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John Sinclair - Folge 1889

Das Zombie-Gericht

Ich hatte sie nicht richtig gesehen, eigentlich nur als Schatten. Trotzdem wusste ich, dass es sie gab und sie sich auf meine Spur gesetzt hatten.

Mit anderen Worten: Ich wurde verfolgt!

Aber warum? Und von wem? Das waren die großen Fragen. Ich hatte die Verfolger nie so nahe gesehen, dass ich sie hätte identifizieren können, ich wusste nur, dass es sie gab …

Die Dunkelheit war bereits Herrscherin über den Tag geworden, und ich musste mir etwas einfallen lassen, um sie zu stellen. Die Aktion fand mitten in London statt, doch nicht weit von mir entfernt gab es das Brachland, das bald zu Bauland werden sollte. Ich las das auf einer mehr breiten als hohen Plakatwand, die am Ende des Grundstücks zur Straße hin stand. Wenn hier gebaut wurde, dann sicherlich zu überhöhten Preisen, die man schon als schwindelerregend bezeichnen konnte. Die konnte kein normaler Mensch mehr bezahlen.

Ich erreichte die Wand, hielt vor ihr an und drehte meinen Kopf, um zurückzuschauen. Es war für mich nichts zu sehen, was relevant gewesen wäre. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie noch näher gekommen waren. Sie verhielten sich geschickt. Ich sah nichts von ihnen, und es war auch nichts zu hören, was mich trotzdem nicht zufriedenstellte. Auch um diese Zeit war die Straße neben mir befahren, doch auch die Lichter der Wagen schafften es nicht, die Umgebung so zu erhellen, dass ich meine Verfolger gesehen hätte. Also musste ich mich weiterhin auf mein Gefühl verlassen.

Normal den Weg weiterlaufen oder versuchen, die anderen noch näher an mich heran kommen zu lassen? Ich wollte es wissen und entschied mich für die zweite Möglichkeit.

Auch wenn ich ein Risiko einging, es war mir in diesem Fall egal. Ich wollte sie so dicht in meiner Nähe haben, dass ich sie auch sah. Und deshalb duckte ich mich, tauchte unter der etwas hoch stehenden Plakatwand hinweg und war schon auf dem Gelände, das mit einer normalen Straße nicht zu vergleichen war. Hier war nichts eben, überall lagen Hindernisse herum. Das war Müll, den man hier entsorgt hatte, aber ich sah auch die hohen Steine, die teilweise im Boden festsaßen. Und Rinnen gab es ebenfalls, auch Löcher, die nicht aufgefüllt worden waren. Ich hätte hier am liebsten Licht gehabt, aber ich verkniff mir, die kleine Lampe einzuschalten. Diese Helligkeit hätte mich zu leicht verraten, und zu leicht wollte ich es den Verfolgern nicht machen. Wenn sie mich im Auge behalten hatten, dann mussten sie auch wissen, wo ich mich aufhielt, und so konnte ich sie vielleicht erwarten.

Dazu suchte ich mir einen guten Ort. Den Müll gab es nur am Rand des Grundstücks, in der Tiefe war er nicht mehr vorhanden. So kam ich besser voran – und hatte auch das Glück so etwas wie eine Deckung zu finden, denn im hinteren Teil hatte das Unkraut sprießen können und war an einigen Stellen sogar recht hoch gewachsen, sodass es für mich durchaus als Deckung gelten konnte.

Ich hatte es Sekunden später erreicht. Aufrecht blieb ich nicht stehen, so hoch wuchs das Unkraut nicht. Ich musste mich schon ducken, hocken oder knien, was auf die Dauer keinen Spaß machte, aber nicht zu ändern war.

Ich wartete und dachte daran, dass ich mir den Abend so nicht vorgestellt hatte. Ich war dienstlich unterwegs gewesen und hatte mir einen Vortrag anhören müssen. Es ging um Internet-Verbrechen, mit denen ich allerdings kaum etwas zu tun hatte. Deshalb wäre ich auch fast eingeschlafen und war heilfroh, als der Vortrag vorbei war und ich wieder tief durchatmen konnte. Um etwas wach zu werden, wollte ich den Weg zu Fuß zurücklegen, zumindest einen großen Teil der Strecke, und auf diesem Weg hatte ich meine Verfolger festgestellt. Ich wusste nicht, wer sie waren, konnte aber davon ausgehen, dass ich genügend Feinde hatte, die mir an den Kragen wollten und nicht nur an den, sondern auch ans Leben.

