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John Sinclair - Folge 1922

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Bleiche aus dem Totenhaus
  4. Vorschau

Die Bleiche aus dem Totenhaus

Sie wollte Menschen. Sie wollte in ihrer Nähe sein. Auch sie war mal ein Mensch gewesen, aber das lag lange zurück.

Jetzt war die Zeit gekommen, um kurzen Prozess zu machen. Man würde sich wieder an sie erinnern.

An sie – die Bleiche aus dem Totenhaus …

Party. Feiern. Karneval. Verkleiden, einmal raus aus seiner alten Haut. Plötzlich war diese Welle bis auf die Insel geschwappt. Vor allen Dingen jungen Leute hatten sie aufgefangen und sich mitreißen lassen.

Verkleiden und Party machen. Dieser Virus war auch an Johnny Conolly nicht vorbei geströmt. Er wollte mitmachen, hatte sich einfangen lassen, aber nicht allein, sondern in einer Clique. Die war schnell zusammengekommen, und sie bestand nicht nur aus männlichen Mitgliedern. Da mischten auch Mädchen mit. Besonders eine hatte es Johnny angetan. Sie hieß Alice Quinn, studierte ebenfalls und war zwei Jahre jünger als er.

Alice war das, was man einen tollen Schuss nannte. Schon beim Ansehen hatte Johnny eine trockene Kehle bekommen. Er war jemand, der so gut wie keine Minderwertigkeitskomplexe besaß, aber bei Alice war das anders gewesen. Da hatte selbst er den Atem angehalten und sich auch nicht getraut, sie anzusprechen.

Das war dann durch sie geschehen. Ein Zufall hatte Johnny dazu geholfen. Alice war vor ihm hergegangen, plötzlich zur Seite geknickt und hatte leise aufgeschrien.

Wie ein Blitz war Johnny bei ihr gewesen, noch vor allen anderen Helfern.

Er hatte sie hochgezogen, und dann war sie ihm zwangsläufig sehr nahe gekommen, weil sie sich bei ihm hatte abstützen müssen. Auf beiden Füßen konnte sie nicht stehen.

Humpelnd hatten sich beide bis zu einer Bank bewegt und sich dort niedergelassen. Johnny empfand ihre Nähe als ein kleines Wunder, und auch ihr war es nicht unangenehm, den jungen Mann neben sich zu wissen. Das sagten ihm ihre Blicke.

Er nahm die Frische ihres Parfüms wahr, so dicht saß er jetzt bei ihr. Er hätte sie immer nur anschauen können. Johnny war angetan von den Haaren, die eine unbestimmte Farbe besaßen, nicht blond, nicht dunkel, auch nicht direkt rot. In diesen Haaren vereinigten sich alle drei Farben.

»Und jetzt?«, fragte Johnny, als er in ein Augenpaar von einer grünlichen Farbe blickte.

Sie lächelte, obwohl ihr eigentlich nicht zum Lächeln sein konnte. »Ich denke, dass ich zu einem Arzt muss. Der soll sich meinen Knöchel mal ansehen. Er ist schon dicker geworden.«

»Und auftreten kannst du nicht?«

»Nur unter Schmerzen.«

Johnny nickte. »Ja, das kann ich mir denken.«

Alice fasste ihn an und drückte seinen Arm. »Kannst du mich noch bringen?«

In Johnny schoss eine heiße Woge hoch. Er hoffte, dass sie nicht auch seinen Kopf erreichte und das Gesicht rötete. Aber da hatte er Glück und gab sich dann locker.

»Wir könnten es versuchen.«

»Okay. Und wie?«

»Mit einem Taxi oder …« Er sagte nichts mehr, was Alice neugierig machte.

»Was ist mit oder?«

»Ich bin mit dem Roller da.«

Da leuchteten ihre Augen. »Das wäre doch was. Mit dem Roller. Ja, das ist es. Ich steige auf den Rücksitz, dann geht es ab. Oder?«

»Ja, das kann man so sagen. Aber hast du dir das auch gut überlegt? Du bist nicht okay und …«

»Das weiß ich. Aber das kriege ich schon hin. Ein Roller ist doch toll. Mit ihm wollte ich schon immer man fahren.«

»Dann versuchen wir es.«

Sie verließen den Bau, was natürlich dauerte und humpelten zu dem Platz, auf dem die Bikes und Roller standen. Bevor Johnny startete, unternahm er zuerst einen Versuch. Er half Alice auf den Sozius, die dies auch schaffte, dann ihre weichen Lippen zu einem Lächeln verzog und Johnny zunickte.

