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John Sinclair - Folge 1896

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Mein Name auf der Totenuhr
  4. Vorschau

Mein Name auf der Totenuhr

Der alte Uhrmacher Linus van Dyck wusste, dass er nicht mehr allein war. Nur sah er seinen Besucher nicht, er spürte ihn, und es war etwas Unheilvolles, Böses, Kaltes, das ihn streifte.

Van Dyck drehte sich um.

Der Schein der Lampe erreichte nur die vordere Hälfte des Zimmers, in der sich der Uhrmacher befand. Die hintere lag im Dunkeln, nur war das ein Dunkel, das dem Mann ganz und gar nicht gefiel. Er schaute trotzdem hinein. Denn von dort hatte ihn die Botschaft erreicht …

Er sah nicht viel. Aber es war etwas vorhanden. Genau das ließ ihn erschrecken. Nicht nur, dass etwas Böses gegen ihn strömte, er sah jetzt auch einen Umriss, der sich in der Dunkelheit abzeichnete. In der Schwärze schien er noch schwärzer zu sein, und der Uhrmacher wusste, dass es kein Mensch war, der ihn da belauerte.

Er kannte die andere Seite. Er wusste genau, dass es sie gab. Wie die normale Welt, war auch sie angefüllt mit Wesen, aber nicht mit Menschen. Dort hausten Dämonen und schreckliche Gestalten, die ebenfalls in Hierarchien lebten. So gab es unter ihnen auch Anführer, und einer der Mächtigsten war derjenige, vor dem sich die Menschen am meisten fürchteten.

Das war der Teufel.

Und seine Stimme klang aus dem Dunkel zu ihm rüber. »Vergiss die Namen nicht.«

Der Uhrmacher ballte für einen kurzen Moment die Hände zu Fäusten. »Keine Sorge, ich habe es getan.«

»Alle?«

»Ja.«

Die nächste Frage. »Auch den letzten?«

Der Mann erschrak. Nein, den hatte er vergessen. Das musste er sich eingestehen, er konnte auch sagen, dass er noch nicht soweit gewesen war. Es hatte auch keinen Sinn, dem Frager etwas vorzumachen. Er musste es mit einer Entschuldigung versuchen.

»Tut mir leid, den habe ich vergessen. Ihn muss ich noch eingravieren.«

»Aha …«

»Aber ich werde mich sofort um ihn kümmern.«

»Das will ich auch hoffen.«

Der alte van Dyck sagte nichts. Er hatte die Drohung im letzten Satz genau verstanden, doch er traute sich nicht, noch eine Antwort zu geben. Er stand auf der Stelle und schnaufte.

»Dann möchte ich von dir wissen, ob du den letzten Namen noch behalten hast?«

»Das habe ich.«

»Gut, dann sage ihn!«

»John Sinclair!«

***

Der Uhrmacher hatte den Namen ausgesprochen, und danach war es still geworden. Anschließend waren ein paar schnelle Atemzüge zu hören, dann erklang wieder die Stimme des Teufels.

»Sehr gut, mein Freund. Ich wollte dir auch geraten haben, den Namen nicht zu vergessen. Das ist ungemein wichtig, und zwar wichtiger als alles andere.«

»Ja, das denke ich mir.«

»Dann mach dich an die Arbeit. Ich will den Namen auf der Totenuhr sehen. Nicht mehr und auch nicht weniger.«

»Ja, ich habe verstanden.«

»Das ist gut. Sehr gut, sogar.«

»Soll ich mich sofort an die Arbeit machen?«, flüsterte Linus van Dyck. »Es geht schnell, du wirst zufrieden sein. Es ist einfach eine Kleinigkeit für mich.«

»Das weiß ich. Deshalb habe ich dich auch ausgesucht.«

»Danke.« Der Uhrmacher wusste, dass es besser war, wenn er sich unterwürfig zeigte. Doch auch er hatte seine Fragen, und er traute sich auch, sie zu stellen.

»Darf ich denn wissen, wer dieser Mann ist?«

»Ja, das darfst du.« Der Teufel lachte. »Er ist jemand, den es so in seiner Art noch nicht gibt.«

»Wie?«

»Er wird erst noch geboren.«

»Ach.« Van Dyck staunte. »Und dann kennst du schon seinen Namen?«

»Ja, denn ich weiß viel. Er hat nicht nur einmal gelebt. Aber das muss dich nicht interessieren. Du wirst das erledigen, was ich dir geraten habe.«

»Natürlich.«

»Dann mach dich an die Arbeit.«

»Sicher. Du kannst dich auf mich verlassen. Es wird auch nicht lange dauern.«

»Das hoffe ich für dich.«

Van Dyck sagte nichts mehr. Er hütete sich davor, dem Teufel zu widersprechen, denn der hatte die Macht, alles zu erreichen, was er wollte. Die Menschen waren seine Diener. Sie mussten ihm gehorchen, was die meisten von ihnen auch taten.

