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John Sinclair - Sammelband 1

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Tengu-Phantom
  4. Die Bluteulen
  5. Syndikat der toten Augen
  6. Ein Höllenjob für Bill
  7. Das Grab der Sinclairs
  8. Das Blut der Schwarzen Priester

Das Tengu-Phantom

Wir werden gewinnen, denn die Schmach, die unser Volk erlitten hat, darf nicht ungerächt bleiben. Wir werden uns auf unsere alten Werte besinnen, auf die Traditionen, auf die Mystik, auf die Magie und die Götzenkunde. Wir werden all denen die Stirn bieten, die unser Land und unser Volk lächerlich gemacht haben. Und dann werden wir über sie kommen wie ein mächtiges Gewitter, das die Welt mit Blitz und Donner von seinen Feinden reinigt!

Aus der Präambel des Clubs der weißen Tauben

Der Blick der Gastgeberin war besorgt. Er paßte nicht zu dem Partylärm, der aus dem großen Haus heraushallte, eine Mischung aus Stimmen, Musik, Trinksprüchen und Gläserklirren. »Und du willst uns tatsächlich schon verlassen, Ellen?«

Ellen Crawford nickte. »Ja, Sybill. Ich habe es meinem Mann versprochen und es dir auch vorher gesagt.«

»Natürlich.« Sybill Rain strich ihr silbrig gefärbtes Haar zurück. »Es wäre trotzdem schön, wenn du noch geblieben wärst.«

»Vergiß nicht die Drohungen.«

»Nimmst du sie sehr ernst?«

Ellen Crawford schaute sich nach dieser Frage ängstlich um, als suchte sie in der Dunkelheit des Parks nach einem Killer. Da standen nur die Limousinen der Gäste. Die Fahrer lehnten an den Wagen und langweilten sich. Das Licht der nachträglich installierten Laternen warf milchige Schleier in die dunkle Nacht. »Deshalb fahre ich auch früher, Sybill.« Sie räusperte sich. »Außerdem hat mir Winston dazu geraten.«

»Schade, daß er nicht mit auf die Party kommen konnte.«

»Es tut mir auch leid. Du kennst seine Geschäfte.« Ellen lächelte und reichte Sybill die Hand. »Ich habe mich trotz allem gut amüsiert. Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen.«

»Meinst du?«

»Es ist einiges in Bewegung gesetzt worden. Die Landschaften verändern sich. Politisch als auch wirtschaftlich. Du wirst sehen, die Chancen stehen gut.«

»Und dein Mann mischt mit?«

»Natürlich. Er hat den Blick. Er weiß, wie man der Konkurrenz begegnet.«

Sybill lachte leise. »Macht es dir etwas aus, wenn ich dir einen Fahrer mitgebe?«

»Mir? Wieso?«

»Du brauchst nicht mit deinem Wagen fahen. Ich nehme einen vom Haus.«

»Weiß nicht«

»Ich zumindest würde mich beruhigter fühlen, und du würdest es ebenfalls sein, Ellen.«

Ellen Crawford nickte. »Okay, du hast mich überredet.«

»Dann warte einen Moment. Ich werde Jack holen.«

Sybill verschwand und ließ eine trotz des Pelzmantels fröstelnde Ellen Crawford zurück. Sie hätte nicht zu der Party gehen sollen. Ihr Mann hatte es ihr nahegelegt, aber da waren eben die Freunde, die sie nicht im Stich lassen wollte, und sie war zu der Fete gegangen, mit dem Versprechen, sie früh zu verlassen, was auch stimmte, denn bis zur Tageswende waren es noch zwei Stunden. Für richtige Fetengänger keine Zeit, um zu verschwinden. Die letzten Gäste waren sowieso erst vor einer Stunde gekommen.

Ellen rauchte eine Zigarette. Sie blies die Wolken gegen den Dunst, der lautlos durch den Park schwebte. Vierzig war sie vor einem Monat geworden, aber sie hatte noch nie so große Angst verspürt wie in den letzten Tagen.

Der Druck nahm ständig zu.

Ellen ließ den Rauch durch die Nase strömen. Sie zwinkerte mit den Augen. Der Partylärm kam ihr so entfernt vor, obwohl sie nur wenige Schritte gehen mußte, um das Zentrum zu erreichen. Wieder schweiften ihre Gedanken ab, und sie dachte an die Drohungen, die sie erreicht hatten.

Es war furchtbar gewesen.

Eine tote Taube, die von einem Pfeil durchstochen worden war, hatte man ihr zugeschickt. Blut auf hellem Gefieder. Es hatte einen makabren Kontrast hinterlassen.

Sie schnippte die Zigarette weg, als sie Sybills Stimme hörte, die Begleitung eines dunkelhaarigen Mannes erschien, der die Kluft des Fahrers trug.

Jack war noch jung, sein Lächeln wirkte strahlend, als er sich vor Ellen verbeugte.

»Er wird dich sicher heimbringen, Ellen.«

»Danke, Sybill.« Die Frauen umarmten sich, dann ging Sybill wieder zu ihren Gästen zurück.

Jack sprach die Zurückgebliebene an. »Ich kann den Wagen holen, Mrs. Crawford …«

»Nein, ich gehe mit. Die paar Schritte werden mir guttun.«

»Wie Sie wünschen.«

Sie schritt neben dem jungen Fahrer her. Die Wege, die den großen Park durchzogen, waren gepflegt. Gärtner sorgten dafür, daß alles in Ordnung gehalten wurde.

Die Feuchtigkeit blieb. Am Ende des Grundstücks lag ein kleiner Teich. Dort bildeten sich die Schwaden, die der Wind durch das parkähnliche Gelände trieb.

Zur Verfügung stand unter anderem ein stahlgrauer Mercedes 190. Neben dem Fahrzeug blieb Jack stehen. In der Nähe zeichneten sich die Umrisse eines Pavillons ab. Pflanzen wuchsen an seinen Holzlatten hoch. Nur der Eingang lag frei. Aus ihm drangen eindeutige Geräusche. Welches Pärchen sich dort vergnügte, wußte Ellen nicht.

Jack hatte es ebenfalls vernommen. In seinem Gesicht regte sich nichts, als er Ellen die Tür aufhielt.

»Bitte sehr, Madam.«

»Danke.« Sie stieg ein und wischte eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ellen sah noch gut aus, Trotz ihrer vierzig Jahre war ihr Körper straff. Falten kannte sie nicht, ihr Lächeln wirkte jugendlich, und das mahagonifarbene Haar umrahmte als natürliche Lockenpracht ihr rundliches Gesicht mit dem herzförmigen Mund. Im Außenspiegel wischte für einen Moment ihr Gesicht entlang. Ellen stellte fest, daß sie müde Augen besaß; ihre Hände zitterten.

Woran lag es? An den Drohungen, die sie erhalten hatte? Das konnte möglich sein. Auch wenn Winston, ihr Mann, darüber gelächelt hatte, wußte sie doch, daß er tief in seinem Innern anders darüber dachte.

Für einen Moment schloß sie die Augen, bevor sie sich in die Polster zurücksinken ließ. Der Wagen fuhr, sie merkte es kaum. Ellen hatte das Gefühl, auf einem Boot zu stehen, das sie hineintrug in eine andere Welt, wo es weder Sorgen noch Ängste gab.

Erst als sie das Grundstück verlassen hatten, öffnete sie wieder die Augen.

Die Fahrbahn lag dunkel vor ihnen. Ein schwarzer Kanal, über den nur das Licht der Scheinwerfer huschte. Ein geisterhafter Teppich, der auch die Ränder nicht ausließ, und Buschwerk zu fahlen, dünnen Totenarmen degradierte, die wirkten, als wollten sie nach irgendwelchen Gegenständen fassen, obwohl diese nicht vorhanden waren.

»Sorry, Madam, aber ich habe Sie noch nicht nach ihrer Adresse fragen können.«

»Tut mir leid.« Ellen Crawford schlug leicht gegen ihre Stirn. »Dann gab sie die Anschrift durch. Sie wohnte ebenfalls in einem Nobelvorort der Millionenstadt, im Süden Belgravias. Belgravia war ein Paradies für Millionäre, für Leute, die es sich gutgehen lassen konnten. Hier gab es keine Armut, hier kannte man nur die Sorgen, wie man sein Geld vermehrte.

Jeder, der hier lebte, besaß genügend Platz, um sich ausbreiten zu können. Niemand hockte aufeinander, aber es gab auch die große Einsamkeit hinter den Mauern der Häuser, die die einen mit Alkohol, die anderen mit Drogen bekämpften.

Das wußte Ellen auch, Sie und ihr Gatte waren davon allerdings verschont geblieben.

Noch etwas kam hinzu.

Am späten Abend und in der Nacht wirkte diese Gegend wie ausgestorben. Nur hin und wieder rollte ein Wagen durch die ruhigen Straßen, wo auch wenige Laternen standen.

Die meisten Lichtinseln befanden sich in den Gärten und strahlten die hinter Bäumen und Buschwerk liegenden Häuser an, wobei die Grundstücke noch durch Mauern oder Zäune geschützt waren.

Ellen gähnte, der Fahrer konzentrierte sich auf seinen Job. Er war froh darüber, nicht zu weit fahren zu müssen, denn er wollte sich noch den Spätfilm anschauen, den ein Privatsender über den Kanal schickte, eine Mischung aus Action und heißem Sex, wie ihm von einem Bekannten gesagt worden war.

Alles lief normal, alles sah normal aus. Keiner von ihnen hatte einen Grund, mißtrauisch zu sein, bis zu dem Augenblick, als sich alles radikal änderte.

Woher die Gestalt gekommen war, hatten weder Jack noch Ellen sehen können.

Jedenfalls war sie plötzlich da, und sie stand mitten auf der Straße wie ein schwarzes Phantom.

Ellen Crawford erschrak zutieft. »Halten Sie an!« rief sie. »Mein Gott, wer ist das?«

Auch Jack wußte keine Antwort. Der dachte sofort an Killer, an Räuber, an Menschen, die anderen auflauerten, und er dachte an seine Gaspistole, die er bei sich trug.

Die Gestalt ging nicht zur Seite. Wenn Jack nicht bremste, würde sie von der Fahrbahn geschleudert.

Er wäre unter Umständen durchgefahren, wenn er allein im Wagen gesessen hätte. In diesem Fall aber mußte er auf seinen Passagier Rücksicht nehmen.

»Bitte, Jack!« Ellen kam sich vor wie auf dem Elektrischen Stuhl. So ähnlich mußte es einem zum Tode verurteilten ergehen, der dort seine letzten Sekunden erlebte.

Jack blieb ruhig. Er nagelte das Bremspedal in die Tiefe. Die Fahrbahn war trocken, zeigte höchstens an den Seiten ein paar feuchte Flecken, und der Mercedes – ausgerüstet mit ABS – stand sehr gut.

Aber auch der andere stand!

Im Licht der Scheinwerfer wirkte er einfach furchtbar. Von seinem Gesicht war nichts zu erkennen, denn eine Ledermaske lag wie eine zweite Haut über den Zügen. Nur zwei Schlitze für die Augen waren freigeblieben, und sie funkelten eisig.

Auch der übrige Körper war von einer dicht anliegenden Ledermontur bedeckt, bis auf die gewaltigen, muskulösen Arme, die freilagen und einen bleichen Schimmer zeigten, als gehörte die Haut einer Fünf-Tage-Leiche.

Daß diese Gestalt Böses im Schilde führte, war dem Fahrer klar. Er sah es zudem als Fehler an, angehalten zu haben. »Wir hätten nicht stoppen dürfen!« flüsterte er.

Ellen holte zweimal Luft. »Wollen Sie ihn überfahren?«

Jack nickte. »Wäre am besten.«

»Aber das …«

Er ließ die Frau nicht ausreden. »Der wird uns vernichten, Madam, glauben Sie mir!«

Nach diesem Satz fielen Ellen wieder die Drohungen ein. Die weiße Taube, von einem Pfeil durchbohrt. Blut auf den hellen Gefieder, jetzt dieser Mann mit der Ledermaske.

Hatte man es auf sie abgesehen?

»Dann fahren Sie, Jack!«

Der Motor lief noch, während sich die dunkle Gestalt nicht rührte. Jack hätte am liebsten Vollgas gegeben. In Anbetracht der neben ihm sitzenden Person nahm er Rücksicht.

Jack fuhr langsam an.

Der Kühlergrill und auch die Stoßstange hatten den Wagen noch nicht berührt, jetzt hätte der in Leder Gekleidete eigentlich zurückgehen müssen, er tat es nicht.

»Das … das gibt's doch nicht!« keuchte Ellen, die wie versteinert auf ihrem Sitz hockte. »Der geht nicht weg. Dieser Mann muß lebensmüde sein, der ist wahnsinnig.«

»Nein, Madam, der weiß genau, was er will.« Jacks Stimme zitterte leicht. Er sprach es nicht aus, doch er fühlte, daß sich beide in Lebensgefahr befanden.

Ein Mensch wie dieser kannte kein Erbarmen, der war gekommen, um zu töten.

Plötzlich sackten seine Arme nach unten. Sie stießen brutal der Kühlerhaube entgegen. gespreizte Finger lagen zusammen mit den Handflächen auf dem Blech.

Dann drückte er zu.

Jack und Ellen trauten ihren Augen nicht, als sie das Furchtbare sahen. Dieser Mann besaß tatsächlich die Kraft, das Blech der Kühlerhaube einzudrücken.

Ein Wahnsinn – und warum tat er das?

Sie hörten das Reißen, es knirschte. Löcher mit gezackten Rändern entstanden innerhalb der Haube, seine Finger griffen hinein, er bekam irgend etwas zu fassen und riß es hervor.

Kabel hingen wie dunkle Schlangen zwischen seinen Fingern. Der Motor lief nicht mehr, und der Unbekannte schleuderte das Zeug irgendwohin.

»Sie müssen was tun, Jack!« Die Frau erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder.

Jack tastete bereits nach seiner Pistole. Nur eine Gaspistole, mehr nicht. Wie gern hätte er sich eine Maschinenpistole gewünscht, um diesen Kerl aus dem Weg zu räumen.

Jack nickte. »Vielleicht sollten Sie den Wagen verlassen und einfach wegrennen, Madam.«

»Wohin denn?«

»Nur weg.«

»Nein, da bin ich …«

»Bitte, Madam!«

Sie schüttelte den Kopf, weil sie von den Aktionen des Unbekannten abgelenkt wurde.

Er hatte seinen rechten Arm angehoben und die Hand zur Faust geballt. Dann schlug er zu. Jack und Ellen zuckten zusammen, als sie sahen, wie dieser Mensch die restliche Motorhaube mit nur einem Schlag zertrümmerte. Der Wagen vibrierte, das Zittern lief auch durch die Scheiben, die noch im Rahmen hielten, aber dann griff der Unheimliche erst richtig zu.

Er bückte sich und hob den Mercedes an. Einfach so, als hätte er eine Obstkiste hochgehoben.

Ellen konnte nicht einmal schreien. Sie war unfähig, kippte zurück, der Gurt hielt sie, und einen Augenblick später ließ der Mann das Fahrzeug wieder los.

Es rammte nach unten.

Beide Menschen wurden von dem Aufprall durchgeschüttelt. Ellen hatte sich zur Seite gedrückt und geduckt, als würden Hände über ihr schweben, die zuschlagen wollen.

