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John Sinclair - Folge 1904

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Fluch der Leichenhemden
  4. Vorschau

Der Fluch der Leichenhemden

»Stau«, sagte Suko.

Ich lachte leicht blechern. »Hast du etwas anderes erwartet an einem Morgen in London?«

»Nein.«

»Eben.«

Es war wie immer. Eigentlich lohnte es sich nicht, darüber zu reden. Nein, es war nicht wie immer, denn was uns in den folgenden Minuten bevorstand, war unglaublich und ungeheuerlich …

Pat Smolka kam nicht mehr weiter, denn er steckte in einem der vielen Londoner Staus. Das kannte er, das hätte ihn auch nicht weiter gestört, aber es kam etwas anderes hinzu.

Er fühlte sich so anders. So seltsam. Eigentlich war das auch der falsche Ausdruck. Smolka fühlte sich schlecht. Und das wegen der leichten Übelkeit. Doch nicht nur sie trug dazu bei. Da gab es noch etwas Besonderes, das in ihm hochgestiegen war. Und das ließ sich mit dem Begriff Angst umschreiben.

Ja, es war eine verdammte und auch hündische Angst, die ihn überkommen hatte. Er merkte sie wie einen Druck, der nicht aus seinem Körper weichen wollte. Er hatte sich in seinem Innern ausgebreitet und dann immer höher, sodass er beinahe die Kehle erreicht hatte. Das sorgte dafür, dass er Atemprobleme bekam.

Er hörte sich nach Luft schnappen. Er hörte sich auch stöhnen, und der Schweißausbruch erinnerte an einen Wasserguss, der sich über seinen Körper gelegt hatte.

Was war das?

Pat Smolka begriff es nicht. Er befand sich in einer Lage, die er bisher noch nie erlebt hatte. Das war völlig neu für ihn, und er wusste auch nicht, warum ihn dieses Phänomen ereilt hatte.

Es war nichts zum Lachen. Im Gegenteil. Er fühlte sich von Sekunde zu Sekunde immer schlechter, als wäre etwas dabei, ihm die Kräfte aus dem Körper zu ziehen.

Smolka schnallte sich los. Er konnte den leichten Druck des Gurts nicht ertragen. Der Mann drehte den Kopf ein wenig, damit er sich im Innenspiegel betrachten konnte. Er ahnte schon, dass mit ihm etwas passiert war, doch als er sich in dem schmalen Spiegel sah, da dachte er daran, dass er besser nicht hineingeschaut hätte.

War das noch sein Gesicht?

Er konnte es kaum glauben. Es war zu einer von der Angst gezeichneten Fratze geworden. Sein Mund stand halb offen, und jetzt starrte der Mann seine eigene Haut an, die ihren normalen und gesunden Farbton verloren hatte.

Sie hatte sich auf eine unerklärliche Art und Weise verändert, denn sie war porös geworden. Aber nicht nur das. Sie hatte auch eine andere Farbe bekommen. Es war der Stich ins Graue, der sich sichtbar abzeichnete. Sein Gesicht war für ihn zu einem Fremdkörper geworden.

Er riss seinen Kopf zur Seite, er wollte auf keinen Fall weiterhin in den Spiegel schauen und sich selbst sehen. Dafür senkte er den Blick und betrachtete seine Hände.

Jetzt weiteten sich die Augen erneut. Auch die Hände sahen nicht mehr so aus wie zuvor. Die Haut hatte eine andere Farbe angenommen, da war der Stich ins Graue.

Er keuchte. Der Schweiß war nach wie vor vorhanden. Dann bewegte er seine Hände. Er wollte sie zu Fäusten ballen und beobachtete dabei genau seine Haut.

Ja, sie spannte sich. Überdeutlich war es zu sehen. Sie schien auch dünner geworden zu sein, besonders über den Knochen, sodass er Angst davor haben konnte, dass sie riss.

Das tat sie nicht. Seine Knochen wurden nicht freigelegt. Es ging alles normal weiter, wobei er den Begriff normal relativieren musste, denn das war hier nicht normal. Was er erlebte, kam ihm selbst vor wie die Vorstufe zur Hölle.

Was war das? Wer wollte ihm was? Er fand keine Antwort. Er erlebte einen Horror wie nie zuvor in seinem Leben. Über sein Gesicht rann der Schweiß, und er spürte jetzt ein Brennen auf der Haut.

Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt.

In seinem Kopf begann es zu summen, und eine nie erlebte Unruhe erfasste ihn. Auf seinem Sitz rutschte er von einer Seite zur anderen. Er hörte sich selbst stöhnen, und fühlte sich wie jemand, der in einem engen Gefängnis steckte.

