Logo weiterlesen.de
Jonas bleibt

1

Eine weitere Minute verging. Gegen das Balkongeländer gelehnt, als wäre es eine Schiffsreling, spürte Alice Unruhe. Dachte: Das letzte Mal auf dem Balkon stehen, das letzte Mal in den Garten hinunter schauen. Sie hob den Blick. Sah in die Ferne über die blühenden Kronen der Kirschbäume hinweg. Erste Sonnenstrahlen verfingen sich in den Ästen. Sie stellte sich vor, bereits auf der Fähre zu sein.

Die farbige Häuserfront wird immer kleiner, die Segelmasten im Hafen sind kaum mehr erkennbar, das röhrende Geräusch des Schiffmotors, das angenehme Vibrieren. Ihre Haare bewegen sich im Fahrtwind, die Wanderhose flattert um ihre Beine, das Rauschen der Wellen schläfert sie ein. Dabei ist sie hellwach.

Alice trug bereits den Rucksack und spürte seine Wärme am Rücken. Sie atmete die Meeresluft ein. Schon jetzt kündigten sich die Gefühle an. Endlich in Bewegung sein.

Unten im Garten hing noch die Wäsche an der Leine. Die Bettbezüge und das weisse Laken wölbten sich in der kühlen Brise. Jonas wird sie am Abend zusammenfalten. Alice schloss die Augen, sah sich als Fleischstück in der Auslage von Pauls Metzgerei liegen. Und ausgerechnet Hanna stand hinter der Theke, wedelte mit einer rosa Plastikfolie durch die Luft. Unerträglich laut war das flatternde Foliengeräusch. Wut stieg in ihr auf, am liebsten hätte sie mit ihrer Faust eine Scheibe zerschlagen.

Für Alice gab es kein Zurück mehr. Viel zu lange hatte sie gewartet in der Hoffung, etwas würde geschehen. Einen Wartsaal hatte sie sich in ihrem Zimmer eingerichtet. Nichts durfte sich verändern in ihrer Welt. Und trotzdem war da immer eine leichte Ungeduld. Als wäre sie auf der Durchreise und fände keinen Ort, an dem sie ankommen könnte. Was ist es, worauf ich warte?, begann sie sich irgendwann zu fragen. Die Uhrzeiger drehten sich weiter, auch in diesem Haus. Doch die Möbel blieben stehen, wo sie schon immer gestanden hatten. Regelmässig wurden sie von Jonas abgestaubt, damit der Lack weiter glänzte. Nichts sollte darauf hinweisen, dass doch so vieles passierte. Und für all die Dinge, die geschahen, bildete das alte Haus die Kulisse. Ausser Takt waren sie geraten, keiner sollte es bemerken. Heimlich sehnten sie sich danach, zu viert zu sein. Das Kind fehlte ihr. Das Kind fehlte Jonas. Das Kind fehlte Etna. Eigentlich hätte sie dieses Loch, das so plötzlich entstanden war, einander näher bringen sollen. Alice konnte noch immer nicht verstehen, warum aus dem Loch ein Strudel geworden war, der sie, Jonas und Etna in unterschiedlicher Weise hinabgezogen hatte.

2

Es klingelt. Jonas erwacht und streckt die Hand nach dem Wecker aus. Es klingelt weiter. Jonas tastet im Dunkeln nach dem Telefon. Aber das ist schon lange ausser Betrieb. Es klingelt noch einmal. An der Tür. Eigentlich klingelt schon lange keiner mehr bei ihm.

Bis später. Das sagte seine Frau Alice damals, als sie sich vor einem Jahr von ihm verabschiedet hatte. Jonas hatte sich nichts dabei gedacht und nur genickt.

Noch immer fragt er sich, wie er so blind hat sein können, obwohl er ein Sehender ist. In der Dunkelheit glaubt er, Alice atmen zu hören. Jonas knipst die Lampe neben dem Bett an und blickt auf die Uhr. Sie zeigt drei und nicht sieben. Vielleicht geht sie vor oder zurück. Jonas schlüpft in seinen Morgenmantel. Ihm ist leicht schwindlig, als er barfuss über die Galerie zur Treppe geht. Im Erdgeschoss angekommen öffnet er die Wohnungstür. Aber da ist niemand.

