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John Sinclair - Sammelband 1

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Palazzo-Gespenst
  4. So freundlich, wie der Teufel
  5. Das Bluträtsel
  6. Geisterbahn
  7. Horror im Harem I
  8. Das fliegende Grauen

Das Palazzo-Gespenst

»Glauben Sie mir, Signora Goldwyn, diese Nacht ist für den Tod wie geschaffen. Es ist ihre Nacht, Signora, ihre …« Das letzte Wort war nur mehr ein Hauch, und es hätte Lady Sarah nicht gewundert, wenn er von einem Nebelstreif begleitet gewesen wäre.

Sie drehte sich nicht um, weil sie wußte, wer gesprochen hatte. Eine alte Italienerin, die ebenfalls in Urlaub gefahren war und das Morbide ebenso liebte wie den Tod.

Statt dessen genoß die Horror-Oma den Blick von der Freitreppe, hinein in den prächtigen Garten, dessen Grundstücksende vom Brenta-Kanal begrenzt wurde.

Die Villa del Sole lag einfach wunderbar. Ein altes Schlößchen aus dem sechzehnten Jahrhundert. Eine Welt, in der die Zeit stehengeblieben war. Wie ein Schutz umgab der große Garten das außergewöhnliche Haus, das vier gleiche Fassaden aufwies. Ein Novum, eine wirkliche Rarität und ein Ort der Ruhe.

Man konnte hier entspannen, kuren, sich erholen, in den Gärten lustwandeln, denn die Wege wurden stets gepflegt. Hecken schirmten sie gegen den Wind ab, der manchmal über die Alpen hinwegblies, wenn er von Norden kam und kalt war. Wehte er aus Richtung Osten, dann brachte er den Geruch vom Lido mit.

Manchmal auch fauligen, ein Gruß aus Venedig, der sonnendurchglühten und der morbiden Stadt, die allmählich ihrem Untergang entgegenweinte.

Hinter Lady Sarah knirschten die Schritte der Italienerin. Vor der Treppe blieb sie stehen. Sie besaß nur drei breite Stufen. Dahinter begann der Garten.

Die Signora stützte sich auf ihren Stock, eine alte Krücke mit einem silbernen Knauf. Lady Sarah hatte sie erzählt, daß sie aus irgendeiner Wein-Dynastie stammte und regelmäßig die Villa del Sole besuchte. Die schmalen Nasenfügel ihrer Hakennase bewegten sich, als sie die Luft einatmete.

»Haben Sie etwas, Signora?«

Die Frau lachte. »Ich sagte Ihnen doch, diese Nacht kann gefährlich werden. Der Mai ist ein schlimmer Monat.«

»Weshalb gerade der Mai?«

»Da ist sie gestorben, aber das wissen Sie doch, Signora Goldwyn.«

»Ich wollte nur noch einmal nachfragen. Es ist so unwahrscheinlich, verstehen Sie?«

»Viele glauben es nicht«, flüsterte die Frau. »Man ist hier sehr diskret, was gewisse Dinge betrifft.«

»Die wären?«

»Das Wegschaffen der Leichen!«

Lady Sarah schluckte. Irgendwie hatte sie die Antwort geschockt, obwohl gerade sie einiges gewohnt war, was den Umgang mit Grusel, Grauen und Horror anging.

»Jetzt sagen Sie nichts mehr, Signora.«

»Ich muß erst nachdenken.« Lady Sarah räusperte sich. Sie kam sich vor wie auf einer Bühne stehend, von wo sie in den noch leeren Zuschauerraum hinabschaute. Hier war alles anders. Man hatte das Gefühl, an der Zeit vorbeizulaufen. Im Costello wurde viel über den Tod gesprochen, der ein ständiger Gast sein sollte.

»Wer schafft die Leichen weg?«

»Das Personal. Wissen Sie, die Leute sind daran gewohnt. Sie leben mit dem Fluch und dem Tod. Beide begleiten sie, man gewöhnt sich halt daran.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich habe nicht gedacht, hier so etwas anzutreffen. Dennoch ist das Haus wunderschön.« Lady Sarah schaute sich um.

Zwischen den Säulen standen Bänke. Hellweiß gestrichen, Oasen der Ruhe. Auch im Haus störte kein Lärm. Gäste und Personal waren es gewohnt, sich leise zu bewegen.

Die Italienerin schnüffelte wieder. »Ich weiß, daß es in dieser Nacht passieren wird. Heute noch schlägt das Palazzo-Gespenst zu.« Dann lachte sie. »Es ist wie Russisches Roulett. Niemand weiß, wen es erwischt. Das ist einmalig. Diese Ungewißheit lockte viele Menschen in die Villa. Menschen, die alt sind, so wie wir. Die irgendwann sterben können, sehr plötzlich sterben wollen, deshalb gehen sie diesen hinterlistigen Poker mit dem Tod ein.«

»Ich fühle mich noch nicht alt«, widersprach Lady Sarah.

»Darauf nimmt sie keine Rücksicht. Wenn Sie Venetia sehen, ist es zu spät.«

»Woher wissen Sie das?«

Die alte Italienerin legte ihre Hände übereinander auf den Knauf. »Woher ich das weiß? Die alten Geschichten stimmen. Sie werden sterben, Signorina Goldwyn. Sie hätten nicht herkommen dürfen, oder haben Sie nicht gewußt, was Ihnen bevorsteht?«

»Nein.«

»Dann beten Sie, daß Sie die Nacht überstehen. Reisen Sie morgen früh am besten ab.«

»Ich werde es mir nicht noch einmal überlegen. Mir gefällt es hier, Signora Brandi.«

»Machen Sie keinen Fehler.« Die alte Frau zog die Stola enger um die Schultern. »Ich finde es etwas kühl. Sie nicht auch, Lady Sarah?«

»Nein.«

»Ich werde hineingehen. Wir sehen uns noch bei einem spätabendlichen Drink?«

»Vielleicht.«

»Kommen Sie lieber. Genießen Sie ihn. Es könnte Ihr letzter sein. Das dürfen Sie nie vergessen.« Signora Brandi hustete, drehte sich um und ging. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und gab ihre letzte Warnung ab. »Wenn Sie ein kalter Hauch streift, Signorina, ist das nicht allein der Abendwind, das ist der Anfang vom Ende. Das Vereisen, wissen Sie … das Vereisen …«

Die letzten Worte verklangen, dann hörte Lady Sarah nur mehr die Schritte der Frau.

Über die Lippen der Horror-Oma huschte ein Lächeln. Sie wußte nicht so recht, wie sie die Worte auffassen sollte. Aber eine Spinnerin war Signora Brandi nicht, es hatte tatsächlich einige Vorfälle in dieser alten, herrlichen Villa gegeben, dem Palazzo, der von einem Gespenst heimgesucht worden war.

Venetia …

Eine Frau, der Geist einer Frau, der in den Mai-Nächten umherspukte und tötete.

Sein Pech war, daß sich eine englische Lady unter den Toten befunden hatte. Eine entfernte Bekannte der Lady Sarah, aber gleichzeitig eine Frau, deren Familie die besten Beziehungen zu den Ministerien besaß. Einem gewissen Sir James Powell hatte sie die Hölle heißgemacht, damit er seine besten Leute schickte, die sich um den Fall kümmern sollten.

Es war nur einer nach Italien mitgefahren. Suko, der Chinese. John Sinclair hatte in Germany zu tun, da der Fall drängte, war Sir James nichts anderes übriggeblieben, als Suko an Lady Sarahs Seite mit nach Italien zu schicken.

Der Inspektor wohnte nicht in diesem alten Palazzo, sondern in der Nähe, was ihm auch besser gefiel.

Das Dinner lag hinter ihr. Es hatte Fisch gegeben, dazu Reis und einen trockenen Wein. Lady Sarah würde später noch auf einen Drink in die Halle gehen, wo man sich traf, saß und auf irgend etwas wartete, das nie eintrat. Aber man wartete immer, man hoffte, und wenn es wieder eine Leiche gab, war man erstens deshalb zufrieden, weil es einen selbst nicht erwischt hatte und zweitens, weil endlich wieder etwas geschehen war.

Ein perverser und irgendwo auch morbider Kreis, aber sehr eingefahren, und das Palazzo-Gespenst tat sein übriges.

Lady Sarah betrat den großen Garten. Der war etwas Besonderes mit seinen menschenhohen Hecken. Buchsbaum und Rhododendron wechselten sich ab. Der Geruch eines alten Friedhofs lag bei Tiefdruckwetter wie ein Schleier über dem Garten und vermischte sich mit dem des Kanals.

Im Garten standen vereinzelt Bänke und meist versteckt Statuen, die wohl unentdeckt bleiben wollten.

Zumeist war es ruhig. Bis auf eine Stelle, wo ein kleiner, halbrunder Teich von einem Brunnen gespeist wurde. Das Wasser floß aus dem aufgerissenen Maul eines Löwen und klatschte permanent auf die Oberfläche des Teichs, so daß diese Melodie nie abriß.

Als Garten der Lüste konnte er wirklich nicht angesehen werden, eher als ein Areal der Besinnung.

Auch Lady Sarah war allein. Das prächtige Haus blieb hinter ihr zurück. Wenn sie den Kopf drehte, glitzerte die Fassade.

Sie ging mutterseelenallein und hörte nur das Knirschen ihrer Schritte.

Die Horror-Oma atmete die kühl gewordene Abendluft ein. Ein heißer Tag lag hinter ihr, und die Luft schmeckte nach abgestandenem Wasser.

Eine ungewöhnliche Mischung, und der Gedanke an den Friedhof verstärkte sich immer mehr.

War das die Zeit für das Gespenst?

Lady Sarah hütete sich, darüber zu lächeln. Es hatte Tote gegeben. Über die genaue Anzahl wollte man ihr nichts sagen, auch wenn sie fragte, aber die Engländerin, deretwegen sie hergekommen war, konnte niemand mehr ins Leben zurückrufen.

Der direkte Weg vom Palazzo zur Kreuzung hin war der breiteste. Wer die Villa anfuhr, mußte an der Rückseite halten, wo auch die Straße herführte. Vorn grenzte der alte Kanal das Grundstück ab.

An der Kreuzung blieb Lady Sarah stehen. Sie schaute hoch zum Himmel, der einen bläulichen Schein abgab. Vielleicht lag es auch am Mond, der seine Fülle fast erreicht hatte.

Sie freute sich, daß ihre Tarnung nicht aufgefallen war. Selbst Sir James hatte dafür gestimmt, Lady Sarah mit nach Italien fahren zu lassen, damit Sukos Bemühungen nicht auffielen. Zudem spielte die Horror-Oma für ihr Leben gern Detektiv. Jane Collins hatte sie nicht mitnehmen können, denn sie befand sich mit John Sinclair in Germany.

Eigentlich war die Nacht wunderschön. Sarah Goldwyn schaute auf die Uhr. Eigentlich war die Zeit schon da. Suko gehörte zu den Menschen, die eigentlich nie unpünktlich waren. Auch jetzt war er da.

Sein Räuspern klang hinter Sarah auf.

»Aha«, sagte sie nur, ohne sich umzudrehen. »Ich dachte schon, du hättest mich enttäuscht.«

»Nie. Wie kommst du darauf?«

»Nur so.«

Er kam näher, stellte sich vor die wesentlich ältere Frau hin und betrachtete das Gesicht, über das die Schatten der Nacht gefallen waren und die grauen Haare, die ein Friseur zu einer flotten Frisur geschnitten hatte.

Lady Sarah trug ein auberginefarbenes Kleid mit weißen Knöpfen. Sie wirkte ein wenig irritiert, weil Suko sie anschaute. »Sag ehrlich, habe ich etwas an mir?«

»Ja. Ich vermisse deine Ketten.«

Da mußte sie lachen. Leise allerdings, so gehörte es sich. »Ja, ich vermisse sie auch, Suko, aber ich habe sie bewußt nicht angelegt. Du weißt selbst, daß ich mit einer Kette nicht leben kann, es müssen schon mehrere sein. Und wenn ich mich bewege, klirren sie gegeneinander. Geräusche, an die ich mich gewöhnt habe, die andere Gäste allerdings stören würden. So ist das nun einmal in der Villa. Dort sind wir vornehmer. Es geht alles ein wenig leiser zu. Die Menschen sind älter, zurückhaltender. Oft habe ich das Gefühl, als würden sie sich nur zeitlupenhaft bewegen. Wie Figuren in einem Theater kommen sie mir vor. Und sie scheinen auf etwas zu warten.«

»Auf den Mord, nicht?«

Sarahs Augen leuchteten in der Dunkelheit, als sie den Inspektor anschaute. »Du sagst es, Suko, auf den Mord. Sie warten tatsächlich auf den nächsten Mord.«

»Wann könnte der geschehen?«

»In dieser Nacht!«

Suko zeigte sich verunsichert, weil Lady Sarah dies mit einer derart festen Stimme behauptet hatte. »Nein, das ist …«

»Man sagte es mir.«

»Wer? Der Mörder?«

»Eine Signora Brandi.«

»Sie ist aber nicht die Mörderin?«

Lady Sarah lächelte schmal. »Wo denkst du hin, Suko? Sie ist eine italienische Signora, die viel Geld geerbt hatte, die sich langweilt und fest davon überzeugt ist, daß in dieser Nacht noch das Palazzo-Gespenst erscheint.«

Suko hob die Schultern. »Wenn sie das so steif und fest behauptet, müßten wir davon ausgehen.«

»Das denke ich auch.«

»Dann frage ich dich, was wir unternehmen sollen.«

»Du – nichts!« erklärte Sarah Goldwyn mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Suko zeigte ein amüsiertes Lächeln. »Soll ich wieder nach London zurück?«

»Nein, nur in der Nähe bleiben. Wie fühlst du dich eigentlich in deinem neuen Zuhause?«

»Es ist wunderbar, der reinste Luxus. Ich habe schon immer davon geträumt, auf einem alten Hausboot leben zu können, der auf einem Kanal dümpelt.«

»Es ist ja nicht für immer.«

»Hoffentlich.« Suko kam wieder zum Kern der Sache. »Wie also kann es weitergehen? Du wartest darauf, daß etwas geschieht, daß dieses Palazzo-Gespenst erscheint.«

»Wir alle warten.«

»Dann drücke ich euch die Daumen.«

»Auch wenn es einen Toten gibt?«

Suko hob die Schultern.

»Ich muß auch noch die Hintergründe herausbekommen, weshalb das Palazzo-Gespenst eigentlich erscheint. Jeder unnatürliche Vorgang hat seine eigene Geschichte, das wird sich hier nicht anders verhalten.« Sie nickte Suko zu. »Du weißt also Bescheid, ich werde mich jetzt auf den Rückweg machen und abwarten.«

»Soll ich in der Nähe des Hauses bleiben?«

»Wenn, dann nicht so, daß man dich entdeckt. Ich glaube, es ist nicht nötig.«

»Wir werden sehen.« Suko strich über Lady Sarahs Wange. Eine zärtliche Geste. »Gib auf dich acht, Goldstück, wir brauchen dich noch.«

Da konnte die Horror-Oma ein Lachen nicht unterdrücken. »Herrlich, wie du das sagst, denn das habe ich lange nicht mehr gehört, ehrlich.«

»Ich mache mir eben Sorgen.«

»Okay.« Sie nickte, drehte sich um und ging, während Suko so schattenhaft verschwand, wie er gekommen war.

