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John Sinclair - Folge 1872

Ein grausamer Zwilling

Es war spät, aber noch nicht zu spät, als die Detektivin Jane Collins in die Straße einbog, in der das Haus stand, in dem sie wohnte.

Der Winter hatte sich verabschiedet. Dafür war der Frühling gekommen. Er hatte für das erste Grün gesorgt und auch für manch bunte Blüte. Und es gab auch einen anderen Geruch oder Duft, der die Luft durchwehte.

Das nahm Jane Collins alles nicht wahr, als sie in ihrem Wagen saß und sehr langsam fuhr. Dafür sah sie etwas anderes, womit sie in dieser Straße nicht gerechnet hatte. Es war eine Person, die an der von ihr aus gesehen rechten Seite auftauchte und dann quer über die Fahrbahn rannte …

Das war riskant. Die Person schaute weder nach rechts noch nach links. Sie lief einfach los, und es war auch kein normales Laufen, sondern ein Taumeln.

Jane sah sie jetzt genauer, denn das Licht der Scheinwerfer hatte sie erfasst. Sie sah, dass es sich um eine Frau handelte, die sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Jane Collins bremste ab.

Der Wagen stand.

Und das war gut so, denn die Frau schaute nicht nach vorn und auch nicht zur Seite hin. Sie lief einfach weiter, und so kam es, wie es kommen musste. Sie prallte gegen die Kühlerschnauze, fiel nach vorn und landete auf der Haube, wo sie auch liegen blieb.

Das war’s zunächst. Auch für Jane Collins. Die tat nichts und blieb erst mal in ihrem Wagen sitzen. Ihr Blick glitt nach vorn. Dann schaute sie sich so gut wie möglich um und erkannte, dass sie nur leicht schräg stand und keinem anderen Wagen im Weg war.

Bevor Jane Collins ausstieg, warf sie noch einen letzten Blick auf die Person, die sich nicht von der Kühlerhaube weggedrückt hatte. Sie lag dort wie eine Puppe, die jemand weggeworfen hatte.

Das war nicht normal. Nein, nichts stimmte hier. Die Frau musste etwas an sich haben. Sie war ihr vorhin getrieben vorgekommen, aber jetzt nicht mehr. Jetzt war alles ruhig.

Sie lag da und bewegte sich nicht. Jane war froh, dass kein anderes Fahrzeug kam. So konnte sie aussteigen und sich um die Frau kümmern.

Bekleidet war sie mit einem langen Mantel, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Das sah Jane, als sie neben ihr stehen blieb und sie auch ansprach. »He, was ist mit Ihnen?«

Sie bekam keine Antwort.

»Können oder wollen Sie nichts sagen?«

Auch jetzt sagte die Person nichts. Jane schaute auf die dünnen blonden Haare, die auf dem Kopf zu kleben schienen, sie musste etwas tun, und das tat sie auch.

Noch lag die fremde Person auf der Kühlerhaube, bis Jane Collins sie anfasste und auf den Rücken drehte.

Es war dunkel. Das Scheinwerferlicht erreichte die Frau nicht. Jane hatte sie umgedreht und sah jetzt in ihr Gesicht. Bisher war alles recht normal verlaufen, das aber änderte ich, als Jane das Gesicht aus der Nähe sah.

Es gehörte einem Menschen, aber es zeigte das Aussehen eines Tiers!

***

Das war auch für die Detektivin nicht so leicht zu verkraften. Sie kam sich vor, als hätte man ihr einen Tiefschlag versetzt. Über ihren Rücken rann es kalt, das Gesicht war wirklich keines, das man einem Menschen zumuten sollte.

Eine dünne Haut spannte sich über Wangenknochen, die recht hoch standen. So hatte das Gesicht etwas Katzenhaftes bekommen, und dazu gehörten auch die leicht schräg gestellten Augen. Die Nase sah platt aus, als wäre sie eingedrückt worden, und der Mund war kaum zu erkennen. Ein derartiges Gesicht hatte die Detektivin noch nie in ihrem Leben gesehen, und sie hatte schon so einige zu Gesicht bekommen.

Wer war diese Frau?

Warum sah sie so aus?

Was war mit ihr passiert?

Sie wusste es nicht. Sie konnte keine normalen Antworten geben, sie wusste nur, dass sie es hier mit einem Phänomen zu tun hatte, das sie lösen musste.