Dann kam er selbst

Er ging nach rechts, öffnete die Fahrertür. Nein, er öffnete sie nicht, er riß sie einfach ab, und zum erstenmal spürte Ellen den eisigen Hauch des Todes …

***

Von dem blieb auch Jack nicht verschont. Er gehörte zu den Menschen, die wußten, wenn sie verloren hatten. Dennoch versuchte er es, zog seine Gaspistole, ohne abzudrücken, denn der Mann mit der Ledermaske war schneller.Er packte den Mann an beiden Knöcheln. Seine Hände waren wie Schraubstöcke. Eisern drückte er zu, dann zerrte er Jack aus dem Wagen, obwohl der Fahrer noch vom Gurt gehalten wurde. Der andere schleifte ihn schräg unter dem Gurt hindurch, und Jack schoß irgendwohin nur nicht gegen die Augenschlitze der Gestalt, dem einzigen Ziel.

Er fiel nach draußen.

Wie aus weiter Ferne hörte er Ellen Crawford schreien, dann packten Hände wie Eisenklammern zu und hoben ihn hoch. Plötzlich sah er den Wagen unter sich.

Der Unheimliche ließ nicht los. Seine Kraft war nicht nur gewaltig, sie war gleichzeitig überirdisch und unmenschlich. Wie mächtig, bewies er in den nächsten Sekunden.

Zuerst schrie der Fahrer noch, das hörte auch Ellen. Urplötzlich aber verstummte der Schrei. Sie schielte nach rechts, sah einen Schatten durch die Luft fliegen und im Straßengraben landen, wo sich dieser Schatten, es war Jack, nicht mehr erhob.

Er hatte ihr geraten zu fliehen. Das mußte sie einfach versuchen. Ellen wollte die Tür auf ihrer Seite aufstoßen, diese aber klemmte, und sie kam nicht raus.

Der Maskierte griff zu.

Er packte nicht sie, er wollte den Wagen und schaffte es tatsächlich, ihn anzuheben.

Ellen kippte gegen den Fahrersitz. Mit dem Hinterkopf stieß sie gegen den Lenkradring. Der Aufprall war hart, Sterne funkelten vor ihren Augen, doch im Vergleich zudem, was folgte, war er gar nichts.

Die Frau kam sich vor wie auf einem mörderischen Kreisel oder Karussell. Sie wußte in den nächsten Sekunden nicht, wo oben oder unten war. Dieser Kreisel hielt sie gepackt, er schien ihr die Kraft aus dem Körper zu saugen. Sie wurde herumgeschleudert, sie konnte nur mehr schreien und hatte den Eindruck zu fliegen.

Sie flog tatsächlich …

Der Maskierte hatte es geschafft, den Wagen anzuheben. Er drehte sich halb um die eigene Achse, dann schleuderte er ihn weg.

Ellen Crawford hockte inmitten dieses Gefängnisses aus Blech und Glas.

Dann kam der Aufprall.

Es war furchtbar. Die Frau hatte das Gefühl, als würde die Welt um sie herum zerplatzen. Sie wußte nicht mehr, ob sie schon tot war, sie hörte jemand schreien, wobei ihr einfiel, daß sie es war, die so schrecklich brüllte.

Dann rutschte der Wagen auf dem Dach liegend über den Straßengraben hinweg.

Dahinter standen Bäume.

Mächtige Ulmen, noch kahl, nur an den Spitzen mit dem ersten Grün versehen.

Die erlebten nicht mehr, daß ihre Blätter aufgingen. Eine gewaltige Feuerlohe stieg aus dem Wrack hervor, ein Flammenfanal, ein Horror und Chaos aus Rauch, Feuer und Tod!

Der Schein geisterte über die Fahrbahn, vermischt mit pechschwarzem stinkenden Rauch.

In ihn hinein tauchte der Maskierte. Es sah so aus, als wollte er über die Straße rennen.

Auf der Mitte stoppte er, blieb stehen, ballte die Hand zur Faust und rammte den Arm in die Luft.

Das Zeichen des Sieges!

Dann verschwand er so schnell und lautlos, wie er gekommen war!

***

Es paßte mal wieder alles zusammen!Aus London waren wir verspätet abgefahren. Unser Ziel lag im Westen, genauer der Flughafen Heathrow. Eine Schnellstraße führte hin, aber wie es Schnellstraßen so an sich haben, sind sie des öfteren verstopft. Hier war es nicht anders. Kurz vor dem gewaltigen Komplex mußten wir stehenbleiben.

Suko, der neben mir saß, stöhnte und schüttelte den Kopf.

»Was willst du? Ist wie immer.«

»Da hätte uns der Alte auch früher Bescheid geben können.«

»Wem sagst du das!«

Suko hatte ein Stichwort geliefert. Während ich einer übergroßen, allmählich landenden Maschine nachschaute, dachte ich an das kurze Gespräch mit Sir James.

Er habe uns zum Airport geschickt, wo wir einen Mann abholen sollten, der aus Japan kam, ein gewisser Isanga. Er gehörte zur japanischen Polizei und gleichzeitig zur Regierung, mehr hatte uns Sir James auch nicht sagen können.

Ein Bild gab es nicht, wir würden ihn kaum erkennen, und er sollte ausgerufen werden.

Das war alles.

»Japan!« sinnierte ich laut. »Was kann damit alles zusammenhängen, Suko?«

»Eine Menge jedenfalls.«

»Dämonen, Götzen, Susanoo …«

»Amaterasu und Shao«, zählte Suko weiter auf.

»Tatsächlich?«

Er nickte. »Du wirst es kaum glauben, aber ich denke die ganze Zeit an sie.«

»Wenn sie tatsächlich mit im Spiel sein sollte, weshalb hat sie sich dann so zurückgehalten?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich werde sie fragen.«

Vor uns setzte sich die Lawine aus Blech in Bewegung. Der Stau war nicht durch einen Unfall zustandegekommen, sondern weil ein Lkw einen Schaden erlitten hatten. Er hing am linken Straßenrand fest, der Fahrer lamentierte mit zwei Polizisten und war kreidebleich im Gesicht. Wahrscheinlich würden sie ihm etwas ans Zeug flicken können.

Heathrow heißt der Flughafen, aber er ist trotzdem mehr als ein Airport. Er ist eine Welt für sich, eine Insel auf der Insel, ein gewaltiges Areal von Gebäuden, Türmen, Hallen und Bahnen.

Ich kannte den Airport einigermaßen, war aber sicher, daß auch ich mich verlaufen würde.

Und ich dachte daran, daß auf meinen Fahrten zum Flughafen schon öfter etwas passiert war. Daß wir magische Überfälle erlebt hatten, was diesmal wohl nicht der Fall sein würde, denn wir kamen unserem Ziel immer näher.

Die Bahn teilte sich. Verschiedene Ab- und Ausfahrten führten zu bestimmten Zielen.

Wir mußten zum Komplex, der sich Ankunft nannte. Auch hier stauten sich die Wagen, bevor sie eine Chance bekamen, auf einen der großen Parkplätze zu fahren.

Da wollten wir nicht hin. Ich bog in einen schmalen Seitenkanal aus grauem Beton ein, um dorthin zu fahren, wo normalerweise kein Wagen abgestellt werden durfte.

Ein Wächter hielt uns auf, der neben einer heruntergelassenen Schranke stand.

»Haben Sie sich verfahren?«

Ich kurbelte die Scheibe nach unten und ließ ihn einen Blick auf meinen Ausweis werfen.

»Wo wollen Sie hin?«

»Wir wollen nur gut parken, Mister. Lassen Sie die Schranke hoch. Okay?«

»Nur keine Eile.« Er bewegte sich im Schneckentempo, was mich wiederum ärgerte.

Wir waren schon zu spät. Hoffentlich irrte dieser Mr. Isanga nicht durch die Hallen. Unter der hochschwingenden Schranke rollte ich hinweg. Sie wäre beinahe noch über das Dach des Fahrzeugs geschrammt. Der Wächter schaute uns wütend und kopfschüttelnd nach.

Die Parkfläche endete dicht vor einem Gebäude mit großen Fenstern. In den hellen Scheiben spiegelte sich die Märzsonne, die seit einigen Tagen die Stadt London und Teile des Landes mit ihrem warmgoldenen Schein überflutete. Allerdings sollte das schöne Wetter bald vorbei sein, denn schon für den Abend waren erste Schauer angesagt worden.

Ich fand eine Lücke nahe des Eingangs. In diesem Bau, das wußte ich, war der Sicherheitsbereich untergebracht, dementsprechend wurden wir auch begrüßt.

Wieder Kontrolle, dann sagte ich einen Namen, und der Portier oder Wächter telefonierte mit Captain Miller.

»Er wird gleich erscheinen.«

»Sagen Sie, ist die Maschine aus Tokio schon gelandet?«

Der Mann mit der Mütze und der grauen Kleidung schaute mich an, als hätte ich ihn etwas Schlimmes gefragt. »Woher soll ich das denn wissen?«

»Es hätte ja sein können.«

»Tut mir leid, ich weiß nichts.«

»Schon gut.«

Captain Miller kam. Schneidig, schmalhüftig und verwegen. So kam mir der Kollege von der Sicherheitsabteilung vor. Er begrüßte uns und lächelte eisig.

»Ich habe Sie schon erwartet.«

»Sorry, aber der Verkehr.«

»Gut, Sie haben Glück. Die Maschine aus Tokio hat sich ebenfalls verspätet.«

Ich deutete gegen die Decke. »Dann kreist sie noch?«

»Ja, sie wartet auf ihre Landeerlaubnis. Der Luftraum ist mal wieder etwas voll.«

»Wo können wir den Passagier treffen?« erkundigte ich mich.

»Sollten wir ihn nicht ausrufen lassen?«

»Das schon, aber wir wollen allein mit ihm reden.«

»Ich stelle ihnen einen Raum zur Verfügung, keine Sorge. Ich lasse ihn ausrufen und abholen.«

»Ja bitte.«

»Haben Sie Informationen, wann der Clipper landen wird?« fragte Suko.

»Keine genauen. Es kann sich nur um Minuten handeln.«

Aus den Minuten wurden mehr als fünfzehn. Suko und ich standen hinter dem Fenster und schauten hinaus, wo wir einen Teil des Rollfeldes überblicken konnten.

Über den grauen Beton floß ebenfalls das Licht der Märzsonne. Es war unnatürlich für diese Jahreszeit, und manche Menschen saßen schon mit freien Oberkörpern in ihren Gärten.

Erst die Stürme, dann die Hitze, die Natur spielte mit den Menschen Katz und Maus.

»Kaffee?« fragte Miller.

»Aus dem Automaten?«

Der Captain schaute Suko an. »Ha, woher sonst?«

Mein Freund winkte ab. »Dann schütten Sie das Zeug lieber in den Abfluß.«

»Haben Sie beim Yard besseren? Ich kann mich nicht erinnern.«

»Unsere Sekretärin kocht den besten Kaffee der Welt.«

Miller grinste. »Und die hat nicht zufällig vor, bei Ihnen zu kündigen?«

»Bestimmt nicht«, gab Suko zurück.

Wir konnten die Maschine nicht sehen, aber Captain Miller bekam per Telefon Nachricht, daß die Maschine aus Tokio sicher aufgesetzt hatte. Er nickte uns zu. »Geschafft.« Sein Kommentar hörte sich an, als hätte er den Clipper selbst geflogen.

Uns war bekannt, daß Mr. Isanga aus der Traube der Pasagiere herausgepflückt werden würde. Ich gab ihm nicht mehr als zehn Minuten, dann würde er hier erscheinen.

Nach genau elf Minuten kam er. In Begleitung zweier Männer betrat er das Büro. Die Sicherheitsbeamten salutierten und machten Meldung. Miller nahm sie nickend entgegen.

Ich konzentrierte mich auf Mr. Isanga. Er war ein vom Wuchs her kleiner Mensch, trug eine farblose Brille, die in seinem Gesicht kaum auffiel und hatte das dunkle Haar in der langen Hälfte nach hinten gekämmt, während es in der kürzeren zur Seite fiel. Sein Gesicht sah harmlos aus. Er lächelte wie viele Japaner und verbarg hinter diesem Ausdruck seine Gedanken.

Überraschend kräftig war sein Händedruck. Den schmalen Koffer hatte er neben sich gestellt, und wir fragten ihn, ob wir sofort zum Yard fahren sollten.

»Eigentlich möchte ich erst mit Ihnen reden.«

»Das können Sie auch während der Fahrt.«

Auf seiner glatten Stirn erschien ein Faltenmuster. »Sind Sie mir sehr böse, wenn ich auf diesen Vorschlag nicht eingehe?« erkundigte er sich leise.

»Nein, warum?«

Dann lassen Sie uns lieber jetzt reden. Unter sechs Augen, wenn ich bitten darf.«

Ich sah den Captain an, der die Lippen zusammenkniff. »Mein Büro kann ich Ihnen nicht zur Verfügung stellen.«

»Sie werden doch einen anderen Raum haben.«

»Ja.«

»Geben Sie uns den.«

»Kommen Sie mit!« schnarrte er. Der Ärger stand ihm im Gesicht geschrieben.

Ich mußte grinsen, als ich ihn weggehen sah. Dieser Kerl gehörte zu den Typen, die keinen über sich wissen wollten und nur ihre eigene Meinung akzeptierten.

In einem kleinen Raum hockten wir schließlich zusammen. Er besaß nur ein schmales Fenster und war überheizt. Es roch muffig, und Miller verabschiedete sich steif.

Mr. Isanga saß auf einem Stuhl. Suko und ich waren nahe der Tür stehengeblieben. Es gab keine weiteren Sitzplätze, und auf dem Tisch wollten wir nicht Platz nehmen.

Ich sprach ihn direkt an. »Weshalb sind Sie zu uns gekommen, Mr. Isanga?«

Seine Antwort riß uns fast um. Mit tonloser, dennoch freundlich klingender Stimme erwiderte er: »Weil ich hier sterben werde, Mr. Sinclair …«

***

Ich glaubte, mich verhört zu haben, und Suko erging es ähnlich, denn wir schauten uns ungläubig an.»Was haben Sie da gesagt?« erkundigte sich mein Freund. Mr. Isanga erlaubte sich ein Lächeln. »Ich werde hier sterben. Das ist so.«

»Und woher wissen Sie das?«

Er schaute mich leicht lächelnd an. »Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, Mr. Sinclair. So etwas weiß man eben.« Er sprach ein lupenreines Englisch.

»Intuition?«

»Nicht nur.«

Weder Suko noch ich lächelten über seine Bemerkungen. Beide wußten wir nur zu genau, daß hinter diesen sich schlicht anhörenden Sätzen mehr als nur etwas Dahingesagtes steckte.

»Beweise also?«

»Ja.«

»Und um die geht es Ihnen?« erkundigte sich Suko.

»Richtig. Ich habe sie in Tokio sammeln können, aber relevant sind sie hier für Sie.«

»Inwiefern?«

»Es geht um die Verflechtung der Rassen, um Zerstörung, um Technologien, alte Traditionen und Magie.«

»Das ist uns, ehrlich gesagt, zu allgemein, Mr. Isanga. Können Sie konkreter werden?«

»Gern. Zuvor eine Frage: Welches ist für Sie die gefährlichste Verbrecher-Organisation Japans?«

»Die Yakuza!« antwortete Suko vor mir.

