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John Sinclair - Folge 1923

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das vergessene Templer-Grab
  4. Vorschau

Das vergessene Templer-Grab

Als Scott Wilson aus dem Jeep stieg, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte. Es hatte sich nichts verändert, und doch war Scotty, wie ihn seine Freunde nannten, misstrauisch. Es konnte an den Vögeln liegen, die auch jetzt, im späten Winter, noch zwitscherten. Es waren Amseln und Drosseln. Aber auch ein paar Krähen mischten mit. Er kannte die Vögel. Kannte ihre Stimmen. Wusste wie ihnen zumute war, und wie sie sich jetzt verhielten, gefiel ihm ganz und gar nicht …

Es war seltsam, es war ungewöhnlich und geschah sicherlich nicht aus dem Nichts. Dass sie ihr Verhalten so verändert hatten, das musste einen Grund haben.

Den wollte Scotty natürlich herausfinden. Das schaffte er nicht, wenn er hier neben dem Wagen stehen blieb. Er würde einen Rundgang absolvieren und sehen, was sich so ergab.

Er nahm noch sein Gewehr mit, das er über seine linke Schulter hängte. Dann machte er sich auf den Weg. Links von ihm stieg das Gelände leicht an, vor ihm lief der Pfad aus und schien zu versanden. So jedenfalls sah es auf dem Boden aus.

Scott Wilson war ein Mensch, der inmitten der Natur aufgewachsen war und sich auch den richtigen Job hatte aussuchen können. Er war Waldhüter geworden oder Ranger, so lautete die bessere Bezeichnung. Er trug die Verantwortung für ein Stück Landschaft, und er liebte seinen Job mit Haut und Haaren. Auch wenn es hin und wieder Ärger gab mit Typen, die zur Natur ein anderes Verhältnis hatten als er. Da hatte er schon des Öfteren hart durchgreifen müssen. Vor allen Dingen bei Leuten, die den Wald als Gelände für ihre Partys benutzten.

Das würde er jetzt nicht mehr finden. Er suchte nach einem anderen Grund dafür, dass sich die Vögel so ungewöhnlich benahmen. Sie reagierten wie auf der Flucht, als würden sie von einem fliegenden Drachen gejagt.

Scott Wilson erreichte das Ende des Wegs und musste sich entscheiden, wohin er gehen sollte.

Er konnte nach links gehen und dann einen flachen Hang hinauf. Aber auch zur rechten Seite hin. Dort gab es zwar keinen Weg, aber da war die Strecke eben, und er wusste auch, dass er dort den Rand des Waldes erreichen würde.

Ja, den nahm er. Er war besser, denn er ließ sich leichter gehen. Noch immer achtete er auf die Reaktion der Vögel, die er allerdings nicht mehr wahrnahm, es war recht still geworden. Den schwachen Wind merkte er, aber er hörte keine Vogelschreie am Himmel. Wenn er nach oben schaute, dann sah er auch keine Tiere auf den Ästen oder Zweigen sitzen.

Und auch andere liefen ihm nicht über den Weg. Es gab in diesem Wald Rehe, aber es gab auch Wildschweine, das wusste er. Nur ließen die sich nicht blicken. Und es stoben auch keine in wilder Flucht davon. Der Wald war ruhig. Man konnte die Stimmung schon als lauernd ansehen, wenn man sensibel war.

Das traf bei Scotty zu. Er war sensibel, was den Wald anging. Der war für ihn wie ein großes Lebewesen, und er spürte genau, wenn diesem Lebewesen etwas passierte. Wenn es krank oder angeschlagen war. Das Gefühl hatte er allmählich.

Dann erreichte er die Waldseite. Dort standen die Bäume nicht mehr so dicht. Er konnte durch die Lücken schauen und sah das, was ihm früher einen Schauer über den Rücken gejagt hatte. Heute nicht mehr. Heute hatte er sich an die alten Gräber gewöhnt.

Wilson sah sie und ging auf sie zu. Das hatte er mit festen Schritten vor.

Doch so ganz klappte das nicht. Seine Bewegungen konnte man schon als zögerlich ansehen.

Den Grund kannte er selbst nicht genau. Es war möglicherweise eine angeborene Vorsicht, die ihn dazu trieb. Auf der anderen Seite tat ihm der kleine Friedhof nichts. Es war eine Ansammlung alter Gräber, die dort standen. Man konnte sagen, dass es ein Friedhof aus der Vergangenheit war, um den sich niemand gekümmert hatte. Die Grabsteine standen noch an ihren Plätzen, und die meisten von ihnen waren halb verwittert. Die schiefe Lage fiel ebenfalls auf. Das aber nicht bei allen Grabsteinen. Es gab auch welche, die sich dem anderen Druck nicht gebeugt und ihre Haltung bewahrt hatten.

