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John Sinclair - Folge 1920

Vampirwald

Sie waren zu dritt. Und sie kamen, als es am dunkelsten war, kurz nach Mitternacht.

Vor dem Ort hielten sie an. Die in der Mitte, eine Frau mit sehr blonden Haaren, fragte: »Ihr wisst, wonach wir fragen müssen?«

»Sicher, Justine.« Edwina, die naturrote Haare hatte, und die braunhaarige Ludmilla nickten.

»Wie schön.« Die blonde Justine Cavallo lächelte. Für einen winzigen Moment waren ihre spitzen Zähne zu sehen, dann verschwanden auch sie wieder. Hätten die beiden Begleiterinnen gelächelt, wären bei ihnen keine spitzen Zähne zu sehen gewesen. Sie gehörten nicht zu den Vampiren. Sie waren Hexen, und Justine hatte sie als Verbündete für sich gewinnen können. Hexenblut schmeckte ihr nicht. Davor ekelte sie sich regelrecht …

Noch vor nicht allzu langer Zeit waren Vampire und Hexen Todfeinde gewesen. Jetzt nicht mehr. Die Cavallo hatte sich besonnen. Sie wusste, dass sie zwar allein prächtig existieren konnte, aber besser war es für sie, wenn sie sich ihre Gegnerinnen zu Verbündeten machte. Und das war ihr gelungen. Allerdings nicht bei allen Hexen. Auch unter ihnen gab es Strömungen.

Der Ort lag vor ihnen. In der Dunkelheit war von ihm nicht viel zu sehen. Das lag auch daran, dass es nur wenige Lichter gab, die in der Luft schwammen. Es gab auch kein Mondlicht, das sich ausgebreitet hätte. Es war alles so, wie man sich eine düstere Nacht vorstellte.

Justine Cavallo umleckte ihre Lippen. Innerlich spürte sie den Druck, der sie belastete. Es war nicht irgendeine Angst, die sie überkommen hatte, das auf keinen Fall. Der Druck war da, weil sie daran dachte, dass Menschen in ihren Betten schliefen, und sie hatten Blut, das ihr köstlich munden würde.

Aber deshalb waren sie nicht hier. Es ging im Prinzip nicht um das Dorf. Sie hatten einen anderen Grund, um hier aufzutauchen. Dieser Wald war etwas Besonderes. Man hatte ihm den Namen Vampirwald gegeben. Noch umgab ein Geheimnis diesen Namen, aber Justine wollte es lüften, und deshalb hatten sich die drei Unpersonen zusammengefunden. Noch waren sie ohne Informationen, aber das würde sich ändern, denn der Vampirwald lag von dem kleinen Ort nicht weit entfernt. Und wenn es Menschen gab, die mehr über ihn wissen mussten, dann waren es die Bewohner. Und denen würden sie die entsprechenden Fragen schon stellen. Sie wollten in das Dorf einsickern und ab dann nur ihre Gesetze gelten lassen.

»Wann gehen wir?«, fragte Edwina. »Ich habe keine Lust mehr, hier draußen herum zu stehen.«

Justine Cavallo wollte schon losgehen, als sie zusammenzuckte, denn sie hatte etwas gehört. Leicht unwillig schüttelte sie den Kopf, dann hatte sie herausgefunden, was sie störte.

Es war ein Geräusch, und das war genau über ihr entstanden. Sofort ging sie einen Schritt zurück, legte den Kopf in den Nacken und schaute in die Höhe.

Sie sah nichts, aber sie wusste, dass dort oben jemand war. Erkennen konnte sie ihn nicht. Sie musste einfach von einem Vogel ausgehen, aber daran glaubte sie nicht. Ein Vogel flog weiter und bewegte sich nicht auf der Stelle.

Und dann bekam sie den Beweis, dass es sich um keinen Vogel handelte. Über den dreien wurde es für einen Moment hell. Etwas blitzte wie bei einem Fotoschuss, und dann erlebten sie das, womit sie nie gerechnet hätten.

Aus der Dunkelheit löste sich ein hellgelber Lichtstrahl und erfasste alle drei Personen zugleich …

***

»Wir gönnen uns noch einen Schluck Wein, John.«

»Aha. Und dann?«

Maxine Wells lachte. »Dann warten wir darauf, dass Carlotta zurückkehrt und berichtet, was sie entdeckt hat. Wenn sie etwas entdeckt hat«, schwächte sie ab.

