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John Sinclair - Folge 1888

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Blutzoll für den Templer
  4. Vorschau

Blutzoll für den Templer

Marcel Douf hatte es geschafft. Die große und sehr anstrengende Strecke lag hinter ihm. Jetzt musste er hinein ins Finale. Und das war nicht mehr mit körperlichen Anstrengungen verbunden.

Er saß auf der Brüstung der Burgruine und hatte praktisch die höchste Stelle erreicht und hätte den prächtigen Ausblick genießen können, den ihm diese Höhe bot, aber dafür interessierte sich der Franzose nicht. Er hatte andere Pläne …

Es gab die Burg nicht mehr so, wie noch vor Hunderten von Jahren, aber Teile waren erhalten, und zwar sehr wichtige Teile. Unter anderem auch ein bestimmter Raum, das Sonnenzimmer. Es lag nicht immer im Licht, aber in bestimmten Zeiten geschah es. Dann strahlte die Sonne hinein und sorgte dafür, dass der alte Zauber wirksam wurde. Und darauf wartete Marcel Douf.

Er hatte große Last und Mühe auf sich genommen, um das Ziel zu erreichen. Jetzt war es geschafft, und an den harten Anstieg dachte er nicht mehr zurück.

Sein Platz war gut. Sogar perfekt. Wenn es sein musste, dann hatte er alles im Blick. Nicht nur das Zimmer, sondern auch die Umgebung, denn sehr wichtig waren der Stand der Sonne und ihr Winkel zum Zimmer.

Er wartete.

Lange würde es nicht mehr dauern, dann war es soweit. Dann würde die Sonne ihre Strahlen in das Zimmer schicken, das seltsamerweise noch erhalten war. Wie durch ein Wunder war es dem Verfall und der Zerstörung der Burg entgangen.

Alles war wichtig. Aber am wichtigsten der Zeitpunkt, der für sein Kommen gesorgt hatte. Nur wenige Tage im Juni war das Phänomen zu sehen, und Marcel Douf wusste, das es jetzt der Fall war.

Er schaute gegen die Sonne. Sie stand günstig. Die dunkle Brille schützte ihn vor ihren Strahlen, die schon recht intensiv waren. Er gönnte sich noch einen letzten Rundblick hinab ins Tal, weil er sehen wollte, ob ihm jemand gefolgt war.

Das war nicht der Fall. Es gab keinen Menschen, der vom Tal her unterwegs zu ihm war. Wieso auch? Das Sonnenzimmer war nur wenigen bekannt, und diejenigen hielten den Mund. Das jedenfalls hoffte Marcel Douf. Denn es war gar nicht so ungefährlich, sich auf dieses Gebiet zu begeben. Er hatte es getan, und er wollte auch den Lohn für seine Anstrengungen empfangen.

Das war der Sonnenschein, wenn seine Strahlen in das Zimmer schienen und es ausfüllten.

Gleich musste es der Fall sein.

Marcel Douf hatte sich darauf eingerichtet. Er saß zwar nicht unbedingt weit von dem Zimmer entfernt, aber mit dem menschlichen Auge war die Fernsicht nur schwer, und so holte er ein Fernglas aus der Umhängetasche.

Ohne es wäre er aufgeschmissen gewesen, und er freute sich darüber, das Glas in den Händen zu halten. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, sogar der Herzschlag hatte sich bei ihm leicht beschleunigt, denn jetzt wurde es spannend.

Er setzte das Glas an.

Es passte noch nicht, denn er musste die Richtung ein wenig korrigieren. Das war kein Problem, und so holte er sich die Fensteröffnung näher heran.

Es war ein guter Blickwinkel, der ihm sogar gestattete, in das Zimmer hineinzuschauen. Zwischen den Wänden war es hell geworden, aber es hatte noch nicht die Helligkeit erreicht, die er sich wünschte, und die er brauchte.

Also warten.

In den nächsten Minuten würde ihm die Sonne den Gefallen tun. Und sie ließ ihn nicht im Stich. Wenige Sekunden vergingen, dann hatten es die Strahlen geschafft. Sie schienen durch die Öffnung, die mal ein Fenster gewesen war.

Füllten sie den Raum aus?

Ja, jetzt war es soweit.

Wieder beschleunigte sich sein Herzschlag. Es würde sich zeigen müssen, ob alle Forschungen gestimmt hatten. Wenn nicht, nun ja, man konnte nicht immer gewinnen.

Die Strahlen der Sonne fluteten das Zimmer aus. Sie erreichten jeden Winkel, was wichtig war. Nichts sollte von ihnen unberührt bleiben. Es war mehr als spannend, dem zuzuschauen, und plötzlich sah das tote Zimmer aus, als wäre es mit Leben erfüllt.

