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John Sinclair - Folge 1909

Der Blutmixer

»Doktor Wells, das ist eine Überraschung. Sie rufen mich an?«

»Genau, Mister Sinclair.«

»Gut. Und was kann ich für Sie tun, bitte schön?«

»Sie müssen zu mir kommen.«

Der Wunsch überraschte mich. Deshalb meine Frage. »Um was geht es denn?«

»Um Blut, Mister Sinclair. Um ein ganz besonderes Blut. Alles Weitere später …«

Obwohl wir Sonntagabend hatten, setzte ich mich in den Rover und fuhr los. Über den Verkehr um diese Zeit wollte ich nicht nachdenken, aber ich steckte auch fest. Das konnte am Regen liegen, der sich über der Stadt ausgebreitet hatte. Zudem gab es viele Menschen, die unterwegs waren, um die Kinos oder Theater zu besuchen.

Wenn ich anhalten musste, bekam ich Zeit, über den Anrufer nachzudenken. Doktor Wells war Arzt. Sein Spezialgebiet war das Erforschen von Giften. Er bezeichnete sich als einen Toxikologen. Aber er war auch ein Spezialist für Blut. Das wusste ich. Da hatten wir schon einige Male seine Hilfe in Anspruch genommen, und er lachte uns keinesfalls aus, wenn es um Vampire ging und um das Blut, das sie getrunken hatten. Er hatte bei seinem Anruf von einem besonderen Blut gesprochen. Sonst hätte er mich auch nicht angerufen. Möglicherweise handelte es sich um altes Vampirblut. Da schloss ich wirklich nichts aus.

Dr. Wells war nicht bei Scotland Yard und auch nicht bei der Metropolitan Police angestellt. Er betrieb ein privates Labor und arbeitete auf Honorarbasis. Allerdings nicht nur für uns, da gab es auch noch andere Institutionen, die sich seiner Hilfe bedienten.

Ich ging zudem davon aus, dass seine momentane Entdeckung schon sehr ungewöhnlich sein musste. Sonst hätte er mir nicht Bescheid gesagt. Aber das würde ich noch alles erfahren, wenn ich ihm gegenüberstand.

Sein Labor lag südlich des Hyde Parks in einer verhältnismäßig ruhigen Straße. Das Grundstück dort erstreckte sich in die Länge oder Tiefe. Da war nicht nur Platz für sein Wohnhaus, sondern auch für das Labor, das in einem barackenähnlichen Bau untergebracht war und äußerlich so gar nichts von einer Forschungsstätte an sich hatte.

Wer wollte oder musste, der konnte ohne Probleme auf das Grundstück fahren, musste aber in Kauf nehmen, von einer Kamera gefilmt zu werden. Mir machte das nichts aus, ich kannte den Wissenschaftler, und er kannte mich.

Als ich die Grenze passierte, durchfuhr ich auch eine unsichtbare Lichtschranke, und sofort gingen einige Lampen in der Nähe an und verteilten ihr Licht.

Ich wurde nicht geblendet, es war hell. Ich sah den grauen Asphalt vor mir, der auf dem Grundstück eine Gerade bildete und dort endete, wo sich die Baracke mit dem Labor befand.

Das Wohnhaus hatte ich passiert. Es lag im Dunkeln. Auch im Innern brannte kein Licht, denn es waren keine erleuchteten Fenster für mich sichtbar gewesen. Deshalb rechnete ich damit, dass ich Dr. Wells in seinem Labor finden würde.

Davor hielt ich an. Vor einer ziemlich großen Tür breitete sich das Licht einer Lampe aus. Im Hintergrund sah ich zwei Autos stehen. Eines davon war ein Van. Ich stellte meinen Wagen an der Grundstücksmauer ab und stieg aus. Bis zur Tür waren es nur ein paar wenige Schritte, aber auf dieser Entfernung stieg bereits meine Neugierde. Ich spürte auch den schwachen Druck um den Magen herum.

Vor der Tür blieb ich stehen. Es gab eine Klingel, die ich nicht betätigen musste, denn kaum hatte ich die unmittelbare Nähe der Tür erreicht, da hörte ich das Summen und konnte sie aufdrücken.

Wenig später stand ich in einem Flur, in dem es neutral roch. Das heißt nach gar nichts. Helles Licht umgab mich, und mein Blick fiel in einen langen Gang mit hellen Wänden. Er hätte auch in ein Krankenhaus passen können, aber hier gab es keine belegten Krankenzimmer.