Langsam und in Gedanken versunken ging Sarah Goldwyn zurück. Jetzt schaute sie auf die Villa, sah die erleuchteten Fenster und hinter manchen von ihnen auch Bewegungen.

Das Haus erschien ihr unwirklich. Sie verglich es mit einem Traum, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Es wirkte in diese Welt wie hineingestellt, einfach herabgelassen aus einer fernen Dimension, um Gäste aufzunehmen, wobei die Mauern unter der schweren Last der Geschichte stöhnten.

Von innen prächtig. Vielleicht Fresken, kostbare Möbel, Zimmer mit hohen Decken und großzügig geschnittenen Bädern. Das alles hatte natürlich seinen Preis und konnte nur von Vermögenden bezahlt werden.

Auch Bäume wuchsen im Garten. Sie schirmten das Gebäude zur Rückseite hin ab, damit es zum Süden hin offen lag und jeden Morgen im Glanz der Sonne erstrahlte.

Vier gleiche Fassaden, vier breite Gänge, aus verschiedenen Richtungen, die im Innern dort zusammenliefen, wo sich der große Saal befand und man sich traf.

Lady Sarah betrat den Palazzo. Die Tür ließ sich leicht aufdrücken. Dann schritt sie hinein in die Kühle der Halle, sah das Licht und auch die brennenden Kerzen, das Personal, das sich lautlos bewegte, aber dieser Gesamteindruck verschwand hinter einem Frösteln, das über die Haut der Horror-Oma glitt.

Sie erinnerte sich an die Worte der Signorina Brandi. Hatte sie nicht davon berichtet, daß die Ankunft des Palazzo-Gespenstes angezeigt wurde. Durch eine Kälte, die schon unnatürlich war?

So jedenfalls kam sie Lady Sarah vor. Und plötzlich wußte sie, daß dieses Gespenst nicht mehr weit entfernt war.

Es lauerte bereits, und die erste Leiche war für Lady Sarah nur eine Frage der Zeit …

***

Es gefiel Suko nicht, die Horror-Oma allein gehen zu lassen. Er wäre ihr am liebsten gefolgt. Das wiederum würde nicht passen, denn unter den Gästen der Villa wäre er aufgefallen wie ein Papagei am Nordpol. Deshalb hielt er sich zurück, aber er wollte das Haus auch nicht außer Kontrolle lassen, so hatte er beschlossen, zu einer bestimmten Zeit noch einmal in seine Nähe zurückzukehren.

Die Zeit legte er um Mitternacht an. Sie erschien ihm genau richtig. Mitternacht war der Zeitpunkt der Geister, wenn der Tag kippte, tauchten sie auf.

Jedenfalls in der Regel …

Auch Suko fühlte sich allein, als er durch den Garten in Richtung Kanal schritt. Bei Tageslicht verhielt es sich anders, da verschönte die Sonne. In der Nacht aber kam ihm die Umgebung unwahrscheinlich düster vor. Es gab nur die Düsternis, nichts, was ihn eventuell aufgeheitert hätte, selbst das Plätschern des Brunnens erinnerte ihn an eine Verhöhnung.

Die Natur konnte ihren Friedhofscharakter einfach nicht ablegen, und manchmal strichen die seichten, fast unsichtbaren Spinnennetze über Sukos Gesichtshaut.

Vor dem Brunnen blieb er stehen. Die hintere Einfassung bestand aus einer halbrunden Steinmauer, aus deren Mitte der Löwenkopf mit seinem aufgerissenen Maul hervorschaute und das Wasser ausspie. Es klatschte in den Brunnen hinein und tropfte auch auf die Blätter, die wie kleine Boote auf der Oberfläche schwammen.

In der Dunkelheit hatte das Wasser einen undefinierbaren Farbton angenommen. Er lag irgendwo zwischen Grün und Schwarz und sah aus, als wollte er das langsame Sterben der Natur dokumentieren.

Manche Leute sprachen dem Garten einen melancholischen Charme zu. Suko sah es anders. Ihm war es zu feucht, zu klamm, er liebte die Sonne.

Durch ein kleines Tor konnte er das Grundstück verlassen. Seine Füße standen schon bald auf dem weichen Gras des Uferstreifens, der von Laubbäumen gesäumt wurde und aus diesem Grunde etwas Alleeartiges bekommen hatte.

Der Kanal roch.

Es war der Gestank von fauligem Wasser, von altem Laub aus dem vergangenen Winter. Suko sah die Mückenschwärme tanzen. Über der Wasserfläche fühlten sie sich wohl.

Schrille Melodien rissen die Stille auf. Zirkaden und Grillen meldeten ihren Nachtgesang an. Über manchen Stellen trieben feine Dunstschleier wie Totenhemden.

In dieser Umgebung fiel einem sensiblen Menschen der Selbstmord relativ leicht, aber Suko verschwendete daran keinen Gedanken. Ihn interessierte das Palazzo-Gespenst, dem angeblich zahlreiche Morde zugeschrieben wurden, wobei Suko die genaue Zahl nicht bekannt war.

Bis zu seinem Boot mußte er etwa zehn Schritte laufen. Es war ein alter Kahn, der fest am Ufer vertäut war und hin und wieder bewohnt wurde.

Reiche Gäste brachten dort ihr Personal unter. Größer konnte man den Unterschied nicht dokumentieren, aber die Arroganz der Menschen starb nie aus.

Ein schmaler Steg bildete die primitive Gangway, über die Suko das Deck erreichte.

Dort blieb er stehen, umschwirrt von Mücken, nach denen er nicht mehr schlug.

Schwarz und unbeweglich lag das Wasser vor ihm. Tagsüber war der Kanal befahren, jetzt aber, am späten Abend, herrschte die absolute Stille.

Suko räusperte sich, weil er den fauligen Geschmack aus seinem Hals wegbekommen wollte, bevor er über eine alte Holzleiter unter Deck stieg, wo die drei Kajüten lagen.

Es waren Räume, die man vergessen konnte. Sehr eng, vergleichbar mit Sardinenbüchsen. Zudem rochen sie faulig, das Wasser drang überall durch. Nicht, daß sich Lachen gebildet hätten, aber Feuchtigkeit war es immer.

Neben der Koje stand Sukos Reisetasche. Mehr hatte er nicht mitgenommen. Wenn er schlief, zog er sich nicht aus, das feuchte Laken förderte Rheuma.

Toiletten gab es nicht. Auch keinen Abtritt. Wer hier lebte, benutzte den Kanal.

In der Kombüse schräg gegenüber stand ein alter, mit Speiseresten verschmierter Kocher. Bevor er sich dort eine Mahlzeit zubereitete, würde Suko lieber hungern.

Als Sitzplatz diente nicht nur die Koje, ein alter Regiestuhl stand ebenfalls dort. Er kam Suko vor, als hätte ihn jemand vergessen. Die Tür am Ende des Niedergangs, die zu den Kojen führte, hatte Suko nicht geschlossen. Die Koje selbst besaß keine mehr, der Eingang sah aus, als hätte man ihn in die Wand gesprengt.

Selbst das Leinen des Stuhls war feucht. Die Nässe drang durch den Hosenstoff. Trotz allem brauchte Suko etwas in den Magen.

Kochen konnte er sich hier nichts, deshalb hatte er vorgesorgt. In seiner Reisetasche befanden sich unter anderem eine Salami, Weißbrot und eine Dose Saft.

Zehn Minuten später packte Suko die Hälfte der Salami wieder ein und fühlte sich besser.

Verändert hatte sich nichts. Nach wie vor lag die Luft wie Blei über dem Kanal. Die Mücken schwirrten, die Grillen zirpten noch immer, und der Himmel bot sich dar mit seiner Sternenpracht.

Ein Italien-Himmel, von Hunderttausenden von Touristen beschwärmt, einfach wunderbar.

Suko stand auf, weil er sich einfach bewegen mußte. Außerdem wollte er sich an Deck umschauen.

Die Kühle war geblieben. Vom Wasser her stiegen feuchte Tücher und breiteten sich aus. Sie blieben nicht nur auf die Kanalbreite begrenzt, sondern krochen an den Rändern in die Höhe, um sich auf dem flachen Gelände zwischen den Bäumen ausbreiten zu können, wobei sie anschließend an den Stämmen hochkrochen, das Geäst erreichten und es mit gespenstisch wirkenden Wolken umgaben.

Die Kühle nahm zu. Sie war wie ein Schleier, den niemand aufhalten konnte. Sukos Mißtrauen erwachte allmählich, denn er dachte an die Worte der Horror-Oma.

Hatte sie nicht von einer unnatürlichen Kälte gesprochen, die das Kommen des Gespenstes ankündigte?

Der Inspektor war auf der Hut. Mit dem Rücken lehnte er sich an einen der Aufbauten und wartete ab. Noch zeigte der Nebel seine natürliche Form, eine Gestalt jedenfalls konnte Suko innerhalb der Schwaden nicht entdecken.

Das Gespenst mußte eine Frau sein. Man hatte auch von einer Weißen Frau gesprochen, die von der eisigen Kälte des Todes begleitet wurde, wenn sie sich dem Opfer näherte.

Noch schaute Suko in den graublauen Dunst, der sich in die Dunkelheit hineindrängte, aber keine Gestalt aus ihr hervorzauberte. Manchmal war die Stille wie ein Panzer, der, zusammen mit dem Nebel, Sukos Brust umschnürte.

Es würde etwas passieren, das stand für ihn fest. Der Tod näherte sich lautlos.

Suko merkte, daß Schweiß auf seiner Stirn lag. Oder war es nur Feuchtigkeit. Er wischte darüber hinweg und betrachtete seine nassen Handflächen. Sein Herz schlug ungewöhnlich schnell, was ihn sehr störte, denn so etwas erlebte er nur in Streßsituationen.

Hier aber herrschte Ruhe. Trügerisch und gefährlich zwar. Suko traute dem Nebel längst nicht mehr, und wie von selbst wanderten seine Finger dorthin, wo die Dämonenpeitsche im Gürtel steckte. Die Beretta ließ er an ihrem Platz. Einem Gespenst mit einer Kugel begegnen zu wollen, hatte noch nie etwas gebracht.

Die Mörderin lauerte in der Nähe …

Suko drehte sich um, während er gleichzeitig mit der Peitsche einen Kreis schlug.

Drei Riemen rutschten aus der Öffnung und klatschten mit ihren Spitzen gegen die Planken. Jetzt fühlte er sich etwas sicherer, auch wenn er seinen Gegner noch nicht sah.

Kalte Fingerspitzen krochen über seinen Rücken. Er löste sich von den alten Aufbauten, ging zwei Schritte, blieb wieder stehen, startete seinen Rundblick, ohne allerdings die Gefahr erkennen zu können.

Nur der Dunst schwebte über das Deck und verfing sich im Bewuchs an beiden Uferseiten.

Er schaute wieder nach vorn, dem Bug des Bootes entgegen, denn dort zeigte der Nebel seine größte Dichte.

Im nächsten Augenblick holte er Luft, als würde er Wasser trinken, denn in dem Dunst war etwas entstanden:

eine Frauengestalt, ein Gespenst …

Venetia!

***

Suko hatte natürlich damit rechnen müssen, trotzdem stand er unbeweglich und starrte einzig und allein auf dieses Wesen, das sich trotz der Dunkelheit aus den wallenden Schwaden abhob.

Drei Farben überwogen bei ihr.

Da war zunächst einmal das sehr bleiche Haar, dokumentiert durch ein helles Weiß. Das Gesicht dagegen besaß einen blauen Farbton, auch sehr unheimlich anzusehen. Und es war bekleidet. Ein geblümtes Etwas, möglicherweise ein Kleid, zitterte ebenfalls durch den Dunst, wobei die Farbe rosé überwog. Aus den Ärmeln schauten lange Hände hervor, wie das Gesicht ebenfalls bläulich schimmernd.

Venetia sah fest aus, fast stofflich, dennoch war sie ein feinstoffliches Wesen, das sich innerhalb der Schwaden ebenso wallend bewegte wie diese selbst.

Das Gespenst schaute Suko an, und dieser wiederum konzentrierte sich auf die Augen.

Pupillen besaß die Erscheinung nicht. Und wenn, dann konnte man den hellweißen Hintergrund oder die Füllung innerhalb der Augen als Pupillen ansehen.

Sehr rasch hatte Suko den ersten Schock überwunden, und über seine Lippen huschte ein hartes Lächeln. »Wie schön«, flüsterte er, »wie schön, daß du gekommen bist. Dann können wir alles erledigen. Los, komm näher, ich will dich in Reichweite haben.«

Als hätte die Erscheinung Sukos Worte verstanden, so geriet Bewegung in sie, und der Körper wallte nach vorn. Er drängte auf Suko zu wie ein großes Tuch, das geräuschlos über die feuchten Planken hinwegschwebte.

Suko hielt die Dämonenpeitsche in der rechten Hand. Den Arm hatte er bereits zum Schlag erhoben. Er fühlte sich in diesem Moment siegessicher, denn die Peitsche hatte ihm schon so manches lebensgefährliche Problem vom Hals geschafft.

Das Palazzo-Gespenst zeigte weder Furcht noch Widerwillen. Es ließ sich überhaupt nicht beeindrucken und schien die Magie der drei Riemen ebenfalls nicht zu spüren.

Das hätte Suko eigentlich mißtrauisch machen müssen. Er aber war dermaßen von seinem Erfolg überzeugt, daß er darauf nicht achtete. Ihm kam es auf das gezielte Schlagen an.

Einen halben Meter ging er zur Seite. Hinter ihm befand sich der Niedergang mit der alten Holzstiege.

Durch die Erscheinung ging ein Ruck, dann schwebte sie näher, als hätte sie einen Windstoß bekommen.

Jetzt war sie da!

Und Suko schlug. Das Grinsen auf seinen Lippen blieb, er war fest davon überzeugt, es zu schaffen. Die drei Peitschenriemen fächerten auseinander. Sie erwischten das Gespenst und hätten es zerfetzen müssen, damit es in drei Teilen wegtrieb.

Es war nicht möglich!

Innerhalb einer Sekunde erlebte Suko Himmel und Hölle zugleich. Sein siegessicheres Grinsen verschwand von den Lippen. In die Augen trat ein erstaunter Ausdruck, und die eisige Todeskälte kam über ihn.

Suko fror ein!

Es begann am rechten Arm, dann kroch es weiter. Noch konnte er die Beine bewegen, ging zurück, landete auf der ersten Stufe und verfehlte die zweite.

Suko polterte rücklings den Niedergang hinab. Er krachte mit dem Rücken auf die Kanten, so daß einige Stufen zusammenbrachen. Erfolglos suchte Suko nach Halt. Wo er hingriff, er faßte ins Leere.

