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John Sinclair - Folge 1880

Das Gespenstertor

»Elmar Gentry?«, fragte die Männerstimme.

Der alte Mann auf der Parkbank drehte sich um. »Ja, das bin ich.«

»Sehr gut.«

In der gleichen Sekunde hatte es Gentry schon bereut, geantwortet zu haben. Einer hatte gefragt, doch jetzt standen drei Typen vor ihm, und die sahen nicht eben aus, als würden sie Spaß verstehen.

»Was wollt ihr?«

»Deine Bestrafung und deinen Tod!«

Gentry sagte nichts. Er hatte jedoch einen tiefen Schreck bekommen, der schon einem Schock glich. In seiner Brust zog sich etwas zusammen. Sein Mund wurde trocken. Er musste schlucken.

»Wieso?«, flüsterte er.

»Du hast es verdient.«

»Was?« Beinahe hätte Gentry gelacht. »Ich bin ein alter Mann. Was wollt ihr?«

»Das wirst du schon sehen.«

Elmar sagte nichts mehr. Er schaute sich die drei Männer an, die allesamt vom Alter her in der Mitte des Lebens standen. Sie waren normal gekleidet und machten auf ihn nicht den Eindruck von irgendwelchen Killern, aber ihre Aussagen waren eindeutig gewesen.

Begreifen konnte er die Lage noch immer nicht.

Gentry war hinausgefahren, um in der Natur den Frühling zu erleben. Er hatte sich auf einer Bank niedergelassen und sein Bike gegen einen Baumstamm gelehnt. Dieser Ort tat dem alten Mann gut. Da glitt der Blick über die Wasserfläche des kleinen Sees hinweg, bis hin zu den dichten Wäldern nahe des anderen Ufers, wo das Gelände auch anstieg und zu einer Hügellandschaft wurde.

Es war Mai. Der Monat des Frühlings. Aber davon merkte man hier in Schottland nicht viel. Die Temperaturen lagen noch arg niedrig, und in den Nächten gab es oft genug Frost.

Aber wenn die Sonne sich mal einen Weg gebahnt hatte, dann war etwas von der Wärme zu spüren, auf die sich die Menschen freuten. Der Winter war zwar nicht besonders hart gewesen, aber seine Länge hatte ihnen gereicht.

»Komm hoch!«, hörte Gentry den Befehl.

»Und dann?«

»Komm einfach hoch!«

Der alte Mann stöhnte. Er schüttelte den Kopf, er konnte sich keinen Reim auf diese Szene machen, aber er spürte, dass die Gefahr sich immer mehr verdichtete. Er fragte sich allerdings, was er falsch gemacht hatte, dass man ihn so behandelte. Er wusste es nicht und war sich keiner Schuld bewusst.

Aber er gehorchte. Was sollte er machen? Er war einfach zu alt, um sich zu wehren. Und so stemmte er sich hoch, wobei er merkte, dass ihn ein Zittern überkommen hatte.

»Komm schon …«

»Ja, ja.« Gentry nickte und ging vor. Einen Fuß setzte er vor den anderen. Er tat alles sehr langsam, und das war auf keinen Fall gespielt. Es ging ihm nicht besonders. Er spürte den Druck in seinem Innern, und dabei kam ihm der Gedanke, dass die Typen vielleicht etwas ganz Bestimmtes von ihm wollten.

»Ihr könnt mein Geld haben. Es ist nicht viel, aber …«

»Hör auf, verdammt. Wir wollen deine Scheine nicht. Wir wollen dich. Nur dich.«

Elmar Gentry breitete seine Arme aus. »Aber – aber – ich habe euch doch nichts getan.«

Ein dreifaches Lachen erreichte ihn. Es hinterließ auf seinem Rücken Schauer.

»Nichts getan?«, flüsterte einer nach dem Lachen. »Und ob du uns was getan hast.«

»Und was?«, schrie er zurück.

»Das wirst du früh genug erfahren.« Der Sprecher sagte nichts mehr. Er packte ihn an der Schulter und zog ihn zu sich heran. Das Ziel war der Weg, der etwas höher verlief. Bäume umstanden ihn wie Leibwächter, und als Gentry hinschaute, da sah er, dass auf dem Weg ein dunkler Van wartete.

Für ihn war klar, dass er damit abtransportiert werden sollte. Aber er kannte das Ziel nicht. In seinem Innern war ihm kalt geworden. Trotzdem stellte er die Frage.

»Wo bringt ihr mich hin?«

»Das wirst du schon sehen.«

»Nach Hause?«

Jetzt fingen die drei Männer an zu lachen und fragten sich, wie naiv der alte Mann war. Aber er bekam eine Antwort. »Wir werden dich nicht nach Hause bringen. Wir haben etwas anderes mit dir vor. »Steig ein!«

Gentry nickte. Er wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb. Noch hatte er keine Chance, doch er hoffte, sie zu bekommen. Sie hatten ihn nicht durchsucht, und so hatten sie auch das Handy nicht bei ihm gefunden. Jetzt träumte er davon, es einsetzen zu können, um Hilfe zu holen. Aber erst musste er in den Wagen steigen. Und da gab man ihm keine Chance, denn neben ihm hockte ein Bewacher. Es war ein Mann in einem roten Anorak. Er schaute Gentry an, doch in seinem Blick lag nicht ein Funken Mitleid.

Der Wagen wurde gestartet.

»Wohin fahren wir?« Gentry konnte es nicht lassen. Er musste einfach fragen.

»In dein Schicksal …«

***

»Schluss, Ende, Feierabend!« Doktor Maxine Wells blies eine blonde Haarsträhne aus der Stirn, schloss die Tür zu ihrer Tierarzt-Praxis ab und nickte ihrer Begleiterin, dem Vogelmädchen Carlotta, zu.

»Ja, Maxine, das war ein harter Tag. Was hast du jetzt vor?«

Maxine rieb ihren Nacken. »Ich weiß es noch nicht genau. Jedenfalls werde ich mir eine kleine Ruhepause gönnen.«

»Legst du dich hin?«

»Ich denke schon. Und du?«

Carlotta hob die Schultern. Bevor sie ihren privaten Bereich betraten, sagte sie: »Ich denke, dass ich etwas Bewegung brauche.«

»Aha …«

»Was heißt aha?« Das Vogelmädchen grinste.

»Ganz einfach. Du willst fliegen.«

Carlotta lächelte. »Genau, ich will fliegen. Oder ich muss fliegen. So ist das.«

Die Ärztin verzog die Lippen. »Es ist noch hell, das weißt du. Man könnte dich entdecken.«

Carlotta verdrehte die Augen. »Wie oft bin ich in der Helligkeit unterwegs gewesen? Es ist nicht mehr wie am Anfang. Diese Zeiten sind endgültig vorbei.«

»Ich weiß.«

»Dann werde ich gleich …«

Maxine unterbrach ihre Ziehtochter. »Willst du nicht vorher noch eine Kleinigkeit essen?«

»Nein, nur was trinken.«

Maxine Wells und ihre Ziehtochter betraten die Küche. Der Kühlschrank war auch gut mit Getränken gefüllt. Carlotta entschied sich für einen Ananassaft, den sie in kleinen Schlucken trank und dabei auf den Genuss nicht verzichten wollte. Sie lächelte auch zwischen den Schlucken und schaute dann durch das Fenster.

»Es wird Frühling, Max.«

»Ha, da musst du noch was warten.«

»Nein, nein, ich rieche ihn bereits.«

»Dann bist du besser als ich. Bei mir gibt es noch Tage, an denen ich friere.«

»Keine Sorge, das geht vorbei.« Carlotta stellte das leere Glas ab und hörte die nächste Frage.

»Hast du denn ein besonderes Ziel, zu dem du hinfliegen willst?«

»Nein. Ich brauche die Bewegung. Wir haben doch lange genug in der Praxis gestanden. Und deshalb muss ich mal wieder in Form kommen.« Sie lächelte ihrer Ziehmutter zu.

»Ja, ich verstehe dich.«

»Ich bleibe auch nicht zu lange.«

»Soll ich mit dem Essen auf dich warten?«

»Nein, das musst du nicht. Ich will dann nur eine Kleinigkeit. Du kannst was essen.«

Carlotta verließ die Küche und holte ihre Jacke, die sie überstreifte. Sie war mit Daunen gefüttert und hielt auch den scharfen Fahrtwind ab.

Maxine ging bis zur Tür mit. Sie nickte ihrem Schützling zu. »Pass auf dich auf.«

»Klar, Max, wie immer.«

Carlotta lief einige Meter vor, dann bewegten sich ihre Flügel, die sich am Rücken zeigten. Einen Moment später schwebte sie schon den Wolken entgegen …

***

Sie fuhren, und Elmar Gentry wusste nicht, wohin die Reise ging. Es gelang ihm auch nicht, einen Blick durch die Scheiben zu werfen, denn die waren im hinteren Bereich des Vans geschwärzt. Er hatte keinen Schimmer, wohin ihn die Reise führte, die für ihn mehr eine Entführung war. Den Grund kannte er nicht. Wenn er mal eine Frage stellte, erhielt er nur knappe und auch nichtssagende Antworten.

Aber er grübelte noch immer, warum man ihn entführt hatte. Auch darauf hatte er von den drei Männern keine konkrete Antwort bekommen. Aber sie hatten einen Grund, ein Motiv, und das konnte er sich nicht vorstellen. So weit reichte seine Fantasie nicht.

Aber es war nun mal eine Tatsache, dass man ihn gegen seinen Willen abtransportierte und das war schlimm. Und es würde erst mal nicht auffallen, wenn er nicht nach Hause kam. Er lebte allein. Seine Frau war vor drei Jahren gestorben, Kinder hatte er keine, und so war er im Alter zu einem recht einsamen Menschen geworden.

Und jetzt dies. Bei aller Liebe, so hatte er sich einen Kontakt nicht vorgestellt. Und ihm ging nicht die erste Antwort aus dem Kopf, die man ihm gesagt hatte. Es ging um eine Bestrafung und um den Tod.

Warum Bestrafung?

Er wusste es nicht. Trotz intensiven Nachdenkens hatte er keinen Grund dafür finden können. Aber er wollte es wissen und startete einen erneuten Versuch.

»Warum soll ich bestraft werden?«

Der Mann in der roten Windjacke seufzte. »Hör auf, so zu fragen, ich sage es dir nicht.«

Gentry hakte nach. »Aber es gibt einen Grund.«

»Stimmt.«

»Und was ist …«

»Es hat keinen Sinn, verdammt.«

»Aber ein Stichwort, das können Sie doch geben. Das ist nicht zu viel verlangt.«

»Auch da werden Sie nichts von mir hören.«

Elmar Gentry wusste, wann er aufzugeben hatte. Jetzt war der Moment gekommen, an dem es keinen Sinn hatte, eine weitere Frage zu stellen. Das brachte nichts, und so hielt er lieber seinen Mund und bereitete sich innerlich auf etwas Schlimmes vor.

Er wusste nicht, wohin sie fuhren. Auf keinen Fall in die Stadt Dundee, da hätte er dann andere Straßen erlebt. Es waren auch keine anderen Verkehrsgeräusche zu hören, und so ging er davon aus, dass es eine Fahrt in die Einsamkeit wurde.

Das war schlecht. Dort gab es keine Zeugen. Da konnte man mit ihm machen, was man wollte. Das war dann die Gegend, in der er bestraft werden sollte. Und niemand würde ihn dabei sehen, wirklich niemand.

Er sagte nichts mehr. Aber ihm war kalt geworden. Es war auch die innere Kälte, an der er litt. Er dachte auch an seine Tabletten, die er nehmen musste. Das würde er auch nicht schaffen. Wie es ihm nach der Bestrafung erging, das wusste er auch nicht. Höchstwahrscheinlich viel schlechter.

Vorne wurde geraucht. Der Qualm drang auch bis zu ihm hin, sodass er husten musste. Dann wurde die Wegstrecke schlechter. Der glatte Asphalt war verschwunden.

Ich muss mich darauf einstellen, dass ich sterben werde, dachte er und schüttelte sich. Der Gedanke daran sorgte bei ihm für eine Beklemmung, die mit einer Atemnot verbunden war.

»Wie lange noch?«

Der Mann neben ihm lachte. »Kannst es kaum erwarten, wie?«

»Nein. Aber ich möchte immer gern etwas wissen.«

»Das stimmt. Das war früher auch so.«

Gentry stolperte über diese Antwort. Er schüttelte den Kopf. »Wieso früher?«

»Ach, vergiss es.«

»Nein, nein, Sie scheinen mich zu kennen. Oder?«

»Kann sein.«

»Und Sie scheinen mich auch von früher her zu kennen. Sonst hätten Sie nicht so gesprochen.«

»Halten Sie den Mund.«

Gentry hatte die Antwort als recht scharf wahrgenommen. Er hielt sich an das Gebot. Aber in seinem Kopf arbeitete es. Er dachte zurück. Von früher kannte man ihn. Aber wer war das? Wer konnte ihn von früher her kennen, dass er jetzt so eine Schau abzog?

Elmar Gentry wusste es nicht. Er konnte nur den Kopf schütteln. Und als er atmete, da stöhnte er auf, denn die Dinge wollten ihm einfach nicht aus dem Kopf.

Der Wagen verlor an Tempo. Er wurde immer langsamer, und so konnte der Entführte davon ausgehen, dass sie das Ziel bald erreichten, und darauf war er gespannt.

Der Fahrer lenkte den Van in eine Rechtskurve, fuhr dann noch ein paar Meter und stoppte. Es war der endgültige Halt, denn das Motorengeräusch erstarb, und plötzlich wurde es ruhig. So still, dass es dem Entführten schon nicht mehr gefiel.

Dann wurde neben ihm die Tür heftig aufgerissen.

»Aussteigen«, sagte eine harte Männerstimme.

»Ja, ja, ist schon gut.« Der alte Mann duckte sich und stieg aus dem Fahrzeug. Er merkte, dass sein Herz schneller klopfte. Hier war es windiger als dort, von wo man ihn entführt hatte. Und der Wind brachte keine Wärme mit, sondern schon eine Kühle.

Nach dem Aussteigen richtete er sich auf und hatte nun Gelegenheit, sich umzuschauen.

Wo bin ich?

Diese Frage stellte er sich zuerst, aber er konnte sich keine Antwort geben. Die Gegend war ihm unbekannt. Ländlich, viel Natur, aber keine Weite. Jedenfalls sah er sie nicht. Er schaute gegen eine Reihe von Bäumen und sah auch ein Gebäude.

Das wunderte ihn. Er konnte sich kein Haus in dieser Landschaft vorstellen, aber er hatte sich auch nicht geirrt, und er sah ebenfalls den Weg, der zu dem Bau führte.

»Geh!«

Gentry kam der Aufforderung nach. Es fiel ihm schwer, sich in Bewegung zu setzen, aber er musste gehen. Seine Beine schmerzten plötzlich in den Oberschenkeln. Er hielt den Kopf gesenkt und atmete schwer. Kalte und heiße Schauer rannen seinen Rücken hinab. Er war bleich geworden. Sein Herz schlug schwer in seiner Brust. Und er ging, als hätte er eine schwere Last zu tragen.

Noch nahmen ihm die Bäume einen Großteil der Sicht. Das hörte jedoch bald auf, dann plötzlich hatte er freie Sicht, und das überraschte ihn so sehr, dass er stehen blieb.

Dass das Gelände hügelig geworden war, das hatte er schon während der Fahrerei gemerkt. Was er aber jetzt sah, damit hätte er nicht gerechnet. Ja, es war eine Wand. Aber sie war hoch. Es war eine ganze Seite, die zu einem Bau gehörte, der früher mal ein kleines Schloss gewesen war oder zumindest ein Herrenhaus.

Es war alt. Verwitterte Steine. Dann das Grünzeug, das an ihnen in die Höhe gewachsen war und einen entsprechenden Schimmer hinterlassen hatte.

Seine drei Entführer standen hinter ihm und schienen abzuwarten.

»Was ist das?«, fragte Gentry leise.

»Ein altes kleines Schloss.«

»Aha.« Er deutete nach vorn. »Und was habe ich damit zu tun?«

»Du wirst hineingehen.«

»Und was erwartet mich dort?«

Er hörte ein Lachen und danach die Antwort. »Schau nach vorn. Was siehst du da genau? Was befindet sich in der Mauer? Das musst du doch sehen.«

»Ja, sehe ich. Es ist der Eingang.«

»Gut, du wirst immer besser. Dort wirst du hineingehen. Man nennt den Eingang das Gespenstertor. Na, hast du es verstanden? Gespenstertor.«

Elmar Gentry holte erst mal Luft. Das brauchte er jetzt.

»Und was soll ich dort?«

»Das wirst du schon erleben. Dieser Eingang hat nicht grundlos den Namen bekommen. Schon in der Vergangenheit war er bekannt gewesen. Wer durch dieses Tor ging, der geriet in ein Pandämonium. Der erlebte den Horror der Hölle. Der lernte die Angst kennen, und das war schlimm. Hier wurde abgerechnet, und das ist noch immer der Fall, Buddy …«

Elmar Gentry zuckte zusammen. Der Sprecher hatte ihn Buddy genannt. Das war nicht nur ein Name, das war auch sein Name gewesen, den man ihm früher gegeben hatte. Ein Spitzname. Er hatte ihn bekommen, als er sich noch im Beruf befand.

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