Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1906

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Fenster zur Vergangenheit
  4. Vorschau

Fenster zur Vergangenheit

von Eric Wolfe

»Was für eine Bruchbude.« Carl White lachte bei seinen Worten, drückte die Bierdose zusammen und warf sie in das Dickicht, das vor ein paar Jahrzehnten ein Garten gewesen sein mochte.

Richard Norwood war nicht nach lachen zumute. Nicht beim Anblick der verfallenen Villa, in der es angeblich spukte. Menschen sollten darin im Laufe der letzten fünfzig Jahre verschwunden sein. Nachts hörte man das Weinen eines Kindes, das klägliche Jaulen eines Hundes und das boshafte Lachen eines Mannes. Zumindest behaupteten das die Leute von Welmington.

Norwood wollte gerade vorschlagen, endlich abzuhauen, da kam Carl White auf eine andere Idee.

»Lasst uns reingehen!«

Richard Norwood zuckte zusammen, sah von Carl zu Toby und wieder zu Carl. »Das ist nicht dein Ernst!«

»Aber klar doch.« Carl lachte. »Henrys Party war der totale Reinfall. Eine Tour durch das alte Spukhaus könnte die Nacht noch retten.« Er wedelte mit einem Sixpack. »Ein oder zwei Bierchen in der Gesellschaft von Geistern. Was gibt es Schöneres?«

Norwood hatte Henry Snyders Geburtstagsfeier auch nicht gefallen. Das lag aber nur daran, dass er in die Küche geplatzt war, als Chrissy, Carls Schwester, dem Gastgeber dort einen Kuss gegeben hatte.

Klar, Chrissy wusste nicht, dass er in sie verschossen war, weil er noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt hatte. Außerdem hatte sie sich vielleicht nur auf besonders nette Weise bei Henry für die Einladung bedankt. Trotzdem: Sie hatte ihn geküsst! Und das schmerzte Norwood bis ins Mark.

Im Gegensatz zu Carl hatte er sich aber nicht volllaufen lassen, ins Aquarium gekotzt und sich dann gewundert, dass Henry gebeten hatte, Carl möge nach Hause gehen. Dabei war es gerade mal zehn Minuten nach Mitternacht!

Richard Norwood hatte Carl begleitet, weil er keine Lust verspürte, Chrissy noch einmal in den Armen eines anderen zu finden.

Na ja, und Toby Fenderbaum schlich Carl sowieso überallhin nach, also hatte er sich ihnen angeschlossen.

Nun standen sie zu dritt vor dem verfallenen Kendrick-Haus, weil Carl unbedingt die etwas »längere Abkürzung« hatte nehmen wollen. »Schließlich habe ich Henry noch dieses Sixpack aus dem Kreuz geleiert, das wir auf dem Nachhauseweg leeren sollten.«

Das Anwesen lag auf einem kleinen Hügel. Der fast volle Mond, der hinter dem linken Gebäudeflügel am Himmel stand, ließ es wie einen Schattenriss mit Giebeln und Türmchen und Erkern erscheinen. Von dem schmiedeeisernen Zaun, der das Grundstück umgab, war kaum mehr etwas zu sehen, weil die sicherlich einst sorgfältig getrimmten Hecken die Streben umwucherten.

Von dem schweren Tor hing ein Flügel schief in den Angeln, der zweite war verschwunden. Darüber spannte sich ein ebenfalls schmiedeeiserner Bogen, der zwei verschnörkelte Buchstaben zeigte. Ein J und ein F. Richard Norwood hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.

Die Leute der Gemeinde Welmington beschwerten sich häufig über den Schandfleck am Stadtrand. Eigentlich gehörte die Ruine abgerissen, aber der momentane Eigentümer ließ nicht mit sich reden. Anthony Norwood, Richards Vater und Mitglied im Gemeinderat, schimpfte beim Abendessen gelegentlich über den »reichen Sack aus Manchester«, der jede Kommunikation verweigerte.

Der Umriss eines Nachtvogels tauchte vor der Mondscheibe auf und verschwand.