Das Herz schlug schnell und seiner Meinung nach überlaut. Die Echos sorgten für eine Dröhnung im Kopf. Das war nicht mehr hinzunehmen. Für ihn war es zu einer Folter geworden.

Wieder schaute er in den Innenspiegel. Das kostete ihn schon Überwindung. Erneut weiteten sich seine Augen. Was er da zu sehen bekam, das war ungeheuerlich. Er konnte es auch mit dem Begriff unfassbar umschreiben. Seine Gesichtshaut hatte sich erneut verändert. Sie war dunkler geworden. Nicht grau oder schwarz, nein, diese Haut hatte einen rötlichen Ton bekommen.

Zugleich spürte er die Enge in seinem Körper. Alles presste sich zusammen, aber auch im Auto wurde es ihm zu eng.

Da gab es nur eine Möglichkeit.

Raus aus dem Wagen. Ins Freie kommen und an die frische Luft.

Noch stand er im Stau. Das war in seinem Fall gut. Da lief er nicht Gefahr, von anderen Fahrzeugen überfahren zu werden. Er würde also gut wegkommen.

Angeschnallt war er nicht mehr. Er musste sich nur nach rechts lehnen und die Tür öffnen. Das tat er auch. In diesem Augenblick dachte er nicht mehr über seinen Zustand nach, er wollte nur weg aus dieser Falle. Alles andere würde sich hoffentlich finden lassen.

Die kühle und leicht feuchte Herbstluft schlug ihm entgegen. Das erlebte er nur wie nebenbei. Er wuchtete sich aus dem Fahrzeug, geriet in eine geduckte Haltung und drückte seinen Körper nach vorn, um auf der Straße einen Halt zu bekommen.

Niemand fuhr an ihm vorbei. Die Autos standen, und Smolka richtete sich unter großen Mühen auf. Es war wichtig, dass er den Gehsteig erreichte. Auf seine Schmerzen und auch auf die Angst achtete er nicht mehr. Für ihn war sein eigener Wagen zu einer regelrechten Hölle geworden.

Und so lief er vor. Smolka erreichte den Gehsteig auch. Dort aber war es dann zu Ende. Die Kraft verließ ihn. Er stolperte über den Kantstein, weil er den Fuß nicht mehr richtig hochbekam. Einen Augenblick später kippte er nach vorn. Reflexartig stützte er sich ab und prallte nicht zu hart auf. Er schaffte es noch, sich zur Seite zu rollen, das war auch alles, was ihm gelang. Sekunden später merkte er nichts mehr. Nicht mal den Schmerz und die Luftknappheit. Da war er zu einem Opfer geworden …

***

Wir konnten nicht zaubern. Hätten wir es gekonnt, wäre alles anders gekommen. So aber standen wir weiterhin in diesem verdammten Morgenstau und warteten darauf, dass es weitergehen würde.

Ich holte mein Telefon hervor.

»Willst du im Büro anrufen?«, fragte Suko.

»Du hast es erfasst.«

»Dann freu dich schon auf Glendas Kommentare.«

»Keine Sorge, darauf stelle ich mich ein«, sagte ich lachend und wartete, dass abgehoben wurde.

Das war auch der Fall, und Glenda erlebte so etwas wie eine Vorahnung, denn sie sagte zur Begrüßung: »Wer immer Sie auch sind, Sie werden John Sinclair nicht sprechen können. Versuchen Sie es besser am Mittag. Da sind die Chancen größer.«

»Nun übertreibe mal nicht«, sagte ich.

»Aha, also doch. Du bist es. Hatte ich mir fast gedacht. Wer ruft denn sonst schon so früh am Morgen an, um zu erklären, dass es noch dauern würde, bis der Herr eintrifft.«

»Genauso so ist es, Glenda. Du musst noch ein wenig auf uns verzichten. Tut mir leid.«

»Hatte ich mir gedacht. Stau?«

»Und wie.«

»Habe ich heute schon im Internet gesehen, es ist mit dem Verkehr wieder besonders schlimm.«

»Und wir stecken drin.«

»Siehst du eine Chance, dich befreien zu können?«

»Nein, im Moment nicht. Da tut sich einfach nichts. Da haben wir Pech gehabt.«

»Dann werde ich mal keinen Kaffee kochen und mich auf den Mittag einstellen.«

»So schlimm wird es auch nicht sein.«

»Warten wir mal ab.«

Genau das war es, abwarten. Ich verabschiedete mich von Glenda und schaute nach rechts, wo Suko saß und die Augen fast geschlossen hatte.

