nicht umfänglich informiert worden. Vielleicht gönnen Sie mir ein wenig Zeit, mich mit dem Geschehen vertraut zu machen und festzustellen, was passiert ist, bevor Sie mich in Stücke reißen?“

Die Menschen grummelten, aber die Logik ihrer Worte ließ sie verstummen.

„Ich danke Ihnen. Seien Sie versichert, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Fall zu lösen. Ich kann verstehen, dass Sie aufgebracht sind. Aber lassen Sie mich erst einmal den Tatort ansehen, danach komme ich zu Ihnen zurück, und wir sprechen erneut, okay?“

Sie ging fort, bevor die Menge etwas erwidern konnte. Sie würde noch mit ihnen sprechen, sie befragen. Versuchen, herauszufinden, ob einer bei dem Mord seine Finger im Spiel hatte, den sie nun zu untersuchen hatte.

„Fitz, kannst du ihre Namen aufschreiben? Nur für den Fall. Ich will nicht, dass uns einer durch die Lappen geht.“

„Sicher.“ Er zog sein Notizbuch aus der Hemdtasche.

Taylor überquerte die Straße und begrüßte Bob Parks. Er zwirbelte die Enden seines Schnurrbarts und diskutierte mit einem uniformierten Kollegen die Chancen der Tennessee Titans nach ihrer skandalumwitterten Qualifizierung für die höchste Liga.

„Hey, wie geht es meiner liebsten LT? Sind Sie froh, von Ihrer großen Reise zurück zu sein?“

„Nicht wirklich, Parks, aber danke der Nachfrage. Ich würde sofort wieder in das nächste Flugzeug steigen. Und schreiben Sie die Titans nicht zu früh ab, mein Freund. Die erholen sich wieder. In der Zwischenzeit können Sie die Predators anfeuern.“

Er schaute schockiert. „Eishockey? Machen Sie Witze, Lieutenant? Ich bin ein Mann des ovalen Schweineleders. Ich bin ein Volunteer. Mein Blut ist orangefarben.“ Er klopfte sich mit der geballten Faust auf die Brust. Leidenschaftlich war eine Untertreibung, wenn es um die Fans des Footballteams der University of Tennessee ging.

„Nun, unsere Volunteers müssen dieses Jahr die SEC Championship gewinnen, oder Phil Fulmer wird mit einem Möbelwagen auf seiner Auffahrt aufwachen. Außerdem, als guter Tennessee-Fan sollten Sie verstehen, wie wichtig es für uns ist, ein gut abgestimmtes, professionelles Sportsystem zu haben, um das College gewissenhaft zu verstärken. Wir müssen die UT-Jungs verpflichten, wenn sie ihren Abschluss haben, richtig?“

Fitz kam über die Straße zu ihnen und winkte mit dem Notizbuch. „Hab sie.“

„Gott, eine Frau, die über Football quatscht, ist etwas Wunderbares, was, Fitz?“

Fitz schüttelte den Kopf. Taylor unterbrach das Geplauder mit einer ernsten Frage. „Was haben wir hier?“

Das Lächeln verschwand aus Parks Gesicht, und er wurde ganz geschäftlich.

„Es ist nicht schön, so viel muss ich vorwegschicken. Der Name der Verstorbenen ist Corinne Wolff, weiblich, weiß, sechsundzwanzig Jahre alt, verheiratet und schwanger. Wir haben sehr darauf geachtet, wer ins Haus gegangen ist; es gibt eine Menge latente Blutspuren. Ich habe alles parat, um meinen Bericht zu schreiben, wenn Sie die Einzelheiten jetzt hören wollen?“

„Nur einen kurzen Überblick, bitte. Die Highlights.“

„Okay. Ich habe den Notruf gegen 9.40 Uhr erhalten und bin direkt hierher gefahren. Hab die Schwester getroffen, die wegen eines Schocks von den Rettungssanitätern behandelt wurde. Haus 37 hat den Notruf bereits früher erhalten, sie waren mit zwei Trucks und der Ambulanz als Erste hier, das war um …“ Er schaute auf seine Notizen. „Um 9.38 Uhr. Der Name der Schwester ist Michelle Harris. Sie hielt die Tochter der Verstorbenen, Hayden Wolff, die mit Blut bedeckt war, aber in stabiler Verfassung zu sein schien. Sie sagt aus, dass ihre Schwester tot im Haus läge, mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden in ihrem Schlafzimmer. Sie konnte sich nicht daran erinnern, irgendetwas angefasst zu haben, aber wir haben ihre Fingerabdrücke trotzdem genommen, um sie wenn nötig ausschließen zu können. Der erste Zutritt erfolgte um 9.48 Uhr durch mich und EMT Steven Jones. Wir haben das Haus betreten, das Erdgeschoss gesichert, die Menge an Blut bemerkt und uns dann nach oben begeben, um nach dem Opfer zu sehen.“

