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John Sinclair - Folge 1908

Prozession der Untoten

»Sie müssen mir glauben, Mister Sinclair. Es sind die Toten, die aus ihren Gräbern kommen und dann durch die Dunkelheit laufen. Gerade jetzt, kurz vor Halloween.« Hiob Burns stöhnte leise, bevor er nickte und mich aus leicht feuchten Augen anschaute.

Ich stöhnte nicht, ich seufzte. Dabei verdrehte ich auch meine Augen. Burns und ich saßen uns in meinem Büro gegenüber. Suko hatte den Raum verlassen und war irgendwo unterwegs. Auch Glenda Perkins ließ uns in Ruhe. Sie ahnte, dass eine Störung nicht gewünscht war …

Was sollte ich mit dem guten Mann machen? Hiob Burns hatte sich viel Mühe gemacht. Er war aus einem Dorf nach London gekommen, um mich zu treffen. Ein Bekannter hatte ihm vor mir erzählt. Ein Mann, der aus Lauder stammte, wo auch noch das ausgebrannte Haus meiner Eltern stand. Dort war bekannt, welchem Job ich nachging. Jetzt hatte mich Hiob Burns in seiner Not aufgesucht.

»Warum sagen Sie denn nichts, Mister Sinclair?«

»Ich denke nach.«

»Glauben Sie mir denn?«

Ich war ehrlich, gab die Antwort. »Es ist schwer, Mister Burns, sehr schwer sogar.«

»Das weiß ich. Aber man hat mir viel über Sie berichtet. In Lauder weiß man, was Sie alles getan haben. Das war schon beeindruckend.«

»Trotzdem …«

»Wieso trotzdem? Sie glauben mir nicht, das sehe ich Ihnen doch an.«

Was sollte ich dazu sagen? Ich hatte keine Ahnung. Wusste es beim besten Willen nicht. Dieser Mann meinte es durchaus ernst, daran gab es keinen Zweifel. Und doch hatte ich mit seinem Bericht meine Probleme.

Er schaute mich an. Seine Haut zeigte keine gesunde Farbe mehr. Der Mund war halb geöffnet, und die Lippen schimmerten feucht. Auf seinem Kopf wuchs das graue Haar sehr dünn. Ich sah den bittenden Ausdruck in seinen Augen, und er versuchte es erneut.

»Denken Sie daran, bald ist Halloween.«

»Ja, das weiß ich.«

»Das ist die Nacht der Toten. Oder der Untoten. Aber damit erzähle ich Ihnen ja nichts Neues.«

»Schon, Mister Burns. Aber wir können nicht auf alles reagieren, was man uns zuträgt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie glauben gar nicht, was da alles an uns herangetragen wird. Viele Menschen wollen unsere Hilfe haben, und ob sie recht haben, das ist die Frage.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es gibt auch viele Einbildungen und …«

Burns ließ mich nicht ausreden. »Das glaube ich Ihnen gern. Einbildungen gibt es genug. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mir nichts eingebildet habe. Ich konnte sie sehen. Es waren die schattigen Gestalten, die in einer Prozession durch den nahen Wald am Friedhof gingen. Das war grauenhaft. Gespenstisch, sage ich Ihnen.«

»Und Sie waren sich sicher, lebende Tote oder Zombies gesehen zu haben?«

»Klar.«

Ich verbiss mir ein Lächeln. »Wie können Sie das mit so großer Bestimmtheit sagen?«

»Weil ich es weiß. Und ich weiß auch, woher die Prozession stammte. Sie kam von dem nahen Friedhof.«

»Aha.« Ich zuckte mit den Schultern. »Muss jemand, der unter Umständen von einem Friedhof kommt, auch ein Zombie sein?«

»In diesem Fall schon.«

Was sollte ich dazu sagen? Ich hatte keine Chance. Der andere würde bei seiner Meinung bleiben. Ich konnte nur den Kopf schütteln.