»Wie denken Sie, Mr. Sinclair?«

»Ebenso.«

»Sie irren beide.«

»Also nicht die japanische oder ostasiatische Mafia?«

»Nein, Mr. Sinclair. Die gefährlichste Gruppe ist der Club der weißen Tauben.«

Wir verstanden nur noch Bahnhof, denn davon hatten wir noch nie etwas gehört. Nur gingen wir davon aus, daß der Mann nicht die lange Reise unternommen hatte, nur um uns weiszumachen, daß es einen Club der weißen Tauben gab. Es mußte also mehr dahinterstecken, als wir beide meinten.

»Sie haben nie etwas davon gehört?«

»Nein«, sagte Suko. »Aber wenn Sie meine Ansicht hören wollen, das hört sich nach Frieden an. Die weiße Taube ist schließlich das Symbol des Friedens.«

»Da gebe ich Ihnen recht.«

»Und trotzdem ist dieser Club so gefährlich?«

Er nickte. »Ja, Mr. Sinclair. Dieser Club oder diese Vereinigung ist furchtbar. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß der Begriff Friede aus verschiedenen Perspektiven gesehen werden kann. Der eine will ihn durch Gewalt erreichen, der andere durch den reinen Pazifismus, wieder andere durch Abschreckung und das Gleichgewicht der Kräfte. Das einmal vorweg gesagt.«

»Und wie sehen ihn die Tauben?«

»Sehr egoistisch, sehr traditionell und außerdem sehr magisch und dämonisch.

»Wohl mehr dämonisch – oder?«

»Das läßt sich nicht so einfach behaupten, Mr. Sinclair. Alles gehört zusammen. Die weißen Tauben sind sehr konservativ und nur auf das Land Japan fixiert. Sie lieben alles, was japanisch ist. Sie sind mit den Traditionen verwachsen, verwurzelt, sie denken nur an die Vergangenheit, an die Größe dieses gewaltigen Reiches und an seine Kultur, die für einen Europäer noch immer fremd geblieben und ein Buch mit sieben Siegeln ist. Ein Japaner würde sich einem Europäer nie oder nur höchst selten offenbaren, ein Japaner ist stolz, aber dieser Stolz wurde ihm genommen.«

»Wer nahm ihn?«

»Der Amerikaner warf 1945 die Bomben. Hiroshima und Nagasaki wurden dem Erdboden gleichgemacht, daran sollten Sie denken, das hat unser Volk auch nie vergessen.«

»Stimmt«, sagte ich.

»Hat dieses furchtbare Ereignis denn etwas mit dem Club der weißen Tauben zu tun?« erkundigte ich mich.

»Nur bedingt. Die Mitglieder des Clubs hassen die Amerikaner, aber sie haben sehr gut aufgepaßt und arbeiten im dunkeln. Es ist ihnen gelungen, eine alte Geheimorganisation wieder aufzubauen, der sie diesen Namen gegeben haben. Mächtige Männer gehören der Organisation an, wobei Sie die Yakuza wirklich vergessen können, denn die japanische Mafia arbeitet mit Gewalt, Tod, Einschüchterung und einem gnadenlosen Terror. Das ist schlimm, ich weiß es selbst, aber der Club arbeitet mit den Regeln der alten Traditionen, mit Magie. Sie wissen selbst, wie gefährlich das ist, Mr. Sinclair.«

»Da sagen Sie mir nichts Neues.«

»Und der Club besitzt Gewalt über den schrecklichsten aller Dämonen, den man sich vorstellen kann, den Tengu!«

Da hatten wir es wieder!

Suko und ich verloren die Farbe mit den Gesichtern. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir Bekanntschaft mit dem einem Tengu gemacht. Wir kannten seine Brutalität, wir hatten seine ungeheure Kraft erlebt und auch, daß er resistent gegen geweihte Silberkugeln war.

»Ich sehe Ihren Gesichtern an, daß Ihnen den Begriff Tengu nicht unbekannt ist.«

»Nein«, gab ich zu.

»Wissen Sie, was ein Tengu ist?«

Ich lächelte. »Nur dann, wenn Sie uns aufgeklärt haben, Mr. Isanga.«

Unser Gast holte tief Atem, bevor er anfing zu sprechen. »Der Tengu ist der allerschlimmste aller uns in Japan bekannten Dämonen. Sie wissen selbst wie vielfältig ihre Zahl ist. Es gibt bei uns schlimme Geschichten über Tengus, die mehr als tausend Jahre alt sind. Sie werden in Zusammenhang gebracht mit schwarzen Totenvögeln. Ihre Seelen setzen sich in diesen Tieren fest, wobei es nicht nur auf Tiere beschränkt bleibt. Ein von einem Tengu besessener Mensch verlieh diesem eine ungeheure Angriffswut und eine kaum zu beschreibende Kraft. Ich habe Tengus erlebt, die in Stücke geschlagen wurden und trotzdem weiterlebten. Sie kommen mit Kugeln nicht gegen ihn an …«

»Kann man ihn nicht mit einem Zombie vergleichen?« fragte ich.

»Nein, Mr. Sinclair. Ein Zombie ist im Gegensatz zu einem Tengu harmlos. Denken Sie daran, daß der Zombie bereits tot ist, der Tengu aber lebt, und es ist ferner unmöglich, ihn töten zu können. Das ist der große und gravierende Unterschied.« Er führte die Hände aufeinander zu. »Ein Tengu, auch wenn er fast tot ist, schafft es immer wieder, sich zu regenerieren. Das ist schlimm, das ist unbeschreiblich, das ist einfach furchtbar. Mir fehlen die Worte.«

Suko nickte ihm zu. »Diese Tengus gibt es also in Japan, wenn ich Sie richtig verstanden habe.«

»Ja, jetzt wieder.«

»Und es gibt sie hier«, flüsterte ich, wobei ich an unsere Begegnung mit diesem Wesen dachte, das meinen Rover und auch Hauswände zertrümmert hatte, als bestünden sie aus Pappe.

»Es ist mir bekannt.«

Wir schwiegen, weil wir uns diese schlimmen Worte erst einmal durch den Kopf gehen lassen wollten. Zudem sahen wir beide den Besuch des Japaners in einem anderen Licht.

»Wir haben ihn zerstören können«, murmelte ich.

»Ja, Mr. Sinclair, aber freuen Sie sich nur nicht zu früh. Der erste Tengu war ein Versuch, mehr nicht. Andere werden kommen, andere sind vielleicht schon da.«

»Worum geht es ihnen denn?«

»Nun, Sie denken nicht für sich selbst. Ich sprach vorhin vom Club der weißen Tauben. Sie wissen, daß sich einige Traditionalisten dort zusammengefunden haben, denen Japan über alles geht. Sie sind die Menschen, die Japan zur ersten Macht auf dieser Welt machen wollen. Sie können die Niederlage des Zweiten Weltkriegs einfach nicht verkraften. Sie sind aber auch Realisten, denn sie wissen, daß sie durch militärische Aufrüstung so etwas nie erreichen können. Die japanische Armee ist nicht die beste, sie wurde bewußt klein gehalten, weil unser Volk auf andere Fundamente baut, die viel tiefer liegen. Sie sind verwurzelt mit der Tradition. Der Geist ist stärker als jede Bombe, Mr. Sinclair, das werden auch Sie wissen.«

»Ja – stimmt.«

»Also wird der Club die Tengus schicken, um die Kontrolle über Europa zu bekommen.«

»Sie reden von der wirtschaftlichen?« hakte Suko noch einmal nach.

»Das versteht sich. Japan soll die Macht auf der Welt werden, und die Weichen sind bereits gestellt. Man hat Verbindungen geknüpft, nicht allein hier in London, auch in anderen Städten werden die Mitglieder des Clubs aktiv, und alles geschieht unter der Hand, als würden sie Gift ausstreuen, das sich wie Hefepilze vermehren kann. Sie erkennen einen Tengu nicht, wenn er es nicht will, aber sie können ihn erkennen, falls er es möchte.«

»Dann könnten Sie theoretisch auch ein Tengu sein?« fragte ich.

»Ja. Aber ich bin es nicht. Ich bin gekommen, um Sie zu warnen und um zu sterben.«

»Durch den Tengu?«

»Möglicherweise, denn ich habe ihn verraten. Ich habe den Club der weißen Tauben verraten, sie können mich nicht mehr am Leben lassen, wenn sie es wissen.«

Ich räusperte mich. »Dann müßten wir den oder die Tengus finden, um das Unheil aufzuhalten.«

»Richtig.«

»Was natürlich schwer sein wird«, meinte Suko. »Können Sie uns verraten, wo wir anfangen sollen?«

»Nein.« Bevor unsere Gesichter Enttäuschung zeigen konnten, sprach er weiter. »Es gibt trotzdem eine Möglichkeit. Ich bin nicht grundlos zu Ihnen gekommen. Der Tengu wird mich als Verräter erkennen und zuschlagen. Ich kann ihm nicht entrinnen. Ich bin Ihr Köder.«

»Ja«, sagte ich leise, »das stimmt wohl. Nur hätte ich gern gewußt, weshalb Sie das für uns tun? Wer sind Sie überhaupt? Welche Rolle spielen Sie in Ihrem Land?«

»Es sind persönliche Motive, Mr. Sinclair.«

»Wollen Sie darüber nicht sprechen?«

Mr. Isanga lächelte schmal. »Wissen Sie, wir Japaner sind es gewohnt, unser Schicksal allein zu meistern. Unsere Probleme sind nicht die der anderen.«

»Es wäre aber wichtig«, sagte auch Suko, »wobei wir Sie nicht drängen wollen, wenn es zu stark in Ihre Intimsphäre hineinreicht.«

Mr. Isanga senkte den Kopf. »Es sind bei mir persönliche Motive. Meine Familie ist von einem Tengu getötet worden, Bitte fragen sie nicht, auf welch eine Art und Weise. Es war sehr schlimm. Wir kommen vom Land und wollten uns der Macht der Tengus nicht beugen. Das haben wir grausam zurückbezahlt bekommen. Meine Schwester starb, die Eltern ebenfalls. Als ich sie fand, brach etwas in mir entzwei, und ich beschloß, die Tengus zu jagen.«

»Dann haben Sie diesen Kreis erforscht?!«

»So kann man es nennen. Ich beschäftige mich bereits jahrelang mit dem Probleme und dem Phänomen.«

»Offiziell?« fragte ich.

»Wie darf ich das verstehen?«

»Können wir davon ausgehen, Mr. Isanga, daß wir Kollegen sind?«

Er dachte über die Antwort nach. »Sagen wir so, Mr. Sinclair, wir oder ich arbeiten für die Regierung.«

»Geheimdienst?«

»Regierung.«

Ich merkte, daß er nicht mehr sagen wollte und fragte auch nicht weiter.

Suko wollte Einzelheiten wissen. »Bisher, Mr. Isanga haben wir nur allgemein über das Problem gesprochen. Daß es jedoch akut geworden ist, beweist uns Ihr Erscheinen hier. Bitte, wie sieht es aus, Mr. Isanga. Mit welch einer Gefahr müssen wir konkret rechnen? Wo halten sich die Tengus auf?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was haben Sie genau vor? Sie müssen doch irgendwo einhaken. Sicherlich haben Sie eine konkrete Spur.«

»Eine Spur schon«, gab er zu. »Ob sie jedoch konkret ist, kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Versuchen Sie es.«

»Ich vermute den Tengu oder die Tengus in einer Schule, die sich in der Nähe von London befindet.«

»Wie bitte?« fragte ich.

»Es ist keine normale Schule mit Kindern, wie Sie vielleicht meinen, Mr. Sinclair. Diese Schule bildet auch keine jungen Menschen aus, nein, die ist mehr ein Trainingslager für Manager, wenn Sie verstehen. Hinter den Mauern dieser Schule werden Manager ausgebildet, da bekommen sie den letzten Schliff.«

»Landsleute von Ihnen?«

»Ja. Die Schule ist gekauft worden. Eine Investition gewissermaßen.«

»Sie wissen, wo wir sie finden können?«

»Kennen Sie Landmoore Castle?«

»Nein«, erwiderte ich.

»Es liegt etwas versteckt. Sie finden es auf dem Land, sehr einsam gelegen, in Wales.«

»Auch das noch.«

»Wie meinten Sie?«

»Schon gut, Mr. Isanga. Wales ist nur sehr groß und auch wirklich sehr einsam.«

»Das läßt sich finden«, meinte Suko.

»Ich kann Ihnen sogar einen Ort nennen, der in der Nähe liegt.« Der Japaner überlegte einen Moment. »Carmarthen.«

»Das ist mir ein Begriff«, sagte ich lächelnd.

»Dann müßten Sie dort hinfahren.«

»Ohne Sie?« fragte Suko.

Mr. Isanga schaute meinen Freund erstaunt an. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich sterben werde?«

»Hier in London oder …«

»Ja hier.«

»Und wann rechnen Sie damit?« erkundigte sich Suko cool, als würde er über das Wetter sprechen.

»Ich weiß es nicht. Mir ist nur bekannt, daß es geschehen wird. Daran kann man nichts ändern. Ich habe mich zu intensiv mit der Erforschung der Tengus beschäftigt. Man wußte, daß ich nicht auf der Seite des Clubs stand, und so etwas fiel eben auf.«

Wir widersprachen nicht, aber wir legten fest, daß wir alles tun würden, um ihn davor zu bewahren.

Da lächelte der Mann aus Ostasien. »Wissen Sie, Mr. Sinclair. Ich freue mich darüber, daß Sie so denken. Aber vergessen Sie bitte nie, mit wem sie es hier zu tun haben. Tengus sind keine Zombies. Sie sind auch nicht doppelt, sondern hundertmal so stark. Das müssen Sie sich immer vor Augen halten.«

»Stimmt, Mr. Isanga. Eine andere Frage hätten wir trotzdem. Wo haben Sie Ihr Zimmer gebucht?«

»Im Hilton.«

Ich nickte. »Am Hyde Park.« Als ich das sagte, dachte ich Jahre zurück, als wir gerade in diesem Hotel einen furchtbaren Fall erlebt hatten, wo magische Pflanzen versuchten, den großen Komplex unter Kontrolle zu bekommen. »Dann gestatten Sie uns, daß wir Sie dorthin begleiten, Mr. Isanga. Über Ihre Sicherheit und Bewachung werden wir uns später kümmern.«

Er stand auf, schaute uns an und schüttelte den Kopf. Ich glaube, daß dies vergebene Liebesmüh ist, Mr. Sinclair. Man kann mich nicht schützen, nicht vor einem Tengu…«

***

Als Manager mußt er hart sein, manchmal sogar unmenschlich, aber es gab auch Stunden der tiefsten Depression, denn die erlebte Winston Crawford jetzt, als er vor dem stand, was einmal seine Frau Ellen gewesen war. Er hatte zweimal kurz hingeschaut. Tränen liefen über seine Wangen. Von Ellen war kaum etwas zu erkennen gewesen. Sie hatte es nicht mehr geschafft, aus dem brennenden Wagen zu entkommen.