Unter seiner normalerweise dunklen Haut war Parks ganz blass geworden. „Es riecht nicht gut da oben. Sieht so aus, als wenn sie mindestens schon einen Tag lang tot ist. Ist ziemlich übel zugerichtet worden. Jones hat ihr Handgelenk berührt, nur um sicherzugehen, und wir sind übereingekommen, dass es zu spät ist für Rettungsmaßnahmen. Wir sind den gleichen Weg zurückgegangen, und ich habe alles für die Beweisaufnahme vorbereitet. Zu dem Zeitpunkt waren drei weitere Streifenwagen angekommen, sodass wir schon einmal die Kommandozentrale aufbauen konnten, während wir auf Sie gewartet haben. Trotz der biologischen Spuren überall beschränkt sich der Tatort mehr oder weniger auf das eheliche Schlafzimmer. Da ist der Vorfall passiert. Bei dem Rest handelt es sich um sekundären Transfer.“

„Fitz hat gesagt, es gab ein kleines Mädchen. Kam der Transfer durch sie oder durch den Mörder?“

Parks nickte. „Sieht aus wie durch das Kind. Sie werden es sehen, wenn Sie hineingehen. Ich habe mit der Schwester gesprochen und ihre Aussage aufgenommen. Offensichtlich hatten sie eine Verabredung zum Tennisspielen, und sie war vorbeigefahren, um das Opfer abzuholen. Sie hat das Haus betreten, ihre Schwester gefunden, sich das Mädchen geschnappt, den Notruf angerufen und ist zusammengeklappt. Sie ist bereits befragt worden, aber ich wusste, dass Sie mit ihr sprechen wollen. Ich muss Sie warnen; die Eltern des Opfers sind hier. Nachdem die Schwester mit dem Notruf fertig war, hat sie ihre Mum angerufen. Alle sind ziemlich aufgewühlt.“

„Wo ist der Ehemann?“, wollte Taylor wissen.

„Auf einer Geschäftsreise. Praktisch, was?“

„Das sehe ich auch so. Können Sie für mich herausfinden, wo er sich aufhält?“

„Ist bereits geschehen. Die Mutter hat ihn angerufen. Er war in Georgia und ist nun auf dem Weg hierher. Er kommt mit dem Auto und sollte am frühen Nachmittag eintreffen.“

Taylor schaute Fitz an, der etwas in sein Notizbuch schrieb. „Würdest du in so einem Fall nicht mit dem nächsten Flieger nach Hause kommen?“

„Jupp“, sagte Fitz.

Parks schenkte ihr ein schiefes Grinsen. „Die gleiche Frage habe ich auch gestellt. Es gibt allerdings wohl keine Direktflüge, sodass es für ihn schneller geht zu fahren. Zumindest hat die Mutter das behauptet.“

Parks reichte ihr die Dinge, die Taylor zum Betreten des Hauses bräuchte – Überzieher für die Schuhe, Latexhandschuhe. Er bot ihr auch einen Mundschutz an, wie ihre Dentalhygienikerin ihn trug, aber sie lehnte dankend ab. Egal, wie sehr sie sich auch vorsah, der Geruch des Todes würde doch in ihre Nasenflügel steigen und sich dort für Stunden festsetzen. Sie steckte ihre Sonnenbrille in die Tasche; die würde sie drinnen nicht benötigen.

„Ist Father Ross hier?“

Der Kaplan der Metro Police war ein freundlicher, sanfter Mann, auf den sich Taylor öfter verlassen hatte, als sie zählen konnte. Es war schwer genug, ein Familienmitglied darüber zu informieren, dass ein geliebter Mensch tot war. Den Pfarrer dabeizuhaben war nicht nur hilfreich, sondern sogar eine Vorschrift.

„Ja, er ist da. Die ganze Gruppe, Eltern, zwei Schwestern und das Kind, sind in dem Haus eines Nachbarn versammelt und warten dort auf Sie.“

„Weiß irgendjemand, wann das Opfer zuletzt lebend gesehen worden ist?“, fragte sie.

„Daran arbeiten wir gerade. Die Schwester hat am Freitag mit ihr gesprochen. Vielleicht hat einer der Nachbarn sie gesehen oder sonst etwas bemerkt.“

„Okay. Wann ist der Rechtsmediziner gerufen worden?“

„Zur gleichen Zeit wie Sie, Lieutenant. Dr. Loughley hat heute Morgen Dienst. Sie ist …“

„Schon da“, rief jemand dazwischen. Taylor dreht sich um und sah ihre beste Freundin Samantha Loughley die Auffahrt hinaufkommen. Ihre Tasche hatte sie über die rechte Schulter geschwungen. Ihr dunkelbraunes Haar steckte in einem Pferdeschwanz, und ein dichter Pony fiel ihr in die Stirn. Der Pony war neu, und Sam bedauerte ihren neuen Haarschnitt nun schon seit einer Woche.

