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John Sinclair - Folge 1892

Im Fangnetz der Hölle

Ihr Blick war wie eine Eisdusche. Und das bei herrlichstem Sonnenschein oder Bikini-Wetter.

Einen Bikini trug Ellen Hunnicat, und der bestand aus verdammt wenig Stoff und saß deshalb sehr knapp. Wer da nicht hinschaute, der stand nicht auf Frauen.

Der Reporter Bill Conolly schaute hin. Auf das Dreieck und die beiden roten Stoffstücke, die es nicht schafften, beide Brüste vollständig zu bedecken. So ein Kleidungsstück hätte perfekt nach Rio an den Strand gepasst.

»Was wollen Sie?« Die Stimme der Frau klang rauchig und auch mit einem lauernden Unterton versehen …

»Mal eine Frage zuvor. Sind Sie Ellen Hunnicat?«

»Wer will das wissen?«

»Ich heiße Bill Conolly.«

»Okay, und weiter.« Sie winkelte die Arme an und stützte sich ein wenig auf.

»Ich bin verabredet.«

Jetzt musste sie lachen. »Aber bestimmt nicht mit mir. Oder?«

»Das stimmt, sondern mit Marc Hunnicat. Ich gehe davon aus, dass er Ihr Mann ist.«

»Genau, das ist er.« Ellen lächelte breit. »Aber mal im Ernst. Sehen Sie ihn?«

»Nein.«

»Eben.« Ellen rekelte sich auf der Liege und strich über die beiden Stoffteile auf ihren Brüsten. »Er ist auch nicht im Haus. Da haben Sie Pech gehabt. Oder auch Glück. Es kommt ganz darauf an, wie Sie es sehen, Mister Conolly.«

»Verstehe. Und Sie wissen nicht, wo er sein könnte und wann er wieder hier ist?«

»So ist es. Er ist mir keine Rechenschaft schuldig, ich ihm deshalb auch nicht.«

Bill nickte. »Schade«, kommentierte er, »dann habe ich den Weg umsonst gemacht.«

Ellen Hunnicat sagte nichts. Sie blieb aber auch nicht länger liegen. Mit genau einstudierten Bewegungen stand sie auf und ließ den Reporter dabei nicht aus den Augen. Sie schaute ihren Besucher an und lächelte, wobei dieses Lächeln schon so etwas wie ein Versprechen war.

»Sie können auch bleiben, Bill. Es ist sehr warm. Ich mixe uns einen kühlen Drink, wir können ein paar Runden im Pool schwimmen. Ich habe Zeit.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich bin wegen Ihres Gatten gekommen.«

»Das weiß ich ja. Aber bin ich nicht ein toller Ersatz?«

»Es kommt darauf an, wie man es sieht. Aber ich habe mich wirklich mit Ihrem Mann treffen wollen.«

Sie gab nicht nach. Spielte wieder mit ihrem Oberteil. »Darf ich wissen, um was es geht?«

»Das dürfen Sie schon. Nur weiß ich es selbst nicht. Ihr Mann hat mir nichts gesagt. Er wollte sich mit mir treffen. Das ist alles. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

Die Frau mit den schwarzen Haaren, dem ebenmäßigen Gesicht, den dunklen Augen und den vollen Lippen lächelte und nickte zugleich. »Eigentlich haben wir keine Geheimnisse voreinander. Aber diesmal hat er mir nichts gesagt.«

»Dann werde ich mich noch mal mit ihm in Verbindung setzen«, sagte der Reporter.

»Tun Sie das.« Ellen streckte dem Reporter ihre Hand entgegen, um sich zu verabschieden.

Bill ergriff sie und spürte den schwachen Druck. Aber auch etwas anderes. Eine Fingerkuppe glitt leicht über seine Handfläche hinweg. Diese Geste war so etwas wie ein Angebot, das Bill Conolly aber ignorierte.

Er zog seine Hand recht schnell zurück. »Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.«

»Danke, den mache ich mir. Und es kann ja sein, dass wir uns wiedersehen.«

»Bestimmt, Mrs. Hunnicat.«

»Ach, sagen Sie doch Ellen.« Diese Worte sprach sie bereits gegen Bills Rücken. Er hatte sich umgedreht und lief über den schmalen Weg hinweg, der ihn an die vordere Seite des Hauses brachte, wo sich ebenfalls ein Garten befand. Allerdings ohne Unterbrechung durch einen Pool oder irgendwelche Liegestühle. Sommerblumen verbreiteten eine bunte Vielfalt. Der Garten sah sehr gepflegt aus, was auf die Hand eines Fachmanns hinwies.