Ich musste nicht erst nach dem Arzt suchen. Er hatte mich bereits gesehen oder gehört, denn er verließ einen Raum und kam mir entgegen.

Dr. Wells war ein schlanker Mann mit braunen Haaren. Überdurchschnittlich groß, und hinter den Gläsern seiner Brille sah ich den scharfen Blick, mit dem er mich musterte, denn ich war stehen geblieben.

»Sie haben sich nicht verändert, Mister Sinclair.«

»Oh danke.«

»Wann haben wir uns zuletzt gesehen?«

»Sorry, Doc, ich weiß es nicht.«

»Da sind bestimmt drei Jahre vergangen.«

»Kann sein.«

Er lachte und nickte mir zu. »Dann wollen wir mal in meine Höhle gehen.«

»Gern.«

Nach dieser Antwort schaute er mich an, als hätte ich ihm etwas Schlimmes erzählt.

Unser Ziel war sein Labor. In der langen Baracke hätte es sehr groß sein können, was sicherlich auch zutraf, aber der Toxikologe hatte daraus mehrere Räume gemacht, die allesamt durch Türen miteinander verbunden waren, was schon der Kommunikation diente.

Wir zogen uns in einen Raum zurück, der etwas Besonderes war. Zur Hälfte Büro, zur anderen Labor. Der Schreibtisch stand neben der Tür an der Wand. In der Mitte gab es einen kleinen Labortisch, der von zwei Seiten begehbar war.

Wir setzten uns an den Schreibtisch und Dr. Wells fragte mich, ob ich etwas zu trinken haben wollte.

»Nein, danke.«

»Schade. Ich hätte da einen wunderbaren selbst gebrauten Birnenschnaps. Sehr zu empfehlen.«

»Trotzdem danke.«

»Nun gut.« Er nickte und sah für einen Moment an mir vorbei in die Ferne. »Ich hatte ja schon angedeutet, um was es in diesem Fall geht, Mister Sinclair.«

»Ja, um Blut.

»Genau – darum.«

»Okay. Und was habe ich damit zu tun?«

Der Arzt lächelte. »Sie interessieren sich doch für Blut.«

»Nicht direkt.«

Sein Lächeln behielt er. »Aber wenn es um Vampire geht, dann schon. Oder irre ich mich?«

»Nein, Sie irren sich nicht. Ich habe unter anderen Umständen auch mit Vampiren zu tun gehabt.«

»Und um deren Blut.«

»Sicher. Allerdings auch um das Blut der Opfer. Da bin ich schon recht flexibel.«

»Ist das Vampirblut etwas Besonderes?«, fragte er mich. »Sehen Sie das so?«

Ich wiegte den Kopf. »Vampirblut – ich – ich weiß nicht. Das hat mich nie besonders interessiert. Ich glaube auch nicht, dass es ein bestimmtes Vampirblut gibt. Wenn Vampire Blut in sich haben, dann ist es immer ein geraubtes. Blut, das sie Menschen genommen haben, um die ebenfalls zu Vampiren zu machen.«

»Dann gibt es das eine und das andere Blut.«

»Kann man so sagen.« Jetzt lächelte ich. »Aber warum fragen Sie? Was habe ich damit zu tun? Sie sind Toxikologe, Doc. Haben Sie vielleicht giftiges Blut anzubieten?«

»Irgendwie schon.«

Jetzt war ich neugierig geworden. »Und welches Blut ist es genau?«

»Ein Mix. Eine Mixtur aus Menschen- und Vampirblut, das ja auch irgendwie giftig ist. Oder?«

»Ja, das kann man so sagen.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber nageln Sie mich nicht darauf fest. Ich habe damit noch nichts zu tun gehabt und muss deshalb passen.«

»Deshalb sind Sie hier, Mister Sinclair.«

»Wie? Um zu passen?«

»Nein. Um genau das Gegenteil zu erfahren.«

»Aha.« Ich musste blitzschnell nachdenken und fragte dann: »Es geht aber um Blut?«

»Klar. Ich zeige es Ihnen.« Der Arzt bückte sich und drängte mich dabei zur Seite. Ich hörte, dass er auf seiner Seite eine Tür öffnete. Wahrscheinlich wollte er etwas aus dem Schreibtisch holen, und ich war sehr gespannt darauf.

Ich irrte mich nicht.