Leben?

Nein, das traf noch nicht zu. Man konnte von einem Lichtphänomen sprechen, das sehr hell war. Wohl heller als die Strahlen der Sonne. Licht bedeutete Wärme, und Licht war dabei, die Dunkelheit zu vertreiben. Auch hier gab sie ihr keine Chance.

Und dann passierte es.

Marcel Douf wollte es selbst nicht glauben, aber er sah es dann mit den eigenen Augen. Er konnte seinen Mund nicht mehr schließen, jetzt fing das Herz an, noch stärker zu klopfen, denn in der Mitte des Zimmers bewegte sich etwas. Er konnte nicht erkennen, was es war, aber es kam ihm nicht normal vor.

Das Phänomen war da. Oder es war auf dem Weg. Wie auch immer, er würde es zu sehen bekommen.

Das Fernglas schien an seinem Kopf zu kleben. Er hörte sich heftig atmen. Er spürte auch sein Zittern. Er fror nicht, es war die Aufregung, die dazu beitrug.

Plötzlich stockte ihm der Atem. Das, was er zuvor nur als amorphes Gebilde gesehen hatte, entpuppte sich als etwas anderes. Es war kaum zu fassen, aber er sah tatsächlich den Umriss eines Menschen, und er fragte sich, woher er plötzlich gekommen war.

Zugleich bewegte er seine Lippen. Was er dachte, das konnte er nicht für sich behalten. Das musste einfach raus.

»Das – das – ist es. Ich habe es geschafft. Das muss es einfach sein. Da gibt es keine andere Erklärung.«

Die Spannung stieg bei ihm. Zugleich betete er darum, dass sich das helle Licht nicht verzog, denn nur dadurch war er in der Lage, so gut schauen zu können.

Und dann floss ein Stöhnen aus seinem Mund. Jetzt hatte er es gesehen. Jetzt konnte ihm niemand das Wissen mehr nehmen. Im Sonnenzimmer zeigte sich tatsächlich eine Gestalt …

***

Für Marcel Douf war es nicht erklärbar. Aber er hatte darauf gehofft und nahm es hin. Aus dem Licht heraus hatte sich eine Gestalt gebildet, und sie sah alles andere als feinstofflich aus.

Es war ein Mann.

Daran glaubte der heimliche Beobachter fest, obwohl die Gestalt eine dunkle Kutte trug und sogar die Kapuze über den Kopf gestreift hatte. Sie schaute durch das Fenster in Doufs Richtung, aber der Mann glaubte nicht, dass er auch gesehen wurde. Das klappte nicht, denn die Gestalt hielt etwas in der Hand, das leicht golden schimmerte. Zuerst dachte Douf an ein Schwert, dann aber schaute er genauer hin und verfolgte das, was von zwei Händen gehalten wurde.

Es war kein Schwert, denn es gab noch eine waagerechte Seite, und die konnte keinesfalls als Griff bezeichnet werden. Sie war zu lang und auch zu hoch angesetzt.

Dafür gab es nur eine Erklärung.

Der Kuttenträger hielt ein Kreuz in der Hand. Ein großes und leicht vergoldetes Kreuz, das zudem nicht so schlicht war, wie es den ersten Anschein hatte.

Marcel Douf feuchtete seine Lippen an und flüsterte: »Verdammt, was ist das denn?«

Es war kaum zu fassen. Näher konnte er den Gegenstand nicht heranholen, obwohl er es gern getan hätte. Da, wo die Längs- und die Schmalseite zusammentrafen, gab es so etwas wie ein Bindeglied zwischen den beiden. Und das war ein Totenschädel.

»Wahnsinn!«, flüsterte der Beobachter. »Das ist wirklich der reine Wahnsinn.« Er musste sogar lachen. »Ein Kreuzschwert mit Totenkopf. Das glaube ich nicht.«

Aber der Wahnsinn hatte noch nicht sein Ende erreicht, denn er sah noch mehr, als er das Glas nach unten bewegte, um sich das Kreuzschwert genauer anzuschauen.

»Nein …« Das Wort löste sich flüsternd von seinen Lippen, denn er hatte noch mehr entdeckt. Und zwar einen weiterer Totenschädel, der die Schwertklinge zierte. Möglicherweise gab es auch noch dort einen, der von Händen verdeckt wurde.

Die Anzahl war nicht wichtig. Nur eben, dass sie überhaupt vorhanden waren.

Eines hatten Marcel Douf und der Kuttenträger gemeinsam. Sie saßen starr und schienen abzuwarten, ob etwas passierte. Bei Douf tat sich nichts. Er wartete darauf, dass sich bei dem anderen etwas tat, und das passierte tatsächlich. Er tat Douf den Gefallen, weil er seinen Kopf zur Seite bewegte und dabei an seinem Schwert vorbeischaute, praktisch zu dem Fenster hin, die für Douf wichtige Öffnung.

Der Beobachter schaute hinein, der Kuttenträger hinaus. Und jetzt war Douf mehr als froh, das Fernglas mitgenommen zu haben, denn durch die Bewegung gelang es ihm, das Gesicht des anderen zu sehen.

Douf erschrak!

Er hatte mit einem normalen Gesicht gerechnet, das war es irgendwie auch. Aber es war trotzdem anders, denn etwas stimmte nicht mit der Haut. Das sah er genau, obwohl er durch ein Fernglas schaute. Diese Haut sah anders aus als die eines Menschen. Sie war grau und dabei recht dunkel. Es konnten auch Streifen in der Haut zu sehen sein. So genau war das alles nicht zu erkennen.

Eines stand für den Mann fest. Dieser Typ war nicht normal. Zumindest kein normaler Mensch. Aber was war er dann? Bestimmt kein Geist, denn Geister besitzen keine Körper.

Marcel Douf beschloss, ihn als Phänomen einzustufen und schaute wieder intensiver hin.

Er sah das Gesicht noch immer. Nur die Augen waren nicht zu erkennen. Und trotzdem fühlte er sich wie unter einer Kontrolle. Dieser Anblick glich einem Versprechen, und allmählich kroch die Furcht in ihm hoch. Obwohl die im Licht der Sonne sitzende Gestalt sich nicht bewegte, kam sie ihm unheimlich und auch gefährlich vor. Das mochte zudem an dem mit Totenschädeln geschmücktem Kreuzschwert liegen.

Noch blieb er sitzen und vertraute auf die Distanz zwischen ihm und der anderen Gestalt. Er wartete darauf, dass etwas geschah. Dass sich der andere bewegte und sogar aufstand, um zu gehen. Aber das traf nicht zu.

Er blieb. Er sah aus wie jemand, der völlig mit sich im Reinen war. Er tat nichts, und er schien auf etwas zu warten, was noch eintreten sollte. Da passierte nichts. Er blieb da. Er zuckte nicht mal zusammen, und Douf traute sich auch nicht, ihn anzurufen. Er wollte die Ruhe behalten und nichts verändern, denn was er gesehen hatte, das reichte ihm aus.

Betete die Gestalt? Es sah so aus, als würde sie beten und sich dabei an dem Kreuzschwert festhalten. Der Beobachter musste daran denken, dass er sie nicht gesehen hatte, als der Sonnenschein noch nicht da gewesen war. Aber jetzt war sie da, und er fragte sich, woher diese Person gekommen war?

Jedenfalls hatte er jetzt den Beweis bekommen, dass es ihn gab, und nur das war wichtig. Ob es sich dabei um einen Templer handelte, das wusste er nicht, denn ihm fehlte die typische Kleidung für diesen Ritterstand, aber das war jetzt auch unwichtig. Es ging darum, dass diese Gestalt existierte. Und das musste er melden. Und zwar wartete der Mann darauf, der ihm den Auftrag gegeben hatte.

In der letzten Minute hatte er das Glas sinken lassen. Seine Arme waren ihm schwer geworden. Mit dem bloßen Auge allerdings war die Gestalt nicht mehr so deutlich zu sehen. Das helle Sonnenlicht war da stärker in den Vordergrund getreten.

Tief durchatmen und die eigene Nervosität in den Griff bekommen, das war jetzt wichtig. Zudem war Marcel Douf klar, dass er eine enorm wichtige Entdeckung gemacht hatte. Er hatte die Normalität verlassen und war in ein geheimnisvolles Gebiet eingedrungen. Sein Auftraggeber würde sich freuen, das stand fest. Der Mann hieß Godwin de Salier und war ein besonderer Mensch. Er gehörte dem Orden der Templer an, den es offiziell nicht mehr gab, aber der trotzdem existierte. Marcel Douf war zwar kein Templer, aber er kannte sich aus. Man konnte ihn als einen Religionsdetektiv bezeichnen. Er war ein Mensch, der gern in der Vergangenheit forschte und sich auf bestimmte Themen konzentriert hatte.

Wieder hob er das Glas an und schaute zu seinem Ziel hin. Ja, die Gestalt saß noch immer dort und umklammerte ihr Schwert. Den Kopf hatte sie gesenkt, so erkannte er nichts von ihrem Gesicht. Sie schien das Sonnenzimmer zu genießen und saugte dort die Kraft der Strahlen in sich auf. Es tat ihr sehr gut, und möglicherweise sorgte die Wärme auch dafür, dass sie aus ihrer Lethargie erwachte. Da war einfach alles möglich. An Grenzen wollte er nicht denken.