„Guten Morgen, Sonnenschein“, sagte sie, als sie bei Taylor ankam. „Wie geht’s, Parks? Fitz, du siehst gut aus.“

Fitz erwiderte das Kompliment mit einem Grinsen. Er hatte hart an seinem Gewicht gearbeitet und seine einst übergroße Kugel auf annehmbare achtundneunzig Zentimeter Bauchumfang reduziert. Sein schlankeres Gesicht ließ ihn gleich zehn Jahre jünger als seine fünfundfünfzig Jahre aussehen. Taylor wusste, dass er sich jetzt ab und zu mit einer Frau traf, die er bei einem Grillwettbewerb kennengelernt hatte. Oh! Vielleicht war sie der Grund für das Boot? Schnell schob sie den Gedanken beiseite. Sie mussten sich auf den Mordfall konzentrieren.

„Mir gefällt der neue Look, Owens“, stichelte Fitz.

Sam verdrehte die Augen. „Wirst du irgendwann mal anfangen, meinen neuen Namen zu benutzen, Sergeant?“

„Nö. Mir gefällt Owens. Loughley ist zu schwer auszusprechen.“ Er stieß sie mit seiner Hüfte an und lächelte.

Sam ließ ihre Tasche auf den Kartentisch fallen, der im Kommandoposten aufgestellt worden war. „Fein. Nenn mich, wie du willst. Hauptsache, du benutzt meinen Titel. Ich habe zu viel Geld hineingesteckt, um ihn nicht zu nutzen.“

Wie auch immer“, unterbrach Taylor das Geplänkel der beiden. „Sam, wir wollten gerade ins Haus gehen. Ich war noch nicht drinnen. Parks sagt, das Opfer ist weiblich, weiß, schwanger und schon länger tot. Also bringen wir es hinter uns, okay?“

Fitz warf einen Blick zum Haus der Nachbarn. „Ich denke, ich gehe nach nebenan und halte ein Schwätzchen. Habt viel Spaß da oben.“

Taylor sah ihm nach. Gut. Zwei Fliegen mit einer Klappe. „Alles klar, Parks?“

Parks nickte. „Tim ist auch da und hält sich bereit.“ Tim Davis war der leitende Kriminalist der Metro Nashville Police. Er hatte als Todesermittler in der Rechtsmedizin angefangen und war dann im Zuge der Vorbereitungen für ein eigenes kriminaltechnisches Labor zur Metro Police gewechselt. Leider gab es das Labor bis heute noch nicht, aber Taylor arbeitete gerne mit dem jungen Mann zusammen. Er nahm seinen Beruf sehr ernst.

„Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als sofort.“ Mit diesen Worten machte Taylor sich zur Haustür auf. Sam folgte ihr. Die Videografin stand auf der schmalen Eingangsveranda, die Kamera zu ihren Füßen auf dem Holzboden, bereit, den Weg durch das Haus zu dokumentieren. Taylor kannte sie nicht. Tim Davis wartete geduldig mit seinem Ausrüstungskoffer in der Hand.

„Hey, Tim“, sagte Taylor.

„Guten Morgen, Lieutenant. Dr. Loughley. Haben Sie Keri McGee schon kennengelernt? Sie wird heute die Videoaufnahmen für uns machen.“

Die fröhliche Blondine streckte ihre pummelige Hand aus. „Schön, Sie kennenzulernen, Lieutenant Jackson. Ich bin gerade erst hierher gezogen und war vorher bei der New Orleans Metro. Ich bin sehr froh, hier zu sein.“

Taylor hob ihre Hand zum Gruß. „Schön, Sie bei uns zu haben. Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber ich habe schon meine Handschuhe an. Willkommen in Nashville. Halten Sie sich einfach hinter uns, und wir werden prima zurechtkommen. Wenn Sie sich übergeben müssen, versuchen Sie, vorher noch das Haus zu verlassen und uns nicht den Tatort zu versauen. Okay?“

„Klar. Kein Problem, Ma’am.“

Taylor schluckte eine bissige Bemerkung herunter. Jesus, Mädchen, nenn mich nicht Ma’am. Ich bin nicht alt genug, um deine Mutter zu sein. Stattdessen lächelte sie und betrat als Erste das Haus.