Er hatte tatsächlich etwas auf den Schreibtisch gestellt. Und als ich den Gegenstand sah, da erkannte ich die untere Hälfte eines Totenkopfs, der fast bis zum Rand mit Blut gefüllt war …

***

Das war wirklich ein Hammer. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Ein halber Totenschädel mit Blut gefüllt. Ich sah auch, dass es kein normaler Totenkopf war, denn der wäre zu brüchig gewesen. Dieser hier bestand aus Stein, das sah ich sehr deutlich und erkannte es auch an der grauen Farbe. Die Vorderseite des Schädels war mir zugewandt. Ich sah die angedeuteten Augenhöhlen als Loch und auch das Loch, das einmal eine Nase gewesen war. Es gab den Mund, bei dem die Lippen fehlten, und von seiner Stirn und dem oberen Teil des Kopfes war ebenfalls nichts mehr vorhanden. Dafür schaute ich in den Schädel hinein und sah das Blut.

»Überrascht, Mister Sinclair?«

»Ja, das bin ich.«

»Habe ich mir gedacht.« Dr. Wells umfasste den halben Schädel mit beiden Händen. »Auch ich war von dieser Gabe überrascht, das muss ich gestehen.«

»Aha. Es hörte sich an, als hätten Sie ein Geschenk bekommen.«

»Das könnte man so sagen.« Er warf einen Blick in den Schädel. »Ich selbst habe die Mixtur nicht hergestellt, aber sie fasziniert mich, das muss ich Ihnen sagen.«

»Kann ich mir denken.«

Er sprach schnell weiter. »Dieser Inhalt ist etwas ganz Besonderes. Sie werden bestimmt sagen, okay, das ist Blut. Und damit haben Sie recht. Es ist Blut.« Er deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger dorthin. »Aber es ist nicht irgendein Blut. Oder ein normales. Es ist ein besonderes Blut.« Den ausgestreckten Zeigefinger drehte er und tippte die Spitze in die Flüssigkeit. Dann zog er die Hand wieder zurück, warf einen Blick auf den jetzt in die Höhe gestreckten Finger und leckte das Blut von seiner Spitze ab.

Ich saß da, schaute zu und schüttelte den Kopf. Das war wirklich nicht mein Ding. Das hätte ich von dem Toxikologen auch nicht erwartet.

Jetzt hob er den Blick an und sah mir in die Augen. Dabei lächelte er wieder. »Es ist köstlich, das kann ich Ihnen versichern. Es ist ein besonderes Blut. Ich möchte es beim besten Willen nicht missen. Glauben Sie mir, Mister Sinclair.«

Das hatte mit dem Glauben nichts zu tun. Ich war nur etwas perplex, denn mit einer derartigen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Und als ich jetzt einen Blick in die Augen des Mannes warf, da sah ich, dass sie einen bestimmten Glanz angenommen hatten. Den kannte ich von Menschen, die von ihrer Sache mehr als überzeugt waren.

Er wartete auf meine Antwort. Die gab ich ihm auch und sagte: »Sie sind sicher, dass Sie dieses Blut mögen?«

»Ja, das habe ich Ihnen bewiesen.«

»Und warum mögen Sie es?«

»Weil es eine tolle Mischung ist. Ich würde sogar von einer einmaligen sprechen.«

»Aha. Und warum? Für mich sieht der Inhalt aus wie normales Blut. Das muss ich Ihnen sagen.«

»Hm – ja, klar, wenn Sie das so sehen. Aber es ist nicht die Wahrheit, Mister Sinclair. Wäre das Blut normal, dann hätte ich Ihnen keinen Bescheid gegeben. Aber es ist nicht normal, auch wenn es so aussieht.« Er deutete wieder mit der Spitze des Zeigefingers auf die Öffnung. »Das hier ist etwas Neues.«

»Gut und was? Sie haben ja von einer Besonderheit vorhin gesprochen. Wollen Sie das Rätsel nicht lösen?«

»Gern. Es ist ein besonderes Blut. Es besteht aus zwei Faktoren, die zu einer Mischung geworden sind. Zum einen haben wir hier das normale Blut, das eines Menschen. Die andere Hälfte aber besteht aus dem Blut von Vampiren, Mister Sinclair.«

***

Irgendwie hatte ich mir das schon gedacht. Es war keine große Überraschung, doch meine Gedanken wanderten bereits weiter. Von welchen Vampiren hatte er wohl gesprochen? Und hatte er einen Kontakt zu ihnen bekommen?

