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John Sinclair - Folge 2005

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Im Reich der gequälten Seelen
  4. Leserseite
  5. Vorschau

Im Reich der gequälten Seelen

von Eric Wolfe und Madeleine Puljic

Bill Sanders kauerte in der Ecke seiner Isolationszelle. Dennoch war er nicht allein, denn die Toten umgaben ihn. Sie wisperten in der Dunkelheit, tasteten nach ihm. Ihr Stöhnen klang näher in dieser Nacht. Bald würden sie ihn holen.

Bill presste die Handflächen an die Ohren. »Es ist nur in meinem Kopf«, flüsterte er. »Eine Halluzination, mehr nicht.«

Beinahe glaubte er es selbst. Doch dann legten sich ihm knochige Hände auf die Schultern und krallten ihre Finger in sein Fleisch. Sanders brüllte. Die Toten kümmerte das nicht. Unerbittlich zogen sie ihn mit sich fort …

»John! Hörst du mir zu?«

Sukos Stimme riss mich aus den Gedanken. Ich sah zu meinem Freund und Partner, der sich vor dem Schreibtisch aufgebaut hatte, eine Hand in die Hüften gestemmt, in der anderen einen Plastikbecher. Er musterte mich eindringlich.

»Entschuldige«, antwortete ich. »Was hast du gesagt?«

»Ich habe gesagt, die Berichte schreiben sich nicht von selbst«, wiederholte er. »Du bist an der Reihe damit.«

Ich verzog das Gesicht. Es gab Tage, da wünschte ich mir, mein Job bestünde aus vorhersehbaren, routinemäßigen Arbeitstagen. Mit pünktlichem Dienstschluss und ohne die Gefahr, jeden Moment von Dämonen, Geistern oder sonstigen unbequemen Zeitgenossen angegriffen zu werden. Und dann gab es diese Tage, die vorhersehbar, routinemäßig und ohne unbequeme Zeitgenossen waren – und die mich daran erinnerten, weshalb ich den Außeneinsatz bevorzugte. Berichte schreiben war einer der Gründe dafür.

Außerdem: Das letzte Mal, als ich mich mit solchen Gedanken herumgeschlagen hatte, war ich nur kurz darauf in die Vergangenheit versetzt worden und hatte im London des Pestzeitalters um mein Leben kämpfen müssen.

Suko ließ sich von meinem Mangel an Begeisterung nicht beirren und wedelte mir mit seinen Notizen vor der Nase herum. Ich riss sie ihm aus der Hand. »Schon gut, ich weiß ja. Wir wollen Sir James schließlich nicht warten lassen.«

»Richtig.« Suko grinste, wurde aber gleich darauf wieder ernst. »Was hältst du davon, wenn ich mich inzwischen hinter den Computer klemme und ein wenig über unseren verblichenen Freund Doktor Newton recherchiere?«

Unwillkürlich glitt mein Blick zu der offenen Tür, durch die ich Glenda Perkins’ Schreibtisch sehen konnte. Mehr als eine Woche war es her, seit unsere Sekretärin direkt von meinem Krankenbett verschwunden war.1) Seither – nichts.

Die Sorge um sie überschattete unsere Tage. Das Schlimmste daran war, dass wir absolut nichts tun konnten, um sie zu finden und ihr beizustehen. Und die Rolle des unbeteiligten Zuschauers behagte mir gar nicht.

»John.« Sukos Stimme klang ernst. »Du weißt, dass niemand sie hätte festhalten können.«

»Natürlich weiß ich das.« Aber das war kein Trost, wenn man ihre Hand gehalten hatte, während sie sich in Luft auflöste. Und das ausgerechnet, als sie dachte, sie wäre ihre Teleportationsgabe endlich losgeworden – die Nebenwirkung des verfluchten Serums, das Dr. Phil Newton ihr injiziert hatte.2)

Stattdessen ging es nun von vorne los. Die Ungewissheit, das bange Warten … Glenda konnte überall sein, sogar in einer anderen Dimension, und wir konnten nichts tun, um ihr beizustehen. Ich hatte versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen. Die Leitung war entweder tot, krachte und knackte oder eine neutrale Stimme erklärte, dass der gewünschte Teilnehmer derzeit leider nicht erreichbar war. Überall hatten wir nach ihr gesucht: in ihrer Wohnung, bei Freunden, in Kellern, auf Dachböden. Wir hatten sogar eine Fahndung nach ihr herausgegeben. Ergebnislos.