»Das ist okay«, sagte sie.

»Ehrlich?«

»Ja, du kannst fahren.«

»Und wo sollen wir hinfahren? Kennst du einen Arzt, der dich schnell behandelt?«

»Das ist im Krankenhaus wohl nicht der Fall. Aber ich kenne einen Knochenflicker, der sogar hier in der Nähe seine Praxis hat. Da können wir hinfahren.«

»Alles klar. Sag den Weg.«

Den beschrieb Alice. Johnny nickte dann und stieg auf seinen Roller. Sekunden später war der Motor zu hören, kurz danach startete Johnny. Er fuhr nicht wie sonst, sondern viel vorsichtiger. Hinter ihm saß Alice. Sie hielt seinen Oberkörper umfasst und drückte sich an ihn.

Das machte Johnny glücklich. Dass es so schnell ging und er den Kontakt mit ihr bekommen hatte, das hatte ihn wirklich in die höheren Sphären gehoben, und er hoffte, dass sich daraus etwas entwickelte. Er war schon jetzt davon überzeugt, gute Aussichten zu haben.

Und er fuhr, als hätte er eine sehr wertvolle Fracht geladen. Es war wichtig, dass nichts passierte, und er hörte auch keine Beschwerden. Einen Ersatzhelm hatte er leider nicht dabei. So musste die junge Frau ohne fahren.

Aber das packten sie, und sie erreichten die Praxis des Arztes. Sie war in einem alten Haus untergebracht. Beide mussten einen winterlichen Vorgarten durchqueren, um die Haustür zu erreichen. Alice humpelte noch immer, aber nicht mehr so stark wie zu Beginn. Das zumindest glaubte Johnny.

Normalerweise musste man klingeln. Das war jetzt nicht nötig, beide waren gesehen worden. Sie hörten den Türöffner, drückten auf und betraten das Haus.

Die Räume der Praxis befanden sich im Erdgeschoss. Alice humpelte dorthin, Johnny ging normal, wenn auch mit kleinen Schritten, weil er die Verletzte abstützen musste.

Sie gelangten in ein Wartezimmer, in dem nur zwei Besucher saßen. Es waren ältere Frauen, die kaum aufsahen, als die beiden den Raum betraten. Die Sprechstundenhilfe, die die Zeit über bei ihnen gewesen war, zog sich wieder zurück.

»Es dauert nicht lange, dann wird der Arzt sich um Sie kümmern.«

»Ja, das wäre toll.«

»Meine ich auch«, sagte Johnny und ließ sich neben Alice auf einen Stuhl fallen. Sie umfasste seine Hand, was bei ihm einen Schauer hinterließ.

»Danke, Johnny, wirklich. Aber du musst nicht bei mir bleiben. Du hast schon genug getan.«

»Ach, willst du mich loswerden?«

»Nein.«

»Das hat sich aber so angehört.«

Sie boxte ihn in die Rippen. »Hör doch auf, so habe ich das nicht gemeint, das weißt du. Aber du hast doch sicherlich was Besseres vor, als mit mir in einem Wartezimmer zu hocken.«

»Nein, das habe ich nicht.«

Alice lachte. »Super, das hast du sogar ehrlich gemeint. Ich spüre das.«

»Da hast du dich nicht geirrt. Aber ich frage mich, wo ich in der letzten Zeit meine Augen gehabt habe?«

»Hä? Augen? Wie meinst du das denn?«

»Ganz einfach. Ich hätte dich sehen müssen. Du fällst doch unter den anderen so etwas von positiv auf, dass ich dich einfach nicht hätte übersehen können.«

Alice staunte ihn an. »Jetzt mach aber mal einen Punkt. So schlimm ist es auch nicht.«

»Für mich schon«, gab er zu.

Alice schüttelte den Kopf und blickte verlegen zur Seite. So konnte sie sich vor einer Antwort drücken. Zudem erschien die Sprechstundenhilfe, die nicht die beiden Frauen zum Doktor bat, sondern Alice Quinn. Die Frauen kümmerten sich auch nicht darum. Es gab keinen Protest.

Johnny schaute auf ihren Rücken. Er hatte den Eindruck, dass es seiner neuen Bekannten schon viel besser ging, was ihn schon wunderte. Auch schien der Knöchel nicht so dick geschwollen zu sein, aber das konnte auch eine Sinnestäuschung sein.

Beide verschwanden. Johnny und die beiden Frauen blieben zurück.

Er sah jetzt, wie sie sich anschauten, nickten, und ihre Blicke dann auf ihn richteten.