Sie schaute in die Augen. Der starre Blick fiel ihr auf. Die Farbe der Pupille konnte sie nicht erkennen, aber sie wollte unbedingt etwas wissen.

»Können Sie mich hören?«

Sie bewegte nur ihre Lippen.

Das sah Jane als Zustimmung an.

»Möchten Sie mir etwas sagen?«

»Nein.«

Jane war froh, dass ihr die Frau eine Antwort gegeben hatte. »Ich heiße übrigens Jane Collins. Und wie lautet Ihr Name?«

»Betty Crane.«

»Aha.« Jane hatte den Namen noch nie gehört, aber das war nicht tragisch. Ihr war längst klar geworden, dass diese Person bestimmt nicht so geboren worden war, wie sie jetzt aussah. Da steckte mehr dahinter. »Haben Sie Angst?«

»Ja!«

»Und weiter?«

»Ich will weg …«

»Gut«, sagte Jane Collins, »würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie in mein Haus bringe? Es ist nur ein paar Schritte von hier entfernt, ist das für Sie okay?«

»Ja, ich möchte weg.«

»Das ist gut. Wir müssen allerdings noch ein paar Meter fahren. Geht das in Ordnung?«

»Ja.«

»Dann bitte.«

Die Frau ging nicht, sie schlurfte weiter. Ihr Gesicht hatte sie mit beiden Händen verdeckt, als würde sie sich schämen, es so zu zeigen. Nur die Augen lagen frei, damit sie etwas sehen konnte.

Jane führte sie auf die linke Wagenseite, damit sie einsteigen konnte. Sie nahm auf dem Sitz Platz, schnallte sich auch nicht an, was Jane zuließ, denn sie musste wirklich nur mehr ein paar Meter fahren, um den Wagen abzustellen. Ihr Parkplatz zwischen zwei Bäumen war noch frei.

»So, wir können wieder aussteigen.«

Betty Crane nickte. Sie kam der Aufforderung nach.

Jane Collins war schneller aus dem Wagen als Betty. Sie wollte die Frau auch nicht aus den Augen lassen. Als sie gegen ihre Seite blickte und das Profil sah, da zuckte sie schon leicht zusammen. Es war so flach. So hätte auch ein Mensch aussehen können, dessen Kopf dabei war, in den Zustand der Verwesung überzugehen. Auch die Haut zeigte keine gesunde Farbe mehr.

Sie war so blass, fast schon weiß, und das konnte einfach nicht normal sein.

Betty Crane ging schweigend neben Jane her. Sie schaute sich auch nicht mehr um wie jemand, der nach Verfolgern Ausschau hält. Sie ging starr weiter und folgte Jane auch durch den Vorgarten, der am Haus endete.

Die Detektivin überlegte. Und nicht nur das. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Es war verrückt, es war nicht zu fassen, dass es so etwas gab. Sie wollte nicht glauben, dass es sich um einen Menschen handelte. Das war mal ein Mensch gewesen, eine Frau, aber jetzt hatte sie sich verwandelt.

In was?

In ein Tier? Oder etwas Ähnliches?

Jane kannte die Lösung nicht, war aber bereit, sich darauf einzulassen, und sie dachte schon einen Schritt weiter. Das war nicht nur ein Fall für sie, an ihm würde auch ihr Freund John Sinclair seinen Gefallen haben. Er würde sich diese Mischung aus Mensch und Tier ansehen müssen, das stand für sie fest. Und das so schnell wie möglich.

Jane drückte die Haustür nach innen. »Bitte, Sie können eintreten.«

Betty Crane nickte. Sie schob sich auf die Schwelle, und bevor sie weiterging, schaute sie noch mal zurück, und sie konnte beruhigt sein. Es war niemand da, der ihr gefolgt war.

Jane ahnte, was in Betty vorgegangen war. »Sie müssen keine Angst haben, hier ist alles okay.«

»Ja, ich hoffe.«

»Sie können sich darauf verlassen.« Jane hatte das Licht eingeschaltet. Sie ließ ihren Gast vorgehen, dann folgte sie selbst und fragte, ob Betty etwas zu trinken wollte.

»Ach, nicht unbedingt.«

»Auch keinen Kaffee?«

»Doch, den schon.«

»Super. Dann gehen Sie mal nach links, hinter der nächsten Tür befindet sich die Küche.«

»Gut.«

»Wollen Sie nicht ablegen? Sie können den Mantel ausziehen und …«

»Nein, das möchte ich nicht!«, erklärte Betty Crane scharf.

»Okay, schon gut.« Jane sagte nichts mehr. Sie wunderte sich nur, dass die Frau so weiche Schuhe trug. Sneakers mit weitem Ausschnitt. Sie sagte dazu allerdings nichts und bot ihrem Gast einen Platz an.

»So, dann müssen wir leider noch ein paar Minuten warten, bis der Kaffee fertig ist.«

»Das ist nicht schlimm.«

»Meine ich auch. Aber noch mal«, sagte Jane, »hier sind Sie in Sicherheit.«

»Ach? Gibt es die überhaupt?«

»Ich denke schon.«

»Nun ja, wenn Sie das sagen.«

Jane lachte nur, sorgte dafür, dass der Kaffee angesetzt wurde, dann schnappte sie sich das Telefon von der Station und verließ mit einer Entschuldigung die Küche. Sie ging bis dorthin, wo die Treppe begann. Da setzte sie sich hin und tippte die Nummer eines Freundes ein, den sie jetzt unbedingt bei sich haben wollte.

Der Mann hieß John Sinclair …

***

Und ich war an diesem Abend zu Hause. Der letzte Fall hatte mich nach Schottland geführt, weil es dort jemand gab, der das Haus meiner Eltern kaufen wollte. Es war nur eine Ruine, aber der Käufer schien Spaß daran zu haben.

Dass das Ganze eine Falle gewesen war, hatte ich nicht gewusst. Das war mir erst später aufgefallen, aber ich hatte die Dinge noch in meinem Sinne regeln können.

Das Haus hatte ich nicht verkauft und hatte demjenigen, der hinter allem steckte, letztendlich die Rote Karte gezeigt. Es war Matthias gewesen, Luzifers Erster Diener hier auf der Erde.

Man muss auch mit kleinen Erfolgen zufrieden sein, und an diesem Abend hatte ich Suko und Shao berichten müssen, was mir in Lauder widerfahren war. Das bei einem kleinen Essen, bei dessen Gestaltung sich Shao viel Mühe gegeben hatte.

Wir hatten nicht nur über den Fall gesprochen, sondern auch über die Macht der Hölle, die immer wieder zum Ausbruch kam und so verdammt variantenreich war.

Ich war gut satt, aber nicht übersättigt. Da waren die asiatischen Gerichte genau getimt. Die zweite Flasche Bier wollte ich bei mir in der Wohnung trinken. Bis Mitternacht waren noch mehr als zwei Stunden Zeit.

Ich öffnete das Fenster und ließ die frische Abendluft in die Wohnung. Das tat gut, und ich war auch irgendwie froh, dass wir den Winter überstanden hatten, obwohl es gar nicht richtig kalt geworden war. Dafür hatte es aber viel geregnet, und es war auch zu großen Überschwemmungen gekommen.

Bevor ich mich lang machte, wollte ich mir noch einen Schluck gönnen und einen Blick in die Glotze werfen. Den Fernseher stellte ich an, ging in die Küche, holte mir aus dem Kühlschrank die Flasche und nicht die Dose Bier und wollte auf ein Glas verzichten.

Genau jetzt passierte mal wieder das, was ich so hasste. Es meldete sich das Telefon.

Ich gab einen Laut von mir, der auch einem Raubtier zur Ehre gereicht hätte. Wie so oft stellte ich mir die Frage, ob ich abheben sollte oder nicht.

Natürlich hob ich ab und hörte zunächst mal einen scharfen Atemstoß, bevor eine weibliche Stimme an mein Ohr drang.

»Ah, er ist zu Hause und nicht unterwegs.«

Längst hatte ich die Stimme erkannt. »Genau, Jane Collins. Brave Menschen sitzen zu Hause, trinken ein Bier und schauen in die Glotze.«

»Dann muss ich mal fragen, wie viel Bier du schon getrunken hast? Kannst du die Dosen noch zählen?«

»Es sind Flaschen, Jane.«

»Auch gut.«

Ich lachte in den Hörer. »Okay, meine Liebe, wenn das so ist, ich bin noch nüchtern.«

»Das ist auch wichtig.«

Bei dieser Antwort hatte ihre Stimme einen anderen Klang bekommen. Auch ich war plötzlich nicht mehr locker.

»Du rufst also nicht zum Spaß an, Jane.«

»Das stimmt.«

»Und worum geht es?«

»Ich habe Besuch. Eine Person, die mir in meiner Straße vor den Wagen lief.«

»Aha. Und weiter?«

»Ich habe das Gefühl, dass ich keinen normalen Menschen mehr vor mir habe.«

Ich musste erst mal schlucken. »Wen dann?«

»Das ist die Frage. Ich denke, du solltest kommen und dir mal anschauen, was ich da aufgefischt habe.«

»Ja, das werde ich auch.«

Jane hatte nicht viel sagen müssen. Ich kannte sie, und das wenige hatte mich überzeugt.

Sie fragte trotzdem nach. »Kommst du?«

»Ich bin schon unterwegs.«

»Danke, John …«

***

Jane Collins fiel ein kleiner Stein vom Herzen, als sie das Gespräch beendet hatte. Sie lächelte auch. Es war eben wie immer. Sie konnte sich auf John Sinclair verlassen.

Der Weg bis zur Küche war nur kurz. Sie ging ihn trotzdem lautlos, denn sie wollte erst einen Blick in den Raum hineinwerfen, um zu sehen, wie sich ihr Gast verhielt.

Die Frau saß noch immer am Tisch. Sie hatte ihre Hände gegen die Wangen gedrückt, den Kopf leicht gesenkt und schaute gegen die Tischplatte, als gäbe es dort etwas Besonderes zu sehen.

Der Kaffee war mittlerweile durchgelaufen, und Jane betrat die Küche, ohne dass sie besonders leise war. So wurde sie gehört, und Betty drehte den Kopf.

»Alles klar?«, fragte Jane.

»Weiß nicht …«

»Okay, jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee. Dabei sieht die Welt schon ganz anders aus.«

Betty Crane gab keine Antwort. Stumm schaute sie zu, wie Jane die Tassen holte und sie füllte. Milch und Zucker gab es auch, aber Betty trank schwarz.

Beide tranken. Natürlich hatte Jane Collins viele Fragen, die stellte sie aber zurück, denn sie wollte, dass die junge Frau erst mal zu sich kam.

Da sich die beiden gegenüber saßen, konnten sie sich anschauen. Die Detektivin hatte sich mittlerweile an das Gesicht gewöhnt. Es hatte was menschliches, tierisches und zugleich noch totenhaftes an sich. Keine besonders gute Mischung.

Sie wartete ab, dass Betty etwas sagte. Zunächst tat sich nichts. Sie starrte nur nach unten und in den Kaffee hinein. Jetzt fiel Jane auf, dass Betty Crane so gut wie keine Augenbrauen besaß. Die Stirn war einfach nur glatt. Wenn sie den Kaffee trank, dann schlürfte sie auch. Jane bemühte sich, das Geräusch zu überhören und suchte nach den richtigen Worten für eine Ansprache.

Die hatte sie schließlich gefunden. Es begann mit einem Nicken. Dann sagte sie: »Bitte, Betty, wenn Sie wollen, dann reden Sie. Ich höre Ihnen gern zu.«

»Ja, ja …«

»Und?«

Betty Crane seufzte oder gab einen ähnlich klingenden Laut von sich. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Was bedeutet das?«, fragte Jane.

»Nichts.«

»Doch, Sie haben …«

»Ich will nicht darüber reden.«

»Warum nicht?«

»Nein, kann nicht. Zu schlimm.«

»Gut, ich will Sie nicht drängen. Aber wenn Sie es sich noch überlegen, dann sagen Sie es bitte.«

»Mal sehen.« Sie senkte den Kopf und hob die Tasse wieder an. Aus ihr trank sie den Rest.

Für die Detektivin stand fest, dass das, was die Frau vor ihr erlebt hatte, nicht normal war. So konnte man nicht von Geburt an aussehen. Sie musste man verändert haben. Aber wer hatte das getan? Das war die große Frage. Es musste eine Antwort geben, und die wollte Jane Collins auch finden.

»Noch einen Kaffee?«, fragte sie.

»Danke, sehr gern.«

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