»Glaubst du nicht mehr daran?«

»Mit dem Glauben habe ich Probleme. Für mich sind Fakten wichtig.«

»Sie wird uns Carlotta liefern.«

So hundertprozentig war ich davon nicht überzeugt, eine gewisse Neugierde bestand trotzdem, sonst hätte ich in London gesessen und nicht hier in Dundee bei der Tierärztin Dr. Maxine Wells, bei der auch Carlotta, das Vogelmädchen lebte. Beide Menschen waren in den letzten Jahren zu meinen Freunden geworden.

Maxine und Carlotta hatten das Pech, immer wieder in Situationen zu geraten, die mit der Normalität oft nichts zu tun hatten. Auch sie mussten sich oft genug den Schwarzblütlern stellen und hatten mich dann als Unterstützer gefunden.

So war es auch diesmal. Es ging um einen in der Nähe liegenden Wald.

In ihm sollte es etwas Besonderes geben, und zwar einen Baum, unter oder in dem Blutsauger steckten. Das war verrückt, das war unglaublich, doch ich kannte mich und meinen Job, und ich wusste, dass oft das Unglaubliche zur Wahrheit geworden war.

Und hier?

Noch wussten wir keinen Bescheid. Den Wald gab es, und er lag in der Nähe der Ortschaft Wellbank, über die auch Maxine als Einheimische nicht viel sagen konnte. Es gab nichts Besonderes an diesem Ort. Es hatte nie einen Skandal gegeben, und es waren auch keine Mörder oder andere Verbrecher in diesem Ort gesichtet worden. Vampire erst recht nicht. Trotzdem war der Ort wichtig, weil er in der Nähe des Vampirwalds lag. Und Vampire brauchen Blut. Vielleicht hatten sich die aus dem Wald befreien können und waren jetzt unterwegs.

Niemand wusste es. Auch ich nicht. Ich hatte mit Fakten nicht unbedingt dienen können, und es hatte schon einen leichten Kampf zwischen meinem Chef und mir gegeben, bevor ich sein Okay für einen Flug bis nach Dundee bekam.

War ja nicht schlecht. Maxine Wells war eine tolle Frau. Sowohl als auch. Beides hatte ich erlebt, und ich glaubte nicht daran, dass wir in dieser Nacht getrennt schlafen würden. Es sei denn, das Vogelmädchen Carlotta hätte etwas Aufregendes gesehen.

Es war unterwegs.

Es wollte zu diesem Wald fliegen, zwar nicht landen, ihn aber überfliegen, obwohl das in meinen Augen keinen Sinn hatte, sie würde doch nichts erkennen können. Aber Carlotta hatte sich nicht beeinflussen lassen. Sie flog auch in der Kälte. Zudem bestand in der Dunkelheit kaum eine Chance, entdeckt zu werden.

Der Rotwein war köstlich. Als kleine Happen hatte Maxine Schokoladenstücke auf einem Teller verteilt. Zuerst war ich skeptisch gewesen, nun aber mundete mir die bittere Schokolade auch zum Roten.

Wir saßen nicht in ihrer Küche wie sonst so oft, sondern im gemütlichen Wohnraum, in dem es auch einen Kamin gab, in dem aber kein Feuer leuchtete. Wir verließen uns auf das Licht der Stehleuchten, die im Zimmer zwei helle Inseln hinterließen.

Wir saßen in bequemen Sesseln, die sich nicht direkt gegenüber standen, sondern schräg zueinander. Da konnten wir die Beine ausstrecken, und unsere Füße berührten sich, was Maxine ausnutzte. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und strich mit dem großen Zeh an meiner Wade entlang. Es war mir nicht unangenehm, und als ich sie anschaute, da lächelte sie verheißungsvoll. Maxine trug einen hellgrünen, dünnen Pullover, unter dem sich zwei gut geformte Brüste abzeichneten. Ihre Beine waren von einer beigefarbenen Samthose bedeckt. Sie hatte auf Strümpfe verzichtet, und so sah ich, dass ihre Zehennägel einen leicht violetten Lack erhalten hatten. Er passte sich denen der Fingernägel an und auch der Farbe des Lippenstifts.

Das dunkelblonde Haar trug sie immer ein wenig zerwühlt. Sie sah aus, als müsste sie sich erst einmal kämmen, um irgendwohin zu gehen. Aber die wilde Frisur stand ihr.

Maxine trank einen Schluck Rotwein, und als sie das Glas absetzte, nickte sie mir zu und sagte: »So kann es bleiben.«

»Wie meinst du das?«

»Wie ich es sagte. Ich brauche keine Veränderung. Wir können uns noch einen guten Schluck gönnen und legen uns dann hin. Ich bin sicher, dass uns niemand stören wird.«

»Aha. Du möchtest also durchschlafen?«, fragte ich grinsend.

