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John Sinclair - Folge 1881

Die Satans-Schrift

Die Flammen waren mörderisch und bildeten für die Männer der Feuerwehr eine tödliche Wand. Es gelang ihnen kaum, sie zu löschen. Die Halle brannte lichterloh. Hätten sich Personen in ihr aufgehalten, wären sie sicher tot gewesen. Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit.

Dennoch gaben die Männer nicht auf. Sie waren es gewohnt, gegen diese mörderische Macht zu kämpfen. Wasserfontänen spritzten in die lodernde Glut hinein, und es waren auch erste Erfolge zu sehen …

»Da lebt keiner mehr, Chef!«

Der Chef – er hieß Gil Ambrose – drehte sich zur rechten Seite hin und nickte. »Denke ich auch.« Sein Gesicht lag frei. Von ihm wischte er den Schweiß weg. »Und trotzdem machen wir weiter.«

»Klar. Aber was ist mit den Menschen, die vielleicht noch in der Halle waren, als das Feuer ausbrach?«

»Wenn sie es nicht geschafft haben, sich zu retten, dann sind sie tot. Ich kann mir keine andere Möglichkeit vorstellen.«

»Genau.«

»Wissen Sie denn mehr über diese Halle, Pete? Sie stammen doch aus dieser Gegend, wie ich weiß.«

»Das schon, aber mehr wissen.« Er lachte auf. »Es gibt Gerüchte, da stimme ich Ihnen zu.«

»Aha. Und welche?«

»Die Halle wurde als Treffpunkt benutzt, irgendwelche Typen haben sich hier immer getroffen.«

»Gut. Und was taten sie?«

»Das weiß ich nicht. Die haben keinen in ihre Karten schauen lassen.«

»Waren es Erwachsene oder Jugendliche?«, fragte Ambrose.

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, Chef. Sowohl als auch möglicherweise.«

»Dann können wir damit rechnen, Tote zu finden.« Ambrose schüttelte sich. Er hasste diese Entdeckungen, aber sie kamen immer wieder vor. Das hatte er in all den Jahren bei der Feuerwehr oft genug erlebt. Und es nahm einfach kein Ende.

Pete Dover wollte schon gehen, als etwas passierte, das ihn und seinen Chef auf der Stelle bannte. Es war unwahrscheinlich und so unglaublich, dass man an eine Täuschung hätte glauben können. Doch das war nicht der Fall. Es gab keine Täuschung.

Der Schrei war echt!

Und er lähmte die beiden Männer, sodass sie auf der Stelle standen und sich nicht mehr bewegten. Sie mussten ihn auch einsortieren und das in eine schlimme Kategorie.

Ein Schrei, der auf einen nahen Tod hinwies. Einer, der sich überschlug, einer, der nicht mehr zu stoppen war, in dem sich die Angst und auch der Hass sowie die Verlorenheit und Chancenlosigkeit paarten.

Es war nicht klar, ob auch die anderen Kollegen den Schrei gehört hatten. Wahrscheinlich nicht, sie standen zu nahe am Geschehen, und das Brausen der Flammen übertönte vieles.

Aber die beiden Männer hatten ihn gehört. Da waren sie sich ganz sicher. Dann, als der Schrei nicht mehr zu hören war, übernahm der Feuerwehr-Chef das Wort. »Das war ein Schrei, verflucht.«

Pete nickte. Er war bleich geworden. Drei Jahre tat er den Job jetzt, aber so etwas war ihm noch nie vorgekommen. Er spürte den Druck in seinem Magen, und er stellte sich zugleich die Frage, wie es möglich war, dass jemand in dieser Hölle überlebte.

Das ging nicht. Das war unmöglich. Jedes Lebewesen hätte verbrannt sein müssen.

Und jetzt?

Gil Ambrose schaute zu Boden. Man sah ihm an, dass er nachdachte und er kam auch schnell zu einem Entschluss.

»Wir werden nichts mehr tun können. Nicht solange das Feuer wütet. Später werden wir nachschauen.«

»Ist gut, Chef. Ich mache jetzt wieder meinen Job.«

»Tun Sie das.«

Pete Dover war auch nur gekommen, um eine Meldung abzugeben. Jetzt ging er wieder los, denn er wurde von den anderen Kollegen gebraucht. Vieles huschte durch seinen Kopf. Er wollte nicht von irgendwelchen wilden Gedanken sprechen, aber dass er den Schrei aus dieser Feuerhölle gehört hatte, das war ihm schon suspekt. Das hätte einfach nicht so sein können. Darüber musste er sich im Klaren sein.