Ein Grabstein stach besonders hervor. Nicht nur, dass er größer war als all die anderen, er war auch weniger verwittert. Sah zwar nicht mehr aus wie neu, aber das mächtige Kreuz schien dafür gebaut zu sein, bis in alle Ewigkeiten zu bleiben.

Die anderen Gräber interessierten den Ranger nicht. Er ging auf dieses eine Grab zu, dessen Steinkreuz die anderen überragte. Es schien bewusst so gebaut zu sein, als wollte es den übrigen Gräbern zeigen, was Macht bedeutete.

Scott Wilson wusste nicht genau, wie alt dieser Friedhof am Waldesrand war. Manche Menschen behaupteten, dass er einige Hundert Jahre auf dem Buckel hatte und dass in der Erde keine Einheimischen begraben lagen, sondern Flüchtlinge aus anderen Ländern, die hier oben ihre neue Heimat gesucht hatten.

Es waren Flüchtlinge aus allen Teilen Europas gewesen. Sie hatten vor dem Papst und damit auch vor der Kirche ebenso flüchten müssen wie vor manch weltlichem Herrscher.

Das war bekannt, und mit diesem Thema hatte sich der Ranger auch näher beschäftigt. Und er hatte sogar Erfolg gehabt und war auf einen unrühmlichen Teil der Geschichte gestoßen. Zumindest was die Kirche anging.

Damals hatten sich der Papst und der französische König Philipp der Schöne zusammengetan, um einem Orden den Garaus zu machen, der ihnen zu mächtig wurde.

Das waren die Templer gewesen. Die Ritter vom Heiligen Grab, die sich innerhalb einer gewissen Zeit über Europa ausgebreitet und ihre Komtureien und Klöster gegründet hatten.

1314 war es dann zum großen Showdown gekommen. Da hatten Kirche und Staat zugeschlagen, die Klöster niedergebrannt, die Komtureien aufgelöst und die Brüder verhört, gefoltert und getötet.

Es gab auch nicht wenige, denen war die Flucht gelungen. Unter anderem hatten sie an der schottischen Küste angelegt, und es gelang ihnen zu überleben. Sie hatten sich neu gefunden und waren auch akzeptiert worden. Aber auch hier lebten sie nicht ewig. Templer starben ebenso wie andere Menschen und sie wurden dann auch in dieser Fremde begraben. Deshalb gab es in Schottland verteilt zahlreiche Templergräber, und sie waren nicht nur auf eigenen Friedhöfen zu finden, sondern auch auf den normalen.

Das alles wusste auch der Ranger, und jetzt blieb er vor dem Templergrab stehen, das aus allen anderen hervorragte. Es war bedeutsam, es war etwas besonderes, und Wilson runzelte die Stirn, als er sich auf die Kreuzmitte konzentrierte.

War da was?

Zumindest hatte er das Gefühl. Es schien etwas darüber hinweg gelaufen zu sein. Ein Huschen, wie ein Sonnenstrahl, der sich hier verloren hatte.

Der Ranger zwinkerte mit den Augen. Als er wieder hinschaute, sah alles normal aus. Aber die Stille schien noch tiefer geworden zu sein. Sie drückte jetzt sogar gegen ihn, und auch das Atmen fiel ihm nicht leicht. Da schien sich auch die Luft verändert zu haben, was eigentlich nicht sein konnte.

Er schaute noch mal auf das Kreuz. Dabei konzentrierte er sich auf die Mitte. Dort trafen die Steinbalken zusammen und ergaben einen Mittelpunkt.

Genau dort passierte es.

Jetzt hielt Scott Wilson den Atem an. Was er sah, wollte er eigentlich nicht akzeptieren, aber es war keine Täuschung. Genau dort, wo die Balken zusammenliefen, passierte es.

Da war plötzlich das Licht zu sehen. Ein heller Punkt, den er mit einer kleinen Sonne verglich.

Der Ranger wusste nicht, was er davon halten sollte. Er war wirklich kein ängstlicher Mensch, aber das hier konnte er nicht fassen. Ein helle Sonne innerhalb des Kreuzes.

Er kam nicht weg. Der Vorgang war für ihn einfach zu faszinierend, deshalb konnte er seinen Blick davon nicht lösen. Er musste immer weiter hinschauen. Das Licht war wie ein Magnet, und er fühlte sich als Eisen und davon angezogen.

