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John Sinclair - Folge 1905

Die Nacht der Sauger

Prasselnd rauschten die Wasserstrahlen auf den nackten Körper der dreißigjährigen Chantal.

Die Frau genoss diesen warmen Regen. Dabei hatte sie das Gefühl, den gesamten Schmutz des zurückliegenden Tages abzuspülen, obwohl das Geschäft nur mittelmäßig gelaufen war.

Drei Freier hatten ihr Wohnmobil besucht. Der Letzte war schlimm gewesen. Er war gekommen, hatte kaum ein Wort gesagt und sie nur angestarrt. Aber er hatte verlangt, dass sie sich auszog, und sie hatte sich nackt seinen Blicken ausgesetzt.

Nicht, dass ihr die Nacktheit etwas ausgemacht hätte, das war sie in ihrem Geschäft gewohnt, aber die Augen und die Blicke des Mannes konnte sie nicht vergessen …

Die Augen waren eiskalt gewesen. Kein Gefühl, kein Mitleid, einfach nichts. Bis eben auf die Kälte, die so gnadenlos sein konnte.

Gestiert und nichts gesagt. Chantal wusste nicht, wie lange sie es unter den Blicken des Mannes hatte aushalten müssen, die Zeit kam ihr doppelt so lang vor, aber sie war froh, als er irgendwann seine dünnen Lippen bewegt hatte, um ihr zu erklären, dass sie sich wieder anziehen könnte.

Chantal war recht abgebrüht, aber der Besuch dieses Fremden hatte ihr schon Angst eingejagt. Da war sie sich vorgekommen wie auf dem Präsentierteller. Irgendwie schien der Hagere auch etwas an ihr gesucht zu haben, das Gefühl hatte sie jedenfalls.

Getan hatte der Kerl ihr nichts. Dennoch war sie heilfroh, als er die Unterkunft verlassen hatte. Da war dann der Druck von ihr abgefallen, und sie hatte sogar vor Erleichterung geweint. Das hatte einfach raus müssen. Es war ihr fast peinlich, aber sie hatte es überstanden.

Danach war sie in die kleine Kabine gegangen und hatte sich unter die Dusche gestellt. Das hatte sie einfach tun müssen, um sich wieder wohl zu fühlen.

Irgendwann war es genug. Außerdem wollte sie nicht zu viel Wasser verbrauchen. Die Tür hatte sie von innen abgeschlossen. Sie wollte keinen Freier mehr sehen. Zumindest nicht mehr in den folgenden Stunden der Nacht.

Sie trocknete sich ab. Danach wollte sie sich hinlegen und versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Auf dem Parkplatz konnte sie stehen bleiben. Nur nicht zu lange. Wenn es auffiel, welch einem Gewerbe sie nachging, bekam sie Ärger. So war sie oft unterwegs, zog wie eine Marketenderin durch das Land und stoppte dort, wo es ihr gerade in den Sinn kam und es den nötigen Platz gab.

Welchem Gewerbe sie nachging, das erkannte man recht schnell, denn außen schimmerte das Licht einer roten Laterne. Für Männer war es das richtige Zeichen.

Als ihr Körper trocken und auch eingecremt war, streifte sie ihr dünnes Nachthemd über. Das Bett bezog sie frisch, dann machte sie sich lang und schaute gegen die Decke.

Das Licht im Wagen hatte sie nicht gelöscht, nur gedimmt. Sie fürchtete sich zwar nicht vor der Dunkelheit, aber es war besser, wenn es etwas Helligkeit gab, denn so fühlte sie sich wohler.

Eigentlich hatte sie gedacht, richtig müde zu sein. Das jedoch war ein Irrtum. Sie lag, aber sie konnte nicht einschlafen. Zu viel ging ihr durch den Kopf, und es war vor allen Dingen das Gesicht ihres letzten Freiers, das immer wieder vor ihrem geistigen Auge erschien. Besonders scharf traten die Augen hervor. Sie musste einfach über den Besucher nachdenken. Sie kam davon nicht los, und sie fragte sich immer wieder, was der andere von ihr gewollt hatte.

Sie hatte keine Ahnung. Es war so konkret und zugleich abstrakt gewesen, noch jetzt rann ihr ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran dachte. Er hatte ihr körperlich nichts getan, aber er hatte es geschafft, sie seelisch aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Chantal wartete darauf, dass ihr die Augen zufielen und sie endlich einschlafen konnte.

