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John Sinclair - Folge 1913

Das Kettenmonster

Der Schrei der Frau durchbrach die Stille der Nacht wie ein Trompetenstoß. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen und hatte nicht nach vorn geschaut.

Jetzt aber stand ER auf dem Weg.

ER – der Unmensch, von dem sie schon viel gehört hatte. Gesehen hatte sie ihn nicht, aber jetzt war er da, und das war keine Täuschung …

Die Tasche mit den Äpfeln wurde ihr plötzlich zu schwer. Sie ließ den Griff los, so fiel die Tasche zu Boden und konnte sie bei einer eventuellen Flucht auch nicht behindern. Und fliehen musste Amely, das stand fest. Der Unmensch kannte keine Gnade. Oft genug war über ihn gesprochen worden. Sie hatte Geschichten gehört, und zu viele Menschen waren schon zu seinen Opfern geworden.

Jetzt also stand er vor ihr und bewegte sich nicht. Das tat sie auch nicht, sie blieb dort stehen wie eingefroren, aber sie bemerkte schon das andere, das eklige.

Es war der Geruch. So widerlich, so abstoßend. So wie er rochen alte Leichen, das wusste Amely. Den Gestank hatte sie leider schon oft mitbekommen. Oft hatten die Toten bei heißem Wetter zu lange gelegen, um erst später begraben zu werden.

Die junge Frau sagte nichts. Sie hielt den Atem an. Nur ihre Augen bewegten sich. Die suchten nach einem Fluchtweg, denn sie glaubte nicht, dass der Unmensch verschwinden würde.

Der Ausdruck Unmensch passte nicht so recht. Die Gestalt war ein Monster. Ein fürchterliches Geschöpf, auch größer als ein normaler Mensch. Und für ihre Flucht hatte Amely schlechte Karten. Die beiden Wegseiten waren nicht frei. Zwar wuchs dort kein Wald, aber Büsche. Die musste sie erst mal überwinden, wenn sie fliehen wollte. Das schien nicht zu gehen, und weiterhin stand das menschliche Tier vor ihr.

Ja, sie hatte schon von ihm gehört. Von dem Tier, das tötete. Die Menschen in der Umgebung hatten davon berichtet. Einige waren ihm ja entkommen und dienten als Zeugen.

Es wurde viel über ihn gesprochen, doch die Leute waren zu keinem Ergebnis gekommen. Keiner traute sich an dieses Monster heran.

Dann aber hatte einer die Idee gehabt, dass diese Gestalt eine Ausgeburt des Bösen war. Vielleicht sogar vom Teufel persönlich geschickt. Und dagegen konnte man etwas unternehmen, wenn auch nicht selbst, sondern durch Personen, die den Teufel hassten.

Und da gab es welche!

In der Nähe befand sich ein Kloster, das auch besetzt war. Die Leute kannten die frommen Männer, sie standen in einem Handel mit ihnen, und auch der Abt Stephanus war ihnen bekannt.

Ja, und so war eine Gruppe Männer zum Kloster gegangen und hatte dort mit den Mönchen gesprochen. Stunden später waren sie erst zurückgekehrt, und jetzt setzten die anderen Menschen ihre Hoffnungen auf die Wissenden.

Die hielten sich zurück. Manchmal zuckten sie mit den Schultern. Oder lächelten auch. Das war alles, und so wussten die Bewohner nicht, was denn nun passieren sollte.

Sie sollten sich in Geduld üben, hatte es geheißen.

Und genau diese Geduld hatte Amely in die Bedrängnis gebracht. Sie wusste sich nicht mehr zu helfen, als zu schreien. Vielleicht hielt das den Unmenschen ab, sie zu töten.

Sie riss den Mund auf.

Eine Pranke war schneller. Sie klatschte in ihr Gesicht, als wollte sie ihr die Zähne ausschlagen. Amely taumelte zurück und zugleich zur Seite. Das war ihr Pech, denn dort stand die Tasche mit den Äpfeln. Sie war recht schwer und kippte nicht, als Amely dagegen stieß, das Gleichgewicht verlor und stürzte.

Der Weg war hart, zudem ein steiniger Untergrund. Sie riss sich den rechten Handballen auf, aber das alles war jetzt nicht wichtig. Der Unmensch stieß einen gierigen Laut aus und ging einen Schritt nach vorn. Dann beugte er sich über sie.

Es war der schlimmste Albtraum, den sie sich vorstellen konnte. Einfach nur grauenhaft. Davon hatte sie in ihren tiefsten Träumen geträumt, und jetzt war dieses Bild zur Wirklichkeit geworden.

