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John Sinclair - Folge 1882

Dämonen der Angst

von Eric Wolfe

Eine Berührung ließ Rebecca aus ihrem Traum aufschrecken.

Die junge Frau riss die Augen auf. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Gerade noch war sie über den Strand einer einsamen Karibikinsel spaziert, jetzt holte die Wirklichkeit sie wieder ein. Der weiße Sand und der Ozean waren verschwunden. Sie lag wieder auf der abgenutzten Matratze in ihrem Hotelzimmer.

Da spürte sie es ein zweites Mal: ein Kribbeln im Gesicht, wie ein Windhauch. Instinktiv fasste sie zu der Stelle an ihrer Wange – und berührte den haarigen Körper einer Spinne …

Die Spinne trappelte über Rebeccas geschlossene Lippen.

Andere Frauen wären vielleicht in Panik verfallen, hätten den Achtbeiner von ihrem Gesicht gefegt oder sich hektisch zur Seite gerollt und gekreischt. Nicht so Rebecca Stills. Sie mochte Spinnen.

Danny hatte das nie verstanden. »Du spielst mir das doch nur vor!«, hatte er immer gesagt. »Du machst einen auf harte Lady. Niemand kann die Viecher wirklich mögen.«

»Das behaupten meine Eltern von dir auch«, hatte sie darauf immer geantwortet. »Und doch tu ich es.«

»Was tust du? Spinnen mögen oder mich?«

»Beides.«

»Ich hasse sie!«

»Spinnen oder meine Eltern?«

»Beides.«

Dann hatten sie gelacht, sich umarmt, sich geküsst und am Leben erfreut.

Bis zu dem Tag, an dem Danny etwas kennengelernt hatte, das er noch mehr hasste als Spinnen und Beckys Eltern zusammen: den Krebs in seiner Lunge. Die Krankheit hatte Danny innerhalb eines halben Jahres aufgefressen und Rebecca zur Witwe gemacht.

Sie räusperte sich und kämpfte gegen die Tränen an, wie jedes Mal wenn sie aus der Welt der Träume in die Realität ihres tristen Lebens zurückkehrte.

Sie wartete, bis das Kitzeln auf dem Gesicht verschwand, drehte sich so vorsichtig zur Seite, dass sie die Spinne nicht versehentlich zerdrückte, streckte die Hand nach dem Schalter über dem Nachtschränkchen aus und knipste das Licht an.

Der Schein der schlichten Lampe erhellte das Zimmer. Danny hätte die Glühbirne hinter dem dicken geriffelten Glas in seiner typischen Art vermutlich scherzhaft als Luxuslüster bezeichnet. Noch so eine Erinnerung, wie sie Becky jedes Mal beim Erwachen überfielen, diesmal eine, die sie zum Schmunzeln brachte.

Der Rest des Hotelzimmers passte zu der hässlichen Deckenleuchte: ein einfaches Nachtschränkchen, ein kaputter Schrank, ein Stuhl mit zerschlissenem Polster und ein wackliger Holztisch mit einigen Brandflecken.

Und natürlich die Spinne, die auf dem unbenutzten Kopfkissen des Doppelbetts hockte und Rebecca anzuglotzen schien – was selbstverständlich ein idiotischer Gedanke war.

»Na, meine Kleine«, sagte Becky. »Wie kommst du denn hier herein?«

Mit einem raschen Blick zum Fenster vergewisserte sie sich, dass es geschlossen war. Aber oft genügte Spinnen der winzigste Spalt, um in ein Haus zu gelangen. Vielleicht war sie während des morgendlichen Lüftens hereingeschlüpft. War ja auch egal.

»Ich habe nichts gegen dich, aber hier drin kannst du nicht bleiben. Es ist viel zu gefährlich für dich. Ich könnte mich im Schlaf auf dich rollen. Oder die Putzfrau – wenn es in diesem Etablissement so etwas überhaupt gibt – könnte dich morgen aus Versehen mit dem Staubsauger einsaugen.«

Rebecca Stills schnappte sich das Wasserglas vom Nachtschränkchen und trank es in einem Zug aus. Sie verschluckte sich und musste husten. So heftig, als habe sie eine langjährige Raucherkarriere hinter sich, was nicht der Fall war.

Auch Danny hatte nie geraucht. Dem Krebs war das egal gewesen.

Rebeccas Bronchien rasselten, und es fühlte sich an, als schlage etwas von innen gegen die Brust.