Inzwischen war ich mit meiner Weisheit am Ende. Manchmal war das Leben eben Mist.

»Newton ist seit Jahren tot«, brummte ich. »Das schließt irgendwie aus, dass er diesmal seine Finger im Spiel hat, findest du nicht? Was willst du da noch groß über ihn recherchieren?«

Mein aus der Verzweiflung geborener Spott prallte an Suko ab. Er zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Jedenfalls es ist besser, als nichts zu tun.«

Ich seufzte. »Du hast ja recht.«

Schaden konnte es jedenfalls nicht. Wir hatten Newtons Hintergrund damals und auch seither nie richtig überprüft. Wir dachten, Glenda hätte ihre Gabe unter Kontrolle. Die Vorteile des Serums überwogen die kleinen Unannehmlichkeiten, und Newton stellte keine Gefahr mehr dar. Wie auch der Hypnotiseur Saladin, der den Wissenschaftler erst dazu gebracht hatte, Glenda das Mittel zu spritzen. Es war nicht notwendig gewesen, die Sache weiterzuverfolgen – vor allem, da es ständig akutere Probleme gab, die der Lösung bedurften.

Die Möglichkeit, dass es bloß ein weiterer Aspekt des alten Falls war, der sich bestenfalls durch ein bisschen Schreibtischarbeit lösen ließ, gefiel mir jedenfalls besser als der Gedanke, dass Glenda erneut zum Spielball dunkler Mächte geworden war.

»Sieh zu, was du herausfindest«, sagte ich deshalb zu Suko. »Vielleicht haben wir tatsächlich etwas übersehen, das uns hilft, sie aufzuspüren.«

Und wir würden sie wiederfinden! Selbst wenn es einen Besuch in der Hölle erforderte – wieder einmal. Dass unsere treue Assistentin verloren sein könnte, würde ich nicht akzeptieren. Niemals! Und schon gar nicht, nachdem wir Sheila Conollys Tod und das Verschwinden ihres Sohnes, meines Patenkinds, noch zu verarbeiten hatten.

Ich war bereit, alles zu tun, um Glenda zurückzubekommen. Schließlich ging es hier um mein Team, um meine Freunde, und auf gewisse Weise war ich für diese Leute verantwortlich.

Suko nickte. »Gut.« Er wandte sich um, machte jedoch noch einmal kehrt. »Ganz vergessen. Den hier habe ich dir mitgebracht.« Er stellte den Becher, den er in der Hand gehalten hatte, vor mir auf den Tisch. »Damit du beim Berichteschreiben nicht einschläfst.«

Ich seufzte. »Davon hättest du schon eine ganze Kanne mitbringen müssen und nicht bloß eine Tasse.« Ich nahm einen kräftigen Schluck. Ich hätte ihn beinahe wieder ausgespuckt. »Was, zum Teufel, ist das denn?«

»Kaffee.«

Ich schob das widerliche Gebräu von mir. »Wenn du das Kaffee nennst, ist es kein Wunder, dass du Teetrinker bleibst.« Ja, Glenda ging mir in mehr als einer Hinsicht ab.

»John …«, wisperte es.

Ich fuhr hoch und warf beinahe den Kaffeebecher um.

Die Stimme war aus dem Zimmer nebenan gekommen. Aus dem Büro unserer Sekretärin. Kaum mehr als ein müdes Krächzen, aber dennoch unverkennbar.

»Glenda!«, rief ich.