»Später ja.«

»Aha. Und was ist mit Carlotta?«

»Je früher sie hier erscheint, umso mehr Zeit haben wir, denke ich mal.«

»Das ist nicht schlecht.« Ich reckte mich. »Aber wir sollten noch abwarten, obwohl mir die zweite Hälfte der Nacht schon gefallen könnte.«

»Mir auch«, erklärte Maxine und steigerte den Druck des Zehs an meiner Wade.

»Aber ich bin gekommen, um einen Fall aufzuklären.«

»Ja.« Maxine lachte. »Ja, das bist du. Aber manchmal kann ein Fall auch ein Schuss in den Ofen sein.«

»Aha. Eine Ausrede. Dann kann es möglicherweise gar keinen Vampirwald geben – oder?«

Maxine verzog das Gesicht. »Das wäre toll, aber daran kann ich nicht glauben. Nein, nein, auch wenn es sich komisch anhört, die Menschen hier wissen schon, mit was sie es zu tun haben, das auf jeden Fall, und mit solchen Dingen scherzt man nicht.«

»Aber für dich ist der Begriff neu gewesen.«

»Ja. Die Leute haben nicht darüber gesprochen. Zumindest nicht mit mir. Es kann auch sein, dass ich zu weit weg wohne. Zwischen mir und dem Wald liegt Dundee.«

»Dann hat Carlotta weit zu fliegen?«

»Das kannst du laut sagen.«

Ich runzelte die Stirn. »Und das bei dem Wetter. Spaß macht so etwas auch nicht.«

»Stimmt.«

Wir warteten, ließen die Zeit verstreichen, die wir nicht aufhalten konnten, und so schlich sich Mitternacht vorbei. Das überraschte uns beide.

»Jetzt wird es aber Zeit für Carlotta«, sagte ich.

»Stimmt.« Maxine runzelte die Stirn. »Ich könnte versuchen, sie über Handy zu erreichen.«

Ich sprach dagegen. »Würde ich nicht machen. Vielleicht hast du Pech und störst sie bei irgendwas. Es kann auch sein, dass du sie in Gefahr bringst.«

»Wenn man so denkt, muss ich dir recht geben. Also warten wir und hoffen, dass sie sich meldet.« Die Tierärztin nickte, legte eine Hand flach auf die Sessellehne, gab sich einen Ruck und stand auf. »Ich mache uns jetzt einen Kaffee«, sagte sie im Weggehen.

»Wunderbar, den können wir beide brauchen.«

»Und ob.«

Ich blieb allein zurück und konnte mich meinen Gedanken hingeben. Ob Carlotta in der Dunkelheit etwas finden würde, da hatte ich schon gewaltig meine Zweifel. Aber sie musste im Dunkeln fliegen. Im Hellen hätte sie zu leicht entdeckt werden können. Und dann wäre die Aufregung groß gewesen. Ein Mensch mit zwei Flügeln, das war schon mehr als ungewöhnlich.

Dass sich Vampire in einem Wald versteckten, sah ich nicht als so ungewöhnlich an. Sie mussten ja ihre Verstecke haben, wenn nicht in alten Gemäuern oder auch Särgen, die versteckt standen. Eine gewisse Justine Cavallo, die so etwas wie ein Supervampir war und alle anderen Blutsauger in den Schatten stellte, brauchte so etwas nicht. Sie bewegte sich auch im Hellen. Da hatte sie sich voll auf die Moderne eingestellt. Zudem war sie im Besitz des Blutsteins, der half ihr sowieso.

Immer wenn es um Vampire ging – auch theoretisch – musste ich automatisch an die Cavallo denken. Sie war so etwas wie ein Trauma für mich. Für eine Weile hatte sie sogar auf meiner Seite gestanden, war aber dann wieder in ihre richtige Position gewechselt, und jetzt waren wir keine Verbündeten mehr. Das hatte mir damals nie so recht gefallen, auch deshalb, weil Justine Blut brauchte.

Und das holte sie sich. Da war sie gnadenlos. Sie saugte die Menschen oder Opfer leer und tötete sie dann, weil sie nicht wollte, dass sie erwachten und als Blutsauger umherliefen. Da war sie schon konsequent.

Ich hörte ein Geräusch hinter der Tür, dann erschien Maxine Wells mit dem Kaffee. Tassen und die Kanne standen auf einem Tablett, das sie auf dem Tisch stellte, der zwischen uns stand.

»Ich hoffe, er schmeckt dir.«

»Bestimmt.«

»Na, na, na, wenn ich höre, was Glenda für einen tollen Kaffee kocht, dann …«

»Ja, sie ist unerreicht. Das muss ich ehrlich sagen. Aber ich kenne auch deinen Kaffee und weiß ihn zu schätzen.«

»Das sagst du nur so.«

»Nein, wirklich.« Ich griff zur Kanne und schenkte mir die Tasse gut ein. Der Duft wehte mir gegen die Nase, und ich hatte auch das Gefühl, den Kaffee auf der Zunge zu schmecken, obwohl er sich noch in der Tasse befand.

Wenige Sekunden später nicht mehr. Da schwappte er in meinen Mund. Da konnte ich ihn genießen. Ich tat, als wäre ich Fachmann und schlürfte ihn sogar.

Den Kommentar legte ich mir auch schon zurecht. Kam aber nicht dazu, ihn auszusprechen, denn genau in diesem Augenblick meldete sich das Festnetz-Telefon …

***

Das Vogelmädchen Carlotta war durch die kalte Luft geflogen, die ihr allerdings nicht viel ausgemacht hatte, denn sie trug eine entsprechend warme Kleidung.

Sie flog ruhig und sehr zügig. Pausen legte sie nicht ein. Die Dunkelheit schützte sie vor fremden Blicken, und auch andere Vögel gerieten ihr nicht in die Flugbahn.

Sie selbst atmete ruhig und immer tief durch. So brachte sie sich in einen wunderbaren Rhythmus und verlor auch keine Kraft. Den Wald erreichte sie schnell. Er lag vor ihr wie ein dunkles Gewässer. Aber sie sah auch einige wenige Lichter. Sie gehörten zu Wellbank, dem Ort, an den der Wald fast grenzte.

Carlotta hatte vor, den Wald zu überfliegen. Aber recht langsam und auch nicht so hoch. Knapp über den Bäumen wollte sie ihren Weg finden und war froh, dass die Bäume ihr Kleid verloren hatten. So gab es für sie eine gute Sicht.

Um sie herum war es ruhig. Nur das leise Rauschen war zu hören, das ihre Flügelbewegungen hinterließen. Unter ihr stand der Wald und schwieg. Er passte sich der Dunkelheit an, und aus dem Ort war auch nichts mehr zu hören.

Carlotta hoffte ja, dass sie eine Spur fand. Irgendeinen Hinweis auf Vampire im Wald, aber das passierte nicht. Es war einfach zu finster, und sie konnte auch nicht bis zum Boden schauen. Eigentlich war der Flug unnötig gewesen, aber sie hatte ihren Kopf durchsetzen müssen, und jetzt musste sie die Folgen tragen.

Carlotta glitt über die Gipfel der kahlen Bäume hinweg. Der Flugwind berührte sie kaum noch. Wenn sie ausatmete, dann sah sie, dass kleine graue Wolken entstanden.

Und weiter flog sie.

Sie würde bald die andere Breitseite des Waldes erreichen und fand sich damit ab, nichts gefunden zu haben.

Von einem Atemzug zum anderen änderte sich alles.

Sie hörte Stimmen. Frauenstimmen und das vor und zugleich unter ihr. Plötzlich wurde ihr heiß und kalt zugleich. Sie gewann wieder an Höhe, versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu machen und hielt an, da der Wald nicht mehr unter ihr lag.

Jetzt schwebte sie in der Luft. Man hätte schon sehr genau in die Höhe schauen müssen, um sie zu entdecken. Aber das tat niemand. Dafür sah sie besser.

Unter ihr standen drei Personen dicht beisammen. Wie Schatten sahen die Gestalten aus, aber es waren normale Menschen, die sich hier getroffen hatten, um auf etwas zu warten. Kein Problem für Carlotta, wieder zu drehen und wegzufliegen.

Das tat das Vogelmädchen nicht. Es wartete ab und fühlte sich in der Position recht wohl. Allerdings bewegte Carlotta auch ihre Arme. Aus einer Tasche holte sie ein Handy hervor, aus der anderen eine kleine Taschenlampe, die allerdings recht lichtstark war.

Die drei Personen sprachen. Es waren tatsächlich nur Frauen, eine Männerstimme nahm sie nicht wahr. Dass dieses Trio hier stand und das zu dieser Zeit, das ließ nichts Gutes erahnen.

Sie horchte.

Zwar unterhielten sich die drei, aber zu verstehen war nichts. So wusste sie nicht, um was es ging, aber ihre Neugierde war nicht zu stoppen. Sie wollte mehr wissen. Dass sich um diese Zeit drei Frauen vor einem Wald trafen, das war schon mehr als ungewöhnlich. Und so glaubte sie, dass andere Dinge dahinter steckten, möglicherweise eine Diskussion über den Vampirwald.

Sie bekam keine Bestätigung. Aber sie machte eine Entdeckung. Carlotta hatte den Eindruck, dass die drei Frauen nach Wellbank gehen wollten, darauf deutete ihr Verhalten hin.

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