»Wie heißt denn der Ort, aus dem Sie gekommen sind?«

»Greenhill.«

Ich lächelte. »Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber wo finde ich Greenhill?«

»In Schottland, nur ein paar Kilometer von Lockerbie entfernt. Sie wissen schon. Dort ist vor Jahren die Verkehrsmaschine abgeschossen worden.«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Und dort muss ich wieder hin. Ich kann bis Carlisle mit dem Zug fahren. Dort holt mich dann meine Tochter ab.«

»Okay, Mister Burns. Glaubt sie Ihnen denn?«

»Ich denke schon. Sie hat mich in meinem Vorsatz bekräftigt, Ihnen den Besuch hier abzustatten.«

»Okay.«

Hiob Burns hob den Blick. »Und wie haben Sie sich entschieden, Mister Sinclair?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich denke nach.«

Er schaute mich an. Dann fragte er: »Sie glauben mir nicht – oder? Sie wollen mich vertrösten, aber Sie wollen mir keine Abfuhr erteilen.«

»Sagen wir so. Ich muss es mir überlegen. Noch in Ruhe über alles nachdenken.«

»Und wie lange dauert das?«

»Keine Ahnung.«

Hiob Burns hob einen Zeigefinger, als wollte er mir drohen. »Denken Sie nach und lassen Sie mich nicht zu lange warten. Das kann leicht ins Auge gehen.«

»Ich weiß Bescheid.«

»Dann werde ich jetzt gehen.«

Warum er sich eingebildet hatte, dass ich ihm helfen könnte, das war mir nicht klar. Es konnte auch mit meinem schlechten Gewissen zusammenhängen. Ich nickte ihm zu und ärgerte mich darüber, dass in meiner Kehle ein Kloß steckte.

Ich wollte ihn nicht einfach so deprimiert fahren lassen und sagte: »Sollte sich bei Ihnen etwas Konkretes ereignen, dann lassen Sie es mich wissen. Geht das in Ordnung?«

Er schaute mich an, und dabei schüttelte er den Kopf. »Ich glaube kaum, dass ich Ihnen Bescheid geben werde.«

»Warum nicht? Habe ich Sie so stark enttäuscht?«

»Das nicht so sehr. Ich glaube nur nicht, dass wir uns noch einmal sehen werden.«

»Und warum nicht?«

Seine Augen verengten sich, als er mir ins Gesicht schaute. »Weil der Tod bereits auf mich wartet. Er ist verdammt nah. Ich spürte schon, dass er seine knochige Klaue nach mir ausgestreckt hat. Das kann ich Ihnen schwören.«

Ich nahm das alles locker. »So schlimm wird es schon nicht sein, Mister Burns.«

»Ist es aber, mein junger Freund. Es ist schlimm, und es ist die Zeit um Halloween.«

»Ja, das schon. Aber das besagt nicht, dass was Schlimmes passieren muss.«

»Ich finde doch. Zumindest in diesem Jahr. Da geben die Toten keine Ruhe. Sie sind aufgewühlt. Sie sind noch frisch. Auch nicht verwest, und sie werden ihre Gräber verlassen.«

Was sollte ich dazu sagen? Mir fiel nichts ein, ich schaute den Mann nur an und sah den ernsten Ausdruck in seinen Augen. Er reichte mir noch die Hand. Dabei murmelte er ein leises »Schade«, dann drehte er sich schnell um, weil er das Büro verlassen wollte. Im Vorzimmer holte ich ihn wieder ein.

Ich wollte etwas sagen, doch er kam mir zuvor. »Das war nicht das Ende, Mister Sinclair, das müssen Sie mir glauben.« Mit seinen hellen Augen schaute er mich an. »Sie machen einen Fehler. Davon bin ich fest überzeugt. Einen großen Fehler.«

»Kann sein. Jeder Mensch macht Fehler. Nur bin ich nicht davon überzeugt, einen Fehler gemacht zu haben.«

»Wir werden sehen!« Mehr sagte er nicht. Er ließ mich zurück, und ich war schon ein wenig konsterniert.

Glenda hatte alles mitbekommen. »He, was sollte das denn? So was ist ganz neu und …«

»Kann sein.«

»Und was sollte das jetzt?«

»Ich weiß es auch nicht. Kann sein, dass ich einen Fehler begangen habe. Hinterher ist man ja immer schlauer.«

Glenda schaute mich an, dann wollte sie wissen, um was es eigentlich genau ging.

Wir arbeiteten schon sehr lange zusammen. Ich hatte vor Glenda keine Geheimnisse, was bestimmte Themen anging. Und so legte ich das auf den Tisch, was man mir gesagt hatte.

Glenda räusperte sich. Dann atmete sie schnaufend. »Es kann sein, dass du jetzt einen Fehler begangen hast.«

»Ohhh …« Ich zog ein säuerliches Gesicht. »Bitte nicht, denn …«

»Aber du hast mit mir über die Dinge gesprochen, und deshalb musst du auch meine Meinung akzeptieren.«

»Du an meiner Stelle wärst also nach Schottland gefahren?«

»Klar.«

Ich nickte.

»Gut. Aber es ist deine Entscheidung. Du musst tun und lassen, was du willst, John.«

»Ist schon okay.«

Nach dieser Antwort ging ich wieder zurück in mein Büro. Als ich hinter dem Schreibtisch Platz nahm, da hatte ich schon ein schlechtes Gewissen …

***

Es war kalt geworden. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte von den Bergen nieder auf die Stadt Carlisle, zu der auch der Motorway M6 gehörte, der für die hier lebenden Menschen sehr wichtig war, führte er doch in den Norden des Landes und hinein in die große Einsamkeit.

Auf diese Schnellstraße setzte auch Cora Burns. Sie war nach Carlisle gefahren und hatte direkt am Bahnhof einen guten Parkplatz bekommen. Sie wollte ihren Vater abholen, der aus London mit dem Zug kam und eine Enttäuschung erlebt hatte. Denn John Sinclair hatte nicht so reagiert, wie er es sich gedacht hatte. Das wusste Cora aus einem Telefongespräch, das sie mit ihrem Vater geführt hatte. Er hatte sich dabei sehr traurig angehört. Sie hatte auch keine weiteren Fragen gestellt, das würde sie machen, wenn ihr Vater eingetroffen war.

Jetzt wartete sie auf dem Bahnsteig. Pünktlich war der Zug nicht. Er hatte nur zehn Minuten Verspätung, das konnte man verzeihen. Schließlich kam er nicht eben um die Ecke her.

Es war nicht gerade gemütlich auf dem Bahnsteig. Der Wind hatte freie Bahn, die er ausnutzte. Und so konnte man von einer sehr zugigen Umgebung sprechen.

Cora Burns stellte den Kragen ihres Wollmantels hoch. Auf dem Kopf trug sie eine Mütze, die ihre braunen Haare verbarg. Ihr Gesicht zeigte auf den Wangen eine rötliche Farbe, denn hin und wieder rieb sie über ihre Haut hinweg.

Sie wusste, dass sie ihren alten Herrn trösten musste. Er hatte auf den Geisterjäger gesetzt und war doch so von ihm enttäuscht worden. Damit hatte auch Cora nicht gerechnet. Sie machte sich jetzt Vorwürfe, dass sie nicht mitgefahren war. Man konnte nicht alles im Leben richtig machen.

Auf der Tafel wurde der Zug bereits angekündigt. Jetzt konnte es sich nur noch um Sekunden handeln, bis er in den Bahnhof einfuhr. Es war mittlerweile dunkel geworden. Der Scheinwerfer der Lok wirkte wie ein großes helles Auge. Der Zug brachte einen bestimmten Geruch mit und auch einen Windstoß, der über den Bahnsteig fegte und die Kleidung der dort stehenden Menschen zum Flattern brachte.

Die Geräusche, die entstanden, schwebten durch den Bahnhof. Sie hörten sich zischend, auch schrill an. Der Zug ruckte einige Male, dann stand er, und die ersten Türen flogen auf, um die Fahrgäste zu entlassen.

Cora Burns stellte sich auf die Zehenspitzen, um nach ihrem Vater Ausschau zu halten. Sie sah ihn recht bald. Er war einer derjenigen, der mit langsamen Bewegungen aus einem der Wagen stieg, den Bahnstieg erreichte und sich umschaute.

Cora winkte ihm zu. Dann lief sie ihm entgegen. Ihr Vater hatte die Reisetasche neben sich gestellt. Er nahm seine Tochter in die Arme und drückte sie an sich. Nach einigen Sekunden schob er sie wieder von sich weg.

»Und?«, fragte sie.

»Pech auf der ganzen Linie.«

»Ja, das sagtest du schon.«

Hiob Burns schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht erwartet. Nein, ich habe schon mit einer Reaktion gerechnet, aber da kam nichts. Er hat mir wohl nicht geglaubt und mich für einen Halloween-Spinner gehalten. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen, da bin ich schon ehrlich. Das war einfach hart.«

»Hat Sinclair dir denn irgendwelche Hoffnungen gemacht?«

»Nein, das hat er nicht.«

»Komisch.«

»Was ist komisch?«

Cora lachte leise. »So habe ich mir diesen Menschen gar nicht vorgestellt. Man hat ja anders über ihn gesprochen.«

»Das soll wohl sein.«

»Und jetzt?«

»Will ich nach Hause. Sonst alles klar? Auch in den Geschäften?«

»Es gibt keine Probleme, Vater. Wir haben sogar recht gute Geschäfte gemacht. Es wird kälter. Das haben die Leute gemerkt und kauften Winterschuhe.«