Verdorbenes Hühnchen. Das war der erste Geruch, den ihre Nase identifizierte. Genauso schnell erkannte sie den metallischen Geruch von Blut, den Gestank von verwesendem, faulendem Fleisch und einen süßen, beinahe parfümähnlichen Duft. Kein Lufterfrischer. Hm. Taylors Augen gewöhnten sich an die Umgebung, während ihr Unterbewusstsein gegen den Drang ankämpfte, zu fliehen. Es war kein gewöhnlicher Geruch, und einen Moment lang raste ihr Herz. Eine normale Erstreaktion, geboren aus reinem Selbstschutz, wäre es, so schnell wie möglich fortzulaufen. Einige Hunderttausend Jahre Evolution warnten sie – hier lauerte Gefahr. Sie hatte das schon zuvor empfunden und wusste, dass es in wenigen Sekunden vorbeigehen würde. Sie ließ sich Zeit, sich daran zu gewöhnen, und fing an, durch den Mund zu atmen. Sam neben ihr tat das Gleiche. Sie waren darauf trainiert, es zu unterdrücken.

Taylor ließ ihren Blick durch den vor ihr liegenden Raum wandern. Sie stand in einem mit Marmor gefliesten Foyer. Auf dem Tisch an der nächsten Wand stand eine Reihe Bilder in Silberrahmen – glückliche, lächelnde Frischverheiratete vor einem sommerlichen Wald. Die Treppe lag direkt zur Rechten. Holz mit einem elfenbeinfarbenen Berberläufer. Gleich hinter dem Geländer befand sich der Eingang zum Esszimmer, das mit schweren, dunklen Eichenmöbeln, viel Silber und Kristall und einem überdimensionierten Geschirrschrank eingerichtet war. Zur Linken führte ein kurzer Flur in ein großes Zimmer. Der Boden im Esszimmer bestand aus polierter Eiche, der große Raum war mit dem gleichen Berber ausgelegt wie die Treppe.

Alle paar Zentimeter fanden sich kleine rote Fußspuren. Kleine Fersen hier, kleine Zehen da. Sie sahen aus wie Mäusespuren, rein und raus, vor und zurück, die Treppen hinauf und hinunter, in den großen Raum und von da aus in die Küche, die Taylor am anderen Ende des Esszimmers erblickte. Sie waren überall; einige zart, kaum rosafarben genug, um auf dem Teppich sichtbar zu sein. Andere nur in Umrissen. Näher an den Treppen gab es ein paar dunklere Abdrücke, die aussahen, als wären sie noch feucht. Sam atmete hörbar ein.

Taylor zwang ihr Hirn, das Gefühlszentrum zu verschließen, das ihr erlauben würde, die Verzweiflung nachzuempfinden, die das kleine Kind bei seiner Wanderung durch das Haus auf vom Blut der Mutter verschmierten Fußsohlen gespürt haben musste.

„Ich bin Lieutenant Taylor Jackson von der Mordkommission“, sagte sie laut für die Videokamera. „Ich bin die leitende Ermittlerin an diesem Tatort im 4589 Jocelyn Hollow Court. Ich werde einen Rundgang durch das Erdgeschoss des Gebäudes machen.“ Mit einem Nicken ins Sams Richtung ging sie nach rechts ins Esszimmer, wobei sie achtgab, den blutigen Spuren auszuweichen. Sam folgte ihr auf dem Fuß, und Tim und Keri kamen zum Schluss. Sie bewegten sich wie eine Einheit und nahmen ihre Umgebung schweigend in sich auf.

Die Fußabdrücke schlängelten sich durch das Esszimmer, um den Tisch und zurück in die Küche. Es gab keinen bestimmten Rhythmus, kein erkennbares Muster, nur eine sich hierhin und dorthin schlängelnde Spur, wie sie typisch für ein kleines Kind war, das ziellos durchs Haus streicht. In einigen Ecken gab es nur schwache Abdrücke, kleine Spritzer, in anderen voll ausgebildete Spuren. Taylor fand das logisch. Nach genügend Schritten war das Blut abgewischt. Und der unsichere Gang eines Kleinkindes erklärte auch die anderen Widersprüchlichkeiten.

Das Esszimmer war durch eine Tür von der Küche getrennt, doch die wurde von einer Stoffkatze offen gehalten. Die Tür war weiß, hatte sechs Fenster und war mit etwas bedeckt, das nach von Kirschsaft verschmierten Fingerabdrücken aussah. Taylor wusste jedoch, um was es sich wirklich handelte; das kleine Mädchen war mit seinen blutigen Händen an der Tür entlanggestreift, als es von Raum zu Raum ging.

Die Küche war kindersicher; alle Türen der Unterschränke hatten einen Schließmechanismus. Der Geruch von Verdorbenem war hier strenger, und Taylor erblickte eine Plastiktüte mit einem Hühnchen darin in der tiefen Edelstahlspüle. Nun, das erklärte den Gestank hier unten. Wenn das Opfer seit zwei Tagen nicht mit seiner Schwester gesprochen hatte und das Hühnchen langsam wieder zum Leben erwachte, standen die Chancen gut, dass es schon mindestens einen Tag lang tot war. Taylor legte ein Hühnchen nur in die Spüle, wenn sie es auftauen wollte und ausreichend Zeit hatte. Das gab ihnen eine gute Zeitvorgabe – ein Tag zum Auftauen und ein Tag, um anzufangen zu stinken. Es könnte aber auch gut sein, dass das Opfer vom Einkaufen zurückgekommen war und nicht alles hatte wegräumen können, bevor der Angreifer aufgetaucht war. Sie brauchten die Lebertemperatur oder den Kaliumgehalt in den Glaskörpern des Auges oder etwas Ähnliches, um es genauer einzugrenzen, doch es war ein Anfang. Keine voreiligen Schlüsse ziehen, das war ihr Mantra.