Hinschauen und …

Auf einmal war alles anders. Bisher hatte sich das Licht nicht bewegt. Aber das änderte sich, denn plötzlich zuckte etwas in seinem Zentrum. Dort kam es zu einer kleinen Explosion, und aus dieser Mitte hervor jagte ein gezackter Lichtstrahl, der seinen Weg fand.

Der Ranger wurde getroffen. So etwas hatte er noch nie erlebt. Der Strahl erwischte seine Brust. Er spürte genau, wie etwas in ihn eindrang und sich auch in seinem Innern ausbreitete. Es war etwas Fremdes, aber auch etwas Warmes, dem er nichts entgegensetzen konnte. Er musste es einfach geschehen lassen, und dann spürte er, wie seine Beine plötzlich zittrig wurden. Das geschah so stark, dass er sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte und vor dem Templergrab zusammenbrach …

***

»Kommst du zum Frühstück, bitte, Godwin?«

»Ja, sofort.« Godwin de Salier, der noch in seinem Arbeitszimmer saß und die Stimme seiner Frau nur wegen der offenen Tür gehört hatte, erhob sich mit langsamen Bewegungen von seinem Stuhl und drückte dabei die Schublade zu.

Dann ging er in die kleine Küche, wo das Frühstück auf ihn wartete, und es war nicht nur der reichlich gedeckte Tisch, dem seine Aufmerksamkeit galt. Sie galt auch dem geöffneten Fenster, durch das so etwas wie eine erste weiche und warme Frühlingsluft in das Zimmer strömte, die ihren Ursprung im Garten hatte, der ebenfalls zu diesem Templerkloster in Alet-les-Bains gehörte, einem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Hier hatten Templer ihre Heimat gefunden, und Godwin de Salier war ihr Anführer. Verheiratet war er mit Sophie Blanc, einer jungen Frau mit langen weizenblonden Haaren.

Sophie lächelte ihren Mann an. »Na, riechst du es auch?«

»Was meinst du?«

»Die Luft.«

»Ja, ja, die rieche ich.«

Sophie war enttäuscht. »Mehr hast du nicht zu sagen?«

»Warum sollte ich?«

»Himmel, dieser Geruch. Fast schon ein Aroma, das mich an den nahen Frühling erinnert.«

Godwin zog die Luft durch die Nase ein. Dabei leuchteten seine Augen. »Ja, jetzt wo du es sagst, rieche ich es auch, der Frühling ist unterwegs. Es wird wunderbar werden. Er ist wie ein Strauß von Melodien und hat …«

»Hör auf!«, fiel ihm Sophie ins Wort. »Ich glaube dir gar nichts von dem, was du gesagt hast.«

»Warum nicht?«

»Weil du übertreibst.«

»Das ist möglich, aber ich freue mich, dass du so denkst.« Godwin nahm Platz und zog sein weich gekochtes Ei mit Becher zu sich heran. »Das sieht ja alles herrlich aus.«

»Danke. Wenn du noch etwas brauchst, dann …«

»Nein, nein, auf keinen Fall. Es ist ausgezeichnet.«

»Gut.«

Auch Sophie nahm ihren Platz ein. Godwin kümmerte sich um den Kaffee, er lauschte auch dem Gesang der Vögel aus dem nahen Garten und warf seiner Frau hin und wieder einen Blick zu, ohne dabei etwas zu sagen.

Sophie merkte, dass was nicht stimmte, und stellte eine Frage. »Hast du Probleme?«

»Nein, nein, das kann man so nicht sagen.«

»Aber …?«

Godwin löffelte sein Ei aus. Dann schob er den Becher zurück und nickte vor sich hin.

»Nun sag doch was, bitte.«

»Ich habe schlecht geschlafen.«

»Bon, das tun wir alle mal.«

»Ja, und dann habe ich geträumt.«

»Aha – und wovon hast du geträumt?«

»Ob du es glaubst oder nicht. Von der Vergangenheit.«

»Oh.« Sophie ließ das Besteck sinken. Zugleich nahm ihr Blick einen besorgten Ausdruck an. Sie wusste ja, was mit ihrem Mann los war. Er stammte aus der Vergangenheit, um jetzt in der Gegenwart zu leben und seiner Aufgabe nachzukommen. Godwin de Salier war damals schon ein Templer gewesen, und das hatte er auch in der Gegenwart nicht aufgeben müssen, denn in dieser Zeit war er zum Templerführer geworden, nachdem es den Abbe Bloch nicht mehr gab.