Sie sah seine Hände. Nein, das waren keine Hände, sondern Klauen. Gewaltig wie Schaufeln kamen sie ihr vor. Und die schwebten über ihr. Sie würden sich im nächsten Moment um ihren Hals legen, zudrücken und ihr das Leben nehmen.

Sie sah auch das Gesicht. Eine große bleiche Fratze mit tief in den Höhlen liegenden bösen Augen, die keine Gnade kannten und nur das Morden liebten.

Das Monstrum packte zu. Amely wurde in die Höhe gezerrt und näherte sich dem Gesicht, in dem sich jetzt der Mund öffnete und das freigab, was er bisher verborgen hatte.

Es waren die Zähne.

So hätte es sein müssen, aber letztendlich sahen sie aus wie glänzende Stifte. Das war ein Reißgebiss. Mit ihm konnte der Unmensch alles wegreißen, was sich in seiner Gewalt befand.

Das hatte er auch vor!

Amely konnte nichts tun. Einfach nur auf ihren Tod warten, was furchtbar war. Sie war noch so jung, sie war …

Schreie!

Auf einmal waren sie da. Aber nicht sie hatte geschrien, auch das Monster nicht. Die Schreie waren aber in der näheren Umgebung aufgeklungen, und das erlebte die junge Frau wie ein Wunder. Zumindest kam ihr das so vor, denn plötzlich kippte das Monstrum nach hinten. Etwas klirrte, und dann sah Amely die glänzende Kette, die erst durch die Luft huschte und sich dann um den Hals der Gestalt legte.

»Ja, ja«, brüllte eine Männerstimme, »zieht endlich zu, dann haben wir es hinter uns!«

Man gehorchte dem Sprecher. Was genau passierte, sah die junge Frau erst, als sie sich aufgerichtet hatte.

Es waren mehrere Männer, die plötzlich an ihrer Seite standen. Sie hatten es geschafft und eine Eisenkette um den Hals der Gestalt gewunden. Und das mehrmals. Mehrere Männer zugleich hielten die Kette an ihrem anderen Ende fest.

Jetzt zerrten sie daran.

Der Unmensch hatte keine Chance, sich gegen die Kraft dieser Männer zu wehren. Er versuchte noch, einen Gegendruck aufzubauen, das gelang ihm nicht mehr. Die Kraft zerrte ihn zurück, wobei sich die Leute gegenseitig anfeuerten.

Und sie hatten Glück.

Das Monstrum auf zwei Beinen taumelte nach hinten und konnte sich dann nicht mehr halten. Es stolperte über seine eigenen Füße. Sich zu fangen, war ihm nicht mehr möglich.

Und so landete die Gestalt auf dem Rücken. Rücklings schlug sie auf. Bei dem Aufprall dröhnte es. Sofort waren andere Menschen da und schlugen auf den Körper ein.

Bis jemand mit lauter Stimme »Halt!« rief.

Die Männer hielten ein. Der Erfolg war da. Sie hatten den Unmenschen am Boden. Derjenige, der gerufen hatte, trat aus dem Dämmerlicht nach vorn. Er trug eine besondere Kleidung. Es war eine Kutte, die um seinen Körper hing.

Der Mönch näherte sich dem Schauplatz des Geschehens, und eine Männerstimme sagte: »Endlich, Abt Stephanus, endlich.«

Der Abt sagte nichts. Er blieb stehen und drehte seinen Kopf. Dann winkte er mit dem linken Arm. Diese Geste galt einer Gestalt, die sich bisher etwas zurückgehalten hatte, sich aber nun beeilte und seine Schritte beschleunigte.

Es war ebenfalls ein Mönch, der neben dem Abt stehen blieb. Er hatte seine Kapuze hochgeschoben und hielt einen mit einem Deckel versehenen Topf mit beiden Händen fest.

Der Abt schaute ihn an und nickte ihm dann zu. Es war das Zeichen. Das Gefäß wurde auf den Boden gestellt. Dann hob der Mönch den Deckel ab.

Genau das hatte der Abt gewollt. Jetzt hatte er freie Bahn und konnte das ausführen, was ihn schon so lange beschäftigt hatte. Zuviel war geschehen, die Menschen konnten sich das nicht mehr bieten lassen von diesem widerlichen Höllengeschöpf.

Der fromme Mann hob das Gefäß mit beiden Händen an. Sein Gesicht versteinerte dabei. Zahlreiche Augen beobachteten ihn. In den Gesichtern stand der Respekt, den die Menschen dem Abt entgegen brachten.