Früchte in einem Korb auf der Arbeitsplatte aus Granit, ein leerer Karton fettarmer Bio-Milch, ein leerer Joghurtbecher … Wenn Taylor raten müsste, würde sie sagen, alles wirkte, als hätte das Opfer gerade das Frühstück beendet, bevor es die Küche verlassen hatte, um sich umbringen zu lassen.

An der Wand hing ein Anrufbeantworter. Das rote Blinklicht zeigte an, dass es eine neue Nachricht gab.

„Sorg dafür, dass jemand die Nachrichten abhört“, sagte sie zu Tim.

Sam gab ein kehliges Geräusch von sich. „Ich wollte zum Abendessen Hühnerfrikassee machen. Schätze, es wird stattdessen einen Salat geben.“

Die Videografin sagte nichts, und Taylor warf ihr einen Blick zu. Keri war nicht schlecht geworden, sondern sie dokumentierte nur alles sehr gewissenhaft. Sehr gut. Taylor fing Sams Blick auf und lächelte. Immer einen Witz auf Lager.

„Lasst uns nach oben gehen.“ Taylor ging langsam von der Küche durch den großen Raum und zurück ins Foyer. Die Gruppe folgte ihr. Die Treppe hatte einen Absatz auf halber Höhe und wandte sich danach nach links. Blut klebte an den Stufen, aber es sah anders aus als die unsicheren Fußabdrücke, die sie unten gesehen hatten. Taylor fragte Sam, was sie dachte, woher es stammte.

„Ein Kind, das so klein ist, kann nicht normal eine Treppe hinauf- oder hinuntergehen. Sie muss sich Stufe für Stufe hinaufziehen, dazu ihre Hände und Knie benutzen beziehungsweise auf dem Weg nach unten auf ihrem Popo rutschen. Wenn sie ganz mit Blut bedeckt war …“

„Oh.“ Vor Taylors innerem Auge tauchte ein nur zu lebhaftes Bild auf.

Die Füße vorsichtig zwischen den Spuren aufsetzend, machten sie sich auf den Weg nach oben.

„Das Babygitter ist nicht geschlossen“, sagte Sam. „Können Sie das bitte aufnehmen, Keri?“

„Das erklärt, wieso sie im ganzen Haus herumwandern konnte.“ Taylor schaute sich um.

Zu ihrer Rechten gab es drei Türen, hinter denen jeweils Schlafzimmer lagen. Zur Linken führte der Flur von der Treppe weg. Die Szene ähnelte dem, was sie unten gesehen hatten, nur war hier alles wesentlich intensiver. Gut erkennbare winzige Fußspuren, genau definierte Verschmierungen an den Wänden. Makabere Kunst eines kleinen Kindes, das sicherlich mehr verwirrt als alles andere gewesen war.

Die Räume waren alle sehr individuell eingerichtet, und der maritime Stil des vom Flur abgehenden Badezimmers erinnerte an ein Strandhotel. Die Mühe, die sich mit der Dekoration gegeben worden war, war offensichtlich. Und die Sachen waren auch nicht bei Target oder Pottery Barn gekauft worden. Das Dekor war äußerst edel und definitiv maßgefertigt.

Eine kurze Überprüfung ergab ein Gästezimmer, ein Büro und ein Kinderzimmer. Blutige Schlieren und helle Fußabdrücke führten in Letzteres hinein und wieder heraus. Taylor folgte ihnen. Das Kinderzimmer war in verschiedenen Pink- und Lilatönen eingerichtet, und die westliche Wand war mit einem Wandgemälde verziert, das einen Wald zeigte. Die Möbel bestanden aus gebeizter Eiche. Ein Mobile hing über dem Kinderbett. Sonnenlicht fiel durch die zarten, pinkfarbenen Vorhänge vor dem Fenster. Ein kleines Badezimmer ging vom Kinderzimmer ab. Taylor warf einen Blick hinein. Der Geruch von Fäkalien und Urin war stark – neben der richtigen Toilette stand eine kleine Miniaturtoilette. Sie war voll. Das Kind war trocken, brauchte aber definitiv noch seine Mutter, um den Topf zu leeren.