»Es ist gut«, sagte der neben Crawford stehende Commissioner. »Decken Sie die Reste wieder zu.« Er legte Winston eine Hand auf die Schulter. »Kommen Sie, wir müssen gehen.«

Crawford ging nicht, er schlich und schlurfte zugleich. Wie er in das Büro des hohen Beamten gelangt war, konnte er nicht sagen. Jedenfalls fand er sich auf einem gepolsterten Stuhl sitzend vor und schaute gegen ein mit brauner Flüssigkeit halbgefülltes Glas, das ihm eine kräftige Hand reichte.

»Trinken Sie das, Mr. Crawford. Manchmal ist der Whisky wie eine verdammt gute Medizin.«

»Danke.« Winston mußte das Glas mit beiden Händen festhalten, damit es ihm nicht entglitt. Er trank, stierte dabei über den Rand des Glases hinweg ins Leere, und der Commissioner erschrak über die Leere in den Augen. Ihm kam es vor, als wäre darin etwas zersprungen. Ein innerer Zustand zeichnete sich dort ab.

Winston Crawford trank, bis das Glas leer war. Der Polizist nahm es an sich. »Noch einen Schluck?«

»Nein, nicht.« Crawford rieb seine feuchten Handflächen am dunklen Tuch der Hose ab. Er war ein großer Mann mit blondgrauen Haaren, die sich nie richtig kämmen lassen wollten und stets so wuchsen, wie sie es für richtig hielten. Deshalb wirkte Winston Crawford stets wie ein großer Junge und nicht wie jemand, der fünfundvierzig war. Jetzt allerdings sah er um Jahre gealtert aus.

Der Commissioner mußte natürlich Antworten haben, er fragte auch, doch er hörte nichts. Zudem hatte es noch einen zweiten Toten gegeben. Ein Mann namens Jack Bolder war gestorben. Nicht durch das Feuer, sondern durch rohe Kraft. Ihn mußte ein Mensch mit mörderischen Kräften umgebracht haben.

»Ich hätte sie nicht allein auf diese verdammte Party gehen lassen sollen«, flüsterte Crawford mit tonloser Stimme. »Nein, das hätte ich nicht tun sollen. Es ist mein Fehler gewesen, mein verdammter Fehler. Ich bin schuld.«

Der hohe Polizei-Offizier blies die Luft aus. »Wie können Sie so etwas behaupten, Mr. Crawford? Ihre Frau war erwachsen und für sich selbst verantwortlich.«

»Es gab Zeichen.«

Plötzlich war der Beamte ganz Ohr. »Zeichen? Habe ich Sie richtig verstanden?«

»Möglich.«

»Welcher Art?«

Crawford hob den Kopf. Er hatte die kräftigen Finger übereinandergelegt und bewegte die Hände. »Ich glaube nicht, Commissioner, daß es für Sie Bedeutung hat. Dieser Fall, wenn ich ihn mal so nennen darf, steigt in andere Dimensionen hoch.«

»Politisch?«

»Kann sein, muß nicht. Ich denke eher an die wirtschaftliche Seite.« Winston Crawford erhob sich wie ein Greis. Den Kopf hielt er dabei gesenkt. »Er wird schwer sein, die Knäuel zu entwirren, glauben Sie mir.«

»Wir sind da, um Ihnen zu helfen.«

Crawford schüttelte den Kopf. »Ich möchte Sie nicht beleidigen, Commissioner, aber dieser Fall liegt möglicherweise einige Etagen zu hoch für Sie. Er hat etwas mit einem anderen Land, dessen Tradition und dessen Magie zu tun.«

»Magie, sagten Sie?«

»Ja, Sie haben sich nicht verhört.«

Der Polizei-Offizier strich über sein Kinn, wo dunkle Bartschatten schimmerten. »Wenn das so ist, wüßte ich, wie es bei Ihnen weitergeht. Ich habe zwar keine direkte Lösung für Sie, aber ich könnte Ihnen einen bestimmten Weg zeigen.«

»Wohin würde der führen?«

»Zu Scotland Yard.«

»Ist das nicht egal, wer sich darum kümmert?« fragte der Mann mit schwacher Stimme.

»In diesem Fall nicht. Kennen Sie Superintendent Sir James Powell, Mr. Crawford?«

»Ja, vom Namen her. Es kann auch sein, daß ich ihm auf offiziellen Anlässen schon begegnet bin.«

»Das ist gut.«

»Aber was hat er mit Magie zu tun?«

»Einiges. Sir James leitet eine Abteilung, die sich mit okkulten und magischen Phänomenen beschäftigt. Sie ist mittlerweile sehr bekannt geworden, hauptsächlich wegen ihrer Erfolge.«

Winston blieb skeptisch. »Und er sollte mir helfen können? Sind Sie davon überzeugt?«

»Sie sollten es versuchen. Mit irgendeiner Stelle müssen Sie reden, Mr. Crawford. Wenn ich für Sie nicht der Richtige bin, ist es vielleicht Sir James.«

»Nehmen Sie es nicht persönlich …«

Der Commissioner lachte. »Das nehme ich keinesfalls persönlich, Mr. Crawford. Ich werde Sir James zumindest anrufen und ihm von Ihren Problemen berichten.«

Crawford überlegte noch. Schließlich nickte er und gab damit seine Zustimmung.

Während der Polizei-Offizier telefonierte, schaute Crawford aus dem Fenster. Er sah den fließenden Verkehr tief unten und dachte daran, wie leer und sinnlos das Leben ohne seine Frau geworden war. Er und Ellen hatten sich blendend verstanden, doch jetzt …

Es gab eine Möglichkeit, bei ihr zu sein. Er brauchte sich nur den nötigen Schwung zu geben und einfach durch das geschlossene Fenster zu springen. Wenn er unten aufkam, würde er kaum anders aussehen als seine tote Frau. Dann hätte alles ein Ende. Der verfluchte Druck, die Anrufe, einfach alles.

Warum hatte er auch nur zugestimmt, als man ihn um den Job gebeten hatte? Nicht aus finanziellen Gründen, Geld lag genug auf seinen Konten. Es war einfach die Herausforderung gewesen.

Als der Commissioner den Hörer auflegte, holte das Geräusch Winston Crawford wieder zurück in die Realität. Müde drehte er sich um, den Polizisten ansehend, der ihm zunickte.

»Sie haben gehört, was ich mit Sir James besprach, Mr. Crawford?«

»Nein, ich war in Gedanken.«

»Verstehe ich. Die Lage ist klar. Sir James erwartet Sie in seinem Büro.«

»Wann?«

»Sie können sofort zu ihm fahren. Ich werde Ihnen jemand besorgen, der Sie hinbringt.«

»Danke, das ist nett.« Crawford wischte über seine Augen, doch das Bild seiner verbrannten Frau wollte einfach nicht weichen…

***

Die Gondeln hingen an der mächtigen Fassade des Hotels wie große Kästen. Wer hier als Gebäudereiniger einen Job bekommen hatte, mußte zumindest schwindelfrei sein, denn es war nicht jedermanns Sache, in einer derartigen Höhe, die Fassaden und Fenster der einzelnen Zimmer von außen zu reinigen.Leslie Shamrock war schwindelfrei, zudem Junggeselle, erst dreiundzwanzig und ein Bursche, der es mal zu etwas bringen wollte, deshalb sparte er jeden Penny, denn der Traum von einer eigenen Firma sollte für ihn keiner bleiben.

An diesem Tag hatte er schon sehr früh begonnen, eine Pause am Mittag eingelegt, zwei Sandwiches gegessen und einen halben Liter Milch getrunken, bevor er sich in seine Gondel legte, die Augen schloß und sich den wärmenden Strahlen der Sonne hingab.

Pünktlich schlug er wieder die Augen auf, als hätte ein innerer Wecker geklingelt. Sein Kollege und er teilten sich eine Front. Der andere arbeitete weiter rechts, während sich Leslie die linke Breitseite des Hotels vornahm.

Er hatte sich am Vormittag beeilt, konnte es jetzt langsamer angehen lassen und würde die Arbeit zum Feierabend trotzdem verrichtet haben. Er öffnete die kleine Mitteltür der Gondel, hakte sich hinter sie wieder fest und griff nach der Handbedienung, die den Motor startete, damit die Gondel an der Fassade hochschwebte. Mit der Bedienung lenkte er den viereckigen Kasten auch in die verschiedensten Richtungen.

Die Gondel wurde von Haken gehalten. Auf dem Dach war das Führungsgestell befestigt. Bisher hatte Leslie noch keine Furcht vor einem Absturz gehabt. Bei starkem Wind fiel die Arbeit an der Fassade sowieso flach.

Er war etwa zwei Körpergrößen vom Boden entfernt, als sich die Gestalt löste.

Leslie sah den Unbekannten nicht, er merkte nur, wie die Gondel plötzlich Gewicht bekam und anfing zu schaukeln. Instinktiv klammerte er sich fest. Seine Arbeitsutensilien rutschten zur rechten Seite hin. Als Leslie sich drehte, sah er, was geschehen war.

Jemand hatte die Gondel geentert!

Die Augen des Gebäudereinigers weiteten sich, denn die Gestalt sah aus wie aus einem Horrorfilm entsprungen. Sie war in Leder gekleidet, sogar der Kopf wurde von einer Mischung aus Maske und Mütze bedeckt, und nur zwei Schlitze für die Augen blieben frei.

Mächtige, nackte Arme wuchsen aus der Lederweste. Hände, breit und lang. die rechte umklammerte den Griff eines Dolchs. Eine Waffe mit breiter Klinge, die ab der Mitte etwas nach außen gebogen war.

Der Schrei erstickte Leslie Shamrock noch im Hals. Sein Gesicht wurde gelblich. Der andere hatte keinen Ton gesagt, doch Leslie begriff, daß er in Lebensgefahr schwebte.

Der Unbekannte spreizte an der freien Hand die Daumen ab und wies in die Höhe.

Leslie nickte nur. Plötzlich kam ihm der Erdboden so verdammt weit entfernt vor. Die Fahrt, die ihm sonst nicht schnell genug gehen konnte, raste vorbei. Es hatte keinen Sinn, wenn er versuchte, über den Rand zu springen, gesund kam er nie auf. So klammerte er sich fest, den Blick auf die Gestalt gerichtet und dachte auch daran, daß sein Kollege viel zu weit entfernt arbeitete, um ihm helfen zu können.

Leslie atmete durch den offenen Mund. Die Gondel summte in die Höhe. Die blau und weißlich in der Sonne schimmernden Fenster der Hotelfassade huschten vorbei. Er sah keine Umrisse mehr, alles verschwand ineinander, und wenn er nach Westen schaute, erkannte er tief unter sich die weite Fläche des Hyde Parks, wo zahlreiche Spaziergänger das schöne Wetter nutzten.

Wie viele Stockwerke bereits hinter ihm lagen, wußte er nicht. Bisher hatte er sich noch nicht getraut, den Fremden anzusprechen, auch jetzt mußte er einige Male einatmen, um überhaupt ein Wort hervorbringen zu können.

»Wer bist du?«

Der Maskenmann schüttelte den Kopf. Eine andere Antwort bekam Leslie nicht.

Wind fing sich an der Fassade und wischte den Schweiß von seiner Stirn. Leslie schwitzte nicht, weil es warm war. Es war die Angst, die ihn zeichnete.

Die Gondel schwebte weiter. Sehr gerade, wegen der guten Gewichtsverteilung. Noch immer zielte die Messerspitze auf Leslie. Manchmal warf die Sonne einen Reflex auf die Klinge, dann lief es jedesmal kalt über den Rücken des Gebäudereinigers.

Er wußte nicht, was dieser Mensch vorhatte. Ob es ihm um Leslie oder die Gondel ging, war nicht herauszubekommen. Jedenfalls wartete er noch ab, bis die Klinge blitzschnell vorstieß.

Leslie schrie, sah schon Blut aus seiner Kehle schäumen, als er merkte, daß der Dolch nur seine Haut am Hals berührte.

Mit der freien Hand schlug der Maskenmensch zu.

Ein Schlag wie ein Hammerhieb, dem Leslie nichts entgegenzusetzen hatte.

Er verdrehte die Augen, sackte zusammen, und der Maskenmann nahm sich der Bedienung an.

Innerhalb kurzer Zeit hatte er die Funktionen durchgecheckt und zeigte sich zufrieden.

Er horchte den Motor ab, wobei unter dem dünnen Leder der Gesichtsmaske ein wohliges Knurren hervordrang…

***

Neben der Tiefgarage besaß das Hilton auch einen kleinen Parkplatz vor seinem repräsentativen Eingang, wo ich meinen Dienstrover abstellte und mich sofort mit einem der uniformierten Türwächter konfrontiert sah. Böse schaute mich der Mann an, obwohl er freundlich blieb.»Sie dürfen hier nicht parken, Sir.«

Von Wächtern und Aufpassern hatte ich die Nase voll. »Wetten doch?« fragte ich und zeigte ihm meinen Ausweis.

Er wußte zuerst nicht, was er machen sollte und hob nur die Augenbrauen.

»Sie können lesen?«

»Ja, Sir, Polizei.«

»Richtig. Und Sie persönlich werden auf meinen fahrbaren Untersatz achtgeben. Kapiert?«

»Ja, Sir.«

»Dann ist ja alles klar.« Ich ließ ihn stehen und ging zu Suko und dem Japaner, die bereits auf mich warteten.

»Spielte der Knilch den großen Max?« fragte mein Freund.

Ich winkte ab. »Sagen wir so, er versuchte es. Aber das mißlang mal wieder.«

»Wie schön.«

Sekunden später betraten wir das Hotel, wobei die Tür vor uns zurückschwang.

Es war nicht viel los. Selbst auf den Klavierspieler in der Halle hatte man um diese Zeit verzichtet. Der Klimperonkel würde wohl erst zur Blauen Stunde erscheinen und damit beginnen, die Tasten zu quälen.

Wir gingen zur Rezeption, wo die Hiltongirls nett lächelten und nach unseren Wünschen fragten.

Einen Wunsch hatte nur Mr. Isanga. Sein Zimmer war reserviert worden, er bekam auch den Schlüssel und mußte hoch in den vierzehnten Stock des Gebäudes.

Vor den Aufzügen kam unser Gast noch einmal auf sein spezielles Thema zu sprechen. »Bitte, Sie brauchen sich um mich nicht zu kümmern. Ich fahre nach oben, werde duschen und …«

Suko lächelte ihn an. »Lieber, Mr. Isanga. Wir wollen doch, daß Ihnen hier in London kein Leid geschieht.«

Sein Blick verdunkelte sich. »Ich werde sterben, lassen Sie sich dies gesagt sein.«

»Abwarten.«

Das sanfte Klingeln zeigte uns an, daß der Lift »gelandet« war. Die Tür schob sich auseinander, und wir konnten die breite, mit warmen Stoffen ausstraffierte Kabine betreten.

»Der Tengu kann uns überall erwischen«, sagte der Mann aus Japan. »Auch hier im Lift. Für ihn gibt es keine Hindernisse. Wo er hinwill, kommt er auch hin.«

Ich winkte ab. »Malen Sie den Teufel nicht an die Wand.«

»Das ist aber so.«

Die vierzehnte Etage war bei diesem Tempo schnell erreicht. Dort bimmelte es wieder. Wir verließen die Kabine und befanden uns in einem der langen Hotelflure.