»Ist was?«

»Ja. Wo steckt denn Ihre Begleiterin?«

Johnny musste lachen. »Warum fragen Sie das?«

»Weil wir es wissen wollen.«

»Sie ist beim Arzt drin.«

Die Frauen starrten sich an.

»Das geht doch nicht an!«, sagte die dickere mit den roten Haaren. »Wir waren vor ihr hier.«

»Stimmt.« Johnny lachte. »Warum haben Sie denn nichts gesagt? Sie müssen doch gesehen haben, wie meine Freundin abgeholt wurde.«

»Haben wir das?«, fragte die Korpulente.

»Nein, ich nicht.«

»Ich habe auch nichts gesehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Oder nichts bemerkt.«

»Komisch.«

Beide dachten bestimmt darüber nach, doch nicht mehr lange, denn die Tür wurde geöffnet, und Johnny hörte wieder die Stimme der Studentin.

»Danke, dann ist ja alles in Ordnung.«

»Ich wundere mich auch, wie schnell es gegangen ist.«

Johnny Conolly konnte nur staunen, als er Alice sah. Sie trat wieder normal auf, sie ging auch normal. Eine Verletzung schien sie nicht gehabt zu haben.

Jetzt beschwerten sich die Frauen. Sie schoben sich von ihren Stühlen hoch. »Verdammt noch mal, wir waren zuerst an der Reihe, wenn Sie verstehen. Wir haben hier gehockt und hocken hier immer noch.«

»Nein, nicht mehr. Kommen Sie.«

»Das ist auch wichtig.«

Die Frauen verstanden und eilten aus dem Wartezimmer, dessen Tür von außen geschlossen wurde.

»Was war denn mit ihnen?«, fragte Alice.

»Vergiss es.«

Sie prustete los. »Hast du dich mit ihnen gezankt?«

»Nein, nein, das nicht. Sie sind unwichtig. Du bist mir viel wichtiger.«

»Meinst du?«, hauchte sie.

»Und ob.« Johnny bückte sich, um nachzuschauen, was mit dem Knöchel geschehen war. Er war nicht mehr so dick und geschwollen. Der Arzt schien ein kleines Wunder verübt zu haben.

»Kannst du auftreten und gehen?«

»Ich denke schon. Das habe ich bisher geschafft.«

Johnny schüttelte den Kopf. »Dann muss dieser Arzt ein Wunderheiler sein. Was hat er denn gemacht?«

Sie winkte ab. »Kaum der Rede wert. Ein bisschen gerieben und auch gedrückt, später merkte ich, dass ich wieder normal gehen konnte. Super, oder?«

»Und ob.«

Alice lachte. »Dann kann ich jetzt nach Hause gehen.«

Johnny nickte. »Kannst du.« Plötzlich schlug sein Herz bis zum Hals. Die Kehle wurde ihm eng. Er atmete ein und aus, bevor er eine Frage stellte.

»Hast du schon für morgen etwas vor?«

Ihre Augen weiteten sich, als sie Johnny anschauten. »Was, bitte, meinst du damit?«

Er wurde leicht verlegen, was bei ihm selten vorkam. Dann räusperte er sich und schaffte endlich das zu sagen, was er wollte.

»Ich hätte da einen Vorschlag.«

»Hört sich gut an. Raus damit.«

Johnny atmete scharf ein. Jetzt kam es darauf an, ob er den richtigen Ton fand. Er dachte an das Vergnügen. An den Karneval, der auch nach London übergeschwappt war.

»Was hältst du von einer Karnevals-Fete?«

Alice schaute ihn an, sagte aber nichts, und Johnny sah seine Felle davonschwimmen.

»Und?«

Da lächelte sie, dann wurde daraus ein breites Lachen. »Aber klar doch, ich mache mit. Da muss man sich verkleiden. Ist doch so – oder?«

»Nicht ganz. Nur wenn man will. Aber es ist schon besser.«

Sie rückte näher an Johnny heran. »Und? Hast du dir schon ein Kostüm ausgesucht?«

»Nein, noch nicht, ich wollte heute schauen. Vielleicht finde ich ja das Richtige.«

»Und an was hast du gedacht?«

»Als Lappenmonster.«

»Hä?«

»Ja, das ist ein buntes Kostüm, das nur aus Stoffflicken besteht. Bequem und nicht schlecht.«

»Glaube ich dir.« Sie lachte wieder. »Und was ist mit deinem Gesicht? Willst du das auch verändern?«

