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John Sinclair - Sammelband 4

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Bestien in New York
  4. Die Rache der Wölfin
  5. Der Bogie-Mann
  6. Alfreds kleiner Horror-Laden
  7. Wo Deborah den Teufel trifft
  8. Der Fund

Bestien in New York

(Teil 1)

Es ist schon ungewöhnlich, wenn man gleich von zwei hübschen Frauen zum Flughafen begleitet wird. Mir passierte dies. Jane Collins und Glenda Perkins hatten es sich nicht nehmen lassen, so lange an meiner Seite zu bleiben wie möglich.

Es folgte der Abschied. Küßchen links, Küßchen rechts, keine der beiden kam zu kurz.

Wohin ich fliegen wollte, fragen Sie? Ganz einfach, nach New York, denn dort wollte ich jemand treffen.

Auch eine Frau. – Nadine Berger!

Vorgeschichte

Dieses verdammte würgende Geräusch aus dem Telefonhörer klang noch immer in meinen Ohren nach, als ich den Rover herumriß und in die schmale Einfahrt lenkte, die einen Tunnel in das Haus schnitt. Das Würgen war untermalt worden von heftigen, keuchenden Geräuschen, schon kein Atmen mehr, obwohl ein Mensch diese Geräusche von sich gegeben hatte.

Jemand hatte mich sprechen wollen, mir seinen Namen genannt und auch seine Anschrift. Mehr nicht. Dann das Würgen, die Angst, das heftige Atmen.

Ich hatte mich in den Rover gesetzt und auch Suko, meinen Freund und Kollegen, mitgenommen, der sich festhielt, als ich den Wagen so scharf herumgerissen hatte.

»Willst du alle Rekorde brechen, Alter?«

»Nein, nur nicht zu spät kommen.«

»Okay.«

Wir folgten dem Lichtteppich der Scheinwerferstrahlen, die das beleuchteten, was hinter der Einfahrt lag.

Es war der Hof, ein Gelände mit Gebäuden, die aus Werkstatt und Wohnhaus bestanden und eine flache, barackenähnliche Form aufwiesen.

Fenster schimmerten als viereckige Ausschnitte, wenn das Licht der Scheinwerfer darüber hinwegglitt. Menschen sahen wir nicht. Dafür drückte die Hitze.

In der Dunkelheit hatte es sich nur wenig abgekühlt. Die Hitze schien die Menschen erdrücken zu wollen. Das war kein Wetter für mich.

Am Himmel zeigte sich der Mond. Fahlgelb, kreisrund und in die Tiefe glotzend. Eine furchtbare Nacht, mit dem wir uns herumzuschlagen hatten.

Ich hatte den Wagen mitten auf den Hof gelenkt und ihn gestoppt. Zugleich stiegen Suko und ich aus. Ob sich jemand auf dem Gelände aufhielt, konnten wir nicht erkennen. Wenn ja, hielt er sich gut versteckt. Schatten gab es zur Genüge.

Wir schauten uns um. Der Anrufer hatte nur von einem Hinterhaus gesprochen. Fragte sich nur, welches wir betreten sollten. Es gab eines auf der rechten und das andere auf der linken Seite.

Dann hörten wir Schritte, die sich uns schlurfend näherten. Suko drehte sich zur Einfahrt hin. Unter ihrem Bogen zeichnete sich die Gestalt ab.

Mein Freund ging auf sie zu. Die Gestalt wollte fliehen, aber Suko war schneller, hielt sie fest und sprach mit ruhiger Stimme auf sie ein. Ein Mann antwortete ihm.

Ich ging zu den beiden hin und hörte Sukos Frage. »Ist es hier immer so leer?«

Der Mann holte saugend Luft, bevor er redete. »Nein, nicht immer. Aber die Leute sind verschwunden. Sie haben Angst.«

»Vor wem?«

Der Mann drehte den Kopf und schielte hoch zum Himmel. »Da steht er wieder.«

»Vor dem Vollmond?«

»Richtig.«

Suko lachte leise. »Wie kann man vor einem Vollmond Angst haben? Das begreife ich nicht.«

»Nicht vor ihm, Mister, vor den Folgen. Da drehen manche durch, glauben Sie mir.«

»Wer hier?«

»Cushman!«

Das schien unser Mann zu sein. Einen Namen hatte der Anrufer mir nicht genannt.

»Was tut dieser Cushman?« wollte ich wissen.

»Er … er schreit, er heult, er dreht hin und wieder durch. Wir können es immer hören, dann flüchten wir.«

»Sagen Sie uns nur, wo wir ihn finden können«, bat Suko.

»In der linken Baracke.«

»Danke.« Suko ließ den Mann los, der einige Schritte zur Seite ging, dann Mut gefaßt hatte und seine Frage stellte. »Was … was wollen Sie denn von ihm?«

»Mit ihm sprechen.«

»Und worüber?«

»Gehen Sie lieber«, sagte ich. »Noch eine Frage. Ist er schon einmal gewalttätig geworden?«

»Keine Ahnung.« Der Knabe hatte es plötzlich eilig. Wie ein Irrwisch hetzte er durch die Einfahrt.

Suko schaute mich an. »Was sagst du, John?«

»Bisher nicht viel, Alter. Hier scheinen nur einige Leute Angst bekommen zu haben.«

»Wovor nur?«

»Das werden wir gleich sehen.«

Der Knabe war der erste gewesen und blieb es auch. Wie leergefegt war der Hinterhof, in dem wir uns noch einmal umschauten. Dabei streifte mein Blick abermals den Mondkreis, und ich dachte an die Worte des Mannes, der dem Vollmond die Schuld für ein verändertes Verhalten gegeben hatte.

Die Tür zum Anbau fand ich an der Seite. Mit der Lampe leuchtete ich sie ab.

Das Ding sah aus, als sei häufig dagegen getreten worden. So viele Macken besaß das Holz. Farbe war kaum noch vorhanden, das Schloß konnte man vergessen; die Klinke hing traurig nach unten. Mit dem Fuß drückte Suko die Tür auf. Sie war kaum nach innen geschwungen, da hörten wir das mir bekannte Geräusch.

Ein heftiges Keuchen und Würgen. Dazwischen Worte, die verstümmelt wirkten.

Suko schaute mich an, ich ihn. »Begreifst du das, John?«

»Nein.«

»Warum quält sich dieser Mann? Warum hat er dich …?«

Ich hörte gar nicht hin, weil ich vorgelaufen war und nach links ging, wo ich eine Tür sah, die nicht verschlossen war. Durch den Spalt drangen die Laute.

Und es fiel auch ein Streifen Licht nach draußen, der auf dem schmutzigen Flurboden einen hellen Flecken hinterließ.

Ich blieb vor der offenen Tür stehen. Das Licht stammte von einer Lampe, die ihren Platz auf einem Schreibtisch oder einem ähnlich hohen Gegenstand gefunden haben mußte.

In ihrem Schein an der rechten Seite zeichnete sich der scharfe und schattenhafte Umriß eines Mannes ab. Im Moment war er ruhig, bis auf die normalen Atemzüge.

Ich klopfte nicht, stieß die Tür auf. Suko folgte mir auf dem Fuß, und beide blieben wir wie angewurzelt stehen, denn das Bild, das uns erwartete, war furchtbar.

Cushman saß tatsächlich hinter seinem Schreibtisch, den Arm leicht angewinkelt. Die Hand lag flach auf der Platte. Darunter schimmerte ein heller Bogen Papier.

Beides zusammen – Papier und Hand – waren mit einem Messer auf die hölzerne Schreibtischplatte festgenagelt worden!

***

Ich sah nicht nur das Papier, auch das dünne Blut, das an der Hand entlang nach unten geflossen war und sich auf dem Papier verteilt hatte wie ein rotes Spinnennetz.

Ein normaler Mensch hätte geschrien oder wäre bei diesen starken Schmerzen bewußtlos geworden. Nicht so dieser Cushman, der wie festgeleimt auf seinem Stuhl saß, Suko und mich anstarrte, aber so aussah, als würde er uns gar nicht sehen.

Ich schätzte ihn etwas älter als mich. Sein Haar glänzte. Dabei sah es aus, als hätte man über die dunklen Locken Öl gekippt. Auch das Gesicht mit dem breiten Mund und den dicken Lippen zeigte einen nassen Film. Die Augen sahen aus, als hätte jemand zwei Glaskugeln in die Höhlen hineingedrückt.

Der Mann sagte nichts. Er schrie auch nicht, sondern schaute uns an, wobei sich der Ausdruck seiner Augen änderte und so etwas wie Hoffnung in sie drang.

»Cushman?« fragte ich.

Er nickte.

»Mein Name ist John Sinclair. Wenn mich nicht alles täuscht, haben Sie mich angerufen.«

Er nickte oder deutete zumindest so etwas wie ein Nicken an, bevor sich sein Mund noch mehr in die Breite schob.

Ich ging näher, während Suko an der Tür stehenblieb und mir den Rücken deckte.

Verflucht noch mal, er mußte Schmerzen haben. Nicht nur an der Hand. Wenn mir jemand ein Messer in den Handrücken stieß, dann würde ich brüllen vor Schmerzen.

Cushman sagte nichts.

Am Schreibtisch blieb ich stehen. Auf ihm lagen einige Papiere neben Magazinen und Zeitungen. Ich beugte mich vor und formulierte meine Frage: »Wer war es, Cushman? Wer hat das getan? Können Sie mir eine Antwort geben?«

Diesmal holte er normal Luft. Ohne zu würgen und auch ohne zu schlucken. »Sinclair, das habe ich selbst gemacht. Ich habe mir das Messer durch den Handrücken gerammt. Verstehen Sie? Ich selbst!«

Das mußte ich erst verdauen. Mit solchen Leuten hatte ich bisher wenig zu tun gehabt.

»Können Sie mir auch den Grund nennen, Mr. Cushman?«

Er nickte und zog dabei eine Grimasse. Wahrscheinlich bekam er durch die Bewegung wieder Schmerzen. »Ja, es gibt einen Grund. Sinclair. Einen verdammten und verfluchten Grund. Ich habe mich vor mir selbst schützen wollen.«

»Was?«

»Gehen Sie zum Fenster!« keuchte er. Als ich zögerte, wiederholte er seine Aufforderung. »Los, Sinclair, gehen Sie schon! Machen Sie schnell! Gehen Sie!«

Ich hob die Schultern und tat ihm den Gefallen. Die Scheibe war zwar schmutzig, hinaussehen konnte ich trotzdem und schaute schräg gegen den dunklen Himmel, der eine Farbe aufwies, die zwischen Schwarz und Blau lag.

»Was sehen Sie?«

»Himmel, Sterne …«

»Das ist mir zu wenig. Was noch?«

»Den Mond.«

Ich fuhr aufgeschreckt herum, als ich sein krächzendes Lachen hörte. »Ja«, sprach er in meine Richtung und meinte auch Suko damit. »Der Mond steht am Himmel. Der verfluchte Vollmond, den ich hasse. Verdammt, ich hasse ihn.«

»Und deshalb haben Sie sich ein Messer durch Ihre Hand gerammt?« fragte Suko von der Tür her.

»Ja, um mich zu schützen. Ich … ich wollte nicht mehr diese verfluchte Scheiße erleben.« Er heulte fast. Aus seinen Augen rollten Tränen und hinterließen auf den Wangen nasse Spuren.

»Vor dem Mond?«

»Klar, Sinclair, deshalb rief ich Sie an. Vor dem Mond und vor dessen Folgen.«

»Dann sind Sie mondsüchtig?«

»Nein, was anderes.«

Ich war wieder an den Schreibtisch herangetreten und beugte mich über ihn hinweg. »Was würden Sie sagen, wenn ich das Messer aus Ihrer Hand hervorziehe?«

»Ich würde es Ihnen nicht raten!« keuchte er.

»Warum nicht?«

»Es kann gefährlich sein. Verdammt gefährlich, Sinclair. Ich garantiere für nichts.«

»Aber Sie können doch nicht hier ewig sitzenbleiben und auf das Messer starren.«

»Ich muß es.«

»Machen Sie das immer?«

»Nur wenn der Mond scheint. Es dient meiner eigenen Sicherheit, Sinclair.«

»Okay, Cushman, das akzeptiere ich. Aber weshalb riefen Sie mich an? Was wollten Sie von mir? Warum haben Sie sich mit mir in Verbindung gesetzt? Was sollte ich tun?«

»Sie sollten kommen und sich das ansehen.«

»Okay, jetzt sind wir da. Wir sehen Sie. Nur kann ich mir Ihr Verhalten nicht erklären.«

Er überlegte eine Weile, bevor er sagte: »Ich werde Ihnen die Erklärung gleich liefern.«

»Bitte.«

Er atmete durch die breiten Löcher seiner Nase und schnaufte dabei. »Machen Sie es, Sinclair! Ziehen Sie mir dieses verdammte Messer aus der Hand.«

»Warum sollte ich? Sie haben es sich hineingerammt. Sie sollten es auch wieder …«

»Tun Sie es schon, verdammt.«

Ich schaute zu Suko hin, der die Schultern hob. Ihm war es im Prinzip egal.

Dann nickte ich Cushman zu. »Wenn Sie meinen, werde ich Ihnen den Gefallen tun.« Als ich meine Hand um den Griff gelegt hatte, nickte er und sagte: »Ja, Sinclair, das ist ein Gefallen. Sie glauben gar nicht, welch einen Gefallen Sie mir damit tun.«

Für mich sprach der Mann in Rätseln. Bisher konnte ich hinter seinen Worten nichts entdecken. Er war meiner Ansicht nach ein Masochist, allerdings kein Wichtigtuer, denn so einfach rammte man sich kein Messer durch die Hand.

Cushman drehte den Kopf. Sein weißes Hemd klebte durch die Schweißflecken auf seiner Haut. Auf dem hellen Stoff zeichneten sich noch einige Blutspritzer ab.

»Jetzt!« keuchte er.

Es fiel mir nicht leicht, aber immerhin leichter als der umgekehrte Vorgang.

Mit einem heftigen Ruck zerrte ich die Klinge aus seiner Hand. Gleichzeitig sprudelte Blut hervor, was ihn allerdings nicht weiter störte, denn aus seinem Mund drang ein langes Seufzen, und er schien mir sehr erleichtert zu sein.

Langsam sank sein Oberkörper zurück, bis er die Rückenlehne erreicht hatte. Dort blieb er sitzen. Seine Hand war mit der Fläche über den Schreibtisch hinweg nach vorn gerutscht, lag aber noch auf der Kante. Wenn mich nicht alles täuschte, befanden sich mehrere Wunden auf den Rücken. Cushman hatte sich wohl nicht zum erstenmal auf seine Schreibtischplatte festgenagelt.