Er begab sich dorthin, wo es heller war und er arbeiten konnte. Kerzen gaben das Licht. Er hatte sie so aufgebaut, dass sie ihm eine optimale Helligkeit lieferten und ihr Licht über die fertige Uhr streuten, die auf dem Tisch lag.

Es war keine Uhr, die man in der Tasche trug, sondern eine, die an die Wand gehängt werden musste. Es war auch keine, bei der das Innere freilag, diese Uhr hatte ein Gehäuse aus Holz. In späteren Zeiten hätte man ihre Form mit einem übergroßen Tennisschläger verglichen. Oben nicht ganz rund, sondern leicht oval, und als Aufhänger diente ein breiter Griff, der an der Wand befestigt werden musste, damit die Uhr hängen konnte. Das große Zifferblatt war mit einem Goldrand versehen worden, sodass die Uhr etwas sehr Wertvolles bekam.

Ja, und dann gab es da noch die Namen. Sie waren auf dem schmalen Teil eingraviert worden. Van Dyck hatte sie vom Teufel diktiert bekommen. Von ihm selbst stammte keiner. Sechs Namen waren es bisher. Nun kam der siebte hinzu.

John Sinclair!

Ein Engländer. Kein Niederländer oder Franzose. Ihm war es recht. Er konnte mit den Namen sowieso nichts anfangen. Das überließ er seinem Auftraggeber, dem Teufel.

Van Dyck machte sich an die Arbeit. Dabei nahm er die Lupe zu Hilfe. Als er damit begann, in das Holz zu sticheln, da merkte er schon, dass seine Hände zitterten. Das passierte ihm nicht oft. Nur dann, wenn er unter einem starken Druck stand und sich fürchtete. Das war in diesen Momenten der Fall, obwohl er keine Gefahr spürte. Aber er fürchtete sich trotzdem. Das kalte Gefühl im Nacken wollte nicht weichen, und zugleich hatte er angefangen zu schwitzen.

Er schaffte es nur mit Mühe. Die einzelnen Buchstaben waren nicht so exakt ins Holz gestichelt wie bei den anderen Namen, aber dazu konnte er einfach nichts. Zudem wusste er, dass er aus dem Dunkeln belauert wurde. Der Teufel kannte kein Pardon und ließ ihm auch keine freie Hand. So hatte er es erlebt, und so blieb es auch bei dem letzten der sieben Namen.

Van Dyck wusste auch nicht, was sie zu bedeuten hatten. Seinen Namen hatte er ebenfalls auf der Uhr verewigt, nur nicht dort, wo die Namen der anderen standen. Weiter unten hatte er für seinen den richtigen Platz gefunden.

Er war nicht zufrieden mit sich, als er sich daran machte, den letzten Buchstaben zu sticheln. Es war das R, und auch hier fingen seine Finger an zu zittern.

Er schaffte es trotzdem, und der Buchstabe war dann auch noch zu lesen. Eigentlich hätte er froh sein können, doch das war er nicht, als er sich aus seiner gebückten Arbeitshaltung aufrichtete. Er wusste nicht, wie sein Auftraggeber reagieren würde, denn der Teufel war in seinen Augen unberechenbar.

Er schaute hoch.

Den Teufel sah van Dyck nicht, doch er wusste, dass er von ihm unter Kontrolle gehalten wurde. Das war immer so gewesen. Auch beim Bau der Uhr, die der Teufel genau überwacht hatte.

Jetzt war van Dyck fertig, und er war gespannt, wie sein Auftraggeber reagieren würde. Der gab zunächst keinen Kommentar ab. Er ließ sich Zeit, und es war für den Uhrmacher zu sehen, dass sich der Dämon in seinem dunklen Areal bewegte.

Van Dyck wollte ihm erklären, dass er fertig war, aber der Dämon kam ihm zuvor.