Ende April. Vom Fensterbrett wirbelt Staub auf. Das Ende eines weiteren Morgens zeichnet sich am Sonnenstand ab. Jonas schaut sich gedanklich um. Was ihm noch bleibt, sind zwei Zimmer in einem alten Haus. Im Winter zieht der Wind durch die Ritzen in den Fensterrahmen. Im Sommer ist es staubig und heiss.

Wenn im August die Bagger auffahren und eine Mauer nach der anderen krachend zu Boden geht, will Jonas nicht mehr hier sein. Dieser Satz könnte auch der Refrain eines Liedes sein.

3

Alice klammerte sich an das Geländer des Balkons. Die weisse Farbe blätterte ab. Der grüne Anstrich, den ihr Vater vor Jahren gemacht hatte, blitzte an einigen Stellen hervor. In den vergangenen Jahren waren die sechs Quadratmeter des Balkons Alice’ Welt ausserhalb des Zimmers gewesen. Eine Welt, die sie nur selten betreten hatte, um in den Garten zu schauen. Wenn sie den Schritt auf den kalten Betonboden gewagt hatte, verspürte sie den Drang, auf den Zehenspitzen auf- und abzuwippen. Und die Luft, in die sie eintauchte, war ihr entweder zu kalt oder zu heiss und sie konnte kaum atmen. War es zu spät, um ins Zimmer zurückzukehren, begann sie in Panik zu schreien. Ihre Hände und Beine verkrampften sich, und sie bog sich unkontrolliert nach hinten. Nur wenn es regnete, stand sie ganz still. Oft hatte sie die Augen geschlossen, und hörte dem Rauschen zu. Alice konnte sich wegdenken. Einweben in den Regen, nannte sie dies. Denn das Rauschen, so stellte sie sich vor, klang überall auf der Welt gleich.

Die schweren violetten Vorhänge in Alice’ Zimmer waren meist zugezogen gewesen. Jonas hatte stets wiederholt, sie könne das Licht nicht ertragen, ungesund sei es für sie. Bis sie es irgendwann selber glaubte, wie so vieles, was er ihr über sie erzählt hatte. Aufgesogen hatte sie seine Sätze, seine Ratschläge, seine Geschichten. Es war, als würde sie in einem Körper wohnen, der nicht ihr gehörte.

Den Spiegel in ihrem Zimmer hatte sie irgendwann abgehängt, umgedreht und an die Wand gelehnt. Denn noch fremder kam sie sich vor, wenn sie sich anschauen musste.

Erst vor ein paar Wochen hatte sie gewagt, sich wieder im Spiegel zu betrachten. Sie hatte einen guten Tag gehabt, wie Jonas jeweils zu ihr sagte. Was er damit meinte, war, dass er hoffte, selbst einen guten Tag zu haben. Alice war in der Stadt spazieren gegangen. In einem Schaufenster hatte sie ihr Spiegelbild gesehen.

4

Jonas steht am Wohnzimmerfenster. Draussen regnet es. Die drei Kirschbäume im Garten zeigen ihr weisses Blütenkleid. Jonas schliesst die Augen, blinzelt zwischen den Wimpern hervor. Es könnte auch Schnee sein, der auf den Bäumen liegt. Jonas blinzelt sich ein Stück weiter zum Gartenhaus. Es flackert. Nein, es hüpft auf und ab. Sein Gartenhaus hüpft, als stehe es auf einem Trampolin. Jonas wundert sich, dass das schiefe Gartenhaus so lebendig ist. Nach dem ersten Hüpfer müsste es eigentlich in sich zusammenfallen. Bei ihm wäre das so. Die Knochen würde er sich brechen, sein Inneres wäre durcheinander. Dick- und Dünndarm würden sich unlösbar ineinander verschlingen. Leber, Milz und Gallenblase wären im Knäuel der Därme kaum mehr zu finden.