»Ich weiß nicht recht«, sagte Richard Norwood. »Was wollen wir denn dort drinnen?«

»Mit den Geistern anstoßen.« Wieder lachte Carl White auf, als habe er einen Mordswitz gerissen. »Oder hast du etwa Angst, Richy?«

»Quatsch!« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. »Aber du weißt ja, was sich die Leute erzählen. Sag doch auch mal was, Toby.«

Toby Fenderbaum zuckte nur mit den Schultern und gab ein Brummen von sich. Natürlich wagte er es nicht, Carl zu widersprechen. Die beiden verband eine Freundschaft, die Norwood nicht nachvollziehen konnte.

Carl war ein Aufschneider, ein Rüpel, einer, der Schwächere zu gerne ausnutzte und sie herumschubste. Obwohl er, wie sie alle, gerade erst siebzehn Jahre alt war, trug er einen beachtlichen Bauch vor sich her. Toby hingegen war ein muskulöser Typ mit breiten Schultern. Warum ausgerechnet er Carl hinterherlief wie ein Schoßhündchen, konnte sich wohl niemand in Welmington erklären.

»Genau, Toby«, stachelte Carl seinen Freund an. »Sag auch mal was. Gehen wir rein, oder gehen wir rein?«

»Ich würde sagen, wir gehen rein«, antwortete Toby Fenderbaum.

Carl grinste Norwood an. »Siehst du, Richy? Du bist überstimmt.«

»Na und? Ich finde es albern und gefährlich, nachts in einem baufälligen Haus herumzuspazieren.«

»Du kannst auch gerne draußen bleiben, Schisser. Aber ob mein Schwesterlein jemals mit so einem Weichei ausgehen würde?«

Richard fühlte, wie er rot anlief, und war erleichtert, dass niemand im kärglichen Licht der Straßenlaternen und des Mondes etwas davon bemerkte. »Was soll das heißen?«

»Was soll das heißen?«, äffte Carl ihn nach. »Glaubst du, mir ist nicht aufgefallen, wie du Chrissy angaffst? So besoffen kann ich gar nicht sein. Ich mache dir einen Vorschlag: Wenn du dich als meiner Schwester würdig erweist, indem du Mut zeigst und mitkommst, lade ich dich nächste Woche zu uns ein. Wir gucken ein paar Filme, trinken das eine oder andere Bier – oder beide – und ich stelle dich ihr vor. Was sagst du?«

Norwood atmete tief durch. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, das Spukhaus zu betreten. Aber wenn er dadurch Chrissy näherkommen konnte, war es dann das Risiko nicht wert?

»Na, von mir aus, du Nervensäge«, sagte er schließlich. »Gehen wir rein.«

***

Sie stapften durch den verwilderten Garten. Falls es früher einen Weg vom Tor zur Villa gegeben hatte, war dieser längst von Gras überwuchert. Die Silhouetten der Bäume wirkten im fahlen Mondlicht wie Monster, die verkrümmten Astarme zum Schlag erhoben.

Ein Windhauch strich über Richy hinweg, die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Mit jedem Schritt kam ihm die Idee, das Haus zu betreten, schlechter vor. Aber er wollte keinen Rückzieher mehr machen.

Kurz bevor sie das Gebäude erreichten, knipsten sie die Handy-Taschenlampen an und richteten die Lichtstrahlen auf die Fassade. Die Fenster waren zum Teil mit verwitterten oder zersplitterten Brettern vernagelt, die Farbe an den Wänden blätterte ab, Moos bedeckte die Ecken und Kanten. Oh nein, das Haus wirkte kein bisschen einladend.

Richys Lampenstrahl glitt über ein Fenster im Obergeschoss hinweg. Hinter den Latten zuckte etwas – jemand? – zurück. Sofort richtete Norwood das Licht erneut auf das Fenster, doch da war nichts mehr zu entdecken.

»Was ist denn?«, fragte Carl.

Richy schluckte. »Da oben war was. Eine Bewegung oder so.«

Carl und Toby leuchteten in die gleiche Richtung. Aber hinter den Brettern war nichts als pure Finsternis zu sehen.

»Huu-uuh!«, machte Carl White und fuchtelte mit den Händen vor Richys Gesicht umher. »Die Geister der Ermordeten warten auf uns.«

»Hör auf mit dem Scheiß.«

»Dann hör du auf, dich vor Angst anzupissen.«

White stieg die flachen, breiten Stufen zum Eingang hoch. Toby Fenderbaum folgte ihm. Schließlich, wenn auch widerwillig, ging Richard Norwood ihnen nach.