Das passierte nicht. Sie blieb weiterhin wach, auch wenn sie es nicht wollte. Alles lief in dieser Nacht anders. Angespannt waren ihre Sinne, und sie dachte darüber nach, den Standplatz zu wechseln, aber dazu hatte sie auch keinen Bock, denn sie wollte nicht in die Dunkelheit fahren, in der sie sich verloren vorkam. Außerdem kannte sie sich in der Stadt noch nicht aus. Sie befand sich zum ersten Mal in ihrem Leben in Dundee, aber sie hatte sich vorgenommen, Schottland zu verlassen, bevor es richtig kalt wurde.

Ab in den Süden. Vielleicht sogar bis Spanien fahren und dort überwintern. Aber das würde sich noch alles ergeben. In Spanien konnte sie in ihrem Job auch gute Geschäfte machen, wenn sie sich auf die englischen Rentner konzentrierte.

Je länger Chantal darüber nachdachte, umso mehr nahm dieser Plan in ihrem Kopf Konturen an, und sie nahm sich vor, kurz nach dem Hellwerden zu starten.

Der Gedanke an die Zukunft beruhigte sie und vertrieb die anderen Gedanken. Sie sah sich schon jetzt im südlichen Spanien und sich von der Sonne verwöhnen.

Der Gedanke daran ließ sie lächeln. Plötzlich sah die Zukunft gar nicht mehr so schlecht aus, und den Kerl mit seinen harten und erbarmungslosen Augen wollte sie auch vergessen.

Ja, alles war gut. Alles sah gut aus. Sie brauchte sich keinen Kopf zu machen.

Schlafen bis zum Hellwerden, um dann …

Urplötzlich brachen ihre Gedanken ab. Im ersten Moment wusste sie nicht, warum das passiert war, aber sie hatte sich nicht geirrt und lag jetzt starr da, um zu lauschen.

Es war ein Geräusch gewesen, das sie gestört hatte. Und das Geräusch hatte sie nicht von außerhalb des Wagens erreicht, sondern war in seinem Innern aufgeklungen.

Aber wieso?

Chantal lag erneut unbeweglich. Sie konzentrierte sich und lauschte. Sie wollte, dass sich das Geräusch wiederholte, um etwas Klarheit zu bekommen.

Es passierte nichts. Die nächsten Sekunden vergingen und waren von der Stille eingepackt worden. Mit ihrer Ruhe war es vorbei, obwohl sie auf dem Bett lag und sich nicht regte.

Oder habe ich mich geirrt?

Diese Frage tauchte auf, und Chantal wollte, dass sie einem Irrtum erlegen war.

Und da hörte sie es erneut!

Diesmal lauter und auch näher am Bett. Das Unbekannte hatte sich auf den Weg gemacht und würde sie bald erreicht haben. Sie wusste nicht, was es war, hatte es trotz der Beleuchtung nicht gesehen, obwohl sie den Innenraum so gut absuchte wie eben möglich.

Chantal saß jetzt im Bett und bewegte ihren Kopf, um möglichst in jeden Winkel schauen zu können, aber sie musste passen, denn es war nichts zu sehen, was ihr unter Umständen hätte gefährlich werden können.

Plötzlich war es wieder da. Und jetzt wusste sie auch, woher es stammte. Es war unter ihrem Bett aufgeklungen. Ein Kratzen, als wären Finger dabei, sich über den Boden zu bewegen.

Eigentlich unmöglich und trotzdem nicht von der Hand zu weisen. Etwas musste sich in ihren Wagen verirrt haben. Möglicherweise ein Tier, das von draußen gekommen war.

Sie wartete.

Ja, dann hatte sie Glück, es erneut zu hören. Und es war wieder unter dem Bett aufgeklungen. Aber es blieb nicht an einer Stelle, denn es bewegte sich. Und zwar nach rechts, das fand sie auch heraus.

Chantal drehte sich in die entsprechende Richtung. Jetzt konnte sie über den Bettrand schauen und erwartete gespannt das, was sich noch unter dem Bett bewegte und bald sichtbar werden würde.

Ja, es ging weiter. Das hörte sie anhand der Geräusche. Nur noch Sekunden und es würde die Deckung unter dem Bett verlassen haben. Sie hörte auch einen Laut, der entstanden war, als hätte sich etwas übereinander geschoben.

Ein Schaben und dann wieder das Kratzen.

Augenblicke später war es soweit.

Da tauchte das auf, von dem sie bisher nur die Geräusche gehört hatte. Zuerst wollte sie es nicht glauben, aber das Licht war hell genug, um ihr zu zeigen, was da kam.