Könnte dieses Durcheinander wieder zu seiner alten Ordnung finden, wenn ich lang genug hüpfte?, fragt sich Jonas. Aber ein Organ bleibt ein Organ. Eine Worthülse für einen Raum, der auch nur eine Hülse ist.

Gerne hätte sich Jonas die Hand in den Mund gesteckt und durch die Kehle nach seinen Organen gegriffen und sie herausgezerrt. Eines nach dem anderen. Um sie vor sich auf dem Fenstersims aufzureihen. Übersichtlich, geordnet.

Danach hätte er sich erneut die Hand in den Mund gesteckt und durch die Kehle in den Innenraum gegriffen. Vielleicht hätte er ein Haarbüschel von Alice erwischt und sie aus sich herausgezogen. Vor ihm würde sie stehen, wie er sie vor einem Jahr das letzte Mal auf dem Balkon ihres Zimmers hatte stehen sehen. Das blaue T-Shirt zerknittert, die beige Wanderhose. Im Wind hat sie um die dünnen Beine von Alice geflattert. Sie lehnte sich an das Geländer und schaute in den Garten. Sie lehnte sich an das Geländer, als wäre es eine Schiffsreling. Jonas wollte sie umarmen. Aber Alice trug bereits den Rucksack am Rücken. Wer weiss, was sie dort alles eingepackt hatte, bevor sie verschwand?

Jonas blinzelt, das Gartenhaus hüpft weiter auf und ab. Wie viele Regengüsse hat dieses kleine Haus schon über sich ergehen lassen?, fragt er sich. Wie vielen Stürmen würde es noch standhalten? Seit Alice verschwunden ist, hat Jonas die Tür des Gartenhauses nicht mehr geöffnet. Wie es wohl drinnen aussieht?

Alice hatte sich schon lange ein Gartenhaus gewünscht. Jonas hatte es ihr aus Dankbarkeit gebaut. Sie zog mit ihm und Etna in das Haus ihrer früh verstorbenen Eltern ein. Zuvor hatte es zwei Jahre leer gestanden. Die Möbel und alle Gegenstände standen noch darin, als kämen ihre Eltern bald zurück. Einen Teil des Geldes, das Alice geerbt hatte, wollte sie in die Renovation des Hauses investieren.

Knapp zwei Jahre nachdem Jonas die Metzgerei von seinem Vater übernommen hatte, hielt er es dort nicht mehr aus. Der Vater kam jeden Tag ins Geschäft hinunter und fand immer etwas, das Jonas nicht richtig machte. So hatte er stets einen Grund, weiterhin in der Metzgerei zu arbeiten. Angeblich um Jonas zu helfen. Am Anfang schwieg Jonas in der Hoffnung, sein Vater würde ihn bald in Ruhe lassen. Als er sich dann doch zu wehren begann, endete jeder Arbeitstag mit mindestens einem ungelösten Streit.

Eines Tages verkündete er Alice: Ich werde keinen Tag länger in der Metzgerei arbeiten. Ich will nur noch weg.

Jonas sieht vor sich, wie sie damals heimlich in der kleinen, alten Wohnung über der Metzgerei das Nötigste in die Koffer und Kisten packten. Wie sie mitten in der Nacht, als aus der Wohnung seiner Eltern keine Geräusche mehr nach unten drangen, durch den strömenden Regen zu Alice’ Haus fuhren. Wie Alice den Schlüssel drehte, die schwere Holztür öffnete und er in die Eingangshalle trat. Hier hatte er sich sofort zu Hause gefühlt.

Er war nicht nur froh, den Launen des Vaters entkommen zu sein. Sondern auch diesem seltsamen Spiel von Nähe und Distanz, das seine Schwägerin Hanna mit ihm in der Metzgerei getrieben hatte. Alice erzählte er aber davon nichts.