Verdammt, tat das weh! Sie hatte sich doch nicht etwa eine Erkältung eingefangen? Bitte nicht einen Tag vor ihrem Gespräch mit Robert! Wenn sie ihn überzeugen wollte, ihr kostenlos zu helfen, durfte sie nicht wie eine heruntergekommene Bittstellerin wirken – auch wenn sie genau das war.

Ein Schleimbrocken löste sich. Sie würgte ihn wieder hinunter.

Endlich bekam sie sich in den Griff. Der Hustenreiz ließ nach, aber ihr Rachen brannte.

Rebecca schaute zur Seite. Die Spinne saß immer noch auf dem Kopfkissen und starrte sie an.

Als sich der Husten in ein lästiges, aber harmloses Kitzeln im Hals verwandelt hatte, stülpte Becky das Glas über ihren tierischen Besucher, drückte es fest in das Kissen und kippte es gleichzeitig zur Seite, sodass die Spinne hineinfiel.

»Nur keine Panik«, sagte Rebecca mit heiserer Stimme. »Dir passiert nichts.«

Sie redete mit einem kleinen haarigen Vieh. Was war nur aus ihr geworden? Sie brauchte Roberts Hilfe dringender, als sie sich bisher eingestanden hatte.

Die Spinne wirkte nicht, als sei sie sonderlich ängstlich. Weder ballte sie sich zu einem winzigen schwarzen Klumpen zusammen, noch versuchte sie, die Glaswand hochzukrabbeln. Sie saß einfach nur auf dem Boden des Gefäßes und beobachtete Rebecca.

Das Gefühl, dass das Tier sie anstarrte, wurde für die junge Frau schier übermächtig.

Schwachsinn!

Rebecca schwang sich aus dem Bett, fluchte kurz über den kalten Holzfußboden, ging zum Fenster und entriegelte es.

Da kam die nächste Hustensalve über sie. Wieder löste sich Schleim in ihren Bronchien, doch diesmal ließ er sich nicht hinunterschlucken.

Denn er krabbelte durch ihren Rachen! Er pikte seine spitzen Beinchen in Beckys weiche Zunge und schob sich zwischen ihren Lippen hervor.

Oft genügte Spinnen der winzigste Spalt …

Tatsächlich! Es war eine Spinne, die sich aus Rebeccas Mund kämpfte, sich noch kurz irgendwie an der Unterlippe festhielt und dann auf Beckys nackten Fuß purzelte.

Rebecca schrie auf und ließ das Glas fallen. Es zerschellte auf dem Boden.

Ein widerlicher Schmerz fuhr ihr durch den Zeh. Als sei sie auf eine Biene getreten – oder als habe eine Spinne sie gebissen!

Instinktiv zuckte sie mit dem Fuß nach vorne und schleuderte den Achtbeiner davon. Der Spinnenleib prallte gegen die Wand, doch kaum kam das Tier auf dem Boden auf, krabbelte es wieder auf Rebecca zu – in Richtung ihrer ungeschützten Haut.

Becky war viel zu fassungslos, um über die offensichtlichste Frage nachzudenken: Wie konnte sie eine Spinne hochwürgen und aushusten?

Sie machte einen Schritt zur Seite, genau auf die Scherben des zerbrochenen Wasserglases. Zuerst hörte sie das Knirschen, dann spürte sie den schneidenden Schmerz in der Fußsohle. Die Spinne, die sie aus dem Hotelzimmer hatte retten wollen, dankte Rebecca ihre Tierliebe, indem sie ebenfalls zubiss.

Rebecca kam ein sinnloser Gedanke: Danny hatte doch recht! Wie konnte man diese Viecher nur mögen?

Sie wollte aufschreien, den Schmerz herauslassen, doch nur ein ersticktes Husten entrang sich ihrer Kehle. Gefolgt von drei weiteren Spinnen. Eine vierte kroch ihr aus der Nase, biss ihr in die Oberlippe und verschwand in ihrem Mund. Da spürte Becky schon den nächsten Biss, diesmal in die Zunge.

Und es hörte und hörte nicht auf.

Die junge Frau presste die Zähne zusammen und zermalmte das Tier. Ein bitterer Geschmack überfiel sie.

Weg! Sie musste weg von den aggressiven Achtbeinern.

Rebecca taumelte zurück, stieß mit den Waden gegen das Bett und fiel rückwärts auf die Matratze. Ein Quietschen erklang, und sie konnte nicht sagen, ob es von den Bettfedern stammte oder ob sie selbst es ausgestoßen hatte.