Die zweiflügelige schwere Holztür stand einen Spaltbreit offen. Carl drückte den linken Flügel ein Stück weiter auf, und ein erbärmliches Quietschen erklang.

Billigstes Horrorfilmklischee, dachte Richy. Dennoch konnte er ein Schaudern nicht unterdrücken.

Carl schlüpfte durch die Tür.

»Wow!«, ertönte seine Stimme von innen. »Was für ein Schuppen!«

Richy und Toby schoben sich ebenfalls durch den nun größeren Spalt. Sie fanden sich in einer riesigen Halle, in der links und rechts zwei geschwungene Treppen zu einer Empore im Obergeschoss führten. Neben den untersten Stufen standen Kerzenleuchter, zwischen deren Armen Spinnweben hingen. Zu beiden Seiten befanden sich mehrere Türen, die in die einzelnen Räume führen mussten.

Oder in den Keller, kam es Richy in den Sinn. Ein neuerlicher Schauder lief ihm über den Rücken. Jetzt reiß dich mal zusammen! Carl hat recht, du bist ein Weichei.

In der Luft lag ein feuchter, modriger Geruch.

»Seht euch den Burschen an!« Carl leuchtete gegen eine Wand, an der ein gigantisches Porträt hing.

Auf dem verschnörkelten Rahmen türmte sich fingerdick der Staub. Das Bild zeigte das Ganzkörperporträt eines Mannes im schwarzen Anzug. Die Hände hatte er auf den Knauf eines Spazierstocks gelegt. In dem hageren Gesicht mit den eingefallenen Wangen saßen helle Augen, die den Besuchern neugierig entgegenzustarren schienen. Die schmalen Lippen umspielte ein kleines Lächeln. Allerdings eher boshaft oder schelmisch und keineswegs freundlich, wie Richy fand.

Carl löste eine Dose aus dem Sixpack, riss sie auf und prostete dem Mann im Porträt zu. »Auf dein Wohl, alter Bursche.«

Von der Empore erklang ein Geräusch. Ein Knacken. Leise Stimmen.

Norwood fuhr herum. Der Strahl seiner Handylampe zuckte in die Höhe. »Was war das?«

Auch Carl und Toby sahen hoch, was Richy einerseits erleichterte, weil es bedeutete, dass er es sich in seiner Nervosität nicht eingebildet hatte. Andererseits erschreckte es ihn. Jemand beobachtete sie! Dessen war er sich nun ganz sicher.

»Wir sollten gehen«, schlug er vor. Er versuchte, die Stimme fest klingen zu lassen, merkte aber selbst, wie jämmerlich ihm das misslang.

»Mann, Mann, Richy, was bist du nur für eine Memme?«, sagte Carl. »Kein geeigneter Umgang für meine Schwester. Echt nicht.«

»Aber …«

»Ein Vogel wird sich in das Haus verirrt haben und flattert nun dort oben herum.«

Norwood war nicht überzeugt. »Und die Stimmen?«

»Stimmen?« Carl lachte. »Hör doch genauer hin! Das ist der Wind, der durch die Löcher in der Wand bläst.«

Richy Norwood lauschte erneut. Konnte Carl recht haben? Möglich, ja, aber beschwören würde er es nicht.

»Sehen wir doch einfach nach«, sagte Toby Fenderbaum, vermutlich um seinen Freund zu beeindrucken.

»Gute Idee!«, meinte Carl.

Innerlich stöhnte Richy auf. Er wollte verschwinden, raus aus dem Geisterhaus, nur weg hier. Sollten sie ihn doch für einen Feigling halten. Und Chrissy … es würde sich eine andere Möglichkeit ergeben, mit ihr zu sprechen. Irgendwann. Irgendwie.

Richy wusste, dass er sich etwas vormachte. Und so wunderte es ihn nicht, als er sich dabei ertappte, wie er Carl und Toby folgte.

Sie gingen die rechte Treppe hoch. Die Stufen ächzten und knarrten unter ihrem Gewicht. Einmal glaubte Richy zu spüren, wie das Stiegenholz einige Millimeter nachgab. Ein Schreckensbild blitzte vor seinem inneren Auge auf, wie er inmitten von Brettern und Splittern in die Tiefe stürzte. Hastig sprang er eine Stufe höher.

