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Jonathan Harkan und das Herz des Lazarus

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Erstes Kapitel: Die Schatten erwachen
  9. Zweites Kapitel: Das gläserne Messer
  10. Drittes Kapitel: Die Hexe in der Vorstadt
  11. Viertes Kapitel: Das Wispern des Sturms
  12. Fünftes Kapitel: Fahrt ins Ungewisse
  13. Sechstes Kapitel: Der dunkle Fleck
  14. Siebtes Kapitel: Die verlorene Straße
  15. Achtes Kapitel: Der Mann mit dem Spazierstock
  16. Neuntes Kapitel: Das Haus am Ende der Straße
  17. Zehntes Kapitel: Eliane
  18. Elftes Kapitel: Das Tier
  19. Zwölftes Kapitel: Das Herz des Lazarus
  20. Dreizehntes Kapitel: Verschlossen im Turm
  21. Vierzehntes Kapitel: Cornelius’ Geschichte
  22. Fünfzehntes Kapitel: Ein hoffnungsloser Plan
  23. Sechzehntes Kapitel: Das träumende Dorf
  24. Siebzehntes Kapitel: Spießrutenlauf
  25. Achtzehntes Kapitel: Der Ring
  26. Neunzehntes Kapitel: Das vergessene Volk
  27. Zwanzigstes Kapitel: Lichter im Dunkel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel: Wahre Größe
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel: Gumbold Blogarth
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Feuer in der Nacht
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel: Iridionh

Über das Buch

Der 13-jährige Jonathan kennt Abenteuer nur aus Büchern, bis er eines Tages auf ein Geheimnis stößt: Seine Eltern gehören dem »Großen Kreis« an, der die Welt vor einer finsteren Bedrohung beschützt. Als sich die Ereignisse überschlagen, muss Jonathan all seinen Mut zusammennehmen, um seinen Eltern zu helfen. Allmählich kommt er der Wahrheit auf die Spur und begibt sich mehr als einmal in große Gefahr ...

Über den Autor

Dirk Ahner, geb. 1973, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Germanistik, Theaterwissenschaft und Neuere Geschichte. Seit 1999 ist er als Drehbuchautor tätig und konnte u.a. mit »Hui Buh, das Schlossgespenst« bereits große Erfolge feiern. Dirk Ahner arbeitet seit 2006 auch als Hörspiel- und Romanautor. »Das Geheimnis des Jonathan Harkan« ist sein erster Roman im Baumhaus Verlag.

Dirk Ahner

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und das Herz des Lazarus

Für Nicholas

Erstes Kapitel
Die Schatten erwachen

Jeder Mensch hat ein Geheimnis, auch wenn es meist unspektakulär ist und nur aus Gründen der Vorsicht oder der Peinlichkeit verschwiegen wird. Aber es gibt noch andere Geheimnisse: solche nämlich, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttern und alles verändern, was einem lieb und teuer ist. Jonathan Harkan hätte nie gedacht, dass seine Eltern ein solches Geheimnis vor ihm verbargen.

***

Es war die Nacht vor den großen Sommerferien. Die Stadt hatte die Sonne tief in ihren Panzer aus Beton eingesogen und schlief unter einer Glocke drückender Julihitze. Jonathan war allein zu Hause und lag mit einem Buch in seinem Bett. Auch wenn er es ungern zugab, er hasste das Gefühl, alleine zu sein in der beklemmenden Stille, die ihn umgab. Er hatte sich vorgenommen, zu lesen, bis ihm die Augen zufielen. Viel half es nicht; sein Puls beschleunigte sich jedes Mal, wenn er ein Geräusch hörte, und sein Kopf malte sich Bilder aus, die ihm Angst machten, Bilder von Einbrechern und seltsamen Kreaturen, die durch das Haus schlichen. Wenn sein Vater davon erfuhr, würde ihn das nur in der Annahme bestätigen, dass Bücher und Filme seine Fantasie zu sehr anregten und besser eingeschränkt werden sollten.

Es war weit nach Mitternacht, als Jonathan schließlich von der Müdigkeit übermannt wurde. Gähnend legte er Homers Odyssee zur Seite und löschte das Licht. Vor seinem Fenster zirpten die Grillen. Aus der Nachbarschaft wehte leise Musik zu ihm herüber, und in der Ferne hörte er das Rauschen des Verkehrs. Der Atem der Stadt hatte etwas Beruhigendes und erinnerte ihn daran, dass die Nacht bald vorüber war und ein langer, herrlicher Sommertag auf ihn wartete. Der erste Tag der Ferien. Mit einem Lächeln schloss er die Augen, zog sich die Decke über den Kopf und wartete auf den Schlaf.

Dann hörte er das Geräusch.

Schritte vor seinem Fenster.

Er wusste sofort, dass es dieses Mal keine Einbildung war. Mit weit aufgerissenen Augen fuhr er hoch, starrte in die Dunkelheit und lauschte. Vom Hämmern seines Herzens abgesehen, war es plötzlich wieder still. Selbst die Grillen schwiegen. Konnten das seine Eltern sein? Nein, auf keinen Fall. Seine Mutter schob Nachtdienst in der Ambulanz der städtischen Klinik. Sein Vater war auf Geschäftsreise und würde frühestens am nächsten Mittag wieder zu Hause sein. Wer auch immer dort draußen herumschlich, führte sicher nichts Gutes im Schilde.

Lautlos stieg Jonathan aus dem Bett und ging zur Tür. Er warf einen Blick durch das Schlüsselloch und hielt den Atem an. Eine Gestalt machte sich an der verglasten Front des Eingangsbereichs zu schaffen. Sie war schmächtig und trug ein Kleid mit Kapuze, die ihr Gesicht nahezu verbarg. Hände mit grotesk langen Fingernägeln glitten klickend und klappernd über das Glas, als ob sie einen verborgenen Zugang suchten. Die Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Raubtiers. Nachdem die Gestalt sich mit einem Blick über die Schultern überzeugt hatte, dass niemand sie beobachtete, ließ sie die Tür aufspringen.

Dickflüssig quoll die Angst durch Jonathans Venen. Irgendwo in dem Chaos auf seinem Schreibtisch musste sein Handy sein. Er tastete danach, bis ihm einfiel, dass es im Wohnzimmer lag. Von seinem Zimmer aus konnte er keine Hilfe rufen.

Die Gestalt warf ihre Kapuze nach hinten und strich sich ihr strähniges Haar aus der Stirn. Jonathan konnte das Gesicht einer Frau erkennen. Es war alterslos, scharfkantig und fahl wie das Mondlicht, das es umspielte. Sie stieg die Treppe empor, hinauf in den ersten Stock, und betrat das Schlafzimmer seiner Eltern.

Was soll ich jetzt tun? Jonathan zitterte am ganzen Körper.

In vielen Büchern hatte er Helden erlebt, die der Gefahr furchtlos ins Auge blickten. Selbst in eine solche Situation zu geraten war allerdings etwas ganz anderes. Er konnte nicht einfach ein paar Seiten überblättern und nachsehen, wie die Geschichte zu Ende ging. Er war auf sich allein gestellt.

Die Stimme der Fremden zerriss die Stille. Sie war heiser, fast krächzend. »Cornelius! Helena! Wacht auf! Wir müssen reden!«

Jonathan zuckte zusammen, als er die Namen seiner Eltern hörte. Auf leisen Sohlen ging er die Treppe hinauf und beobachtete die Frau. Sie war gut zwei Köpfe kleiner als er und so dünn, dass sie fast klapprig wirkte. Zugleich bewegte sie sich mit katzengleicher Anmut. Zischend stieß sie Flüche aus, als sie die Decken durchwühlte und bemerkte, dass niemand darin schlief.

