Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1897

Das Dämonenkreuz

Als Hector de Valois vom Pferd stieg und es an einem nahe stehenden Baumstamm anleinte, wusste er sofort, dass ihm etwas Unheilvolles bevorstand. Er ging ein paar Schritte zur Seite und schaute nach vorn. Direkt hinein in die schwarze Finsternis, die erst bei längerem Schauen ihre wahre Farbe zeigte. Es war ein Grau. Dicht an der Grenze zum Schwarz. Dass sich darin etwas verbarg, das sah der Mann nicht, das spürte er nur.

Da lauerte etwas Böses. Es wartete darauf, von ihm bemerkt zu werden, und de Valois wollte sich dem stellen, das war er sich selbst schuldig …

Bevor er losging, fasste er sich an die Brust. Dort hing das Wertvollste, was er besaß und das sehr wichtig in seinem Leben war. Es ging um das wunderbare Silberkreuz mit den Insignien, die von den Erzengeln hinterlassen worden waren. Es war das besondere Kreuz, und es war sein Kreuz. Darauf konnte er stolz sein. Er war der Erbe. Er hatte eine Aufgabe übernommen. Es war seine Pflicht, sich dem Bösen zu stellen.

Der Weg führte ihn nach vorn und in die Dunkelheit hinein. Hector de Valois wusste, dass er unbekanntes Gelände betrat, aber es ging nicht anders. Er musste den Weg nehmen. Licht gab es nicht. Es war auch kein voller Mond am Himmel zu sehen, der seinen Schein abgegeben hätte. So musste der Mann schon sehr aufpassen, wohin er trat.

Je weiter er ging, umso besser gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Jetzt sah er, dass nicht alles in einem düsteren Grau verschwand. Er war auch in der Lage, Unterschiede auszumachen.

Es gab so etwas wie einen Wald in der Nähe. Der war recht licht und wuchs an der rechten Seite hoch. Auch links gab es etwas. Mehr zu riechen als zu sehen. Dort befand sich der Sumpf, der seinen typischen Geruch ausatmete.

Hector de Valois wusste nicht, wie weit es bis zu seinem Ziel war. Er hoffte, es bald erreicht zu haben. Es war ihm beschrieben worden, aber von Entfernungen hatte man nichts gesagt. Nur eben das bestimmte Ziel, und das wollte er nicht verpassen.

Der Boden hielt sich. Er musste keine Angst haben, einzusinken. Zwar gab er manchmal etwas nach, aber de Valois war immer in der Lage, seinen Fuß wieder zurückzuziehen.

Er wusste auch nicht, ob auf dem Weg zu seinem Ziel jemand auf ihn lauerte. Möglich war alles. Wer sich in diese Gefahr begab, der musste mit allem rechnen.

Er schaute sich ab und zu um. Auch an Verfolger hatte er gedacht, aber sie tauchten nicht auf. Er sah keine Schatten, die ihm auf den Fersen waren, dafür etwas anderes. Da musste er nicht nach hinten, sondern nur nach vorn schauen.

Es gab den Umriss. Und das Ziel sah so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. So hatte er es auch gesagt bekommen, und jetzt lag es vor ihm. Es war die Hütte. Ein Ort im Sumpf. Ein Versteck, das nur Eingeweihte kannten. Aber es war so verflucht wichtig, und de Valois war nicht umsonst den langen Weg gegangen.

Er fühlte sich erleichtert. Ging schneller und glaubte, dass der Boden sogar fester geworden war, damit die Menschen sicherer an das Ziel gelangen konnten.

Ob die Hütte bewohnt war, das wusste er nicht. Es konnte sein. Wenn ja, dann hoffte er, dass die Bewohner schliefen oder nicht zu Hause waren. Das alles würde er herausfinden, und mit diesem Gedanken schlich er auf die Hütte zu.

Je näher er kam, umso besser konnte er sehen. Und er entdeckte die Vierecke in der Wand. Es waren zwei kleine Fenster, die ihn anzogen. Er schlich hin und blieb vor dem ersten stehen. Die Hütte war nicht besonders hoch, deshalb lag auch das Fenster recht niedrig. De Valois musste sich nicht auf die Zehenspitzen stellen, er konnte auch von seiner normalen Position in das Innere schauen.

Er sah – nichts!

Er hörte auch nichts, und Hector überlegte, ob er damit zufrieden sein konnte. Im Moment ja, denn er brauchte alles, nur keine Störung bei seinem Auftrag.