Die Empore erwies sich als Müllhalde. Die Lichtstrahlen ihrer Handylampen rissen umgestürzte Kommoden, marode Stühle und Tischchen aus der Finsternis. Aber auch Laub, Zweige, zerbrochene Bier- und Weinflaschen, Plastik- und Papiertüten, ja, sogar gebrauchte Kondome lagen herum.

Offenbar waren die drei Jugendlichen nicht die Ersten, die auf die Idee einer Besichtigungstour gekommen waren.

In den modrigen Geruch mischte sich eine weitere Note. Süßlich beißend nach fauligem Obst oder Fleisch.

Wieder wollte Richy vorschlagen, die Villa zu verlassen, aber er brachte kein Wort heraus. Zu seinem Entsetzen fühlte er eine Neugier in sich aufsteigen, die er noch nie an sich beobachtet hatte.

Verschwinde von hier! Egal ob Carl und Toby mitkommen.

Aber vielleicht finden wir etwas Interessantes.

Ja, zum Beispiel den Tod. Hau ab!

Den Tod? Durch einen besoffenen Obdachlosen oder ein Liebespärchen? Schwachsinn.

Er verfluchte die innere Stimme, weil sie der Vernunft – oder der Angst – widersprach, aber es gelang ihm nicht, sich gegen sie zu wehren.

Als Letzter in der Reihe folgte er Carl und Toby, stieg über einen löchrigen, fleckigen Schlafsack und einen Verhau aus Brettern, die er als herabgestürzte Deckendielen identifizierte. Achtlos passierten seine Begleiter die Einmündung eines Gangs, der tiefer in das Haus führte.

Richy leuchtete im Vorbeigehen hinein und erstarrte, als der Lichtstrahl über einen haarigen Lumpen auf dem Boden zuckte. Was, zum Henker, war das? Ein zerfetzter Pelzmantel? Ein Überbleibsel aus der Garderobe der Menschen, die hier einst gelebt hatten?

Richard Norwood setzte einen Schritt in den Gang, dann noch einen. Näher auf das Fellbündel zu.

Als er erkannte, was da vor ihm lag, wurde ihm schlecht. Kein Pelzmantel. Natürlich nicht. Das wäre auch zu abwegig gewesen. Aber war das blutige Fell eines Schäferhundes nicht noch abwegiger? Falls es denn ein Schäferhund war. Ohne einen im Fell steckenden Körper konnte Richy das nur schwer beurteilen. Der Gestank nach verfaulter Nahrung wurde beinahe unerträglich.

Obwohl sich sein Magen verkrampfte, obwohl er würgte und ihm ein saurer Geschmack in den Mund schwappte, obwohl er sich herumwerfen und davonlaufen wollte, stieg er über die Reste des Tiers hinweg und ging den Gang entlang. Getrieben von einer unnatürlichen Neugier, gezogen von einer leisen Stimme, die nach ihm verlangte.

Spinnweben strichen ihm durchs Gesicht. Er achtete nicht darauf. Seine Umgebung verlor jegliche Bedeutung für ihn. Es zählte nur noch, das Haus zu erforschen – und den Übergang zu finden.

Den Übergang? Was für ein merkwürdiger Gedanke.

Der Korridor schien sich unendlich in die Länge zu ziehen. Mit jedem Meter, den Richy zurücklegte, wich das Gangende um zwei Meter zurück.

Was war das dort hinten? Hatte er da nicht eine Bewegung gesehen?

Was tust du? Geh nicht dorthin! Lauf weg!

Alles in ihm schrie danach, die Flucht zu ergreifen, aber seine Beine verweigerten den Gehorsam.

Das Gefühl, dass sich der Korridor in die Ewigkeit und darüber hinaus streckte, kehrte sich plötzlich ins Gegenteil um. Richy tat einen Schritt, und das Gangende raste auf ihn zu. Und tatsächlich, er hatte eine Bewegung gesehen.

Jemand kam auf ihn zu. Nein: etwas!

Zu Richards Füßen erklang ein schmatzender Laut, und als er nach unten leuchtete, entdeckte er den Rest des Schäferhundes. Das, was einst in dem Fell gesteckt hatte, war nur noch ein unförmiger Haufen aus Fleisch und Knochen. Und Richy war mitten hineingetreten.