»Ein schlechter Zeitpunkt für einen Ausflug. Ihr wollt nicht auf mich hören? Dann müsst ihr die Konsequenzen ertragen!«

Zornig presste sie die Lippen zu zwei dünnen Strichen zusammen und zog ein Etui hervor. Jonathan hielt den Atem an, als er sah, dass es ein Messer enthielt. Der Griff war gebogen, die Klinge durchlässig wie stumpfes Glas. Licht verfing sich blitzend in der scharfen Schneide. Die Angst war wieder da, stärker als zuvor. Er musste schnellstens verschwinden und die Polizei rufen!

Die Frau platzierte das Messer auf dem Kopfkissen seiner Mutter.

»Erinnert euch an das Versprechen! Erinnert euch«, flüsterte sie.

Schritt für Schritt wich Jonathan zurück und hatte nur einen Gedanken: Weg hier! In seiner Nervosität stieß er mit dem Rücken gegen die Wand und riss ein gerahmtes Foto herunter. Es fiel polternd zu Boden. Das Geräusch war so laut, dass man es noch zwei Straßen weiter hören konnte. Mit einem einzigen Satz war die Fremde bei ihm und packte ihn. Sie war erstaunlich kräftig, ihre knochigen Finger eiskalt. Jonathan wollte schreien, doch seiner Kehle entkam nur ein Krächzen. Ihr Blick sah hinab bis auf den Grund seiner Seele.

»Wer bist du?«, wisperte sie.

Seine Stimme versagte vollends. Sie packte seinen Kopf mit beiden Händen und drehte ihn nach rechts und links. Ihre langen Fingernägel hinterließen ein widerliches Kribbeln auf seiner Haut.

»Antworte!«

»Das ist mein Zuhause«, brachte Jonathan hervor.

»Lüg mich nicht an, Bürschchen!«

Sie hob die Hand und drohte einen Schlag an. Da bemerkte sie die Fotos an der Wand. Bilder seiner Familie. Jonathan an seinem dritten Geburtstag. Jonathan mit der Schultüte im Arm. Jonathan mit seinen Eltern im Italien-Urlaub. Erinnerungen ihrer gemeinsamen Vergangenheit, die Helena pflegte wie einen kostbaren Schatz. Die Augen der Frau weiteten sich vor Unglauben und Staunen. Sie entließ Jonathan aus ihrem Griff, um die Fotos genauer zu betrachten.

»Cornelius Harkan hat einen Sohn! Du bist sein Kind, nicht wahr?«

»J… Ja …«

Sie lachte heiser. »Das ist unglaublich. Dieses Geheimnis hast du gut gehütet, Cornelius, du verfluchter Heuchler. Wie heißt du, Kleiner? Na los, na los. Nicht so schüchtern.«

»Jonathan.«

»Und wie alt magst du wohl sein, Jonathan Harkan?«

»I… ich bin im Mai dreizehn geworden.«

Ihre Augen wurden noch größer. »Dreizehn Jahre! Natürlich! Ebenso lang ist Cornelius verschwunden, hat sich versteckt wie die Laus unter einem Stein. Ja, das erklärt so einiges.«

Jonathan verstand kein Wort ihres wirren Geredes.

»Wer sind Sie?«, fragte er.

Sie spreizte die langen Finger vor seinem Gesicht. Ängstlich wich er zurück. Sie folgte ihm.

»Ein Schatten, eine Ausgeburt deiner Träume, ein Nachtmahr! Du wirst mich vergessen, Bürschchen, beim Licht des neuen Tages. Du wirst mich vergessen! Hast du verstanden?«

»Ja«, hörte er sich sagen.

»Nun geh, und stell keine dummen Fragen mehr! Du bist müde. Du hast nur noch den Wunsch zu schlafen. Schlafen …«

Jonathan starrte auf ihre langen Fingernägel, die vor seinem Gesicht tanzten. Die Geste, der Blick, die Stimme hatten etwas Hypnotisches. Sosehr er sich auch dagegen wehrte, plötzlich wurde er von einer schläfrigen Gleichgültigkeit erfasst, die jeden Widerstand im Keim erstickte. Die Fremde lächelte, sagte etwas, das er nicht mehr verstand, wirbelte herum und verschmolz mit der Nacht. Der Drang sich hinzulegen wurde so stark, dass Jonathan sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Mit letzten Kräften schleppte er sich in sein Zimmer. Noch bevor er sich die Decke über den Kopf ziehen konnte, fiel er in die Arme des Schlafs.

***

Als Jonathan erwachte, schien die Sonne durch sein Fenster. Verwundert blinzelnd sah er sich um. Er wusste, dass etwas geschehen war, doch sosehr er sich auch bemühte, er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Er zog den Vorhang zur Seite und blickte hinaus in den Park, der sich hinter ihrem Reihenhaus erstreckte. Birken wiegten sich im Sommerwind, Kinder spielten auf den Straßen, nichts deutete darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches geschehen war. Schulterzuckend warf er die Decke zur Seite und schlüpfte in frische Kleidung. Mit einem prüfenden Blick in den Spiegel strich er durch sein struppiges Haar und rieb sich den Schlaf aus dem Gesicht. Ein müder Junge blickte zurück, dem das T-Shirt etwas zu groß über den schmalen Schultern hing. Seine Mutter behauptete standhaft, dass er ein »athletischer Typ« war, aber in dieser Hinsicht durfte man Müttern nicht trauen.

Er ging hinunter in die Küche. Helena schlief noch, wie immer, wenn sie von ihrer Nachtschicht kam. Zu seiner Überraschung saß sein Vater mit der Zeitung auf dem Schoß und einem großen Becher Kaffee in der Hand am Esstisch. Cornelius war Ingenieur, ein großer bärtiger Mann mit augenzwinkerndem Humor und freundlichem Wesen. Jonathan mochte seinen Vater, auch wenn sie in vielen Punkten unterschiedlicher Ansicht waren. Cornelius hatte eine ausgeprägte Abneigung gegenüber allem, was sich nicht in Zahlen oder Fakten pressen ließ. Jonathan dagegen liebte es, sich in seine Büchern und Geschichten zu versenken und von Abenteuern zu träumen, die ihn aus dem Alltag seiner Welt entführten. Wenn Cornelius ihn mit einem fantastischen Roman in der Hand erwischte, kam es nicht selten vor, dass er tadelnd die Brauen hob und ihn ermahnte, den Kopf nicht zu tief in die Wolken zu stecken. »Das Leben«, pflegte er in solchen Momenten zu sagen, »findet hier unten auf dem Boden der Tatsachen statt, Jonathan.«

Er trug noch das Hemd vom Vortag, seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen, und in seinem kurzen grauen Bart hing ein Tropfen Milchschaum. Weil er sich unbeobachtet fühlte, hatte er die Füße auf den Tisch gelegt. Als Jonathan in die Küche kam, nahm er sie rasch herunter.

»Verdammt, da ist doch wieder der Tisch unter meine Füße gerutscht«, knurrte er.

Jonathan grinste. Er fand es lustig, wenn sein Vater sich bemühte, ihm ein gutes Vorbild zu sein.

»Entspann dich, Papa. Ich verrate dich garantiert nicht.«

Er riss eine Packung Sandwichtoast auf. Cornelius runzelte die Stirn.

»Schon wieder Weißmehl? Jonathan, du weißt doch, dass Weißmehl aus kurzkettigen Kohlehydraten besteht …«

»… und diese Kohlehydranten …«

»Kohlehydrate!«, warf Cornelius ein.