Jetzt wartete ich und lauschte in die Dunkelheit, aber nicht in die Stille, denn die herrschte nicht. Auf der Straße fuhren genügend Autos, deren Geräusche bis zu mir drangen und andere Geräusche überdeckten. Deshalb rechnete ich damit, dass die Verfolger urplötzlich auftauchten und mich angingen.

Ich starrte in die Dunkelheit. Es war wirklich ein Starren, und trotzdem schaffte ich es nicht, sie zu durchdringen. Das Licht der Straße reichte nicht bis in diese Gegend.

Ich gab mir selbst ein Limit. Zehn Minuten wollte ich warten. Wenn bis dahin nichts geschehen war, dann würde ich meinen Weg normal fortsetzen. Zehn Minuten können sehr kurz sein, aber auch sehr lang. Das war bei mir der Fall. Die Zeit zog sich hin, und das trotz der Anspannung, unter der ich stand.

Die Hälfte der Zeit war verstrichen. Ich fühlte mich immer nervöser. Bleiben oder nicht?

Ich blieb, und dann zuckte ich zusammen, denn vor mir sah ich tatsächlich eine Bewegung. Zu hören war allerdings nichts. Ich war mir auch nicht sicher, ob sich da tatsächlich ein menschliches Wesen auf den Weg gemacht hatte. Das konnte alles mögliche gewesen sein, sogar ein Tier.

Aber ich war vorsichtig geworden und zog sicherheitshalber meine Beretta, die ich auch in der Hand behielt. Das lange Hocken hatte mich steif werden lassen, und das wollte ich ändern. Ich schraubte mich wieder hoch und bekam so eine bessere Sichtperspektive.

Ja, vor mir tat sich was. Es gab in der Dunkelheit Bewegungen, aber ich sah nicht, wer sie hinterlassen hatte. Jedenfalls waren sie da, und sie würden wahrscheinlich näher kommen.

Ich stellte mich darauf ein.

Licht brauchten sie nicht. Sie fanden sich wohl auch so zurecht. Die Geräusche erreichten mich nur von vorn. Ich hörte sie jetzt gehen. Hin und wieder drang auch ein fremd klingender Laut an meine Ohren, der sich aber trotzdem anhörte wie ein krächzendes Lachen.

Ich watete. Aber die Spannung war in mir gestiegen, und jetzt wusste ich auch, dass ich es mit mehreren Personen zu tun hatte, die sich vor mir herumtrieben.

Sie gingen weiter, und damit kamen sie auch näher. Obwohl es dunkel war, konnte ich etwas erkennen. Von der Größe her waren sie mit normalen Menschen zu vergleichen. Aber wie sahen sie wirklich aus?

Das wusste ich nicht. Es war auch beim besten Willen nicht zu sehen, aber ich wollte es herausfinden. Die Lampe hatte ich nicht wieder weggesteckt, und jetzt schaltete ich sie ein. Der scharfe Strahl fächerte, so konnte er an seinem Ende mehr erfassen. Und ich hatte genau das Richtige getan, denn so erwischte das Licht nicht nur eine Gestalt, sondern auch eine zweite.

Beide glichen sich.

Beide fühlten sich gestört, wandten sich halb um, und so sah ich sie besser.

Und was ich sah, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet …

***

Nein, das waren keine Menschen, auch wenn sie so aussahen. Das waren andere Gestalten, die eine grünliche Haut aufwiesen. Auf die Kleidung achtete ich nicht, ich konzentrierte mich mehr auf ihre Gesichter, die etwas menschliches an sich hatten, aber trotzdem anders aussahen, weil ihre Haut sehr dünn war und die Gesichter mehr Totenschädeln glichen.

Was taten sie?

Zwei sah ich im Licht. Sie schauten auch hinein, so konnte ich ihre Fratzen gut sehen. Einer von ihnen trug einen Hut, der ihn fast lächerlich aussehen ließ. Allerdings hütete ich mich davor, zu lachen, denn danach stand mir nicht der Sinn.

Wie lange sie sich im Schein der Lampe aufgehalten hatten, das wusste ich nicht. Für sie jedenfalls zu lange, denn plötzlich huschten sie weg und tauchten ein in die Dunkelheit.

Wenn ich bisher noch daran gezweifelt hatte, von irgendwelchen Verfolgern beobachtet zu werden, dann gehörte das jetzt der Vergangenheit an. Sie waren da, und ich glaubte nicht daran, dass es nur zwei waren. Da konnte es sich um ein Rudel handeln. Normale Menschen waren es nicht. Für mich gab es da nur eine Lösung. Ich dachte an dämonische Wesen, die sich an eine Verfolgung gemacht hatten.