Helle Wände, kleine Nischen darin und braune Türen. Das übliche Schema. Ich bekam bei diesen engen Gängen immer Platzangst, zudem schluckte ein Teppich die Schritte.

Am Ende des Flurs standen zwei Mädchen zusammen und saugten den Boden mit einem großen Staubsauger.

Sie waren bestimmt keine Tengus.

Vor der ensprechenden Tür blieb ich stehen, nahm den Schlüssel und betrat den Raum.

Er war aufgeräumt und leer, von einem Tengu keine Spur. Auch im kleinen Bad erwartete uns niemand.

Vor Suko betrat der Japaner den Raum, sah mein Lächeln und schüttelte den Kopf. »Freuen Sie sich nicht zu früh, der Tengu kann überall sein. Er besitzt nicht nur körperliche, auch geistige Kräfte. Er schafft es, sich auf die Person zu konzentrieren, die er umbringen will. Und er sieht immer anders aus. Man weiß nie, ob er dir plötzlich gegenübersteht und eine Technik anwendet, die bei uns oni heißt.«

Suko schloß die Tür von innen, als ich fragte: »Was ist denn oni?«

Die Antwort gab mein Freund. Oni ist furchtbar. Es ist die Kampfkunst der Dämonen, und sie wird ohne Waffen geführt.«

»Ganz ohne?«

Suko verzog leicht die Mundwinkel. »Die Hände reichen, John. Sie sind manchmal schärfer als Messer.«

Mich überkam plötzlich ein verdammt kaltes Gefühl, das sich im Nacken festsetzte. »Danke, das reicht.«

Mr. Isanga hatte seine Zimmer betreten. Die grelle Sonne strahlte herein, als der Mann die Gardinen aufzog.

Ich hatte mich auf die Bettdecke gesetzt und zum Telefonhörer gegriffen.

»Wen möchten Sie anrufen, Mr. Sinclair? Ich will nicht indiskret sein, rechne jedoch damit, daß es mit mir zusammenhängt.«

»Stimmt.«

»Bitte, Mr. Sinclair.« Er sprach zu mir wie ein Vater zu seinem ungehorsamen Kind. »Nicht wegen mir. Sie brauchen mir keinen Schutz zu besorgen. Wenn es nötig sein sollte, kann ich mich auch allein verteidigen, glauben Sie mir.«

»Mein Blick war skeptisch. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, oder beherrschen Sie auch die Kunst des oni?«

»Ein wenig.«

Schnaufend atmete ich aus, schaute zu meinem Freund hin, der die Schultern hob. Des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich. Ich würde nicht nach Schutz telefonieren, dafür aber mit meinem Chef sprechen, um ihn von den neuen Vorfällen in Kenntnis zu setzen.«

»Auf Ihren Anruf habe ich gewartet, John.«

»Wieso? Ist was passiert?«

»Ja, ich möchte, daß Sie kommen.«

Den Hörer hielt ich so weit vom Ohr weg, damit auch Suko mithören konnte.

»Was ist der Grund, Sir?«

»Reichen Ihnen zwei Tote?« Er hatte sehr bissig gesprochen. »Eine Frau und ein Mann.«

Ich schluckte. »Wissen Sie Näheres, Sir?«

»Nichts Genaues, John. Ich werde mit dem Ehemann der Toten reden. Was ich an Informationen besitze, hat mir der Commissioner übermittelt. Alles deutet auf eine große Schweinerei hin. Kommen Sie so rasch wie möglich. Wie läuft es bei Ihnen? Ist Mr. Isanga gut angekommen?«

»Das schon, Sir.«

»Wunderbar.«

»Finde ich nicht. Wir werden uns darauf gefaßt machen müssen, es wieder mit einem Tengu zu tun zu bekommen. Sie wissen ja, Sir, schon einmal haben wir …«

»Und ob ich das weiß. Das war also der Grund für Mr. Isangas Kommen: Ein Tengu.« Ich hörte Sir James tief durchatmen. »Es wird nicht einfach sein. Wo sind Sie jetzt?«

»Noch im Hilton.«

»Dann bringen Sie unseren Gast aus Japan mit.«

»Ich werde mich bemühen, Sir.«

Suko richtete sich aus seiner leicht gebückten Haltung auf. »Welche Suppe kocht denn da wieder?«

»Keine Ahnung.« Ich nickte dem Japaner zu. »Unser Chef hat mich gebeten, Sie mit zum Yard zu nehmen. Sie sind damit einverstanden, Mr. Isanga?«

»Ich will nicht unhöflich sein, Mr. Sinclair, aber was sollte ich denn dort?«

»Da sind Sie sicherer, zum Beispiel.«

»Nein.« Er gab die Antwort beinahe vorwurfsvoll. »Sie haben mich nicht verstanden, Mr. Sinclair. Es gibt keinen Weg für mich in die Sicherheit. Glauben Sie mir das endlich. Mein Tod ist beschlossene Sache. Der Club ist hinter mein Geheimnis gekommen. Die weißen Tauben schlagen zurück. Die Tengus sind unterwegs.«

Ich will nicht gerade behaupten, daß ich ein Kenner der japanischen Szene bin, ein wenig allerdings kannte ich mich aus und sah endgültig ein, daß Mr. Isanga mit anderen Maßstäben zu messen war.

Ein Schatten fiel wie bestellt in das Hotelzimmer. Etwas hatte am Fenster die Strahlen der Sonne verdunkelt. Es war eine der Gondeln wie sie von den Gebäudereinigern benutzt wurde.

»Ich hatte kaum hingeschaut, als die Sonne plötzlich explodierte. Erst als ich das Splittern vernahm, wußte ich Bescheid. Da war es schon zu spät.

Aus der verdammten Gondel war der Tengu in den Raum gesprungen, um sich sein Opfer zu holen…

***

Zuerst war Suko an der Reihe. Wer ihn kennt, weiß, daß er ein harter Kämpfer ist, den so leicht nichts erschüttert. Bis auf einen Tengu. Der war so schnell, daß man ihn kaum verfolgen konnte. Die dunkle Gestalt schien das gesamte Zimmer einzunehmen, als sie sprang und Suko ebenfalls das Fliegen lernte.Er krachte in den Schrank hinein, durchbrach die Türen und blieb in den Trümmern liegen.

Ich warf mich dem lebenden Killermonster in den Weg. Daß ich nur einen Tritt abbekam, war mein Glück. Auf Suko wirbelte ich zu und drückte ihn wieder zurück,

Halb benommen waren wir beide. So bekamen wir nur schemenhaft mit, wie der Tengu reagierte.

Er schnappte sich Isanga.

Wir hörten ihn schreien, als er sich wehrte. Zum erstenmal erlebte ich die Kampfkraft des oni, und Isanga setzte tatsächlich nur seine Hände ein. Damit wollte er den Tengu zerstören.

Der aber trug nicht grundlos seine schwarze Lederkleidung. Die gekrümmten Finger rutschten an dem Material ab, und Isanga kassierte den ersten Hieb, der sein Gesicht zerstörte.

Das bekam ich noch mit, dann griff der Tengu zu, hob den Mann an, lief mit ihm auf das zerstörte Fenster zu und warf ihn kurzerhand hindurch. Der Körper flatterte noch über den Gondelkasten hinweg, bevor er in die Tiefe raste.

Für einen Moment blieb der Tengu noch im Raum. Er drehte sich um, starrte uns an.

Wer sich hinter der Maske aus Leder verbarg, konnten wir nicht erkennen. Nur die Augenschlitze blieben frei. Was darin jedoch lauerte, war von einer wilden Boshaftigkeit. Es war grauenvoll, es war einfach der Wille zu töten.

Suko und ich hatten uns auf die Seite gerollt und einigermaßen wieder freigekämpft.

Mit Silberkugeln auf ihn zu schießen, hatte keinen Sinn, das überstand er.

Plötzlich sprang er durch das Fenster, aber auch über die Gondel hinweg.

In diesem Augenblick kam er mir vor wie Batman, nur besaß der Tengu kein Seil, das ihn abfing.

Ich stolperte auf das Fenster zu und fiel fast in die Außengondel, wo der echte Gebäudereiniger am Boden lag und sich nicht rührte.

Der Tengu war gelandet. Zwischen den Bäumen eines schmalen Grünstreifens und auch nicht weit von dem Ort entfernt, wo Mr. Isangas Körper zerschmettert lag.

Allerdings lief der Tengu weiter, räumte Hindernisse brutal aus dem Weg, dann war er weg.

Ich stand oben an der Gondel und hätte heulen können. Alles schwankte vor meinen Augen. Wenn ich in die Tiefe blickte, gewann ich den Eindruck, gegen Wellenberge zu sehen.

Weiche Knie ließen mich zittern. Ich hörte Suko. Er kletterte aus den Trümmern. Seine Bewegungen wirkten matt. Dennoch trat er voller Wut die Kleiderstange aus Messing zur Seite. Sein Gesicht sah lädiert aus. Zwischen Wange und Stirn schimmerte die Haut bläulich. Der Fleck endete in einer Schramme.

»Er ist aus dem Fenster gesprungen, Alter. Einfach so.« Ich starrte Suko an.

»Und Isanga?«

»Der ist tot.«

»Er hat es gewußt«, flüsterte mein Freund und strich über seine malträtierte Stelle am Gesicht. »Der hat genau gewußt, daß er hier in London sterben würde.«

»Dennoch ist er gekommen.«

»Ja, es war seine letzte Pflicht. Er hat uns vor dem Club der weißen Tauben und den Tengus gewarnt. Mehr konnte er nicht tun, John.« Suko setzte sich auf das Bett. Ich will nicht sagen, daß Angst in seinem Blick lag, aber der Ausdruck war auch nicht weit davon entfernt. Vielleicht auch Unbehagen und das Gefühl, ein Verlierer zu sein. »Wenn der besser getroffen hätte, John, wären wir tot.«

»Oni – nicht?«

»Ja, die dämonische Kampfkunst, die allein mit den Händen geführt wird. Sie ist furchtbar.« Suko erhob sich schwankend. »Bisher war sie auf Asien begrenzt, jetzt aber …«

Ich sah, daß er sich zur Tür wandte und hielt ihn mit einem Ruf auf. »Moment noch, hier in der Gondel liegt jemand.«

»Noch ein Toter?«

Suko bekam erst Antwort, als ich den jungen Mann untersucht und aufgeatmet hatte. »Nein, er ist nicht tot. Er lebt, ist nur bewußtlos.«

»Welch ein Glück für ihn.«

Gemeinsam schleppten wir den jungen Mann ins Zimmer, wo er seinen Platz auf dem Bett fand.

Der Hieb hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen. Seine linke Gesichtshälfte zeigte eine rotblaue Färbung.

»Wir müssen trotzdem nach unten«, drängte Suko.

Ich warf zuvor noch einen letzten Blick in die Tiefe. Der Vorgang war nicht unbeobachtet geblieben. Zahlreiche Menschen umstanden die Aufschlagstelle. Ihre lauten Stimmen glitten als Echos an der Fassade des Hotels hoch.

Wir nahmen den Lift. Suko sah ziemlich ramponiert aus, auch ich fühlte mich nicht gerade wie frisch aus der Sauna kommend. »Wie geht es dir?«

»Der Kopf ist noch dran, John.«

»Beim nächstenmal wissen wir Bescheid.«

Sukos Blick sah mitleidig aus. »Beim nächstenmal, John? Sag mir, wie du einen Tengu stoppen willst. Das schaffst du nicht.«

»Nur mit Feuer.«

»Aber kein Streichholz.« Suko verließ als erster den Lift. In der Halle herrschte ebenfalls Aufregung. Einer der Geschäftsführer lief mit hochgereckten Armen umher, den Blick immer wieder gegen die Decke gerichtet. Dabei wrang er die Hände.

Wir wußten, wo wir den Toten finden konnten und gingen hin. Mittlerweile war der Ring der Neugierigen noch dichter geworden. Jemand hatte eine Decke über den Japaner ausgebreitet. Wir hörten auch, daß jemand die Polizei alarmiert hatte, ansonsten spitzten wir die Ohren, um auch andere Kommentare mitzubekommen.

Ein Kellner hatte den Tengu gesehen. Er sprach so laut, daß wir es hören konnten.

»Ich sage euch, der ist gesprungen und weggelaufen.«

»Wo kam er denn her?«

Der Kellner deutete in den Himmel. »Von oben. Der … der fiel einfach vom Himmel.«

»Mehr aus dem Fenster, wie?«

»Ja, aber der eine ist tot. Der andere nicht. Der sah aus wie ein Monster. Schwarz, nur die Arme waren hell.«

»Wo ist er denn hingelaufen?« Ich hatte mich nahe an den Sprecher herangeschoben.

Der junge Mann strich sein Haar zurück. »Das kann ich Ihnen sagen.« Er drehte sich um und deutete über die vierspurigen Park Lane hinweg, die an der Ostseite des Parks entlangführte. »In den Park ist er gerannt. Einfach so, über die Straße weg, dann war er verschwunden.«

Ich schaute Suko an, der die Schultern hob. Wir waren beide der Meinung, daß es keinen Sinn hatte, eine große Fahndung nach ihm anzukurbeln. Wenn der Tengu wollte, fand er immer das richtige Versteck, und wenn er sich dabei in die Erde eingrub.

Dann erschienen die Kollegen. Zwei von ihnen kannten uns. Sofort wurden wir angesprochen.

»Ist das Ihr Fall?«

»Ja«, sagte Suko.

»Dann müßten wir den Yard …«

»Bitte, tun Sie das.« Suko sprach mit kraftloser Stimme. So hatte ich ihn selten reden gehört. Der verdammte Tengu mußte ihn ziemlich brutal erwischt haben, wobei er auch an der Psyche meines Freundes gerüttelt hatte.

Auch ich spürte Übelkeit im Magen. An einer der Hotelbars bekämpfte ich das Gefühl mit einem doppelten Whisky. Von dort rief ich auch Sir James an, der den Vorgang schweigend zur Kenntnis nahm und sich nur erkundigte, wann wir eintreffen würden.

»Ist Ihr Besuch schon da?«

»Ja.«

»Halten Sie ihn solange fest.«

»Das werde ich auch, denn es kann sein, daß Sie an den gleichen Fällen arbeiten.«

»Was?«

»Später mehr, John.«

Ich zahlte das Gespräch und den Whisky. Dann ging ich zurück zu Suko, der schon auf mich gewartet hatte. »Wenn die Kollegen gekommen sind, werden wir fahren.«

»Sicher. Hast du mit dem Alten gesprochen?«

»Und wie. Es kann sogar sein, daß wir unabhängig voneinander an den gleichen Fällen arbeiten.«

»Auch das noch«, flüsterte Suko. »Ich nehme den Begriff große Dimensionen nicht gern in den Mund. Allmählich gewinne ich den Eindruck, daß alles darauf hinausläuft.«

»Ich widerspreche dir nicht.«

Wenig später sprachen wir mit unseren Yard-Kollegen. Einer fragte: »Das war doch kein Selbstmord – oder?«

»Nein, Mord. Aber den Täter werden wir erwischen können. Nehmen Sie trotzdem die Spuren auf.«

»Ein Scheiß-Job, Sinclair.«

»Einer muß ihn ja machen – oder?«

Der Kollege grinste bitter. »Sagen wir mal so, Sinclair. Einer ist immer am …«

Das letzte Wort hörte ich nicht mehr. Ich ging weg. Mir war einfach danach…

***

Sir James hatte zu unserem ramponierten Aussehen nichts gesagt und kurz die Augenbrauen angehoben. Danach waren wir einem gewissen Winston Crawford vorgestellt worden, einem Industriellen, dessen Frau nach einer Party in einem Wagen verbrannt war. Nicht weit entfernt hatte man den toten Fahrer gefunden – mit gebrochenem Genick.Crawford machte einen nervösen, traurigen und manchmal auch abwesenden Eindruck. Sir James entlastete ihn, denn er berichtete uns über den Hergang der Taten.

»Wie kommen Sie darauf, daß es ein Tengu gewesen sein könnte?« fragte Suko.

»Der Fahrer wurde mit den bloßen Händen getötet. Denken Sie an die Kraft des Tengus.«

»Was sagten Sie da?«

Wir drehten uns zu Crawford hin, der wie sprungbereit auf dem Stuhl hockte und uns anstarrte. »Sie … sie haben da von einem Tengu gesprochen? Woher kennen Sie ihn?«

»Kennen Sie ihn?« fragte ich zurück.

»Ja – leider.«

»Woher?«

»Ich bekam Warnungen, Briefe. Ich sollte mich in meinem Unterricht bestimmten Themen widmen.«

Ich hob die Hand. »Sie sprachen von einem Unterricht. Können wir da Genaues erfahren?«

Er nickte. »Ich unterrichte an einer Schule Wirtschaftskunde. Eine japanische Firma bat mich, die Leute, die sie schickte, in den europäischen Markt einzuweisen. Japan will expandieren. Ich bin unter anderem ein Experte für Ostgeschäfte. Dort tut sich einiges, da wird Ostasien seine Kontakte intensivieren. Denken Sie nur an die wahnsinnigen Möglichkeiten, die es dort gibt.«

»Einen Augenblick«, sagte Suko. »Liegt die Schule zufällig in Wales und damit in der Nähe von Carmarthen?«

Crawford staunte. »Ja, Sie kennen Landmoore Castle?«

»Wir haben davon gehört.«

Sir James schnappte den Ball sofort auf. »In welch einem Zusammenhang, Suko?«

Mr. Isanga erwähnte den Ort. Die Schule scheint wohl mehr als das zu sein. Sie ist eine Brutstätte, ein Nest des Bösen, möglicherweise auch ein Versteck für Tengus.«

Es wurde still. Nur Sir James rollte den Bleistift aus der Hand und fiel mit einem leisen Klicken neben die Schreibtischunterlage. Mit einer langsamen Bewegung schob er die Brille zurück. »Ich glaube, da haben wir die Spur.«

»Das denke ich auch, Sir.«

Winston Crawford schüttelte den Kopf. Er konnte uns nicht so recht folgen. »Was meinen Sie damit?«

»Ganz einfach«, sagte Sir James. »Ihre Schule scheint die Quelle für eine bestimmte Gruppe zu sein, die …«

»Möglicherweise Club der weißen Tauben heißt«, fuhr ich fort.

Winston Crawford saß starr auf dem Stuhl. »Das darf doch nicht wahr sein.«

»Kennen Sie den Club?«

»Ja, Mr. Sinclair, ich habe von ihm gelesen, denn die Warnungen an mich waren damit unterschrieben. Dieser Club wollte über mich Einfluß gewinnen.«

»Wie genau sollte das ablaufen?«

»Eigentlich recht simpel. Ich sollte bei meinen Lehrstunden auf die alte, traditionelle, japanische Philosophie und Geschäftsethik eingehen. Ich sollte mich nicht allein von den Marktgesetzen leiten lassen, sondern auch die alten Traditionen nicht vergessen und meine Schüler daran erinnern.«

»Sie als Europäer?«

Crawford wühlte sein Haar auf. »Ja, ich. Wissen Sie, es sollte nicht direkt geschehen, aber ich sollte den Schülern immer wieder erklären, daß sie bei ihren Geschäften nicht allein an die finanzielle Seite denken, sondern die Tradition nicht aus dem Auge lassen. Daß Japan der Welt noch etwas schuldig ist.«

»Was ist das?«

»Rache, Inspektor.« Er nickte Suko zu. »Eine gewisse Abrechnung mit den Personen, die Japan in die Knie gezwungen haben. Vor allem die Amerikaner und deren Verbündeten. England gehörte dazu. Diese Rache sollte langsam aber stetig erfolgen. Nicht durch einen kriegerischen Überfall, nein, viel subtiler. Man bedient sich heute wirtschaftlicher Mechanismen, um einen Gegner in die Knie zu zwingen. Daran sollte ich mich halten. Wenn nicht, würde es meine Familie zu büßen haben. Der Tod meiner Frau ist das beste Beispiel.«

Da hatte er recht. Wir waren sehr überrascht und schwiegen nach dieser Erklärung.

Ich dachte an den Tengu. Hinter ihm stand der Club der weißen Tauben. Sie züchteten ihn, sie schickten ihn vor, wenn sie andere Mittel einsetzen wollten. Wahrscheinlich war die Schule bereits durch den konservativen Rachegeist des Clubs infiltriert worden, und Crawford stand dazwischen.

»Worüber denken Sie nach?« fragte er uns.

»Über Sie«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Ich will einfach nicht begreifen, daß man sich für diese Art von Lehre einen Europäer ausgesucht hat und keinen Japaner. Das verstehe ich nicht.«

»Das ist leicht zu erklären. Seit Beendigung meine Studiums arbeite ich für einen japanischen Konzern. Ich bin schon mit den Gepflogenheiten dieses Landes vertraut. Zudem habe ich Japan oft genug besucht, ich weiß also Bescheid.«

»Auch über die Traditionen und die Mystik sowie Mythologie?«

»Ein wenig. Sie kommen nicht daran vorbei, wenn Sie mit Japanern zu tun haben. Manchmal dachte ich daran, daß ihr gesamtes Geschäftsgebaren ritualisiert worden war. Alles läuft nach bestimmten Mustern ab, und die Tradition wird dabei nicht vergessen. Man muß sich auf die Menschen genau einstellen können.«

Ich nickte. »Alles klar, Mr. Crawford. Und bei dir, Suko?«

»Auch. Wenn wir den Fall aufrollen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als London zu verlassen.«

»Genau, Wales wartet.«

»Sie wollen in die Schule?«

»Sicher, Mr. Crawford. Oder sehen Sie vielleicht einen anderen Weg, um ans Ziel zu gelangen?«

»Nein, das nicht. Wenigstens nicht im Moment. Aber wie wollen Sie sich Eintritt verschaffen?«

Ich lächelte ihn schmal an. »Wir haben Sie als Bekannten. Sie könnten etwas für uns tun.«

»Was denn?«

»Uns als Besucher, als Kollegen vorstellen, die einen Unterricht erleben möchten.« Ich zog die Lippen in die Breite. »Außerdem lieben wir alte Schlösser oder Landsitze. Die sind so romantisch.«

»Oder tödlich.«

»Sicher.«

Er wischte durch sein Gesicht. »Dabei habe ich mir vorgenommen, den Unterricht abzubrechen. Man hat meine Frau umgebracht. Ich … ich bin eigentlich nicht in der Lage dazu.«

»Das verstehen wir. Sie möchten doch, daß der Tod Ihrer Frau aufgeklärt wird. Da ist es am besten, wenn wir eingreifen, Mr. Crawford, und zwar auf eine unkonventionelle Art und Weise. Alles andere würde nicht klappen. Japaner lächeln zwar, sind aber sehr verschlossen, wenn es um bestimmte Dinge geht.«

»Da haben Sie recht.«

»Wie stehen Sie dazu, Sir James?« fragte Suko.

»Auch ich sehe Johns Vorschlag als die einzige Chance, tut mir leid. Springen Sie in das kalte Wasser, aber zögern Sie bitte nicht zu lange, sonst fallen Sie ins Leere.«

»Genau.«

Winston Crawford hob die Schultern. »Wenn ich überstimmt bin, gebe ich natürlich nach. Nur möchte ich gern wissen, wieso Sie an diesem Fall arbeiten?«

»Er ist erst zu unserem Fall geworden. Uns ging es darum, einen Mann, Mr. Isanga, am Flughafen abzuholen. Er wollte uns warnen, und diese Warnung hing auch mit Ihnen und Ihren Erlebnissen zusammen. Es ging um den Tengu, dieses absolut Böse.«

»Man spricht den Namen nur flüsternd aus.«

»Zu recht«, murmelte Suko und betastete seine getroffene Stelle. Allmählich bekam die Gesichtshälfte Farbe. Grün und Blau schimmerten dort wie angestrichen.

»Wann können wir fahren?«

Winston Crawford hob die Schultern. »Ich bin ziemlich unabhängig, bis auf die Beerdigung meiner Frau.«

»Das wird noch dauern«, sagte Sir James. »Haben Sie vielleicht Kinder, die …?«

»Nein, wir sind kinderlos.«

»Gut.« Der Superintendent kam noch einmal auf unseren Fall zu sprechen. »Sie haben keine Großfahndung nach dem Tengu anlaufen lassen?«

»Nein, Sir«, sagte Suko. »Das Risiko war uns zu hoch. Wer dem Tengu in die Arme läuft, ist seines Lebens nicht sicher. Das ist eine Mordmaschine. Der Mann in der Gondel hat Glück gehabt. Wir haben den Kollegen gesagt, daß sie ihn aus dem Zimmer holen können. Die werden staunen, wenn sie seine Aussage hören.« Suko fing damit an, den Tengu sehr genau zu beschreiben.

Sir James und Winston Crawford hörten zu. Beide konnten mit der Beschreibung nicht viel anfangen.

»Ich habe ihn nicht gesehen«, erklärte Crawford. »Ist es nicht auch so, daß er verschiedene Gestalten annehmen kann?«

»Leider.«

»Dann ist der Tengu ein Geist?«

Ich nickte zu Sir James hinüber. »Davon gehen wir aus. Ein absolut böser, schlimmer Geist. Das ist Kataya, wie wir leider schon einmal gehört haben.«

»Das Böse, die schwarze Seele«, flüsterte Suko. »Ohne Licht, aber im Tengu steckend.« Er schüttelte sich, als hätte jemand Wasser über seinen Kopf rinnen lassen. So hatte ich meinen Freund selten erlebt. Sein Blick war ins Leere gerichtet. Wahrscheinlich dachte er über unsere nahe Zukunft nach. Da gab es wirklich keinen Grund, auch nur zu einem Lächeln. Sie sah mehr als düster aus…

***

Wales begrüßte uns mit einem weiten Himmel, dicken Regenwolken, einer traurigen, sentimental wirkenden Landschaft aus Hügeln, Bergen, Seen und Wäldern.Ein großes, weites Land, sagenschwer, das zwar zu Großbritannien gehört, sich seine Eigenständigkeit aber bewahrt hatte, was sich in den gälischen Namen der Orte ausdrückte und auch in der Sprache der Menschen, die in diesem für uns fremden Dialekt redeten.

Wir waren einen Teil der Nacht über gefahren, hatten gelost, ich verlor, so mußten wir den Rover nehmen.

Wir wollten nicht zusammen mit Winston Crawford eintreffen, es sollte ganz offiziell nach einem Besuch aussehen.

Bis Carmathen brauchten wir nicht zu fahren. Crawford hatte uns den Weg genau aufgezeichnet, wir mußten vor diesem größeren Ort abbiegen und in die Einsamkeit der Lanschaft hineinrollen, die uns so menschenleer vorkam.

Dörfer oder Ansiedlungen bekamen wir kaum zu Gesicht. Und wenn, dann waren sie weit verstreut, ebenso wie die einsam stehenden Bauernhöfe aus dicken Steinmauern und den windschiefen Ställen, die der Gewalt der Orkane kaum getrotzt hatten.

Wer in dieser Einsamkeit unterrichtete, war zu bedauern. Hier konnte man nichts anders tun, als zu lernen. Abwechslung gab es hier nicht. Die Gegend bestand nur aus Landschaft.

Etwa zehn Meilen vor dem Ziel hielt Suko, der fuhr an und deutete nach vorn.

Wenn wir vom Weg abfuhren, gelangten wir zu einem See. Er lag zwischen den winterlichen Wiesen wie gekräuseltes Blei. Hinter ihm wuchsen mächtige Steinberge in die Höhe, die dort standen wie eine trutzige Wand und ein Landeplatz für Raubvögel waren.

Suko hatte nicht nur den See gemeint, sondern die Anzahl der kleinen Häuser an seinem Ufer. Kühe weideten friedlich neben Schafen. Am Ufer lagen Boote.

»Da willst du hin?«

»Ja, um meinen Hunger zu stillen. Möglicherweise erfahren wir etwas über die Schule.«

»Und den Tengu.«

Suko bewegte die Stirn. »Du bist Optimist.«

»Fahr schon los.«

In Schlangenlinien wand sich der Pfad weiter. Der Rover glich einem schaukelnden Kasten. Er glich die Unebenheiten des Bodens nur sehr mühsam aus.

Die Kinder sahen uns zuerst. Drei von ihnen standen nebeneinander und schauten dem Wagen entgegen. Sie wirkten wie Zwerge. Wir rollten an ihnen vorbei. Ich lächelte den dreien durch die Scheibe zu.

Zwischen Ufer und den Häusern hielten wir an. Ein Mann kam uns entgegen. Er war groß und stark, die hellen Augenbrauen sahen in seinem Gesicht aus wie angeklebt.

»Was wollen Sie?« fragte er zur Begrüßung und redete englisch.

»Vielleicht etwas zu essen.«

»Warum?«

»Wir haben Hunger«, sagte Suko.

Der Mann überlegte. »Sie müßten allerdings zahlen. Wir sind nicht sehr reich.«

»Gern.«

»Kommen Sie mit.«

Wir folgten ihm in eines der Steinhäuser. Der Türbalken war sehr niedrig, so daß wir uns ducken mußten. Ein großer Raum, die Küche, nahm uns auf. Im offenen Steinkamin flackerte ein Feuer. Nahe der Fenster stand ein großer, klobiger, viereckiger Holztisch. An ihm saß eine Frau mit starrem Gesicht und ließ die Perlen eines Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. Ich sah sofort, daß sie geweint hatte, fragte aber nicht nach dem Grund. So unhöflich wollte ich nicht sein.

Auch wir durften uns am Tisch niederlassen. Die Frau schaute nicht auf. Ihre blassen Lippen bewegten sich, als sie die leisen Gebete sprach. Der Mann brachte Brot und Milch.

Ich legte eine Geldnote auf den Tisch, die er verlegen einstrich. Als er mein Lächeln sah, nahm er ebenfalls Platz.

Wir aßen.

Gesprochen wurde nicht. Auch die Frau kümmerte sich nicht um uns. Ihr Haar war bereits grau geworden. Sie hatte es kurz geschnitten. So umrahmte es ihre weiche Gesichtshaut, auf der sich kaum eine Falte zeigte.

Ich nickte dem Mann zu. »Ausgezeichnet«, sagte ich und strich noch etwas von der selbstgemachten Butter auf das Brot. Er hatte den Aufstrich später gebracht.

»Wir ernähren uns selbst.«

»Wovon leben Sie?«

Er hob die Schultern. »Wir bauen etwas Getreide an. Ansonsten vom Fischfang, von den Schafen, den Kühen. Die meisten sind heute gegangen. Sie wollen Sturmschäden beseitigen, ich warte.«

»Zusammen mit Ihrer Frau?« fragte Suko.

»Ja.«

»Es herrscht eine traurige Stimmung in diesem Haus«, sagte der Inspektor behutsam. »Man spürt sie.«

Da der Mann keinen weiteren Grund hinzufügte, hakten wir bei ihm auch nicht nach. Wir aßen weiter und tranken die Milch, die uns beiden gut schmeckte.

Um den Mann aus der Reserve zu locken, bediente ich ihn mit Informationen. »Wir sind auf der Durchreise und wollten eigentlich einen Bekannten besuchen, der hier in der Nähe wohnt.«

»Wen?«

»Er unterrichtete an einer Schule.«

Der Mann zuckte zurück, er wurde blaß und rot zugleich.

Das merkte auch die Betende. »Nicht, Vale, reiß dich zusammen, bitte. Mir zuliebe!«

Hoppla – in welches Fettnäpfchen hatte ich denn da hineingetreten? Ich entschuldigte mich sofort und sagte: »Sorry, aber ich wußte nicht, daß Sie etwas gegen die Schule haben.«

»Teufelswerk!« zischte uns Vale zu, und seine Augen bekamen einen Gletscherblick. »Sie ist Teufelswerk. Der Tod geht dort um, er ist furchtbar.«

»Woher wissen Sie das?«

Vale trat mit dem rechten Fuß auf, der in einem Stiefel steckte. »Ich weiß es.«

»Sie waren schon da?«

»Nein, aber mein Bruder.«

»Dann hat er etwas erzählt?« wollte Suko wissen.

Vale schüttelte den Kopf. »Auch nicht!«

»Woher wissen Sie denn, daß die Schule Teufelswerk ist?« Suko lächelte. »Das sagt man doch nicht so.«

»Nein, das sagt man auch nicht.« Er schaute uns an. Erst Suko, dann mich.

Zumindest ich hatte den Eindruck, als wollte er den Grund unserer Seele ausloten. Er stand so plötzlich auf, daß ich erschrak. »Kommen Sie mit! Kommen Sie!«

»Wo willst du hin?« rief die Frau. »Bitte, Vale, versündige dich nicht, bitte.«

»Laß mich, Judith!« Er sprach den Satz scharf und schaute seine Frau auch so an. In diesem Moment sah er für mich aus wie einer der alten Patriarchen aus der Bibel.

Und biblisch kam es mir in diesem Haus auch vor. Er ging vor uns her, ohne sich noch einmal umzuschauen. Um mit ihm Schritt halten zu können, mußten wir uns beeilen.

Links neben dem Kamin befand sich eine alte Tür in der Wand. Vale zog sie auf, blieb aber auf der Schwelle stehen und drehte sich. »Ich zeige es Ihnen nicht gern, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, um meine Worte deutlich zu machen.«

»Gut.«

»Besitzen Sie eine Lampe?«

Suko holte seine Leuchte hervor.

»Die Treppe ist steil. Ich werde Sie beide in den Keller führen. Ziehen Sie die Köpfe ein, die Decke ist nicht sehr hoch.«

Das merkte ich sogar auf der alten Treppe, als meine Haare die Decke streichelnd berührten.

Der Keller war nichts anderes als ein feuchtes, muffiges Loch, in dem man Rheuma bekommen konnte. Von den Wänden lief Wasser. Vale hatte in diesem unterirdischen Raum Werkzeug und Angelsachen untergebracht, aber keine Lebensmittel, die sehr schnell verschimmelt wären.

Es lagen zwei Räume hier unten. Den zweiten erreichten wir, wenn wir nach links gingen.

Da erwischte mich der Geruch. Auch Suko, der vorging, hatte ihn wahrgenommen. Er blieb stehen und drehte sich herum.

So rochen Leichen …

»Hören Sie, Mr. Vale …«

»Kommen Sie, Mann, kommen Sie!« Er hatte es plötzlich eilig und ging mit eingezogenem Kopf vor.

Sein Gesicht wirkte so hart wie der Stein an den Wänden. Vor unseren Lippen stand sichtbar der Atem.

Dann blieb Vale plötzlich stehen. Auch Suko verhielt seinen Schritt. Ich hielt mich hinter den beiden auf und hörte den schweren Atem meines Freundes.

»Leuchten Sie ruhig hin!«

Ich schob Vale zur Seite und hatte das Gefühl, auf Wolken zu schreiten. Sukos Hand zitterte, auch meine hätte gezittert, denn was dort auf einer alten Holzpritsche lag, war einmal ein Mensch gewesen. Jetzt nicht mehr oder nur zu ahnen.

Ich hörte Vale weinen und dann seine Stimme, die von schluchzenden Lauten unterbrochen wurde. »Es ist mein Bruder…«

***

Wir sagten nichts, weil wir einfach stumm vor Entsetzen waren und nur auf das Bündel schauten.»Tengu, John«, hauchte Suko nach einer Weile. »Das muß der Tengu gewesen sein.«

»Ja, der Tengu, und er hat seine Hände genommen.«

Hinter uns sprach Vale. »Mein Bruder hat an der Schule gearbeitet. Er war so etwas wie ein Hausmeister. Vor zwei Tagen fanden wir ihn im Morgengrauen. Da lag er vor unserer Haustür. So wie Sie ihn sehen. Deshalb sage ich, daß die Schule Teufelswerk ist, und nichts anderes.«

So gesehen hatte er recht, er kannte die wahren Zusammenhänge nicht, die auch wir noch nicht überblickten. Ich drehte mich sehr langsam um und legte ihm meine Hand auf die Schulter. »Kommen Sie, Mr. Vale.«

Ich mußte ihn zurückschieben, denn er weinte noch immer und wollte stehenbleiben.

»Es tut gut, daß Sie uns eingeweiht haben.«

Vale ballte eine Hand zur Faust. »Ein Monster, der Teufel ist gekommen. Er hat getötet. Die anderen sind weggelaufen. Sie beseitigten die Sturmschäden nicht, sie rannten einfach weg, aber ich muß meinen Bruder begraben, auch wenn es noch so schlimm ist, Mister.«

In der feuchten Grabatmosphäre des Kellers wirkten seine Worte noch schlimmer auf uns.

»Wir sind gekommen, um diesen Mörder zu stellen, Vale«, sagte ich leise. »Haben Sie verstanden?«

Er nickte.

»Und wir sind Polizisten«, erklärte Suko. »Der Täter hat auch in London seine Spuren hinterlassen.«

»Wer ist es denn?«

Suko nickte mir zu, weil er sich vor der Antwort drücken wollte. »Wir wissen es nicht genau.«

»Doch der Teufel?«

»Fast.«

Vale griff in die Tasche und gab mir mein Geld zurück. Er drängte es mir auf. »Ich kann es nicht mehr behalten. Ich kann kein Geld von dem Mann nehmen, der mir helfen will.«

»Lassen Sie uns nach oben gehen und dort weiterreden.«

Judith saß noch an der gleichen Stelle. Bis auf das Klicken der Rosenkranzperlen war es still im Raum. Sie schaute uns entgegen, und Vale nickte ihr zu.

»Die beiden sind Freunde, sie haben es gesehen. Sie sind gekommen, um den Mörder zu finden.«

»Das schaffen Sie nicht.«

»Abwarten.«

Judith ließ den Rosenkranz sinken. Nahezu vorsichtig und fast lautlos setzten wir uns wieder hin. Es war klar, daß wir Fragen hatten, das sagte ich Vale auch, der nur die Schultern hob.

Ich schaute in meine Tasse. Sie war noch halb mit Milch gefüllt. Auf der Oberfläche lag ein dünnes Tuch aus Schmand. Es kam mir symbolisch vor, denn auch wir würden Tücher oder Vorhänge zur Seite ziehen müssen, um die Wahrheit zu erfahren.

»Wir benötigen mehr Informationen über die Schule, Vale.«

»Ich weiß nichts, ich war nie da.«

»Aber Ihr Bruder«, sagte Suko.

»Ja. Er kam auch immer wieder zurück, weil er hier schlief, aber er hat nicht viel gesprochen.«

»Haben Sie ihn nie gefragt?«

Vale legte seine zitternden Hände zusammen. »Doch – es war nicht seine Welt.«

»Hat er wirklich nichts erzählt?«

»Er hatte Angst!« Judith sprach die Worte und ließ dabei ihren Rosenkranz sinken.

Ich nickte ihr zögernd zu. »Aber Sie wußten mehr …«

Judith wollte noch nicht reden. Sie schaute auf die Tischplatte. Dann drang es sehr leise aus ihrem Mund. »Er sagte immer, daß er den Teufel gesehen hätte.«

»Das meinte ich!« wisperte Vale. »Der Teufel lebt in der Schule. Da sind nur Fremde, bis auf wenige Ausnahmen. Wir hörten, daß ein großer Konzern die Schule kaufte.«

»Stimmt, er läßt dort seine Mitarbeiter ausbilden und schulen. Das ist bekannt.«

»Worin?«

»Ich weiß es nicht genau.«

»Der Teufel!« sprach die Frau wieder. »Er muß den Teufel gesehen haben. Er hat ihn mir sogar beschrieben.«

»Wann und wo?« fragte ich.

»Du weißt nichts davon, Vale. Einen Tag vor seinem Tod kam er zu mir. Es war schon dunkel. Ich stand in der Küche und löschte das Feuer. Da weinte er, als er den Raum betrat. Er weinte vor Angst und Schrecken, denn er hatte ihn gesehen.«

»Konnte er ihn beschreiben?«

Judith hob den Kopf. Aus wäßrigen Augen schaute sie uns an. »Ja, er hat ihn beschrieben.«

»Wie?«

Als ich keine Antwort bekam, fragte Suko. »Bocksfüßig mit einem dreieckigen Schädel, feurigen Augen und …?«

»Nein, so nicht.«

»Wie dann, Judith?«

Die Frau senkte den Kopf. »Es ist anders. Er hatte den Körper eines Menschen, dunkel …«

»Ein Neger?«

»Nein, schwarz, bis auf die Arme.«

Wir wußten endgültig Bescheid. Der jetzt Tote hatte den Tengu als Teufel angesehen. »Und wie ging es weiter?« erkundigte sich Suko. »Hat er noch mehr über ihn berichtet?«

»Überhaupt nicht. Er konnte es ja nicht. Es war ganz anders. Er hatte schreckliche Furcht. Er wollte nur noch einmal hin, um zu sagen, daß er nicht mehr kommen würde. Als er den Teufel sah, war das für ihn so etwas wie ein Todesurteil.«

»Und der lebte in der Schule?«

Judith nickte nur.

»Ein besseres Versteck hätte sich der verdammte Tengu nicht aussuchen können«, flüsterte Suko mir zu. »Das ist grauenhaft. Wenn ich daran denke, daß sich zahlreiche Personen in der Schule befinden, die eine leichte Beute für ihn sein werden.«

»Aber nicht sein müssen«, sagte ich dagegen. »Wer auf der Seite der Tengus steht, denen werden sie nichts tun.«

»Das kann sein.«

Vale ergriff wieder das Wort. »Von wem reden Sie? Tengu – ist er das? Heißt der Teufel so?«

»Ja, das ist sein Name.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Das macht auch nichts, Mr. Vale. Ich hoffe zudem für Sie, daß Sie ihn nie kennenlernen werden. Wir aber müssen uns um ihn kümmern. Er ist ein Mörder, er muß gestoppt werden.« Ich schrak etwas zusammen, weil außen am Fenster ein Schatten vorbeigehuscht war.

Auch Suko hatte ihn bemerkt und stand auf.

»Was haben Sie?« fragte Vale.

»Draußen war ein Schatten.«

Der Mann furchte die Brauen. »Wir … wir sind allein zurückgeblieben, hoffe ich doch.«

»Ich sehe nach«, erklärte Suko. Er saß der Tür am nächsten und hatte den ersten Schritt zurückgelegt, als der Schatten plötzlich erschien. Von außen rammte er die Tür auf und huschte in den Raum.

Es war nicht der Tengu, wie wir ihn kannten, doch er mußte es trotzdem sein.

Ein gewaltiger Vogel mit pechschwarzem Gefieder und glühenden Augen wuchtete auf uns zu…

***

War der Tengu nicht ursprünglich ein großer Vogel gewesen? Ja, so hatte es uns Mr. Isanga berichtet, und ein gewaltiger Vogel, eine Mischung aus Adler und Geier, hatte den Raum in Besitz genommen, als wollte er die Zeugen töten.Er flatterte auf Vale zu.

Der Mann schrie auf, als sein Sichtfeld von dem pechschwarzen Körper eingenommen wurde.

Der Schnabel war gekrümmt wie ein türkischer Dolch und scharf wie die Spitze eines Messers.

Brutal hackte er in das Gesicht des Mannes.

Die blutende Wunde war nicht zu übersehen. Haut klemmte zwischen den beiden Schnabelhälften, als Suko furchtbar zuschlug. Er hatte die Handkante gegen den Vogel eingesetzt. Federn wirbelten durch die Luft. Wir hörten etwas knacken. Das Tier wurde aus seinem Angriffsschwung gerissen, es flatterte zurück, rutschte zu Boden, kam wieder hoch und kassierte einen mächtigen Tritt, der es bis an die Tür schaffte.

Ich sprang auf den Vogel zu, der noch im Liegen nach mir hackte, den Tritt gegen den Kopf bekam, sich auf den Boden herumwarf und seine Schwingen dabei einsetzte.

Eine erwischte mich an der Wade und schleuderte mich zur Seite, so daß ich mich nur mühsam auf den Beinen halten konnte. Im nächsten Augenblick verließ er das Haus.

Suko rannte zur Tür, diesmal mit der Beretta in der Hand, aber das Tier war bereits aus seinem Sichtfeld verschwunden und hatte irgendwo Deckung gefunden.

Mit müde wirkenden Schritten kehrte der Inspektor zurück, schaute mich an und sah, daß ich meine Wade rieb. »Der hat Schwingen wie Eisen!« schimpfte ich.

Judith kümmerte sich um ihren Mann. Sie wusch die lange Wunde an der Wange aus. Vale stöhnte leise, denn der Schnabel hatte ihm Fleisch weggerissen.

»Nicht nur einen Teufel!« flüsterte er. »Es gibt nicht nur einen Teufel. Es sind viele.«

»Haben Sie ihn zum erstenmal gesehen?«

»Ja.« Dann schrie er auf, weil Judith bei der Behandlung etwas zu rauh vorgegangen war. Vielleicht lag es auch an der Kräuterpaste, die sie auf die Wunde schmierte.

»War es der gleiche?« fragte ich meinen Freund. »Sind der Ledermann und der Vogel identisch?«

»Keine Ahnung, John.«

Auch ich konnte keine genaue Antwort geben. Für uns jedenfalls stand fest, daß unser Besuch doch nicht so einfach und inkognito verlaufen würde wie geplant.

Zudem machte ich mir Vorwürfe, daß wir das Ehepaar einer weiteren Gefahr ausgesetzt hatten. »Es ist besser wenn wir Sie verlassen«, sprach ich Judith an.