Der Eingang der Hütte lag an der anderen, schmalen Seite. Dort ging er hin und zog eine dünne Tür auf, die mit ihrem Ende über den Boden schleifte.

De Valois blieb für eine gewisse Zeit auf der Schwelle stehen und schaute in das dunkle Innere der Hütte. Er war froh, dort allein zu sein. Es gab auch hier niemanden, der auf ihn wartete. Aber die Hütte war eingerichtet. Die Umrisse erkannte er. Es gab einen Tisch, womöglich auch zwei Stühle, aber das sah der Mann erst, als er näher heran gekommen war.

Es war dunkel, es blieb dunkel, und das gefiel ihm nicht. Um das zu finden, was er suchte, da brauchte er Licht. Eine dicke Kerze war schnell gefunden, Feuer machte er auch und hielt es an den Docht, der sich über diese Nahrung freute.

Jetzt ging es ihm schon besser, und er konnte sich auf die Suche machen. Er glaubte nicht, dass der Gegenstand, den er suchte, hier einfach herumlag. Nein, da musste er schon genauer nachschauen. Es gab nicht nur den Tisch und zwei Schemel, sondern auch ein Gestell an der Wand, wo man etwas ablegen konnte. Er hielt das Licht so, dass er die Fächer anleuchten konnte – und sah leider nichts. Es gab keinen Hinweis auf das, was er suchte.

So etwas wie Enttäuschung breitete sich bei ihm aus. Sollte alles umsonst gewesen sein?

Er wollte es nicht glauben, und so suchte er weiter. Der Gegenstand war zwar nicht groß, aber auch nicht so klein, um übersehen werden zu können. Er musste hier liegen. Es war ein wichtiges Relikt, das er unbedingt in die Hände bekommen wollte.

Und so ging er seine Runde durch die Hütte. Das ungute Gefühl wollte nicht weichen. Er glaubte fest daran, dass er noch etwas reißen konnte, und lief jetzt gebückt, damit er besser den Boden anleuchten konnte. Der bestand aus festem Lehm. Er reichte von einem Ende der Hütte bis zur anderen, und als de Valois genau nachschaute, da sah er in einer Ecke den Boden aufgeraut.

Er ging hin.

Sogar ein Spaten stand dort. Jetzt war ihm alles klar. Der Spaten war dazu benutzt worden, um ein Loch zu graben, und das hatte man bestimmt nicht grundlos getan.

Hector de Valois stellte die Kerze zur Seite. Und zwar so weit von ihm entfernt, dass ihr Licht soeben noch die bestimmte Stelle am Boden erreichte.

Er nahm den Spaten und fing an zu graben. Bei dem normal festen Lehmboden hätte er seine Probleme gehabt. Der hier in der Ecke war aufgelockert, und so war es nicht mal schwierig, ein Loch zu schaufeln. Er wollte nachsehen, ob sich sein Verdacht bestätigte.

Der Mann arbeitete sich vor. Er hörte sich selbst schneller atmen, aber er gab nicht auf. Er wusste, dass es ein Ziel geben musste, nicht ohne Grund zeigte sich die Erde aufgewühlt.

Er grub weiter. Und er hatte Erfolg. Plötzlich stieß den Spaten gegen einen Widerstand. Es war auch der Augenblick, an dem sein Herz schneller schlug.

Hatte er gefunden, was er suchte?

Noch wusste er es nicht. Aber wer etwas vergrub, der wollte was verstecken.

De Valois arbeitete weiter. Er war jetzt vorsichtiger geworden, weil er nichts zerstören wollte.

Wenig später bekam er seinen ersten Erfolg präsentiert. Er sah einen Teil des Gegenstands, der hier lag. Und er konnte sich vorstellen, dass er auf einen Kasten gestoßen war.

Den grub er jetzt aus.

Es war nicht besonders warm in der Hütte, dennoch schwitzte der Mann und hatte ein schweißfeuchtes Gesicht bekommen. Es lag auch an der Aufregung.

Endlich lag sein Ziel zum Greifen nahe vor ihm. Die Erde um das Fundstück herum löste er ab. So kam er besser an den Kasten, der aus dickem und auch dunklem Holz bestand.

Er räumte auch den letzten störenden Lehm zur Seite, dann hatte er Platz genug, um zugreifen zu können. Gegen die Längsseiten des Kastens presste er seine Hände und brauchte nur einen leichten Ruck, um ihn in die Höhe zu hieven.

Er hielt ihn auch weiterhin mit beiden Händen fest und drehte sich dabei zur Seite. Er hatte jetzt Platz genug, um den Kasten abzustellen. Noch war nicht alles erledigt, aber er stand dicht davor.