Innerhalb des Niedergangs blieb er auf dem Rücken liegen, die Peitsche noch in der Hand haltend und sich zunächst auf die eisige Todeskälte konzentrierend, die sich nicht nur auf den rechten Arm beschränkte und den gesamten Körper umfassen wollte.

Das Gespenst lähmte ihn und saugte ihm den Widerstand aus den Knochen. Suko spürte die innerliche Vereisung, er sah aber auch, wie das Gespenst die zerstörten Stufen des Niedergangs hinabschwebte und diesen eisigen Hauch verbreitete.

Überdeutlich sah er das Gesicht. Es hatte etwas Puppenhaftes an sich. Oder zeigten die blassen Lippen bereits den Triumph? War auf ihnen das Lächeln des Todes zu lesen?

Vergeblich suchte Suko den Widerstand. Es gelang ihm einfach nicht, den rechten Arm mit der Dämonenpeitsche in die Höhe zu bekommen. Er konnte ihn nicht einmal bewegen.

Der andere Arm war ebenfalls wie mit Eis gefüllt. Erfrieren durch einen magischen Zauber auf einem alten Hausboot. Und selbst die Kraft der Dämonenpeitsche hatte nicht ausgereicht.

Dieses Wissen war für Suko wie ein Schock. Er fraß sich tief in sein Gedächtnis, das noch funktionierte, und er bekam mit, wie das Palazzo-Gespenst den Körper nach vorn rückte, um sich über ihn zu beugen. Es wollte Suko den Rest geben.

»Stirb …«

Wie ein Hauch erreichte Suko das eine Wort. Wobei er nicht einmal wußte, ob das Gespenst es ausgesandt hatte oder er selbst.

Angst überkam ihn, aber sie trieb keine Wärme in ihm hoch. Nur die Kälte vermehrte sich. Sie kroch weiter als tödliches Übel und war dabei, sein Herz zu umspannen.

Nur Sekunden, dann würde es aufhören zu schlagen.

Bläulichbleiche Hände, zu Würgeklauen gespreizt, zielten gegen Sukos Hals, rutschten daran herab, erreichten die Brust und drückten leicht zu.

Der Inspektor wollte aufschreien. Den Mund hatte er bereits aufgerissen, nur kam es zu keinem Schrei.

Es war nicht mehr möglich, denn die Vereisung hatte ihn voll und ganz erwischt.

Mit offenem Mund blieb Suko unbeweglich liegen. Das Gespenst aber zuckte plötzlich zurück. Es zeigte sich irritiert, was auch auf seinem bleichen Gesicht abzulesen war, denn es bekam einen Ausdruck, als sollte Porzellan zerspringen.

So lautlos, wie es gekommen war, huschte es wieder davon. Diesmal nicht zufrieden mit seinem Erfolg.

Aber es gab noch mehr Ziele.

Der Palazzo, wo die Gäste warteten, als wären sie zum Sterben angetreten …

***

Noch immer wirkte die Halle des Palazzos wie die Kulisse eines Fellini-Filmes.

Sie paßte einfach nicht in die moderne Zeit; da war ein gewaltiges Stück Vergangenheit zurückgeblieben und dabei mit Menschen gefüllt, die ebenfalls der Vergangenheit entsprungen zu sein schienen.

Sie bewegten sich wie Puppen oder Schauspieler, die bestimmte Regie-Anweisungen befolgten.

Man saß in der Halle und wartete. Worauf, das wußte niemand genau. Darauf, daß etwas passierte, der Tod kam und seine Knochenhände ausstreckte.

Das Piano war verwaist. Der Spieler hatte heute seinen freien Tag. Aus vier verschiedenen Richtungen liefen die Gänge zusammen, hinein in den Saal mit der hohen, halbrunden Kuppeldecke und den mit Fresken und Malereien verzierten Wänden.

Der glatte Marmorboden schimmerte in einem braunrötlichen Ton und gab das Licht der Kerzen als Reflexe wider. Zierliche Möbel, aus der Rokoko- und Barockzeit bildeten das Interieur. Die kleinen Tische mit den geschwungenen Beinen sahen aus, als würden sie jeden Augenblick zusammenbrechen, allerdings nicht unter dem Druck der gehäkelten Decken oder zierlichen Vasen.

Sie saßen zu zweit, zu dritt oder viert, aber auch allein. Sie unterhielten sich flüsternd oder schauten ins Leere, ihren eigenen Gedanken nachhängend.

Alte Aristokraten, die ihren Smoking trugen wie andere ihre Jeans, bewegten die Augen kaum, als Lady Sarah die Halle betrat. Im Gegensatz zu ihren Begleiterinnen, die genau hinschauten, ihre Köpfe mit den manchmal tragisch-lustig geschminkten Gesichtern nickend bewegten und die Lippen zu einem schmalen Lächeln der geschminkten Striche verziehend.

Erst in der Halle lagen die Teppiche, so daß die Schritte eines Ankömmlings ziemlich spät gedämpft wurden.

Zwei junge Mädchen, Serviererinnen, die sich vorkommen mußten wie in einer kostbar ausstaffierten Gruft, warteten im Hintergrund. Sie flankierten einen grauhaarigen Ober, dessen Frack ihn zu einem Pinguin machte. Der Mann war es gewohnt, seine Fassung zu bewahren, er bewegte nur seine Augen und verfolgte den Gang der Lady Sarah, die vor einem kleinen runden Rokoko-Tisch ihren Platz fand.

Sehr schnell wurde sie von dem »Pinguin« nach ihren Wünschen gefragt.

»Einen Tee.«

»Sehr wohl, Signorina. Mit Gebäck?«

»Nein, ohne.«

»Sehr wohl.«

Er zog sich zurück und gab die Bestellung an eines der Mädchen weiter. Es trug, wie auch ihre Kollegin, schwarze Kleidung und eine weiße, gestärkte Schürze.

Sarah Goldwyn fühlte sich unwohl. Was hätte sie darum gegeben, jetzt in ihrer Dachkammer zu sitzen und sich einen Video-Film anzuschauen. Aber nein, sie konnte es nicht lassen, mußte wieder auf Gespensterjagd gehen und hockte nun zwischen diesen Grufties, wobei sie sich selbst nicht als Gruftie ansah.

Auch die Mädchen hätten sich in einer Disco wohler gefühlt, als hier die Alten zu bedienen.

Die Gespräche waren wieder aufgenommen worden. Natürlich wurde nur geflüstert. Signora Brandi befand sich nicht unter den Gästen, was Lady Sarah mit Verwunderung feststellte, aber keinen Kommentar gab und sich ihrem Tee widmete, der bald serviert wurde.

Über ihr hing der prächtige Kronleuchter, ebenfalls eine wertvolle Antiquität. Ein wahres Prunkstück aus Kristall, der nur nicht herabfallen durfte. Er blähte sich auf wie ein Ballon. Die zahlreichen Pailetten blitzten durch den Lichtschein wie Goldtaler und blendeten mit ihrer Pracht. Lady Sarah hatte den Tee noch etwas ziehen lassen, bevor sie eingoß. In einer Silberkanne war noch heißes Wasser serviert worden, um den Tee später verdünnen zu können.

Nur wenige Tische in der Halle waren frei. Immer wenn ein Gast sich erhob, schauten die anderen ihm nach, um seinen Weg genau verfolgen zu können.

Lady Sarah war von dem Tee sehr angetan. In London bekam sie kaum besseren.

Schritte klapperten auf dem Marmorboden, danach dämpfte sie der Teppich. Dann kamen sie auf Lady Sarah zu und stoppten neben ihrem Stuhl. Sie hob den Kopf.

Signorina Brandi stand vor ihr, lächelte verkrampft, weil sie wahrscheinlich Furcht davor hatte, daß ihre Schminke abblätterte, die sie dick aufgetragen hatte.

Sie trug ein rotes Chanel-Kostüm, sehr »kantig« geschnitten. Der Rock endete über dem Knie. Irgendwie paßte die Kleidung nicht zu ihr. Es kam nicht darauf an, wieviel Geld ein Mensch besaß, sondern auch darauf, ob er Geschmack zeigte.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Lady Sarah deutete auf den freien Stuhl. »Gern, Signorina Brandi, ich habe Sie schon vermißt.«

Sie lachte. »Sagen Sie nur. Wer vermißt mich denn schon?«

»Ich, zum Beispiel.«

Sie räusperte sich. »Nun ja …« Dann drehte sie den Kopf und fragte flüsternd. »Oder hatten Sie Angst um mich?«

»Das auch.«

»Sie haben es nicht vergessen?«

»Nein, nicht.«

»Das ist gut, sage ich Ihnen, das ist gut. Schauen Sie sich die Menschen an. Sie alle wissen über Venetia Bescheid, aber glauben Sie nur nicht, daß einer von ihnen das Thema anschneidet. Nein, sie halten sich zurück. Sie wollen es einfach nicht wahrhaben, so ist das eben.«

»Ja, das fürchte ich auch.«

Signorina Brandi legte ihren Schmuck zurecht, sie trug mehrere Goldketten und schaute auf, als der Ober sich zu ihr hinabbeugte.

»Bringen Sie mir bitte einen Martini.«

»Trocken?«

»Selbstverständlich.«

Der Pinguin zog ab.

»Sie haben hier einen sehr guten Martini. Den müssen Sie unbedingt probieren.«

»Später.«

Die Brandi bewegte ihre Stirn. »Falls es für uns ein Später noch gibt, Sarah.«

Die Horror-Oma lachte. »Ich bitte Sie, Signora. Natürlich wird es für uns ein Später geben. Davon bin ich überzeugt, und Sie sollten es ebenfalls sein.«

»Nein, nein, ich kenne mich schon aus, meine Teuerste. In dieser Nacht wird es eine Leiche geben. Vielleicht auch zwei. Wer kennt sie schon genau?« Sie deutete in Richtung Eingang. »Haben Sie gesehen, wie sich der Nebel draußen verdichtete?«

»Nein.«

»Ich sah es von meinem Fenster aus. Von dort kann ich bis zum Kanal schauen. Da wallte er hoch wie Tücher.«

»Ist das unnatürlich?«

»Bestimmt nicht.« Die Brandi hob den rechten Zeigefinger. »Aber es ist ihr Wetter.«

»Ich warte auf sie.«

Signorina Brandi erschrak, gab vorerst keinen Kommentar ab, da ihr Martini serviert wurde. »Wie können Sie so etwas nur sagen. Sie versündigen sich.«

»Darüber denke ich anders. Aber ich habe eine Frage.« Lady Sarah stellte sie, nachdem die Brandi genippt hatte. »Wenn alle hier Bescheid wissen, daß es Tote gibt, weshalb hat dieses Haus noch Gäste? Können Sie mir das sagen?«

Die Italienerin trank wieder einen Schluck. »Si, ich kann es sagen oder nur raten. Die Menschen haben Vermögen, besitzen Geld, sind aber in den Ruhestand getreten. Ob freiwillig oder nicht, das möchte ich dahingestellt wissen. Jedenfalls haben sie eines gemeinsam: die Langeweile. Ja, sie langweilen sich. Sie hocken hier in der Halle, denken an die Vergangenheit und hoffen, daß etwas passiert. Es ist wie ein Stück, das jeden Tag neu aufgeführt wird, ohne daß es bestimmte Regeln gibt. Sie treten auf, aber sie bewegen nichts, und sie bewegen sich selbst nicht. Alle warten darauf, daß etwas geschieht. Und was kann Besseres passieren als ein Mord?«

»Das klingt zynisch.«

»Ist aber die Wahrheit. Sie spüren das innerliche Prickeln. Sie stellen sich die Frage: Wen trifft es als nächsten? Ich habe Ihnen den Vergleich des Russischen Rouletts genannt. So ist es in der Tat. Dieses Warten ist ein tödliches Roulettspiel.«

»Ich glaube, daß das nicht meine Welt ist.«

»Wieso kamen Sie dann hierher?«

»Gute Frage«, murmelte Lady Sarah, trank einen kleinen Schluck Tee und sprach von einer Freundin, die sie aufmerksam gemacht hatte. »Eleonora schwärmte von der Villa del Sole.«

»Schwärmte, sagen Sie?«

»Ja, sie starb hier.«

Die Brandi saß starr, überlegte, schaute Lady Sarah an, in deren Gesicht sich kein Muskel regte. »Dann habe ich sie bestimmt gekannt. Stammte sie aus Oxford?«

»So ist es.«

»Ja, sie war hier. Und sie reagierte ähnlich wie Sie, Sarah. Wenn das kein schlechtes Omen ist.«

»Inwiefern?«

»Auch Eleonora glaubte nicht an das Palazzo-Gespenst. Sie hielt es für eine Sage, für ein Hirngespinst.«

»Das habe ich nie gesagt.«

»Stimmt. Doch ich sehe es einem Menschen an, ob er überzeugt ist oder nicht.«

»Und ich bin nicht überzeugt?«

»So ist es.«

Vom Nebentisch erhob sich ein Paar, grüßte steif in die Runde und wünschte eine gute Nacht.

Wieder schauten zahlreiche Augenpaare den beiden nach, wie sie in einem der Gänge verschwanden.

Jemand sagte laut, so daß es fast störend wirkte: »Der Nebel verdichtet sich.«

»Na und?«

»Das ist ihr Wetter, Signor.«

Die Gäste schwiegen. Plötzlich bekamen ihre Gesichter einen betretenen Ausdruck. Der Name war nicht ausgesprochen worden, aber jeder wußte, worum es ging.

Nur Signora Brandi lächelte. »Jetzt steigt die Spannung«, wisperte sie Sarah Goldwyn zu, die dabei war, sich eine frische Tasse Tee einzuschenken.

»Ist das immer so?«

»Fast immer. Ich sage Ihnen, hier muß man sehr genau beobachten. Auch wenn offiziell nicht viel geschieht, sind die Reaktionen der Menschen doch sehr typisch.

Sarah schaute auf die Uhr. Bis zur Tageswende war es noch eine Stunde Zeit.

»Lassen Sie das. Venetia hält sich nie an bestimmte Zeiten. Sie erscheint, wann es ihr paßt.«

»Schön.« Sarah lehnte sich zurück. Allmählich wurde ihr der Stuhl unbequem. »Wenn ich davon ausgehe, daß es diese Venetia gibt, dann muß sie auch ein Motiv gehabt haben, verstehen Sie? Es muß einfach einen Grund geben, daß eine Person als Geist oder Gespenst zurückkehrt. Wie ist ihre Geschichte?«

»Blutig«, flüsterte Signorina Brandi. »Sehr, sehr blutig, das kann ich Ihnen sagen.«

»Ich möchte Einzelheiten wissen.«

»Sie hat hier gewohnt. Sie war die erste in diesem Palazzo, und sie war eine Mörderin.«

»Wen tötete sie?«

»Ihre Gäste.«

Lady Sarah legte die Stirn in Falten. »Das verstehe ich nicht. Man lädt nicht Gäste zu sich ein, um sie anschließend zu töten. Für mich ist das widersinnig.«

»Aber nicht für Venetia. Sie tötete die Gäste, weil sie es einfach mußte. Sie war wie in einem Blutrausch. Eine frühe Lucia di Lammermoor. Als sie starb, bekam sie keinen Frieden. Man hat sie, glaube ich, in Eisklumpen eingepackt und sie dann in den alten Brunnen geworfen.«

»Auch ein ungewöhnlicher Tod.«

»So ungewöhnlich wie ihr Leben war. Der Geist fand keine Ruhe. Jetzt kehrt er zurück und mordet weiter.«

»Wie?«

»Sie vereist die Menschen. Wenn sie erscheint, geht ihr die Kälte des Todes voraus.«

Lady Sarah nickte. »Kompliment, Signorina Brandi. Sie wissen sehr gut Bescheid.«

»Si, das ist wahr. Manchmal ist Venetia für mich wie eine Schwester, wie eine böse Schwester.«

»Die Sie hassen?«

»Ich glaube schon. Und alle anderen hier hassen sie auch. Obwohl jeder auf ihr Erscheinen wartet und hofft, daß es ihn nicht erwischt.«

»Irgendwann ist es doch vorbei. Dann ist keiner der Gäste mehr übrig.«

»Das wäre auch so, wenn Venetia das ganze Jahr durchmorden würde. Aber sie beschränkt sich allein auf die erste Hälfte des Monats Mai. Danach ist Schluß.«

Sarah Goldwyn schüttelte den Kopf. »Egal, was Sie auch denken, Signora, ich finde es weiterhin seltsam.«

Sie leerte ihr Glas und stellte es sanft ab. »Aber es ist spannend, da können Sie nichts gegen sagen.«

»Und lebensgefährlich.«

»Was haben wir Alten noch zu verlieren? Man soll uns diesen Spaß mit dem Tod doch gönnen.«

»Sorry, darüber denke ich anders. Ich lebe, das können Sie mir glauben, gern und intensiv. Ich möchte meine Jahre genießen und kein Spielball für den Tod sein.«

»Das verstehe ich auch.«

»Aber Sie denken anders?«

»Ja, ich habe alles abgegeben. Die Firma befindet sich in der Hand meiner Nachkommen. Wir machen Nudeln, in Italien sehr krisensicher. Ich habe genügend Vermögen, um reisen zu können.«

»Und Ihr Gatte?«

»Der lebt schon seit fünf Jahren nicht mehr. Es war nicht schade um ihn. Er war ein alter Fremdgänger, hat mich von hinten und vorn betrogen, aber ich habe das Geld, das war wichtig. Heute will ich noch etwas Spannung haben, früher war es nur die Langeweile gewesen. All das hat mich angeödet. Die Feste, das angebliche dolce vita oder dolce far niente. Es ist beides nichts für mich. Keine Spannung.«

Sarah enthielt sich eines Kommentars. Sie hatte schon viele Menschen kennengelernt, aber die Brandi gehörte zu den seltsamsten, die ihr je untergekommen waren.

»Jetzt sind Sie geschockt, nicht wahr?«

»Nein.« Die Horror-Oma gab eine ehrliche Antwort. »Das bin ich nicht. Wissen Sie, ich bin schon einiges gewöhnt. Ich frage mich nur, wie die Familie zu Ihrem ungewöhnlichen Hobby steht?«

»Sie weiß von nichts. Außerdem sehe ich die Leute kaum.« Sie redete sehr neutral darüber. »Wir treffen uns nur zu offiziellen Anlässen. In der Regel sind es dann Pressetermine.«

»So kann man leben?«

»Ich schon.« Sie winkte den Ober herbei und bestellte das nächste Glas Martini. »Wissen Sie, die Familie besitzt zwar in Italien einen hohen Stellenwert, aber nicht überall.« Die Brandi lachte gackernd. »Nun ja, ich genieße mein Leben und auch die Spannung.« Sie beugte sich über die Tischkante, um näher bei Lady Sarah zu sein. »Schauen Sie sich mal unauffällig um. Dann wird Ihnen auch die Unruhe auffallen, die die meisten der Gäste befallen hat. Sie spüren genau, daß etwas kommt.«

»Sie auch?«

»Ja. Ich sagte Ihnen schon. Der Nebel ist ihr Wetter. Da wird sie aus ihrem Versteck herauskommen und sich ein neues Opfer suchen. Ich finde es gut.«

»Nun ja, ich weniger.«

»Machen Sie sich nichts daraus. Vielleicht haben Sie Glück, und es trifft einen anderen.«

»Ein schwacher Trost.«

»Besser als keiner.«

Der Martini wurde serviert.

Die Brandi nippte wieder und schaute dabei über den Rand des Glases hinweg auf die anderen Gäste.

»Sie werden immer nervöser. Wie sie mit ihren Händen über die Lehnen rutschen, das sind Zeichen.«

»Dann soll sie doch endlich kommen, zum Teufel!« Sarah Goldwyn hatte den Satz kaum ausgesprochen, als es geschah.

Plötzlich flackerte das Licht. Der Kronleuchter über ihrem Kopf schien in Bewegung geraten zu sein. Das Licht ging aus, wieder an, wieder aus – und es blieb dunkel.

Sekundenlang war es still. Nur im Hintergrund brannten einige Wandleuchten.

Ein leises Räuspern klang überlaut. Das fade Dämmerlicht blieb, die Menschen hielten den Atem an.

Was würde geschehen?

Auf einmal war der kalte Hauch da. Er strich wie mit Totenfingern gezeichnet durch die alte Halle, vorbei an den Gesichtern der Gäste.

Auch Lady Sarah merkte ihn. Sie erschrak, drückte den Oberkörper nach vorn und zog das Kinn an die Brust.

Der Hauch glitt vorbei.

Von rechts wehte ihr das Wispern der Tischpartnerin entgegen. »Haben Sie es gespürt?«

»Sicher.«

»Jetzt ist sie gekommen. Von nun an gibt es kein Zurück. Sie werden Venetia erleben.«

Noch erlebte Lady Sarah nichts, nur die Atmosphäre war eine andere geworden. Wie ein Wintereinbruch mitten im Sommer kam es ihr vor, und sie drehte sich auf ihrem Stuhl nach links, denn auch die Brandi tat dies.

Beide Frauen blickten, wie auch die anderen Gäste, in eine bestimmte Richtung.

Nur eine Armlänge von der Wand entfernt hockte sie auf einem der leeren Stühle.

Venetia – das Palazzo-Gespenst!

Sarah Goldwyn hörte neben sich das tiefe, stöhnende Atmen und dann den Kommentar. »Sie ist es, Himmel, sie ist es. Venetia, und sie hat sich fast manifestiert.«

Es war unwahrscheinlich. Selbst die relativ abgebrühte Sarah Goldwyn, die so leicht nichts erschrecken konnte, war bleich geworden und rührte sich nicht. Sie hockte ebenso unbeweglich auf dem Stuhl wie all die anderen auch.

Es war schlimm. Venetia zeigte sich als eine Mischung aus Geist und Gespenst. Das bläuliche, puppenhafte Gesicht, das bleiche Haar, ein roséfarben schimmerndes Kleid auf dem Körper, darunter ein Nichts, keinen Körper eigentlich, aber kalte, blaue Hände, die aus den Ärmeln des Kleides hervorschauten.

Furchtbar …

»Glauben Sie mir nun?« hauchte die Brandi.

Sarah nickte nur und beobachtete. Das Gespenst wirkte wie jemand, der es sich gemütlich gemacht hatte. Es hockte auf dem Sessel. Für Lady Sarahs Geschmack strahlte dieses Wesen eine Selbstsicherheit aus, die sie als furchtbar einstufte.

Venetia tat nichts. Sie hockte nur da und genoß ihren Auftritt. Das Gesicht schien aus Porzellan gemeißelt worden zu sein. Es paßte nur zu der übrigen geisterhaften Erscheinung, und die Hände kamen Lady Sarah vor wie Mörderklauen, die nach einem Opfer forschten, um es zu töten.

Jeder konnte es sein, und mit keinem Zeichen gab das Gespenst zu erkennen, wen es sich ausgesucht hatte.

Es saß still und bewegte nur den Kopf, um sich einen Rundblick zu gestatten.

Ein jeder fühlte die harten, weißen Augen auf sich gerichtet, aber keiner war in der Lage, etwas dagegen zu tun.

Regungslos blieben die Gäste hocken. Ein jeder hoffte, daß der Kelch an ihm vorbeigehen würde.

Auch Sarah spürte die Blicke.

Eisig, ohne Gefühl. Sie sezierten ihre Seele, dieses Gespenst kam an, es drang durch, es verbreitete eine Aura des Grauens und der Gefühllosigkeit.

Nicht jeder Gast hatte sich unter Kontrolle. Es waren einige dabei, die sehr stark, scharf und hörbar ein- und ausatmeten. Sie alle spürten den Druck, der auf ihnen lastete wie ein Gewicht.

Und zwei Frauen schrien leise auf, als sich die Gestalt einen Ruck gab und aufstand.

Es war ein sich Bewegen und Schweben zugleich. Sarah Goldwyn hatte so etwas noch nicht erlebt, sie bekam große Augen, denn die Gestalt berührte zwar mit ihren nackten, blau schimmernden Füßen den Steinboden, aber sie glitt trotzdem über ihn hinweg, und kein Laut war dabei zu hören.

Wenn sie jetzt eine magische Waffe bei sich getragen hätte, irgendeinen Dämonenbanner, möglicherweise auch ein einfaches Kreuz, dann wäre sie gegen einen Angriff gefeit gewesen, aber sie hatte bewußt nichts dergleichen mitgenommen, es lag oben im Koffer. Lady Sarah wollte das Gespenst nicht verschrecken.

Jetzt bedauerte sie es, und sie bedauerte auch, Suko nicht an ihrer Seite zu wissen.

Es schwebte weiter, ohne daß ein Laut zu hören gewesen wäre. Fahnengleich wischte es über den Boden, ein Wunder der Magie, das gleichzeitig Angst ausströmte.

Wen suchte es sich aus?

Plötzlich blieb es stehen.

Lady Sarah krampfte ihre Hände um die Holzlehnen. Sie spürte sehr deutlich, daß es jetzt darauf ankam, und im nächsten Augenblick verdichtete sich die Gestalt.

Es hatte den Anschein, als würde sie kristallisieren, glitt nach vorn, so daß Lady Sarah jetzt mehr erkennen konnte und mit ansah, wie sich das Gespenst über den Körper eines Mannes beugte, der regungslos auf dem Stuhl saß.

Im nächsten Moment schrie er.

Nein, er wimmerte, er ächzte und stöhnte. Laute, die nicht zum Aushalten waren.

Die Horror-Oma reagierte als einzige. Sie stand so rasch wie möglich auf, wollte hin – und wurde festgehalten. Die Brandi zerrte an ihrem Kleid.

»Nicht, Sarah, nicht!«

Es war zu spät.

Das Opfer gab ein letztes Röcheln von sich, dann wurde es still. Bis zu dem Zeitpunkt, als das helle, schrille und wahnsinnig klingende Lachen durch die Halle gellte, bei den Menschen einen Schock hinterließ. Niemand verließ seinen Platz.

Jeder spürte die Kälte, die wie eine Wolke kam und den eisigen Hauch des Todes vorbeistreifen ließ.

Ein letzter Gruß des Gespenstes, denn einen Lidschlag später gab es Venetia nicht mehr.

Ein phantomhafter Nebelstreifen huschte auf den Eingang zu – und war verschwunden.

Danach flammte der Kronleuchter wieder auf. Die strahlende Helligkeit ergoß sich in die Halle und beleuchtete ein makabres Bild, das sich allerdings kaum von dem unterschied, wie es vor dem Ereignis gewesen war.

Nur ein Mann saß völlig regungslos auf seinem Platz!

Keiner der Gäste traute sich aufzustehen und auf ihn zuzugehen. Man blieb hocken, wie Eisfiguren.

Vom Personal war niemand mehr zu sehen. Der Mann und die beiden Mädchen wußten genau, was sie tun mußten, wenn diese unheimliche Erscheinung den Palazzo in Besitz nahm.

Die Zeit wurde lang. Sekunden flossen dahin, klebten an einem zähen Band, das vom zurückgelassenen Grauen umklammert wurde. Einer aus ihrer Mitte würde sich nicht mehr erheben.

Das wußte auch Lady Sarah. Sie war die einzige, die sich traute. In ihren Knien spürte sie eine gewisse Weichheit, obwohl sie sehr staksig ging und neben dem Mann stehenblieb.

Er war schon sehr alt. Bestimmt achtzig. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck der Todesangst. Wie eingemeißelt lag sie auf seinen Zügen. Da spannte sich die dünne Haut mit den Altersflecken über seinen Knochen. Der Mund stand weit offen, als wollte er noch ein letztes Mal richtig Luft holen.

Er hatte es nicht geschafft …

Auch Lady Sarahs Hand zitterte, als sie die Finger auf das Gesicht des Toten zuschob. Sie wollte etwas Bestimmtes herausfinden – und sah sich nicht getäuscht, denn als sie über die Haut des Toten tastete, hatte sie den Eindruck, Eis anzufassen.

So kalt war sie.

Lady Sarah zog ihre Hand zurück. Auf der Stelle drehte sie sich. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Ein jeder erwartete von ihr einen Kommentar.

Sie nickte. Erst einmal, dann wiederholte sie diese Geste, bevor sie anfing zu sprechen.

»Ihr wißt, daß er tot ist. Wenn ihr ihn berührt, dann ist seine Haut wie Eis.«

Sie sagten nichts, nickten nur, denn sie erlebten es nicht zum erstenmal. Einige aber atmeten auf, denn jetzt konnten sie weiterleben. Zumindest einen Tag. Wer wußte schon, wen es in der folgenden Nacht erwischen würde? Dann begann die Spannung von vorn.

Rosanna Brandi meldete sich mit einer so zittrigen Stimme, wie Lady Sarah sie bei ihr noch nicht gehört hatte. »Ich habe es Ihnen gesagt, Sarah, sie ist eine Person, die sich rächt. Sie ist immer unterwegs, glauben Sie mir. Auch wenn Sie das Gespenst nicht sehen.«

Die anderen Gäste nickten wie Marionetten, als sie die Erklärungen der Frau vernahmen.