Unglaublich und doch wahr!

Unter dem Bett war eine handgroße Spinne hervor gekrochen!

***

Chantal hielt den Atem an. Auch ihre Gedanken stockten. Spinnen waren bestimmt nie ihre Leidenschaft gewesen, und jetzt sah sie eine, die unter dem Bett gelauert hatte und neben ihm sichtbar geworden war.

Eine dicke, eine schwarze und auch eine sehr glatte widerliche Spinne, die allerdings auch eine besondere war, weil sie weniger Beine hatte als eine normale. Und zudem auch größer war.

Die Frau lag auf der rechten Seite, denn sie wollte den Weg der Spinne verfolgen. Noch sah es nicht so aus, als hätte sie sich für den Menschen interessiert. Sie setzte ihren Weg fort als wollte sie den Raum inspizierten.

Plötzlich hielt sie inne.

Chantal rührte sich ebenfalls nicht. Sie hielt sogar den Atem an und wartete darauf, dass die Spinne etwas tat. Lange musste sie nicht warten, denn die Spinne bewegte sich wieder. Sie drehte sich auf der Stelle, um in eine andere Richtung zu schauen, und dabei konzentrierte sie sich auf das Bett.

Und auf Chantal.

Die stieß den Atem keuchend aus, denn sie hatte etwas gesehen, was für eine Spinne völlig unnormal war.

Glutaugen!

Ja, rote Augen in dem Spinnenkopf. Das war nicht normal. Chantal gehörte zwar nicht zu den Spinnenkennerinnen, aber dass Spinnen rote Augen besaßen, daran glaubte sie nicht.

Das war kein normales Tier.

Das hatte auch zu wenig Beine.

Eine Mutation? Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf, während sie das Tier nicht aus den Augen ließ und ihr plötzlich ein bestimmter Gedanke durch den Kopf schoss.

War es unter Umständen möglich, dass die Spinne keine echte, sondern eine künstliche war, die sich durch eine Fernlenkung bewegte? Das war zwar kaum zu fassen, aber so ganz wollte sie es auch nicht zur Seite schieben. Nur musste es dann jemanden geben, der ihr diese Spinne geschickt hatte. Plötzlich dachte sie an ihren letzten Freier, den Mann mit den gnadenlosen Augen. Es war möglich, dass er dahinter steckte, aber so richtig konnte sie es nicht nachvollziehen.

Die Gedanken drängten die Angst zur Seite. Aber sie kehrte zurück, denn die Spinne bewegte sich auf das Bett zu, und Chantal ahnte Schlimmes.

»Nein«, flüsterte sie, »nein …«

Es hatte keinen Sinn. Sie konnte nichts daran ändern und die Spinne auch nicht aufhalten.

Die knickte kurz mit ihren dünnen Beinen zusammen. Das war genau die richtige Bewegung, um sich abzustoßen.

Sie sprang hoch.

Sie erreichte auch das Bett, und nicht mal zwei Sekunden später hockte sie auf der Brust der blonden Frau …

***

Die Tierärztin Dr. Maxine Wells schaute der ihr gegenüber sitzenden Person in die Augen.

»Und du willst wirklich noch mal raus, Carlotta?«

»Ja.«

»Und warum?«

Das Vogelmädchen lächelte. »Kann ich dir genau sagen. Es ist möglich, dass es einer der letzten Flüge wird, die ich unternehme. Der Herbst ist da, der Winter steht vor der Tür, es ist kälter geworden, aber nicht so kalt, als dass ich nicht fliegen könnte, ohne in der Luft zu einem Eisklumpen zu werden.«

Maxine wiegte den Kopf. »So gesehen hast du recht. Wir haben wirklich einen warmen Herbst. Da ist das Wetter beinahe schon unnatürlich.«

Das Vogelmädchen lächelte. »Also hast du nichts dagegen?«

»Moment, Carlotta. So ganz stimmt das nicht. Du weißt immer, dass ich mir Sorgen mache, wenn du deine Ausflüge unternimmst.«

»Das ist doch alt.«

»Jetzt sag nicht, dass dabei nichts passiert ist.«

»Richtig. Aber wir hatten doch lange Zeit Ruhe. Oder siehst du das anders?«

»Sehe ich auch.«

Carlotta beugte sich vor und schaute über den Küchentisch hinweg. »Das hast du sogar zugeben müssen, Max.«

Die Tierärztin lächelte nur.

Carlotta deutete auf die Fensterscheibe. »Außerdem ist es dunkel, das siehst du selbst. Und du weißt auch, dass die Dunkelheit ein gutes Versteck für mich ist.«

Maxine winkte ab. »Ja, ja, das weiß ich alles. Und ich habe auch nichts dagegen.«

»Oh, dann kann ich starten?«

»Meinen Segen hast du.«

Carlotta sprang auf und lachte. Sie umarmte ihre Ziehmutter und lief aus der Küche.

Die Tierärztin blieb kopfschüttelnd zurück. Aber sie wusste auch, dass sie Carlotta nicht anbinden konnte. Das Vogelmädchen war eine selbstständige Person, die man nicht an einer Kette halten konnte. Und Carlotta wusste auch, wie weit sie zu gehen hatte. Die Gefahr, plötzlich einen schnellen Tod zu erleiden, war nicht sehr groß. Und sie hütete sich auch davor, entdeckt zu werden.

Vieles war in den letzten Jahren im persönlichen Umfeld der Tierärztin passiert. Und das, seit Carlotta bei ihr war. Sie hatte das Vogelmädchen aufgenommen, das aus einem geheimen wissenschaftlichen Labor geflohen und letztendlich bei ihr gelandet war.

Wie auch der Geisterjäger John Sinclair, der sich mit dem Fall beschäftigt hatte und seitdem zu Maxines besten Freunden gehörte. Vielleicht war er sogar ihr bester Freund, denn Kontakt zu anderen Männern hatte sie in der letzten Zeit nicht gehabt. Es war einfach zu risikoreich, denn wie leicht hätte derjenige auf Carlottas Geheimnis stoßen können.

Ein Klopfen an der Scheibe unterbrach ihren Gedankengang. Sie drehte den Kopf und sah, dass sich Carlotta vor dem Fenster aufhielt und winkte.

Sie stand nicht mit den Füßen auf dem Boden, sondern schwebte in der Luft, und das musste einfach sein. Zu irgendwelchen Scherzen war sie immer aufgelegt. Maxine Wells winkte zurück. Carlotta nickte, bewegte auf dem Rücken ihre Flügel und startete zu ihrem Flug …

***

Chantal konnte es nicht glauben. Es war ein Unding, aber es war auch die reine Wahrheit, so grausam sie sich auch zeigte.

Die Spinne hockte auf ihrer Brust. Und wenn Chantal den Kopf leicht anhob, dann schaute sie auch genau in die roten Augen hinein, die sie wie zwei Feuerpunkte anglotzten.

Was war das? Was hatte diese Spinne vor? Konnte man sie noch als normal bezeichnen? War sie vielleicht ein künstliches Geschöpf?

Das alles schoss ihr durch den Kopf, aber sie fand keine Lösung. Sie wusste nur eines. Was sie hier erlebte, das war ungeheuerlich. Das konnte sie sich nicht erklären, und jetzt wartete sie praktisch darauf, dass die Spinne zubiss. Oder aus einer Drüse ein Faden schoss, der sich auf ihr Gesicht legte.

Das passierte nicht.

Die Spinne hockte einfach nur auf ihrem Körper. Chantal wusste noch immer nicht, ob sie nun echt oder künstlich war. Das fand sie nicht heraus.

Das Tier war recht groß. Zumindest für eine Spinne. Es besaß die Größe einer Hand, und je länger das verdammte Ding auf ihrem Körper hockte, umso stärker spürte sie das Gewicht. So überlegte Chantal, wie sie das Biest loswerden könnte. Mit einem heftigen Schlag der Hand würde es wohl von ihrem Körper geschleudert werden können.

Das wollte sie tun.

Chantal hob den rechten Arm an. Jetzt musste sie nur noch ausholen und richtig treffen.

Dazu kam es nicht mehr.

Plötzlich bewegte sich das Wesen. Das heißt, es zuckte mit seinen Beinen, von denen es nur vier hatte. Die aber waren überlang und auch kräftig.

Von einer Kleidung konnte man bei Chantal nicht sprechen. Der dünne Stoff bot keinen Widerstand. Die Krallen schafften es, ihn zu zerreißen, da genügte ein Ruck.

Dann berührten sie die Haut.

Aber nicht nur das. Sie verwandelten sich in kleine Messer, die genügend Druck abgaben, um Wunden zu hinterlassen.

Aus ihnen strömte Blut. Zuerst als kleine Perlen, dann bekam das Blut Nachschub und verschmierte sich auf der nackten Haut. Hinzu kamen die Bewegungen des Kopfes. Die Spinne fing an zu hacken.

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