Die nächste Hustenattacke! Ihr Mund füllte sich mit wimmelndem, krabbelndem Leben. Sie schluckte und spürte das Schaben der Spinnen in der Speiseröhre.

Wieder bissen sie und bissen und bissen und pumpten ihr Gift in Rebeccas Blutkreislauf. Der Magen der jungen Frau rebellierte vor Schmerzen. Ihre Zunge schwoll an, dann der Hals. Die Luft wurde ihr knapp.

Sie wälzte sich zur Seite, griff nach dem Telefon, aber ihre Bewegungen kamen zu unkontrolliert, zu ruckartig, und sie stieß den Apparat vom Nachtschränkchen.

Funken glühten vor ihren Augen auf. Verzweifelt rang sie nach Luft, riss den Mund auf. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie bekam keinen Sauerstoff in die Lungen.

Ihre Bewegungen erlahmten.

Mit letzter Kraft hob sie den Kopf und sah an sich herab. Ihr Körper war verschwunden unter einem schwarzen Tuch aus Spinnen, die wieder und wieder ihre Giftklauen in Rebeccas Fleisch schlugen.

Vor dem Bett stand Danny.

»Bald sind wir vereint«, sagte er. »Wehr dich nicht. Komm zu mir.«

Sie ließ den Kopf sinken. Sekundenlang fühlte sie noch das Wühlen der Spinnen, die sie von innen auffraßen, so wie der Krebs Danny aufgefressen hatte.

Dann schwanden ihr die Sinne.

Das Letzte, was sie in ihrem Leben spürte, war ein brennender Schmerz zwischen den Schulterblättern. Das Letzte, was sie hörte, war Dannys Stimme.

»Komm zu mir.«

***

»Hier, mein Lieber, vielleicht hilft dir das auf die Beine.« Glenda stellte eine Tasse mit frischem Kaffee vor mir auf den Schreibtisch und grinste mich an. »Du siehst aus, als hinge dir noch das Kopfkissen im Gesicht.«

»Danke«, sagte ich. »Du bist meine Lebensretterin.«

Der Duft stieg mir in die Nase und weckte meine Lebensgeister. Oder wenigstens einen kleinen Teil davon.

»Schlecht geschlafen?«, wollte sie wissen.

»Wohl eher zu wenig«, ließ sich Suko von seinem Schreibtisch aus vernehmen. »Das Einzige, von dem er zu viel hatte, war Bills Whisky.«

»Was muss ich da hören?«, fragte Glenda gespielt streng. »Du feierst rauschende Feste? Und das unter der Woche?«

Ich nahm einen Schluck vom weltbesten Kaffee.

»Erstens haben wir nicht gefeiert, und zweitens hat nichts gerauscht«, klärte ich meine Sekretärin auf. »Sheila und Bill haben mich zum Abendessen eingeladen, um einfach nur ein bisschen zu plaudern und in Erinnerungen zu schwelgen. Und weil es uns endlich wieder einmal gelungen ist, ein paar völlig dämonenfreie Stunden zu genießen, hat Bill mir zum Abschluss ein Glas von seinem köstlichen Getränk spendiert. Oder zwei.«

»Oder drei«, ergänzte Suko. An Glenda gewandt sagte er: »Frag ihn doch mal, wann er nach Hause gekommen ist.«

»Wann bist du nach Hause gekommen, John?«

»Kurz nach drei«, gab ich kleinlaut zu.

Ich war selbst überrascht von mir. Normalerweise tat ich so etwas nicht, wenn ich am nächsten Tag rausmusste. Und nun wusste ich auch wieder, warum.

»Und du wunderst dich, dass du so zerstört aussiehst?«

»Ich wundere mich überhaupt nicht. Ich leide nur.«

»Dann leide mal schön weiter.« Glenda verließ Sukos und mein gemeinsames Büro.

Ich ließ den nächsten Schluck des Muntermachers meine Kehle hinabrinnen und seufzte behaglich auf. »Wenigstens liegt nichts Dringendes an. Der Tag schreit danach, dass wir ein paar Berichte schreiben und beizeiten Feierabend machen. Ruf doch bitte Asmodis und unsere gesammelte Gegnerschaft an, und sag Bescheid, dass ich heute nicht gestört werden will.«

»Dein Wunsch ist mir Befehl«, behauptete Suko und streckte die Hand nach dem Hörer aus.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Das Display zeigte eine Nummer, die mir vage bekannt vorkam, die ich auf die Schnelle aber nicht zuordnen konnte.