Grinsend strich Jonathan Marmelade auf seinen Toast. Er liebte es, seinen Vater aufzuziehen. Cornelius’ nerviges Gerede über gesunde Ernährung konnte er auswendig nachbeten.

»… diese Kohlehydrate werden direkt in Zucker umgewandelt, sie machen nicht satt, nur dick, morgens muss man was Anständiges essen und überhaupt. Willst du nicht mal eine neue Platte auflegen?«

»Iss das Müsli!«, beharrte sein Vater.

Jonathan warf einen Blick auf die Schüssel, in der Cornelius etwas angerührt hatte, das seiner Vorstellung von einem gesunden Frühstück entsprach: eine zähe graue Masse, die wie Schleim vom Löffel tropfte.

»Sieht aus wie ein misslungenes Experiment. Oder ein neuer Sprengstoff.«

»Jonathan …« Cornelius wollte den strengen Vater spielen, doch das misslang gründlich. »Ich gebe ja zu, ein besonders erhebender Anblick ist es nicht. Aber es enthält wertvolle Inhaltsstoffe …«

»Papa!«, stöhnte Jonathan.

»Ich weiß, ich klinge wie die Fernsehwerbung.« Seufzend legte sein Vater die Zeitung zur Seite und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. »Die Nacht vor den großen Ferien. Hast du wenigstens gut geschlafen?«

Jonathan zögerte. Unweigerlich überkam ihn die Erinnerung an vergangene Nacht. Ein Bild durchzuckte ihn: lange Fingernägel auf seiner Haut. Er schüttelte sich.

»Ja«, sagte er wenig überzeugend. »Ich dachte, du kommst erst heute Mittag zurück.«

»Ich habe den Nachtzug genommen. Ich wollte dich nicht zu lang allein lassen.«

Allein lassen …

Ja, er war gestern Nacht allein zu Hause gewesen. Jonathan konnte sich erinnern – und ein neues Bild blitzte auf. Er sah das Gesicht einer Frau, bleich wie das Mondlicht, das unter einem Netz dürrer Haare hervorleuchtete.

Vergiss, was du gesehen hast!, zischte sie.

Irgendetwas war geschehen gestern Nacht. Aber was? Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, nur geträumt zu haben. Es fühlte sich zu real an. Und zu allem Übel wurden die Bilder plötzlich klarer, anstatt langsam zu verblassen, wie es bei normalen Träumen üblich war.

»Wann bist du zurückgekommen?«, fragte er seinen Vater.

»So gegen sechs Uhr morgens.«

Jonathan konnte das Unbehagen nicht länger ignorieren. »Papa … war da irgendwas? Ich meine, hast du irgendwas Komisches gesehen?«

Cornelius’ Stirn legte sich in Falten, wie immer, wenn er vermutete, dass Jonathan etwas angestellt hatte.

»Was meinst du mit komisch? Komisch wie deine Freunde, die mitten in der Nacht Steine an unser Schlafzimmerfenster werfen? Oder komisch wie meine Unterschrift auf einer verbockten Mathe-Arbeit, die ich nie zuvor gesehen habe?«

Jonathan spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. »Ich meine es ernst. Hast du gestern irgendwas gesehen? Eine Frau vielleicht?«

Cornelius seufzte. »Du hast wieder eins von diesen Büchern gelesen, nicht wahr? Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du spätabends nicht mehr lesen sollst! Jungs in deinem Alter haben auch so schon eine lebhafte Fantasie. Wenn du etwas weniger Zeit in deine Romane und etwas mehr in deine Mathe-Hausaufgaben investiert hättest, müsstest du nicht meine Unterschrift fälschen.«

Jonathan verdrehte die Augen. »Sag einfach, ob du etwas gesehen hast.«

»Eine Frau? Was für eine Frau?«

»Ich weiß nicht. Eine Frau mit langen Fingernägeln.«

Cornelius zuckte zusammen, als ob ein Stromstoß durch seinen Körper fuhr. Alle Farbe wich ihm aus dem Gesicht.

»Lange Fingernägel?«

»Ja. Sie war heiser … sie klang, als wäre sie erkältet.«

»Hast du mit ihr gesprochen, dieser … Frau? Hat sie etwas zu dir gesagt?«

»Nein. Vielleicht. Ich bin mir nicht ganz sicher. Irgendwie komisch, das alles. Vielleicht hab ich nur geträumt. Vielleicht aber auch nicht.«

Cornelius stellte den Kaffee zur Seite. Er bemühte sich um Fassung, er wollte nicht, dass Jonathan bemerkte, wie erschrocken er war. Rasch wandte er sich ab und stellte das Geschirr in die Spülmaschine.

»So jemand wäre mir aufgefallen. Sag mal, musst du nicht zur Schule?«

»Papa, heute haben die Sommerferien begonnen. Hast du doch eben selbst gesagt.«

Cornelius lachte gekünstelt. »Das kommt davon, wenn man kaum geschlafen hat. Ich brauche erst einmal eine heiße Dusche. Und du wirst jetzt was Richtiges frühstücken, nicht diesen Weißmehlmist, klar?«

Was war plötzlich mit seinem Vater los? So verwirrt hatte Jonathan ihn noch nie erlebt. Er stellte sich ihm in den Weg.

»Du kennst diese Frau!«, stellte er fest.

Mit gespielter Verärgerung schob Cornelius sich an ihm vorbei. »Jonathan, du hast einfach nur schlecht geträumt, weil du mal wieder zu viel Schund gelesen hast.«

Das Ablenkungsmanöver war zu durchsichtig. Jonathan spürte, dass sein Vater ihm etwas verheimlichte. Es musste etwas Schlimmes sein, wenn es ihm solche Angst machte.

»Wenn du sie kennst, dann musst du es mir sagen!«

Cornelius legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn ernst an. »Jungs denken sich eine Menge Blödsinn aus. Aber das ist es: nichts weiter als Blödsinn. Es gibt keine Frau mit langen Fingernägeln, genauso wenig, wie es den Weihnachtsmann gibt.«

Jonathan streifte seine Hand ab und trat einen Schritt zurück. »Dann schwöre, dass du ihr noch nie begegnet bist.«

»Aber Jonathan, das ist doch lächerlich …«

»Schwöre es!«

Für die Dauer eines Herzschlages zögerte Cornelius. Dann hob er die Hand. »Also gut, ich schwöre. Zufrieden?«

Jonathan sagte nichts, was Cornelius als schweigende Zustimmung deutete. Er war froh, das Thema beenden zu können, und ging ins Badezimmer. Jonathan blieb zurück. Der Tag, der eben noch so hell und sommerlich gewesen war, durchzog sich plötzlich mit grauen Wolken. Jonathan liebte seinen Vater über alles und hatte ihm stets vertraut. Cornelius hatte ihm nie einen Anlass gegeben, an diesem Vertrauen zu zweifeln.

Bis heute.

Seine Erinnerungen an die vergangene Nacht mochten nur Schemen sein. Aber eines wusste Jonathan ohne den Hauch eines Zweifels: Sein Vater hatte ihn belogen. Er kannte diese fremde Frau. Und die Tatsache, dass Jonathan sie gesehen hatte, jagte ihm schreckliche Angst ein. Warum nur? Wer war sie? Und was wollte sie von ihm? Freiwillig würde sein Vater ihm keine Antwort geben, so viel war klar. Es musste einen anderen Weg geben. Einen Beweis, dass er nicht geträumt hatte.