Godwin wich dem Blick nicht aus. »Ja, ich habe von der Vergangenheit geträumt.«

»Okay«, dehnte Sophie. »Es ist nichts Neues. Wenn du davon erzählst, muss es dich schon etwas mitgenommen haben.«

»Das ist in der Tat der Fall.«

»Und?«

Godwin runzelte die Stirn. »Wenn ich ehrlich sein soll, dann bin ich etwas besorgt.«

»Warum? Was war an deinem Traum so schlimm?«

»Eigentlich nichts.«

»Aha. Und weiter?«

»Es war nicht so schlimm, dass ich Angst bekommen hätte. Nein, das auf keinen Fall, aber ich habe den Traum schon als eine Bedrohung angesehen, das schon.«

»Warum denn? Was hast du gesehen?«

»Gräber, einen alten Friedhof glaube ich.«

»Und weiter?«

»Es gibt kein weiter. Ich sah einen alten Friedhof, der direkt an einem Wald lag.« Godwin furchte die Stirn und blickte gegen seinen Teller. »Ich weiß nicht, warum ich ihn gesehen habe. Es war nun mal so. Und ich kann mir vorstellen, dass mir dieser Traum eine Botschaft übermitteln sollte.«

»In welcher Art?«

»Das weiß ich noch nicht. Dazu muss ich erst mehr herausfinden. Aber ich möchte den Traum auch nicht unterschätzen.«

»Das kann ich verstehen. Was willst du denn tun?«

Godwin nickte und sagte dann: »Ich werde versuchen, ihn zu verifizieren.«

Sophie Blanc war wieder überrascht. »Wie willst du das denn schaffen?«

»Na ja, ich hatte es schon versucht.«

»Ach, wie denn?«

»Durch den Würfel. Ich denke, dass ich da eine Spur finden kann. Ich hätte es vielleicht, aber da hast du mich zum Frühstück gerufen.«

Sophie nickte. »Auch das ist wichtig.«

»Klar.«

»Willst du denn weitermachen?«

Da musste der Templer lachen. »Und ob ich das will, denn ich will wissen, ob mir der Würfel des Heils weiterhelfen kann.«

»Und dann?«

»Werden wir sehen.«

Sophie winkte ab. »Wie ich dich kenne, wirst du dich reinhängen, Monsieur de Salier.«

»Ich kann es nicht leugnen. Es ist möglich, dass wieder etwas auf uns zukommt. Für eine recht lange Zeitspanne hatten wir Ruhe. Das konnte ja nicht so weitergehen.«

»Mir hat es gefallen.«

»Mir ja auch irgendwie.« Godwin lächelte, stand auf und hauchte seiner Frau einen Kuss auf die Stirn.

»Willst du nichts mehr essen?«

»Nein. Möglicherweise später.«

»Gut.«

Der Templer ging in sein Arbeitszimmer. Am Tisch hatte er sich zurückgehalten, jetzt aber nahm sein Gesicht den Ausdruck an, der seiner wahren Stimmung entsprach.

Er war doch besorgt, denn er wusste, dass solche Träume etwas bedeuten konnten und auf etwas hinwiesen, das noch in der Zukunft verborgen lag …

***

Scott Wilson schlug die Augen auf. Er dachte zunächst an nichts und spürte nur, dass er auf dem Rücken lag, und das auf der feuchten Erde des kleinen Friedhofs.

Ihm tat nichts weh, denn er war weich gefallen. Dass er trotzdem so liegen blieb, lag wohl an dem Schock, der ihn überfallen hatte, weil alles so urplötzlich abgelaufen war.

Noch im Liegen kehrte die Erinnerung zurück. Scott Wilson sah sich vor dem Grab mit dem großen Steinkreuz stehen. Er kannte es ja, dieser kleine alte Friedhof mitten in der Landschaft war für ihn ja nicht neu. Nur hatte er so etwas noch nicht erlebt. Das war auch nicht zu erklären. Ein Licht inmitten des Kreuzes, das zudem noch Kraft besaß, ihm eine Botschaft zu schicken. Ja, er sah es als eine Botschaft an. Sie hatte bei ihm voll eingeschlagen und ihn zu Boden geschickt. Dort lag er noch immer und spürte die Feuchtigkeit in seinem Rücken.

Mehr war nicht passiert. Abgesehen von den schwachen Stichen in seinem Kopf. Die hatten ihn schon erwischt, aber damit konnte er auch leben. Nur wollte er nicht länger auf dem feuchtkalten Boden liegen bleiben. Er kam sich dabei so gedemütigt vor.

Aufstehen und dann schauen, wie es weiterging. Normalerweise wäre das Aufstehen kein Problem gewesen, aber in diesem Fall fühlte er sich matt und ausgelaugt. Er würde sich darauf einstellen müssen, dass im Moment alles langsamer ging.

Der Ranger rollte sich auf die rechte Seite. Die linke war besetzt. Dort befand sich tatsächlich noch sein Gewehr.

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