Bill machte sich seine Gedanken, die sehr schnell durch seinen Kopf huschten. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass hier einiges nicht stimmte. Das lag auch an der Frau, die sich mit ihm unterhalten hatte. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie ihn angelogen hatte und sie sehr wohl wusste, wo sich ihr Mann aufhielt. Wenn ja, warum hatte sie es nicht gesagt? Was verbarg sie? Und warum hatte sich Marc Hunnicat mit ihm treffen wollen? Das war Bill ein Rätsel. Er hatte ihm auch nichts großartig gesagt, sondern nur um ein Treffen gebeten, und das in seinem Haus.

Und doch war er nicht dort gewesen. Warum nicht? Was hatte ihn daran gehindert?

Bill dachte auch weiterhin über den Mann nach, den er persönlich nicht kannte. Das heißt, er wusste auch nicht, wie er aussah. Aber Hunnicat hatte gewusst, wer er war, und er hatte Bill damit gelockt eine gute Geschichte zu haben, die ihm bestimmt interessieren würde.

Der Reporter hatte erst nachgedacht. Dann aber siegte seine Neugierde, und er dachte auch daran, dass er lange keine gute Geschichte mehr hatte schreiben können. Es war Sommerzeit, und da schienen gewisse Dinge eingeschlafen zu sein.

Aber jetzt sah alles danach aus, als hätte er sich eine Blase gelaufen. Marc Hunnicat hatte ihn auflaufen lassen, und Bill fragte sich nach dem Grund.

Er verließ das Grundstück und geriet dabei auch aus dem Schatten der Bäume. Auf dem Gehsteig blieb er stehen und warf einen Blick nach links, wo sein Porsche parkte. Es war eine sehr ruhige und auch vornehme Wohngegend, in der die Hunnicats lebten. Die wenigen Häuser standen weit genug auseinander, sodass sich keiner von seinem Nachbarn gestört fühlte.

Wer dieser Marc Hunnicat genau war, darüber hatte sich Bill nicht informiert. Doch wer hier lebte, der nagte bestimmt nicht am Hungertuch.

Bill Conolly ging davon aus, dass Hunnicat genau wusste, welche Berichte er schrieb, dass er sich oft mit unheimlichen und unerklärlichen Vorgängen beschäftigte und er in der Branche und bei seinen Lesern dafür bekannt war. Natürlich hatte er Hunnicat am Telefon Fragen gestellt, aber keine Antworten bekommen. Die sollte er bei einem persönlichen Treffen erhalten.

Das konnte er sich jetzt wohl abschminken. Er hätte wütend oder sauer sein können, aber das war er seltsamerweise nicht. Tief in ihm klang eine Stimme auf, die ihm erklärte, dass noch nicht alles vorbei war und sich was entwickeln konnte.

Bill erreichte den Porsche und öffnete ihn durch ein Funksignal. Er wollte einsteigen, als er die Melodie des Handys hörte. Das schmale Ding steckte in seiner Hemdtasche. Er griff hinein und holte das Gerät hervor.

»Ja …« So meldete sich Bill. Der Anrufer sollte wenigstens merken, dass jemand da war.

Eine Stimme hörte Bill zunächst nicht, nur schnell und hastig ausgestoßene Atemstöße. Der Reporter schüttelte den Kopf. Obwohl er schon eine Ahnung hatte, wer ihn da anrief, wollte er es von der anderen Seite wissen.

»He, nun melden Sie sich doch mal.«

Nein, er vernahm keine Stimme. Dafür hörte er ein leises Stöhnen.

»Sind Sie das, Mister Hunnicat?«

Das Geräusch hörte auf. Sofort danach vernahm Bill die Stimme. »Ja, das bin ich.«

»Wunderbar. Ich habe Sie schon gesucht.«

»Das kann ich mir denken.«

»Und wo sind Sie jetzt?«

»Gegenfrage, Mister Conolly«, flüsterte Hunnicat. »Wo halten Sie sich denn auf?«

»Bei meinem Wagen. Er steht in der Straße, in der Sie wohnen. Ich bin also noch in der Nähe.«

»Ja, das ist gut.«

Bill wollte wissen, wo sich Hunnicat aufhielt. Er hörte erst mal nur wieder das schwere Atmen, dann klang die Stimme des Mannes wieder an sein Ohr.