Der Deckel saß fest auf dem Unterteil. Aber es gab keine Schlösser, und das war schon ein Vorteil. Trotzdem bekam de Valois ihn nicht los und musste sich etwas einfallen lassen.

Er dachte an das Messer, das er bei sich trug. Es steckte in der Schärpe, die seine Hüften umspannte. Eine Hand holte es hervor, und jetzt wollte er die Spitze zwischen Deckel und Unterteil bringen, um den Kasten zu öffnen.

Es klappte recht gut. Das Messer war schmal genug, um in diese Lücke zu gleiten. Dann drückte er es nach unten und hielt dabei den Griff hart umschlossen.

Ein Knirschen war zu hören. Für ihn eine Musik der Hoffnung. Und so machte er weiter.

Es klappte.

Plötzlich bewegte sich der Deckel nach oben. Aus dem Mund des Mannes fuhr ein zischender Atemzug. Er überstürzte nichts, arbeitete sich langsam vor und schaffte es, den Deckel anzuheben und dabei nichts zu zerstören. Wichtig war der Inhalt. Wenn der versprach, was er sich erhoffte, dann war er einen großen Schritt weiter gekommen.

Er konnte jetzt zugreifen und hob den Deckel mit einer leichten Bewegung an. Die Kerze gab genügend Licht, um auch in das Unterteil zu leuchten.

Und da lag es.

Nein, da lag es nicht, denn der Gegenstand war nicht zu sehen, weil er von einem dunklen Tuch verdeckt wurde.

Es war kein Hindernis für de Valois. Als er zugriff, da zitterten seine Hände schon, und um die Brust herum spürte er einen nicht eben schwachen Druck.

Er zog das Tuch zur Seite. Bei diesem Vorgang hatte er den Atem angehalten, den er jetzt zischend wieder ausstieß. Vor ihm lag das, was er sich erhofft hatte.

Es war ein Kreuz!

***

Hector de Valois hielt den Atem an, als er auf den Gegenstand schaute. Er kannte das Kreuz, und trotzdem war es ihm neu. Das Gleiche hing vor seiner Brust, aber das konnte er nicht glauben. Seines war einmalig, aber das hier …

Er berührte es nicht. Starrte es nur an und sah, dass es mit seinem Kreuz fast identisch war. Oder ganz? Er war so durcheinander, dass er nicht sicher war, aber in der Mitte sah er das Sechseck, das aus den beiden ineinandergeschobenen Dreiecken bestand.

Und dann gab es noch die abgerundeten vier Enden. Die gab es auch bei seinem Kreuz, und an den Enden sah er noch etwas. Da waren Buchstaben eingraviert worden. Ganz oben ein M, ganz unten ein U. Rechts von ihm das R und links das G.

Es waren die Anfangsbuchstaben der vier wichtigen Erzengel, die als Schutzgeister fungierten.

Michael, Gabriel, Raphael und Uriel.

Auch auf seinem Kreuz befanden sich die Buchstaben. Da gehörten sie auch hin wie das Allsehende Auge zum Beispiel. Er war immer davon ausgegangen, dass sein Kreuz einmalig war, und jetzt wurde er eines Besseren belehrt.

Er schaute nach unten. Die Zeit vergaß er. Er hörte sich atmen und sogar auch stöhnen, aber er traute sich noch nicht, das Kreuz anzufassen oder es aus dem Kasten zu holen.

Was war es?

Genau diese Frage stellte er sich immer und immer wieder. Eine Antwort kannte er nicht. Zumindest keine konkrete. Es war ein Kreuz, ein Doppelgänger des seinigen, doch er glaubte nicht, dass in ihm die gleichen Kräfte steckten.

Auch war es dunkler. Es bestand nicht aus Silber. Es war ein anderes Material. Noch hatte er den Gegenstand nicht angefasst, doch lange hielt das nicht an.

Er wollte Klarheit haben und griff zu. Behutsam hob er das Kreuz an, das auf seiner linken Handfläche liegen blieb. Nein, kein Silber. Vielleicht Porzellan, aber ein besonderes, denn es hätte eigentlich kühl sein müssen, was nicht stimmte.

Er spürte die Wärme.

Das kannte Hector auch von seinem echten Kreuz. Aber dieses hier war anders. Es war schwer, es zu beschreiben. Er einigte sich auf den Begriff nicht echt.

Und jetzt?

Plötzlich war die Spannung weg. Er hatte das gefunden, was er gesucht hatte. Er war am Ziel angelangt und fragte sich jetzt, wie es weitergehen sollte.