»Ich werde dich für das bestrafen, was du den Menschen angetan hast. Du wirst danach verscharrt wie ein räudiger Hund, denn mehr bist du auch nicht wert.«

Das Monstrum hatte alles gehört. Es lag auf dem Rücken, und die Glieder der Kette umschlangen seinen Hals. Ein paar Mal hatte es versucht, sich zu befreien, das war ihm nicht gelungen, denn als die Männer das bemerkten, hatten sie die Kette noch fester zugezogen.

Der Abt ging auf den Gefangenen zu und blieb neben seinem Kopf stehen. Das Gefäß hielt er auch jetzt noch in der Hand. Er senkte den Blick und schaute in das Gesicht. Er sah diesen bösen Ausdruck und musste einfach etwas sagen.

»Du bist ein Mensch, aber du bist nicht von Gott geschaffen, denn ich sehe in dir eine Brut des Teufels. Ja, der Satan hat in dir einen tollen Ableger. Du riechst nach Leiche, nach Tod, nach Verwesung, und doch bist du noch am Leben.

Das ist grauenhaft. Das kann ich nicht zulassen, und deshalb werden wir dich zeichnen, bevor wir dich mit Ketten gefesselt in die Grube werfen, die wir bereits für dich ausgehoben haben.«

Jeder hatte zugehört. Auch Amely hatte die Worte verstanden. Sie konnte noch immer nicht so recht begreifen, dass sie gerettet war. Sie hatte mehrere Kreuzzeichen hintereinander geschlagen und wollte erneut damit beginnen, als sie sah, wie der Abt seine beiden Arme bewegte.

Die Hände hielten das Gefäß mit einem Inhalt, über dessen Oberfläche ein schwacher Dampf schwebte. Wasser war es nicht. Das wäre längst erkaltet. Es war eine Flüssigkeit, die schwerer als Wasser war und in das Gesicht des Gefangenen geschüttet wurde.

Das war grausam. Amely schaute zu. Sie kannte die träge Flüssigkeit nicht, aber sie war schlimm, denn der Unmensch hörte nicht auf zu schreien. Es waren mehr Laute der Wut. Trotz der Kette um seinen Hals gelangen ihm einige Kopfbewegungen. Die aber reichten auch nicht aus, um dem Schicksal zu entgehen.

Die Flüssigkeit verteilte sich auf dem Gesicht. Besonders dort, wo sich die Stirn befand. Da rutschte das Zeug zu beiden Seiten hin weg und breitete sich neben dem Kopf aus. Zudem waren Geräusche zu hören, die keinem gefallen konnten. Ein Zischen, das auch den Weg der Säure nach unten begleitete.

Das Zeug fraß. Nicht schnell, sondern mit einer nahezu tödlichen Langsamkeit. Es hatte die Haut schon in Mitleidenschaft gezogen und sie eingeätzt.

Der Abt kippte nichts mehr nach. Er stand unbeweglich neben der Gestalt und hielt seinen Blick gesenkt. Er war zufrieden, das zeigte auch sein Nicken an.

Dann drehte er sich auf der Stelle im Kreis und sagte mit halblauter Stimme: »Es reicht. Er hat genug. Er wird sich auch nicht wehren. Auch ein Monster wie er hat eine Grenze. Wir haben sie ihm gezeigt. Und jetzt zum zweiten Teil unserer Aufgabe. Packt ihn und bringt ihn dorthin, wo er sicher ist und auch wir sicher sind.«

Einer der Männer fragte: »Ist er denn tot?«

Der Abt winkte ab. »Das interessiert mich eigentlich nicht. Er ist bald weg, und nur das zählt.« Er trat noch mal an die Gestalt heran und sah, dass deren Gesicht stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Da hatte die träge Flüssigkeit ganze Arbeit geleistet. Mit einer Hand deutete der Mönch in die Runde. »Wir haben es fast geschafft, und ich denke, dass wir dies feiern sollten. Kommt hoch ins Kloster. Dort werden wir uns mit wunderbaren Getränken versorgen. Alles was wir trinken, haben wir selbst gebraut.«

Das war natürlich perfekt. Die Leute wussten genau, dass sich die Mönche im Brauen von Bier und Herstellen von Schnäpsen und Likören gut auskannten.