Sie mussten einen Grund haben, den ich mir allerdings nicht vorstellen konnte, und so musste ich erst mal abwarten.

Sekunden vergingen. Gesehen hatte ich sie nicht mehr, was auch nicht weiter tragisch war. Allerdings wussten sie jetzt, wo ich mich befand, und das sah ich nicht als so gut an.

Stellungswechsel! Und das so leise wie möglich, denn hier sollte keiner sofort etwas merken. Später lagen die Dinge anders. Ich huschte nach rechts hin weg, duckte mich auch, damit mir die Gewächse etwas Deckung gaben und hielt dort an, wo auch sie nicht mehr so hoch wuchsen. Wenn die Verfolger gute Augen hatten, konnten sie mich sehen. Meine waren nicht so gut, denn ich sah nichts.

Mein Plan stand fest. Ich wollte zur Straße und zusehen, dass ich dort verschwand. Und zwar so, dass mich die Bande nicht mehr bekam. Ich dachte an eine Bande, obwohl ich erst zwei von ihnen gesehen hatte.

Ich hörte nichts. Die andere Seite hielt sich verdammt geschickt. Ich bekam keine Chance, sie ausfindig zu machen, und deshalb wollte ich nicht länger warten und setzte mich in Bewegung. Mein Weg führte mich nach vorn und auf die Rückseite der Plakatwand zu.

Diesmal war ich vorsichtiger als auf dem Hinweg, ich wusste, dass Feinde in der Nähe lauerten, und war stets darauf gefasst, attackiert zu werden.

Noch hatte ich Glück. Ich kam eine gewisse Strecke voran, ohne dass etwas geschah. Ich sah auch keinen vor mir oder zur Seite weghuschen. Allerdings setzte ich nicht meine Lampe ein, denn ich wollte kein zu sicheres Ziel bieten.

Plötzlich wurde alles anders. Nicht vor mir sah ich etwas, ich hörte hinter mir was. Es war ein unbestimmtes Geräusch, aber es alarmierte mich, und so fuhr ich vor dem nächsten Schritt herum und schaltete auch die Lampe ein.

Sie traf ein Ziel. Und sie traf es genau. Es war eine dieser Gestalten, die ebenfalls eine leicht grünliche Haut hatte, die sich wie dünnes Leder über die Knochen zog. Ich sah einen großen Mund und eine breite Nase, und ich hörte einen keuchenden Laut, bevor die Gestalt auf mich zusprang.

Das war nicht mehr zu ändern, und ich handelte aus einem Reflex her. Ich drückte einfach ab.

Die Gestalt sprang praktisch in die Kugel hinein. Das Geschoss erwischte die Brust. Ich sah noch, wie Haut wegplatzte und huschte dann zur Seite, denn die Gestalt stolperte auf mich zu, und ich wollte nicht eben von ihr umarmt werden.

Sie schwankte an mir vorbei, und dann sackte sie zusammen, als hätte man ihr die Beine unter dem Körper weggehauen. Sie lag auf dem Boden, blieb dort auch, und nicht ein Laut des Schmerzes drang über ihre Lippen.

Ich leuchtete gegen sie.

Keine Reaktion.

Ich stieß sie mit dem Fuß an.

Auch jetzt tat sich nichts, und in mir verstärkte sich der Gedanke, dass ich sie endgültig erwischt hatte und sie keinen Menschen mehr verfolgen würde. Wer immer die Gestalt gewesen sein mochte, es war wohl richtig, dass ich sie mit einer geweihten Silberkugel erwischt hatte.

Aber das war nicht geräuschlos über die Bühne gegangen. Ich war gespannt darauf, wer und wie jemand auf diesen Schuss reagierte. Im Moment tat sich nichts. Ich stand wieder im Dunkeln und war auch zur Seite gegangen. Mein Blick war wieder auf die Grenze des Grundstücks gerichtet, an dem auch die Plakatwand stand.

Da sah ich die Lichter der Autos vorbeihuschen. Bis in London der Verkehr abebbte, dauerte es was.

Gedanklich beschäftigte ich mich mit den widerlichen Gestalten. Ich hatte genug gesehen, um die Haut als dünn, als glatt und auch als irgendwie künstlich einzustufen. Was ich da gesehen hatte, das waren vielleicht mal Menschen gewesen, aber jemand hatte sie zu diesen dämonischen Geschöpfen gemacht. Und wer so etwas schaffte, der musste schon eine große Macht im Rücken haben.

Darüber dachte ich nicht weiter nach, sondern versuchte, so schnell wie möglich den Rand des Brachlands zu erreichen. Ich rannte nicht, was auch aufgrund des Untergrunds nur schwer möglich war, sondern blieb weiterhin vorsichtig.