»Ich bin gar nicht mal weit von Ihnen entfernt.«

»Das ist gut. Und wo sind Sie?«

»In einem Wald.«

»Ach.« Bill hätte beinahe gelacht. »Und wie soll ich mir das vorstellen? Wo ist der Wald?«

»Nicht weit von Ihnen weg. Sie müssen nur die Straße hinunter fahren, dann erreichen Sie dort, wo keine Häuser mehr stehen, ein Stück freies Feld. Biegen Sie nach links in einen schmalen Weg ein, der das Feld durchschneidet. Er führt genau zu einem Wald, in dem Sie mich finden können. Haben Sie alles verstanden?«

»Das denke ich. Und ich habe es auch behalten.«

»Gut.«

»Eine Frage noch. Warum haben Sie sich in diesem Wald versteckt und was beschö …«

»Nein, nicht jetzt, Mister Conolly. Nicht jetzt. Ich denke, wir werden uns unterhalten, wenn wir uns sehen.«

»Ja, das hoffe ich.«

»Okay, dann fahren Sie los.«

Den Satz hörte Bill Conolly noch, dann war es vorbei. Sehr nachdenklich blieb er stehen. So hatte er sich das Treffen eigentlich nicht vorgestellt. Nicht, dass er etwas gegen einen Wald gehabt hätte, aber suspekt war er ihm nicht. Ein Wald konnte vieles verbergen, und er konnte auch eine Falle sein.

Trotzdem stieg der Reporter in seinen Porsche und machte sich auf den Weg …

***

Die Strecke war gut beschrieben worden und Bill hatte keine Mühe, sie zu finden. Er rollte durch einen Tag, an dem es die Sonne besonders gut meinte, was in diesem Sommer noch nicht so oft der Fall war.

Die Straße war okay, der Weg durch das Feld auch, aber nicht für einen Porsche, der recht tief lag. Bill hörte unter dem Wagen manchmal Geräusche, die bei ihm ein Stirnrunzeln hinterließen. Dennoch dachte er nicht daran, eine Pause einzulegen. Er wollte diesen Marc Hunnicat so schnell wie möglich treffen, und er war sehr gespannt darauf, was dieser ihm zu sagen hatte.

Auch der weiteste Weg hat mal ein Ende. Dieser hier war nicht weit, und so kam das Ende sehr bald. Bill sah auch ein, dass er seinen Wagen nicht mehr länger quälen konnte, denn in den Wald hinein konnte er nicht. Er musste anhalten und zu Fuß weitergehen, damit hatte er gerechnet. Er fuhr noch zwei, drei Meter, dann war Schluss.

Als das Geräusch des Motors verstummt war, blieb der Reporter noch etwas sitzen. Die Kühlerfront seines Autos zeigte auf den Wald, und Bill wollte erkennen, ob sich dort etwas tat oder ob ein gewisser Marc Hunnicat kam, um ihn zu begrüßen. Das war nicht der Fall.

Deshalb wartete der Reporter auch nicht zu lange und verließ sein Fahrzeug. Er stand in der Sonne, die heiß vom Himmel brannte und schaute gegen den Waldrand.

Zwischen den Bäumen gab es Schatten, viel Sonnenlicht wurde gefiltert, sodass der Waldboden aussah wie gesprenkelt. Man konnte die Kühle förmlich spüren.

Es ärgerte den Reporter, dass er keine Telefonnummer von Marc Hunnicat besaß. Da verspürte er schon ein leichtes Magendrücken. Er ging trotzdem los und stand schon nach ein paar Schritten im Wald, dessen Boden zu einer weichen und nachfedernden Fläche geworden war. Auf ihr lag der Humus, altes Laub, das eine Schicht gebildet hatte. Unterholz gab es so gut wie nicht, nur die Bäume standen hier und wuchsen in den Himmel. Bill sah hin und wieder hoch. Es waren Laubbäume, die ihm ins Auge fielen. Besonders Buchen mit recht dicken Stämmen, ein Zeichen, dass der Wald hier schon recht alt war.

Aber wo wartete Marc Hunnicat?

Bill hatte nach seinem Eintreten in dieses Gelände weder etwas von ihm gehört noch gesehen. Er hoffte, dass die andere Seite ihn noch mal anrief, aber da hatte er sich geirrt.

Bill lief nicht über einen Weg, er war bisher quer durch das Gelände geschritten, einige Male ging er an Mulden vorbei, aber Spuren, die auf einen Menschen hingewiesen hätten, die bekam er nicht zu Gesicht.

Er blieb stehen, und wenn er ehrlich gegenüber sich selbst war, kam er sich schon leicht an der Nase herumgeführt vor. Er hatte die Bedingungen erfüllt, war in den Wald gegangen, und jetzt hätte sich Marc Hunnicat zeigen müssen.

Das tat er nicht.