Amely hatte alles gehört. Sie würde sich nicht daran beteiligen. Sie war eine Frau, und die Mönche bildeten eine reine Männergesellschaft. Sie sagte nichts, sie schaute nur zu, wie die Gestalt weggeschleift wurde. Die Männer nahmen einfach die Enden der Kette und zogen daran. So schleifte der Unmensch über den Boden hinweg und seinem Grab entgegen, das schon ausgehoben war.

Nicht auf einem Friedhof. Nein, ein geweihtes Gelände durfte es nicht sein, die Mönche hatten einen anderen Platz bestimmt. Das war nahe einer Mauer, die zu einem Haus gehörte, das abgebrannt war und in dem alle Menschen verglüht waren. Es hatte geheißen, dass sie Ketzer und Abtrünnige vom Glauben waren. Da hatten sie keinen Platz auf dem normalen Friedhof verdient. Ihre Asche hatte man verstreut.

Die Männer zogen den Leichnam weg. Bald entschwand er den Blicken der jungen Frau. Sie spürte ein Zittern in ihren Gliedern. Jetzt wusste sie die Dinge erst richtig einzusortieren.

Sie war dem Unhold entkommen, der jetzt neben der Mauer in das schon bereitstehende Loch geworfen wurde. So schnell konnte das gehen. Vor Kurzem noch ganz oben, und jetzt der große Verlierer. Aber das Leben war gerecht. Sie glaubte daran, ging ein paar Schritte vor und schlug dann ein Kreuzzeichen.

Das tat ihr gut.

Der Druck verschwand.

Amely drehte sich um und ging dorthin, wo die Tasche mit den Äpfeln lag. Die nahm sie hoch, und jetzt freute sie sich darüber, dass sie die Äpfel noch tragen konnte, auch wenn sie recht schwer waren. Vor Kurzem noch hatte sie gedacht, sie würde nie mehr Obst essen können, aber das hatte sich zum Glück geändert.

Das Trinkgelage der Männer ging sie nichts an. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause und sich ins Bett legen …

***

Das tat Amely auch. Die Mutter wartete nicht auf sie, um ihr eine neue Aufgabe zu geben. Sie und der Vater schliefen. Auch die beiden kleinen Geschwister lagen in zwei Wiegen.

Mit den drei anderen musste sich Amely den Raum teilen. Das passte ihr zwar nicht, aber es ging nicht anders. Für sie war das kleine schiefe Haus nichts mehr als eine Hütte.

Wie oft hatte sie auf dem Strohsack gelegen und davon geträumt, zu verschwinden. Andere Länder sehen, andere Welten. Menschen, die etwas auf sich hielten, die auch schöne Kleidung hatten. Als Frau am Hof eines Dukes oder eines Earls, das war schon etwas, da konnte sie schöne Kleider überstreifen. Da konnte sie baden und sich dann einparfümieren. Es würde eine wunderbare Zeit werden.

Doch was blieb ihr in Wirklichkeit? Eltern, Geschwister und viel, viel Arbeit.

Es war mal wieder eine Nacht, in der sie schlecht schlafen konnte. Das heißt, sie schlief gar nicht ein. Das leise Schnarchen der Geschwister hörte sie und auch das Rascheln des Strohs, wenn sie sich auf der Unterlage bewegten.

Nein, sie hielt es nicht aus. Es kribbelte bei ihr. Auf keinen Fall wollte sie im Zimmer bleiben. Der Geruch war auch schlimm für sie.

Nach draußen gehen. In die Nacht hinein gehen. Sich irgendwo hinsetzen und einfach nur abwarten.

Amely musste nur ein paar wenige Schritte gehen, um die Haustür zu erreichen. Den Holzriegel zog sie zur Seite, dann war der Weg ins Freie da. Die ersten Schritte ging sie schnell, weil sie vom Haus wegkommen wollte. Doch sie brauchte keine Angst zu haben, dass man sie entdeckte. Die Menschen im Dorf schliefen. Nicht aber die, die mit den Mönchen gegangen waren. Sie waren noch zu hören. Das Kloster lag auf einer kleinen Anhöhe, und die Stimmen der Männer schallten zu Amely hinunter. Zudem sah sie auch das Flackerlicht des Feuers, wie es gegen den Himmel stieg und über die Klostermauern hinweg brannte.

Das war nicht ihr Ziel. Amely hatte sich etwas anderes vorgenommen. Das lag ihr einfach auf der Seele. Es brannte in ihrem Herzen. Sie wollte dorthin gehen, wo das Monster tief in der Erde lag. Den richtigen Grund kannte sie auch nicht. Sie spürte nur einen inneren Drang. Sie musste dorthin gehen.

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