»Da scheint jemand etwas gegen deinen Plan zu haben«, meinte Suko.

Ich zog eine Grimasse, nahm den Hörer ab und meldete mich. »Sinclair hier.«

»Gut, dass ich dich gleich erreiche«, brummte mir eine Stimme entgegen.

»Tanner?«, fragte ich. »Bist du das?«

»Bin ich. Und ich habe da etwas, das du dir ansehen solltest.«

»Von wo aus rufst du an?«

»Rechtsmedizin.«

Das klang nicht gut. »Worum geht es denn?«

»Frag nicht lange, sondern komm her, und sieh selbst.«

Chiefinspektor Tanner hörte sich eindeutig nicht danach an, als hätte er die allerbeste Laune.

»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«, fragte ich.

»Keine Laus«, meinte er. »Aber eine Spinne.«

***

Dank meines Berufs hatte ich schon viele Leichen gesehen. Zu viele, wenn es nach mir ging. Aber an ihren Anblick würde ich mich wohl nie gewöhnen, vor allem nicht, wenn sie so fürchterlich aussahen wie die Frau, die vor mir auf dem metallenen Obduktionstisch lag.

»Ihr Name ist Rebecca Stills«, quetschte Tanner an der erloschenen Zigarre zwischen seinen Lippen vorbei.

Dem missbilligenden Blick des Arztes entnahm ich, dass er dem Chiefinspektor den Stumpen am liebsten weggenommen hätte.

Dunkle Schwellungen übersäten den Körper der Toten. Sie sah aus, als sei sie in einen Bienenschwarm geraten.

»Was ist mit ihr geschehen?«, fragte ich.

»Ehrlich gesagt, weiß ich das noch nicht«, antwortete der Arzt, der sich als Doktor Rubenstein vorgestellt hatte.

Natürlich hatten Suko und ich die Rechtsmedizin schon öfter besucht und mit dem Chef, Doktor Miller, zu tun gehabt. Rubenstein, einen hoch aufgeschossenen Mann mit lichtem schwarzem Haar und stechenden Augen, kannten wir bisher nicht. Wie er uns erzählt hatte, war er erst vor ein paar Wochen von Manchester nach London versetzt worden.

»Fest steht nur, dass sie erstickt ist«, fuhr er fort. »Es deutet alles auf einen toxischen Schock oder eine allergische Reaktion hin, aber …«

»Aber?«, fragte Suko, als Rubenstein nicht weitersprach.

»Aber ich habe keine Ahnung, was der Auslöser dafür gewesen sein könnte.«

»Woher stammen die Schwellungen?«, wollte ich wissen.

»Von Spinnenbissen, würde ich unter normalen Umständen sagen. Aber der Körper weist keine einzige Bisswunde auf.«

»Wo hat man die Tote gefunden?«

»Im City Plaza«, sagte Tanner. »Einem Hotel in der Bayswater Road. Trotz des Namens nur eine schäbige Absteige. Dem Portier ist aufgefallen, dass das Telefon in ihrem Zimmer dauerbelegt war. Also vermutete er, dass der Hörer nicht richtig auflag. Gestern Mittag ging er hoch, um nachzusehen, und fand Rebecca Stills auf dem Bett vor. Das Telefon lag auf dem Boden, deshalb die Störung. Bis auf ein zerbrochenes Glas gab es keine Kampfspuren in dem Zimmer.«

Ich wandte mich Doktor Rubenstein zu. »Und Sie haben keine Bisse gefunden?«

»Nein.«

»Kann das Gift anders in ihren Körper gelangt sein?«

Der Arzt räusperte sich. »Nun ja, das ist es, was ich vorhin sagen wollte. Wir haben nicht nur keine Bisse gefunden, sondern auch kein Gift. Natürlich ist die toxikologische Untersuchung noch nicht abgeschlossen, aber bisher waren sämtliche Tests negativ. Wie gesagt: Bislang tappe ich bei der Frage, was ihren Zustand ausgelöst hat, im Dunkeln.«

»Wie kommen Sie dann auf Spinnen?«, warf Suko ein.