Auch Suko hatte es gehört. Gemeinsam stürzten wir durch die Tür, wo uns eine völlig entkräftete Glenda Perkins entgegenstolperte. Ich fing sie auf, ehe sie zu Boden sank. Sie zitterte am gesamten Leib und klammerte sich an mich wie eine Ertrinkende.

»Oh Gott, John …«, schluchzte sie.

»Schhh, ist ja gut, du bist wieder zu Hause.« Wenn man das Yard-Building so nennen wollte. Ich strich ihr tröstend über das verfilzte Haar. »Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen?«

Glenda schüttelte stumm den Kopf. Offensichtlich stand sie unter Schock. Ich führte sie zu einem Besuchersessel und ließ sie darauf Platz nehmen.

Sie sah wirklich mitgenommen aus. Ihre Kleidung war zerrissen und verdreckt. Tiefe, blutige Kratzer zeichneten sich auf ihren Unterarmen ab.

Ich warf Suko einen Blick zu. Er verstand und eilte zum Verbandskasten.

Währenddessen streichelte ich weiter beruhigend Glendas Hände. »Was ist geschehen?«

Wieder schüttelte sie den Kopf, und ich dachte schon, sie würde auch diesmal nicht antworten. Doch dann holte sie stockend Luft. »Ich … Ich weiß es nicht.« Sie wischte sich mit einer müden Geste übers Gesicht und verschmierte den Dreck dabei noch mehr. »Ich war bei dir im Krankenhaus. Wir haben geredet, und dann …« Sie sah sich um. »Dann war ich auf einmal hier.«

Überrascht riss ich die Augen auf. »Im Krankenhaus? Das war vor einer Woche!« Erst jetzt fiel mir auf, dass sie dieselben Kleider trug wie bei ihrem Verschwinden. Na ja, was davon noch übrig war.

»Nein, ganz bestimmt nicht«, widersprach sie. »Ich war gerade eben noch dort!«

War sie etwa unbeabsichtigt in der Zeit gesprungen? Oder genauer gesagt: in die Zukunft? Aber das allein konnte unmöglich der Grund für ihre Verletzungen sein. »Und was hat dich dann so zugerichtet?«

Glenda sah mich verwirrt an. Da erst schien sie sich ihres Zustands bewusst zu werden. Als ihr Blick auf die Kratzwunden an den Armen fiel, schrie sie entsetzt auf.

»Wo warst du zwischen dem Krankenhaus und jetzt?«, drängte ich. »Wer hat dir das angetan?«

»Ich weiß es nicht!« Glendas Stimme bebte, drohte zu kippen. »Ich erinnere mich nicht! Aber es war schrecklich, John. So schrecklich …«

Was auch immer sie erlebt hatte, es war zu viel für sie. Mit einem weiteren Aufschluchzen schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

***

Wenig später saßen wir in Sukos Wohnzimmer. Shao hatte Glenda unter ihre Fittiche genommen, und nach einer heißen Dusche und einem kräftigen Tee wirkte unsere Sekretärin beinahe wieder wie früher. Sah man von den Verbänden ab, die ihre Unterarme umschlangen.

»Ich kann es nicht glauben, dass ich eine Woche lang weg gewesen sein soll«, murmelte sie.

»Wichtig ist, dass du wieder da bist. Du musst erst einmal zu Kräften kommen«, sagte Shao und warf uns einen mahnenden Blick zu. »Für Erklärungen ist später Zeit.«

Diese Meinung teilte ich zwar nicht, ich sah jedoch ein, dass man der armen Glenda im Augenblick nicht mehr zumuten konnte. Sie stand unter Schock. Wenn ihre Erinnerungen zurückkamen, würde sie uns daran teilhaben lassen. Falls sie zurückkamen.

Denn inzwischen hatte ich einen weiteren Verdacht: Metatron.

Der gefallene Engel war es gewesen, der die Reste von Newtons Serum in Glenda reaktiviert hatte. Angeblich, um mich aus der Vergangenheit zu holen, wo ich etwas für ihn erledigt hatte, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Bis dahin hatte Glenda ihre Reisen größtenteils unbeschadet überstanden. Doch kaum griff diese zwielichtige Gestalt Metatron ein, brach das Chaos los. Das konnte doch kein Zufall sein. Hatte er mehr getan, als wir ahnten?