»Und jetzt?« fragte ich.

Er starrte mich an. »Sie … Sie haben es getan!« flüsterte er. »Sie haben es getan – danke.«

»Es hat mich Überwindung gekostet, aber den Sinn dahinter sehe ich noch nicht.«

»Das werden Sie schon bald merken«, flüsterte er. Cushman schaute an mir vorbei. Er hatte sich so gedreht, daß sein Blick auf das Fenster fallen konnte. Durch die Scheibe konnte er schräg in die Höhe schauen und auch zum Himmel hin, wo das Auge des Mondes stand.

Suko hatte die Tür geschlossen und stand neben mir. Seine Stirn war gerunzelt, ich kannte ihn. Wenn er so aussah, kam er ebenfalls nicht klar. Sein Kopfschütteln machte es mir auch deutlich.

»Wie geht es weiter, Cushman?« wollte er wissen. »Sollen wir hier die Nacht über stehenbleiben?«

»Geben Sie mir was zu trinken.«

»Wo …?«

Mit der gesunden Hand deutete er auf einen Spind hinter uns an der Wand. »Da ist Wasser.«

Suko öffnete die Tür. Mehrere Flaschen mit Mineralwasser standen dort und auch die entsprechenden Gläser. Suko schenkte ein Glas voll, das Cushman mit zitternder Hand entgegennahm. Er trank in langen Schlucken, den Blick starr über den Glasrand hinweggerichtet.

Mit ihm stimmte einiges nicht. Wir waren auch nicht gekommen, um einfach nur bei ihm zu bleiben. Es mußte irgendwo weitergehen, da gab es keine andere Möglichkeit.

Cushman stellte das leere Glas weg. Die Flüssigkeit trieb ihm noch mehr Schweiß aus den Poren, der sein Gesicht zu einer glänzenden Fläche verwandelte.

»Wir haben unsere Zeit nicht gestohlen!« sagte Suko.

»Das weiß ich. Ich will Sie auch nur bitten, noch zehn Minuten bei mir zu bleiben.«

»Das soll reichen?«

»Ja, Mister, es reicht, glauben Sie mir. Es wird immer reichen, das kann ich Ihnen versprechen.«

»Was passiert dann?«

»Fragen Sie nicht, Sinclair. Seien Sie froh, daß ich mich überwunden habe, Ihnen Bescheid zu geben. Das hätte nicht jeder in meiner Lage getan. Ich habe einen Fehler begangen und kann ihn nicht mehr ausmerzen, wenn Sie verstehen.«

»Noch nicht.«

Er ging nicht auf meine Bemerkung ein, sondern sagte mit sehr ernst klingender Stimme: »Nicht nur ich habe Fehler begangen, nicht nur ich. Daran sollten Sie denken, wenn es soweit ist.«

Suko wurde ärgerlich. »Lassen Sie uns doch nicht ins Leere tappen. Sagen Sie uns endlich, was in der abgelaufenen Zeitspanne geschehen wird! Überwinden Sie sich endlich!«

Cushman ließ sich nicht beirren oder einschüchtern. Er verfolgte seine eigenen Pläne, die damit begannen, daß er sich von seinem Stuhl in die Höhe drückte.

Wir hinderten ihn nicht daran und ließen ihn auch in Ruhe, als er den Schreibtisch umging. Mit sehr schweren Schritten bewegte er sich auf das Fenster zu und hatte es noch nicht erreicht, als er nach vorn fiel. Es sah beinahe so aus, als könnte er nicht mehr stoppen und würde durch die Scheibe fallen.

Rechts und links des Fensters stemmte er sich an der Wand ab, drehte den Kopf so, daß er nach draußen in den dunklen Himmel schauen konnte, wo sich die Gestirne klar und deutlich abzeichneten.

Wenn ich mir ein Messer durch den Handrücken gestoßen hätte, wäre meine Reaktion sicherlich eine andere gewesen. Ich hätte mich nicht mehr auf den Beinen halten können, aber Cushman schien der Schmerz überhaupt nichts auszumachen.

»Ist der Knabe noch normal?« flüsterte mir Suko zu.

»Sind wir es?«

»Weiß ich nicht.«

»Wir stehen hier herum und warten darauf, daß sich etwas tut. Ich weiß nicht, ob das alles so normal ist. Jedenfalls kann ich es mir kaum vorstellen.«

»Ich auch nicht.«

Die Zeitspanne, die er sich ausgebeten hatte und die wir ihm gelassen hatten, verrann. Für uns viel zu langsam, aber Cushman nahm es hin. Es gab für ihn keine andere Möglichkeit.

Manchmal bewegte er den Kopf, als wollte er seinem sich schwach abzeichnenden Spiegelbild zunicken. Dann wiederum drehte er ihn nach rechts oder in die andere Richtung, ohne uns allerdings anzuschauen.

Urplötzlich stand er starr. So unnatürlich steif, daß es uns sofort auffiel.

»Jetzt passiert etwas!« zischelte Suko.

Noch tat sich nichts. Cushman drückte nur seinen Kopf noch weiter nach vorn, bis er mit der Stirn die Scheibe berührte.

Suko wollte zu ihm, aber ich hielt meinen Freund fest. »Laß ihn, Suko, laß ihn.«

Cushmans Körper begann zu zucken, als würde er von Peitschenschlägen traktiert. Er bewegte auch seinen Kopf, rammte die Stirn gegen die Scheibe. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie zerbrechen würde.

Und sie zerplatzte!

Es klirrte nicht einmal laut. Viel deutlicher war das Geräusch, das sich in das Splittern mischte und aus dem Mund des Mannes in die Stille der Nacht hineinhallte.

Ein unheimlich klingendes, schauriges Heulen, das von einem Tier stammen mußte, aber nicht von einem Menschen.

»Verdammt!« rief ich, »das ist …«

Ich brauchte es nicht auszusprechen, denn Cushman fuhr wie von einem Nagel gestochen herum.

Er war dabei, sich zu verwandeln, und er wollte seine zweite Gestalt annehmen.

Die eines Werwolfs!

***

Ich will nicht sagen, daß wir sehr geschockt waren, überrascht allerdings schon. Mir jagten dabei einige Gedanken durch den Kopf, die ich aber zurückstellen mußte, weil es mir nicht gelang, sie in die Reihe zu bringen.

Cushman lehnte mit dem Rücken an der Fensterbank. Hinter ihm befand sich das scheibenlose Viereck. Sein Gesicht war in die Breite gegangen, sah aus, als wäre es in seiner Natürlichkeit gesprengt worden. Von der Haut war nur mehr eine dunkelbraune Fläche zurückgeblieben, auf der etwas sproß, das wie ein Flaum aussah.

Dichte Haare, die sich zu einem Pelz vereinigten, der leicht schimmerte.

Die Nase stand vor, der Mund war zu einem breiten Maul geworden, und seine Zähne hatten sich in helle Reißer verwandelt. Wir konnten zuschauen, wie aus den Poren seiner Arme Haare sprossen und sich immer mehr zusammendrängten, bis sie die Dichtheit besaßen, die eben einen Pelz ausmacht.

Von seinen ursprünglichen Händen sahen wir auch nichts mehr. Sie waren zu dunklen Pranken geworden!

Auch von seinen Schuhen waren nur mehr Fetzen vorhanden. Das andere hatte die Kraft einfach weggesprengt.

Er bewegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Immer wieder produzierte er Laute, die als wildes Heulen durch den Raum schwangen. Keiner von uns hatte eine Waffe gezogen. Wir wußten den Grund selbst nicht zu sagen, vielleicht trauten wir uns auch nicht, denn der Mensch Cushman hatte mich eingeladen.

Warum sollten wir zuschauen, wie er sich in dieses Monstrum verwandelte? Wollte er etwa, daß wir ihn töteten? Mit seinen kleinen Augen stierte er uns an.

Sie besaßen die Form von ovalen Leuchtkugeln, in denen es kalt schimmerte.

Dann sprang er merkwürdigerweise zurück. Die Fensteröffnung war breit genug, um auch den veränderten Körper hindurchzulassen.

Er war schneller als wir. Als ich ihm folgte und Suko den Weg durch die Tür nahm, hatte er sich schon wieder aufgerichtet und floh quer über den Hof.

Es hatte keinen Sinn, ihm nachzuschreien, er würde sowieso nicht stehenbleiben. Ich jumpte nach draußen, kam ebenso gut auf und wollte hinter ihm her.

Da verließ Suko die Baracke, huschte um die Ecke und hatte das Glück oder das Pech, dem Werwolf genau in den Weg zu rennen. Cushman stieß sich ab. Wie ein gewaltiger, dunkler Klotz segelte er durch die Luft auf meinen Freund zu, um den ich plötzlich Angst bekam. Ich hatte nicht gesehen, daß Suko eine seiner Waffen offen trug, aber er reagierte auch ohne exzellent.

Bevor der Werwolf ihn erreichte und seinen Trieb stillen konnte, tauchte Suko weg, rollte sich über den Boden und konnte mit ansehen, wie die Bestie ins Leere sprang. Sie rutschte dabei auf der staubigen Unterlage weiter, bis sie gegen die Kühlerfront des Rover krachte und dort sicherlich die Stoßstange verbog.

Suko war schneller auf den Beinen. Er hatte die Peitsche gezogen und einmal den Kreis geschlagen.

Als er zuschlug, schleuderte ich meinen geweihten Silberdolch. Keiner von uns verfehlte die Bestie. Wie ein Blitz fuhr der Dolch in das dichte Fell. Von der Seite her klatschten die drei Riemen der Dämonenpeitsche gegen die Gestalt und rissen gewaltige Streifen in das dunkle Fell.

Der Werwolf wollte gerade wieder aufstehen. Die Treffer hatten ihn zusammensacken lassen. Der linke Arm und die Pranke lagen noch auf der Motorhaube. Im Zeitlupentempo rutschten sie langsam nach unten, wo sie zu Boden klatschten.

Das war sein Ende.

Suko und ich näherten uns ihm von zwei verschiedenen Seiten und blieben neben der Gestalt stehen, die sich nicht mehr rührte. Das Fell hatte sich in den vergangenen Sekunden verändert. Es sah alt und sehr grau aus, als wäre es mit Asche übergossen worden.

»Das war Cushman!« flüsterte Suko.

»Ja. Nur wissen wir nicht, was er von uns wollte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß er uns bestellt hat, damit wir ihn töten. Verstehst du?«

Suko räusperte sich. »Solange ich keinen Gegenbeweis bekomme, rechne ich mit dieser Möglichkeit.«

»Sie ergibt keinen Sinn, zum Teufel.«

»John, was ergibt bei unseren Fällen schon einen Sinn. Einige davon sind so unlogisch, daß man schon bald wieder von einer gewissen Logik sprechen kann.«

»Ja, da hast du recht.«

Mein Freund stieß mich an. »Verdammt, da war doch noch was.« Er überlegte einen Moment. »Klar, auf dem Schreibtisch, an dem er sich die Hand festgenagelt hatte. Der Brief unter der Handfläche.«

»War es denn ein Brief?«

»Oder ein Stück zusammengefaltetes Blatt Papier. Egal, wir müssen nachschauen.«

Das taten wir auch, und zwar so schnell wie möglich. Suko hatte das Zimmer vor mir erreicht.

Blut bedeckte das Papier. Frisches und altes.

Mein Freund hatte recht behalten. Es war ein Briefumschlag, den er öffnete. Den Adressaten konnte er nicht mehr lesen. Die Buchstaben waren von dunkelroten Blutflecken überschwemmt.

Und Suko faltete den Brief auseinander. Er setzte sich dabei hin und hielt das Papier gegen den Lichtschein.

Ich las nicht mit und beobachtete das Gesicht meines Freundes, der das Schreiben nach kurzer Zeit sinken ließ.

»Was ist denn?«

»Lies ihn selbst, John.«

Mir gefiel Sukos Stimme nicht. Sie klang so, als würde da noch etwas auf uns zukommen. Ich veränderte meine Stellung etwas, weil ich ebenfalls Licht haben wollte. Im Gegensatz zu meinem Freund las ich das Geschriebene halblaut vor.

»Ich hoffe, daß dieses Schreiben den richtigen Menschen erreicht, denn es ist meine letzte Chance, da ich mir sonst keinen Rat mehr weiß. Ich habe vor kurzem in den Staaten eine Frau kennengelernt, die mich faszinierte. Es war in der Nähe von New York, ein wunderschöner Sommerabend. Ich war von dieser Frau begeistert, und auch ich war ihr nicht gleichgültig. Es kam, wie es kommen mußte. Wir landeten in ihrem Bett und schliefen miteinander. Anschließend gestand sie mir, daß ich jetzt den Keim in mir tragen würde. Zuerst dachte ich an AIDS, aber es war etwas ganz anderes. Der Keim verwandelte mich, wenn der Vollmond am Himmel stand, in einen Werwolf, in eine Bestie. Es lag allein an der Frau und daran, daß ich mit ihr geschlafen habe. Ich bereue es zutiefst, aber es ist nun einmal geschehen. Ich bin wieder nach London zurückgekehrt und habe mich umgehört, ob es eine normale Heilung für mich geben kann. Das war nicht der Fall. In der Literatur wurde nur immer von einer Lösung gesprochen. Wer zu einer der artigen Bestie degeneriert, dessen Doppel-Existenz muß einfach vernichtet werden. Ich habe mich entschlossen, mich vernichten zu lassen und bin bei meinen Nachforschungen auf den Namen John Sinclair gestoßen. Ich habe ihn angerufen. Hoffentlich gibt mir der Herrgott noch eine Chance. Noch etwas, der Name der Frau lautet Mor …«

Mehr war nicht zu lesen, weil Blutflecken die anderen Buchstaben überdeckten.

»Morgana Layton!« sprach Suko aus.

Ich ließ den Brief sinken und ihn gleichzeitig los, so daß er auf den Schreibtisch flatterte. Eine kleine Blutlache ließ ihn dort leicht festkleben.

»Sie also!« flüsterte ich.