Auch sein Chef dachte über den Schrei nach. Und er stellte sich immer wieder die Frage, ob er echt war oder nicht. An einen echten Schrei konnte er persönlich nicht glauben, aber er stellte sich auch die Frage, wo ein künstlicher hätte herkommen sollen.

Das wusste er nicht, und so dachte er weiter darüber nach, während er hin und wieder Anweisungen über das Headset an seine Männer gab. Die hatten es tatsächlich geschafft, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Es waren nicht mehr viele Stellen zu sehen, die sich als Brandherd eigneten. Und die Feuerwehrleute waren schnell erschienen. So hatte sie einen Teil der Halle retten können. Das Dach war nicht eingestürzt. Auch die alten Steinmauern standen noch. Natürlich waren die Fenster durch die Hitze zerborsten, und der Zug hatte das Feuer noch stärker gemacht. Aber jetzt war es erloschen. Es gab keine Flammen mehr, die gierig in die Höhe züngelten und nach Beute suchten.

Gil Ambrose hatte sich vorgenommen, die Halle so schnell wie möglich zu betreten, wenn es denn die äußeren Bedingungen erlaubten. Das konnte auch noch dauern. Außerdem wurde auch weiterhin gelöscht. Wenn die Strahlen auf die heißen Reste trafen, dann zischte es und große Dampfwolken quollen in die Höhe.

Es waren die üblichen Begleiterscheinungen, die fast bei jedem Brand entstanden. Ambrose hätte beruhigt zu seinem Einsatzwagen gehen können, aber das tat er nicht. Er ging zwar zum Wagen, holte dort ein Tablet hervor, um einige Eintragungen zu hinterlassen, aber in seinem Kopf schwebte weiterhin das Erlebte.

Er dachte an den Schrei. Wer hatte ihn ausgestoßen? Wäre nicht ein Zeuge dabei gewesen, er hätte das Geschehen auch für eine Einbildung halten können. Aber es hatte einen Zeugen gegeben, einen sehr glaubwürdigen sogar, und jetzt dachte Ambrose daran, dass es für ihn noch einiges zu tun gab.

Das Löschen überließ er seinen Leuten. Sein Job fing an, wenn man den Ort des Brandes betreten konnte. Der musste erst mal erkalten, und das dauerte in der Regel.

Es wurde nicht mehr gespritzt. Trotzdem war viel Wasser zu sehen. Es war das Löschwasser, das sich seinen Weg bahnte und auf die Abflüsse zulief. In der Luft hing auch weiterhin der scharfe Brandgeruch, und es trieben auch Schwaden vorbei.

Ein weiterer Mitarbeiter kam auf seinen Chef zu. Der blieb im Wagen sitzen und stellte nur eine Frage. »Wie sieht es aus?«

»Gut.«

»Das heißt, ihr rechnet nicht damit, dass das Dach einstürzt.«

»Richtig.«

»Könnte es Überlebende gegeben haben?«

»Nein, Sir.«

Gil Ambrose nickte. »Ich warte noch darauf, dass ich die Halle betreten kann.«

»Das wird dauern.«

»Weiß ich. Aber ich möchte es tun, denn in mir kreist ein unbestimmtes Gefühl.«

»Verstehe. Denken Sie an Brandstiftung?«

»Die schließe ich zumindest nicht aus.« Von dem gehörten Schrei erzählte er nichts, und er hoffte auch, dass Pete Dover seinen Mund hielt.

»Ja, Chef, davon muss man immer ausgehen.«

»Dann können Sie mit der Mannschaft fahren.«

»Wird gemacht.«

Gil Ambrose blieb zurück. Es war eine Premiere, das hatte er sonst noch nie getan.

In diesem Fall war alles anders. Und das hatte er dem Schrei zu verdanken. Er verspürte keine Furcht, aber schon ein gewisses Kribbeln in seinen Adern. Er hatte sich auch kein Zeitlimit gesetzt. Er würde den Brandherd erst betreten, wenn er sicher sein konnte, sich nicht zu verletzen.

Einige Tests führte er schon durch. Und er hoffte auch, auf der Wache nicht gebraucht zu werden. Das hier war für ihn wichtig. Ja, es lag an dem Schrei, doch ein Gefühl sagte ihm, dass dieser Schrei nicht alles gewesen war, sondern erst der Beginn zu weiteren Vorgängen, die nicht so leicht zu erklären waren.

Gil Ambrose startete einen ersten Versuch. Der kräftige Mann ging auf den Eingang zu. Er schaute hinein in die Halle, die einer riesigen geschwärzten Grabkammer glich, aus der noch immer Hitze strömte und sich auch ein scharfer Geruch ausbreitete.

Konnte er sie schon betreten?

Der Mann trug noch seine Schutzkleidung. Die aber war hinderlich. Er hatte den Helm sowieso abgenommen. Das Gesicht lag frei. Die roten Haare klebten auf seinem Kopf. Er hatte zuvor noch einen großen Schluck Wasser getrunken. Durst verspürte er keinen, wohl aber ein Kratzen im Hals, wenn er einatmete.

Zum Glück gab es den Wind. Der hatte schon einiges vertrieben. So war der Geruch nicht mehr so stark wie noch von einer halben Stunde. Was hier im Innern gebrannt hatte, das war nicht mehr zu erkennen. Hier hatte sich alles verändert.

Er betrat die Halle. Die dicken Schuhe ließen ihn keine Bodenhitze spüren. Es trieb ihn hinein. Immer wieder echote dieser Schrei in seinen Ohren nach. Er musste einfach herausfinden, ob jemand diesen Schrei ausgestoßen hatte, bevor er starb.

Und er rechnete auch damit, noch weitere Leichen zu finden. Es war zum Glück Tag. Die Neugierigen hatten sich längst verzogen, und durch die zerstörten Fenster fiel genügend Licht, sodass er sich umschauen konnte.

Dennoch hatte er seine Lampe mitgenommen, um in eventuell dunkle Nischen zu leuchten. Die gab es zwar, aber auch dort entdeckte er keine Toten.

Das gab ihm einen Schuss der Erleichterung. Aber den Schrei wurde er nicht los. Der hatte sich in seiner Erinnerung regelrecht festgebissen. Und er hätte jede Wette darauf angenommen, dass er hier im Haus aufgeklungen war.

Er suchte. Er ging tiefer in die Halle. Immer wieder drehte er den Kopf. Er suchte den Boden ab, der nass vom Löschwasser war. Er wartete darauf, Leichen zu finden. Aber er fand keine. Er wusste, wie die Menschen aussahen, wenn sie verbrannt waren. Aber hier war davon nichts zu sehen.

War doch alles ein Irrtum gewesen, was Pete Dover und er gehört hatten? Er wollte es nicht glauben. Nein, das war, das war – seine Gedanken brachen ab.

Er ging auch keinen Schritt mehr weiter.

Den Kopf hielt er leicht nach links gedreht, weil er auf eine bestimmte Stelle schauen wollte. Dort hatte es mal eine Tür gegeben, die war jetzt durch das Feuer zerstört worden. Die Flammen waren auch in den dahinter liegenden Raum eingedrungen.

Gil Ambrose hielt den Atem an.

Jetzt brauchte er seine Lampe.

Wenige Sekunden später strahlte er hinein in den Raum. Und dort lag jemand auf dem Boden.

Es war ein Mensch, das sah er sofort. Aber er konnte es nicht fassen, weil dieser Mensch einfach nicht normal aussah.

Der Chef der Feuerwehrtruppe, der sonst immer so cool war und auch entsprechend reagieren musste, bekam plötzlich das Zittern. Ja, er sah einen Menschen vor sich und erkannte auch, dass es ein Mann war, der hätte verbrannt sein müssen.

Das aber war er nicht!

***

Gil Ambrose, der Feuerwehr-Chef verstand die Welt nicht mehr. Er hatte in seiner beruflichen Laufbahn schon viel gesehen und auch Dinge, die man am liebsten für sich behielt, aber das hier war nicht zu fassen. Der Mann war nicht verbrannt.

Er lag auf dem Boden und bewegte sich nicht. Die Arme hatte er dicht neben seinen Körper gelegt. Seine Augen waren nicht geschlossen, das sah Ambrose, als er ihn anleuchtete. Aber es waren auch keine normalen Augen, sondern welche, die das Weiße zeigten, und auch das war für ihn nicht erklärbar.

Er sagte nichts. Er schluckte nur. Hörte sich selbst zu, wie er den Atem ausblies. Er konnte seinen Blick nicht von dem Gesicht des Toten lösen. Dabei dachte er darüber nach, ob er den Menschen kannte, aber das war nicht der Fall. Der war ihm fremd. Das Feuer hatte ihn auf eine ungewöhnliche Art und Weise verschont. Es hatte seine Kleidung nicht angegriffen, die lag weiterhin wie ein dunkler Schatten um seinen Körper.

Bleich war nur das Gesicht. Auch die Hände. Aber diese Blässe oder Bleichheit stufte der Betrachter auch nicht als normal ein. Sie hatte etwas Staubiges und Kreidiges an sich. Das war nicht die Blässe, die man einem Toten zuschreiben konnte.

Woher stammte sie?

Da gab es eigentlich nur eine Lösung, aber die war für Ambrose schwer zu verstehen.

Das Feuer! Ja, das Feuer musste sie hinterlassen haben. Es hatte diesen Kerl nicht verbrannt, aus welchen Gründen auch immer, aber darüber sollten sich Experten Gedanken machen.

Ambrose ging weiter vor. Er wollte sich den Toten genauer anschauen, und das konnte er nur aus der Nähe.

Auf dem Bauch des Mannes lag ein Buch.

Es hatte eine normale Größe, aber es war nicht besonders dick. Sein Einband bestand aus einem schwarzen Material.

Der Mann tat noch nichts. Er starrte den Toten und das Buch an, und er fragte sich, was dieses Buch auf dem Bauch der Leiche zu suchen hatte. Das war verwirrend. Er nahm an, dass es jemand auf den Toten gelegt haben musste. Aber nicht nach dem Brand, sondern vorher. Und deshalb hätte es durch das Feuer vernichtet werden müssen.

Und andere Menschen?

Von ihnen sah er nichts. Keine Reste. Keine geschwärzten Skelette. Dieser Mann musste wohl der einzige Mensch in der Halle gewesen sein. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Und das Buch? Warum lag es auf dem Bauch des Leblosen?

Seine Neugierde siegte.

Er nahm es an sich. Dabei strich er mit der Daumenkuppe über den Einband hinweg. Er fühlte sich glatt an. Der Vergleich mit Leder kam ihm in den Sinn.

Noch hatte er das Buch nicht aufgeschlagen. Es war auch zu dunkel an diesem Ort. Seinen Inhalt wollte er sich im Hellen betrachten und verließ mit dem Buch die Halle.

Draußen atmete er tief durch. So wich auch seine Beklemmung, die ihn beim Anblick des Buches erfasst hatte.

Er hielt es in der Hand. Er schaute es an. Er wollte es aufschlagen, aber traute sich nicht so recht. Irgendwas hielt ihn davon ab. Den Grund konnte er selbst nicht sagen.

Dann rieb er wieder mit dem Daumen über den Einband, der sich so glatt anfühlte.

War das Leder? Ja, natürlich. Aber trotzdem kamen ihm Zweifel. Er war durcheinander. In der Halle lag eine Leiche. Er hätte längst die Polizei in Kenntnis setzen müssen. Er hatte es nicht getan, und er wusste auch nicht weshalb.

Und noch etwas kam hinzu. Wenn er über den Toten nachdachte, dann sah er wieder das Gesicht vor sich. Diese bleiche Totenmaske. Das war nicht normal. Auch nicht die Augen. Das Weiße lag darin. Schrecklich, zum Fürchten. Als er daran dachte, bekam er eine Gänsehaut. So eine Leiche hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

Er schwitzte, als er nachdachte. Was tun? Ja, die Polizei anrufen. Aber nicht die Polizisten, die im nächsten Revier hockten. Er dachte daran, dass dieser Fall eine größere Dimension bekommen hatte und dem wollte er Rechnung tragen.

Die Polizei schon.

Aber nicht irgendjemanden, sondern einen Mann, den er als seinen Freund bezeichnete, der beste Verbindungen besaß und der ihm sicherlich einen Rat geben konnte.

Der Mann war Chief-Inspektor und hieß einfach nur Tanner …

***

Gil Ambrose sah es als einen Glücksfall an, dass er Tanner tatsächlich an den Apparat bekam. Der Mann saß in seinem Büro und meldete sich so brummig wie immer.

»Sorry, dass ich dich störe, Tanner, aber ich brauche unbedingt deine Hilfe.

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