Und doch gab es bei dieser Person auch ein Zeitritual. Genau diese Zeit war jetzt abgelaufen, denn es ging ein Ruck durch den Körper, der auch den Kopf erreichte.

Jetzt war auch Marcel Douf gespannt, denn die Routine der letzten Minuten war vorbei.

Er schaute wieder genauer hin.

Und da sah er die Veränderung. Die Gestalt hatte sich noch mal auf das Schwert gestützt und drückte sich daran entlang in die Höhe. Der Mann wollte aufstehen.

Sehr gemächlich drückte er sich hoch. Es sah so aus, als stünde ein alter Mann auf. Als er aufrecht stand, bewegte er seinen Kopf und schaute sich um.

Er sah nichts.

Auch nicht den heimlichen Beobachter, der sich sicherheitshalber etwas zurückzog. Es wäre nicht nötig gewesen, denn er wurde nicht entdeckt. Zumindest gab es keine Anzeichen dafür. Noch immer breitete sich das Licht im Sonnenzimmer aus, und der Mann in der Kutte genoss zum letzten Mal das helle Licht.

Dann drehte er sich um und ging.

Marcel Douf versuchte, ihn weiterhin unter Kontrolle zu halten, was ihm nicht gelang. Er blieb zwar noch länger im Licht, aber das war auch alles. Als er es verließ und einen Schritt in die normale Realität ging, da war er auch noch gut zu sehen. Beim zweiten Schritt nicht mehr. Da sah die Gestalt aus, als wäre sie dabei, sich aufzulösen. So jedenfalls kam es dem Beobachter vor.

Ausschließen wollte er nichts. Es konnte durchaus sein, dass es bei dieser Gestalt noch ein weiteres Phänomen gab. Er schaute auch weiterhin durch sein Glas, weil er sehen wollte, wohin sich die Gestalt zurückzog.

Da gab es nichts zu sehen.

Sie war nicht mehr da. Sie schien zwischen den alten Ruinen ein neues Versteck gefunden zu haben, oder sie hatte sich tatsächlich einfach aufgelöst.

Marcel Douf überlegte, was er tun konnte. Nichts Konkretes fiel ihm ein, und so kam ihm der Gedanke, dass sein Job hier erledigt war. Er musste nur noch dem Templerführer Bescheid geben, dann konnte er aufatmen. Das hätte er jetzt tun können und über sein Handy anrufen, aber das wollte er nicht. Erst wenn er unten im Ort war, dann konnte er damit beginnen. Soviel Zeit hatte er noch.

Er machte sich auf den Rückweg. Es war gar nicht so einfach, bis zu dem Ort zu gelangen, an dem er den Megane abgestellt hatte. Ab dann würde es ihm besser gehen.

Der Aufstieg war nicht einfach gewesen, und der Abstieg war es ebenfalls nicht. Er hatte schon seine Probleme und musste achtgeben, dass er nicht ausglitt.

Und noch etwas kam hinzu. Er hatte den geheimnisvollen Mann nicht vergessen und auch nicht, dass er so plötzlich verschwunden war. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben, und genau das bereitete ihm große Sorgen. Er dachte immer daran, dass er aus dem Unsichtbaren her unter Kontrolle gehalten wurde. Beobachtet von einem bösen Augenpaar, aber das war nicht der Fall. Zumindest sah er nichts. Er hörte auch keine fremden Geräusche. Es waren die eigenen, die an seine Ohren drangen.

Und er spürte wieder die verfluchte Wärme. Er empfand sie jetzt als Hitze und war froh, als er eine Felsecke umrundete und den Abhang hinabschaute.

Da unten stand sein Wagen.

Der Anblick sorgte dafür, dass er aufatmete. Über seine Lippen huschte ein Lächeln. Dann musste er sich die Kehle frei räuspern und gönnte sich eine kleine Pause.

Die Umgebung hatte sich verändert. Der pure Fels war der grünen Vegetation aus Bäumen und Sträuchern gewichen, und Douf freute sich auch über den schwachen Wind, der sein Gesicht streichelte und ihm sehr gut tat.

Dann setzte er seinen Weg fort. Es gab da einen Pfad, der in Serpentinen dem Ziel entgegenführte und in die Straße mündete, über die er gefahren war.

Er war froh, seinen Renault erreicht zu haben, auch weil die Kleidung an seinem Körper klebte und er wieder so viel Schweiß verloren hatte. Ein gutes Gefühl durchströmte ihn, und er hoffte, dass ihn dies auch nicht verlassen würde.

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