»Aber nicht hier, John, in New York.«

»Ja, ich weiß.«

Suko sah aus, als hätte er Essig getrunken. »Dann muß ich also wieder rüber. Wo ich doch erst vorgestern aus den Staaten zurückgekehrt bin.«

»Aber von der Westküste.«

»Ist egal.«

Ich schüttelte den Kopf. »Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als nach New York zu fliegen und dort Morgana Layton zu suchen. Das ist unsere Chance, das war der Hinweis.«

»Du weißt doch, wie groß New York ist.«

»Klar, aber wir haben Freunde dort. Ich werde mich mit Abe Douglas in Verbindung setzen. Er soll schon recherchieren. Möglicherweise ist Cushman nicht der einzige, den es erwischt hat. Wenn die Layton sich in der Stadt aufhält, wird sie sich bestimmt an Männer herangemacht haben. Auch sie muß ihrem Trieb gehorchen, und sie steht unter Fenris' Knute. Ich nehme an, daß es zu einem Teil ihres Plans gehört, sich Männer auszusuchen und mit ihnen ins Bett zu gehen, um ihnen den Keim einzupflanzen. Wenn ich daran denke und mir die Möglichkeiten ausrechne, schüttelt es mich.«

»Und nicht zu unrecht«, sagte Suko. »Bisher haben sich die Opfer der Werwölfe nur verwandelt, wenn sie gebissen wurden.«

»Darf ich mal zynisch sein?«

»Bitte.«

»Auch Werwölfe gehen mit der Zeit«, erklärte ich bitter. »Die Vampire haben es ihnen mit Mallmann an ihrer Spitze vorgemacht. Er ist derjenige, der sich sogar geweihtem Silber entgegenstemmen kann. Wir müssen eben umdenken.«

»Leider.«

Ich stieg in den Wagen. Die Leiche konnten wir nicht hier auf dem Hof liegenlassen, also machte ich unseren Bereitschaftsdienst mobil. Natürlich war keiner begeistert, aber Job ist Job.

Ich setzte mich quer und ließ die Beine aus dem Wagen baumeln. Von der Nachbarschaft hatte niemand etwas mitbekommen. Vielleicht hatten die Menschen auch nichts sehen wollen. Wie dem auch war, auf uns rollte einiges zu …

***

Knapp zwei Stunden später schloß ich meine Wohnungstür auf, Suko dabei im Schlepptau. Wir beide waren ziemlich erledigt, befanden uns allerdings in einem Zustand, wo keiner schlafen konnte, denn wir fühlten uns zudem aufgekratzt.

Ich öffnete die Fenster, um die muffige, schwülwarme Tagesluft zu vertreiben. Es war endlich etwas kühler geworden, und wir freuten uns über jeden Luftzug.

»Was willst du trinken?«

»Und wenn du mich schlägst, John, in diesem Fall löscht ein Bier am besten den Durst.«

»Okay, ich auch.«

Aus der Küche holte ich die beiden kalten Flaschen und zwei Gläser. Gemeinsam ließen wir das Bier in die Gefäße gluckern und schauten zu, wie der Schaum hochstieg.

Beide hoben wir mit müden Bewegungen die Gläser an, tranken uns zu und wirkten ratlos.

»Wann bestellst du die Tickets?« fragte Suko schließlich.

»Keine Ahnung.«

»Das hört sich an, als wolltest du nicht fliegen.«

Ich leerte das Glas und schenkte mir nach. »Nun ja, von nicht fliegen wollen kann keine Rede sein. Es geht mir um etwas anderes. Kann ich denn sicher sein, daß sich Morgana Layton noch in New York aufhält?«

»Wo willst du sonst mit der Suche beginnen?«

»Keine Ahnung.« Ich drehte das Glas zwischen meinen Fingern. »Vielleicht wäre es auch besser, nach gewissen Spuren zu suchen, die Morgana hinterlassen hat.«

»Wie meinst du das denn?«

»Menschen finden, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie Cushman.«

Suko sprach nicht dagegen. »Daran habe ich auch schon gedacht, wenn ich ehrlich sein soll. Nur wird nicht jeder so handeln wie Cushman und sich mit uns in Verbindung setzen, wenn du verstehst, was ich meine. Die meisten halten sich bedeckt. Einige werden möglicherweise nicht einmal unter ihrem Schicksal zu leiden haben und sich an die neue Gestalt gewöhnen. Ich weiß es nicht, ich bin da wirklich überfragt, Suko. Dieser Fall sieht mir mehr nach reiner Polizeiarbeit aus: Spuren suchen, Fragen stellen und ein Körnchen zu dem anderen tragen, um daraus einen Sandhaufen zu bauen.«

Er hob die Schultern. »Möglicherweise finden wir im Umfeld des Toten eine Spur.«

»Das wäre schön.«

»Wir nehmen uns das in einigen Stunden vor.« Mein Freund reckte sich. »Trotz allem und auch trotz der verfluchten Schwüle will ich mich noch hinlegen.«

»Tu, was du nicht lassen kannst.«

»Und was ist mit dir?«

»Ich mache mich auch flach.«

Suko stand auf, ich blieb sitzen. Als er schon an der Tür stand und zum Abschied winken wollte, meldete sich das Telefon. Suko blieb natürlich da. Er schaute zu, wie ich abhob und mit müder Stimme einen Knurrlaut in den Hörer schickte.

Zwei Sekunden später klebte ich fast mit dem Kopf an der Zimmerdecke, so hastig war ich hochgesprungen. »Noch mal, bitte. Wer bist du? Habe ich richtig gehört?«

»Ja, John, ich bin es tatsächlich.«

»Nadine!« stöhnte ich, und vor meinem geistigen Auge erschien eine fremde Welt. Ich sah den Schädel des Riesen Brân, in dessen Maul Nadine verschwunden war und sich damit für mich geopfert hatte, damit ich mein altes Aussehen zurückerhielt und nicht mehr als Greis durch die Gegend lief.

Nadine Berger, die Wölfin, war danach verschwunden geblieben. Keiner wußte genau, wo sie sich befand. Wir vermuteten sie auf der Nebelinsel Avalon, wo sie durch den Zauberkessel hatte gehen wollen, um ihre eigentliche menschliche Gestalt zurückzubekommen. Dieser Kessel war ein besonderer magischer Ort. Wer ihn als Lebender betrat, verließ ihn wieder als Toter. Wer ihn aber als Toter betrat, konnte die Rückkehr als Lebender antreten.

Nadine hatte ihn durchschreiten wollen, um ihre Wolfsgestalt wieder zu verlieren.

»Bist du noch da, John?«

»Und ob.«

»Das ist gut …«

»Hör mal, Nadine, eine Frage zuvor, was auch geschehen sein mag. Von wo aus rufst du an?«

»Aus New York!«

Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gefallen. Aber nicht nur, weil ein Schweißfilm zwischen ihm und meiner Hand lag, allein Nadines Antwort trug daran die Schuld.

Schon wieder New York! Von Nadine Berger zur Wolfsmagie und damit zu den Werwölfen war es kein sehr weiter Weg. Gab es da einen ursächlichen Zusammenhang zwischen ihr und diesem Cushman, der uns um Hilfe gebeten hatte?

»Hast du Avalon verlassen können?«

»Ja, ich kam von der Nebelinsel weg.«

»Da kann ich dir nur gratulieren.«

»Über Einzelheiten möchte ich dich später informieren, John. Ich will nur, daß du nach New York kommst, und zwar allein. Ich möchte dich hier treffen.«

»Nur um mich zu sehen?«

»Nein, es geht um Werwölfe. Ich habe eine Spur aufnehmen können, John. Sie ist heiß.«

»Ich glaube auch.«

»Wie sagst du?«

»Schon gut, vergiß es. Darf ich dich trotzdem noch etwas fragen, Nadine?«

»Ich weiß schon, John, was du willst. Aber keine Sorge, der Zauberkessel hat mich wieder zurückverwandelt. Ich bin wieder die Nadine Berger, die du einmal als Filmschauspielerin kennengelernt hast. Gibt dir das jetzt Mut, zu mir zu kommen?«

»Da fragst du noch?«

»Wann wirst du fliegen?«

»So rasch wie möglich. Ich kann dir keine genauen Zeiten sagen, aber wenn du mir eine Adresse …«

»Nein, ich warte am Flughafen. In einem Motel habe ich mich eingemietet. Du wirst mich sehen, John, so wie ich dich sehen werde.« Sie senkte ihre Stimme. »Ich freue mich, John …«

»Ja, ich mich auch.« Als ich den Hörer auflegte, hörte ich Schritte. Suko kam langsam auf mich zu.

»War es wirklich Nadine?« fragte er.

»Ja. Ihre Stimme ist so einprägsam. Sie ist nicht nachgemacht worden.«

»Und sie will, daß du nach New York kommst?«

»Es geht um Werwölfe.«

Suko schüttelte den Kopf. »Das kann ich fast nicht begreifen. Ist es ein Zufall?«

»Schicksal, Suko. Das muß einfach Schicksal sein. Eine andere Erklärung habe ich nicht.«

Er nickte. »Ja, da fügt sich etwas zusammen, das irgendwann einmal zerrissen wurde. Wir können nur hoffen, daß Nadine dich auf die Spur der Morgana Layton führt.«

»Darauf wird es im Endeffekt hinauslaufen. Davon bin ich überzeugt. Ich glaube schon, daß wir jetzt eine große Chance haben, die nicht an uns vorbeilaufen sollte.«

»Wann fliegen wir?«

»Nicht wir, Alter, nur ich. Nadine hat darauf bestanden, daß ich allein komme.«

Suko grinste breit und wissend. »Aha, sie will wohl wieder die alten Zeiten auferstehen lassen – oder?«

»Das glaube ich nun nicht. Hier geht es um mehr. Außerdem mußt du die Stellung in London halten, Suko. Hier hat schließlich alles angefangen.«

»Ja, das stimmt.«

Ich stand auf und ging kopfschüttelnd an die Bar. Der Anruf hatte mich aus dem innerlichen Gleichgewicht gebracht. Ich tat es zwar selten, aber diesmal brauchte ich einfach einen härteren Schluck. Ein doppelter Whisky war genau die richtige Medizin.

Suko schaute zu, wie ich trank. »Willst du noch immer den Rest der Nacht verschlafen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein!« keuchte ich, weil der Whisky brannte, »das nicht mehr. Ich werde telefonieren. Die Fluggesellschaften arbeiten rund um die Uhr.«

»Okay, gute Reise.« Er kam auf mich zu und klatschte seine Hand gegen meine erhobene. »Bestell schöne Grüße in New York. Ich werde hier die Augen nicht verschließen.«

»Das hoffe ich, Alter.«

Das war die Vorgeschichte zu meinem New York-Trip, der sich verzögert hatte, weil zwei Maschinen völlig ausgebucht waren. Deshalb konnten auch Glenda und Jane von meinem Plan erfahren, und sie ließen es sich nicht nehmen, mich zu verabschieden.

Ich aber stieg mit einem unguten Gefühl in die Maschine. Denn außer Nadine Berger wußte ich nicht, was mich in der Stadt zwischen Hudson und East River erwartete …

Adnan Trevayne hatte es geschafft, sich in den tiefen Wäldern zu verbergen und seinen Häschern zu entkommen. Mehr als einmal hatte sein Leben auf der Kippe gestanden, doch mit Glück und Scharfsinn war ihm die Flucht gelungen.

Aufgegeben hatten sie nicht, denn so leicht gaben die Bullen keine Ruhe. Nicht grundlos hörte er immer wieder das Geräusch der Hubschrauber über dem dichten Baumbewuchs. Aber um die Wege und Hütten erkennen zu können, hätten die Bullen schon Röntgenaugen haben müssen.

Sein Pech, daß er drei von ihnen auf dem Gewissen hatte. Wenn es einen aus der Gruppe erwischte, wurden die anderen immer sauer und brachten 200%ige Leistungen.

Er hatte sich nach Virginia abgesetzt und dort in den dichten Wäldern ein Versteck gefunden. Leider wußten das auch die Bullen und jagten Trevayne, den Copkiller, erbarmungslos.

Eine halbeingestürzte Jagdhütte diente ihm seit zwei Tagen als Versteck. Da sich das Motorengeräusch der Hubschrauber immer öfter wiederholte, mußte er einfach damit rechnen, auch hier nicht mehr sicher zu sein. Deshalb hatte er einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Tag noch abwarten und bei Einbruch der Dunkelheit die Hütte verlassen. Es war zwar Vollmond und deshalb verhältnismäßig hell, aber Trevayne empfand die Zeit trotzdem als gut, denn er fühlte sich so super wie seit langem nicht mehr. Er war gut drauf, und wenn ihm einer an den Kragen wollte, konnte er zu einer wahren Kampfmaschine werden.

Auf seiner Flucht hatte er sich nicht mehr rasieren können, deshalb sproß in seinem Gesicht der Bart so dicht wie ein Fell. Er gehörte zu den dunkleren, indianisch aussehenden Typen, besaß die Geschmeidigkeit und auch die Reaktion eines Raubtiers, wobei noch sein Instinkt für Gefahren hinzukam.

Trevayne hatte eine harte Ausbildung in der Army hinter sich, hätte dort auch Karriere gemacht, aber er hatte an das schnelle Geld kommen wollen und war den Weg des Verbrechens gegangen.

Durch mehrere Unfälle war er an knapp 100 000 Dollar herangekommen, aber er war beim letzten vorsichtig geworden, hatte fliehen und schießen müssen.

Drei Cops waren auf der Strecke geblieben. Im Kugelhagel waren sie zusammengebrochen. Danach hatte ihn dann diese Frau aufgegabelt, ein Wahnsinnsweib. Bis heute war ihm noch nicht klar, ob sie möglicherweise von seinen Taten gewußt hatte. Wenn auch, diese beiden langen Liebesnächte hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingeprägt. Und verraten hatte sie ihn auch nicht.

Aber er hatte weiter gemußt. Die Frau verstand es. Mit einem Lächeln auf den Lippen und den Worten: »Du wirst noch an mich denken«, hatte sie ihn verabschiedet.

Hinein in eine Welt der Wälder, aber auch der Straßensperren und Fahndungsplakate. Er war sich wie ein Tier vorgekommen, das endlich seine rettende Höhle erreicht hatte.

Virginia gehört zu den Südstaaten der USA. Entsprechend heiß sind die Sommer. Dieser hier war es besonders. Sonne und Hitze waren wie ein Ball aus Glut, der sich einfach nicht vertreiben ließ. Der Himmel explodierte in dieser gleißenden Helligkeit, und die Sonne scheute sich nicht, die Hitze nach unten zu drücken.

Er wartete auf die Dunkelheit.

Noch sah er die Sonne in ihrer rot gewordenen Färbung. Sie würde weiterwandern und sehr bald verschwunden sein.

Moskitos, Mücken und anderes Getier schwirrte durch die dichten Wälder. Manchmal hatte sich Trevayne durch einen regelrechten Dschungel kämpfen müssen. Seine Kleidung sah dementsprechend aus, was ihm nichts weiter ausmachte. Zu trinken hatte er genug, denn immer wieder traf er auf kleine Bäche, die das Gelände durchschnitten.

Trevayne hatte es sich in der halb verfallenen Hütte bequem gemacht, hockte auf dem Boden, die Beine ausgestreckt und lehnte mit dem Rücken an der Wand.