Mit gerümpfter Nase machte Taylor sich auf den Weg über den langen Flur zum Elternschlafzimmer. Die Tür stand weit offen und wurde von einer kleinen Bronzemaus gehalten. Keine Frage, Corinne Wolff hatte es gemocht, wenn ihre Türen offen standen. Die Wände waren in einem cremigen Salbeiton gestrichen. Die Möbel bestanden aus dunklem Rattan und Palisander. Inselstil, ein Rückzugsort für die Bewohner. Taylor erinnerte sich, eine Anzeige für einen ähnlich eingerichteten Raum in einem hochwertigen Möbelkatalog gesehen zu haben.

Der Innere des Zimmers war überflutet von nicht zueinanderpassenden Farben. Das Blut war zu dunkelbraunen Flecken getrocknet, außer da, wo es gegen die Wände und eine Lampe mit weißem Schirm gespritzt war und einen tiefen Burgunderton angenommen hatte.

Als Erstes sah sie ihre Füße. Der Körper wurde von dem großen Doppelbett halb verdeckt. Ganz vorsichtig durchquerten sie alle den Raum. Niemand wollte verantwortlich dafür sein, irgendein Beweisstück zu zerstören, das sie vielleicht finden würden. Das Zimmer war gut zwölf Meter breit; das Bett stand mittig vor der rückwärtigen Wand, sodass zu jeder Seite knapp viereinhalb Meter Platz blieben. Die Leiche lag in dem südlichen Quadranten des Zimmers. Taylor hörte, dass Tim sich Notizen machte, während sie zur anderen Seite des Raumes gingen.

Corinne Wolff war barfuß. Sie hatte die Knie zur Brust gezogen und lag halb auf der Seite, halb auf dem Bauch. Ihre schokoladenfarbenen Augen standen offen, doch sie sahen nichts mehr. Die Iriden sahen wie klebriger Kaffee aus. Ihr braunes Haar war verklebt von Blut, das aus einer offensichtlichen Wunde auf ihrer Stirn gesickert war. Ihr Kiefer war gebrochen und ragte auf obszöne Weise Richtung Decke. Der gesamte Körper war irgendwie schief; ihre Arme ausgestreckt, als hätte sie versucht, den Fall zu bremsen, sich dann aber doch anders entschieden. Sie trug einen Slip und einen Sport-BH, über ihre Leibesmitte war eine pinkfarbene Decke gebreitet. Eine dicke Blutpfütze, ungefähr sechzig Zentimeter lang und dreißig Zentimeter breit, umgab ihren Kopf und ihren Oberkörper. Ein kleines Plüschtier war in ihre Armbeuge gesteckt worden. Fußspuren führten um den Körper herum, von ihm weg, zu ihm hin. An Corinnes Seite war das Blut verwischt worden.

Taylor und Sam traten näher. „Oh Mann“, flüsterte Sam. „Das arme Ding.“

„Corinne oder Hayden?“

„Beide.“

Taylor war sich nicht sicher, was sie mehr störte, der in Corinnes Armbeuge steckende Teddybär, die über ihre Halbnacktheit gebreitete Decke oder das Arztset aus Plüsch, das neben ihrem Kopf stand. Ihre Tochter, die nicht verstanden hatte, was passiert war, hatte versucht zu helfen. Sie hatte es geschafft, ein großes Spielzeugpflaster auf den Handrücken ihrer Mutter zu legen. Hayden hatte versucht, sie heil zu machen. Und dann hatte sie sich neben sie gelegt und sich dabei ganz mit Blut besudelt.

Sie machten die notwendigen Fotos und Videoaufnahmen, dann war Sam dran. Sie zog die Decke zurück und sah die Anzeichen für die Schwangerschaft.

„Oh mein Gott, ich hasse das.“ Sie tastete den Leichnam ab. „Sie ist kalt und beweglich. Das Blut ist in den Teppich gesickert und klebrig. Den genauen Todeszeitpunkt kann ich erst sagen, wenn ich während der Autopsie eine Temperaturmessung vorgenommen habe, aber das sollte dir einen ersten groben Zeitrahmen geben. Rigor Mortis hat sich komplett aufgelöst. Livor Mortis hat eingesetzt. Die Verfärbungen stimmen mit einem Körper überein, der seit Eintritt des Todes in derselben Position gelegen hat. Sie ist seit mindestens sechsunddreißig Stunden tot. Ich würde sagen, sie ist direkt hier getötet worden, in diese Position gefallen und hat sich nicht mehr bewegt. Wie weit ist die Schwangerschaft fortgeschritten, weißt du das? Sieht nach einem Vier-, vielleicht Fünfmonatsbauch aus.“

„Ich weiß es nicht. Parks hat gesagt, dass sie schwanger war, aber nicht, wann es so weit sein sollte. Mindestens sechsunddreißig Stunden sagst du? Gott, das kleine Mädchen war die ganze Zeit über mit seiner toten Mutter hier im Haus. Armes Baby.“