»Sehr gut, Kind.« Hiob schüttelte den Kopf. »Schade, dass deine Mutter dies nicht alles erleben kann. Sie war auch jemand, die sich freute, wenn es in den Läden rundging.«

»Ja, das weiß ich.«

»Aber du hattest alles im Griff, Cora.«

»Ja, das habe ich gehabt.«

»Sehr gut.«

Hiob Burns war noch immer misstrauisch, wenn er mal einen seiner drei Läden allein lassen musste. Sein Vater hatte mit einem angefangen, den gab es in Greenhill. Die beiden anderen Geschäfte standen in Lockerbie und liefen dort besser, weil es mehr Einwohner gab.

Tochter und Vater hatten den Wagen erreicht, der von dem Bahnhof parkte. Es war ein Toyota Geländewagen. Für diese Gegend genau das Richtige. Beide stiegen ein. Die Tochter übernahm das Fahren. Ihr Vater saß neben ihr und sagte nichts. Das wunderte Cora, denn er war sonst recht gesprächig.

Bevor sie anfuhr, fragte sie: »Hast du was?«

»Ja, Cora.«

Die Antwort hatte sehr entschlossen geklungen. »Und was hast du, bitte?«

»Ein ungutes Gefühl.«

»Welcher Art?«

»Dass noch nicht alles vorbei ist.«

»Aha. Und weiter?«

Hiob Burns nickte. Dann gab er die Antwort. »Ich habe eher das Gefühl, dass es erst richtig losgeht.«

»Nur ein Gefühl oder auch einen Grund?«

»Der Grund ist da, Kind. Ich sage nur einen Satz. Bald ist Halloween, die Nacht der lebenden Toten …«

***

Der andere Tag.

Eigentlich hatte Hiob Burns vorgehabt, in seinen Laden zu gehen und sich ein wenig ablenken zu lassen. Das hatte er dann zurückgestellt und war in seinem Haus geblieben.

Seit dem Tod seiner Frau lebte er dort allein. Seine Tochter Cora wohnte nicht weit von ihm entfernt in einem Haus in der Ortsmitte.

Hiob Burns sehnte sich nach seiner Frau zurück. Sie hatten fast alles gemeinsam durchgezogen und immer dafür gesorgt, dass die Geschäfte etwas Gewinn abwarfen. Hier war das noch möglich. In den großen Städten nicht, da wurden sie von den Ketten geschluckt.

Der Tag ging auch so rum. Hiob Burns hatte Besuch von einem alten Freund bekommen und mit ihm über zwei Stunden hinweg geplaudert. Seine Sorgen hatte er auch angeschnitten, war aber auf kein Verständnis gestoßen. Über Halloween hatte sein Freund gelacht, und an lebende Tote glaubte er sowieso nicht.

»Schließ in der Halloween-Nacht trotzdem alles in deinem Haus ab. Das ist besser so.«

»Werde ich machen. Und an Halloween können wir durch die Straßen gehen und die Leute erschrecken. Wir müssen uns nicht mal verkleiden, denke ich.«

»Okay, ich werde daran denken.«

Bald war es soweit. Auch in Greenhill wurden bereits Vorbereitungen getroffen. Da waren vor allen Dingen die Kinder und Jugendlichen sehr involviert. Sie konnten den Tag kaum erwarten und die folgende Nacht erst recht nicht.

Nicht so für Hiob Burns. Ein Spaß war das nicht. Was er gesehen hatte, das hatte er gesehen, und es war keine Täuschung oder Einbildung gewesen. Es gab die Gruppe der untoten Gestalten tatsächlich. Er hatte sie gesehen. Sie bewegten sich zwar wie Menschen, doch er war überzeugt, dass es keine waren. Zumindest keine normalen Menschen, das hatte er herausgefunden.

Er hatte sie nur beobachtet und nichts anderes getan. Das reichte ihm, so dachte er, aber es kam anders. Sie spürten ihn auf. Entweder hatten sie ihn gerochen oder irgendwie anders wahrgenommen. Jedenfalls löste sich ihre Prozessionskette auf und sie liefen auf ihn zu, wobei er Glück hatte, dass sie ihn nicht fanden, weil er sich verstecken konnte.

Es gab sie.

Und sie würden keine Gnade kennen. Lebende Leichen konnten das nicht. Sie reagierten anders. Sie waren auf Gewalt getrimmt, und kannten nur das, nichts anderes.

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