Nachdem Jonas und Alice Metzgerei und Wohnung über Nacht verlassen hatten, sprachen seine Eltern und auch sein Bruder Paul kein Wort mehr mit ihm. Schweigen als Strafe, das kannte Jonas bereits von seinem Vater. Es war, als hätten sie als Familie beschlossen, dass dies seine gerechte Strafe sei. Er hatte keine andere Reaktion erwartet. Aber er wünschte sich, sein Vater würde ihn anschreien oder ihn ins Gesicht schlagen. Darauf hätte er etwas erwidern können. Wie sollte er anders auf kollektives Schweigen reagieren, als ebenfalls zu schweigen? Jonas konnte aber nicht verstehen, warum Paul wütend war. Er war nun Retter und Held. Hatte er doch nach Jonas Verschwinden sein Lehrerstudium für den Familienbetrieb geopfert und die Metzgerei übernommen.

Der richtige Moment, um das Gartenhaus zu bauen, war dann zwei Jahre später gekommen, als sie eine der sechs Tannen fällen lassen mussten. Sie war zu gross geworden und schwankte gefährlich im Wind. Jonas rief Paul an, sprach mit ihm als wäre nichts geschehen. Paul schien ihm in der Zwischenzeit verziehen zu haben und erklärte sich sofort bereit, zu helfen. Einen ganzen Tag lang beugte sich Paul über das Tannenholz und führte die Säge nach Jonas Anweisungen hin und her. Rastlos und mit viel Kraft. Jonas beobachtete seinen Bruder von der Terrasse aus. Den nackten Oberkörper und die sehnigen Arme. Einen Tag lang war Paul ein anderer Paul. Das Sägemehl staubte ins Gras.

Da flackert ein rostroter Fleck neben dem Gartenhaus. Jonas öffnet die Augen. Er sieht, wie der Fuchs hinter der Brombeerhecke verschwindet.

5

Alice blickte vom Balkon aus in ihr dunkles Zimmer. Viele verschwommene Jahre hatte sie hier verbracht. Nur in der Mitte, wo sich die violetten Vorhänge trafen, blieb ein Spalt, durch den die Sonne ins Zimmer drang. Ein heller Streifen lag auf dem Parkett, in den Sonnenstrahlen tanzte der Staub. Im Zimmer gab es an gewissen Stellen Licht und Schatten. Gegenstände erhielten Konturen.

So kurz vor dem Abschied war es, als würde Alice ihr Zimmer mit den Augen eines Besuchers sehen. Die bauschige Bettdecke, die Kissen in allen Grössen, ihre Bücher. Den leeren Schreibtisch, als hätte sie keine Ideen. Die Teekanne, die gestapelten Tassen. Der Wasserkocher, die Holzschachtel mit den Teebeuteln. Das Foto von dem Kind, das es an seinem letzen Geburtstag zeigt, die Kerze davor. Jonas wechselte sie aus, sobald sie halb abgebrannt war. Hinter den violetten Vorhängen war der Balkon versteckt gewesen, auf dem Alice nun stand. Trotz allem, was geschehen war, wollte sie gewisse Dinge in Erinnerung behalten. Den Blick hinunter in den Garten, die Tannen, die Sträucher, die Blumen, ihr Gartenhaus, den Weg aus Granitplatten.

Nichts war seit jenem schrecklichen Tag in ihrer Familie mehr, wie es zuvor gewesen war. Den Garten jedoch hatten Etna und Jonas seit dem Tod des Kindes gemeinsam gepflegt und angelegt, als hätten sie es mit Alice’ Händen getan. Alice hatte es als Zeichen ihrer Liebe verstanden. Der Blick in den Garten hatte ihr in all den Jahren ein Gefühl von Heimat gegeben, von Orientierung. Doch zuletzt konnte sie den Anblick kaum mehr ertragen. Der Garten hatte sich nicht verändern können. Selbst die Bäume waren kaum grösser geworden, weil sie Jonas im Dezember immer wieder akkurat in dieselbe Form schnitt.

Der Gedanke war Alice vor ein paar Tagen gekommen: Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Ort, an dem selbst die Pflanzen dem Diktat eines Menschen folgen. Wozu der grosse Aufwand, den Jonas betreibt, damit sich nichts verändert?, fragte sie sich. An diesem Ort konnte sie nicht bleiben.

6

Jonas öffnet die Tür, die über eine mit Moos bewachsene Steintreppe in den Garten führt. Auf den Stufen kleben Schnecken, die sich zusammenrollen, wenn er aus Versehen auf sie tritt. Von den Weinbergschnecken sind nur noch die Häuschen übrig geblieben, die Jonas als Botschaften von Verreisten liest.