Sarah Goldwyn lachte hart auf. »Okay, ich habe verstanden. Aber wie geht es weiter?«

»Wir halten uns an das Ritual.«

»An was bitte?«

Rosanna Brandi kam auf die Horror-Oma zu. »Nach jeder Leiche läuft das gleiche ab, Sarah, Sie werden es schon sehen.«

»Aber Signora, wir müssen die Polizei …«

Die Brandi lachte, als stünde sie auf der Bühne. Die halbe Tonleiter rauf und runter. »Meine liebe Signora Goldwyn, was denken Sie eigentlich von uns?«

»Das sage ich lieber nicht.«

»Sie sind ebenfalls Gast hier. Sie werden sich an das Ritual gewöhnen müssen.«

Sarah hob die Hand. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß eine Bekannte von mir gestorben ist. Die Dame aus Oxford. Hat sie sich auch dem Ritual hingeben müssen?«

»Nein, sie war eine Ausnahme. Wir haben für Ihre Überführung in die Heimat gesorgt.«

»Sehr gut.« Sarah deutete auf die Leiche. »Was ist mit diesem Mann? Muß er nicht auch überführt werden? Zumindest an seinen Heimatort.«

»Wir werden natürlich seine Angehörigen benachrichtigen, das steht außer Zweifel. Was dann geschieht, überlassen wir einzig und allein ihnen. Dafür sind wir nicht mehr zuständig.«

Mrs. Goldwyn schüttelte den Kopf. Sie kam nicht mehr mit. Was hier ablief, war mehr als dekadent, trotzdem nicht einmal überraschend. Es paßte zu der gesamten Stimmung, die sich in den Mauern des Palazzos ausgebreitet hatte.

Auch Rosanna Brandi war ihr ein Rätsel. Die Frau reagierte ihr einfach zu sprunghaft. Einmal gab sie sich ihrer Furcht hin, dann wiederum zeigte sie eine ungewöhnliche Härte, wie zuletzt, als sie über das nun folgende Ritual sprach.

Vielleicht lag es auch an der Erleichterung, daß es sie nicht getroffen hatte.

»Nun, Signora Goldwyn?«

Sarah legte die Stirn in Falten und zeichnete mit der Zeigefingerspitze die rechte Augenbraue nach. »Ich muß mich noch immer daran gewöhnen, sorry.«

»Si, hier ist einiges anders. Aber was wollen Sie machen? Wir alle sind Akteure auf der Bühne des Lebens. Gerade in einer derartigen Umgebung wie dieser fühlt man sich so.«

Die Horror-Oma schaute sich um. Die Gäste flüsterten wieder miteinander, manche prosteten sich zu, und immer wieder wurden dem Toten scheue Blicke zugeworfen.

»Wie lange dauern die unheimlichen Vorfälle noch?«

»Nur bis Mitte Mai.«

»Dann ist Schluß?«

»Si, das gesamte Jahr über, Signora. Stellen Sie sich das vor. Aber wenn der nächste Mai kommt, werden hier sicherlich ein Teil der Gäste sitzen, die Sie auch jetzt sehen. Die Spannung läßt sie nicht mehr los. Sie haben in ihrem relativ langen Leben alles gehabt, was bleibt ihnen da noch, um es interessant zu machen? Ich kann Ihnen sagen, daß ich ebenfalls so denke, Signora.«

»Ich allerdings nicht. Meine Hobbys füllen mich so aus, daß ich an so etwas nicht denke.«

»Da ist eben jeder verschieden.«

Aus einem der Seitengänge erklangen Schritte. Wie auf Kommando erhoben sich die Gäste von ihren Stühlen und blieben in steifen Haltungen davor stehen.

Einige von ihnen hatten sich auf ihre Stöcke gestützt. Keiner drehte sein Gesicht der Quelle dieser Schritte zu, denn jeder – außer Lady Sarah – wußte Bescheid.

Die sah es Sekunden später, als die drei Personen den Gang verließen und in die Halle traten.

Es waren der Ober und die beiden Mädchen, die in der Halle die Gäste bedienten.

Nur wirkten sie jetzt anders. Zwar trugen sie noch ihre normale Dienstkleidung, hatten allerdings Kittel darüber gestreift und ihre Finger von Handschuhen bedeckt. Die neue, graue Kleidung ließ sie aussehen wie Friedhofswächter, und auch in ihren Gesichtern regte sich kein Muskel, als sie gemessenen Schrittes auf den Toten zugingen, ihn einrahmten und sich verbeugten.

Rosanna Brandi hatte von einem Ritual gesprochen. Lady Sarah mußte ihr recht geben. Was hier ablief, das verdiente diesen Namen durchaus. Auch die Gäste verneigten sich vor dem Toten. Lady Sarah machte mit, sie wollte nicht auffallen.

Dann beugte sich der Ober noch tiefer und hob die Leiche an. Die beiden Mädchen halfen ihm dabei. Und wieder konnte Sarah nur den Kopf schütteln, als sie sah, daß es ihnen nichts ausmachte. Die drei besaßen eine gewisse Routine, was den Abtransport des Toten anging.

Sie faßten ihn so unter, daß sie ihn leicht tragen konnten und verschwanden in einem der Gänge, wo ihre Schritte allmählich verklangen und wieder Stille einkehren konnte.

Die Lady Sarah durch ihre leise gestellte Frage unterbrach. »Jetzt würde mich noch interessieren, wo der Tote hingeschafft wird.«

»Leichen muß man kühl lagern.«

»Sie haben ein Kühlhaus?«

Rosanna Brandi lächelte. »Ganz so ist es nicht, meine Liebe. Aber die Keller hier verdienen den Namen noch. Sie sind in der Regel feucht und kalt. Das bleiben sie selbst in den heißen Sommertagen.«

»Und dort bleibt der Tote jetzt?«

»So ist es.«

Lady Sarah überlegte. »Wäre es vermessen zu fragen, ob ich den Keller besichtigen kann?«

Die Brandi schwieg. Es war nur das Rücken der Stühle zu hören, als sich die anderen Gäste wieder setzten.

»Nun?«

»Warum wollen Sie das?«

»Möglicherweise interessiere ich mich für alte Keller. Ist das so ungewöhnlich?«

»Ja.«

»Nicht für einen Gast dieses Palazzos.« Lady Sarah lächelte. »Zeigen Sie mir den Weg.«

»Wir werden noch etwas warten. Ich möchte das Personal auf keinen Fall stören.«

»Wie Sie meinen.«

Plötzlich erklang Musik. Keine Trauerklänge, schöne beschwingte Weisen. Leichte Tafelmusik aus der Zeit des Barocks.

Rosanna Brandi lächelte, während sie den Kopf erhoben hatte und ihren Blick über die Fresken an der Decke gleiten ließ. »Normalerweise wird nach dieser Musik auch getanzt. Sie verstehen, nicht wahr?«

Lady Sarah lächelte nicht einmal. »Aber nicht in Anbetracht der unheimlichen Vorfälle.«

»Doch, meine Liebe, doch. Gerade die Musik und der Tanz zeigen uns doch, daß wir den Tod überwunden haben. Er wollte uns nicht, er streifte an uns vorbei. Deshalb können wir uns des Lebens wieder freuen.«

»Bis zum morgigen Abend.«

»Da haben Sie recht. Dann beginnt das Ritual wieder von vorn. Vielleicht erwischt es mich oder Sie? Ich glaube, daß Sie eher an der Reihe sind, Sarah.«

»Weshalb denn?«

»Haben Sie den Blick der Venetia nicht gesehen? Haben Sie nicht erkannt, wie diese Person Sie angeschaut hat?«

»Nein.«

»Es war, das kann ich Ihnen versichern, schon so etwas wie ein Todesblick. Ein Zeichen, daß es Sie erwischen wird. Morgen, Sarah, morgen wird sie kommen und sich mit Ihnen beschäftigen. Da können Sie sagen, was Sie wollen.«

»Oder abreisen.«

»Aber nicht doch. Wollen Sie wirklich so feige sein und einfach von hier verschwinden?«

»Es wäre vielleicht besser.«

»Keiner denkt so«, erklärte Rosanna bedauernd. »Keiner von uns würde nur einen Gedanken daran verschwenden. Wo blieb denn der Sinn unseres Lebens, wenn wir dermaßen ängstlich reagierten? Was haben wir alles zu verlieren, Sarah?«

»Immerhin unser Leben.«

»Das längst hinter uns liegt. Wir gönnen uns halt den kleinen Bogen der Spannung, nicht wahr?«

Lady Sarah war da anderer Meinung. Nur hatte es keinen Sinn, darüber mit Rosanna Brandi reden zu wollen. Sie würde es niemals schaffen, die Frau zu überzeugen.

Der Ober und die beiden Mädchen erschienen wieder. Diesmal trug der Mann weiße Handschuhe, deutete ein Klatschen an. Die Geste wurde verstanden, das Gemurmel der Gäste verstummte.

»Da wir die Spannung des Abends hinter uns gelassen haben, möchte ich Sie jetzt bitten, die Getränkebestellungen aufzugeben.«

»Champagner!« krächzte eine alte Frau und zielte mit dem rotlackierten Fingernagel des Zeigefingers auf den Ober.

»Ja, Champagner!« riefen auch die anderen. »Wir wollen Champagner haben.«

»Vom besten!« dröhnte die Baßstimme eines männlichen Gastes. »Bringen Sie uns vom besten.«

Der Ober verneigte sich. »Sehr wohl, die Herrschaften, ich werde mich bemühen.«

Die Mädchen waren bereits eingeweiht und hatten auch die Vorbereitungen getroffen. Wahrscheinlich tranken die Gäste jeden Abend Champagner, denn auf großen Silbertabletts standen die schlanken Gläser für den edlen Saft wie aufgereiht.

»Wollen Sie auch ein Glas, Sarah?«

»Nein, ich möchte zunächst in den Keller.«

Rosanna Brandi lächelte. Ihre Lippen zuckten dabei. »Gut, ich habe Ihnen versprochen, an Ihrer Seite zubleiben, deshalb werde ich Sie führen.«

»Darum bitte ich.«

Als die Korken knallten und die Gäste sich um die Mädchen drängten, da fiel es kaum auf, als zwei Frauen den Saal verließen. Es stimmte nicht, daß Lady Sarah eine besondere Schwäche für Keller besaß, in diesem Fall aber mußte sie einfach hinunter, um zu sehen, wie der Tote aufgebahrt worden war.

Das ungute Gefühl ließ sich nicht vertreiben …

***

Sie waren dorthin gegangen, wo auch die Küchen- und Wirtschaftsräume des Palazzos lagen, betraten diese allerdings nicht, sondern lenkten ihre Schritte in eine kleine Nische, deren Rückseite eine Tür bildete. Ihre Füße berührten diesmal keinen Marmor, sondern einfachen grauen Stein, der sich als Treppenstufen fortsetzte, als sie in die Tiefe stiegen und von einer Feuchtigkeit umfangen wurden, als wären unsichtbare Tücher um ihre Körper gelegt worden.

Empfangen wurden sie von einer bedrückenden Stille. Die Ruhe des Todes überdeckte den Keller, dessen Räume nicht an das Stromnetz angeschlossen worden waren. Die Frauen mußten sich deshalb auf die beiden Kerzen verlassen, die auf flachen Tellern standen und ein flackerndes Licht abgaben.

Jede von ihnen trug einen Teller. Sarah Goldwyn hatte Rosanna Brandi vorgehen lassen, denn sie kannte sich in diesen Gewölben aus. Die Horror-Oma schalt sich eine Närrin, überhaupt den Wunsch geäußert zu haben, den Keller zu besichtigen. Dieser Platz wäre ideal für das Palazzo-Gespenst gewesen. Wenn es jetzt erschienen wäre, um sich der Lady anzunehmen, hätte sie sich keinen Vorwurf machen dürfen.

Aber der Geist wehte nicht herbei. Dafür strich etwas anderes durch ihr Gesicht. Eine hauchzarte klebrige Masse, an der noch winzige Tropfen hingen.

Es waren Spinnweben, die von der Decke herabhingen und auch an den Wänden klebten. Sarah schüttelte sich, als die feinen Fäden sie berührten.

»Was haben Sie?«

»Ich mag keine Spinnweben.«

Rosanna Brandi lachte. »Damit müssen Sie in derartigen Gewölben rechnen.«

Sie nahmen die letzten beiden Stufen und blieben auf dem feucht glänzenden Boden stehen. Er bestand aus hartem Lehm, nur hin und wieder wurde die Fläche von einer grauen Steinplatte unterbrochen.

Der größte Teil des Gewölbes blieb im Dunkeln. Nur wo die beiden Frauen sich aufhielten, flackerte der Schein und zeichnete Muster über ihre Gesichter und die Wände.

»Was denken Sie jetzt?« fragte die Italienerin, als sie in das gespannte Gesicht ihres Gegenübers schaute.

»Ich denke an Venetia.«

Rosanna nickte sehr bedächtig. »Das kann ich mir vorstellen, Es ist auch einfach, an sie zu denken. Dieses Gewölbe ist ihre Welt, hier müßte sie sich wohl fühlen.«

»Ist sie denn hier?«

»Keiner weiß es. Niemand kennt ihren Platz. Sie kann überall sein, denn sie ist die wahre Herrscherin.«

Rosanna hatte mit einer vor Ehrfurcht und Angst triefenden Stimme gesprochen, und Sarah sah ein, daß es jetzt keinen Sinn hatte, sie über die Hintergründe auszufragen.

»Lassen Sie uns nicht zu lange warten. Ich möchte noch nach oben zu den anderen.«

»Gehen Sie vor.«

Die Brandi setzte ihre Schritte sehr behutsam. Den Teller hielt sie vorgestreckt, und sie folgte der flackernden Lichtinsel durch einen Torbogen hinweg in ein offenes Verlies hinein, das Lady Sarah wenig später betrat.

Rosanna Brandi trat ein wenig zur Seite, damit sie für Sarah den nötigen Platz schuf.

Die Horror-Oma war auf einiges vorbereitet. Was sie allerdings in dieser feuchten, muffigen und nach Verwesung riechenden Umgebung sah, versetzte ihr einen regelrechten Schock, der sich tief in ihren Körper hineinfraß.

Das Licht der sich bewegenden Kerzenflammen fiel auf mehrere Leichen, die nebeneinander lagen und wie aufgereiht wirkten. Drei Frauen und zwei Männer.

Die Toten befanden sich in den verschiedenen Stadien der Verwesung. Am schlimmsten hatte es eine Frau erwischt, deren Haut sich schon dunkel verfärbt hatte.

»Das sind die letzten Maiopfer!« hauchte Rosanna.

Lady Sarah wollte sich abwenden. Sie konnte nicht, handelte wie unter einem inneren Zwang und näherte sich den auf dem Steinboden liegenden Toten.

Starre Gesichter sahen im Spiel von Licht und Schatten aus, als würde ihnen neues Leben eingehaucht. Es machte ihr keine Freude, die Toten zu untersuchen, aber Sarah wollte nur etwas Bestimmtes herausfinden.

Sie berührte die Haut der Toten und stellte fest, daß sie kalt wie Eis war.

»Jetzt haben Sie alles gesehen«, sagte Rosanna leise, als Sarah sich aufrichtete.

»Ja, das habe ich. Aber die Toten sollen doch abgeholt werden, sagten Sie mir.«

»Ich weiß nicht, wie ihre Angehörigen darüber gedacht haben und weshalb sie es nicht taten.«

»Wer hat ihnen denn Bescheid gegeben?«

»Ich war es nicht.«

Sarah nickte. Ihre Gedanken drehten sich bereits um andere Dinge. Ihr und Suko mußte es gelingen, diesem killenden Geist das Handwerk zu legen.

»Gehen wir.«

»Gern.«

Diesmal ging Sarah Goldwyn vor. Sie atmete nur durch die Nase, denn dieser eklige Geruch sollte nicht noch mehr ihren Mund ausfüllen. Er hing sowieso in ihren Kleidern, und es würde lange dauern, bis er wieder verschwand.

Wieder an der Oberwelt, lehnte sich Lady Sarah gegen die Wand und atmete tief durch. Sie war sehr blaß geworden, die Hände zitterten, und die Haut am Hals bewegte sich durch das heftige Schlucken.

Rosanna legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Sie hätten nicht in den Keller hineingehen dürfen, Sarah, das war nicht gut. So etwas ist nichts für schwache Nerven.«

Mrs. Goldwyn winkte ab. »Sagen Sie das nicht, ich bin stark, keine Sorgen.«

»Lassen Sie uns die schlimmen Dinge vergessen. Jetzt wird gefeiert. Wir sollten dabeisein. Hören Sie?«

In der Tat schallte ihnen der Stimmenklang aus der Halle entgegen. Dabei wirkte der Gang wie ein Trichter, dessen nackte Wände die Geräusche noch verstärkten.

»Sorry, aber es geht nicht.«

»Nein?«

»Ich kann nicht feiern, nachdem ich diesen Schrecken gesehen habe. Das ist unmöglich. So abgebrüht bin ich nicht. Ich muß jetzt für mich allein sein.«

Signora Brandi schaute sie an, bevor sie nickte. »Ja, das kann ich verstehen.« Sie lächelte. »Dennoch erlauben Sie mir, daß ich mich zu den anderen begebe.«

»Selbstverständlich.«

»Sehen wir uns noch?« fragte die Brandi beim Weggehen.

»Ich weiß es nicht.«

»Aber morgen sicherlich. Da wird die Spannung dann wieder steigen. Ein Rat von mir. Genießen Sie den kommenden Tag. Denken Sie daran, daß er Ihr letzter sein kann …

***

Mit diesem Trost konnte Lady Sarah nichts anfangen. Sie wollte auch nicht weiter darüber nachdenken, denn es gab andere Dinge, die erledigt werden mußten.

Was in diesem prächtigen Palazzo passierte, war der kalte, brutale Horror. Das war einfach nicht zu verantworten, hier hatte der Tod sein Reich hinverlagert und schlug fast jeden Abend zu.

Es gab natürlich auch Tage, wo das Gespenst nicht erschien, in der Regel aber kam es.

Und ihm mußte Einhalt geboten werden.

Sie stand im Garten und holte tief Luft, weil sie den Modergeruch aus dem Hals haben wollte. Die Luft war von einer eigenartigen Würze erfüllt, abgegeben durch die Blätter der sorgsam geschnittenen Hecken und getragen von der Feuchtigkeit, die der alte Kanal abgab, über dessen Wasser noch graue Dunsttücher hingen.

Laternen suchte sie im Garten vergeblich. Nur der Palazzo mit den vier gleichen Fassaden strahlte sein weiches Licht durch die Scheiben der Fenster.

Als Sarah weiterging, überkam sie das Gefühl, von der Welt der Lebenden hinein in die der Toten zu schreiten, wo die Romantik der Furcht und der Melancholie gewichen waren und die Luft von Geistern erfüllt wurde, die über den Garten tanzten.

Für sie war es eine Welt der Angst, durch die sie aber mußte, wenn sie Suko erreichen wollte. Lady Sarah war froh darüber, den Inspektor mitgenommen zu haben. Bisher hatte Suko nicht einzugreifen brauchen, so war es auch zwischen ihnen abgesprochen gewesen, jetzt aber benötigte sie seine Hilfe. Zudem gab es auch Fakten, an die er sich halten konnte. Vier Leichen redeten eine deutliche Sprache.

Der große Garten schluckte sie. Rechts und links standen die Büsche wie hohe Wände, unter ihren Schritten knirschten die kleinen Steine, wenn sie zerbrachen.

Bäume umstanden die Wasserstraße und gaben ihr ein alleeartiges Aussehen. Lady Sarah öffnete das schmale Tor am Ende des Grundstücks und stand zwei Schritte danach im hohen Ufergras, wo sie erst einmal verharrte und sich umschaute.

Suko hatte sie nicht gesehen. Aber sein Boot sah Lady Sarah, es lag rechts von ihr. Ein Steg führte vom Ufer her auf das Deck. Davor blieb die Horror-Oma stehen, weil sie sich darüber wunderte, daß Suko noch nicht erschienen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß er bereits schlief, denn es war ein nächtlicher Kontakt zwischen ihnen abgemacht worden.

Etwas stimmte da nicht …

Sie schaute auf das Wasser, über dem noch feuchte Schwaden lagen und allmählich in die Höhe stiegen, als wollten sie das Elend vergessen lassen.

Ein Elend, das Lady Sarah nur spürte, nicht sah. In diesen Augenblicken überkam sie ein nicht eben gutes Gefühl, die dumpfe Ahnung trieb in ihr hoch und sagte ihr, daß etwas passiert sein mußte, denn Suko meldete und zeigte sich noch immer nicht.

Wo konnte er stecken? Nur auf dem Schiff – oder?

Sie betrat die Planke mit vorsichtigen Tritten, die sich unter ihrem Gewicht bog.

Nach wenigen Sekunden stand sie an Deck. Hier stank der Kanal besonders intensiv.

Nicht einmal die Wellen gluckerten oder schmatzten. Dieses Wasser lag still. Nur der Wind strich über die Oberfläche und ließ sie zittern.

»Suko?« Sarah Goldwyn zischelte den Namen, bekam allerdings keine Anwort und wurde noch nervöser. Sie strich über ihr Haar, als sie auf den Niedergang zuschritt.

Dabei konzentrierte sie sich auf die Stiege, deren weiche Holzstufen in die Tiefe führten und vor einer offenstehenden Tür endeten. Dahinter mußte auch die Kajüte liegen, in der Suko sich so gut wie möglich eingerichtet hatte.

Er hätte sie hören müssen, auch wenn er schlief, denn Suko war ein Mensch, der von einem Geräusch sehr schnell aus dem Schlaf gerissen wurde.

Auch jetzt rührte er sich nicht.

Für Lady Sarah stand längst fest, daß etwas passiert sein mußte. Man hatte Suko kalt erwischt, und eigentlich kam da nur ein Wesen in Frage, das Palazzo-Gespenst.

An Deck hatte Suko davon nichts gesehen, auch unter Deck zeigte sich der Geist nicht. Sie sah die Öffnung an der linken Seite, die Tür war nicht mehr vorhanden, und sie entdeckte Suko, der im Dunkeln auf der Koje lag.

Nur sein Umriß war zu sehen. Daß er nicht schlief, stand für Lady Sarah fest, denn sie hörte keine Atemzüge.

Eine eisige Nadel duchfuhr sie und drang mit der Spitze in ihr Herz. Es war einfach furchtbar. Keine Atemzüge zu hören, konnte bedeuten, daß Suko nicht mehr lebte.

Sie zitterte so stark, daß sie sich an der Wand abstützen mußte, um nicht zusammenzubrechen.

Dann ging sie vor. Ihre Sohlen schleiften über die Planken. Noch immer war sie innerlich vereist. Ihre Augen brannten, weil sie zu lange in die Dunkelheit gestarrt hatte. In der schmalen Handtasche suchte sie nach Zündhölzern.

Das gleiche Reklamepäckchen war noch vorhanden. Zitternd rieb sie ein Streichholz an. Die Flammen vergrößerten sich, flackerten, als Lady Sarah ihre Hand bewegte und Suko, der auf dem Rücken lag, ins Gesicht leuchtete.

Im gleichen Augenblick schrie sie auf!

Lady Sarah war nicht so leicht zu erschüttern. Selbst der schreckliche Anblick der Leichen hatte sie nicht so tief getroffen wie dieses schlimme Bild.

Sukos Augen standen offen, die Pupillen wirkten darin wie starre Kugeln.

So etwas kannte Lady Sarah, denn so sahen die Augen eines Toten aus …

***

Sie zuckte und bewegte ihre rechte Hand, als das kleine Feuer der Flamme über ihre Haut streifte und sie ansengte. Das erloschene Zündholz schleuderte sie zu Boden und hätte die Flamme auch mit ihrem Tränenwasser löschen können, denn sie konnte sich nicht mehr zurückhalten.

Suko tot?

Es wollte ihr nicht in den Sinn, sie konnte es nicht begreifen, machte sich Vorwürfe, weil sie ihn mitgenommen hatte. Sie mußte daran denken, daß quer über Sukos Brust noch die drei Riemen der Dämonenpeitsche lagen, deren Griff der Inspektor in der Hand hielt.

Ein Zeichen dafür, daß er sich gewehrt hatte, allerdings ohne einen sichtbaren Erfolg.

»Mein Gott, was ist hier passiert?« flüsterte sie und erkannte ihre Stimme kaum wieder. Sie wischte die Tränen ab und schalt sich gleichzeitig eine Närrin, daß sie dermaßen überzogen reagiert hatte. Nun suchte sie nach der schmalen Zündholzschachtel, die ihr aus der Hand gefallen war, was sie nicht einmal bemerkt hatte.

Es dauerte eine Weile, denn erst dann hatte sich Lady Sarah so weit gefangen, daß sie wieder ein Streichholz anreißen und Suko damit anleuchten konnte.

Wieder zitterte die Flamme, streifte das Gesicht, spiegelte sich in den Pupillen, wo sie dunkle Reflexe warf, aber es war wie beim erstenmal. Kein Leben …

Sarah Goldwyn verbrauchte noch weitere Streichhölzer, bevor sie in der Lage war, Suko genauer zu untersuchen. Wenn er durch das Palazzo-Gespenst gestorben war, dann mußte sich seine Haut ebenso kalt anfühlen wie die des Toten in der Halle.

Es kostete sie abermals Überwindung, sich dem Gesicht des Inspektors zu nähern.

Dann tastete sie mit den Fingerspitzen darüber hinweg – und wäre am liebsten im Boden versunken, denn die Haut fühlte sich ebenso kalt an wie die dieses Toten.

Lady Sarah fragte sich schon, was sie Sukos bestem Freund, John Sinclair, sagen sollte. Er würde eine Erklärung verlangen, und er hatte, zum Teufel noch mal, auch ein Recht darauf.

Am liebsten hätte sie auf der Stelle kehrtgemacht und wäre fluchtartig weggerannt. Das allerdings schaffte sie auch nicht. So blieb sie denn und untersuchte Suko genauer.

Dazu brauchte sie kein Licht. Ihre Hände tasteten den Körper ab und waren dabei unter die Kleidung gefahren, denn sie wollte auf Nummer Sicher gehen.

Herzschlag …

Das eine Wort setzte sich in ihrem Hirn fest. Hatte sie ihn tatsächlich gespürt?

Noch einmal fühlte sie nach, war sich sehr unsicher und rechnete damit, daß es ihr eigener Herzschlag war, dessen Echo durch ihren Körper gedrungen war.

Reiß dich zusammen! Reiß dich zusammen! Immer wieder hämmerte sie sich den Befehl ein.

Und sie tastete abermals nach.

Ja, es stimmte. Jetzt, wo sie sich etwas beruhigt hatte, war schwach, aber deutlich zu spüren, das Sukos Herz nicht stillstand.

Diesmal zitterten Lady Sarahs Beine, weil sie sich darüber so freute. Plötzlich hatte sie den Eindruck, als würde das Boot über den Kanal fahren, so sehr schwankte der Boden unter ihren Füßen und die Kajütenwände gleich mit.

Wenn bei einem Menschen das Herz noch schlug, dann lebte dieser Mensch. Doch Suko stand an der Schwelle zum Tod. Er ruhte auf der Kippe, auf einer unsichtbaren Grenze, und eigentlich hatte er auch einen Tod erlitten.

Keinen normalen, einen magischen …

Sie dachte darüber nach, weshalb der Mann in der Halle gestorben war und Suko nicht. Dafür müßte es einfach Gründe geben, über die Lady Sarah nachdachte.

Suko war ein Mensch wie alle anderen auch, kein Supermann oder Übermensch. Aber es gab einen Unterschied auch zu den anderen Menschen. Er besaß magische Waffen, wie die Dämonenpeitsche, und damit hatte er sich ja gewehrt. War dies der Grund gewesen, daß er nicht so gestorben war wie der Mann in der Halle? Hatte Suko den Angriff durch den Einsatz der Dämonenpeitsche abschwächen können?

Eine andere Lösung kam für Lady Sarah nicht in Betracht. Es mußte darauf hinausgelaufen sein.

Was tun?

Wer Lady Sarah Goldwyn näher kannte, der wußte auch, welch eine resolute Person sie war, und daß sie oft genug das Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte. Es war ihr immer wieder gelungen, einen entsprechenden Weg zu finden. In dieser Nacht jedoch stand sie reglos in der Kajüte und wußte nicht, was sie unternehmen sollte.

Sie schaute auf den starren Körper, atmete die feuchte Luft und fühlte sich hilflos.

Das war genau der richtige Ausdruck. Hilflos dem magischen Tod gegenüber.

Im Klartext hieß dies: Allein konnte sie nichts mehr machen. Das Palazzo-Gespenst war einfach zu stark.

Hilfe mußte her.

John Sinclair!

Sollte Suko tatsächlich in einen magischen Schlaf oder eine magische Todesstarre gefallen sein, bedurfte es gewisser Hilfsmittel, um ihn wieder aufzuwecken. Das traute Lady Sarah dem Geisterjäger durchaus zu.

Sie dachte auch darüber nach, ob sie Sukos Waffen an sich nehmen sollte, zumindest die Beretta, nahm davon allerdings Abstand. Sollte Suko aus eigener Kraft diesen Zustand verlassen, dann mußte er seine Waffen bei sich finden.

Deshalb ließ Sarah sie ihm. Einen letzten Blick warf sie dem starren Körper noch zu. »Mach's gut, Suko! Halte durch – bitte! Ich bitte dich darum.« Die Stimme erstickte, weil wieder Tränen in ihre Augen hochdrängten.

An Deck war die Welt für sie zu einem Alptraum geworden. Dunkelheit und Feuchtigkeit, vermischt mit den grauen Schleiern der Nebeltücher, umwallten sie. Ihr Gang war mit dem einer mondsüchtigen Person zu vergleichen, als sie die Planke überquerte. Am dunkelblau wirkenden Himmel stand der Mond tatsächlich in seiner vollen Pracht und glotzte wie ein kaltes Auge auf die Erde nieder.

Sarah Goldwyn durchschritt den Uferstreifen und drückte das Tor auf. Erst im Garten blieb sie wieder stehen. Der Geruch hatte sich nicht verändert. Noch immer lag er schwer und duftend über dem Gelände, und er erinnerte Sarah an einen alten Friedhof, denn dort hatte sie einen ähnlichen Geruch erlebt.

Marionettenhaft schritt sie weiter. Sie hatte den Kopf erhoben, sah das Haus wie eine Festung. Die Fenster im Mauerwerk zeichneten ein Muster aus hellen Rechtecken. Lady Sarah fühlte sich beobachtet, obgleich sie niemand sah.

Aber hier war alles anders. Ein Gespenst hatte die Herrschaft übernommen, ein furchtbares Wesen, daß einen Menschen allein durch seine Berührung totfror.

Musik, laute Stimmen, echtes und auch unechtes Gelächter schwangen ihr entgegen, als sie den Palazzo betrat. Die Menschen feierten, doch sie waren nicht glücklich darüber.

Irgendwo mußte sich die Spannung lösen, sie wollten ihren Frust loswerden, und der Alkohol hatte dafür gesorgt, daß sie sich anders benahmen als sonst.

Niemand saß mehr starr auf seinem Platz. Sie alle waren aufgestanden und tanzten mit grotesk wirkenden Bewegungen über den alten Marmorboden des Palazzos.

Lady Sarah erinnerten diese Haltungen an einen Totentanz, ein letztes Aufbäumen vor dem Ende.

Sie betrat die Halle mit zögernden Schritten. Zuerst wurde sie nicht beachtet, dann sah ein älterer Mann sie, dessen weiße Haare durcheinandergewirbelt worden waren, wobei noch Spuren von Lippenstift an seinen Wangen klebten und er deshalb sehr den Eindruck eines Clowns machte, als den eines Tänzers.

»Kommen Sie, Mrs. Goldwyn, feiern Sie mit uns.«

»Nein, danke, ich will nicht.«

»Warum nicht? Wir leben, wir haben es überstanden! Viva – das Leben, und ein Hoch der Dekadenz!« Er lachte und kippte den Champagner in sich hinein.

Kopfschüttelnd ging Lady Sarah weiter. Im Hintergrund stand das Personal.

Der Ober rührte sich nicht vom Fleck. Er erinnerte Lady Sarah nicht nur an einen Pinguin, er hatte auch etwas von einem Stockfisch an sich. Seine Augen besaßen eine kalten und auch amüsierten Glanz.

»Was kann ich für Sie tun?« fragte er, als Sarah Goldwyn vor ihm stehenblieb.

»Ich möchte telefonieren. Kann ich von meinem Zimmer aus durchwählen, Signore?«

»Ich gebe Ihnen eine Leitung.«

»Danke.«

Einen Fahrstuhl gab es in diesem Haus nicht. Lady Sarah stieg die breiten Treppenstufen hoch bis zur ersten Etage und öffnete ihre Zimmertür. Ein großer Raum, ausgestattet mit kostbaren Möbeln, nahm sie auf.

Über dem Bett schwebte ein Baldachin. Das weiße Telefon stand auf einem kleinen Tisch direkt neben dem Bett, dessen Decke das Zimmermädchen längst aufgeschlagen hatte.

Im Licht der lüsterartigen Deckenlampe wählte Lady Sarah die Nummer des Geisterjägers. Es war ihr auch egal, ob sie ihn aus dem tiefen Schlaf riß. Schließlich ging es um Suko. Und sie war froh darüber, daß ihr die Brandi nicht mehr begegnet war. Außerdem hatte sie die Frau zwischen den feiernden Gästen nicht gesehen.

Dann hörte sie die verschlafene Stimme. »Ja, Sinclair …«

»Ich bin es, mein Junge …« Sie schluckte. »Bitte, jetzt mußt du mir genau zuhören …«

***

»Ich glaube, Suko ist tot!«

Dieser eine, verfluchte und schlimme Satz hatte mich endgültig aus meinen Träumen gerissen und mich wach gemacht. Was Lady Sarah mir mitten in der Nacht unterbreitet hatte, war eine der schlimmsten Horror-Nachrichten meines Lebens gewesen.

Natürlich hatte ich nachgefragt und von ihr alles erklärt bekommen. Daß ich nicht mit nach Italien gefahren war, hatte an meinem letzten Fall gelegen. Ich war in Germany gewesen, um mich in einem Hexenmuseum umzuschauen, so hatte Suko die Horror-Oma dann begleitet. Selbstverständlich wollte ich so schnell wie möglich bei ihr sein. Bis Venedig fliegen, den kleinen Rest der Strecke mit einem Leihwagen zurücklegen, so sah mein Plan aus, den ich zuvor noch mit Sir James Powell, meinem Chef, absprechen wollte. Auch wenn es tiefe Nacht war, ich würde ihn wecken. Er hätte es mir sonst nicht verziehen.

Sir James zeigte sich ähnlich geschockt wie ich. Auf seine Frage konnte ich kaum Antworten geben, die würde ich vor Ort finden. »Fliegen Sie so bald wie möglich, John.«

»Okay, Sir.«

»Und holen Sie Suko zurück …«

Wir konnten beide nicht mehr reden. Ich kam mir wie unter Strom stehend vor. Mein Herzschlag hatte sich beschleunigt, und die Nachricht hatte meine Schweißdrüsen aktiviert. Gegen was hatten Suko und ich nicht schon alles gekämpft! Vampire, Zombies, schreckliche Monstren, keiner hatte den Inspektor geschafft. Da mußte tatsächlich erst ein Gespenst kommen, um ihn dicht an den Rand des Todes zu bringen, wobei er möglicherweise diese Grenze schon überschritten hatte und nicht mehr lebte.

Daran wollte ich nicht denken.

Ich traf alle Vorbereitungen, die es zu treffen gab. Jane Collins rief ich nicht an. Den Fall in der Nähe von Venedig wollte ich allein lösen.

Daß ich mich wie in Trance bewegte, bemerkte ich kaum. Einen klaren Gedanken konnte ich nicht fassen, zu sehr waren meine Überlegungen mit Suko und seinem Schicksal beschäftigt.

War er tot oder nicht?

Ich hoffte auf letztere Möglichkeit …

***

Italien empfing mich mit einem sehr heißen Maiwetter. Die strahlende Sonne stand über mir wie ein glühender Kochtopf, und der Alfa, den ich mir als Leihwagen genommen hatte, besaß leider keine Klimaanlage, so daß ich ganz schön schwitzte.

Von Venedig aus fuhr ich in Richtung Nordosten, noch vorbei an Padua, aber nicht hin bis zu den Südtiroler Alpen, deren schneebedeckte Gipfel aus der Ferne grüßten.

Anhand der Karte hatte ich mich orientiert und atmete zum erstenmal auf, als ich den Brenta-Kanal entdeckte, diese sehr gerade Wasserstraße, deren Ufer an beiden Seiten meist dicht begrünt waren.

Lady Sarah hatte mir von der ungewöhnlichen Bauweise des Palazzo berichtet, und sie hatte nicht gelogen, wie ich sehr bald feststellen konnte.

Der Bau war eine Klasse für sich.

Wunderschön sah er aus, eingehüllt in den Glanz der Sonne, die sein Dach mit einer Spur aus Blattgold überdeckte. Es war ein phantastischer Anblick, den ich genießen konnte, als ich auf die Zufahrt rollte und mich dem Haus näherte.

Es paßte alles, der breite Vorgarten, die zahlreichen Wege, doch etwas störte mich gewaltig.

Ein schwarzer Leichenwagen stand vor dem Haus und wirkte völlig fehl am Platze.

Neben dem Leichenwagen ließ ich den Alfa ausrollen. Seine hintere Ladeklappe stand weit offen. Von den Sargträgern sah ich nichts, dafür hatten sich die Gäste auf den Treppenstufen versammelt.

Alte Menschen, sommerlich gekleidet, mit Sonnenbrillen vor den Augen. Manche von ihnen wirkten nahezu grotesk, besonders deshalb, weil sich einige für ihr Alter ungünstig angezogen hatten.

Ich sprach einen Mann in meiner Nähe an. »Was ist hier eigentlich passiert, Signore?«

Er schob seine dunkle Brille hoch und betrachtete nahezu verächtlich mein zerknittertes Jackett. »Wissen Sie das nicht? Sind Sie fremd hier, Signore?«

»So ist es.«

»Sie holen Signore Carlo Ombusi ab, der in der vergangenen Nacht leider von uns ging.«

»Das tut mir leid.«

Der Mann neben mir hob die Schulter. Er trug ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, die für seine dünnen Arme viel zu aufgebauscht aussahen. »Irgendwann erwischt es uns alle, auch Sie, Signore.«

»Sicher. Woran starb er denn? Herzschlag? Oder hat er die Hitze nicht vertragen?«

»Nein.«

»Die Kälte?«

»Vielleicht. Scusi, Signore.« Der Mann ließ mich stehen und gesellte sich zu den anderen.

Ich hatte gemerkt, daß er mit mir, einem Fremden, nicht über die Vorgänge reden wollte. Nun ja, das war nicht wichtig, denn Lady Sarah würde mir mehr sagen können.

Leider entdeckte ich sie nicht. Jedenfalls hielt sie sich hier draußen nicht auf.

Im offenen Portal des Eingangs erschienen die beiden Sargträger! Männer in schwarzen Kitteln, die einen violetten Glanz bekamen, wenn die Sonne darauf schien.

Sie trugen die schlichte Holzkiste mit routinierten Griffen. Als sie durch das Spalier der Zuschauer schritten, verbeugten sich die Männer und Frauen.

Ich tat es ihnen nach, ohne den Toten zuvor gesehen zu haben. Zu gern hätte ich ihn mir angesehen und auch seine Haut gefühlt.

Erfroren im Sommer!

Das war ein Unding, das konnte es einfach nicht geben. Ich schüttelte den Kopf. Wenn Lady Sarah recht hatte, dann mußte sich hier eine verdammt starke Magie ausgebreitet haben.

Aus dem Auspuff des Leichenwagens stieß eine graublaue Wolke, als das Fahrzeug anfuhr. Zahlreiche Augenpaare schauten ihm so lange nach, bis es nicht mehr zu sehen war. Erst dann gingen die meisten Menschen zurück in den Palazzo.

Ich folgte ihnen noch langsamer, denn ich war mit Sarah Goldwyn verabredet und hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen. Dabei wußte sie, daß ich auf dem Weg war. Hielt sie sich bewußt zurück, oder gehörte das mit zum Spiel.

Ich fand eine Rezeption und einen Menschen dahinter, der auch als englischer Butler hätte durchgehen können. Er war groß, hager, schaute mich zwar freundlich an, wirkte trotzdem verkniffen.

»Prego, Signore?«

»Ich möchte jemand besuchen, eine Bekannte, die hier bei Ihnen wohnt.«

»Wer ist es?«

»Mrs. Sarah Goldwyn.«

Der Knabe hinter der edlen Rezeption zuckte mit keiner Wimper, als ich meinen Wunsch geäußert hatte. »Ja, Sie wohnt hier.«

»Ist sie in ihrem Zimmer?«

Er nickte. »Wie ich weiß, fühlte sie sich nicht sehr wohl heute morgen.«

»Ich werde nachschauen. Wo muß ich hin?«

»Zimmer zehn. Es liegt in der ersten Etage auf der linken Seite, Signore.«

Ich bedankte mich und rannte los. Die Worte hatten mich alarmiert. War es tatsächlich nur eine harmlose Krankheit, die Lady Sarah befallen hatte oder …

Ich dachte nicht mehr weiter nach und wäre im breiten Gang der ersten Etage beinahe gegen ein Zimmermädchen gelaufen, das erschreckt zurückzuckte.

Ich entschuldigte mich, fand die Tür mit der Nummer 10 und klopfte an.

Da ich nichts hörte, öffnete ich die Tür und betrat einen kleinen Vorraum, an den sich der große anschloß. Vor beiden Fenstern hingen die dicken Stoffe der Vorhänge. Im Raum selbst breitete sich Halbdunkel aus, und Lady Sarah fand ich angezogen auf dem Bett liegend. Mit einer matten Bewegung hob sie die rechte Hand zum Gruß. »John, endlich! Ich habe gewartet.«

»Meine Güte, was ist mit dir?« Ich ließ mich auf die Kante nieder und legte meine Hände um ihre Schultern.

»Ich kann es dir nicht sagen, John, ich weiß es nicht. Heute morgen ging es mir nicht gut.«

»Wie kam es dazu?«

»Kopfschmerzen, Übelkeit. Vielleicht das Wetter. Ich kann es dir nicht sagen.«

»Jedenfalls ist die Krankheit echt?«

»Ja!« rief sie. »Wie meinst du das?«

Ich hob die Schultern. »Es hätte ja auch sein können, daß du nicht zu den anderen wolltest. Gründe dafür gibt es sicherlich mehr als genug, meine ich.«

Sich räuspernd schaute sie mir ins Gesicht. »Ja, da hast du recht. Es gibt Gründe.«

»Nenn sie mir.«

»Ich wollte nicht mehr fragen, ich wollte alles dir überlassen. Die Sache Suko und so.«

»Ich war noch nicht dort.«

Lady Sarahs blasse Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, während sie die Augen verdrehte und gegen den Stoff des Baldachins schaute. »Sicher, John, ich kann dich verstehen. Es ist schlimm, auch ich war geschockt. Du glaubst nicht, was ich durchgemacht habe. Erst die Leichen im Keller, dann Sukos Anblick …«

»Ein Toter wurde abgeholt.«

»Ja, das war der letzte, der von gestern abend, John.«

»Das hast du mir erzählt. Wie soll es weitergehen? Hast du dir schon etwas vorgenommen?«

»Ich nicht, John. Geh du hin. Geh zu diesem Boot und hole Suko da weg. Bitte.«

»Das steht fest. Wie komme ich dorthin?«

»Du mußt durch den Garten gehen, John, dann ist der Weg ganz einfach.« Sie beschrieb ihn mir, ich nickte und hörte ihre Frage: »Was willst du tun, wenn du ihn gefunden hast?«

»Zumindest wegbringen.«

»Nicht aus seinem Zustand erlösen? Ich habe mir gedacht, daß es dein Kreuz schafft. Auf Sukos Brust liegen noch die Riemen der Dämonenpeitsche ausgebreitet. Denk mal darüber nach. Er muß sich noch gewehrt haben, bevor sie ihn erwischte.«

»Du gehst also davon aus, daß es sich dabei um das Palazzo-Gespenst gehandelt hat?«

»Das muß ich, John.«

»Gut. Kann ich auch damit rechnen, daß es tagsüber erscheint. Oder zeigt es sich nur in der Dunkelheit.«

»Ich weiß es nicht, John, denn ich bin praktisch fremd hier.«

»Wer kann es denn wissen?«

»Eine gewisse Rosanna Brandi. Sie hat mich auch in den Keller zu den Leichen geführt. Du solltest dich, wenn möglich, näher mit ihr beschäftigen und ihre Bekanntschaft machen.«

»Das wäre nicht schlecht.«

»Damit du nicht zu fragen brauchst, werde ich sie dir beschreiben.« Sarah wählte ihre Worte genau aus. So wie sie mir die Person beschrieb, konnte ich sie einfach nicht übersehen.

Zum Abschied küßte ich Sarah auf die Wange. »Keine Sorge, ich werde mich um Suko kümmern.«

»Klar, John, du schaffst es!« Tränen funkelten in ihren Augen, dann entließ sie mich mit einem verzerrten Lächeln, und ich ging so leise wie möglich aus dem Zimmer.

Ich hatte die Tür kaum von außen zugezogen und drehte mich nach rechts in den Gang hinein, als ich stehen blieb, weil fast jemand gegen mich gelaufen wäre.

Eine Frau in Lady Sarahs Alter, allerdings anders aussehend. Stark geschminkt, nach einem Parfüm riechend, das mir wegen seiner Süße überhaupt nicht gefiel. Mit einigen Klunkern und Ketten war sie behangen.

Die Person besaß ein scharf geschnittenes Gesicht mit einer kleinen Hakennase. Über eine Lesebrille hinweg schaute sie mich an. »Wer sind Sie denn, Signore?«

»Mein Name ist John Sinclair. Wenn mich nicht alles täuscht, müssen Sie Signora Brandi sein.«

»Das stimmt.«

»Lady Sarah erzählte mir von Ihnen.«

»Dann sind Sie ein Bekannter?«

»Mehr ein guter Freund.«

Rosanna Brandi zwinkerte mit den Augen. »Und Sie haben die Signora besucht? Zufall?«

Der Unterton in ihrer Stimme gefiel mir nicht. Er hatte zu lauernd geklungen, deshalb entschloß ich mich zu einer Lüge. »Ja, es war praktisch ein Zufall. Ich hatte in der Nähe zu tun und wußte, daß sie hier einige Tage verbringt. Da wollte ich sie sehen.« Ich zog ein betrübtes Gesicht. »Es scheint ihr nicht gut zu gehen. Sie fühlte sich müde, abgeschlafft. Vielleicht hängt es auch mit den Vorgängen der vergangenen Nacht zusammen.«

»Tatsächlich?«

»Es gab einen Toten. Ich habe gesehen, wie man den Sarg in den Wagen schob.«

Rosanna Brandi lächelte zuckend. »So kann es kommen, Signore Sinclair. Sie dürfen nicht vergessen, daß hier zahlreiche alte Menschen leben, da steht der Tod immer auf Abruf.«

»Leider.«

»Ich werde mal nach ihr schauen. Vielleicht kann sie auch spazierengehen.«

»Würde mich freuen.«

»Reisen Sie wieder ab?«

»Jetzt noch nicht. Ich muß den Zeitpunkt noch überlegen. Bis später mal, Signora …«

»Ja, bis später«, murmelte sie und klopfte gegen die Zimmertür, während ich bereits der Treppe entgegeneilte und in der Halle von dem Empfangschef angesprochen wurde.

»Wie geht es Signora Goldwyn denn?«

»Nicht sehr schlecht. Sie fühlt sich nur ein wenig unwohl. Kopfschmerzen, Schwindel …«

Der Mann nickte und setzte sein mitfühlendes Gesicht auf. »Das kann an unserer Gegend liegen. Unser Klima ist nicht eben optimal.« Er räusperte sich. »Zu feucht, wissen Sie. Auch bei Sonnenschein.«

»Liegt es am Kanal?«

»Ja, der Brenta bringt die Nässe. In den Abendstunden sorgt er oft für Dunst und Nebel.«

»Danke.«

»Werden Sie bei uns bleiben, Signore?«

»Ich glaube nicht.«

Es war einfach besser, wenn ich die Leute hier im unklaren ließ, denn ich traute keinem. Sukos Schicksal war schlimm genug, und ich wollte meinen Partner so schnell wie möglich finden.

Der Garten konnte eigentlich nur bestaunt werden, so außergewöhnlich war er.

Trotzdem gefiel er mir nicht. Ich vermißte die Farbe der Blumen, statt dessen umlagerte und umlauerte mich nur dieses dichte Grün der Hecken, das an manchen Stellen einfach zu dunkel war. Selbst der Sonnenschein konnte es nicht erhellen.

Die vereinzelt stehenden Bänke waren nicht alle besetzt. Vielleicht standen sie zu sehr im Schatten der Hecken. Wenn sich Menschen dort niedergelassen hatten, schauten sie mich aus großen Augen an, als ich an ihnen vorbeischritt. Ein Mensch in meinem Alter wirkte hier wie ein kleines Weltwunder.

Je tiefer ich in den Garten hineinschritt, um so menschenleerer wurde es. Es kam mir vor, als wäre da eine unsichtbare Grenze gezogen worden, die niemand überschreiten wollte.

Mich störte sie nicht, denn ich wollte zum Kanal, wo auch das Boot dümpelte.

Je mehr ich mich dem Wasser näherte, um so feuchter wurde die Umgebung. Selbst die Sonnenstrahlen schafften es nicht, den Boden und die Hecken zu trocknen. In Höhe des Wasserspiegels lagen zudem leichte Dunstschwaden wie träge Decken, als wollten sie für eine Atmosphäre des Todes sorgen.

Es ging kaum Wind. Die Blätter der schlanken Uferbäume bewegten sich so gut wie nicht.

Ich stieß das kleine Tor auf und näherte mich dem Kanalufer. Wie ein dunkelgrüner Teppich lag die Wasserstraße vor mir. Sonnenstrahlen zeichneten kreisende Reflexe auf die Oberfläche, auf der zudem Blätter wie kleine Boote schwammen.

Und ein treibendes Boot sah ich auch, als ich nach links blickte. Dort, wo sich mein Sichtfeld verlor und die Hitze wabernd über dem Wasser stand, glitt ein Kahn langsam über die Wellen. Ein Mann stand hochaufgerichtet dort und tauchte sein langes Ruder in das Wasser. In seiner Haltung erinnerte er mich an einen Gondoliere.

Ich ging zur anderen Seite, wo der alte Holzkahn träge am Ufer lag. Man konnte ihn auch als Hausboot bezeichnen, aber ich hätte selbst mietfrei dort nicht wohnen wollen.

Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich das weiche Holz des Stegs betrat. In der Stille hörte ich das Summen der Mücken überdeutlich. Aus dem Garten klang zudem das leise Plätschern eines Brunnens. Ich hatte ihn auf dem Hergang kurz gesehen und auch den Löwenkopf in Erinnerung behalten, dessen Maul das Wasser ausspie.

Unsichtbare Hände preßten meinen Magen zusammen. Die Spannung stieg bis dicht an den Siedepunkt. Auf der Nackenhaut hatte sich der Schweiß gesammelt. Er lag dort wie eine Speckschicht.

Obwohl ich meine Schritte sehr leise setzte, erzeugten sie doch hohl klingende Echos. Das Boot und das Wasser rochen faulig. Der Geruch stieg an den Bordwänden in die Höhe und drang in meine Nase. Ich mochte ihn nicht.

Tief durchatmend stieg ich den Niedergang hinab. Ich wußte anhand der Beschreibung, wo ich Suko finden würde. An der Backbordseite in einer schmalen Kabine.

Die Tür war nicht mehr vorhanden. Nur fahles Licht fiel in den Bauch des Schiffes, doch es reichte aus, um erkennen zu können, daß ich in einer menschenleeren Kabine stand.

Suko war verschwunden?

***

Zischend atmete ich durch die Zähne, und meine Spannung löste sich mit diesem Vorgang.

Sollte ich es positiv oder negativ beurteilen, daß Suko nicht mehr zu sehen war?

Ich konnte es nicht sagen, zu viele Gedanken kreisten durch meinen Kopf. Alles war wie ein Kreisel, über dessen Rand ich nicht hinaussehen konnte.

»Wieso?« hörte ich mich selbst sprechen.

Ich bewegte mich auf die Koje zu, blieb so dicht vor ihr stehen, daß meine Kniescheiben ihren Rand berührten. Dann schaute ich auf die alte Decke, wo ich noch die Abdrücke des Körpers sah.

Hier hatte Suko gelegen.

Körperwärme fühlte ich keine, als meine Handfläche über die Decke hinwegfuhr. Das konnte auch nicht sein, denn von Lady Sarah wußte ich, daß Suko eiskalt gewesen war.

Wo konnte ich ihn finden? Wer hatte ihn abgeholt? Oder war er von allein gegangen? Das sicherlich nicht, dann hätte er Lady Sarah bestimmt einen Besuch abgestattet.

Suko gehörte nicht eben zu den leichten Menschen. Wer ihn wegtrug, der mußte Kraft haben. Stellte sich natürlich die Frage, ob Gespenster diese Kraft überhaupt besaßen?

Vielleicht gab es da einen oder mehrere Helfer?

Ich rätselte herum, kam nicht weiter, aber ich dachte jetzt praktischer und durchsuchte auch die anderen Kabinen, die nicht mehr waren als miese Verschläge.

Nichts war zu sehen. Unrat, Gerümpel, aber kein Mensch. Weder Suko noch ein anderer.

Das Schiff war leer und tot …

Ich hob die Schultern, eine bezeichnende Geste. Jetzt war ich gespannt, was Lady Sarah dazu sagen würde, daß Suko nicht mehr in dieser Koje lag. Mein Blick fiel über das Wasser. Der einsame Ruderer hatte das alte Schiff beinahe erreicht.

Sollte man Suko in seinem Zustand ins Wasser geworfen haben? Furchtbar, aber nicht aufzuschließen.

Ich hörte das Klatschen des Wassers, als der Mann sein Ruder eintauchte. Erst jetzt schaute ich ihn mir genauer an. Er trug sommerliche Kleidung und einen Strohhut mit breiter Krempe, die Schatten in sein Gesicht warf.

Trotzdem glaubte ich, den Mann schon einmal gesehen zu haben. Klar, bei den Hausgästen, die zugeschaut hatten, als der Tote abgeholt wurde. Auch er erkannte mich, hob den Kopf etwas an und nickte mir grüßend zu, bevor er und sein Kahn im Schatten der Bordwand verschwanden.

Auch mich hielt nichts mehr auf dem Hausboot. Ich ging wieder auf den Steg zu und wollte ihn betreten, als ich hinter mir etwas poltern hörte.

Sofort drehte ich mich um.

Zwei Metalleier lagen dort. Harmlos sahen sie aus, aber ich wußte, worum es sich handelte.

Handgranaten!

Ich dachte an den einsamen Ruderer und warf mich mit einem gewaltigen Sprung vor, dem grünen Kanalwasser entgegen.

Bevor ich eintauchte, flog der Kahn mit Donnergetöse in die Luft!

***

Rosanna Brandi betrat das Zimmer auf leisen Sohlen. Trotzdem hatte Sarah Goldwyn sie gehört, und über ihr Gesicht huschte ein Lächeln, als sie sich aufrichtete und ihren Rücken gegen das Kissen drückte. Sie wollte den Besuch nicht liegend erwarten.

Die Brandi schaute sich im Zimmer um, als würde sie es zum erstenmal sehen. Sie deutete auf die geschlossenen Vorhänge und fragte: »Soll ich sie öffnen.«

»Bitte nicht, lassen Sie die Fenster bedeckt. Das Sonnenlicht würde mich sehr stören.«

Rosanna Brandi blieb stehen. »Ist es so schlimm?«

Sarah strich mit der Handfläche über ihre Stirn. Eine sehr matte Bewegung war es. »Nicht direkt, ich habe nur Kopfschmerzen, das Licht würde mich stören.«

»Verstehe ich. Aber wie kommt es dazu?«

»Ich glaube, ich bin mehr für das feuchte London geeignet, als für diese schwüle Gegend. Das kann schon mal passieren. Wir haben doch zusammen gefrühstückt und Kaffee getrunken. Danach ist es dann über mich gekommen.«

Signora Brandi setzte sich auf den Bettrand. »Wie wäre es mit einer Tablette? Ich kann Ihnen eine holen. Mein Hausmittel. Es wirkt sehr schnell und ist auch gut verträglich.«

»Danke, aber ich verzichte.«

»Sie müssen es wissen.« Die Brandi schaute über Lady Sarah hinweg. »Sie hatten Besuch, nicht wahr? Einen jungen Mann, ich traf ihn im Gang, als er Ihr Zimmer verließ.«

»Ja, ein guter Freund.«

»Das sagte er auch.«

Sarah merkte, daß die Person mehr hören wollte und enttäuschte sie nicht. »Er wußte, daß ich mich hier aufhielt. Da er in der Gegend beruflich zu tun hatte, schaute er vorbei.«

»Bleibt er denn länger?«

»Das kann ich nicht sagen. Ihm gefällt es hier.«

Die Brandi legte die Stirn in Falten. »Eigentlich ist er unangenehm aufgefallen!«

»John?« Lady Sarah schaffte ein knappes Lachen. »Ich bitte Sie, Signora, das kann ich nicht glauben.«

»Doch, die Gäste redeten. Er kam und stellte Fragen.«

»Natürlich. Er hat gesehen, daß die Leiche abgeholt wurde. Da hätte jeder Fragen gestellt.«

»Schon richtig«, gab die Italienerin zu. »Nur haben es manche Leute nicht gern, wenn Fragen gestellt werden. Sie reagieren da sehr empfindlich.«

»Wer hat sich denn beschwert?«

Rosanna winkte ab. »Einige Gäste … Ich hörte es am Rande.«

»Und zu welchem Ergebnis ist man gekommen?«

Das Gesicht der Besucherin näherte sich dem der Horror-Oma. »Können Sie sich das nicht denken?«

»Sagen Sie es mir.«

»Man empfindet ihn einfach als einen Störenfried. Sie wissen selbst, schon vom Alter her paßte er nicht zu uns. Wir wollen unter uns bleiben, denn wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Sie sind zum erstenmal hier, Lady Sarah, deshalb sage ich Ihnen das so direkt. Keiner darf unsere Kreise stören.«

Sarah wunderte sich immer mehr. »Das hörte sich ja wirklich verschwörerisch an.«

»Das ist es auch.«

»Meinen Sie das im Ernst?«

»Ja, ich spaße nicht. Denken Sie an Venetia. Auch ihr würde es bestimmt nicht gefallen, wenn das Spiel durchbrochen wird. Fremde mag sie nicht, und sie haßt es auch, wenn sie von irgendwoher beobachtet wird, Signora.«

In Lady Sarahs Hirn schrillten die Alarmglocken gleich doppelt. Der letzte Satz hatte einiges in sich gehabt, und sie dachte plötzlich an Suko, der zunächst nur als Beobachter mitgekommen war.

»Scusi, aber ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Das ist mir alles unverständlich.«

»Tatsächlich?«

»Ja, ich …«

»Nichts ist unverständlich, Signora Goldwyn. Alles hat seinen Sinn, glauben Sie mir. Nichts geschieht grundlos. Selbst wenn es einem nicht mal so gut geht, hat dies einen Grund.«

»Sie meinen mich?«

»Möglich.«

»Was haben Sie damit zu tun?«

Die Brandi nahm die Brille ab und steckte sie in die Tasche ihres Kleides. »Wie könnte ich etwas damit zu tun haben, Signora? Sagen Sie das bitte!«

Lady Sarah schloß für einen Moment die Augen. Wenn nur nicht die verflixten Schmerzen gewesen wären, die durch ihren gesamten Kopf tosten. Es fiel ihr sehr schwer, sich auf gewisse Dinge zu konzentrieren. Sie schaute in das lächelnde Gesicht der Italienerin und stellte fest, daß es kein frohes Lächeln war, ...

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