Oder hatte es damit zu tun, dass die Urdämonin Lilith bei einem von Glendas letzten Beam-Einsätzen Besitz von ihr ergriffen hatte?

Mit einem mulmigen Gefühl drückte ich ihr mein Silberkreuz in die Hand. Ohne zu zögern, nahm sie es entgegen. Sie gehörte lange genug zu uns, um zu wissen, dass wir Gewissheit brauchten. Zumindest im Rahmen des Möglichen.

Das Kruzifix zeigte keinerlei Reaktion. Immerhin etwas. Allzu große Erleichterung erlaubte ich mir deshalb aber nicht.

Ich ließ die anderen an meinen Gedanken hinsichtlich Metatron oder Lilith teilhaben.

»Dieses verfluchte Serum!«, rief Glenda. »Irgendeine Heilung muss es doch geben! Ich weiß, dass ich oft helfen konnte durch meine Gabe, aber wenn sie jetzt außer Kontrolle gerät …« Sie sah mich flehend an. »Stellt euch nur vor, was alles passieren kann. Vielleicht materialisiere ich beim nächsten Mal auf einer belebten Straße oder mitten im Ozean. Oder im Weltall.«

»Wenn es überhaupt ein nächstes Mal gibt«, sagte ich. »Vielleicht hast du ja nur ein letztes Aufbäumen des Serums erlebt.«

»Glaubst du das wirklich?«, fragte Suko.

»Nein«, gab ich zu. »Aber wir können es nicht ausschließen.«

»Aber uns auch nicht darauf verlassen. Wir müssen eine bessere Lösung finden, als nur auf das Beste zu hoffen.«

»Und das werden wir. So geheim Newton seine Forschung auch gehalten haben mag, er war kein Geist. Irgendwo hat er Patente eingereicht, Forschungen beantragt … Wer auch immer damals hinter ihm her gewesen sein und ihn erst in Saladins Arme getrieben haben mag, diese Leute können nicht alle Spuren im Netz vernichtet haben.«

»Lasst mich die Recherche übernehmen«, bot Shao an.

Ich nickte ihr dankbar zu. Was die Datensuche im Internet betraf, vertraute ich ihr blind. Oft genug stieß sie dabei auf brauchbarere Ergebnisse als die Polizeicomputer.

»Suko und ich werden inzwischen versuchen, mehr über einen gewissen gefallenen Engel herauszufinden.« Wir wussten wenig über Metatron. Zu wenig für meinen Geschmack.

Glenda legte ihre Hand auf meine und lächelte tapfer. »Danke, John. Ich fürchte, solange sich das Serum in meinem Körper befindet, wird es immer irgendjemand gegen mich benutzen. Erst Newton und Saladin, jetzt Metatron … Wenn es diesem verrückten Doktor doch bloß nie gelungen wäre, es mir zu verabreichen. Ich wünschte …«

Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen, denn der Spuk begann erneut. Glendas Gestalt flackerte und verblasste schlagartig. Ihre Hand entglitt mir, ich griff ins Leere. Der Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte, war verlassen.

Glenda Perkins war schon wieder vor unseren Augen verschwunden.

***

Sie schritt durch dichten Nebel.

Ein Wispern folgte ihr. Ein Raunen und Stöhnen, voller Hunger, Sehnsucht und Schmerz. Sie fühlte eiskalte Finger, die aus den undurchdringlichen Schwaden heraus nach ihr griffen. Doch immer, wenn sie sich umsah, lösten sich die Schemen auf. Nur die Stimmen blieben. Mal erklangen sie direkt an ihrem Ohr, dann wieder wie aus weiter Ferne.

Warum, um Himmels willen, war sie ausgerechnet hierher teleportiert? Wo war hier überhaupt?