Doktor Rubenstein drehte sich wortlos um, ging zu einem metallenen Regal und holte einen Glasbehälter hervor. Darin lag ein zerquetschter Spinnenkörper. »Die haben wir aus ihrem Mund geholt. In ihrem Rachen steckte ebenfalls eine.«

»Diese zwei Tiere können so giftig sein, um das hier anzurichten?« Ich deutete auf Rebecca Stills’ Leiche. »Vorausgesetzt natürlich, dass Sie noch Gift in ihrem Gewebe feststellen.«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Um den Zustand ihres Körpers zu erklären, bräuchte es Hunderte Spinnen.« Er hob den Behälter. »Aber andere als die hier. Denn bei ihr handelt es sich um eine normale Hausspinne. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber ich bezweifle, dass ihre Beißwerkzeuge durch menschliche Haut dringen können. Und falls doch, zeigt ihr Gift höchstens die Wirkung eines Mückenstichs, wenn überhaupt.«

»Mit anderen Worten«, sagte Tanner, »liegt hier eine Tote mit körperlichen Merkmalen, die auf Spinnengift hinweisen, doch obwohl wir tatsächlich Spinnen bei ihr gefunden haben, ist sie definitiv nicht von ihnen gebissen worden. Wenn das kein Fall für den Geisterjäger ist, dann weiß ich auch nicht. Ich jedenfalls bin mit meinem Latein am Ende.«

Ich war mir jedoch noch nicht so sicher, ob Rebecca Stills in mein Fachgebiet fiel. Natürlich, ihr Tod war mysteriös, konnte aber durchaus undämonische Ursachen besitzen. Ein Gift, das die Untersuchungen erst noch herausfinden würden. Oder eine extreme allergische Reaktion.

Um Tanners Verdacht zu bestätigen oder zu widerlegen, brauchte ich mehr Informationen.

»Darf ich mit der Spinne etwas ausprobieren?«, fragte ich Rubenstein.

Er verzog das Gesicht, sagte dann jedoch: »Seien Sie mein Gast.«

Ich nahm den Behälter entgegen, öffnete ihn und kippte das zerbissene Tier auf eine Arbeitsplatte.

»Du glaubst mir nicht, dass es ein Fall für dich ist?«, fragte Tanner.

»Ich gehe lieber auf Nummer sicher.« Ich zog mein Kreuz hervor. Keine Erwärmung.

Also berührte ich die Spinne damit. Ich rechnete nicht mit einer Reaktion. Umso überraschter war ich, als sich das Tier kurz aufblähte und gleich darauf mit einem leisen Knistern in sich zusammenfiel.

Bis auf einen leichten Brandgeruch blieb nichts übrig, und selbst der verflog nach wenigen Sekunden.

»Bist du jetzt überzeugt?«, fragte Tanner, als sei nichts Besonderes geschehen.

»Bin ich.«

»Gut. Eine Sache solltet ihr euch trotzdem noch ansehen.« Er wandte sich an Rubenstein. »Zeigen Sie es ihnen.«

Der Arzt, der noch immer verdattert dorthin schaute, wo die Spinne gelegen hatte, blickte auf und sah mich mit großen Augen an. Er schien zu überlegen, ob er mir Vorhaltungen wegen der Vernichtung von Beweismaterial machen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen bat er Suko und mich auf die andere Seite des Obduktionstischs. Er hob die Tote so weit an, dass wir ihren Rücken betrachten konnten.

Zwischen Rebecca Stills’ Schulterblättern prangte ein auffälliges dunkles Mal!

»Was ist das?«, fragte ich.

»Sieht aus wie ein Auge«, stellte Suko fest. »Mit einer Flamme als Pupille.«

»Tatsächlich handelt es sich um verkohlte Haut«, erklärte Doktor Rubenstein. »Als habe man ihr dieses Symbol mit einem glühenden Eisen eingebrannt.«

Er schaute zu meinem Kreuz, das ich noch immer in der Hand hielt.

Ich verstand, was er damit ausdrücken wollte, nickte und presste der Toten das Kruzifix zwischen die Schulterblätter. Nichts geschah.

»Wie alt ist die Verletzung?«, wollte ich wissen.

»Nicht alt. Sie ist ihr definitiv erst kurz vor oder nach dem Tod beigebracht worden.«

Chiefinspektor Tanner nahm die Zigarre aus dem Mund. »Und, wie sieht es aus? Übernehmt ihr den Fall?«

»Tun wir. Schick alles, was du hast, zu uns ins Büro.«

»Danke.« Tanner seufzte, und sein zerknautschtes Gesicht hellte sich auf. »Das erleichtert mich sehr.«

»Das glaube ich dir, alter Eisenfresser. Das glaube ich dir.«

***

Das war er also gewesen, der berühmte John Sinclair, von dem Doktor Miller erzählt hatte. Der Geisterjäger, so nannte man ihn.

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