Sam fuhr mit ihrer Untersuchung fort. „Mit einer Mutter, die gewaltsam erschlagen worden ist. Stumpfe Gewalteinwirkung auf die Extremitäten und den Kopf. Ihr Kiefer ist ganz sicher gebrochen, ihr fehlen einige Zähne.“ Sam beendete ihre oberflächliche Untersuchung und machte sich auf ihrem kleinen Block ein paar Notizen. „Das ist eine echte Sauerei, T.“

„Wem sagst du das. Ich kann leider keine herumliegende Tatwaffe entdecken. Du vielleicht?“

„Nein. Und die Verletzungen sind zu schwer, um allein von Fäusten verursacht worden zu sein. Tim, hörst du das? Du musst die Augen nach der Tatwaffe offen halten.“

„Ja, Dr. Loughley.“

„Okay, Leute, an die Arbeit.“ Sam und Tim gingen ihren Pflichten nach, während Keri alles für die Nachwelt festhielt. Taylor trat ans Fenster. Die cremefarbenen Lamellen der Jalousien waren mit Blutspritzern befleckt und hingen auf Halbmast. Sie schaute auf die unter ihr liegende Straße. Die Nachbarn standen immer noch im Grüppchen zusammen auf dem gegenüberliegenden Rasen und sprachen leise miteinander. Sie sah nichts, was fehl am Platz wirkte, erkannte niemanden, der mehr als ein rein nachbarschaftliches Interesse an den Vorgängen zeigte.

Sam stand auf, beugte sich über die Leiche und wandte sich dann an Taylor. „Das wird ein langer Tag. Ich muss noch ein paar Dinge aus dem Van holen. Hast du Lust, ein bisschen frische Luft zu schnappen?“

„Oh ja.“

Mit einem letzten Blick auf das Opfer ging Taylor aus dem Schlafzimmer und die Treppe hinunter.

Als sie beide die Haustür erreichten, stellte Taylor die Frage, die ihr durch den Kopf ging, seit sie die Leiche von Corinne Wolff das erste Mal gesehen hatte.

„Wo zum Teufel ist ihr Ehemann?“

4. KAPITEL

Die Familie Harris hatte bei den Nachbarn der Wolffs Zuflucht gefunden.

Fritz nickte Taylor zu, als sie hereinkam. Fünf Leute saßen in dem Zimmer, starrten vor sich hin, weinten. Father Ross, der Polizeikaplan, hielt eine Frau im Arm, die Anfang fünfzig zu sein schien und rötliche Haare hatte. Die Frau schluchzte an seiner Schulter. Das war wohl die Mutter. Abgesehen von ihrem Weinen war es in dem Zimmer totenstill.

Eine dunkelhaarige junge Frau fing Taylors Blick auf. Eine Mischung aus Abscheu und Sehnsucht huschte über ihr Gesicht, wurde aber sofort von einer undurchdringlichen Ausdruckslosigkeit ersetzt. Taylor kannte diesen Blick. Die Leute hassten es, sie zu sehen; sie war der Herold des Todes. Aber sie hatte auch die Antworten, die Hinweise, die Gründe. Sie brauchten sie. Taylor schätzte die Frau auf achtundzwanzig, vielleicht dreißig. Sie sah die Ähnlichkeit mit dem Opfer.

Und sie sah noch etwas anderes in ihren Zügen, schob es jedoch beiseite.

Sie war das absolute Gegenteil von dieser Frau. Taylor war groß, honigblond, mit grauen Augen, vollen Lippen und breiten Schultern; die andere Frau war zwischen eins sechzig und eins fünfundsechzig groß, dunkelhaarig und sehr athletisch. Ihr Körper strahlte etwas unglaublich Gesundes, Vitales aus. Sie war nicht wirklich hübsch, aber Männer würden ihr Gesicht sicherlich als interessant bezeichnen. Sie schenkte Taylor einen weiteren Blick, dessen Bedeutung dieses Mal schwerlich zu überlesen war.

Taylor war beunruhigt. Sie mochte es gar nicht, das Objekt der Aufmerksamkeit einer anderen Frau zu sein. Diese Frau machte sie zwar nicht direkt an, aber sie ließ sie ihr Interesse spüren. Entzückend. Was sollte das?

„Ich bin Lieutenant Taylor Jackson von der Mordkommission der Metro Police. Mein herzliches Beileid zu Ihrem Verlust, Ma’am.“

Die dunkelhaarige Frau lächelte nicht, reichte ihr aber die Hand. „Ich bin Michelle Harris. Corinne ist meine Schwester.“

Taylor war überrascht; die Stimme der Frau war tief und rauchig, mit diesem sexy Knistern, auf das Männer so abfuhren. Beinahe so wie Taylor selbst.

Michelle deutet auf die weinende Frau bei Father Ross. „Das ist meine Mutter, Julianne Harris.“ Dann stellte sie die weiteren Anwesenden vor.