Wie sollte er das Kreuz einschätzen?

Das war die große Frage, auf die er keine konkrete Antwort wusste. War es harmlos oder barg es in seinem Innern gefährliche dämonische Kräfte? Wenn das zutraf, dann hätte er ein Dämonenkreuz gefunden.

Dem wollte er allerdings nicht so zustimmen. Wenn das Kreuz gefährlich war, dann hätte ihm seines eine Warnung zugesandt, doch da passierte nichts. Keine Wärme, die über seine Brust glitt, es blieb alles beim Alten.

Auch die schwache Wärme in dem gefundenen Kreuz. Er hatte den Eindruck, als würde es in seinem Innern leicht vibrieren. Möglich war alles, auch wenn er keine Erklärung hatte.

Hector de Valois hatte sich nach dem Fund gesehnt. Von einem alten Mönch und Priester hatte er den Tipp bekommen. Wer es hier vergraben hatte, das wusste er nicht. Und er kannte auch nicht den Grund, warum man es vergraben hatte. Aber für denjenigen, der es getan hatte, war es schon eine Gefahr.

Wer hatte es hergestellt?

Über sein Kreuz wusste er Bescheid. Der Prophet Hesekiel hatte sich damit beschäftigt und sogar Blicke in die Zukunft werfen können, aber er hatte sich bestimmt nicht daran gemacht, noch ein zweites Kreuz herzustellen.

De Valois hatte einen Entschluss gefasst. Er ließ sich darauf ein, dass dieses Kreuz etwas Böses war. Das Gegenteil von dem, das er vor der Brust trug. Also musste es vernichtet werden. Oder wieder versteckt. Doch die richtigen Beweise besaß er nicht.

Er überlegte hin und her, um dann zu einem Entschluss zu gelangen. Er würde das Kreuz nicht hier wieder verstecken. Er wollte es mitnehmen und später darüber nachdenken.

Er hätte das Fundstück einwickeln können, was er aber nicht tat. Er steckte es in die rechte Tasche seiner Jacke und drückte sich wieder in die Höhe.

Es war geschafft. Jetzt konnte er sich auf den Rückweg machen. Er würde sehen, ob sich etwas tat, und er wollte den Gegenstand auch noch untersuchen, wenn er die entsprechende Ruhe dafür hatte.

Im Moment war er froh, den Ort hier zu verlassen. Eine Gegend wie diese mochte er nicht.

Er ging den Weg zurück, ohne dass etwas passierte. Aber beruhigt war er nicht. Er traute dem Kreuz nicht. Es schien auf etwas zu warten, um zuschlagen zu können.

Aber das waren nur Gedankenspiele. Möglicherweise sah die Wahrheit ganz anders aus.

Sein Pferd stand noch immer dort, wo er es verlassen hatte. Es wieherte schrill, als Hector auf es zukam. Dabei schüttelte es auch den Kopf und wich vor dem Mann zurück.

De Valois verstand die Welt nicht mehr. Was hatte das Tier gegen ihn? Warum reagierte es so?

Er fand so schnell keine Lösung. Er wollte sich auch keine Vorschriften machen lassen. Fasste das Tier hart an, sprach auch mit ihm, um es zu beruhigen.

Ganz schaffte er das nicht. Das Tier stand zwar auf der Stelle, scharrte aber schon mit den Hufen und schien weiterhin mit etwas nicht einverstanden zu sein.

Warum nicht?

Auf diese Frage fand Hector de Valois jetzt sogar eine Antwort. Unter Umständen hatte das Tier gespürt, dass er etwas Besonderes und Ungewöhnliches bei sich trug. Es war durchaus möglich, aber damit wollte er sich befassen, wenn er die Herberge erreicht hatte. Er musste das Rätsel einfach lösen, koste es, was es wolle …

***

Das Zimmer lag unter dem Dach. Es war sogar recht groß, dafür aber nicht so hoch, denn es gab schräge Wände und ein normales Stehen war kaum möglich.

Hector de Valois hatte es trotzdem gemietet, denn hier oben hatte er seine Ruhe. In der Nacht war er noch angekommen, oder mehr in den frühen Morgenstunden. Er war dann in sein Zimmer geschlichen und hatte sich auf das Lager gelegt.

Schlaf war wichtig, das wusste er. Aber in dieser Nacht konnte er nicht schlafen. Er dachte stets an das Kreuz. Auch als ihm endlich die Augen zufielen, ließ ihn die Erinnerung daran nicht los. Sie drang in seine Träume ein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1897" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen