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John Sinclair - Folge 1916

Totenreich

Es war der erste Schnee gefallen, und der alte Schneider hatte mal wieder recht mit seinem Standardsatz gehabt.

»Draußen ist es jetzt so kalt wie der Tod!«

Dem stimmte Tamina Block zwar nicht zu, aber wenn sie aus dem Fenster schaute, dann sah sie die mit Schnee bedeckten Bäume, auf denen die weiße Pracht lag, weil der Frost in den Nächten schon recht hart gewesen war.

Auch jetzt schneite es. Tamina Block stand am Fenster und schaute hinaus. Sie sah den Flocken nach, die golden schimmerten, wenn sie den Lichtschein der einsamen Laterne erreichten und dann langsam zu Boden sanken …

Die Berge waren nicht zu sehen. Sie hatte die Dunkelheit verschluckt. Allerdings war es noch keine Nacht, sondern Abend. Im Ort war es längst still geworden. Eine fast weihnachtliche Ruhe lag über den Häusern. Der Schnee schien alle anderen Geräusche verschluckt zu haben.

Tamina strich über ihr langes naturschwarzes Haar. Eigentlich hätte sie die Stille genießen müssen, doch das tat sie nicht. Es war schon seltsam. Sie fühlte sich innerlich aufgeregt, auch unsicher, und so fragte sie sich, wie es dazu kam.

Einen Grund gab es nicht. Zumindest keinen akzeptablen. Es war alles in Ordnung, und wer nach draußen blickte oder durch den Ort ging, der konnte von einer friedlichen Vorweihnachtszeit sprechen. Das hätte der 30-Jährigen die nötige Ruhe bringen müssen, aber es war nicht der Fall.

Sie schlucke und hatte den Eindruck, dass ihr eine innere Stimme riet, am Fenster zu bleiben. Das tat sie auch, blickte weiterhin ins Freie, als gäbe es dort etwas Besonderes zu entdecken. Aber da war nichts.

Das machte sie etwas ruhiger, und sie dachte daran, dass sie sich einen Tee zubereitet hatte. Er war noch heiß genug, um ihn zu trinken. Man konnte von einem weihnachtlichen Getränk sprechen, denn der Tee hatte auch einen Hauch von Zimt.

Tamina Block goss den Tee in die große Tasse mit den Weihnachtssternen. An der Außenseite spürte sie auch die Wärme und stellte erst jetzt fest, dass sie recht kalte Hände hatte.

Eigentlich hätte sie in der Küche bleiben können. Das tat sie nicht, denn sie ging wieder in den Wohnraum und stellte sich erneut vor das Fenster, um ins Freie zu schauen und sich auch den Weg anzusehen, der gerade noch zu erkennen war. Aber nur, weil ein Schneeräumer einmal dort hergefahren war.

Tamina wartete. Es kam ihr tatsächlich vor wie ein Warten, obwohl sie nicht wusste, auf was sie wartete. Sie sah nach draußen und nippte an ihrem Tee mit dem weihnachtlichen Aroma. Die Flocken fielen noch immer, aber nicht mehr so intensiv. Der Schneefall hatte schon nachgelassen.

Und dann wurde alles anders. Das passierte innerhalb eines langen Augenblicks. Das Gefühl, dass sich die Zeit dehnte, das überkam die einsame Beobachterin schon.

Etwas bewegte sich vor dem Haus. Es fing außerhalb des Lichtscheins an. Noch konnte sie nicht genau erkennen, um was es sich handelte. Dass es ein Mensch war, davon ging sie aus, kein Tier war so groß, und als die Bewegung sich dem Lichtkreis noch mehr näherte, da wusste sie Bescheid. Es war ein Mann, der auf das Haus zuging. Nein, das war wohl der falsche Ausdruck, denn er ging nicht, er wankte oder schwankte bei jedem Schritt. Es hatte den Anschein, als könnte er sich nur mit großer Mühe auf den Beinen halten.

Nur das war keine Täuschung, nach wenigen Schritten war es dann mit ihm vorbei. Da hob er die Arme an und kippte nach vorn. Es sah so aus, als wollte er nach einem Halt greifen. Da war keiner, und er fiel bäuchlings in den Schnee.