Und dann passierte es trotzdem. In Kopfhöhe hörte ich ein Geräusch.

Ich wollte mich ducken.

Es war zu spät.

Etwas prallte gegen meinen Hinterkopf, und da blitzten tatsächlich wieder die berühmten Sterne vor meinen Augen. Das ging schnell vorbei. Dafür erwischte mich etwas anderes. Ich hatte den Eindruck, abzuheben und zu fliegen, aber das stimmte nicht. Genau das Gegenteil trat ein. Ich sackte zusammen, was ich auch nicht richtig mitbekam, und hockte plötzlich auf dem Boden.

Da kippte ich langsam um.

Es war seltsam. Jetzt bekam ich es mit. Ich wurde nicht bewusstlos, sondern fühlte mich wie paralysiert. Ich sah alles, ich schaute dabei in die Höhe. Ich hatte auch den Willen, mich zu erheben und dann zu verschwinden. Aber es blieb dabei. Es war nicht möglich. Der Wille war da, aber das Fleisch war schwach. Es gab nur einen Ausdruck für meine Lage. Ich fühlte mich hilflos.

Die andere Seite hatte gewonnen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Aber wer war die andere Seite?

Ich bekam sie bald zu Gesicht. Zunächst aber hörte ich sie, denn da tappten sie näher, und dann schälten sich die Körper aus der Dunkelheit. Ja, das waren die veränderten Menschen, und sie erinnerten mich irgendwie an Zombies.

Ich zählte vier dieser Gestalten. Auch wenn es nur ein Feind gewesen wäre, ich hätte es nicht geschafft, ihn zu besiegen. Irgendwie glichen sie sich auch. Nicht nur von der Farbe der dünnen Haut her, es ging da auch um ihre Gesichter. Das waren die glatten Fratzen, die sich ebenfalls glichen.

Was würde jetzt geschehen? Ich hätte gern eine Frage gestellt, aber das war auch nicht zu schaffen. Nicht mal Furcht verspürte ich. So stark war mein Gefühlsleben durcheinander.

Zwei zogen mich hoch. Ich befand mich noch in einer Schräge, als eine dritte Gestalt den Arm anhob und ihn dann nach unten drosch.

Mein Kopf war das Ziel. Diesmal erwischte es mich an der Stirn, und jetzt gingen die Lichter endgültig aus …

***

Das Hotel lag nicht direkt in Moskau, sondern am Stadtrand. Diese kleinen Hotels gab es in diesem Moloch selten, doch einige Menschen hatten es geschafft, sie am Leben zu halten.

Auch Urban Koslow, ein Mann, der immer seinen Weg gegangen war und sich nicht hatte einschüchtern lassen. Man trifft nicht oft auf solche Menschen, aber Karina Grischin hatte es geschafft. Sie kannte Urban Koslow von früher her. Da hatte sie ihm mal einen großen Gefallen getan, was Koslow nie vergessen und ihr erklärt hatte, dass für sie immer ein Zimmer in seinem Hotel bereitstand.

Daran hatte sich Karina erinnert und war erst mal bei ihm eingezogen. Nicht in eine der aalglatten Herbergen im Zentrum der Stadt, sondern in ein kleines Hotel mit knapp zehn Zimmern, die allesamt immer sauber waren. In diesem Hotel ging es familiär zu. Dafür sorgten Koslows Frau und auch seine beiden erwachsenen Kinder, wenn sie mal Zeit hatten. Im Moment waren sie nicht da und wurden auch nicht wirklich gebraucht. Nur drei Zimmer waren belegt. In einem davon lebte Karina Grischin. In ihre alte Wohnung, die sie sich damals mit ihrem Freund Wladimir Golenkow geteilt hatte, wollte sie nicht mehr zurück. Vorläufig zumindest. Sie machte sich dann angreifbar, und sie wusste auch nicht, welchen Leuten sie trauen konnte, ihren eigenen eingeschlossen.

Karina Grischin war eine Top-Agentin. Eine Frau mit allen Wassern gewaschen, die zudem viele Erfolge erzielt hatte, aber nun bei ihren eigenen Leuten in Ungnade gefallen war, und denen wollte sie tunlichst aus dem Weg gehen.

Eine große Suchaktion nach ihr würde man nicht starten, aber gewisse Leute würden die Augen schon offen halten, daran glaubte sie fest. Und dann konnte so etwas tödlich ausgehen, wenn sie nicht schnell genug reagierte.

Bisher war nichts geschehen, und Karina überlegte auch, ob sie sich noch länger verstecken sollte oder nicht lieber ...

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