In diesem Augenblick erinnerte er sich an das Messer mit der Klinge aus Glas, das die Fremde auf dem Kopfkissen seiner Mutter hinterlassen hatte. Cornelius hatte es nicht bemerkt, sonst wäre er auf Jonathans Fragen vorbereitet gewesen. Wenn es existierte, war das der Beweis, dass die Fremde keine Ausgeburt seiner Fantasie war. In diesem Fall würde sich sein Vater eine Menge unangenehmer Fragen gefallen lassen müssen.

Zweites Kapitel
Das gläserne Messer

Jonathan stürmte ins Schlafzimmer seiner Eltern. Das alte Himmelbett mit den Moskitonetzvorhängen war leer, von seiner Mutter nichts zu sehen. Er warf die Kissen zur Seite, durchwühlte die Decken, steckte seinen Kopf unter das Bettgestell und seine Hand unter die Matratze.

Er fand keine Spur von einem Messer, sei es nun aus Glas oder Stahl. Die Zweifel erwachten wieder. Hatte sein Vater doch die Wahrheit gesagt? War die Fremde mit den langen Fingernägeln wirklich nur seiner Einbildung entsprungen? Sein Schädel schmerzte. Plötzlich wusste er nicht mehr, was er noch glauben sollte. Er musste etwas unternehmen, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Er beschloss, in die Stadt zu fahren. Auf dem Weg zur Tür kam ihm sein Vater entgegen. Seine nassen Haare klebten auf der Stirn, und er trug ein Handtuch um die Hüfte. Die Dusche hatte ihm gut getan, er hatte die Kontrolle wieder.

»Du fährst weg?«

»Zu Markus«, sagte Jonathan. In Wahrheit wusste er nicht, was er mit seiner Zeit anfangen wollte. Aber diese kleine Notlüge ersparte ihm lästige Erklärungen.

»Vergiss nicht, dass heute Abend die Bergmanns zum Essen kommen. Also versuche, pünktlich zu sein, sonst gibt’s wieder Ärger mit der Chefin. Ich meine deine Mutter.«

Jonathan nickte abwesend, warf sich die Jacke über und verließ das Haus. Der Tag empfing ihn mit herrlichem, nach Grillasche duftendem Sommerwind und Schäfchenwolken am blauen Himmel. Er ging zu seinem Fahrrad, das an der Dachrinne unter dem Küchenfenster angekettet war, und durchwühlte seine Taschen nach dem Schlüssel. In diesem Moment hörte er die Stimme seiner Mutter.

»Ist er weg?«, fragte sie leise.

»In die Stadt gefahren«, sagte Cornelius.

Intuitiv ging Jonathan in die Hocke. Seine Eltern hatten offenbar auf den Moment gewartet, ungestört reden zu können. Sie ahnten nicht, dass er jedes Wort mithörte.

»Was ist los?«, fragte Cornelius – und ließ gleich darauf einen scharfen Atemzug hören. Jonathan konnte förmlich sehen, wie er erschrak.

»Grundgütiger!«, murmelte er. Und noch einmal: »Grundgütiger Himmel!«

Die Stimme seiner Mutter klang schwach: »Besser, du setzt dich.«

»Ich will jetzt nicht sitzen, danke. Wo zum Teufel kommt das her? Wo hast du das gefunden?«

»Es war auf dem Bett«, sagte Helena. »Neben meinem Kissen. Ist anscheinend gestern Nacht da reingerutscht. Ich habe es versteckt, bevor Jonathan es finden konnte.«

Das gläserne Messer! Seine Mutter hatte es also vor ihm entdeckt.

Cornelius seufzte müde. »Dabei habe ich wirklich gehofft, dass er nur geträumt hat.«

»Geträumt? Was meinst du damit? Cornelius, was geschieht hier?«

Er zögerte mit seiner Antwort, wählte jede Silbe sorgsam. »Jonathan hat mir heute beim Frühstück erzählt, dass er gestern Nacht eine Frau mit langen Fingernägeln gesehen habe.«

Helenas Stimme zitterte. »Sie hat ihn gesehen … Mein Gott, Cornelius!«

»Es kommt noch schlimmer. Sie hat mit ihm gesprochen. Jonathan weiß nicht mehr, worüber. Sie hat wahrscheinlich einen ihrer Tricks versucht und seine Erinnerung verwirrt. Aber es hat nicht funktioniert.«

Jonathans Herz sank, als er hörte, dass seine Mutter mit den Tränen kämpfte. Sie war eine zierliche Frau, mit Haut so hell wie Elfenbein und einem schmalen Gesicht, das von dunkelroten Locken umrahmt wurde. Doch die Anmutung einer Porzellanpuppe täuschte; sie war viel stärker, als es ihr Äußeres vermuten ließ. Jonathan konnte sich kaum daran erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte.

»Wir müssen hier weg! Sofort! Cornelius, wir dürfen keine Sekunde länger hierbleiben!«

»Weißt du, was du da sagst?«

»Verdammt, ja! Und du weißt, dass ich recht habe. Die Gerüchte sind wahr. Sie spioniert für den Feind. Und selbst wenn nicht … Cornelius, wir können nicht warten. Wenn sie uns gefunden hat, dann wird es nicht lange dauern, bis auch andere kommen …«

»Eine überstürzte Flucht wäre der größte Fehler«, warf Cornelius ein. »Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren! Das Messer war eine Botschaft. Sie will mit uns sprechen. Tun wir ihr den Gefallen und finden heraus, was sie von uns will.«

»Wir dürfen ihr nicht trauen! Sie spielt ein falsches Spiel.«

»Helena, wir dürfen niemandem trauen. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass wir uns nicht dauerhaft vor ihr verstecken können. Besonders jetzt nicht mehr.«

»Sie hat Jonathan gesehen.«

»Ja. Das lässt sich nicht mehr ändern. Zumindest weiß er nichts.« Er atmete tief durch und versuchte, zuversichtlich zu klingen. »Wir müssen wachsam sein. Dann kann uns nichts geschehen.«

»Du hast recht.«

»Ich habe immer recht, schon vergessen?« Er lachte leise.

Sie schien sich ein wenig zu beruhigen, ihre Stimme wurde fest und entschlossen, so wie Jonathan seine Mutter kannte. »Wir müssen das Essen mit Henry und Margit absagen. Ich rufe in der Klinik an und melde mich krank. Heute Nacht, Punkt zwölf, benutzen wir das Messer.«

»Keine Sorge, Schatz«, sagte Cornelius. »Wir haben Jonathan immer beschützt. Niemand kann uns etwas anhaben. Nicht, solange wir drei vereint sind.«

Diese Worte klangen wie Hohn in Jonathans Ohren. Seine Eltern hatten Geheimnisse vor ihm, sie hatten ihn getäuscht und belogen, vielleicht schon sein Leben lang. Sie würden ihm niemals freiwillig verraten, was sie mit dieser verrückten Fremden zu schaffen hatten. Er musste die Wahrheit selbst herausfinden, noch heute Nacht!

***

Er verbrachte den Tag in der Stadt, in Gedanken versunken und von Fragen geplagt. Als es Abend wurde, kehrte er zurück. Cornelius und Helena waren mit dem Essen beschäftigt. Sie gaben sich fröhlich und taten so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Nur die Augen seiner Mutter verrieten die Wahrheit. Helena war nie eine gute Lügnerin gewesen; ihre Lippen mochten lächeln, doch ihre Augen verrieten stets die Wahrheit. Dieses Mal war es besonders schlimm. Sie wirkte abwesend, direkt fahrig in ihren Bewegungen. Im Vorbeigehen gab sie ihm einen Kuss auf den struppigen Haarschopf.

»Na, Schatz? Wie war’s bei Markus?«

»Ganz gut«, log Jonathan. »Hast du heute Abend keinen Dienst?«

»Sie haben den Plan geändert. Und die Bergmanns haben abgesagt. Das bedeutet, wir können den Abend im Kreis unserer kleinen Familie verbringen. Wie klingt das?«

»Toll«, antwortete Jonathan ohne viel Begeisterung.

Cornelius betrat die Küche. Ihm gelang die Scharade deutlich besser als Helena. Er balancierte Teller und einen Topf auf den Esstisch und lächelte, als er seinen Sohn sah.

»Jonathan! Da bist du ja endlich. Hier, wir haben dein Lieblingsessen gekocht: Spaghetti Bolognese. Reichlich Kohlehydrate und dazu eine Fertigsoße mit viel Mononatriumglutamat und anderen ungesunden Geschmacksverstärkern. Na, was sagst du? Da läuft einem doch das Wasser im Mund zusammen.«

Sie spielten Theater, und zwar schlechtes. Das war es, was Jonathan sagen wollte. Aber er hielt den Mund und setzte sich an den Tisch, um mitzuspielen. Trotz aller Bemühungen seiner Eltern war es deutlich zu spüren, dass etwas in der Luft lag. Helena schöpfte Nudeln auf seinen Teller. Jonathan stocherte darin herum, ohne einen Bissen herunterzubekommen. Cornelius bemerkte es, ging aber nicht darauf ein.

»Jonathan, wir würden heute Abend gern ins Kino gehen«, sagte er schließlich.

Sie wollten ihn darauf vorbereiten, dass sie heute Nacht das Haus verließen. Eine bessere Ausrede war ihnen scheinbar nicht eingefallen.

»In die Spätvorstellung«, fügte Helena rasch hinzu. »Wir haben das Handy dabei. Falls irgendetwas sein sollte.«

»Du hast doch nichts dagegen, noch einmal das Haus zu hüten? Oder soll ich Tante Sybille fragen, ob sie auf dich aufpasst?«

Jonathan verstand es als Drohung. Sybille war eine humorlose Kuh mit dem Habitus eines Armee-Aufsehers. Er konnte sie nicht ausstehen.

»Ich brauche keinen Babysitter!« Er hatte genug von diesem dummen Spiel. »Was dagegen, wenn ich ins Bett gehe?«

Helena blickte ihn erschrocken an. »Um diese Zeit? Schatz, du hast doch praktisch nichts gegessen. Bist du krank?«

»Ich habe schon bei Markus gegessen«, log er. »Außerdem will ich noch ein Buch zu Ende lesen.«

»Geh ruhig. Die Ferien haben ja gerade erst begonnen«, sagte Cornelius – ganz ohne die Augen zu verdrehen, wie er es sonst tat, wenn Jonathan einen seiner Romane erwähnte.

Er sprang auf und wollte in seinem Zimmer verschwinden.

»Jonathan! Warte«, rief Helena.

Er blieb stehen und drehte sich noch einmal zu seiner Mutter um. Sie wirkte plötzlich sehr verletzlich, gar nicht so stark und selbstbewusst wie sonst. Auch ihr Lächeln konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich Sorgen machte.

»Ist wirklich alles gut?«

Er zögerte. »Ja.«

»Du weißt, dass wir immer für dich da sind, oder?«

Die Frage überraschte Jonathan. Was sollte er darauf erwidern? Helena umarmte ihn, wie sie es immer tat, wenn er traurig war. Am liebsten hätte er sie einfach eine Weile festgehalten, aber er kam sich dumm dabei vor und löste sich wieder.

»Schlaf gut, mein Schatz«, sagte sie liebevoll.

»Du auch.«

Er ging in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett und starrte aus dem Fenster. Leuchtendes Abendrot durchtränkte die Wolken. Bald würde sich die Nacht dahinter breitmachen.

***

Von gewitterumwölkter Stille begleitet schlich die Finsternis über die Stadt, bis hinein in Jonathans Zimmer. Als es dunkel war, drapierte er seine Bettdecke, sodass es aussah, als ob er darin schlief. Er zog sich seine Jacke über und schlüpfte in feste Schuhe. Lautlos stahl er sich aus seinem Zimmer in den Flur. Es war kurz nach elf, und im Wohnzimmer lief der Fernseher. Schritte seines Vaters näherten sich. Rasch drückte er sich in den Schatten. Unbemerkt ging Cornelius an ihm vorbei und warf einen Blick in sein Zimmer. Jonathan hielt den Atem an und hoffte, dass der Trick mit der Bettdecke funktionierte. Mit einem zufriedenen Nicken schloss Cornelius die Tür und kehrte zurück ins Wohnzimmer.

»Jonathan schläft wie ein Stein.«

Helena seufzte. »Vielleicht sollte ich zu ihm … irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Vielleicht ahnt er etwas.«

»Unsinn, Helena. Er war den ganzen Tag mit Markus unterwegs. Er ist einfach nur müde.«

»Hoffentlich hast du recht. Also gut, dann los!«

Sie schaltete den Fernseher ab. Jonathan musste jetzt absolut lautlos sein, wenn er sich nicht verraten wollte. Von der Küche aus konnte er beobachten, wie Cornelius etwas ins Licht hielt. Das Messer! Seine gläserne Klinge glänzte matt.

»Das habe ich lange nicht mehr gesehen«, raunte er respektvoll.

Helena breitete eine Straßenkarte auf dem Boden aus. »Wir haben keine Zeit«, flüsterte sie. »Mach schon!«

Gemeinsam hielten sie das Messer fest, dirigierten es über die Karte, murmelten leise Worte und ließen es los. In einer Flugbahn, die allen Gesetzen der Schwerkraft spottete, fiel es zu Boden und blieb mit einem leisen Plock! in der Karte stecken. Helena nickte Cornelius auffordernd zu. Er warf einen Blick auf das Loch.

»Das ist direkt an der Stadtgrenze«, sagte er. »Um die Uhrzeit, ohne Verkehr, vielleicht zehn Minuten mit dem Wagen.«

Helena schloss die Augen und seufzte. »Lass uns fahren, bevor ich es mir anders überlege.«

Cornelius wickelte das Messer in ein Tuch und verstaute es in einer Tasche, die er über die Schultern warf. Die Straßenkarte ließ er liegen.

Drittes Kapitel
Die Hexe in der Vorstadt

Jonathan fuhr so schnell, dass der Wind in seinen Ohren rauschte. Die Straße führte in südlicher Richtung stadtauswärts in die Einsamkeit. Bäume wucherten aus der Dunkelheit empor und verschlangen das Licht. Fröstelnd wurde ihm bewusst, dass er in Schwierigkeiten stecken würde, wenn er sich in dieser gottverlassenen Gegend verirrte. Er warf einen prüfenden Blick auf die Straßenkarte, die sein Vater unvorsichtigerweise zurückgelassen hatte. Dann sah er die Gasse. Sie war schmal und endete vor einer Mauer. Dahinter lag ein verfallenes Fabrikgelände. Cornelius’ BMW war davor geparkt.

Schnell versteckte Jonathan sein Rad im Gebüsch und schlüpfte unter dem kaputten Eingangstor hindurch. Er sprang über eine Pfütze hinweg, in der das Mondlicht auf öligen Schlieren tanzte. Vor ihm lag eine Ansammlung von Fabrikgebäuden, verstreut wie Bauklötze eines Riesenbabys. Er konnte die Gestalten seiner Eltern erkennen. Er folgte ihnen, sorgsam darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen.