Er blieb dort liegen und die weichen Flocken landeten auf seinem Rücken. Das alles sah Tamina mit an, und es kam ihr vor wie ein böser Traum, der leider keiner war.

Tamina wusste, was sie tun musste. Sie konnte den Mann auf keinen Fall im Schnee und der Kälte liegen lassen. Er würde dort trotz seiner Kleidung erfrieren. Da gab es für sie nur eine Alternative. Nach draußen gehen und den Mann ins Haus holen.

Sie ahnte, dass es schwer würde, denn ein Leichtgewicht war der Mann bestimmt nicht. Sie war allein, es gab keine Hilfe, und doch musste sie raus. Das verlangte die reine Menschlichkeit. Sie wartete noch einen kurzen Zeitraum ab und erlebte keine Veränderung. Der Mann bewegte sich auch nicht, und zum ersten Mal kam ihr in den Sinn, dass er unter Umständen tot war.

Der Gedanke ließ sie trotz der Wärme im Haus frieren. Sie drängte ihn aus ihrem Kopf und zog sich einen Mantel über. Um den Hals wickelte sie einen Wollschal, nahm den Schlüssel mit und ging nach draußen.

Es schneite noch immer sehr langsam. Jede Flocke erwischte ihr Gesicht wie ein kalter Tropfen. Jetzt spürte sie auch den Wind, der zwar schwach, aber trotzdem spürbar war.

Sie senkte den Kopf und stapfte durch den Schnee, der ihr doch bis zu den Schienbeinen reichte. Auf dem Rücken des Mannes lag bereits ein weißes Tuch. Es wurde Zeit, dass er ins Haus kam. Sekunden später stand Tamina neben ihm. Sie schaute nach unten und sah, dass sich der Mann nicht bewegte. Zum Glück war sein Kopf etwas zur Seite gedreht, so hatte er nicht ersticken müssen. Aber atmete er überhaupt?

Ja, er atmete.

Tamina sah es deshalb, weil der Schnee vor seinen Lippen geschmolzen war, und das konnte nur durch den warmen Atem passiert sein. Da war sie schon froh.

Aber das Schwerste lag noch vor ihr. Sie musste den Mann bewegen und dann ins Haus schaffen. Anheben konnte sie ihn nicht. So gab es für sie nur eine Möglichkeit. Sie musste ihn packen und durch den Schnee auf das Haus zuziehen.

Zuvor versuchte sie, ihn mit anderen Mitteln wach zu bekommen. Sie sprach ihn an und rüttelte ihn auch, wobei sie hoffte, einen Erfolg zu erreichen.

Der trat leider nicht ein. Sie sprach, sie schlug gegen seine Wange, aber der Mann blieb liegen, ohne dass er eine Reaktion zeigte. So blieb ihr nur die Ochsentour. Sie fasste den Mann an den Handgelenken und zog die Arme über seinen Kopf und die Schultern hinweg.

Tamina zog. Es war ihr Glück, dass der Boden durch den Schnee eine gewisse Glätte zeigte. So geriet der Körper in Bewegung, und sie konnte ihn auf das Haus zuziehen.

Es war dennoch anstrengend. Der Dampf vor ihren Lippen wollte einfach nicht aufhören, und sie hörte sich selbst keuchen.

Aber es klappte. Der Mensch rutschte immer näher auf das Haus zu und damit der offenen Tür und auch der Wärme entgegen.

Die Gestalt glitt ins Haus und vom Flur zerrte sie ihn durch die offene Tür ins Wohnzimmer.

Tamina Block verharrte. Sie musste sich erst fangen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, um erst mal Atem zu schöpfen. Die Aktion hatte sie angestrengt und unter dem dicken Mantel sogar ins Schwitzen gebracht.

Sie behielt die Ruhe und richtete den Blick auf das Gesicht des Mannes. Der Schnee auf seiner Haut war mittlerweile getaut, so war sie nur noch nass. Er hatte keine Mütze getragen, so waren die Haare auch nass geworden.

Sein Gesicht sah recht männlich aus. Die Schatten eines Barts bedeckten es. Der Mund war ein wenig geöffnet, aber Atemzüge waren nicht zu hören.