„Mein Vater Matthew Harris. Meine Schwester Nicole Harris. Carla Manchini, Corinnes Nachbarin. Wir warten noch auf meinen Bruder Derek, er müsste in Kürze eintreffen. Wissen Sie, wer meiner Schwester das angetan hat?“

„Unglücklicherweise noch nicht. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen, Mrs Harris.“

„Miss, bitte.“

Taylor neigte kurz den Kopf und wiederholte dann: „Miss Harris. Tut mir leid. Wo ist die Tochter Ihrer Schwester?“

Nicole, die kleinere der beiden Schwestern, antwortete. Ihre Stimme war kräftiger, als Taylor erwartet hatte. „Sie macht im Gästezimmer ein Nickerchen. Das arme Ding war total erschöpft. Als die Sanitäter sagten, mit ihr wäre alles in Ordnung, haben wir sie gebadet, gefüttert und hingelegt. Körperlich scheint bei ihr alles okay zu sein.“

„Warum, Lieutenant? Hayden hatte doch gar nichts damit zu tun.“ Michelles Ton war scharf, herausfordernd. Taylor verzieh ihr, immerhin war gerade ihre Schwester gestorben. Dennoch ignorierte sie die Frau für den Augenblick und wandte sich der anderen Schwester zu.

„Nicole, richtig?“

Das Mädchen nickte.

„Haben Sie die Kleidung des Kindes der Polizei übergeben? Wir müssen sie als Beweisstücke behandeln.“

Sie nickte. „Der Kriminaltechniker war bei uns, als wir sie umgezogen haben. Wir haben alles genau so gemacht, wie er es gesagt hat.“

„Das ist gut. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Sergeant Fitzgerald wird mir helfen, Ihre Aussagen aufzunehmen. Mrs Manchini, ich würde gerne allein mit Ihnen sprechen. Können wir in ein anderes Zimmer gehen?“

„Wollen Sie nicht zuerst mit mir sprechen?“, fragte Michelle.

Taylor schaute ihr direkt in die Augen. Sie waren genauso seltsam wie Taylors; ein klares Blau, das beinahe transparent wirkte. Taylors Augen waren so Grau wie ein wolkenverhangener Himmel und eines etwas dunkler als das andere.

„Ich möchte mit jedem sprechen, der hier anwesend ist. Ich brauche für den Anfang nur ein paar Informationen von Mrs Manchini. Bitte haben Sie noch etwas Geduld. Ich fürchte, es wird ein langer Tag. Mrs Manchini?“

Die Frau stand auf, behielt aber eine leicht gebückte Haltung bei. Sie konnte sich anscheinend nicht ganz gerade aufrichten. Sie zeigte in Richtung Flur, und Taylor folgte ihr aus dem Zimmer. Als sie die tiefe Stimme von Corinnes Vater hörte, blieb sie kurz stehen.

„Alles okay, Liebes?“

Taylor machte einen Schritt zurück in Richtung offener Wohnzimmertür, wobei sie darauf achtete, außer Sichtweite zu bleiben. Sie lauschte. Von ihrem Standort aus hatte sie einen perfekten Blick in den Raum, denn auf der anderen Seite hing ein Spiegel über dem kleinen Sekretär und zeigte ihr alles, was in dem Zimmer vor sich ging. Fitz hatte ihr den Rücken zugewandt und sprach mit Father Ross.

Michelle Harris drehte sich um und hielt sich an ihrem Vater fest. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, wie aus einem Rasensprenger in der Hitze eines Sommerabends. „Oh, Daddy. Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass ich jemals das Bild von Corinne vergessen kann, wie sie da voller Blut auf dem Boden liegt … und Hayden neben ihr.“

„Ich weiß, Honey. Das muss grausam gewesen sein.“ Er zog sie an sich, und Michelle ließ sich in seine Arme sinken. Taylor verspürte einen kleinen Stich der Eifersucht. Michelles Vater war ihr Retter, ihr Beschützer.

„Hast du immer noch nichts von Derek gehört?“

„Er ist bis Mittag in irgendeinem Laborkurs. Ich fahre jetzt zur Vanderbilt rüber und warte dort auf ihn. Ich will nicht, dass er es von einem Außenstehenden hört. Ich bringe ihn dann mit hierher. Kommst du eine Weile allein klar?“

„Ja, das geht schon, Daddy. Wenn ich mit den Detectives gesprochen habe, kümmere ich mich um Mom. Lass dir Zeit mit Derek. Er wird am Boden zerstört sein.“

„Ja, das ganz bestimmt. Danke für dein Verständnis. Du warst immer mein gutes Mädchen. Ich liebe dich, Shelly. Kümmere dich auch um Nicki. Sie ist nicht so stark wie du und deine Mom.“ Er drückte sie noch einmal an sich. Taylor wandte sich ab. Eine trauernde Familie.

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