Gedämpft trug der Wind die Stimme seiner Eltern durch die Nacht. »Das Messer täuscht sich nicht, es hat sich noch nie getäuscht. Wir dürfen jetzt nicht ungeduldig werden«, sagte Cornelius.

»Wie lange sollen wir noch suchen? Das ist ein Albtraum«, stöhnte Helena.

Cornelius bedeutete ihr, still zu sein. Er hatte etwas entdeckt. »Licht!«, sagte er leise. »Dort vorne!«

Jonathan sah es auch. In einem der Gebäude flackerte ein Feuer. Eine Säule aus Rauch stieg zu den Sternen empor und verlor sich in der Nacht. Cornelius nahm Helenas Hand. Gemeinsam gingen sie auf eine alte Lagerhalle zu, ein Skelett aus Stahlträgern, das mit Graffitis übersät war. In ihrer Mitte stand eine Tonne, aus der ein Feuer loderte. Verwahrloste Gestalten hatten sich darum versammelt, Männer mit filzigen Bärten und verdreckten Gesichtern. Sie waren in Decken eingewickelt und starrten mit ausdruckslosen Mienen in die Flammen. Jonathans Herz setzte für einen Schlag aus, als er im Kreis der Männer die Frau mit den langen Fingernägeln entdeckte. Ihr Gesicht blieb hinter einem Netz dünner Haare verborgen. Schlagartig kehrten seine Erinnerungen zurück und mit ihnen die Gewissheit, dass ihre Erscheinung gestern Nacht kein Traum gewesen war. Selbst jetzt, als sie einfach nur dasaß und ins Feuer starrte, ging eine Aura der Bedrohung von ihr aus.

»Kommt nur näher«, sagte sie zu seinen Eltern. »Habt keine Scheu vor meinen stinkenden Freunden. Sie können euch weder sehen noch hören.«

Cornelius trat vor. »Wir haben deine Botschaft bekommen, Aurora.«

Sie lächelte. »Gewiss. Sonst wärt ihr nicht hier, nicht wahr?«

Aurora. Ihr Name klang fremd und doch seltsam vertraut für Jonathan. Dann fiel ihm ein, dass er in der Schule von ihr gehört hatte: Aurora war die Göttin der Morgenröte, eine Gestalt der römischen Mythologie. Die Frau am Feuer hatte allerdings wenig gemein mit einer mythischen Schönheit. Sie durchlöcherte Cornelius und Helena mit wütenden Blicken.

»Idioten!«, zischte sie. »Was seid ihr nur für Dummköpfe! Ihr habt unsere Abmachung gebrochen. Wisst ihr überhaupt, welchen Schaden ihr anrichten könnt? Kindisch ist euer Benehmen, dem Kreis nicht würdig!«

Cornelius wollte sich rechtfertigen, senkte aber den Kopf. »Du hast recht. Wir haben versprochen, dass du uns jederzeit finden wirst. Aber wir waren nicht da.«

»Seit dreizehn Jahren seid ihr beide wie vom Erdboden verschluckt. Habt ihr euch an das Leben der normalen Menschen gewöhnt? Seid ihr unvorsichtig geworden? Oder habt ihr euren Schwur vergessen?«

Sie erhob sich und ging auf ihn zu. Keiner der Männer am Feuer schien Notiz von ihr zu nehmen. Die Mienen waren starr auf die brennende Tonne gerichtet. Beim Gedanken, dass Aurora etwas mit ihren Hirnen angestellt hatte, jagte ein Schauer über Jonathans Rücken.

»Was willst du von uns?«, fragte Helena.

Aurora lachte heiser. »Der Wind hat mir ein Gerücht zugeflüstert, und ich bin gekommen, um mich selbst davon zu überzeugen.«

Jonathan konnte sehen, dass seine Eltern einen erschrockenen Blick tauschten.

»Keine Ahnung, wovon du redest«, sagte Cornelius.

Sie wusste, dass er log. »Du bist ein Idiot, Cornelius Harkan! Wo du doch weißt, dass du mich nicht täuschen kannst. Seit deiner Kindheit war ich deine Vertraute, dein Schutz. Warum lügst du mich an?«

Seine Kiefer mahlten wie Mühlsteine. »Also gut. Uns wurde etwas in die Hände gespielt …«

»Das Herz des Lazarus!«, schrie Aurora. Als Cornelius keinen Widerspruch einlegte, lachte sie triumphierend. »Also sind die Gerüchte wahr. Ihr habt es gefunden! Das, was er so sehr fürchtet, was er so sehr begehrt! Es ist in euren Händen.«

Jonathan spürte, wie seine Eingeweide sich zusammenzogen. Dieses Herz des Lazarus, was immer es auch sein mochte, war furchteinflößend und gefährlich, er konnte es anhand der Reaktion seiner Mutter erkennen. Helena war kein Mensch, der sich leicht aus der Fassung bringen ließ. Was verbargen seine Eltern vor ihm? Welche Überraschungen würden ihn noch erwarten? Enttäuschung, Wut, Fassungslosigkeit, alles überkam ihn auf einmal.

»Woher weißt du davon?«, fragte Helena, die plötzlich noch bleicher war als das Mondlicht.

»Es ist meine Aufgabe, Dinge zu wissen, Kindchen! Und ganz besonders Dinge, die euch beide betreffen. Aber das ist jetzt unwichtig. Das Herz des Lazarus, ihr müsst es mir geben! Ich werde es zu mächtigen Freunden bringen, wo es in Sicherheit ist. Ihr könnt es unmöglich beschützen, und auf keinen Fall darf er es finden.«

»Das wird er nicht.«

Zorn blitzte in den Augen der Frau auf. »Du glaubst, du kannst es vor ihm verstecken, Cornelius? Er wird kommen, er wird dich finden und dir alles nehmen, was dir lieb und teuer ist, und dann wird er mit seinen Fingern in deinem Schädel wühlen, bis er die Antworten hat, die er sucht.« Sie streckte ihre Hand nach Cornelius aus und klapperte mit ihren Fingernägeln. »Du weißt, zu was dieses kleine unscheinbare Ding fähig ist, wenn es in die falschen Hände gerät.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Aurora. Aber ich kann es dir nicht geben.«

»Und warum nicht?«

»Ganz einfach: weil ich es nicht habe.«

»Dann führe mich hin!«

Cornelius schüttelte den Kopf. »Der Große Kreis wird beschließen, was damit geschehen soll.«

»Du Dummkopf!«, rief Aurora. »Du weißt ja nicht, mit welchem Einsatz du spielst. Unser aller Leben ist in Gefahr! Die Spione des Feindes wissen längst, was geschehen ist, da bin ich sicher.«

Cornelius blieb unbeeindruckt, zumindest äußerlich. »Unsere Entscheidung steht fest.«

Die Frau lächelte listig, und das Mondlicht ließ ihre Zähne leuchten. »Du hast Geheimnisse vor mir, Cornelius. Erst verschwindest du spurlos, dann gerät das Herz des Lazarus in deine Hände – der Himmel weiß, wie! –, und dann versteckst du auch noch ein Kind vor mir!«

Cornelius tauschte einen Blick mit Helena. Obwohl sie gewarnt gewesen waren, trafen die Worte sie wie Messerstiche. Sie versuchte verzweifelt, es zu leugnen.

»Er ist der Sohn meiner Schwester … er war nur zu Besuch!«

»Hältst du mich wirklich für so dumm?« Auroras Blick wurde kalt. »Jonathan ist sein Name. Ein Junge mit den Augen seines Vaters. Und ihr wisst, dass ich ihm begegnet bin! Ja, ich sehe es euch an. Wer hat euch davon erzählt?«

»Es war Jonathan selbst«, gestand Cornelius, der einsah, dass weiteres Leugnen sinnlos war. »Er konnte sich an die Begegnung mit dir erinnern.«

Aurora lachte hohl. »Also hat er sich meiner Stimme widersetzt. Er ist ungewöhnlich, euer Junge. Gebt nur gut auf ihn acht. Wenn unsere Feinde wissen, zu was er fähig ist, könnten sie Gefallen an ihm finden.«

Mit weichen Knien sank Jonathan hinter seinem Versteck zusammen. Verfügte er über besondere Talente, von denen er nichts wusste? Und wer waren die Feinde, von denen sie sprach?

Helena verlor alle Farbe aus dem Gesicht. »Das wird nicht passieren. Wir waren sehr vorsichtig. Niemand hat je von seiner Existenz erfahren!«

»Eure Tarnung wird euch nicht länger schützen, Liebchen. Die Bluthunde des Feindes werden eure Witterung aufnehmen. Ja, ich spüre, dass ein Sturm heraufzieht. Ich kann ihn riechen, und sein Gestank ist widerwärtig! Gebt mir das Herz des Lazarus, bevor es zu spät ist.«

Cornelius und Helena schwiegen, doch hinter ihren starren Mienen tobte ein Orkan. Nie zuvor hatte Jonathan seine Eltern so hilflos erlebt. Nach quälenden Sekunden der Stille zog Cornelius ein Bündel aus seiner Tasche hervor und faltete es auf, bis das gläserne Messer zum Vorschein kam. Behutsam legte er es vor Aurora auf den Boden.

»Ich wollte sie nie, diese Bestimmung. Vielleicht ist es an der Zeit, die Brücke zu brechen.«

»Ihr wollt es euch also bequem machen in euren Häusern und Berufen? Wie erbärmlich ihr doch seid!«

Helena fasste Cornelius’ Hand und hielt sie fest. »Du kannst darüber spotten, aber wir haben das Versteckspiel satt, die Heimlichtuerei und die ständige Angst. Wir wollen einfach nur ein normales Leben führen, eine Familie sein.«

»Dummes Zeug!«, schrie Aurora wütend. Ihre langen Nägel klickten, als sie auf Helena deutete. »Du glaubst, du kannst deine Haut ablegen wie einen Mantel? Nein, Liebchen. Euch bleibt nur ein Ausweg: Gebt mir das Herz des Lazarus!«

Cornelius konnte nicht länger an sich halten. »Du arbeitest für den Feind!«, platzte es aus ihm heraus. »Du hast die Seiten gewechselt. Dein Herr ist jetzt der Weltenwanderer!«

»Cornelius!«

Mit einer Miene blanken Entsetzens versuchte Helena ihn zum Schweigen zu bringen, doch er war so wütend, dass er sich nicht länger beherrschen konnte.

»Nein, Helena, dieses Mal werde ich nicht schweigen. Ich wette, dass du es warst, die uns verraten hat, Aurora! Was war unser Leben wert? Was hat er dir versprochen, der Schattenjäger? Du hast uns verkauft, und jetzt willst du, dass wir dir das Herz des Lazarus überlassen? Ich würde eher sterben, als es dir zu geben!«

Jonathan zuckte bei den Worten zusammen. Aurora war gefährlich, er konnte es spüren.

Aller Zorn wich aus ihrem Gesicht und machte einem milden Lächeln Platz. »Ich habe getan, was ich konnte, um euch zu beschützen. Ich war immer an eurer Seite, Cornelius. Aber die Dinge, die bald geschehen werden, entziehen sich meiner Kontrolle. Die Karten wurden soeben neu gemischt.«

Mit diesen Worten drehte sie ihren Kopf und starrte in die Dunkelheit – genau in Jonathans Richtung! Er zuckte zusammen und ging hinter einem Busch in Deckung. Hatte sie ihn gesehen? Nein, das war unmöglich. Er war viel zu weit weg, und für die Augen eines normalen Menschen war die Dunkelheit hinter einem lodernden Feuer eine undurchdringliche Wand.

Aber sie ist kein normaler Mensch!, flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf.

»Blödsinn!«, murmelte Jonathan, ohne dabei sehr überzeugend zu klingen. Vorsichtig wagte er sich aus der Deckung und sah wieder hinüber zu seinen Eltern, die nichts bemerkt zu haben schienen.

Aurora wandte sich von ihnen ab und ging in die Dunkelheit.

»Bleib stehen!«, rief Cornelius.

Im selben Augenblick erwachten die Männer an der brennenden Tonne aus ihrer Starre. Aus heiterem Himmel begannen sie Streit und traktierten sich mit Fäusten. Jonathan war für eine Sekunde abgelenkt, doch das genügte. Die Nacht hatte Aurora verschluckt wie einen verlorenen Schatten.

»Cornelius!«, rief Helena. »Wir müssen verschwinden!«

Cornelius zögerte keine Sekunde, packte ihre Hand und zog sie schnell weiter. Auch Jonathan wollte weg hier, nur weg. Dann bemerkte er das gläserne Messer, das unangetastet auf dem Boden lag, keine zehn Schritte von den prügelnden Männern entfernt. Ohne nachzudenken, rannte er darauf zu. Keiner der Obdachlosen achtete auf den Jungen, der aus der Dunkelheit kam – bis er sich das Messer schnappte.

Schlagartig wurde es still. Die Männer hatten aufgehört, sich zu schlagen, und standen nun da wie Statuen. Sie blickten auf ihn herab, ihre Mienen kalt wie Eis. Jonathan steckte das Messer ein und rannte, so schnell er konnte. Sie folgten ihm nicht. Er wagte es nicht, sich umzusehen, warf sich unter dem Eingangstor durch, sprang auf sein Fahrrad und trat in die Pedale, als ob ihn der Teufel persönlich jagte.

Seine Gedanken überschlugen sich. Er hatte so viel gesehen und gehört, das keinen Sinn ergab. Er hatte Angst. Aurora selbst war bereits eine furchterregende Erscheinung. Wie schlimm mochten da erst die Feinde sein, von denen sie gesprochen hatte? War sie wirklich eine Verräterin? Wer war der Weltenwanderer? Und was hatte es mit diesem »Herz des Lazarus« auf sich? Er hatte gehofft, ein paar Antworten zu finden, doch stattdessen waren unzählige neue Fragen aufgetaucht.

»Wer seid ihr wirklich?«, hörte er sich flüstern.

Das Bild seiner Eltern, die liebevolle und ehrliche Menschen waren, es verblasste und verschwand. Nach der heutigen Nacht, das spürte er, würde in seinem Leben nichts mehr so sein wie zuvor.

Viertes Kapitel
Das Wispern des Sturms

Unbemerkt gelangte Jonathan zurück in sein Zimmer, kroch in sein Bett und fiel in einen kurzen, wenig erholsamen Schlaf. Wirre Träume plagten ihn. Er sah geifernde Männer vor einer Wand aus Feuer und dahinter das Gesicht von Aurora, die ihn mit Katzenaugen durchdrang, als ob sie auf den Grund seines Herzens blicken wollte: Mich kannst du nicht täuschen, mein Junge. Ich habe dich gesehen. Wo du auch hingehst, ich finde dich …

Schweißgebadet fuhr er hoch. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, dass er nur geträumt hatte, doch auch danach hämmerte sein Schädel, und sein Körper war erschöpft wie nach einem kräftezehrenden Marsch. Es war noch zu früh, um aufzustehen – gerade dämmerte das erste Licht am Himmel –, doch schlafen konnte er nicht mehr. Müde schleppte er sich in die Küche. Zu seiner Überraschung traf er dort auf seine Eltern, die ihn mit aschfahlen Gesichtern erwarteten.

»Guten Morgen, Jonathan«, sagte Cornelius.

Das flaue Gefühl in seiner Magengrube verstärkte sich noch.

»Hab ich was ausgefressen?«, fragte er leise.

Cornelius seufzte. »Ausnahmsweise sind wir es, die etwas ausgefressen haben – wenn du es so nennen willst.«

Helena faltete die Hände auf ihrem Schoß. Er bemerkte, dass sie zitterten. »Wir waren nicht ganz ehrlich zu dir. Aber du musst eins wissen, Schatz: Was wir getan haben, geschah aus Liebe zu dir. Das musst du uns glauben.«

Jonathan wurde unruhig. Hilfesuchend sah er zu seinem Vater.

Cornelius räusperte sich. Man sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, die richtigen Worte zu finden. »Viele Leute träumen davon, etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen. Ich nicht. Ich wollte immer nur ein ganz normaler Familienvater sein.«

Das war keine Neuigkeit für Jonathan. »Was ist denn so schlimm daran, etwas Besonderes sein zu wollen?«, fragte er.

»Nichts. Gar nichts – wenn man es so haben will. Manche sind dafür geschaffen. Andere nicht. Ich habe eine Aufgabe bekommen, die sehr gefährlich ist. Ich musste Helena einweihen, und seitdem teilen wir dieses Wissen. Und die Verantwortung.«

Er sah schuldbewusst zu Helena hinüber. Sie nahm seine Hand und hielt sie fest. Cornelius lächelte dankbar.

»Niemand darf wissen, wer wir sind und was wir tun«, fuhr er fort. »Unsere Nachbarn nicht, unsere Kollegen und Freunde nicht und schon gar nicht unsere eigene Familie. Nicht einmal …« Er räusperte sich verlegen und wich Jonathans Blicken aus. »Nicht einmal du, Jonathan. Es muss ein Geheimnis bleiben. Dazu sind wir durch einen Schwur verpflichtet. Außerdem ist das der einzig wirksame Schutz gegen unsere Feinde.«

Helena ergriff das Wort: »Wir haben versucht, ein normales Leben zu führen. Wir wollten eine Familie gründen. Und dann kamst du. Unser Sohn.«

»Wer seid ihr wirklich?«, fragte Jonathan mit klopfendem Herzen.

Er konnte sehen, wie seine Mutter blass wurde. Cornelius schwieg.

Jonathan hatte keine Lust auf ein Katz-und-Maus-Spiel. »Könnt ihr vielleicht mal damit aufhören, um den heißen Brei herumzureden? Ich bin kein Baby mehr.«

»Du wirst alles erfahren. Schritt für Schritt«, sagte Cornelius.

»Dieses Wissen bedeutet große Verantwortung. Und ein Leben in Gefahr«, fügte Helena rasch hinzu. »Wir wollten dich einweihen, wenn du bereit dafür bist.«

»Und wann soll das sein? Wenn ich hundert bin? Ich bin alt genug!«, rief Jonathan.

»Das ist nicht nur eine Frage des Alters. Wir wollten, dass du die Wahl hast, selbst zu entscheiden, welches Leben du führen willst.«

Jonathan beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen. »Ich war dort. Gestern Nacht. Ich habe gesehen, dass ihr das Messer benutzt habt. Und dass ihr mit Aurora gesprochen habt.«

Eine lautlose Bombe explodierte, und das Entsetzen grub tiefe Furchen in die Gesichter seiner Eltern. Seine Mutter ging auf ihn zu und nahm sein Gesicht in ihre Hände.

»Warum hast du das getan? Oh, Jonathan …«

Cornelius’ Stimme schwankte zwischen Wut und Enttäuschung. »Du hast uns hinterherspioniert? Das ist großartig. Wirklich großartig!«

»Was hättet ihr an meiner Stelle getan? Ihr habt mich belogen, seit meiner Geburt«, gab er wütend zurück.

»Du hättest mit uns reden sollen, bevor du uns quer durch die Stadt verfolgst.«

»Das habe ich versucht. Außerdem habt ihr mich nicht bemerkt, und Aurora auch nicht.«

»Natürlich hat sie dich bemerkt«, widersprach Helena leise. »Sie ist eine Sehende. Sie spürt deine Präsenz, wenn du ihr nahe genug bist.«

Das Blut versickerte in Jonathans Magen, als ihm bewusst wurde, was das bedeutete. Er hatte sich also nicht getäuscht: Auroras Blick durch das Feuer hatte ihm gegolten!

»Und wennschon«, gab er trotzig zurück. »Sie wusste vorher schon von mir. Und es ändert auch nichts.«

Cornelius musste sich setzen. Plötzlich wirkte er trotz seiner hünenhaften Statur winzig. »Wir wollten dich aus alldem heraushalten. Wir wollten, dass du ein normales Leben führen kannst. Ein Leben ohne Angst.«

Jonathan konnte es nicht fassen. Glaubten seine Eltern ernsthaft, dass Unwissenheit ein Schutz war? Hatten sie so wenig Vertrauen in seine Fähigkeiten? Hielten sie ihn für so schwach?

»Ihr hättet es mir sagen müssen!«, rief er. »Ihr hättet mir die Entscheidung überlassen müssen!«

»Du hast keine Ahnung, was hier gespielt wird!«, rief Cornelius zornig, um die Stimme gleich darauf wieder zu senken, als ob er fürchtete, belauscht zu werden. »Wir sind nur wenige, aber wir haben mächtige Feinde. Etwas – jemand – ist auf der Jagd nach uns.«

»Der Weltenwanderer«, sagte Jonathan.

»So nennen wir ihn, ja. Er hat noch viele andere Namen. Für die meisten ist er nur ein freundliches Gesicht, ein netter Nachbar oder ein harmloser Spaziergänger. Aber seine menschliche Gestalt ist nichts weiter als eine Maske. Dahinter versteckt sich ein Wesen, das heimtückischer ist als alles, was du dir vorstellen kannst. Es ist die Essenz der Finsternis in unseren Herzen. All die Jahre haben wir uns vor ihm versteckt. Wir haben dich vor ihm versteckt. Jetzt weiß es, dass du existierst. Ich kann nur hoffen, dass es keine Gefahr in dir sieht.«

Ein Schauer jagte über Jonathans Rücken. »In mir? Warum sollte ich gefährlich für ihn … für es sein?«

Helena warf Cornelius einen warnenden Blick zu, und so presste er die Lippen zusammen und schwieg. Jonathan wurde wütend.

»Ich will jetzt endlich die Wahrheit wissen!«

»Das muss warten!« Cornelius ballte die Hände zu Fäusten und nickte Helena entschlossen zu. Sie verstand und straffte sich.

»Ich gehe nach oben und packe die Koffer«, sagte sie.

»Nur das Nötigste! Nimm warme Kleidung mit. Und die Reiseapotheke. Ich suche die Papiere.«

»Schatz, vergiss bitte den Computer nicht. Und unsere persönlichen Sachen. Beim letzten Mal haben wir die Fotoalben liegen lassen, die Bilder von meinen Eltern. Ich will nicht, dass auch noch Jonathans Babyfotos verloren gehen!«

Beim letzten Mal? Sie waren also schon einmal geflohen. Vielleicht schon viele Male. Cornelius nahm Helena in die Arme und hielt sie fest.

»Egal, was passiert, ich werde nicht zulassen, dass sie unsere Familie zerstören.«

Dankbar legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Ihre Lippen formten stumme Worte, die er mit einem Kuss erwiderte.

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