Früher sammelte er die Häuschen an den schattigen Plätzen unter der Hecke und legte sie an die Mittagssonne. Später präsentierte er seinem Bruder Paul stolz seine Sammlung, die er in einer alten Schuhschachtel aufbewahrte. Mehrere Tage hatte er in den Herbstferien gebraucht, um sie zu bemalen. Verschiedene Blautöne wechselten sich mit Weiss ab. Die Schachtel versteckte er unter seinem Bett. Im Deckel führte er eine Liste, in die er die neue Anzahl Schneckenhäuser samt Datum eintrug, weil er befürchtete, dass Paul ihn beklaute, während er in der Schule war.

Paul konnte schon im Kindergarten lesen und begann kurze Zeit später in ein Notizheft zu schreiben. Am liebsten las er Jonas daraus vor. Neben Lesen und Schreiben lernte Paul auch Rechnen ohne Anstrengung. Trotzdem beklagte er sich beim Abendessen über die Hausaufgaben. Gestikulierte mit aufgerissenen Augen und gab seiner Stimme einen dramatischen Unterton, wenn er Jonas und den Eltern sein Leid klagte. Nur Jonas schien zu erkennen, was für ein Spiel sein Bruder spielte. Keiner bemerkte, dass die Küche Pauls ideale Bühne war. Weshalb wunderten sich die Eltern nicht, dass Paul seine Hausaufgaben nebenbei am Frühstückstisch löste? Für sie war klar, dass Paul später einmal studieren und nicht in der Metzgerei stehen würde.

Einmal las Jonas heimlich in Pauls Notizheft. Jonas beneidete Paul um seine Leichtigkeit, neue Dinge zu lernen. Als er in dem Heft las, wurde sein Neid noch grösser. Jonas war sich sicher, dass Paul diese Notizen nur für ihn machte. Paul wollte, dass Jonas dasselbe Wissen hatte wie er. Aber Jonas fühlte sich nur noch dümmer, noch langsamer.

Seit Paul auf der Welt war, bewunderten ihn alle. Sein Vater erwähnte regelmässig, wie gross Pauls Gehirn im Vergleich zu dem anderer Jungen seines Alters sei. Auch die Kundinnen der Metzgerei verfielen in ein Säuseln, sobald sie Paul erblickten. Es spielte keine Rolle, ob er neben dem Tresen im Kinderwagen lag und schlief oder ihnen entgegenlief. Die eine kniff ihn in die Wange, die andere fuhr ihm durchs Haar, und die dritte küsste ihn auf die Stirn. Auch als Paul schon das Lehrerseminar besuchte, nannten die Kundinnen ihn Päulchen, sobald sie in die Metzgerei stöckelten. Betrachteten ihn mit besorgtem Blick und voller Stolz. Jonas fragten sie nur höflichkeitshalber, wie es ihm gehe.

Jonas weiss, dass Paul ihm seine Liebe zu Hanna wohl nie wird verzeihen können. Auch Alice’ Verschwinden vor einem Jahr hat daran nichts geändert. Paul meldet sich nicht mehr bei ihm, kommt nicht vorbei. Auch Mitleid hat er keines. Zwischen ihnen steht wieder Schweigen.

7

Alice löste sich vom Balkongeländer, blinzelte in den Garten, ein verstecktes Winken. Auf der Schwelle zu ihrem Zimmer blieb sie stehen. Ein letztes Mal blickte sie sich um, die violetten Vorhänge lagen auf dem Fussboden, sahen aus wie ein Wesen, das sich auf dem Parkett ausgestreckt hatte und schlief. Alice hatte sich an die Stoffbahnen gehängt und geschaukelt, bis die Vorhangstange brach und zu Boden krachte.

Sie konnte nicht weinen, die Fenster erschienen ihr nackt.