Glenda verlor jede Orientierung. Wusste nicht mehr, woher sie kam und wohin sie ging. Wo oben oder unten war oder wie lange sie sich bereits in diesem Nebel befand. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Dabei konnten es nur Sekunden sein, ehe sich die Schleier lichteten und Glenda erste Umrisse erkannte. Große, helle Rechtecke. Kleinere, dunkle Objekte. Immer schneller formte sich ihre Umgebung aus dem Nichts.

Sie ließ die Nebelwelt hinter sich, als hätte sie nur eine Zwischenstation auf ihrem Weg dargestellt, und plötzlich fand sich Glenda in einem geräumigen, vom Licht der Sonne durchfluteten Zimmer wieder.

Nein, keine Sonne. Das Licht stammte von der Straßenlaterne vor dem Haus, es war schon früher Abend. Und das Zimmer …

Glenda strauchelte, als sie erkannte, wo – und vor allem wann – sie sich befand. Sie stand im Wohnzimmer ihrer Wohnung! Sie erkannte ihren Schrank, ihren Teppich, den Fernseher. Und auf der Couch …

Sie unterdrückte einen Aufschrei. Auf der Couch lag sie selbst! Die Glenda der Vergangenheit. Und dieser widerliche Dr. Newton beugte sich über sie, die Spritze in der Hand!

Er wollte ihr gerade das Serum verabreichen.

Sie musste es verhindern! Aber wie? Und konnte es ihr überhaupt gelingen? Schließlich war dies alles längst geschehen – und nur, weil es geschehen war, befand sie sich in dieser Vergangenheitsszenerie. Hätte Newton ihr nie das Serum gespritzt, hätte sie nun nicht in die Vergangenheit teleportieren können. Wenn sie es also verhinderte, würde sie also auch nie zurückkehren können, um es zu verhindern.

Ein verdammtes Zeitparadoxon. Darüber nachzudenken ließ ihr beinahe den Kopf platzen.

Sie trat einen Schritt auf den Wissenschaftler zu, doch dann zögerte sie.

Dr. Newton war nicht allein. Saladin, sein Partner, stand direkt neben ihm.

Glenda sah nur den Rücken des glatzköpfigen Widerlings. Sie konnte sich jedoch nur allzu gut an den gierigen Blick erinnern, mit dem der Hypnotiseur zugesehen hatte, als Newton sein grausames Experiment an ihr durchgeführt hatte. Ein Schauder rann ihr bei der Erinnerung über den Nacken.

Die beiden Männer waren von ihrem Tun so eingenommen, dass sie die Besucherin aus der Zukunft gar nicht wahrnahmen. Zum Glück für sie. Denn wenn Saladin sie bemerkte, genügte ein Blick von ihm, und sie wäre vollkommen in seiner Gewalt, wie sie wusste. Das war keine Erfahrung, die sie wiederholen wollte.

Außerdem war es ohnehin zu spät. Newton erhob sich und starrte auf sein Opfer herab.

»Zufrieden?«, fragte Saladin.

»Sehr«, antwortete der Wissenschaftler.

»Dann darfst du dich bei mir bedanken, dass ich dir die Chance eröffnet habe.«

Die beiden beglückwünschten sich zu ihrem Erfolg, eine wehrlose Frau mit einem Serum niedergespritzt zu haben. Einem Serum, dessen Auswirkungen sie – nach allem, was Newton vor seinem Ableben erzählt hatte – selbst nicht abschätzen konnten.

Eigentlich hätte es Glenda ermöglichen sollen, mit den Toten zu sprechen. Zumindest war es das, was Newton und Saladin ihr damals gesagt hatten. Diese Wirkung hatte das Mittel jedoch nie gezeigt.

Obwohl: Sie erinnerte sich an das merkwürdige Gefühl, das sie damals beschlichen hatte. Als sie nach dem Überfall der beiden Widerlinge mit dem Taxi zu John und Suko gefahren war, hatte sie geglaubt, jenseits der Taxifenster nicht etwa London zu erkennen, sondern eine unheimliche Landschaft ohne feste Konturen, erfüllt von nebligen Streifen und Stimmen. Manche schrill, andere leiser und singender. Vielleicht hatten sie auch geweint. Wer konnte das schon so genau sagen? Der Nebel hatte alle Laute verzerrt.