Das war die große Frage, die mich beschäftigte. Ich konnte den Mann vor mir nicht mehr als neutral ansehen. Irgendwie spürte ich auch die Spannung, die sich zwischen uns aufgebaut hatte. Es war nicht mehr locker.

»Warum sagen Sie nichts, Mister Sinclair?«

»Nun ja, auch mich kann man überraschen. Und das haben Sie getan. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie mir dieses besondere Blut präsentieren würden.«

Er winkte ab. »Sonst hätten Sie nicht zu kommen brauchen. Wie Sie wissen, bin ich Toxikologe. Ich beschäftige mich mit Giften. Dabei will ich nicht sagen, dass ich Blut als giftig ansehe, für mich ist es interessant. Deshalb habe ich mich auf dieses neue Gebiet gewagt. Sie wissen selbst, dass ich für vieles offen bin. Wo andere abwinken, höre ich zu. Ich habe die Existenz von Vampiren nie geleugnet, Mister Sinclair, das wissen Sie auch.«

»Sicher.«

»Und jetzt das Blut«, flüsterte er und blickte wieder in den offenen Schädel hinein. »Das ist perfekt. Das ist eine Mischung, von denen Menschen bestimmt geträumt haben. So sehe ich das, Mister Sinclair. Ich habe einen Traum wahr gemacht. Eine Mischung aus menschlichem Blut und mit dem eines Vampirs.«

»Das ist wirklich interessant«, gab ich zu. »Aber wie, so frage ich, sind Sie an das Blut gekommen? An das Vampirblut, meine ich.«

Da glänzten seine Augen. Ich hörte auch ein Lachen, dann bekam ich die Antwort. »Das war nicht leicht, wie Sie sich denken können. Nein, das war ganz und gar nicht einfach. Ich musste mich schon sehr anstrengen, das können Sie mir glauben.« Er lehnte sich zurück. »Aber ich habe Glück gehabt.« Er nickte. »Ja, das habe ich, denn ich bekam einen wunderbaren Kontakt mit einer ebenfalls wunderbaren Frau. Na, Mister Sinclair, ahnen Sie schon was?«

»Im Moment nicht.«

»Gut. Diese Frau hat hellblondes Haar. Sie trägt eine Kleidung aus Leder und wer sie anschaut als Mann, der hat den Wunsch, sie zu besitzen. Na, fällt bei Ihnen das Geldstück?«

Klar, das war längst gefallen. Der Arzt wollte einen Namen hören, also tat ich ihm den Gefallen.

»Es ist Justine Cavallo gewesen.«

»Ja, ja, und nochmals ja. Sie ist es gewesen. Durch sie habe ich mein neues Forschungsgebiet beginnen können. Ich bin jetzt zu einem Blutexperten geworden und freue mich über das, was ich hier gemischt habe.«

»Nur zwei Blutsorten. Und eine brachte Ihnen die Cavallo?«

»So ist es.«

»Wissen Sie denn, wessen Blut das gewesen ist? Ich weiß, dass es Vampirblut war, aber von wem stammt es?«

»Ach, was fragen Sie? Von einem Blutsauger natürlich.«

»Den Sie auch namentlich kennen?«

»Nein, das denke ich nicht. Aber ich habe Justine Cavallo danach gefragt. Ich wollte wissen, ob es ihr Blut gewesen ist.«

»Und? Hat sie geantwortet?«

»Sie hat es nicht direkt zugegeben, sondern nur gelächelt.«

»Aha. Hat sie nichts gesagt und Ihnen einige Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg gegeben?«

»Nein, das hat sie nicht. Sie ließ mir freie Bahn.«

»Sehr gut, Doktor. Und das haben Sie ausgenutzt, denke ich.«

»So kann man es sagen. Aber ich würde einen anderen Vergleich vorziehen.«

»Gut. Welchen denn?«

Jetzt lächelte er wieder. »Ich habe das Blut getestet.« Er rieb seine Hände.

»Und das heißt?«

»Ganz einfach. Ich bin zwar kein Vampir, aber ich habe das Blut getrunken.«

Jetzt war es raus. Ich hatte mir während des Gesprächs schon einige Gedanken gemacht. Nun kannte ich die Wahrheit und spürte im Mund plötzlich einen bitteren Geschmack. Da hatte jemand diesen Blutmix getrunken, das war nicht zu fassen, und es ging ihm wohl gut, denn er lächelte mich an.

»Sie waren froh – oder?«

»Das kann man sagen.«

Ich fragte weiter. »Gut. Und wie fühlt man sich nach so einem kräftigen Schluck?«

»S

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