»Sie wollen wirklich gehen?«

»Ja.«

»Auch in die Schule?«

»Sicher.«

Ich sah, wie sie schluckte und dabei ihre Augenbrauen bewegte. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Furcht ab. »Das … das kann ich nicht verstehen. Wissen Sie denn nicht, daß man als Mensch nicht gegen den Teufel oder die Mächte des Bösen ankommen kann?«

Ich hob die Schultern. Während meiner Antwort schaute ich in ihr ängstliches Gesicht. »Wir kennen das Problem. Gegen den Teufel, die Hölle und gegen die Mächte des Bösen kämpfen wir bereits seit Jahren. Bisher hat keiner von uns gewonnen.«

»Haben Sie ihn schon gesehen?«

»Ja.«

Judith schauderte und schlug ein Kreuzzeichen. Die Wunde des Mannes zierte nach der Behandlung ein Pflaster. »Töten Sie ihn!« sagte er mit rauher Stimme, hatte die rechte Hand zur Faust geballt und schlug damit auf den Tisch. »Töten Sie ihn. Ich bitte Sie!«

»Wir werden schon die richtige Lösung finden.«

»Geben Sie uns dann Bescheid?« fragte Judith. »Wir würden die anderen dann zurückholen.«

»Natürlich.«

Da hörten wir die Schreie. Es war schlimm, obwohl kein Mensch geschrien hatte, sondern ein Tier. Eine Mischung aus Blöken und sehr hohen schrillen Tönen.

»Was ist das?«

»Schafe!« antwortete Vale und wollte hoch.

»Bleiben Sie sitzen.« Ich drückte ihm die Hand auf die Schulter. Suko war schon an der Tür. Draußen holte ich ihn ein, er wollte nach rechts wegrennen, als wir beide den Schatten sahen, der sich in die Luft schraubte.

Es war der schwarze Vogel. Und wie grausam er sein konnte, sahen wir in diesen Augenblick. Zwischen seinem Schnabel klemmte ein blutiges Stück Fleisch …

Er hatte es aus dem Körper eines Schafes gerissen, wie wir wenig später sahen, als wir den Zaun einer kleinen Weidefläche hinter den Ställen überklettert hatten.

Zwei blutüberströmte, tote Schafe lagen auf dem braungrünen Wintergras. Die anderen hatten sich in einer Ecke dicht zusammengedrängt, wo auch ein großer struppiger Hund bei ihnen stand, denn auch dieses Tier spürte die Furcht.

»Meine Güte«, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. »Da fehlen mir die Worte.«

»Der Tengu, John!« Suko sprach sehr leise. »Es drehte sich einzig und allein um ihn.«

»Das glaube ich auch.«

Ich drehte mich um und verließ mit weichen Knien den Ort des Sterbens. Vale kam mir entgegen. Als er mein Nicken sah, fragte er leise: »Waren es die Schafe?«

»Zwei hat er getötet.«

Der Mann senkte den Kopf. Er war nicht mehr dazu in der Lage, einen Kommentar abzugeben. Die Hände bewegten sich unruhig, seine Wangen zuckten.

Auch Judith kam. Sie hörte von uns, was geschehen war und blieb eisern stehen. »Wir sind verflucht«, sagte sie leise. »Der Herrgott hat uns dazu ausersehen, verflucht zu sein. Wir werden die Bürde tragen müssen, immer wieder.«

Ihr Mann drehte sich um. Er bedachte uns mit keinem Blick mehr. Dafür legte er einen Arm um die Taille seiner Frau und führte sie zurück in das alte Steinhaus.

»Hoffentlich hat sie mit ihrer letzten Bemerkung noch recht gehabt«, sagte Suko.

»Verflucht sein?«

»So ist es.«

Ich hob die Schultern. »Daran glaube ich nicht. Es kann eine Kette von unglücklichen Zufällen sein.« Dann schaute ich gegen den Himmel, wo die Wolken als graue Schicht lagen. Von einem großen schwarzen Vogel sah ich nichts mehr.

»Fahren wir?« fragte Suko.

Ich war bereits auf dem Weg zum Rover, stieg ein und nahm hinter dem Lenkrad Platz. »Weißt du, Suko, was ich mich frage?«

»Bestimmt nicht.«

»Ob wir lebend die verdammte Schule oder das alte Schloß verlassen werden.«

»Das ist in der Tat ein Problem.«

Ich startete und sah nicht, wie das Ehepaar uns durch eines der Fenster nachschaute. Judith bewegte ihre Lippen, sehr leise betete sie für die beiden Fremden…

***

Wir brauchten uns die Strecke nicht mehr anzusehen, die Crawford aufgezeichnet hatte, der Weg war leicht zu finden. Auf einer Hügelkuppe angelangt, sahen wir bereits die wuchtigen Mauern des alten Schlosses, das ebenfalls auf gleicher Höhe lag, einen hohen Turm besaß, auf dem die japanische Fahne wehte.Die unmittelbare Umgebung des Schlosses wurde von einem Parkplatz benutzt, auf dem zahlreiche Fahrzeuge standen. Alles sah so völlig harmlos und normal aus.

Unser Weg blieb auf gleicher Höhe. Durch eine Wiesenlandschaft rollten wir dem Gemäuer entgegen, dessen Grundstück frei zugänglich war. Jeder Besucher konnte auf das große Portal zugehen.

Wir taten es ebenfalls, erkannten dabei die Technik, denn eine schräg stehende und in der Wand installierte Kamera glotzte nach unten. Sie nahm jeden Besucher auf. Ich hatte einen roten Knopf gedrückt und vernahm aus den Rillen eines Lautsprechers die Frage. »Ja bitte?«

»Wir sind mit Mr. Crawford verabredet.«

»Wen darf ich melden?«

Brav sagte ich die beiden Namen auf.

»Einen Augenblick bitte. Ich werde Dr. Crawford fragen.«

Wir warteten eine halbe Minute, bis das Summen erklang und wir die Tür aufdrücken konnten.

Eine große Halle nahm uns auf. Sie wirkte überhaupt nicht technisiert, denn wer relaxen wollte, der konnte dies in den weichen Sesseln aus Leder tun.

Musik empfing uns. Ich horchte kurz hin und erkannte Mozart als Komponisten.

Eine junge Frau kam uns entgegen, eine Japanerin. Weiße Bluse, schwarzer Rock, halblanges Haar und eine Brille mit dunklem Gestell.

So stellte man sich eine Dame vor, die als Chefsekretärin fungierte.

Die lächelnden, roten Lippen wirkten in ihrem Gesicht wie nachträglich eingezeichnet. Selbst das warme Licht der Beleuchtung konnte die Strenge nicht verscheuchen.

»Ich habe Dr. Crawford Bescheid gegeben, daß Sie eingetroffen sind. Er bittet Sie um Geduld.«

»Kommt er denn?«

»Bestimmt. Wenn Sie inzwischen Platz nehmen wollen. Kann ich Ihnen einen Tee anbieten?«

»Danke, nichts.«

Wir setzten uns so hin, daß wir die Tür und auch die gläserne Loge, wo der Aufpasser vor dem Monitor hockte, im Auge behalten konnten. So harrten wir der Dinge, die da kommen oder auch nicht kommen sollten. Man würde sehen.

Die junge Dame verschwand im Hintergrund. Dort tippte sie auf einer Maschine, die sehr leise arbeitete und schallgedämpft sein mußte.

»Ich hoffe nicht, daß er Schwierigkeiten bekommen hat«, murmelte Suko.

»Abwarten.«

Vorläufig tat sich nichts. Wir warteten, schauten gegen die mit Holz verkleidete Decke und hatten eigentlich nicht den Eindruck, in einer alten Schloßhalle zu hocken. Dafür hatte man sie so gut renoviert. Sie wies deutlich Spuren eines modernen Designs auf.

Zu den oberen Etagen führte eine breite Treppe hoch. Die Tür eines Aufzugs sah ich nicht. Es war auch nicht zu hören, daß unterrichtet wurde. Eine schon beklemmende Stille hatte sich ausgebreitet. Wenn jemand anrief und das Gespräch vom Portier in der Loge entgegengenommen wurde, war nicht mehr als ein Summen zu hören.

Als Belastung empfand ich die Stille zwar nicht, doch die Musik von Mozart hätte meinen Ohren gutgetan. Leider war sie abgestellt worden.

Suko nahm den Gesprächsfaden wieder auf. »Ich frage mich, ob das hier die richtige Umgebung für einen Tengu ist.«

»Der braucht ja nicht in der Halle zu hocken. Schlösser besitzen Keller. Ich könnte mir vorstellen, daß es dort ein nettes Plätzchen auch für ihn gibt.«

»Und wer ist sein Chef?«

»Das möchte ich auch gern wissen.«

Gehört hatten wir Winston Crawford nicht. Er mußte die Treppe lautlos herabgekommen sein. Es wirkte auf mich in seinem dunkelblauen Anzug wie verkleidet. Blütenweiß war das Hemd, die Krawatte zeigte ein dezentes Muster.

»Meine Berufskleidung«, erklärte er uns, weil wir so erstaunt blickten. »Man legt hier eben Wert darauf.«

»Bleiben wir hier?« fragte ich.

»Nein, lassen Sie uns in mein Zimmer gehen.«

»Und Sie können Ihre Schüler allein lassen?«

Crawford lächelte schmal. Er sah noch immer sehr alt und geschafft aus. »Erstens sind meine Schüler erwachsen, und zweitens habe ich ihnen eine Aufgabe zur Lösung gegeben, die nicht einfach ist. So können wir uns unterhalten.«

»Wie hat man Sie aufgenommen?«

Er schaute mich an. »Ich habe den Eindruck, als wüßte jeder Bescheid. Das können wir in meinem Büro bereden, Gentlemen. Ich werde nicht abgehört. Entsprechende Schutzmaßnahmen habe ich selbst eingeleitet.«

»Ist das denn hier so üblich?«

Er lächelte säuerlich. »Man muß einfach mit allem rechnen.«

Die Stufen der Treppe waren breit, das Geländer ebenfalls. Ich konnte es nicht mit einer Faust umschließen. Ein Teppich schluckte das Geräusch unserer Schritte. Über uns zeigte die Decke einen warmen Beigeton, der auch blieb, als wir im zweiten Stockwerk einen breiten Gang betraten, der nicht außen entlanglief, sondern das Schloß praktisch in der Mitte teilte und ein Innenschlauch war.

»Und wo genau unterrichten Sie?« erkundigte sich Suko.

»Eine Etage tiefer. Dort sind die Klassenräume. Sie verteilen sich durch die entsprechenden Umbauten über die gesamte Fläche des Schlosses. Wir sind hochmodern eingerichtet. Allein unsere Computeranlagen sind ein Fest für entsprechende Freaks.«

»Gibt es sonst noch etwas außergewöhnliches hier?«

»Sicher.« Crawford nickte zweimal. »Fitneßräume im Keller. Sauna, Solarium, einen großen Pool. Man hat an alles gedacht. Allerdings habe ich mich dort unten noch nicht aufgehalten. Ich habe immer das Gefühl, als Europäer unter den Japanern zu stören.«

»Die anderen Lehrkräfte stammen aus Japan?«

»Sicher.«

Er ließ uns eintreten. Ich wollte wissen, ob die Schule auch einen Direktor besaß.

»Es ist ein Japaner, der sich sehr zurückhält. Manche nennen ihn den Schatten, nie richtig zu sehen, aber überall vorhanden. Er nimmt die Prüfungen ab.«

»Die entsprechend schwer sind.«

»Daraufhin können Sie sich verlassen, Mr. Sinclair. Wer diese Schule verläßt, ist fit für die Praxis. Den haut im Geschäftsleben nichts so leicht von den Beinen.«

Hier konnte man es aushalten. Das Fenster war sehr groß und auch breit. Man hatte es nachträglich eingebaut. Ein Schreibtisch, Sessel, ein Bett, die schmale Tür, die ins Bad führte, eine Hi-Fi-Anlage, natürlich der TV-Apparat nebst Video, das alles sah mir nach einem Luxushotel aus. Die Bar bestand aus einem Gestell aus Chrom und Glas. Vier blanke Stangen hielten eine rechteckige Schale, die mit Flaschen gut sortiert war.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«

»Nein, für mich nicht«, sagte Suko.

Ich nahm einen Saft.

Den holte Crawford aus dem Kühlschrank. Der war in die hölzerne Wandverkleidung eingebaut worden. »Wenn Sie sich darüber wundern sollten, daß ich so ruhig bin, muß ich Ihnen sagen, daß ich Tabletten genommen habe. Sonst hätte ich es nicht ausgehalten.«

»Valium ist auch keine Lösung«, meinte Suko.

Crawford reichte mir das Glas. »Für mich in diesem Fall ist es das, Inspektor.

Ich trank das kalte Wasser. Suko stand am Fenster. Er erkundigte sich nach den Plänen des Wissenschaftlers.

»Ich habe keine, sorry.«

»Aber Sie müssen sich doch vorgestellt haben, wie es weitergehen soll, Mr. Crawford.«

»Nein, ich wollte warten, bis Sie hier sind. Sie glauben nicht, mit welch einem Gefühl ich in diese Schule gegangen bin. Das war einfach furchtbar. Mir zitterten die Knie, obwohl ich Valium genommen habe. Ich … ich hatte den Eindruck, daß jeder meiner Schüler Bescheid wußte.«

Suko fuhr herum. »Kann das denn sein? Ist es möglich, daß Ihre Schüler über den Tengu und dessen Magie informiert sind? Haben sie dieses immense Wissen?«

Crawford rang die Hände. »Es tut mir schrecklich leid, aber ich habe nicht danach gefragt. Hätten Sie sich etwa getraut?«

»Weiß nicht.«

Ich stellte das Glas ab und wollte wissen, wie der weitere Unterrichtstag aussah.

»Nicht unnormal. Die Stunden sind eigentlich vorbei. Wir haben eine lange Pause angesetzt, damit sich die Männer erholen können. Später dann, am Nachmittag, werden die Schüler auf ihre Zimmer gehen und die gestellten Aufgaben lösen. Nach dem Abendessen sprechen wir sie durch. Dann ist Freizeit oder Bettruhe.«

»Wo verbringen die Leute ihre Pausen?« fragte ich.

»Nicht in ihren Zimmern. Der Konzern will die Gemeinschaft nicht zerreißen, deshalb haben wir für die Pausen die Fitneß- oder Ruheräume ausgewählt.«

»Auch den Pool?« fragte Suko.

»Natürlich. Aber Sie müssen sich das nicht wie eine europäische Pause vorstellen, Inspektor. Wir nennen es hier die Meditationsphase. Man redet so gut wie nicht miteinander, weil man sich eben verinnerlichen und neue Kräfte schöpfen will.«

»Okay«, murmelte ich und nickte. »Wissen Sie eigentlich, daß der Tengu ein weiteres Opfer auf dem Gewissen hat, falls man bei ihm von einem Gewissen sprechen kann.«

»Nein, wen?«

»Einen Mann, der hier im Schloß angestellt war.«

»Japaner? Ein Lehrer?«

»Nein, ein Europäer. Er hatte die Funktion des Hausmeisters übernommen.«

Der Mann biß auf seine kräftige Unterlippe. »Ja, den kenne ich natürlich. Er hieß Reddy.« Crawford schluckte. »Und ihn soll der Tengu getötet haben?«

»So ist es.«

»Aber wieso?« rief Crawford laut.

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