»Nein, das mache ich nicht. Ich setze mir wohl ein Hütchen auf. Mehr ist nicht drin.«

»Ja, ja, das dachte ich mir.« Sie strich ihm über beide Wangen, und Johnny erschauderte. »Wir werden das schon hinkriegen!«

»Ah, dann kommst du mit?«

»Immer. Ich komme als schwarze Prinzessin.«

Jetzt strahlte Johnny Conolly. Das war natürlich ein Hammer. Damit hätte er nicht gerechnet. Dann hörte er ihre konkrete Frage. »Wo findet die Fete denn statt?«

»In der Factory Two.«

»Ach, die Fabrik.«

»Ja.«

»Die kenne ich.«

»Super.« Johnny rieb seine Hände. »Morgen geht’s los. Und wo sollen wir uns treffen?«

»Sag was!«

Johnny zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Sag du etwas, das ist besser.«

»Vor der Halle?«

Er schnippte mit den Fingern. »Das ist gut. Ich kann dich aber auch abholen.«

»Nein, nein, ich komme da schon hin. Sagen wir eine halbe Stunde nach neunzehn Uhr?«

»Stark, denn dann öffnet die Halle.«

Alice Quinn lachte. Dann hob sie einen Arm und hielt Johnny ihre Handfläche hin.

Sie klatschten sich ab. Der Deal war perfekt, und Johnny musste noch loswerden, wie er sich freute.

»Ich auch.« Sie huschte auf Johnny zu und hauchte ihm einen scheuen Kuss auf die Wange. Dann verließ sie den Vorgarten und tauchte ab in der nicht eben ruhigen Umgebung.

Johnny Conolly hätte auch wegfahren können, aber das wollte er noch nicht. Er konnte sein Glück eigentlich nicht fassen, stand vor der Haustür und dachte darüber nach. Das war ja besser gelaufen, als er es sich vorgestellt hatte.

Sie würden sich treffen. Sie würden einen tollen Abend verbringen und danach – ja, danach konnte sich noch einiges entwickeln, das wusste er auch.

Alice war schon sagenhaft. Nicht nur von ihrem Aussehen her, auch so war sie klasse. Und sie hatte sich den Fuß verstaucht und nicht einmal geklagt. Er war auch so schnell wieder geheilt, als hätte sie nichts gehabt. Und die beiden Frauen im Wartezimmer konnten sich eigentlich an nichts erinnern. Oder nur an wenig. Jedenfalls waren sie schon von den Socken gewesen.

Das war schon seltsam, aber die zwei Frauen waren es ja auch. Johnny schalt sich einen Narren, dass er sich darüber Gedanken machte. Andere Dinge waren wichtiger. Zum Beispiel die Suche nach einem passenden Kostüm.

Mit diesem Gedanken ging er zu seinem Roller und fuhr wieder los …

***

Der nächste Abend.

Johnny war den Tag über nervös gewesen. Er hatte immer an den Abend denken müssen und auch an das Gesicht von Alice Quinn. Es war so toll, so schön, so anders durch die breiten vollen Lippen, ein Gesicht, in das er sich verliebt hatte. Aber nicht nur darin, auch in die gesamte Gestalt.

Alice war einfach toll. Er war von ihr hin und weg, und er hatte sogar von ihr geträumt. So etwas war nicht unnatürlich, aber der Traum war es schon.

Er hatte Alice nackt gesehen. Sie besaß einen Körper, an dem nichts zu kritisieren war. Einfach wunderbar, aber dass aus Träumen leicht Albträume werden können, das hatte Johnny auch erlebt, denn plötzlich war die Schönheit der jungen Frau verschwunden. Ihr Körper war alt und runzelig geworden. Eine Haut, die starke Falten zeigte und keine Straffheit mehr aufwies. Das schöne Gesicht war nicht mehr vorhanden. Es hatte Risse bekommen und da waren Stücke aus der Haut heraus gefallen. Auch die Augen hatten sich gelöst und pendelten vor den eigentlichen Höhlen.

Keine Schönheit mehr, nur noch das Grauen.

Dann hatte jemand geschrien, und Johnny Conolly war richtig wach geworden. Der geschrien hatte, den kannte er, denn das war er selbst gewesen. Zu stark hatte ihn der Traum mitgenommen, und sogar seine Mutter hatte den Schrei gehört und war in Johnnys Zimmer gekommen. Sheila hatte ihren Sohn im Bett sitzend vorgefunden.

»Was war denn los?«, fragte sie besorgt.

Johnny wischte über seine Stirn.

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