»Bist du mit deiner Arbeit fertig?«

»Ja, das bin ich.«

»Dann lass sie mich anschauen.«

Der Uhrmacher nickte, hatte trotzdem eine Frage. »Willst du herkommen oder soll ich die Uhr zu dir bringen?«

»Ja, bring sie her.«

»Gut, das werde ich tun.«

Seine Beine zitterten in Höhe der Knie, als er auf das Dunkel zuging. Er sagte kein Wort, nur seine schweren Atemstöße waren zu hören. Obwohl er in keine Sonne hinein schaute, hatte er das Gefühl, seine Augen würden anfangen zu brennen. Das Herz schlug schneller, und auf seiner Stirn lagen Schweißperlen.

Der Teufel ließ den Uhrmacher nicht ganz zu sich herankommen. Nach einem Schritt in der Dunkelheit musste Linus van Dyck stoppen, das wollte der Teufel so.

»Leg die Uhr ab!«

»Gut.« Das wertvolle Gerät landete behutsam auf dem Boden, und der Teufel war damit zufrieden.

Van Dyck musste wieder zurückgehen. An seinem alten Platz hielt er an. Er konnte nicht sehen, was der Teufel tat. Es war auch nichts von ihm zu hören. Weder ein Lob, noch ein Tadel. Die Geräusche, die an seine Ohren drangen, waren eben nicht so eindeutig.

Linus van Dyck wartete. Er fühlte sich unwohl. Er verglich sich mit einem kleinen Kind, das vor seinem Lehrer wartete und hoffte, einen guten Eindruck gemacht zu haben.

Die Zeit tropfte dahin. Der alte Uhrmacher war ein Freund der Zeit, das musste er sein. Er brachte sie in exakte Daten, er rechnete mit ihr, und jetzt war sie ihm plötzlich suspekt geworden, weil sie sich irgendwie von ihm entfernt hatte.

Wann gab der Teufel einen Kommentar ab?

Die Frage musste er sich nicht zum zweiten Mal stellen, denn jetzt hörte er die Stimme aus dem Dunkel.

»Ja, Linus van Dyck, da hast du wirklich ein Meisterwerk geschaffen. Das steht fest.«

Dem Uhrmacher fiel ein Stein vom Herzen. »Danke«, flüsterte er. »Oh danke.«

»Keine Ursache. Ich sag es so, wie es ist. Ja, ich bin sehr zufrieden mit dir. Diese Uhr wird eine Geschichte haben, das schwöre ich dir. Eine blutige Geschichte, die genau in meinem Sinne ablaufen wird. Ich brauche dieser Uhr nur noch meinen Segen zu geben und sie dann dem Lauf der Zeit überlassen. Das ist alles.«

»Ja, das ist für dich gut. Ich habe meine Pflicht getan und möchte dich vorsichtig an den Lohn erinnern, den du mir versprochen hast.«

Der Teufel lachte kichernd und fragte: »Hast du Lohn gesagt?«

»Ha – habe ich.«

»Dann wirst du ihn auch bekommen.«

»Und wann, bitte?«

»Jetzt.«

Eigentlich hätte sich van Dyck über diese Antwort freuen müssen, doch das tat er nicht. Ihm war nicht wohl bei der Sache. Ganz und gar nicht. Hatte es nicht immer geheißen, dass man dem Teufel nicht trauen kann?

Genau daran erinnerte er sich wieder, und er schrak heftig zusammen, als er die harte Stimme seines Auftraggebers hörte.

»Komm zu mir!«

Auch das noch. Van Dyck wollte es eigentlich nicht, aber er musste es tun. Er konnte sich dem nicht widersetzen und bewegte sich auf den Sprecher zu.

Aus seinem Mund drang kein Laut. Er hielt ihn geschlossen und atmete nur durch die Nase. Jeder Schritt fiel ihm schwer. Er kam sich vor, als würde er seinem eigenen Grab entgegen gehen.

Dann tauchte er in das Dunkel ein. Es kam ihm irgendwie fettig und schmutzig vor. Ein schmieriges Dunkel, in dem sich der Umriss der Gestalt abmalte.

Noch war sie nicht genau zu erkennen, aber das änderte sich nach dem nächsten Schritt.

Da sah er sie deutlicher.

Allerdings nur für einen Moment, denn dann fasste die Gestalt zu. Sie war so nahe bei ihm, dass sie ihm ihre Hände auf die Schultern legen konnte, was sie auch tat.

Linus van Dyck drehte den Kopf nach rechts, auch nach links und sah die Hände auf seinen Schultern liegen. Für einen Moment sahen sie noch normal aus, dann aber fingen sie an, sich zu verändern. Sie wurden plötzlich glutrot. Und nicht nur das, denn noch in der gleichen Sekunde strahlten sie eine schon grausame Wärme ab, die in eine mörderische Hitze überging.

Ihr hatte der Uhrmacher nichts entgegenzusetzen. Er hörte das Lachen und sich dann selbst schreien. Einen Moment später sackte er in die Knie. Er hatte sich verändert. Sein gesamter Körper glühte in einem tiefen Rot, als hätte ihn der Teufel aus seinem Höllenofen gezogen.

Und Asmodis hatte seinen Spaß.

Er lachte. Er nahm dann seine Hände von den Schultern des Uhrmachers fort. Er trat einen Schritt zurück und schaute zu, wie van Dyck auf der Stelle zusammenbrach.

Ein Mensch aus Glut fiel zu Boden. Und zugleich einer, der keine Kraft mehr hatte. Die Glut hatte ihn aufgefressen. Innen als auch außen. Und so war es Glutasche, die sich auf dem Boden sammelte, was dem Teufel auch gefiel.

Er lachte.

Dann nickte er.

Und wie zu einem letzten perversen Gruß hielt er die Wanduhr hoch und schwenkte sie über den Gluthaufen, der mal ein bekannter Uhrmacher gewesen war …

***

»Uhren haben etwas Magisches und Mystisches an sich, Sheila. Das sage ich in vollem Ernst.« Bill Conolly verdrehte die Augen und nickte auch dabei.

Sheila kannte ihren Göttergatten lange genug. Wenn er so sprach, dann hielt er noch einen Trumpf in der Hinterhand. Sie wollte auch nicht lange um den heißen Brei herum reden und kam sofort zur Sache.

»Und auf was willst du wirklich hinaus?«

»Wie?« Bill gab sich erstaunt. »Auf die Uhren natürlich. Ich bin schon dabei gewesen.«

»Was für Uhren denn? Brauchst du eine neue Armbanduhr oder willst du dir einen Wecker kaufen?«

»Nein, nichts dergleichen.«

»Dann bin ich jetzt gespannt.« Sheila beugte sich ein wenig vor und zeigte auch ein erstauntes Gesicht.

Beide saßen sich am Küchentisch gegenüber. Das Frühstück lag hinter ihnen. Es ging in den späteren Morgen hinein. Ihr Sohn Johnny war längst weg, sie selbst hatten länger geschlafen. Wenn sie aus dem Fenster schauten, dann sahen sie keinen blauen Himmel und auch keinen Sonnenschein, sondern eine trübe Wand, über der ein grauer Himmel lag, aus dem hin und wieder Regenschauer fielen. Es war wirklich kein Spätsommertag, der hier gehörte eher in den Herbst, was auch die Temperatur anbetraf, denn es war merklich kühler geworden.

»Ich hatte mir gedacht, dass wir uns eine Uhrenausstellung anschauen.«

»Ach.«

»Ja Sheila. Alte Uhren. Kleine Kunstwerke aus den verschiedenen Jahrhunderten. Da kann man wirklich staunen.«

»Und kaufen?«

Bill lächelte knapp. »Das auch.«

Sheila befreite ihre Stirn von einer blonden Haarsträhne. »Seit wann stehst du denn auf Uhren?«

»Nun ja, ich habe mir gedacht, dass das eine oder andere Stück uns gefallen könnte. Uhren sind auch Schmuck. Sie können einem Raum schon Atmosphäre verleihen.«

»Das stimmt.« Sheila lächelte. »Aber sie können auch stören, wenn jemand empfindlich ist.«

»Wie meinst du das denn?«

Sheila sagte nur: »Tick, tack, tick, tack oder gong …«

»Ja, das sehe ich ein. Aber man kann den Ton auch abstellen.«

Dagegen sprach Bills Frau. »Stimmt. Nur verlieren die Uhren dann ihren Charme.«

»Kann sein.«

»Das sage ich dir.«

Bill kam wieder zur Sache. »Und was sagst du zu meinem Vorschlag? Bist du einverstanden?«

Sheila lächelte breit. »Ist dir denn langweilig?«

»Nein. Ich habe nur in der Zeitung von dieser Ausstellung gelesen. Auch im Internet wurde darüber berichtet, und ich muss sagen, dass ich schon angetan war. Aber wenn du etwas anderes vorhast, dann …«

»Nein, nein, das habe ich nicht. Das auf keinen Fall. Ich bin dabei. Wo müssen wir hin?«

»Die Ausstellung findet in einem Museum statt. In einem der Nebenräume dort.«

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