»Willst du schlafen?«

»Nein, ich denke nur nach. Man sollte die Zeit des Stillstands nutzen.«

»Dann will ich dich auch nicht stören.«

»Danke.«

Ich hatte keinen Bock darauf, die Augen zu schließen, mein Blick glitt nach vorn, aber auch leicht schräg durch die Frontscheibe des Rovers. Die Fahrzeuge standen in einer Blechschlange. Da tat sich nichts. Jeder hockte hinter dem Steuer und wartete darauf, dass sein Vordermann endlich losfuhr. Ich ließ meinen Blick ein wenig wandern und über die Straße gleiten.

Da passierte es.

Zwei Autos vor uns hatte der Fahrer die Tür aufgestoßen. Er wollte raus, das stand fest. Aber ich bekam große Augen, als ich sah, wie der Mann ausstieg. Das war nicht normal. Er schwankte ins Freie, und danach gab es kein Gehen, sondern ein Torkeln.

Der Gehsteig war nicht weit entfernt. Und er war etwas erhöht. Man hätte seinen Fuß schon in die Höhe heben müssen, genau das schaffte der Mann nicht ganz. Er stolperte über die Kante und fiel nach vorn, wobei er sich noch leicht drehte, sodass er nicht mit dem Gesicht so brutal aufschlug.

Das reichte.

Mich hielt nichts mehr im Wagen, und so riss ich die Tür auf. Erst jetzt wurde Suko aufmerksam und fragte: »Was ist?«

»Ich weiß es noch nicht. Es kann durchaus Ärger geben. Das schaue ich mir an.« Mehr sagte ich nicht, gab auch keine Erklärung, ich musste raus zu dem Mann.

Ob andere Fahrer ihn ebenfalls gesehen hatten, wusste ich nicht. Jedenfalls kümmerte sich keiner um ihn. Er war wirklich allein gelassen und kam auch nicht mehr hoch.

Ich war schnell bei ihm und ging in die Knie. Schon bei dieser Bewegung hatte ich das Gefühl, innerlich zu vereisen, denn mir war ein Blick auf das Gesicht gelungen.

Das war furchtbar. Da spannte sich eine sehr dünne Haut über die Knochen, die zudem einen aschigen und zugleich rötlichen Farbton bekommen hatte. Aber diese Haut zeigte sich nicht nur im Gesicht, sondern auch an den Händen. Alles war so verdammt unnatürlich, und dann glaubte ich auch, eine Reaktion meines Kreuzes zu erleben, aber darauf achtete ich nicht, weil ich das tiefe Stöhnen des Mannes hörte. Es war so etwas wie eine Hoffnung, der Mann lebte noch.

Jetzt stand auch Suko neben mir. Er gab einen Kommentar ab, aber ich verstand kein Wort. Außerdem war es wichtig, dass ich mich um den Fahrer kümmerte. Ich wollte wissen, was ihn so verändert hatte.

»Bitte, Mister, sagen Sie mir, was passiert ist?«

»Erwischt«, sagte er keuchend. »Ja, es hat mich erwischt, ich konnte nichts, aber auch gar nichts dagegen unternehmen. Im Auto. Mir wurde ganz anders. Übel. Dann bekam ich einen Angstschub. Ich war plötzlich in Schweiß gebadet und wollte nur noch aus dem Auto.« Er stöhnte wieder. »Ich habe mich im Spiegel gesehen.« Jetzt lachte er bitter auf. »Es war schlimm, sehr schlimm. Ich bin zu einem anderen Menschen geworden. Ich bin nicht mehr der Gleiche.«

Da konnte ich nicht widersprechen, aber ich wollte mehr erfahren.

»Ich sehe Sie ja. Ich sehe Ihre Haut, was ist passiert? Und wieso ist es passiert?«

»Weiß nicht. Ganz plötzlich …« Es fiel ihm schwer, zu sprechen.

Ich schaute ihn an. In seinem Gesicht mit der dünnen Haut zuckte es. Er rang nach Worten, die er auch fand.

»Da war was Fremdes in mir. Das hat mich übernommen. Es – es – sorgte für die Veränderung. Für mich war es einfach nur grauenhaft, ich weiß es auch nicht. Und jetzt …« Er bäumte sich auf. Aus seinem Mund drang ein Schrei, und dann schauten Suko und ich zu, wie er starb und dass wir nichts tun konnten.

Zugleich stieg in seinen Kopf eine dichte Röte, und ich hatte auch das Gefühl, eine gewisse Wärme zu spüren, aber die war rasch vorbei, denn auch der Mann auf dem Boden regte sich nicht mehr.

Ganz still lag der Veränderte da.

»John«, hörte ich Sukos sanfte Stimme. »Ich denke, dass wir einen Toten vor uns haben.

»Ja, das denke ich auch.« Um sicher zu sein, kontrollierte ich es und spürte kein Leben mehr.

Um uns herum stand eine Gruppe von Gaffern. Sie alle schauten zu, wie ich dem Toten die Augen schloss.

Suko telefonierte in der Zwischenzeit. Der Mann musste abgeholt werden. Das konnten unsere Leute übernehmen und ihn so schnell wie möglich in die Pathologie bringen.

Jetzt würde der Stau noch länger Bestand haben. Das war jetzt egal. Es störte mich nicht, dass ich von ungeduldigen Leuten angefahren wurde. Hier musste alles seinen normalen Weg gehen, wobei ich davon überzeugt war, dass dieser tote Mensch keinen normalen Tod erlitten hatte.

Ich wollte auch wissen, wer er war. Ich zog seine Brieftasche hervor und sah darin auch einen Führerschein. Er lautete auf den Namen Patrick Smolka.

Mir sagte der Name nichts. Aber wir würden mehr über ihn herausfinden. Was mir schon ein wenig Sorge bereitete, war die Reaktion meines Kreuzes. Hatte es sich wirklich erwärmt oder war das in meiner Fantasie geschehen?

Suko stand neben mir und stellte mir eine Frage. »Was ist los mit dir? Du siehst so nachdenklich aus.«

»Tue ich das? Klar.« Ich schüttelte den Kopf. Dann klärte ich Suko über meinen Verdacht auf.

Er sah mich skeptisch an. »Bist du dir sicher.«

»Wirf mal einen Blick auf den Toten. So wie er sieht kein normaler Mensch aus. Der hat sich verwandelt, Suko. Dem ist was widerfahren und das innerhalb von kürzester Zeit.«

»Du meinst, als er in seinem Wagen saß.«

»Ja. Er hat von einer wahnsinnigen Angst gesprochen, und dann hat sich seine Haut auch verändert. Das war nicht gut. Das war einfach nur grauenhaft. Er muss irrsinnig gelitten haben.«

»Ja, und warum ist das geschehen?«

Ich verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. »Das werden wir herausfinden müssen.«

»Aha. Du gehst also von einem neuen Fall aus.«

»Du nicht, Suko?«

»Mal sehen. Normal ist es jedenfalls nicht. Das weiß ich inzwischen auch.«

Für mich stand fest, dass wir es mit einem neuen Fall zu tun hatten, denn ich glaubte auch daran, dass sich mein Kreuz mit seiner Reaktion nicht geirrt hatte.

Ich schaute mir den Toten an. Das war kein normales und auch kein entspanntes Gesicht. Es hatte eine Veränderung durchlaufen, und dafür musste es einen Grund geben. Zudem musste es jemand sein, der die Macht hatte, einen Menschen so zu verändern. Ich gab keinen weiteren Kommentar ab, auch wenn Suko mich dabei skeptisch beobachtete. Die anderen Autofahrer hatten bemerkt, dass sie sich an uns vorbeischieben konnten. Probleme hatten sie keine damit, und dann meldete sich mein tragbarer Quälgeist.

Glenda Perkins wollte etwas von mir.

»Wann kommst du denn?«

»Vielleicht gar nicht.«

»Ach, und was ist der Grund?«

»Es geht darum, dass wir wohl wieder in einen Fall hineingeschliddert sind.«

»Dann lass mal hören.«

Glenda war eine Vertraute. Vor ihr musste ich nichts verheimlichen, und so bekam sie von mir einen Bericht, dem sie aufmerksam zuhörte und dann sagte: »Das ist ein Ding.«

»Und es hat sogar Hand und Fuß. Jetzt möchte ich dich bitten, mehr über diesen getöteten Pat Smolka heraus zu bekommen.«

»Okay, darum kümmere ich mich.«

»Danke. Ruf an.«

»Klar.«

Jetzt mussten wir nur warten, dass die Kollegen kamen und den Toten abholten. Suko hatte ihn mittlerweile mit einer Decke abgedeckt, damit er vor den Augen der Glotzer geschützt war.

»Denkst du noch immer daran, dass dein Kreuz reagiert hat, John?«

»Genau das will mir nicht aus dem Kopf. Dieser Patrick Smolka muss zur anderen Seite gehört haben. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.«

Suko sagte nichts. Er war eigentlich immer der Ruhigere von uns, und auch jetzt blickte er nur grübelnd zu Boden.

»Hast du was?«

»Nein, John, nein.

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