Wenn er den Kopf anhob, konnte er durch das Loch in der Decke schauen, es bildete dort einen verfaulten Kranz. An den Enden und Resten der Dachlatten wuchs das feuchte Moos wie eine grüne Schicht.

Die Luft stand, war stickig, heiß und wurde vom Summen der Mücken erfüllt.

Trevayne rauchte, hielt die Augen halb geschlossen und konzentrierte sich auf seine Umgebung, die ruhig geworden war. Wenn ihn Geräusche erreichten, wurden sie von Tieren verursacht, das konnte er schon genau heraushören.

So wartete er auf die Dunkelheit, brütend in der Hitze, in Gedanken versunken.

Der Rest seiner Beute steckte in einem breiten Gürtel, der unter der Kleidung verschwunden war. Es waren etwas mehr als 30 000 Dollar. Damit konnte man schon für eine Weile untertauchen.

Trevayne wunderte sich am meisten über sich selbst, daß er daran nicht so oft dachte. Vielmehr ging ihm der Anblick dieser Frau nicht aus dem Kopf. Zwei Tage hatte sie ihn nur beherbergt, und sie hatte bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Nie zuvor war ihm das passiert, und er hatte sehr viele Frauen gehabt. Alle Rassen, eine besser als die andere, aber diese Weiße war einfach Spitze gewesen.

Und sie hatte mit ihrer Prognose recht behalten. Er dachte sehr oft an sie, fast öfter, als ihm lieb war und ihm guttat. Immer wieder sah er das Bild vor seinen Augen, wie sie auf dem breiten Bett gelegen hatten und sich umklammert hielten.

Der reine Wahnsinn war das gewesen. Vom Absturz in die Hölle war er geradewegs in das Himmelreich hineingeschleudert worden.

Ob es jemals ein Wiedersehen mit ihr gab? Dazu mußte er erst einmal den Bullen entkommen, was nicht so einfach war, denn das Geräusch des über ihm fliegenden Hubschraubers riß ihn aus seinen erotischen Gedanken. Sofort verschwand seine entspannte Haltung. Jetzt glich er wieder dem Raubtier, das sich in die Enge getrieben fühlte.

Er stand auf und ging näher auf das Loch in der Decke zu. Direkt darunter blieb er stehen, legte den Kopf zurück und schaute in den rötlichen Himmel.

Er hörte die Maschinen nur, sah sie aber nicht, weil die dichte Pflanzendecke der Bäume ihm die Sicht nahm. Der Lautstärke nach zu urteilen, mußten sie sich in seiner unmittelbaren Nähe bewegen. Das hatte ihn sonst nicht sonderlich aufgeregt, an diesem Tag war es etwas anderes. Da spürte er zum erstenmal ein gewisses Unbehagen, und sein Instinkt sagte ihm, daß es jetzt besser war, die Hütte zu verlassen.

Was er bei sich trug, befand sich an seinem Körper: die Maschinenpistole, der schwere Colt Revolver und das Fallschirmspringermesser, alles Waffen, die er schon des öfteren eingesetzt hatte.

Er mußte sich ducken, um durch die schmale Tür nach draußen gehen zu können. Bäume und Unterholz boten ihm Deckung, die er auch ausnutzte, bevor er den schmalen Pfad erreichte.

Das Geräusch über ihm blieb.

Trevaynes Sorgen wuchsen. Da sich der Hubschrauber nicht entfernte, ging er davon aus, daß sie seine Spur gefunden hatten. Er konnte sich nicht daran erinnern, einen Fehler gemacht zu haben. Wie war es den Bullen nur gelungen?

Er schlug sich weiter durch den Wald. Insekten umschwärmten ihn. Das ewige Summen fiel ihm auf den Geist. Längst hatte er es aufgegeben, nach ihnen zu schlagen.

Irgendwann erreichte er sumpfiges Gelände, dann stand er plötzlich vor einem breiten Tümpel, dessen Wasser dunkelgrün aussah, weil es von zahlreichen Algen durchsetzt war.

Dieser kleine See hätte auch weiter südlich nach Florida gepaßt, aber Trevayne befand sich noch in Virginia, wo es zum Glück keine Alligatoren gab und er sich nun eine schmalere Stelle aussuchte, um den Tümpel zu überqueren.

Er schaffte es auf toten Baumstämmen, die so im Untergrund feststeckten, daß sie sein Gewicht aushielten und nicht wegrutschten, wenn er darüber schritt.

Um ihn herum gluckerte und schmatzte es. Das Wasser warf oft genug Blasen. Hin und wieder schoben Frösche ihre breiten Mäuler neugierig aus der Oberfläche hervor.

Trevayne behielt die Nerven. Ohne nasse Füße zu bekommen, konnte er den Tümpel überqueren.

Wieder schluckte ihn die Dichte des Waldes. Das Astwerk der mächtigen Bäume hatte eine zweite Haut aus Moos, Efeu und anderem Grünzeug bekommen.

Mit der MPi schlug er sich den Weg frei, der manchmal zu dicht und zugewachsen war.

Der Hubschrauber blieb in der Nähe, und die Sonne sank immer tiefer, so daß die Schatten länger wurden. Sie dienten Trevayne ebenfalls als Deckung.

Nach einer Stunde Marsch legte er eine Pause ein, weil er auch das Verlangen nach einer Zigarette spürte. Er nahm auf einem Baumstumpf Platz, rauchte in der hohlen Hand und merkte, daß selbst der Glimmstengel feucht schmeckte.

Feucht war hier eben alles, und so fluchte er still in sich hinein.

Als hinter ihm etwas knackte, fuhr er blitzschnell herum, zog seinen Revolver – und grinste scharf, als er das Warzenschwein erkannte, daß sich ebenso vor ihm erschreckt hatte und wieder fluchtartig verschwand.

Trevayne verdammte den Sommer mit seiner grellen Sonne, die überhaupt nicht verschwinden wollte. Er brauchte die Dunkelheit, weil er auch an eine Straße gelangen wollte. Sich durch den dichten Wald zu schlagen, hätte zu lange gedauert.

Im letzten Licht der noch in den Wald einfallenden Sonne setzte er seinen Weg fort. Er wußte, in welche Richtung er gehen mußte. In seiner Uhr befand sich ein Kompaß. Sein Ziel lag im Westen. Dort führten die Straßen entlang, um auf die Highways zu münden.

Er konnte ja nicht immer durch das verfluchte Gelände stolpern. Irgendwann lichtete sich der dschungelähnliche Wald, und Trevayne hatte einen doppelten Grund, tief durchzuatmen.

Erstens war seine Sicht besser geworden, und zweitens hörte er auch das Geräusch des Hubschraubers nicht mehr. Die jagenden Bullen mußten aufgegeben haben.

Seine Vorsicht blieb trotzdem. Er bewegte sich sehr behutsam voran, immer bereit, sofort zu handeln und praktisch aus der Situation heraus zu einem kugelspeienden Monstrum zu werden.

Die typische Hügellandschaft des Staates Virginia umgab ihn. Diese herrlichen rolling hills, die an manche Landstriche in Mitteleuropa erinnerten, wie Trevayne wußte, denn er hatte sich einige Jahre auf diesem Kontinent herumgetrieben.

Er wußte nicht genau, wieviel Zeit er im Wald verbracht hatte, jedenfalls atmete er auf, als er ihn endlich verlassen konnte. Er trat hinaus auf eine Bühne, die nur aus Landschaft bestand, in der er sich ziemlich klein vorkam.

Vor ihm lagen die zahlreichen Hügel und Täler wie gemalt. Nicht nur die Sonne war noch zu sehen, auch der Mond. Er stand dort, wo die Schatten eine Farbe zwischen dunkelgrau und hell zeugten.

Trevayne sah schräg vor sich und auch tiefer liegend das Band einer Straße, die auf ihn wirkte wie ein staubiger Streifen. Sie hätte sein nächstes Ziel sein müssen.

Er ging nicht hin.

Etwas anderes hatte den Mann in seinen Bann gezogen. Trevayne spürte, wie in seinem Innern eine Unruhe hochstieg, die er bisher nicht gekannt hatte. Wenigstens nicht auf seiner bisherigen Flucht. Er konnte sich die Unruhe nicht erklären, dachte darüber nach, womit sie zusammenhing, und kam zu dem Resultat, daß ein fremder Körper etwas abstrahlte, das ihn so stark überfiel.

Die logische Erklärung jedenfalls war nicht zu schaffen, aber er bewegte seinen Kopf und schaute schräg gegen den Himmel, wo sich der blasse Kreis abmalte.

Es war der Mond!

Ausgerechnet, dachte der Mann. Wieso gerade er? Was hatte er mit dem Mond zu tun gehabt? Er war nie in seinem Leben mondsüchtig gewesen, hatte darüber nur lachen können, wenn andere dieses Thema anschnitten, aber jetzt kam ihm der Erdtrabant vor wie ein guter Freund, der ihm zuzuwinken schien.

Über Adnan Trevaynes Körper glitt ein Schauder. Er kam ihm vor wie eine kalte und gleichzeitig schweißfeuchte Hand, die seinen Rücken entlangstrich. Sogar die Kopfhaut wurde von ihr erfaßt, und Trevayne fand einfach keine Erklärung.

Doch der Mond lockte ihn. Wie ein guter Freund kam er ihm vor. Seine Scheibe verwandelte sich zum Spiegelbild der Gefühle. Der knochenharte Killer war nicht mehr er selbst, etwas anderes hatte die Kontrolle über ihn bekommen.

Er ging weiter.

Seine Schuhe schleiften durch das dichte Gras. Auf dem Untergrund waren die Schritte kaum zu hören. Den Blick hielt er weiterhin in die Höhe gerichtet, als hätte er Angst, daß der Mond allmählich verschwinden könnte.

Noch deckte ihn hohes, dichtes Gestrüpp. Je mehr er sich der Straße näherte, um so übersichtlicher und auch deckungsloser wurde das Gelände.

Nie hätte Trevayne sich so auffällig bewegt. So etwas wäre ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen, doch in diesen Momenten sah er nur den Himmel und den Mond.

Seine Flucht, seine Verfolgung, die zahlreichen Polizisten, das lag alles so weit zurück. In den letzten Minuten war es ihm gelungen, andere Prioritäten zu setzen.

Er ging wie ein Schlafwandler oder ein Mondsüchtiger der Straße entgegen. In der Phase zwischen Hell und Dunkel war die Luft noch einmal sehr klar geworden. Sie wirkte beinahe gläsern, und eine Gestalt wie die des Killers zeichnete sich überdeutlich dort ab.

Er ging wie auf dem Präsentierteller, während in seinem Innern ein regelrechter Austausch stattfand.

Als er die Straße erreichte, übersah er den Graben, trat hinein und knickte nach vorn. Er kroch an der anderen Seite wieder aus ihm hervor und stellte sich auf die Fahrbahn, auf der noch die letzten dunkelroten Strahlen verglühten.

Über ihm der Himmel – und der Mond!

Trevayne spürte, wie er zitterte. Von Kopfschmerzen konnte er zwar nichts spüren, aber in seinem Schädel brauste es schon, und er kam sich vor, als würde er jeden Augenblick von der Straße abheben und dem Mond entgegenfliegen.

Die MPi war ihm zu schwer geworden. Er ließ sie von der Schulter rutschen. Sie fand neben ihm Platz.

Adnan Trevayne kniete und schaute gegen den dunklen Himmel. Blaß leuchtete ihm das eine Auge entgegen. Ein Locken war dies, ein verzweifeltes Schauen und gleichzeitig eine Begrüßung, die ihn innerlich aufwühlte.

War das das Blut, das wie ein gewaltiger Wasserfall durch seine Adern rauschte und in seinem Kopf die Echos hinterließ? Oder erreichte ihn die Botschaft aus dem Bereich des Alls, wo der Mond seinen Platz gefunden hatte.

Früher hatte er die Strahlen nie gespürt. Das war nun anders geworden. Obwohl der Mond noch nicht seine volle Farbe erreicht hatte, kam sich Trevayne vor, als könnte er in dessen Strahlen baden. Sie schmeichelten ihm, sie trafen sein Gesicht, die streichelten seinen Körper wie mit zahlreichen Händen, und sie waren einfach überall zu finden. Der Strahlenschleier schien sich einzig und allein auf ihn zu konzentrieren. Etwas Unerklärliches, Wunderbares war geschehen, und so fühlte sich der hartgesottene Killer auch.

Daß er einen Teil der Beute an seinem Leib verborgen hielt, störte ihn nicht mehr. Das war so unwichtig geworden. Ebenfalls seine nähere Umgebung, für die er keinen Blick hatte.

Dabei hätte er lieber hinschauen sollen, denn er war seinen Jägern schon längst in die Falle gegangen.

Sie hatten ihn entdeckt, sie hatten ihn verfolgt, und sie waren dabei sehr raffiniert vorgegangen. Es war ihnen gelungen, ihre gesamte Routine auszuspielen, und plötzlich steckte er in der Falle. Nichts ging mehr, aber das kümmerte ihn nicht.

Etwa zwanzig Polizisten lauerten in der Nähe. Die Fahrzeuge hatten sie in der nahen Umgebung versteckt, wo sie von den dichten Buschreihen verdeckt wurden.

Starke Ferngläser waren auf das Zielobjekt ebenso gerichtet wie die Mündungen der Gewehre.

Sie hätten auch geschossen, aber das Verhalten des Killers hatte sie zögern lassen.

Keiner der Männer wußte, wie er sich so etwas erklären sollte. Da kamen sie einfach nicht mit, das war verrückt, und sie konnten über derartige Dinge nur den Kopf schütteln.

Der Mörder kniete auf der Fahrbahn, ohne sich zu rühren. Nur den Kopf hielt er leicht erhoben und schaute in den Himmel. Was ihn dort interessierte, wußten die Polizisten nicht. Aber es sah so aus, als würde er den Mond anstarren, um von ihm eine entsprechende Antwort auf gewisse Fragen zu bekommen.

Die beiden Einsatzleiter unterhielten sich per Sprechfunk, und beide gaben ihre Ratlosigkeit deutlich zu.

»Angriff?«

»Nein, nicht direkt.«

»Du willst ihn lebend, Jack?«

»Und ob. Er hat zwei meiner Leute auf dem Gewissen. Zwei Kollegen, denk daran.«

»Okay, wie machen wir es?«

»Weiterhin an ihn heranschleichen. Wenn er so hockenbleibt, packen wir ihn.«

»Over!«

Die beiden Männer brauchten nicht mehr länger zu reden. Sie kamen auch so klar.

Die Befehle wurden flüsternd weitergegeben. Jeder der Polizisten sollte Bescheid wissen, keiner durfte einen Fehler begehen. Insgeheim waren die Männer froh, daß es unter Umständen unblutig ablaufen würde. Das Schicksal ihrer drei Kollegen stand ihnen noch deutlich genug vor Augen.

Die Polizisten zogen den Ring enger. Sie bewegten sich dabei wie Rekruten über den Boden, die ausgebildet wurden. Nur klappte das bei diesen Männern hier besser, denn sie gehörten einem Einsatzkommando an, das auf Action getrimmt war.

Sie kamen auch gut voran, und das Opfer auf der Straßenmitte rührte sich nicht vom Fleck. Breitbeinig kniete der Mann. Er kam ihnen vor wie in Trance und schien nichts anderes sehen zu wollen, als den grauen Himmel mit dem Mond. Selbst seine Maschinenpistole hatte er zur Seite gelegt.

Kein Beamter wurde von ihm gesehen. Unentdeckt konnten sich die Männer dem Straßengraben nähern, was sie selbst nicht begriffen, aber sie machten das Beste daraus.

Wieder flüsterten die Einsatzleiter in ihre Geräte. »Sollen wir in fünf Sekunden angreifen, Jack?«

»Ist okay.«

»Dann überlasse ich es dir.«

»Danke. Ich kriege ihn lebend.«

»Das wäre super. Over!«

Die Zeit verging. Innerhalb der kurzen Spanne waren die Männer des ersten Rings alarmiert worden, damit sie sich auf die Lage einstellen konnten.

Adnan Trevayne aber kümmerte sich nicht darum. Er sah nur den Mond, er genoß dessen Licht, und auf seinem Gesicht zeichnete sich ein verklärter Zug ab.

Urplötzlich waren sie da!

Die Umgebung detonierte ebenso wie die Blendgranaten, die von den Polizisten geworfen wurden. Stimmen schrien durcheinander. Waffen waren durchgeladen worden. Ein Gewehrlauf traf den Kopf des Knienden und schleuderte den Mann zur Seite.

Zu dritt stürzten sie sich auf ihn.

Einer setzte sich auf Trevaynes Beine, ein anderer drückte ihm eine Mündung gegen die Stirn und fuhr ihn mit heiserer Stimme mehrmals an, sich nur nicht zu bewegen.

Der dritte hielt bereits die Handschellen fest. Er schlug einen Ring aus »Versehen« gegen das Gesicht des Killers, der sich überhaupt nicht rührte und sich auch dann nicht wehrte, als ihn harte Fäuste auf den Rücken rissen.

Dann schnappten die Handschellenringe wie die Mäuler von Klapperschlangen zu.

Das Aus für den Mörder!

***

Die Jagd war beendet, sie hatte besser geklappt, als angenommen worden war, und durch die Reihen der Männer strömte Erleichterung, als sie Adnan Trevayne vor sich liegen sahen, um den sie einen Kreis auf der Straße gebildet hatten.

Er war entwaffnet worden und besaß nicht mehr die geringste Chance zur Flucht.

»Drei Toten reichen auch«, sagte Jack Everett, der grauhaarige und schnauzbärtige Einsatzleiter, als er sich bückte und Trevayne auf den Rücken drehte.

Die beiden starrten sich an.

Der eine von oben, der andere von unten. Everett war kein Psychologe, er versuchte trotzdem herauszufinden, in welch einem Zustand sich dieser Mörder befand.

Eigentlich hatte er damit gerechnet, in ein haßerfüllt verzogenes Gesicht zu schauen, doch was ihm da entgegenblickte, hatte mit dem Begriff Haß nichts mehr zu tun.

Es war mehr eine gewisse Gleichgültigkeit. Ja, dieser Mörder sah ihn gleichgültig an, und auf seinen Lippen zeichnete sich sogar ein gewisses Lächeln ab, als hätte er die Jagd gewonnen und nicht die Männer in den Kampfuniformen.

Dieser Ausdruck irritierte Everett. »Kommst du dir jetzt als Sieger vor?« fragte er.

»Vielleicht!«

»Das wird dir vergehen, Killer. Auch du wirst noch weinen und jammern, wenn du auf dem Elektrischen Stuhl sitzt. Du weißt doch, daß in gewissen Staaten die Killer wie du noch geschmort werden.«

»Kenne ich.«

»Dann freu dich schon darauf. Erst der Prozeß, der schnell gehen wird, danach die Todeszelle, wo du auf den Zeitpunkt wartest, angeschnallt zu werden. Ich sage dir noch etwas.« Er bewegte seinen ausgestreckten Zeigefinger von oben nach unten. Gnadengesuche kommen so gut wie nicht vor bei den Cop-Killern.«

»Was soll's?«

Die Antwort verwirrte Everett. Er hatte schon manchen Killer gestellt und die unterschiedlichsten Reaktionen erlebt. Von wahren Tobsuchtsanfällen, über Selbstmordversuche bis hin zu einer unnatürlichen Lethargie.

Aber diese Reaktion hatte er noch nie erlebt. Das war auch keine Gleichgültigkeit oder kein sich Aufgeben, das war etwas völlig anderes. Everett konnte es nicht erklären. Oder hatte dieser Mensch noch einen Trumpf im Ärmel.

Er wies seine Leute an, sich in der näheren Umgebung umzuschauen, weil er ganz sichergehen wollte.

Einige Bewacher blieben zurück, und die sahen das gleiche wie auch der Einsatzleiter.

Das Gesicht des Killers zeigte eine ungewöhnliche Farbe. Über der Haut lagerte ein Schatten, der dort eigentlich nicht hingehörte, und es war auch kein Grund vorhanden, um den Schatten auf das Gesicht zu zeichnen. Dennoch lag er dort.

»Gefällt dir was nicht?« fragte der Killer.

Everett strich über seinen grauen Oberlippenbart. »Ich weiß nicht so recht, Killer, aber etwas ist doch schon anders. Ich kann es nicht begreifen.«

»Was?«

»Deine Augen.« Everett wußte selbst nicht, weshalb er dies sagte, aber der Ausdruck in den Pupillen hatte ihn tatsächlich gestört, denn er konnte nach seiner Meinung nicht mehr mit dem Begriff menschlich umschrieben werden.

Die Pupillen hatten einen ungewöhnlichen Glanz bekommen. Er war sehr hart geworden, auch nicht mehr menschlich, als würde ihn ein Tier anschauen.

Dunkel und gelblich zugleich. So etwas war dem Mann noch nie passiert. Er gab auch zu, daß der Ausdruck ihm Unbehagen einflößte, wenn nicht sogar Furcht.

Everett hatte sich während seiner Beobachtungen entschlossen, den Killer so rasch wie möglich loszuwerden. Trevayne sollte abtransportiert werden, nur weg aus dieser Gegend. In einem Hubschrauber ins Bezirksgefängnis.

Everett stand auf und nickte seinen Männern zu. »Wenn die anderen zurückkehren und nichts gefunden haben, können wir den Copter rufen, damit uns diese Person aus den Augen kommt.«

Der gleichrangige Kollege sprach ihn an. »Du willst tatsächlich den Copter nehmen?«

»Ja, und ich fliege mit.«

»Gut. Ich halte es nicht für gut. Dieser Transport birgt ein Risiko in sich.«

»Ich nehme mehrere Männer mit. Die besten. Wenn wir zu dritt sind und Trevayne gefesselt ist, kann nichts schiefgehen. Dafür garantiere ich.«

»Steck deine Ziele nicht zu hoch, Jack!«

»Ach was, ich packe das schon.«

Die Polizisten kamen sehr bald zurück. Gefunden hatten sie nichts, auch keinen Helfer, der Trevayne möglicherweise hätte befreien können. Es war alles glattgegangen.

»Dann rufe ich den Copter.« Everett ging auf die entsprechende Frequenz. Der Hubschrauber war in der Nähe gelandet, allerdings durch Buschwerk gut gedeckt.

Adnan Trevayne lag nach wie vor rücklings auf der Straße, den Blick gegen den Mond gerichtet und lächelte.

Er wußte es besser, viel besser …

***

Die Rotorblätter drehten sich weiter, als die Männer Trevayne hochzerrten und auf den Hubschrauber zuschleiften. Der Wind fuhr gegen ihre Gesichter und ließ die Kleidung flattern, als sie sich geduckt der mächtigen Maschine näherten.

Der Pilot hatte den Einstieg bereits geöffnet. Er saß auf seinem Sitz und schaute den Kollegen entgegen, die Trevayne zwischen sich genommen hatten und auf den Copter zudrückten.

Everett ging einige Schritte hinter ihnen. Er fand seinen Platz auf dem verwaisten Sitz des Co-Piloten.

»Alles klar, Sir?«

Everett stieg als letzter ein. »Das sehen Sie doch. Wir haben ihn ohne Blutvergießen stellen können.«

»Gratuliere.«

Der Einsatzleiter hämmerte die Tür zu. »Nicht zu schnell, mein Freund. Erst wenn er hinter Gitter sitzt, können Sie mir die Hand reichen. Zuvor haben wir noch eine Strecke zu fliegen.«

»Sie packen das schon, Chef!«

»Okay, starten Sie!« Everett hatte sich angeschnallt. Als der Copter abhob, drehte er sich halb um.

Der Killer saß in der Mitte. Sehr eng neben ihm die beiden Bewacher. Es waren wirklich die besten, gut ausgebildete Männer, die sich hervorragend verteidigen konnten. Was sie bewachten, war so sicher wie in Abrahams Schoß.

Zudem war der Gefangene noch mit den Handschellen gefesselt. Nach menschlichem Ermessen konnte da nichts schiefgehen. Trotzdem blieb das ungute Gefühl.

So etwas hatte Everett noch nie erlebt. Als alter Profi lagen zahlreiche Festnahmen hinter ihm, sie waren fast immer gut verlaufen, nicht grundlos nannte man ihn auch den Menschenjäger, aber diese Sache war noch nicht gelaufen. Das meldete ihm sein Innerstes, da mußte er noch einige Male nachpacken.

Der Pilot flog einen Bogen um den Einsatzort. Unten »packten« die Männer zusammen. Alles war okay, sie konnten verschwinden und wieder ihrem normalen Job nachgehen.

Sie flogen in die Dunkelheit der allmählich hereinbrechenden Nacht. Everett hatte die Beine so gut ausgestreckt wie möglich, schaute gegen die dunklen Wolken und sah darin auch den bleichen, runden Mond stehen. An ihm hatte der Mann ein so reges Interesse gezeigt, was Everett nicht begreifen konnte.

Sie würden vielleicht zwanzig Minuten fliegen, um das Ziel zu erreichen. Unter ihnen glitt die hügelige Landschaft dahin. Es gab nur wenige Orte in dieser Gegend, dafür mehr Wald und hin und wieder kleine Seen, die wie fahle Augen mit ihren Oberflächen zu ihnen hinaufgrüßten.

An die Geräusche des Motors hatte sich der Einsatzleiter längst gewöhnt.

An das Stöhnen nicht!

Und gleichzeitig hörte er hinter sich auch einen Fluch. Er drehte sich um.

Noch saß Trevayne in der Mitte, er konnte nicht freikommen, aber er blieb auch nicht still. Genau in dem Augenblick, als Everett ihn anschaute, bäumte er sich auf, öffnete seinen Mund und gab ein Heulen von sich, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Er schrie nicht, er brüllte und keuchte. Zwar versuchten die Männer ihn festzuhalten, doch gegen seine Kräfte kamen sie nicht an. Er rammte die Arme in verschiedene Richtungen weg, wuchtete seine Ellenbogen in die Leiber der Bewacher, die bleich geworden waren.

Dann zersprang die Kette der Handschellen. Sie fetzte weg, weil der Mann mit den Kräften eines Superhelden ausgerüstet worden war. Und er war frei.

Der Schrei verdoppelte sich in seiner Lautstärke. Trevayne beugte sich vor, und mit Entsetzen erkannte Everett, daß sich dieser Mann verändert hatte.

Sein Gesicht gehörte keinem Menschen mehr, es war die Schnauze und die Fratze eines Werwolfs.

Everett war mit seinen beiden Jungen mal in einem derartigen Film gewesen. Da hatte sich ein Teenager in eine Bestie verwandelt, und das geschah hier.

Plötzlich spritzte Blut. Mit einem Schlag seiner scharfen Pranke war es dem Veränderten gelungen, das Gesicht des rechten Bewachers zu zerfetzen.

Der andere wollte seine Waffe ziehen, er kam nicht dazu, denn die Bestie biß ihm in den Hals, der zu frei lag.

Blutend und mit zerfetzter Kehle blieb der Mann sitzen und rührte sich nicht mehr.

Der zweite wischte sein Blut aus dem Gesicht, als ihn die Pranken zu fassen bekamen.

Sie wühlten sich in sein Haar, hielten den Kopf fest, bevor sie ihn zur Seite rammten.

Der Mann prallte mit der Stirn gegen einen Haltegriff. Für ihn war es das Ende.

Dies alles hatte sich innerhalb von Sekunden abgespielt. Der Pilot mußte fliegen und sich konzentrieren. Er schaute nach vorn, fragte aber Everett, was da hinten los war.

»Die Hölle, Mann!« keuchte der Einsatzleiter. Er hatte seine Waffe ziehen können, sich losgeschnallt und sich auf seinem Sitz so gedreht, daß er in den Rückraum des Copters hineinzielen konnte.

Er drückte ab.

Die Bestie mit ihrer zerfetzten Kleidung und der pelzigen Brust war gar nicht zu verfehlen. Die Kugel schlug dort ein, wo bei einem Menschen das Herz schlägt. Sie blieb im Körper stecken. Eigentlich rechnete Everett damit, daß der Killer erledigt war, das wiederum stimmte nicht, denn der Treffer schien ihn eher noch wütender gemacht zu haben. Plötzlich warf er sich nach vorn, und zwar so schnell, daß Everett nicht mehr zu einem zweiten Schuß kam.

Dafür sah er noch den Schlag und spürte auch dessen Wirkung, als ihm die Krallen die Haut auf dem Handrücken zerfetzten und seine Finger plötzlich in Blut schwammen.

Automatisch ließ er seinen Revolver los, kümmerte sich mehr um seine Verletzung. Genau das hatte die Bestie im Rückraum nur gewollt. Jetzt konnte sie ihn packen.

Die beiden Bewacher störten sie nicht mehr. Leblos hingen sie zu beiden Seiten neben ihm. Blutverschmiert waren ihre Gestalten, und gerade der Anblick des Blutes reizte die Bestie noch mehr.

Sie kam über Jack Everett wie ein tödlicher Orkan, kümmerte sich nicht um das Schreien des Piloten, der Mühe hatte, sich auf das Fliegen zu konzentrieren, während neben ihm eine fürchterliche Tat begangen wurde.

Er hörte Jack Everett nicht einmal röcheln, merkte aber den scharfen Luftzug, als es der Bestie gelungen war, die Tür aufzustoßen. Im nächsten Augenblick flatterte ein lebloser Körper dem Erdboden entgegen und verschwand zwischen dem Geäst einiger dicht stehender Bäume.

Zurück blieb der Pilot!

An ihn wandte sich der Mörder. Er drehte sich fast gemächlich zu dem entsetzten Mann, der nicht fähig war, sich zu bewegen. Wie angenagelt hockte er auf seinem Platz, flog automatisch und sah die Armbewegung des Werwolfs, als er in die Tiefe deutete.

Der Mann begriff.

Landung!

Schwer sacke der Hubschrauber durch, was der Bestie nicht gefiel, denn sie griff nach der rechten Schulter des Piloten und drückte so hart zu, daß es den Mann schmerzte. Aber er hatte begriffen. Ohne zu zögern, senkte er den Copter zur Landung.

Es war nicht einfach, weil er eine freie Fläche suchen mußte. Sehr dicht glitt er über die Gipfel der Wälder hinweg und schaffte es, die Maschine zwischen zwei Waldstücken aufzusetzen.

Ein Ruck durchflatterte den Copter, als die Kufen aufsetzten. »Und jetzt?« keuchte der Mann.

Eine Antwort bekam er nicht. Der Werwolf drückte den Ausstieg auf, trat ins Freie, drehte sich noch einmal um. In seiner Hosentasche steckte noch eine Handgranate, die er einem seiner Bewacher abgenommen hatte. Davon wußte der Pilot nichts.

Er war mit sich selbst beschäftigt und bekam auch nicht mit, wie die scharf gemachte Handgranate in den Innenraum hineinrollte – und detonierte.

Der Pilot sah noch einen Blitz, mehr nicht.

Plötzlich entstand dort, wo der Hubschrauber gelandet war, eine gewaltige Feuerwolke, umschwebt von dunklem Qualm, der aussah wie Tücher, die immer mehr auseinanderflatterten und trotzdem ihre wolkenartige Form behielten.

Gegen den Luftdruck war auch die Bestie nicht gefeit. Nur schleuderte er sie nicht um. Sie konnte sich auf den Beinen halten, rannte nur noch schneller und war wenig später in den tiefen Wäldern verschwunden.

Bis zu einer kleinen Lichtung gelangte sie. Dort hielt sie an und ließ sich fallen.

Sie richtete den Kopf in die Höhe.

Über ihr schwebte der Mond. Er sah so aus, als würde er von mehreren Bändern gehalten.

Und einen Moment später wehte ihm ein unheimliches Heulen entgegen, ein Gruß der Bestie an den Kraftspender.

Das Heulen blieb für eine Weile. Als Echo rollte es über die Bäume hinweg.

Als es verklungen war, blieb die Bestie noch sitzen. Nicht weil sie dem Ton nachlauschen wollte, es war ein anderer Grund, der sie an den Boden fesselte.

In seinem Hirn vernahm der Werwolf eine menschliche Stimme, die Stimme einer Frau.

»Ich habe dir doch gesagt, daß wir noch voneinander hören werden. Jetzt gehörst du mir, mein Freund …«

***

New York!

Mal wieder, dachte ich, denn in der letzten Zeit hatten mich einige Fälle in die Stadt an der Ostküste der Staaten geführt. Was mich jetzt erwartete, wußte ich nicht. Mir war nur eines klar. Ich würde sie wiedersehen, Nadine Berger, nicht in der Gestalt einer Wölfin, sondern in der eines Menschen.

Mein Gott, ich war aufgeregt. Fast den gesamten Flug über hatte ich mir dieses Wiedersehen vorgestellt, wie es wohl ablaufen könnte. Wie würde Nadine aussehen? Hatte sie sich verändert? War sie viel älter geworden, oder hatten ihr die Zeiten, in denen sie sich als Wölfin bewegte, nichts ausgemacht.

Nur sie wußte, daß ich in New York eintraf. Nein, doch nicht. Sicherheitshalber hatte ich noch meinen Freund Abe Douglas angerufen, einen G-man, mit dem ich oft genug zusammengearbeitet hatte und dem ich hundertprozentig vertrauen konnte.

Er würde sich zurückhalten, hatte allerdings die Order erteilt, daß man mich nach der Landung durch einen anderen Zugang schleuste und keinen Anstoß an meinen Waffen nahm.

Ich hatte versucht zu schlafen. Ohne großen Erfolg.

Damals hatte sich Nadine Berger für mich geopfert und den sicheren Hort der Familie Conolly verlassen, vor allen Dingen Johnny, mein Patenkind, für daß sich die Wölfin verantwortlich gezeigt hatte. Ich war ihr ungemein dankbar, denn wäre sie nicht in das Maul des Riesen Brân hineingegangen, wäre ich weiterhin als sehr alter Mann umhergelaufen und hätte meine Arbeit nicht mehr fortsetzen können.1)

Jetzt schien sie Hilfe zu benötigen. Ich wußte natürlich nicht, um was es ging, konnte mir aber vorstellen, daß sie nicht gerade ein Freund der Werwölfe war. Zudem hatte sie durch ihr langes Dasein in der Veränderung viel an Informationen mitbekommen, was die Werwölfe anging. Sie wußte jetzt sicherlich mehr über Fenris, den Götterwolf, über Morgana Layton, seine Dienerin, und auch über die Verbindung der beiden zu der geheimnisvollen Königin von Saba.

Wenn sie sich jetzt tatsächlich in irgendwelchen Schwierigkeiten befand, war es einfach meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, etwas dagegen zu tun.

So sah ich es, nicht anders.

Nadine hatte sich am Telefon nicht ausgelassen, aber grundlos rief sie nicht an.

Ich saß am Fenster und konnte in die Tiefe schauen. Unter mir lag der gewaltige Komplex des Airports, ein Areal und eine Stadt für sich, wo alle internationalen Maschinen landeten.

Daß ich in den vergangenen Minuten mein Verhalten geändert hatte, war auch meinem Nebenmann aufgefallen. Er schielte mich von der Seite her an.

»Schiß?«

Ich hob die Schultern. »Kaum.«

»Der junge Jeanstyp, ganz auf cool und locker gemacht, strich sanft über seine kunstvolle Frisur. »Das müssen sie easy nehmen, Meister, immer nur easy.«

»Danke für den Tip.«

»Ich fliege eben öfter.«

»Bin früher auch mehr geflogen.«

Er schob seinen Kaugummi hin und her. »Ach ja? Wohin denn, wenn ich fragen darf.«

»Von einer Schule zur anderen.«

Den Witz wollte er nicht verstehen. Vielleicht war er auch sauer, wenn ein anderer die Witze machte und nicht nur er. »Vergiß es, Scherzkeks!« fuhr er mich an.

Ich sah es locker und schaute zu, wie wir einschwebten. Meine Gedanken waren bei Nadine.

Bestimmt stand sie schon und wartete. Sie hatte in der Nähe ein Zimmer genommen.

Ich bekam leichte Schweißhände, was nicht an der etwas unruhigen Landung lag, sondern an meiner inneren Erwartung, auf Nadine Berger zu treffen.

Nadine, der Filmstar!

Ja, bei den Dreharbeiten zu einem Film hatte ich sie kennengelernt, und wir waren uns damals auf Anhieb sympathisch gewesen.

Die Maschine rollte allmählich aus. Es war wie immer. Das Aufatmen der Passagiere, hier und da Applaus.

Einige konnten nicht schnell genug aus der Enge herauskommen und stauten sich am Ausgang.

Ich sah meinem Nebenmann nach, der ebenfalls so schnell wie möglich verschwand. Verabschiedet hatte er sich von mir nicht. Das war mir auch egal. Geruhsam stand ich auf und verließ als einer der letzten den großen Vogel.

Vor mir lag die riesige Halle. Sonnenstrahlen fielen gegen die Scheiben und spiegelten sich dort. Manchmal wurden wir auch geblendet.

Sicherheitsbeamte überwachten uns mit Argusaugen. Mich pflückte man heraus. Ein lebender Kleiderschrank baute sich vor mir auf und fragte nach meinem Namen.

»Hat Mr. Douglas Sie geschickt?«

»Ja, Sir.«

»Dann gehe ich mit Ihnen.«

Ich wurde über einen anderen Weg geschleust und sah den grinsenden Blondschopf des G-man, der sofort mit beiden Händen abwinkte, als er mich entdeckte. »Ich bin gar nicht hier, John.«

»Ach ja?«

»Wenigstens nicht dienstlich.«

»Ich eigentlich auch nicht.«

Wir schüttelten uns die Hände. Daß ich Abe Douglas ins Vertrauen ziehen konnte, stand fest. Mit Fakten konnte ich ihm nicht dienen, sprach von Vermutungen und davon, daß sich der Fall möglicherweise um Werwölfe drehte.

Abe verzog das Gesicht und nahm dabei eine leicht bleiche Farbe an.

»Nimm es nicht wörtlich, ich weiß es nämlich nicht. Ich sage nur, daß es sein kann.«

»Aber du informierst mich?«

»Sicher.« Ich zog fröstelnd die Schultern hoch, denn die Klimaanlage sorgte für eine fast schon widerliche Kälte. Der Schweiß auf meiner Stirn schien zu Eis gefroren zu sein.

»Dann alles Gute«, wünschte mir der G-man. »Und wenn du Zeit findest, grüße deine Familie.«

»Mache ich.«

Abe Douglas ließ mich gehen. Der gleiche Kleiderschrank, der mich abgeholt hatte, brachte mich auch wieder weg. Dann verschwand er nach einem militärischen Gruß.

Ich stand allein.

Nein, nicht allein, denn um mich herum wogten die Menschen in der großen Halle.

Ich schaute in zahlreiche Gesichter, sah so ziemlich alle Hautfarben und hatte große Mühe, mich zu orientieren, denn die Person, auf die es mir ankam, sah ich nicht.

Die meisten Menschen hasteten an mir vorbei. Wenn sie sehr schnell gingen, verschwammen ihre Gesichter. Da wurden sie zu hellen Streifen und die Körper zu dunklen Schatten, aus denen das Geräusch der aufknallenden Hacken überlaut hervortönte.

Ich drehte mich auf der Stelle.

Anscheinend stand ich im Weg, denn mehr als einmal wurde ich angerempelt. Hektik umgab mich wie ein nie abreißender Kreisel, der sich immer mehr verdichtete, so daß ich bald völlig den Überblick verloren hatte. Neben mir tauchte eine dicke, grell geschminkte Frau auf, deren Sommerhut mit seinem breiten Rand über mein Kinn hinwegstreifte und plötzlich einen schiefen Sitz bekommen hatte.

Statt sich über die eigene Dummheit zu ärgern, meckerte die Frau mich an.

»Pardon.«

Sie hastete weiter. Ich drehte mich wieder – und hörte hinter mir die Stimme.

»So ist New York, John. Daran mußt du dich einfach gewöhnen. Willkommen in den Staaten …«

Es war ihre Stimme, es war Nadine, und plötzlich wurde der Schauer auf meinem Rücken zu Eis.

Dann drehte ich mich langsam um …

***

Ich wußte nicht, was ich in diesen Augenblicken denken oder sagen sollte, meine Kehle war einfach zu. Ich schaffte es nicht, irgendwelche Worte zu produzieren, und die Zeitspanne von zwei Sekunden wurde für mich zu einer kleinen Ewigkeit.

Dann hatte ich die Drehung hinter mich gebracht. Sie stand da, ich stand da, und wir schauten uns an.

Es ging Nadine ebenso wie mir. Auch sie konnte nicht sprechen, obwohl ihre Lippen zuckten. Uns beide wühlten die Erinnerungen auf, aber wir sprachen nicht darüber. In unseren Augen war davon zu lesen. Von meinem Magen her strömte der Druck in die Höhe, wobei er sich in der Kehle festsetzte.

Hatte sie sich verändert?

Es war schwer zu sagen. Auch ich kam mir nicht verändert vor. Jedenfalls schaute ich gegen eine moderne junge Frau mit rötlichen Haaren, die eine modische Frisur zeigte.

Was um uns herum geschah, bekamen wir nicht mit. Es hätte jemand ein Messer ziehen und mir in aller Seelenruhe in die Seite rammen können. Das wäre mir zu spät aufgefallen.

Einen flüchtigen Gedanken verschwendete ich an die Conollys. Wenn Sheila, Bill und vor allen Dingen Johnny die Frau hätten hier stehen sehen, ich hätte einiges dafür gegeben,um zu erfahren, was sie fühlten. Sicherlich erging es ihnen ähnlich wie mir.

»Nadine …«

Meine Worte hatten den Bann gebrochen, denn ich bekam von ihr Antwort. Dabei sprach sie ebenfalls meinen Vornamen aus, dann gingen wir jeder einen kleinen Schritt, der ausreichte, um uns in die Arme fallen zu können.

Seit Jahren wieder spürte ich ihren echten Körper und strich nicht mehr durch das Fell, auch wenn es noch so glänzend gewesen war und sich so wunderbar angefühlt hatte.

Statt dessen glitten die Haarsträhnen durch die Lücken zwischen meinen Fingern. Ich roch die Frische, ich spürte ihren Körper, und die Zeit, die Nadine als Wölfin verbracht hatte, schien überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Sie war vergessen – aus, vorbei.

Sie hatte mich direkt gerettet, ich hatte ihr indirekt das eigentliche Aussehen und Leben zurückgegeben. Sie war in Avalon als lebendiges Wesen durch den Kessel gegangen und hatte ihn nicht als Tote verlassen, sondern als Mensch.

Hinein als Wölfin – als Mensch wieder in unsere Welt gelangt. Das genau war es.

Ich hörte sie sprechen, als sich ihre Hände auf meinen Schultern bewegten. »Ich bin so froh, John, daß du mich nicht im Stich gelassen hast und gekommen bist. So froh …«

»Ja, Nadine, ja. Ich denke, daß jetzt alles gut wird. Alles geht wieder wie sonst.«

»Das will ich auch.«

Dann gingen wir, und sie nahm meine Hand. Es war Zufall, daß ich einen Blick auf einen Mann erwischte, der nicht weit entfernt stand und breit grinste.

Abe Douglas hatte meine Spur nicht verloren und war mir nachgekommen.

Wir waren zwar beide in New York nicht zu Hause, aber ich ließ mich gern von ihr führen, denn sie kannte sich hier besser aus als ich. Nadine hatte davon gesprochen, in der Nähe des Airports zu wohnen, und das stimmte auch.

Der Expressway begann dort, wo auch die Parkplätze lagen. Riesige Areale für abzustellende Wagen. Nadine war ohne gekommen. Wir kletterten in eines der gelben Taxis und ließen uns zum South Ozone Park bringen, wo Nadine wohnte.

An der Schleife zum Nassau Expressway mußten wir abbiegen. Von dort war es nicht mehr weit bis hin zur kleinen Motelanlage. Jeder Bau besaß schallsichere Fenster, sonst wäre der Lärm der startenden und landenden Maschinen nicht zu ertragen gewesen.

Die Erbauer hatten sich Mühe gegeben und eine kleine Grünanlage geschaffen.

Ich entlohnte den Driver. Über einen Weg schritten wir auf die Reihe der Häuser zu. Rote Bauten mit flachen, dunklen Dächern. Vor dem kleinen Restaurant, das der Rezeption angeschlossen war, schleuderte ein Springbrunnen Wasser in die Höhe.

In New York war es nicht weniger heiß als in London. Auch Nadine hatte sich entsprechend angezogen. Sie trug ein T-Shirt und eine kurze Hose aus glänzendem Stoff.

Den Schlüssel trug sie bei sich. Als erster trat ich über die Schwelle und freute mich, als ich in die Kühle hineingehen konnte. Das Zimmer war mit hellen Möbeln ausgerüstet. Eine weitere Tür führte vom schmalen Flur aus in einen Schlafraum, an den sich auch die Naßzellen anschlossen.

»Nicht schlecht«, sagte ich und schleuderte mein Jackett über eine Stuhllehne.

»Stimmt. Man kann mieser wohnen.«

»Wie kommst du denn klar?«

»Was meinst du, John?«

»Finanziell.«

Nadine hob die Schultern. »Recht gut sogar. Du weißt, daß ich früher als Filmschauspielerin nicht wenig verdient habe. Da ich schon immer sehr gut rechnen konnte, habe ich einen Teil des Geldes angelegt. Es bringt mir gute Zinsen. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.«

»Da bin ich froh.«

»Was zu trinken?«

»Ja, ein Wasser, wenn du hast. Und danach möchte ich gern duschen. Ist das okay?«

Nadine nickte mir lächelnd zu. »Und ob das okay ist, John. Richtig okay.«

Komisch, es war tatsächlich wie früher. Als hätte nie etwas zwischen uns gestanden.

»Handtücher liegen dort auch genügend.«

»Danke.«

Ich trank eine kleine Flasche Wasser leer. Bei diesen heißen Temperaturen mußte der Mensch viel Flüssigkeit zu sich nehmen, sonst trocknete er aus.

Nadine Berger beobachtete mich dabei. Als ich es bemerkte, fragte ich nach dem Grund.

Sie lachte. »Ich finde es toll, daß du gekommen bist, John. Es ist unbeschreiblich.«

»Ich muß mich auch erst daran gewöhnen.« Nach dieser Antwort ging ich und streichelte ihre Wange.

Daran gewöhnen war der richtige Ausdruck. Wir hatten bisher von gewissen anderen Problemen noch nicht gesprochen, den Anfang sollte auch Nadine machen.

An der Tür holte mich ihre Stimme ein. »John, eine kleine Sache habe ich da noch.«

»Was denn?«

»Früher, wenn du durch mein Fell gestreichelt hast, da hast du auch in meine Augen geschaut, nicht wahr?«

»Richtig. Und es waren die gleichen, die ich heute sehe.«

»Ich konnte dich auch erkennen. Manchmal hatte ich dabei das Gefühl, als würdest du dabei an alte Zeiten denken. An die Tage und Wochen, als wir uns kennenlernten.«

»Damit liegst du gar nicht so falsch.«

»Hast du dir eigentlich mal die alten Zeiten wieder zurückgewünscht? Sei ehrlich!«

»Ich habe einige Male daran gedacht.«

»Trotz Jane und Glenda?«

»Ja.«

»Danke, John.«

Ich mußte lachen. »Was hast du, Mädchen? Du brauchst dich nicht zu bedanken.«

»Doch, John, das schon. Weißt du, ich habe auch als Wölfin einiges spüren können. Ich war mit sehr sensiblen Sinnen ausgerüstet. Ich habe gespürt, daß du mir Gefühle entgegengebracht hast.«

»Wir sind befreundet.« Nach dieser Antwort öffnete ich die Tür zum Bad, einem ziemlich kleinen Raum, der durch die dunklen Kacheln noch schmaler wirkte.

Es gab keine Badewanne, dafür nur eine Dusche und die Toilette. Meine Kleidung klebte am Körper. Sogar einen zweiten Bademantel entdeckte ich, als ich die Kleidung zur Seite legte. Nadine war auf meinen Besuch gut vorbereitet.

Ich lächelte, als ich die Dusche aufdrehte. Nur kein heißes Wasser, lauwarm bis kalt.

Es tat gut, sich den Schweiß der langen Reise vom Körper wischen zu lassen. Ich stellte die Dusche sehr hart ein, so daß die Strahlen meine Haut massierten. Das Gel roch frisch und zitronig.

Minutenlang blieb ich mit geschlossenen Augen unter dem herabfallenden Vorhang stehen. So etwas gehörte einfach dazu. Dabei hatte ich nicht einmal bemerkt, daß Nadine hereingekommen war. Erst als jemand die Wand zur Seite schob und mich ein Luftzug traf, öffnete ich die Augen.

Nackt stand sie vor mir, schaute mich an, lächelte und fragte, ob sie auch eine Dusche nehmen könnte.

»Jetzt?«

»Wenn du es erlaubst.«

Ich lachte. »Hör mal, Mädchen, du bist die Mieterin. Ich kann dir die Bitte nicht abschla …«

Ich sprach nicht mehr weiter, weil ihr wilder und leidenschaftlicher Kuß mir die Lippen verschloß. Wir saugten uns aneinander fest. Irgendwann löste sie sich von mir, atmete heftig und sagte: »Das mußte sein.«

Ich schaute auf ihre aufgerichteten Brustspitzen, nahm Nadine in die Arme und küßte sie zurück. »Auch das mußte sein«, erklärte ich ihr.

Das Wasser ließ ich strömen, als sich meine Hände mit ihrem Körper beschäftigten, der sich in all der langen Zeit nicht verändert hatte. Ich seifte Nadine ein, die sich dabei immer wieder in meine Arme schmiegte und ihre Lippen auf Wanderschaft gehen ließ. Sie genoß dieses Gefühl ebenso wie ich.

In ein Badetuch eingewickelt, trockneten wir uns provisorisch ab. Bis zum Bett war es dann nicht mehr weit.

In den nächsten Stunden holten wir viel nach. Sehr viel sogar, denn auch Nadine hatte sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet. Erst als der Abend hereinbrach, zogen wir uns an und bestellten telefonisch etwas zu essen. Und eine Flasche Champagner dazu.

»Das muß sein«, sagte ich.

»Wenn du meinst.«

Die Pizza wurde gebracht, der Champagner war kalt. Die Flasche stand im Eis.

Der Kellner bekam Trinkgeld. Lässig und grinsend zog er davon. Nadine lag auf dem Bett, mit einem dünnen Nichts bekleidet, unter dem die Brüste wie zwei Hügel standen.

Als der Korken aus dem Flaschenhals schoß und dabei ein lautes Geräusch hinterließ, setzte sie sich auf. Ich füllte zwei Gläser, setzte mich ebenfalls auf das Bett und reichte ihr ein Glas.

»Cheers, Nadine.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist ein Wahnsinn, daß wir so etwas noch erleben können.«

Nach dem ersten Schluck bekam sie die Antwort. »Damit hätte ich auch gerechnet.«

»Hattest du mich aufgegeben?«

Ich senkte den Kopf und krauste die Stirn. »Das ist schwer, Nadine. Ich hatte dich eigentlich nie direkt aufgegeben, aber meine Hoffnung war auch kaum vorhanden.«

»Wie bei mir.«

Ich hob das Glas. »Jetzt ist alles anders, Nadine.«

Nachdenklich schaute sie auf das prickelnde Getränk. »Es stimmt, John, alles ist anders. Doch manchmal frage ich mich, ob es auch besser geworden ist.«

»Wie meinst du das denn?«

»Nur so.«

Ich faßte nach ihrer Hand. »Nadine, das stimmt doch nicht. Du bist nicht zufrieden, von glücklich will ich erst gar nicht reden. Was ist los mit dir?«

Sie strich sanft über ihre Stirn. »Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber es gibt Dinge, die sind nicht so leicht erklärbar.«

»Versuche es trotzdem.«

»Okay.« Sie lächelte kantig. »Früher, als ich noch die Gestalt einer Wölfin besaß, da wußte ich wenigstens, wo ich hingehörte. Verstehst du, was ich damit sagen will.«

»So ungefähr.«

»Jetzt ist es so, daß ich nichts weiß. Ich schwebe im luftleeren Raum. Ich lebe hier, ich könnte ebenso in London, in Berlin oder Moskau wohnen.«

»Du fühlst dich nicht heimisch?«

»Richtig, John, das ist das Problem. Sei ehrlich. Kann ich zu den Conollys zurück?«

»Da mußt du sie fragen. Wie ich Bill …«

»Moment. Und was wird Sheila dazu sagen, wenn eine zweite Frau unter dem gemeinsamen Dach lebt?«

»Keine Ahnung.«

»Doch, John, du willst es mir nur nicht sagen. Sie wäre nicht begeistert, was ich auch verstehen kann. Ich würde ebenso denken wie Sheila. Glaub mir.«

Ich enthielt mich einer Antwort. Was Nadine da angesprochen hatte, konnte tatsächlich zu einem Problem werden, doch eine Lösung des Problems sah ich auch nicht.

»Warum bist du nach New York gegangen?«

»Keine Ahnung.«

»Wirklich nicht?«

Sie lächelte und schüttelte dabei den Kopf. »Was glaubst du eigentlich, John, weshalb ich dich hergeholt habe? Sag mir deine ehrliche Meinung. Denkst du, daß ich eine Lügnerin bin?«

»Nicht direkt, Nadine.«

»Aber du glaubst auch nicht, daß ich dich nach New York gebeten habe, um dir etwas zu sagen und dich an einen Fall heranzubringen. Das glaubst du doch nicht – oder?«

»Es fällt mir zumindest schwer.«

»Dann denkst du, daß ich nach einer Möglichkeit gesucht habe, um mit dir allein sein zu können?«

»Nach allem, was hier zwischen uns geschehen ist, wäre das so unnatürlich gewesen?«

»Nein, glaube ich nicht.«

»Dann liege ich mit meiner Vermutung wohl nicht zu sehr daneben.«

Sie schaute mich direkt an. In den grünen Augen der jungen Frau tanzten Reflexe. »John, du weißt sehr wohl, was ich hinter mir habe. Meine Gestalt habe ich zurückbekommen, ich bin Avalon sehr dankbar, und ich werde die Insel nie vergessen. Ich habe sie in mein Herz geschlossen, ich liebe sie. Ich denke auch über einen Rückweg nach. Aber ich möchte dir eines sagen. Obwohl ich so aussehe wie ein Mensch, bin ich nicht mehr so wie früher. Auch ich habe mich innerlich verändert. Etwas ist zurückgeblieben.« Sie tippte sich auf die Brust. »Wie gesagt, es ist einiges in Bewegung geraten und hat sich nun wieder beruhigt. Aber ich habe mich verändert. Ich bin in meinem Innern nicht mehr die wie früher. Ich kann etwas fühlen, etwas merken, und ich weiß, daß hier etwas passiert ist.«

»Hängt es mit Werwölfen zusammen?«

»Das weißt du?«

»Ich ahnte es.«

Nadine leerte ihr Glas. Ich schenkte nach, dann begann sie mit ihrer Erklärung. »Ja, es hängt damit zusammen. Ich kann die Werwölfe spüren. Da ist etwas in mir, daß sich auf diese Gruppe von Monstren beschränkt. Ich weiß genau, wann sie in der Nähe lauern und ob sie etwas vorhaben. Das alles ist mir bekannt, und ich spüre zudem, daß wieder eine Tat angelaufen ist.«

»Du drückst dich umständlich aus.«

Nadine hob die Schultern.

»Gibt es einen konkreten Hinweis? Eine Spur, die wir möglicherweise verfolgen müssen?«

»Ja, es muß sie geben. Nur bin ich nicht dahintergestiegen, wo und wie.«

»Aber New York stimmt!«

Sie nickte.

»Auch Morgana Layton?«

Nadine holte tief Luft. »Ich nehme an, daß sie etwas vorhat. Ich habe sie nicht sehen können, aber sie hinterließ ihre Spuren. In einer Zeitung las ich von einem schlimmen Vorgang. Der Reporter wußte nicht so recht, wie alles angelaufen war, weil die Verantwortlichen dicht hielten, doch es sickerten einige Informationen durch, und die waren schlimm genug. Eine Gruppe von Polizisten hatte sich auf die Spur eines dreifachen Mörders gesetzt. In Virginia wurde der Mann, der aus New York stammt und Adnan Trevayne heißt, gestellt. Sie überwältigten ihn und wollten ihn mit einem Hubschrauber herbringen, und es passierte auf dem Flug. Der Mann befreite sich, trotz der Überwachung. Der Pilot und seine drei Bewacher kamen ums Leben, denn er sprengte den Copter, bevor er sich zur Flucht wandte.«

»Eine tragische Geschichte, Nadine. Aber ist das ein Beweis für das Vorhandensein eines Werwolfs?«

»Bis jetzt nicht.«

»Dann existiert noch eine Fortsetzung?«

»Ja, die existiert, wobei ich nicht weiß, ob sie authentisch ist oder nicht.«

»Du wirst sie mir trotzdem erzählen.«

Nadine nickte. »Der Killer muß sich auf dem Weg nach New York befunden haben. Er ist auch einige Male gesehen worden. Die Zeugen haben sich an die Zeitungen gewandt, die für derartige Aussagen mehr als dankbar waren. In den Berichten war von einer Bestie die Rede. Von einem wolfsartigen Geschöpf, das durch die Nacht hetzte. Diese Aussagen stammen von Zeugen, die sich weder abgesprochen haben, noch miteinander verwandt oder verschwägert sind. Also unabhängig.«

»Ein Wolf demnach?«

»Ein Werwolf, John.«

Ich nickte. »Und du hast es gespürt.«

»Ja, so ist es.«

Ich runzelte die Stirn. Nadine ließ mich nachdenken. Nach einer Weile berichtete ich ihr davon, was uns in London widerfahren war, erzählte von dem Brief, den wir bei dem Opfer gefunden hatten.

»Auch wenn der Name nicht zu lesen war, John, aber das ist sie. Das ist Morgana Layton. Es gibt keine andere Möglichkeit. Zudem hat er sie hier in New York kennengelernt.«

»Richtig.«

»Dann ist sie hier, und mein Gefühl hat mich nicht getrogen.« Sie lehnte sich zurück, stützte die gespreizten Hände auf das Bett und legte den Kopf in den Nacken, um gegen die Decke schauen zu können, die blaugrau gestrichen worden war.

»Dieser Cushman hat mit Morgana Layton geschlafen.«

»Gelogen hat er bestimmt nicht.«

»Aber wie hat es sich mit Adnan Trevayne verhalten? Sollte auch er mit ihr geschlafen haben?«

»Kann sein.«

»Außerdem schrieb Cushman von einem Keim, der gelegt worden war. Es ist also der Keim zur Bestie gewesen.«

»Und wir haben Vollmond!« flüsterte Nadine. »Daran solltest du auch denken, John. Der Vollmond sorgt dafür, daß der Werwolf oder Vampir Kraft tanken kann. Seiner Verwandlung in eine Bestie steht nichts mehr im Wege.«

Ich strich über meine Stirn, wo sich trotz der Kühle Schweißtropfen gebildet hatten. »Irgendwo ist mir der Fall noch sehr suspekt. Ich frage dich, Nadine. Hast du den einen oder anderen Werwolf gesehen. Hast du seine Nähe gespürt?«

»Nein, nicht seine Nähe, wenn du dabei von einer unmittelbaren ausgehst. Ich meine jedoch, daß die Schicksale von Cushman und Trevayne zusammenhängen.«

»Da widerspreche ich dir nicht, Nadine. Lassen wir bei beiden mal außen vor und kommen wir zu dir. Rechnest du damit, daß du mit den Werwölfen zusammentreffen wirst?«

»Ja.«

Ich nickte sehr bedächtig. »Du hast ein hartes Wort gelassen ausgesprochen. Was sollte die Bestien dazu veranlassen, gerade dich zu besuchen, Nadine?«

Sie stand auf. Schwungvoll ließ sie das Bett hinter sich, ging zum Fenster und blieb dort stehen.

Es war draußen noch nicht dunkel, dennoch brannten auf der Grünfläche die Lampen und verstreuten ihren Schein. »Die Frage ist berechtigt«, sagte Nadine. Sie schielte hoch zum Mond. »Ich wollte ein Treffen herbeiführen, etwas arrangieren und hoffe, daß es mir gelang.«

»Hast du Kontakt aufgenommen?«

»Indirekten.«

»Wie kann man das?«

»Es ist leicht, John. Ich habe es mit einer Anzeige in den großen Zeitungen versucht.«

»Toll«, sagte ich lachend. »Und wie lautete der Text? Ehemalige Wölfin sucht Werwolf?«

Nadine drehte sich um. »Du solltest nicht spotten, John, wirklich nicht. Es ist mir ernst damit.«

»Pardon, aber ich habe noch nicht den richtigen Draht.«

»Wenn er es ist, weiß er Bescheid. Ich habe den richtigen Text verklausuliert. Willst du ihn lesen, oder soll ich ihn dir sagen?«

»Sag ihn mir.«

»Okay.« Sie ging durch das Zimmer, schaute dabei auf den beigen Belag und rezitierte. »Wenn du wie ich die Kraft des Mondes über alles liebst, dann weißt du, wo du mich finden kannst. Komm zu mir, wenn du nicht mehr das bist, als daß du geboren wurdest. Ich erwarte dich voller Sehnsucht. Den Weg werde ich dir aber nicht mitteilen. Wenn du tatsächlich Interesse hast, dann wirst du mich finden können. Ich warte in den Vollmondnächten auf dich.«

»Hm.« Ich kippte das Glas und trank es leer. »Das war alles, Nadine? Mehr hast du nicht geschrieben?«

»Nein.«

»Und du bist dir sicher, daß er hier erscheint?«

»Ich hoffe es, John. Ich möchte und will es. Wenn er ein Veränderter ist, wird er es sich nicht nehmen lassen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich weiß das, weil ich es auch fühle.«

»Bisher hat er sich nicht gemeldet?«

»Zum Glück nicht. Allerdings rechne ich damit, daß er in dieser Nacht erscheinen wird.«

»Was macht dich so sicher?«

»Mein Gefühl, John. Ich habe das Feeling bekommen. Es hat mich regelrecht überfallen. Ich glaube fest daran, daß der Werwolf erscheint. Deshalb bin ich ja so froh, daß du hier bist, John. Wenn er kommt, werden wir …«

Da sie nicht weitersprach, fragte ich: »Was werden wir tun?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Willst du, daß ich ihn umbringe?«

Sie hob die Schultern. »Wenn Leib und Leben Unschuldiger in Gefahr sind, schon. Aber ich gehe davon aus, daß er etwas anderes vorhat. Er ist nicht allein. Meiner Ansicht nach steht Morgana Layton hinter ihm. Die wird ihn leiten und an der langen Leine führen. Deshalb müssen wir uns darauf einstellen.«

Nadine setzte sich wieder hin. Sie schaute mich an, weil sie meine Meinung hören wollte.

»Nicht schlecht, Nadine.«

»Dann stehst du hinter mir?«

»Soll ich dir deinen Plan ausreden?«

»Nein, das nicht, aber …«

»Bitte, Nadine, du hast mich geholt. Ich bin nicht grundlos hergeflogen. Du allein wärst schon der Grund gewesen, nun ist ein zweiter hinzugekommen. Wir werden gemeinsam warten und nach deinem Plan vorgehen. Möglicherweise weist er uns tatsächlich die Spur, die zu Morgana Layton führt.«

»Das wäre gut.«

»Hast du Hinweise, daß sie sich in New York oder nahe der Stadt aufhält?«

»Bisher nicht, John. Ich gehe davon aus, daß sie dahintersteht. Denk an deinen Brief. Diese Person muß meiner Ansicht nach mittlerweile weltweit tätig sein. Sie ist diejenige, die die Fäden zieht, und sie ist die Verbindung zu Fenris.«

»Das weiß ich alles, Nadine. Ich habe mir zudem Vorwürfe gemacht, sie damals nicht getötet zu haben, als ich sie zum erstenmal traf. Es ist im Schwarzwald gewesen. Ich hätte da über meinen eigenen Schatten springen sollen, aber mich hat damals ihr Schicksal gerührt. Wie dem auch sei, das ist vorbei. Ein anderes Thema. Du weißt auch, daß die Königin von Saba ebenfalls etwas mit der alten Werwolf-Magie zu tun hat?«

»Das habe ich nicht vergessen.«

»Hast du da eine Spur oder einen Hinweis entdecken können?«

»Nein, John, überhaupt nichts. Ich weiß gar nicht, wie die Verbindung hätte erfolgen können. Die Königin von Saba hat mit unserem Fall nichts zu tun.«

»Dann ist unsere einzige Spur dieser Adnan Trevayne, der mehrfache Killer.«

»Genau. Wobei ich mich allerdings frage, ob er als Mensch schlimmer gewesen ist.«

»Da hat er zumindest nicht seinem Trieb gehorcht, obwohl ich seine Taten durchaus triebhaft ansehen möchte. Nur sind das wirklich zwei verschiedene Dinge.«

Nadine rutschte vom Bett, kam auf mich zu und umarmte mich. »Meine Güte, bin ich froh, daß du hier bist, John. Ich … ich kann es dir nicht sagen. Allein wäre ich zu schwach gewesen, obwohl ich mich ihm auch entgegengestemmt hätte.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

Sie ließ mich wieder los und schüttelte mit raschen Kopfbewegungen ihr Haar aus. »Eine andere Frage, John. Wo sollen wir ihn erwarten? Hier in dem Haus, oder gehen wir nach draußen?«

»Was brächte das für einen Vorteil?«

»Sollte es zum Kampf kommen, würde nichts zerstört werden.«

»Wenn du so denkst, okay, aber …«

Da summte das Telefon. Urplötzlich wurde Nadine nervös. Unruhig schaute sie mich an. »Wer kann das sein?«

»Heb ab, dann weißt du es.«

Sie ging hin. Ich hörte, daß sie mit dem Mann von der Rezeption redete, der ihr einige Informationen mit auf den Weg gab, die ich erfuhr, als Nadine aufgelegt hatte.

»Ihr Gesicht war blaß, als sie sprach. »Vor kurzem hat sich ein Mann nach mir erkundigt.«

»Wie schön, wer war es?«

»Er hat seinen Namen leider nicht gesagt. Nur die beiden ersten Buchstaben. Sie lauten A und T.«

Es war kein großes Rätsel. »Adnan Trevayne«, murmelte ich. »Er ist es tatsächlich.«

»Und er ist bereits eingetroffen«, flüsterte Nadine, wobei sie eine Gänsehaut bekam …

***

Von einer Idylle konnten wir nicht sprechen, als wir das schmale Haus verlassen hatten, auch wenn die Zufahrt beleuchtet wurde.

Manchmal war der Himmel bunt, wenn Flugzeuge zur Landung ansetzten oder starteten.

Aber auch der Mond stand dort. Voll und sattgelb. Wie ein rundes Glotzauge. Sterne erkannten wir nur bei genauerem Hinschauen, es war einfach zu dunstig.

Wir hielten uns in der Nähe der Häuserzeile auf und standen so, daß wir auch den Eingang im Auge behalten konnten. Nadine hatte sich an mich gedrängt. Die Wärme ihres Körpers übertrug sich auch auf den meinen. Sie wollte meine Nähe spüren, schaute starr auf den Eingang und bewegte ab und zu den Mund.

»Wolltest du etwas sagen, Nadine?«

»Ich weiß es nicht, John. Nur spüre ich, daß er nicht mehr weit sein kann.«

»Wie spürst du das?«

»Es ist eine innere Aufgeregtheit. Sie steckt in mir wie eine Lanze. Schau dich nur um, John. Diese Nacht ist für Werwölfe wie geschaffen.«

Da hatte sie recht. Aber noch herrschte zuviel Betrieb. Da die Anlage nicht weit vom John F. Kennedy International Airport entfernt lag, wurde sie dementsprechend frequentiert. Viele Alleinreisende übernachteten hier, wenn sie ihre Flüge unterbrachen.

Die Luft stand. Mücken umwehten uns in dichten Schwärmen. Auch Grillen zirpten um die Wette. Im Norden zeichneten sich die Umrisse der Trabantenstadt South Ozone Park ab.

Immer wenn wir Schritte hörten, waren wir besonders gespannt.

Alles erwies sich als harmlos, und die Zeiger der Uhren drehten sich weiter.

Noch eine Stunde bis Mitternacht.

Nadine und ich dachten das gleiche. Nur sprach sie es aus. »Die Tageswende wäre eigentlich seine richtige Zeit, um hier zu erscheinen. Damit rechne ich sogar.«

»Nicht unbedingt.«

»Ob er wohl als Werwolf kommt?«

Ich lachte leise. »Das glaube ich schon. Er wird sich nicht erst hier verwandeln, das wäre zu auffällig. Denke an die Geräusche, die damit verbunden sind.«

»Das stimmt schon.«

Eine Waffe hatte Nadine nicht haben wollen. Sie verließ sich voll und ganz auf mich.

Wir hörten, daß ein Wagen auf das Gelände fuhr. Es gab kleine Häuser mit Garage zu mieten, doch ein allgemeiner Parkplatz war ebenfalls vorhanden. Er lag relativ weit von den Wohnhäusern entfernt und konnte durch Stichstraßen erreicht werden.

Der Neuankömmling blieb auf dem Parkplatz. Als er rangierte, schwenkten die langen Arme der Scheinwerfer über das Gelände hinweg und wischten auch an unseren Gesichtern vorbei.

Dann verlöschten sie.

»War er das?« fragte Nadine.

Ich hob die Schultern. »Andere Frage. Was sagt dein Gefühl? Hat es sich verschlechtert?«

»Weiß nicht …«

»Wir werden warten, ob der Ankömmling das Motel betritt. Danach sehen wir weiter.«

Mein Vorschlag war nicht gut. Eigentlich hätte er erscheinen müssen, aber niemand kam.

»Dann war er das doch«, murmelte Nadine.

»Oder ein Liebespaar.«

»Das kann auch sein.«

Wir gaben ihm noch eine Minute. Als danach nichts geschehen war, traf ich die Entscheidung. »Laß uns hingehen und den Platz absuchen.«

»Du auch, John?«

»Sicher.«

Nadine hatte Einwände. »Das halte ich nicht für gut«, erklärte sie frei und offen. Wenn er sieht, daß ich in Begleitung komme, wird er Verdacht schöpfen. Ich habe die Anzeige als Einzelperson aufgegeben, vergiß das nie.«

»Da hast du recht.«

»Dann hältst du dich zurück?«

Ich schaute sie bedrückt an und schüttelte leicht den Kopf. »Ich halte mich zurück, Nadine. Aber ich will dir sagen, daß ich es nicht gern tue. Ich bin da eigentlich nicht mit einverstanden. Der kann dich aus dem Hinterhalt angreifen, ohne daß ich …«

»Dann mußt du schießen.«

»Und die Spur zu Morgana?«

»Wir werden sehen.« Nadine berührte zum Abschied leicht meine Schulter und war verschwunden.

Ich blieb zurück, raufte mir zwar nicht die Haare, ärgerte mich trotzdem und schlug eine andere Richtung ein, weil ich den offiziellen Weg nicht nehmen wollte.

Es war nicht fein, durch die Anlagen zu laufen, in diesem Fall blieb mir nichts anderes übrig. Zudem gaben mir die Buschreihen genügend Deckung.

Einmal sah ich Nadine. Sie hatte den Parkplatz schon erreicht und blieb an seiner Grenze stehen. Es war ein Platz, wo sie auch gesehen werden konnte, denn das Licht einer Laterne fiel wie ein blauweißer Schleier auf sie herab.

Wenn tatsächlich jemand auf Nadine wartete, dann mußte er sie sehen, falls er nicht blind war.

Nach einigen Sekunden setzte sie ihren Weg fort, ging nach rechts und schlug die Richtung zu den geparkten Wagen ein, die in einer Reihe nebeneinander standen.

Welcher als letzter dazugekommen war, wußten wir beide nicht. Nadine ging nicht schnell. Sie machte den Eindruck einer Person, die Zeit hatte und auch etwas unschlüssig war.

Ich folgte ihr in einem sicheren Abstand.

Auf dem Rasen klangen meine Schritte satt und dumpf. Vom nicht weit entfernten Wasser her zogen feuchte Schwaden heran, die leider keine Abkühlung brachten.

Auch stank die Luft. New York gehörte nicht gerade zu den Städten, die mit Frischluft gesegnet waren, selbst in der Nähe des ...

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