Hatte sie damals womöglich das Totenreich durchquert, ohne dass es dem Taxifahrer aufgefallen war? Und hatte dieses Reich …

Sie erschauderte bei dem Gedanken, der sich ihr gerade aufdrängte.

Hatte dieses Reich nicht dem nebelerfüllten Nichts geähnelt, das sie eben noch auf ihrer Reise in die Vergangenheit passiert hatte?

Eine huschende Bewegung riss sie aus ihren Überlegungen.

Über der Couch – über ihrem vergangenen Ich! – ballte sich ein riesiger Schatten zusammen und nahm allmählich eine dämonische Form an. Zu groß und verkrümmt für das Schattenbild eines Menschen, mit eckigem Schädel und gewaltigen Auswucherungen, die daraus emporragten.

Was, in aller Welt, war das?

Sie konnte sich nicht erinnern, den Schemen damals ebenfalls gesehen zu haben, dabei schwebte der unheimliche Besucher direkt über der Glenda, die sie einst gewesen war!

Was ging hier vor?

Die beiden Männer schienen die Gestalt nicht wahrzunehmen, denn sie diskutierten ungestört weiter.

Bei genauerem Hinsehen erkannte Glenda, dass der Schatten irgendwie mit Newtons Kopf verbunden war – als würde er dem Hirn des Wissenschaftlers entspringen. Oder als hätte er einen Teil seiner selbst darin verankert. War Newton etwa von diesem Wesen besessen?

Glenda versuchte, sich alle Einzelheiten so gut wie möglich einzuprägen. Sie musste John alles erzählen, sie durfte die Erinnerung an ihre Reise nicht noch einmal verlieren. Alles, was sie sah, konnte ihre Freunde auf die Spur bringen, die zur Lösung dieses Falls führte.

Mit einer Mischung aus Faszination und Horror beobachtete Glenda, wie die düstere Gestalt einen klauenbesetzten Arm nach der Frau auf der Couch ausstreckte. Was geschah da mit ihr? Besser gesagt: Was war damals mit ihr geschehen?

Glendas vergangenes Ich zuckte zusammen. Ihr Atem ging schnell und laut, sie hyperventilierte. Mit jedem Atemzug löste sich ein heller, silberfarbener Dunst aus ihrem Körper, stieg auf und strömte dem Schattenwesen entgegen, das gierig danach griff.

Die Besucherin aus der Zukunft schlug entsetzt die Hand vor den Mund. War das ihr Leben? Ihre Seele?

Was es auch war, dem Dämon gelang es nicht, es sich einzuverleiben. Die Glenda der Vergangenheit stöhnte auf und verdrehte die Augen. Sie verlor das Bewusstsein, und mit einem Mal schwappte der Dunst in ihren Körper zurück.

Der Schatten bäumte sich auf. Er gab keinen Laut von sich, doch Glenda glaubte, seinen frustrierten Aufschrei bis in ihr Innerstes zu spüren – wie den tiefen Klang einer Trommel, der in ihrem Brustkorb vibrierte.

Dann löste sich der Schatten auf, und mit ihm auch das Zimmer, die beiden Männer, das Vergangenheits-Ich und der Tag ihrer schrecklichen Verwandlung.

Glenda glitt erneut durch den Nebel – durch das Totenreich? – und zurück in ihre eigene Zeit.

***

»Natürlich komme ich dich holen. Ich bin gleich bei dir.« Ich legte auf und drehte mich zu Suko und Shao, die mich gespannt ansahen. »Glenda ist zurück. Allerdings ist sie in meiner Wohnung gelandet statt in eurer, und ist dort jetzt eingesperrt.«

»Geht es ihr gut?«, fragte Shao.

»Sie klingt ein wenig durch den Wind, aber bei Weitem besser als nach ihrer letzten Teleportation. Wenn du einen Augenblick wartest, wird sie uns bestimmt mehr verraten können.

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