Bill fragte sich, was das sollte. Er wusste keine Antwort darauf und war auch nicht in der Lage den Menschen anzurufen. Also musste er warten oder den Rückweg antreten.

Aber so leicht gab er nicht auf. Er glaubte schon noch daran, dass ihm Hunnicat etwas zu sagen hatte, und deshalb rechnete er damit, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Da sich bisher noch nichts getan hatte, wollte der Reporter es auf die Spitze treiben. Um ihn herum war es still. Er hörte keine Vogelstimmen. Da schien die Natur wirklich den Atem anzuhalten, was auch nicht normal war. In einem Wald fühlten sich die Vögel wohl, und das zeigten sie auch im Normalfall.

Nur hier nicht.

Warum nicht?

Bill merkte, dass er anfing zu schwitzen. Diese Frage bereitete ihm Sorge. Nur der Wald mit seinen Bäumen war normal, aber nicht, was sich hier tat.

Als er näher darüber nachdachte, wurde die Stille für ihn schon belastend. Auch innerlich erlebte er so etwas wie einen Aufruhr, der ihm den Schweiß ins Gesicht trieb.

Bill putzte ihn weg. Er schüttelte den Kopf. Seine Lage war für ihn verrückt. Wo steckte Marc Hunnicat? Der Reporter wollte nicht bis in alle Ewigkeiten hier warten. Er nahm sich noch einige Minuten vor, dann wollte er den Rückweg antreten.

Dazu kam es nicht. Wieder meldete sich sein Handy. In der Stille klang selbst das zurückgedrehte Geräusch recht laut. Bill wusste sofort, wer es war und sah sich bestätigt, als er die Stimme hörte.

»Ha, Sie sind da.«

»Ja, da bin ich. Und was ist mit Ihnen?«

»Ich bin auch da.«

Bill drehte sich auf der Stelle. »Wo denn?«

»Ich bin in Ihrer Nähe.«

»Sorry. Ich sehe Sie leider nicht.«

»Das wird sich bald ändern.«

»Gut«, sagte Bill, »und wie? Oder wo?«

»Gehen Sie einfach weiter.«

»Sie Witzbold. In welche Richtung denn?«

»Einfach in die, in die Sie schauen. Dann ist alles okay, und wir werden uns sehen.«

Das war dem Reporter zwar nicht ganz geheuer, aber wenn Hunnicat es so wollte, dann sollte es so sein, und da wollte er auch kein Spielverderber sein.

»Okay, ich gehe dann los.«

»Ja, tun Sie das.«

Es machte Bill zwar keinen Spaß, aber es war besser, wenn er nicht allein durch den Wald irrte und versuchte, seinen Informanten aufzutreiben. Er fühlte sich zwar gegängelt, aber das war nicht tragisch. So ging er dorthin, wohin er auch geschaut hatte. Er nahm wieder eine Lücke zwischen den Bäumen wahr und ging weiter. Ein Ziel war ihm nicht genau gesagt worden, nur praktisch der Nase nach. Daran hielt sich Bill.

Bis zu dem Zeitpunkt, als er am Rand einer Mulde entlang ging. Er hörte noch das Rascheln des Laubs an seinen Füßen, dann weiteten sich seine Augen.

Er hatte etwas gesehen.

Vor ihm gab es eine schmale Lücke zwischen zwei Bäumen. Aber breit genug, um einen Menschen durchzulassen.

Genau in dieser Lücke stand jemand.

Zuerst dachte Bill, dass es ein Mensch war. Oder der Mensch, den er hier treffen sollte. Aber sah so ein Mensch aus?

Der Reporter blieb stehen. Er hörte sich selbst schwer atmen. Eine kleine Taschenlampe trug er nicht mit sich, und so musste er sich allein auf sein Auge verlassen.

Wirklich ein Mensch?

Von der Gestalt her stimmte das. Sie war so groß wie ein Mensch, aber das war auch alles, was mit ihm übereinstimmte, denn jetzt ging es um das Aussehen.

Die Gestalt war nackt. Und trotzdem hatte sie keine helle Haut, sondern eine, die aus mehreren Farben bestand. Grau, braun, leicht schwarz und auch silbrig. Ein nackter Körper mit einem Kopf, den man auch als ein leichtes Dreieck ansehen konnte. Aus dem Kopf ragten zwei Hörner, die am Ende eine Krümmung nach oben zeigten.

Das Gesicht der Gestalt war nicht zu sehen, denn der Kopf war nach hinten gedrückt. Die Hände zeigten gespreizte Finger, und beide Hände lagen auf der Brust der Gestalt.

Mensch oder einfach nur eine nackte Gestalt?

Bill entschied sich für eine nackte Gestalt.

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