Alice stieg über das schlafende Wesen und schloss die Balkontür. Dann breitete sie die Wolldecke, die noch von ihrer Mutter stammte, über das Bett. Mit beiden Händen strich sie die Falten glatt. Die Möbel und Dinge, die ihr Zimmer füllten, würde sie zurücklassen. Sie hatte fast Mitleid mit ihnen. Sie würden es wohl nie aus diesem Wartesaal hinaus schaffen. Ausser sie bekämen, wie durch einen Zauber, irgendwann kleine Räder angeschraubt. Sie würden aus ihrem Zimmer über den Teppich auf der Galerie an Jonas’ Schlafzimmer vorbeirollen, die Treppe hinunter, eine Rechtskurve durch die Eingangshalle fahren, angezogen von der Haustür. Ein Windstoss würde die Tür öffnen. Ihre Möbel, all ihre Dinge, die sie zurückgelassen hatte, würden über die Steinstufen durch den Vorgarten auf die Strasse rollen. Und sich durch die Stadt in verschiedene Richtungen davonmachen. Sie sah vor sich, wie die Bücher, die sie umgeben und begleitet hatten, mit Rädchen am Buchdeckel durch die Strassen flitzten.

8

Jonas bleibt auf der letzten Treppenstufe stehen. Sein Garten ist nicht mehr, was er einmal war. Im hochstehenden Gras wachsen Mohnblumen, Akeleien und Margeriten. Die Brombeer- und Himbeersträucher haben sich in der Mitte des ehemaligen Rasens getroffen, sind ineinander verwachsen und haben sich netzartig ausgebreitet. Die fünf Tannen ragen weit in den Himmel und verbergen unter ihren Ästen Waldboden. Neue Tannen sind gewachsen. Jonas könnte im Winter eine von ihnen als Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen. Aber seit Alice’ Verschwinden feiert Jonas Weihnachten nicht mehr. An Weihnachten will er an gar nichts denken. Wenn im August die Bagger auffahren und eine Mauer nach der anderen krachend zu Boden geht, will Jonas nicht mehr hier sein.

Holunder-, Flieder- und Haselbüsche sind Bäume geworden. Ein Ast des Apfelbaums liegt abgebrochen am Boden, eine geöffnete Hand. Vom Weg, den er und Alice vor vielen Jahren mit Granitplatten quer durch den Garten gelegt haben, ist nichts mehr zu sehen. Nicht einmal das Ende seines Gartens kann Jonas erkennen. Die Vorstellung eines unendlichen Gartens gefällt ihm.

Irgendwo im Durcheinander, das die Natur in den letzten Jahren geschaffen hat, versteckt sich der Fuchs. Ob er schon lange im Garten lebt? Jonas setzt sich auf die Treppenstufe und wartet. Er bewegt den Kopf hin und her und versucht, den gesamten Garten zu überblicken. Der Fuchs zeigt sich nicht. Aber Jonas ist sich sicher, dass er ihn beobachtet.

9

Alice tastete nach ihrem Rucksack, sie wusste, was sie eingepackt hatte. Sie spürte, wie ihr Oberkörper von einem Zittern erfasst wurde.

Jonas lehnte sich gegen den Türrahmen. Er sah verloren aus, seit Hanna gestorben war. Aber Alice’ Mitleid mit ihm war aufgebraucht. Und wenn sich das Mitleid dennoch ihre Kehle hochwand, schaute sie auf seine Hände, und das Gefühl verschwand sofort. Seine Hände auf Hannas Haut. Seine Hände an den violetten Vorhängen.

Alice schaute auch jetzt auf seine Hände, um sich von ihm verabschieden zu können. Seine Wahrheit war, dass sie auf eine Wanderung ging und am Abend wieder zurückkehrte. Wenn Alice einen guten Tag hat, soll sie wandern gehen, hatte einer der Ärzte zu Jonas gesagt. Ihre Wahrheit war eine andere. Sie wollte dieses Haus und damit die Erinnerungen endlich hinter sich lassen. Alice strich Jonas über den Arm und sagte: Mach’s gut. So, wie sie es immer gesagt hatte. Doch heute meinte sie es so. Während sie ein letztes Mal in die Landschaft seines Gesichtes blickte, hätte sie ihn am liebsten gleichzeitig angespuckt und umarmt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Jonas bleibt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen