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John Sinclair - Folge 1893

Zwei ohne Gnade

Der alte Winkler konnte nur noch schlecht sehen. Dafür aber gut hören, was er keinem gesagt hatte. Eine gute Taktik. So bekam er viel von dem mit, was die anderen so erzählten.

Auch in dieser Nacht hatte er nicht einschlafen können. Er lag wach im Bett und starrte gegen die Decke. Das Summen der Fliegen störte ihn nicht. Daran musste man sich auf einem Bauernhof gewöhnen. Ihn störte ein neues Geräusch. Es war ein Quietschen, und das konnte nur von der Stalltür stammen …

Sofort war Robert Winkler wacher als wach. Er blieb auch nicht mehr liegen und setzte sich hin. Das Blut war ihm in den Kopf gestiegen. Hinter den Schläfen pumpte es.

Er stand auf, als er das Quietschen zum zweiten Mal gehört hatte. Neben seinem Bett blieb er für eine Weile stehen, um erneut zu lauschen. Dann umzuckte ein Lächeln seine Lippen, als er das Geräusch erneut vernahm.

Er wusste jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit, dass es sich dabei um die Stalltür handelte. Er kannte diesen Laut, und er wusste auch, dass es von keinem Tier stammte. Und er glaubte auch nicht daran, dass es sein Sohn und seine Schwiegertochter waren, die sich in den Stall geschlichen hatten. Da musste etwas anderes passiert sein, und er dachte sofort an Diebe. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was sie in einem Stall zu suchen hatten. Winkler griff nach seiner Jacke und streifte sie über. Dass er sich jetzt wieder zurück ins Bett legte, das kam für ihn nicht infrage. Er wollte nachschauen.

Der Mann verließ sein Schlafzimmer. Nach zwei Schritten blieb er auf dem Gang stehen und lauschte wieder. Hier oben war alles ruhig. Aus den anderen Zimmern war nichts zu hören. Sein Sohn und seine Schwiegertochter schliefen getrennt. Er hörte kein Schnarchen und auch kein lautes Atmen. Er fand alles normal, und er wollte deshalb auch nicht in den Zimmern nachschauen.

Obwohl er im Stall nicht gehört werden konnte, ging Robert Winkler so leise wie möglich die Stufen hinab. Er hoffte plötzlich, dass sich sein Verdacht nicht bestätigte und nur der Wind mit der Stalltür gespielt hatte.

Am Ende der Treppe musste er noch ein paar Schritte gehen, bis er die Tür erreichte. Sie war geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Das tat in dieser Gegend keiner.

Robert Winkler zog die Tür auf und schaute nach draußen. Er sah den leeren Hof vor sich und schräg gegenüber auf der anderen Seite das flache Stallgebäude.

Von dort hatte er das Quietschen vernommen. Jemand war an der Stalltür gewesen, davon ging er aus, aber jetzt sah er dort keine Bewegung. Auch die Tiere im Stall waren ruhig und schienen sich nicht gestört zu fühlen. Jetzt kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er sich geirrt haben könnte. Aber das wollte er genau wissen. Er brauchte immer Beweise, und die würde er sich noch holen.

Winkler machte sich auf den Weg. Es war eine laue Sommernacht, durch die er schritt. Am Himmel gab es nur wenige flache Wolken, die dort wie Schatten lagen.

Den Weg zum Stall hatte er recht schnell hinter sich gelassen. Er war noch nicht an der Tür, als ihm etwas auffiel.

In dem Bau brannte Licht!

Es war kein heller Schein, sondern eher ein sehr schwacher und sogar leicht rötlicher. Der drang auch durch die Ritzen an den Seiten des Stalls und erreichte stark abgeschwächt einige der Fenster, die im oberen Drittel als schmale Luken zu sehen waren.

Der alte Winkler spürte jetzt den Druck in der Kehle. Nicht dass ihn sein Mut verlassen hätte, aber seltsam war ihm schon. Noch hatte er keinen Beweis dafür, dass jemand in den Stall eingebrochen war. Aber er würde ihn sich holen.

Auch wenn sein Herz stärker schlug, es gab für ihn kein Zurück, und so beeilte er sich, um die Tür zu erreichen. Schon mit dem ersten Blick sah er, dass sie nicht geschlossen war. Jemand hatte die Tür geöffnet und sie auch offen gelassen. Das war für ihn schon so etwas wie ein Beweis.

Dass es sich bei den Einbrechern um Verbrecher handelte, daran glaubte er nicht. Vielleicht waren es Typen, die ein Nachtlager suchten, da war ein leerer Stall nahezu ideal. Schon öfter hatten die Winklers Jugendliche oder Wanderer hier auf dem Hof schlafen lassen. Um diese Zeit waren die Ställe leer, denn die Tiere standen allesamt auf der Weide. Bei den Winklers waren es Kühe.

Nichts passierte, und so konnte sich Robert Winkler in den Stall schieben, der ihm so vertraut war. Er hatte sich auch nicht geirrt, denn jetzt sah er, dass Licht brannte. Eine alte Funzel, die unter der Decke hing, gab es ab. Es war ein weicher und auch gelblicher Schein, der nicht alle Ecken des Stalls erreichte.

Rechts von ihm standen sonst die Kühe an ihren Plätzen. Davor die Futternäpfe aus Stein. Weiter hinten gab es den normalen Eingang, der musste geschlossen sein.

Robert Winkler setzte seinen Weg fort. Er fühlte sich auf seinem eigenen Grund und Boden nicht mehr wohl. Es war etwas geschehen, aber er wusste nicht was. Er konnte es spüren und auch fühlen.

Winkler schaute nach vorn, und dort sah er plötzlich eine Bewegung. Zuerst dachte er an ein Tier, aber das traf nicht zu, denn die Kühe standen alle auf der Weide.

Es war eine Gestalt, die für ihn noch so etwas wie einen Schatten bildete.

Dann sah er eine zweite Gestalt, und um seine Brust herum wurde es noch enger.

Jetzt hatte er die Gewissheit bekommen. Der Stall war nicht menschenleer. Fremde Personen waren in ihn eingedrungen. Er glaubte nicht, dass die beiden schattenhaften Gestalten Bekannte waren.

Sie kamen jetzt vor.

Sie gaben sich offen und hatte keine Furcht sich zu zeigen. Zudem waren sie zu zweit, gingen nebeneinander her und näherten sich so immer mehr der Lichtquelle.

Winkler wartete ab. Er ging ihnen nicht mehr entgegen. Er wollte nur wissen, wie sie aussahen, und das gelang ihm in wenigen Sekunden. Doch da hatte er das Gefühl, mehrere Tiefschläge zugleich bekommen zu haben.

Er kannte die beiden Männer.

Er wusste sogar ihre Namen.

Der eine nannte sich Orkus, der andere Faruk.

Beide hatten in der Nähe gelebt, wohnten aber jetzt ganz woanders. Ihr Platz war auf dem Friedhof, und zwar unter der Erde. Denn beide waren längst tot …

***

Und jetzt standen sie hier!

Der alte Winkler begriff die Welt nicht mehr. Er wollte schreien, öffnete schon den Mund und brachte nur ein Krächzen hervor, das war alles. Dann wischte er über seine Augen, weil er das Bild weghaben wollte, doch das schaffte er nicht.

Zwei Tote standen vor ihm, die gar nicht so tot waren. Dabei hatte er ihre Leichen gesehen, die bis zur Beerdigung in einem Nebenraum des Schreiners aufbewahrt worden waren.

Und jetzt das!

Sie lebten. Sie standen hier im Stall nebeneinander und sahen aus, als wäre nichts passiert.

Da war Orkus, der auch jetzt wieder sein Kopftuch trug, das ihm ein etwas verwegenes Aussehen gab. Lange Haare wuchsen unter dem Tuch hervor. Als Kleidung trug er einen Mantel, dessen Saum bis an die Knöchel reichte.

Der zweite Typ hieß Faruk. Auch er hatte einen langen Mantel um seinen Körper gewickelt. Seine Haare waren kurz. Sie standen vom Kopf ab und ließen auch die Ohren frei. Das Gesicht war glatt, bis auf einen kleinen Spitzbart, der sich in Höhe des Kinns etabliert hatte.

Zwei Tote, die lebten.

Zwei Menschen, die auf eine geheimnisvolle Art und Weise ums Leben gekommen waren. Niemand wusste genau, wie sie gestorben waren. Man hatte sie in einer Hütte am Waldrand gefunden. Nicht mehr und nicht weniger. Hinzu kam, dass andere Menschen wenig Kontakt zu ihnen gehabt hatten. Die beiden waren Einzelgänger und auch bunte Vögel, wenn man sie positiv einschätzte. Das hatten nicht alle Menschen aus dem Ort getan und auch nicht aus den Nachbarorten.

Dann hatte man sie eines Tages gefunden und begraben. Unchristlich. Es war kein Geistlicher dabei gewesen. Die beiden Toten waren verscharrt worden, und das an einer Stelle des Friedhofs, die sehr einsam lag. Nahe des Komposters.

Und jetzt?

Der alte Winkler flüsterte etwas vor sich hin. Was er gesagt hatte, das wusste er selbst nicht. Er konnte auch nicht sagen, ob er die andere Seite angesprochen hatte, er war jedenfalls völlig überfordert und schlug in seiner Panik ein Kreuzzeichen. Bei großer Angst hatte ihm das schon als Kind geholfen.

Hier nicht.

Er war gesehen und auch sicherlich gehört worden, aber das Kreuzzeichen erzielte keinen Erfolg. Die beiden sahen sich an und schüttelten die Köpfe.

Sie sagten nichts, was Winkler auch verstehen konnte. Dass sie da waren, das war eine Tatsache. Er sah sie mit den eignen Augen, auch wenn diese nicht mehr besonders gut waren.

Dann schoss ihm eine andere Möglichkeit durch den Kopf. Es konnte sein, dass sich jemand einen Scherz erlaubt und sich verkleidet hatte. Aber so recht daran glauben konnte er nicht.

Nein, nein, die waren schon echt.

Aber Tote, die nicht tot waren und lebten?

Als er daran dachte, stöhnte er auf. Das konnte nicht sein. So etwas gab es nicht in der Wirklichkeit. Tote, die nicht tot waren, die wurden Zombies genannt. Das hatte er mal gelesen, und genau diese Zombies gab es eigentlich nur in der Karibik.

Und nun? Waren sie auch hier? Wollten sie hier ihre Zeichen setzen? Da war eigentlich alles möglich, aber Robert Winkler traute sich nicht, eine diesbezügliche Frage zu stellen.

Er musste warten, bis die Untoten etwas taten. Vielleicht konnten sie ja doch sprechen und …

In diesem Moment stockten seine Gedanken, denn etwas hatte sich verändert. Es musste an den beiden Gestalten liegen, denn von ihnen wehte ihm etwas entgegen.

Es war ein Geruch – nein, das war schon ein Gestank. Und den empfand der alte Mann als Ekel erregend. Er bildete sich diesen Geruch nicht ein, und der war so stark, dass er Winkler dazu zwang, den Atem anzuhalten. Er wollte nichts mehr einatmen, denn dieser Geschmack auf der Zunge war einfach widerlich.

In den letzten Sekunden hatten sich die beiden Gestalten nicht bewegt. Das taten sie jetzt, und sie gingen zugleich vor.

Winkler war klar, dass nur er gemeint sein konnte. Aber er wollte mit ihnen nichts zu tun haben, was immer sie auch vorhatten.

»Nein«, flüsterte er, »nein!« Danach drehte er sich um und lief weg. Er war nicht mehr der Jüngste und auch nicht der Schnellste. Mit seinem noch intakten Gehör bekam er mit, dass sich hinter ihm etwas tat.

Im Laufen drehte er sich um und erkannte mit Schrecken, dass er ihnen nicht entkommen konnte. Zumindest diesem Orkus nicht, dem mit dem dunklen Kopftuch. Der würde ihn zu packen kriegen, bevor er noch die Tür erreicht hatte.

Welche Chancen gab es für ihn?

Der alte Mann wusste es nicht. Aber er wollte auch nicht kampflos aufgeben und sah plötzlich etwas, das er für eine Rettung hielt. Es war eine Mistgabel, die an der Wand lehnte. Er hatte sie entdeckt, und er handelte sofort.

Mit beiden Händen umfasste er das Werkzeug und fuhr damit herum. Sogar einen Schrei stieß er aus, um sich anzufeuern. Und dann lief er zwei Schritte nach vorn seinem Verfolger entgegen. Er rammte auch die Mistgabel nach vorn – und er traf.

Er hatte es tatsächlich geschafft und die vier Zinken in den Bauch der Gestalt gerammt. Die wurde durch diese Aktion aufgehalten. Ein Brüller drang aus ihrem Maul, dann wankte sie zurück, und die vier Spitzen verließen den Körper.

Es wäre normal gewesen, wenn jetzt Blut geflossen wäre. Aber das traf nicht zu. Es floss kein Blut, und das Metall war auch fast noch blank. So war diese Gestalt nicht zu vernichten.

Das wurde dem alten Mann innerhalb einer Sekunde klar, und er wusste auch, dass er zu schwach, und die anderen ihm über waren. Er hatte wieder etwas dazugelernt, denn er traute sich einen weiteren Angriff nicht mehr zu. Da gab es nur eines für ihn.

Weg von hier!

Einfach nur fliehen.

Die Mistgabel hielt er noch in der Hand. Er wollte sie bei seiner Flucht nicht behalten, sondern schleuderte sie nach vorn auf die beiden Gestalten zu.

Ob und wen er traf, das sah Winkler nicht mehr. Da hatte er sich schon herumgeworfen und lief auf die Tür zu. Und das so schnell ihn seine alten Beine trugen.

Es kam jetzt allein auf ihn an. Ganz allein. Er musste nun das Richtige tun. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich in seinem Kopf ein Plan entwickelt, von dem er auch nicht abweichen wollte.

Er musste ins Haus, wo auch sein Sohn und seine Schwiegertochter schliefen. Sie mussten Bescheid wissen, und vielleicht kannten sie ja einen guten Rat.

Robert Winkler hatte den Stall verlassen und lief auf das Wohnhaus zu. Er konnte nicht so schnell rennen wie früher, musste seinen Trott beibehalten und hatte etwa die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, als er langsamer wurde, stoppte und sich dann umdrehte.

Er hatte mit Verfolgern gerechnet und konnte es kaum fassen, dass sich niemand auf seine Fersen gesetzt hatte. Er wollte auch nicht über die Gründe nachdenken. Er nahm es einfach als einen positiven Wink des Schicksals hin. Zudem hatte man ihm eine gewisse Zeit gelassen und die brauchte er, um mit seinen Kindern zu sprechen.

Winkler holte noch ein paar Mal tief Luft, dann ging er weiter. Bevor er das Haupthaus erreichte, drehte er sich noch mal um und warf einen Blick auf das Stallgebäude.

Da tat sich nichts.

Keine Verfolger.

Das war gut. So konnte er vorgehen und betrat das Wohnhaus, um sofort die Treppe anzusteuern, die nach oben führte. Er gab sich jetzt auch keine Mühe, besonders leise zu sein. Er wollte nur mit seinen Kindern reden, und zwar so überzeugend, dass sie ihm auch glaubten.

Er lief durch den Gang. Das Licht hatte er eingeschaltet. Es war zum Glück nicht so hell, dass es blendete. Robert Winkler wusste auch, wen er zuerst wecken wollte.

Das war sein Sohn. Der würde die Nachricht wohl cooler aufnehmen. Die Schwiegertochter kam später an die Reihe.

Das Paar schlief ja getrennt. Vor der Tür seines Sohnes stoppte der alte Winkler. Er hatte schon die Hand ausgestreckt, um nach der Klinke zu fassen, als er etwas wahrnahm.

Es war der Geruch!

Und zwar der gleiche Gestank nach Verwesung, wie er ihn schon im Stall wahrgenommen hatte.

O Gott, schoss es ihm durch den Kopf. Waren diese Unholde vielleicht auch hier gewesen?

Den Beweis würde er nicht bekommen, wenn er vor der Tür stehen blieb. Da musste er schon das Schlafzimmer betreten, was er auch tat und nicht besonders leise war.

Es war nicht stockdunkel. Er sah, dass jemand im Bett lag und beim näheren Hinsehen erkannte er sogar zwei Personen. Demnach schlief das Ehepaar wieder gemeinsam.

Dass er keine Atemzüge hörte, daran dachte er in diesem Augenblick nicht. Er wollte seine Kinder wach bekommen, und deshalb schaltete er das Deckenlicht ein.

Es wurde hell.

Robert Winkler sah.

Und was er sah, das war das Grauenvollste, was er je in seinem langen Leben gesehen hatte …

***

Sohn und Schwiegertochter lagen im Bett und zugleich auch in ihrem Blut.

Man hatte sie umgebracht. Und das auf eine besondere Art und Weise.

Robert Winkler stand unbeweglich auf der Türschwelle. Er glaubte, sich in einem falschen Film zu befinden, aber das Schlimme oder Schreckliche war echt. Er nahm sogar den widerlichen Blutgeruch wahr.

Dennoch fehlte ihm der Glaube. »Nein«, murmelte er, »nein, so etwas ist unmöglich. Das gibt es nicht. Sie – sie dürfen nicht tot sein, während ich lebe.«

Dann gab es kein Halten mehr für ihn. Er konnte den Strom der Tränen nicht unterdrücken. Es war so brutal, so gottlos, und der alte Mann wunderte sich, dass er es schaffte, sich auf den Beinen zu halten.

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