Tamina hoffte, dass sie sich nicht geirrt hatte und sie letztendlich keine Leiche ins Haus geholt hatte, aber der Gedanke wollte einfach nicht weichen.

Kein Atmen. Kein Luftholen. Das war mehr als ungewöhnlich. Da konnte etwas nicht stimmen. Aber sie glaubte auch nicht, dass sie einen normalen Toten vor sich hatte.

Da musste es noch etwas anderes geben, und darüber dachte sie nach. Der Gedanke kam ihr, und ihr fiel auch ein Begriff ein. Der hieß Zustand. Da befand sich ein Mensch in einem bestimmten Zustand. Er war nicht tot, aber auch nicht richtig lebendig. Der existierte in einem seltsamen Zwischenstadium.

Was konnte er dann sein?

Die Gedanken der jungen Frau rasten. Sie lebte zwar recht einsam, aber trotzdem war das Leben nicht einfach an ihr vorbei gelaufen. Es gab das Internet, und das war in den einsamen Gegenden besonders wichtig für die Menschen.

Und dann passierte es doch, ohne dass sie etwas dazu beigetragen hätte. Der Mann schlug die Augen auf. Tamina blickte nach unten und sah genau in die Augen hinein.

Da gab es die Pupillen.

Etwas anderes sah sie nicht. Sie waren einfach dazu da, um genauer angesehen zu werden. Denn sie besaßen eine Farbe, wie Tamina sie bei einem Menschen noch nie zuvor gesehen hatte.

Silbern schimmerten sie.

Tamina Block schluckte. Dann atmete sie, und es hörte sich stöhnend an. Dieser Mann war etwas Besonderes, das stand für sie fest. Sie kannte keinen Menschen mit silbernen Pupillen. Der hier besaß welche. Sich darauf einen Reim zu machen, das war ihr nicht möglich.

Die Augen waren geöffnet. Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, von ihm gesehen worden zu sein. Wenn es überhaupt so etwas wie einen Blick gab, dann war er nach innen gerichtet.

Was soll ich tun? Soll ich ihn rütteln, bis er wieder aus seinem Zustand erwacht ist?

Eine andere Möglichkeit fiel ihr nicht ein, und dann sah sie, dass sich etwas bei ihm tat.

Um die Augen herum zuckte es. Auch die Lippen öffneten sich weiter. Dann war ein leises Stöhnen zu hören, und die Augen bekamen einen anderen Ausdruck. Das Silberne verschwand, plötzlich blickten sie so klar wie Eiswasser, und sie starrten direkt in das über dem Kopf schwebende Gesicht der Frau.

»Hallo«, sagte sie.

Er gab keine Antwort. Aber er deutete beim Aufrichten so etwas wie ein Nicken an.

Das tat ihr schon mal gut, und sie traute sich jetzt an eine Frage heran.

»Wer bist du?« Eigentlich hatte sie so schnell keine Antwort erwartet, doch da irrte sie sich, denn sie hörte den leise gesprochenen Satz.

»Ich bin ein Engel!«

***

Tamina Block glaubte, sich verhört zu haben. Sie sagte erst mal nichts. Ihr Kopf blieb sekundenlang leer, dann aber drehten sich die Gedanken. Es war für sie schwer, eine Frage zu formulieren, obwohl sie ihr auf der Zunge lag.

»Bitte, was bist du?«

»Ein Engel, das sagte ich doch.«

Tamina nickte sehr langsam. Sie lachte nicht, doch ihr Blick verriet eine große Skepsis, bevor sie die nächste Frage stellte. »Und wo sind deine Flügel?«

»Die habe ich nicht.«

Sie sprach dagegen. »Aber Engel haben doch Flügel. Das – das – ähm – weiß ich.«

»Woher denn?«

»Man sagt es.«

»Nein, nicht alle Engel haben Flügel. Da gibt es schon einige Unterschiede.«

»Aha.« Mehr sagte sie nicht, weil sie nicht wusste, was sie da sagen sollte. Plötzlich sollte sie daran glauben, dass es Engel gab. Sogar welche ohne Flügel und wie normale Menschen aussehend. Hinzu kam die Schwäche dieser Gestalt. Sie war durch den Schnee gewankt, als hätte sie Schuhe aus Blei getragen.

»Hast du auch einen Namen? Ich bin übrigens Tamina Block.«

»Du kannst mich Julian nennen.«

»Okay. Aber wie kommt es, dass du hier auftauchst und ziemlich kaputt bist?«

»Das ist einfach zu erklären. Man hat mich gejagt. Ja, es war eine Meute hinter mir her.«

Tamina kaute auf ihrer Lippe. »Darf ich fragen, wer diese Meute ist? Der Begriff selbst ist mir zu allgemein. Kannst du da nicht genauer werden?«

Julian warf ihr einen langen Blick zu, bevor er sich entschloss, ihr eine Antwort zu geben. »Ich will es mal so sagen und es auf eine menschliche Ebene bringen. Ich bin ein Engel. Und Engel verbindet man mit dem Himmel. Aber es gibt auch das Gegenteil davon.«

»Die Hölle«, sagte Tamina.

»Perfekt. Himmel und Hölle sind wie Feuer und Wasser. Man hasst sich, man ist einfach zu gegensätzlich. Man bekämpft sich, und das Böse ist auch durch den absoluten bösen Engel manifestiert, dieser gefallene Engel, der auf den Namen Luzifer hört.«

»Aha, das ist ja schon ein Blick in die Genesis.«

»Kann man so sagen. Und der Kampf Gut gegen Böse geht immer weiter. Egal wo.«

»Sie haben dich also gejagt und tun es noch immer. Wie soll ich sie denn nennen?«

»Höllendiener. So wie wir Diener des Guten sind, muss man von ihnen sagen, dass sie auf der Seite des Teufels stehen, und das mit voller Konsequenz.«

»Das habe ich jetzt verstanden, Julian. Ich habe die Engel nur immer für sehr starke Persönlichkeiten gehalten. Ich habe sie als mächtig eingestuft …«

»Das sind wir auch. Aber du darfst nicht vergessen, dass die andere Seite auch ihre Kämpfer hat. Und die kennen keine Gnade. Sie hassen uns, sie selbst hätten vielleicht auch zu Engeln werden können, aber das ist nicht so gelaufen. Sie waren einfach zu gierig und sind auf die falschen Versprechungen reingefallen.«

»Puh«, sagte Tamina und strich durch ihr pechschwarzes Haar. »Das ist wirklich ein Hammer. Ich denke mal, dass du aus einer für mich fremden Welt stammst. Oder?«

Julian nickte. »Ja, aus der Welt der Engel. Aber ich stehe in einem unteren Rang.«

Darauf ging die junge Frau nicht ein. »Und woher kommen deine Verfolger? Gibt es da auch Ränge?«

»Sie stammen aus dem Totenreich.«

Da schnappte Tamina nach Luft. »Meinst du das im Ernst? Aus dem Totenreich?«

»Sonst hätte ich es nicht gesagt. Ich kann aber auch Hölle oder Höllenreich sagen.«

»Das käme mir entgegen, wenn sie dem Teufel gehorchen.« Tamina schüttelte den Kopf. »Meine Güte, was ich in der kurzen Zeit alles gehört habe, ist so unwahrscheinlich. Trotzdem glaube ich es und weiß, dass du mich nicht an der Nase herumführst.«

»So ist es.«

Tamina überlegte erneut einige Sekunden und fragte dann: »Wie soll es weitergehen?«

»Es gibt nur eine Lösung.«

»Und die wäre?«

Julian lächelte. »Ich habe mich ausruhen dürfen. Das ist schon viel, denke ich. Jetzt aber muss ich weiter. Ich will dich nicht in eine bedrohliche Lage bringen.«

»Bringst du doch nicht.« Tamina klatschte in die Hände. »Ganz und gar nicht. Die anderen sind hinter dir her. Woher sollen sie wissen, dass du hier Schutz gefunden hast?«

Julian rückte mit der Wahrheit heraus. »Sie waren mir schon dicht auf den Fersen, und bei diesem Wetter habe ich leider Spuren hinterlassen. Spuren im Schnee.«

»Ja, das ist nicht gut.«

»Sie werden sie entdeckt haben und wissen, dass ich nur dort sein kann, wo die Spuren aufhören.

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