Der Anblick holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Vergessen war die Neugier, wie weggeblasen das Verlangen, den Übergang zu finden, worum immer es sich handeln mochte.

Richy trat einen Schritt nach hinten und riss das Handy hoch. Der Lichtstrahl huschte über ein Monstrum ein paar Meter vor ihm. Für einen Sekundenbruchteil sah er verkrümmte Klauen, Reißzähne, leuchtende Augen.

Er gab ein entsetztes Keuchen von sich, ließ das Mobiltelefon fallen und wollte sich herumwerfen. Da legte sich ihm eine Pranke auf die Schulter.

***

»Da bist du ja!«, sagte Carl.

Richy fuhr herum und schaute in das grinsende Gesicht seines … nun ja, Freundes.

»Du bist gar nicht mal so eine Memme, wenn du dich alleine in einen dunklen Gang wagst. Was meinst du, Toby?«

»Hätte ich ihm auch nicht zugetraut«, meinte Toby Fenderbaum.

Die Erleichterung, dass kein zweites Monstrum hinter Richy gelauert hatte, verflog, als er an das erste dachte. »Wir müssen weg hier!«, stieß er hervor. Es war ihm egal, wenn er den guten Eindruck, den Carl und Toby von ihm gewonnen hatten, gleich wieder zerstörte. »Ein Monster!«

Carl White lachte. »Ein was?«

Sie leuchteten den Gang entlang.

»Da ist nichts«, stellte Toby fest.

»Doch!«, widersprach Carl. »Ich sehe etwas. Los, Richy, ich zeig dir dein Monster.«

Widerwillig bückte sich Richard Norwood, hob das Handy auf und ließ den Strahl ebenfalls den Korridor hinabwandern. Wieder sah er eine Bewegung, doch diesmal zuckte er nicht zurück. Und da erkannte er, worauf er blickte: Am Ende des Ganges hing ein stellenweise blinder, gesprungener, von Spinnweben übersäter Spiegel.

»Da hast du dein Monstrum!«, feixte Carl. »Du bist ja bei Tag schon keine Schönheit. Kein Wunder, dass dich dein verzerrtes Spiegelbild erschreckt hat.«

Richy runzelte die Stirn. Hatte er sich wirklich nur vor seiner Reflexion gefürchtet? Keine leuchtenden Augen, sondern die doppelte Spiegelung der Handytaschenlampe? Keine verkrümmten Glieder und Klauen, sondern das deformierte Abbild seines eigenen Körpers?

Es war möglich, aber Richy wollte nicht recht daran glauben.

Andererseits: Ein Monster? Ehrlich?

»Und was ist damit?« Richy beleuchtete den Boden und die tierischen Überreste.

»Das ist ja widerlich«, stöhnte Carl auf. »Deshalb stinkt es hier so erbärmlich.«

»Wie erklärst du dir diese Sauerei?«

Carl zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Irgendein Penner, dem der Köter auf den Sack ging und der ihn aufgeschlitzt hat? Was weiß ich!«

»Schwachsinn.«

»Größerer Schwachsinn, als an ein Monster zu glauben?«

Richy schwieg.

»Habt ihr das gehört?«, fragte Toby plötzlich.

»Was?«

»Eine leise Stimme. Ein Lachen, glaube ich. Von einem Mädchen.«

»Fang du bloß nicht auch noch …«, begann Carl, unterbrach sich dann aber. »Verdammt, jetzt habe ich es auch gehört. Sehen wir nach!«

Richy wollte protestieren, da sprang Carl über den Hundekadaver hinweg und rannte auf den Spiegel zu. Toby zögerte nicht und eilte hinterher. Ehe sich Richy bewusst wurde, was er tat, folgte auch er.

Sie kamen an einer Reihe verschlossener Türen und weiteren Porträts vorbei, bis Carl schließlich stehen blieb. Vor dem Spiegel knickte der Gang nach rechts ab und verschwand in der Dunkelheit. Sie leuchteten hinein, doch die Lichtstrahlen zerfaserten und verloren sich, bevor sie auf etwas von Interesse trafen.

Carl deutete zur letzten Tür links vor dem Knick.

Und nun hörte Richy es auch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1906" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen