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John Sinclair - Folge 1867

Rasputins Diener

(1. Teil)

Es roch nach Tod!

Und das schon im Treppenhaus, da war sich die Agentin Karina Grischin sicher. Ihr Gefühl so einzuordnen war bestimmt nicht normal, aber es war sie plötzlich überkommen, obwohl der Tod eigentlich selbst nicht riechen konnte, sondern nur das, was er hinterlassen hatte.

Normalerweise hätte sie den Lift genommen. Der aber war außer Betrieb. Da musste sie eben die Treppe nehmen, um zu ihrer Wohnung im zweiten Stock zu gelangen …

Es war ein altes Haus mit einem breiten Flur und einem ebenfalls breiten Treppenaufgang. In den letzten Jahren war der Bau von innen renoviert worden, und da hatte man sich wirklich Mühe gegeben. Viele Stufen der Treppe waren erneuert worden und die Wände hatten einen frischen hellgrauen Anstrich erhalten. Durch die sauberen Fenster fiel Licht und verteilte sich im Flur.

Die Agentin ging sehr langsam. Beinahe wie eine alte Frau. Das tat sie bewusst, denn das Gefühl, hier einen großen Horror zu erleben, das hatte sie nicht verlassen.

Bei jedem Schritt hielt sie sich am Geländer fest. Auch das war erneuert worden. Der breite Handlauf war dunkelrot angestrichen und lackiert worden.

Je näher Karina Grischin ihrer Wohnung kam, umso vorsichtiger wurde sie. Es war mehr ein Schleichen als ein Gehen, und sie blickte nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten oder in den Treppenschacht hinunter und hinauf, um dort etwas zu entdecken.

Da war nichts.

Aber das Gefühl wollte auch nicht weichen.

Sie spürte eine leichte Verkrampfung. Es sah alles normal aus, trotzdem stimmte etwas nicht, und das wollte sie herausfinden.

Sie ging weiter. Die erste Etage hatte sie bereits hinter sich gelassen. Jetzt war sie auf dem Weg in die zweite und würde bald vor ihrer Wohnungstür stehen.

Es gab zwei Wohnungen hier auf dieser Ebene sich gegenüber lagen. Karina Grischin und ihr Partner Wladimir Golenkow wohnten in einer. Oder hatten hier gewohnt. Jetzt lebte sie allein hier, denn Wladimir war durch eine Kugel gelähmt worden. Er hatte in einer Reha-Klinik die meiste Zeit verbracht und war dann von den Erben Rasputins aus der Klinik entführt worden. Wo er sich jetzt aufhielt, das wusste sie nicht. Sie ging davon aus, dass man ihn irgendwo in einem Versteck in den Weiten Russlands unter Verschluss hielt. Kontakt hatte sie nicht mehr zu ihrem Partner, und das empfand sie als sehr schade.

Ihren Job hatte sie allein machen müssen. Es war nicht einfach gewesen, sich immer durchsetzen zu müssen. Zum Glück konnte sich Karina dabei auch auf Freunde verlassen, wie zum Beispiel auf John Sinclair, den englischen Geisterjäger.

Nur brachte ihr das hier in Moskau keine Lösung. Auch nicht im gesamten Land. In Russland hatte John nichts zu melden, und die Zeiten waren auch nicht eben die besten, denn das politische Klima neigte sich wieder dem Gefrierpunkt zu. Auch Karina spürte das. Alte Seilschaften wurden wieder neu geknüpft. Sie selbst hatte es manchmal schwer, akzeptiert zu werden, weil sie noch aus der neueren Zeit stammte.

Sie kannte das alles, konnte aber nichts ändern und musste sich praktisch fügen. Sie hoffte nur, dass es nicht schlimmer wurde, jetzt, wo die Olympischen Spiele vorbei waren.

Endlich hatte sie ihre Etage erreicht. Es war sehr still im Hausflur gewesen. Sie hatte keinen Menschen zu Gesicht bekommen, und so machte sie weiter. Karina bewegte sich wie immer, als sie auf ihre Wohnungstür zuging, nur eine Idee vorsichtiger.

Da hatte sich nichts verändert. In diesem Altbau gab es noch die hohen Decken, entsprechend hoch waren auch die Wohnungstüren. Vor ihrer blieb Karina Grischin stehen.

Sie hätte jetzt hineingehen können, das tat sie nicht. Sie horchte zunächst an ihrer eigenen Tür. Zu hören war nichts. Das konnte auch an der Dicke der Tür liegen, denn hier war alles sehr solide gebaut worden.

Karina dachte daran, dass an diesem Tag die Zugehfrau in ihrer Wohnung gewirbelt hatte. Da war mal wieder Großkampftag im Putzen gewesen.

Nichts wies darauf hin, dass sich hier hätte etwas verändern können, und doch war dies der Fall. Zumindest bei ihr.

Sie spürte den Schauer auf ihrer Haut, obwohl nichts passiert war. Aber so war sie eben, und sie merkte auch die Kälte in ihrem Körper. Roch es wieder nach Tod?

Mit diesem Gedanken öffnete sie die Wohnungstür. Sie schwang normal auf wie immer. Sie konnte beruhigt sein und auch wieder durchatmen.

Karina tat es nicht.

Etwas störte sie, als sie einen langen Schritt in die Wohnung getan hatte. Sie verzog das Gesicht, denn jetzt war der Geruch keine Einbildung mehr.

Sie zog die Nase hoch und schnüffelte. Dabei presste sich ihr Magen zusammen, denn was sie roch, das ließ sich nicht mehr wegdiskutieren. Es roch nach Blut.

Karina kannte den Geruch. Oft genug hatte sie ihn wahrnehmen müssen, und jetzt zudem in ihrer eigenen Wohnung. Was, zum Teufel, war hier passiert?

Ihr Mund wurde trocken. Sie musste schlucken. Eine schreckliche Vorstellung breitete sich in ihrem Innern aus. Sie wollte und konnte es nicht glauben, aber sie musste sich den Tatsachen stellen.

Karina Grischin lebte in einer recht großen Wohnung, zu der auch ein langer Flur gehörte. Von ihm gingen die Türen zu den Zimmern hin ab, die auch noch miteinander verbunden waren.

Das alles schoss ihr durch den Kopf, als sie ging. Sie wartete darauf, etwas zu finden, was ihren Verdacht bestätigte, und als sie tiefer in den Flur hineinging, an dessen rechter Seite es ein Regal gab, da nahm sie den Geruch noch stärker wahr.

Er erreichte sie von vorn.

In einem der Zimmer musste er seinen Ursprung haben. Sie hatte auch schon einen Verdacht und öffnete mit einer heftigen Bewegung die Tür zu ihrem Arbeitszimmer.

Noch auf der Schwelle blieb sie stehen. Das in das Zimmer einfallende Licht reichte aus, um das Grauenvolle zu sehen.

Vor dem Schreibtisch lag eine Frau in einer verkrümmten Position. Sie bewegte sich nicht mehr, und sie lag – das war deutlich zu sehen – in ihrem Blut.

Es war keine fremde Person. Auf dem Boden lag Olga, Karina Grischins Zugehfrau …

***

Die Agentin schrie nicht auf. Sie schlug auch nicht die Hände gegen ihr Gesicht. Oft genug hatte sie vor irgendwelchen Leichen gestanden, das war eigentlich nichts Neues, nur stand sie hier vor jemandem, den sie kannte und der für sie gearbeitet hatte.

Und Olga war in Karinas eigener Wohnung getötet worden. Das machte die Tatsache so schlimm und zugleich spektakulär.

Noch blieb die Agentin an der Tür stehen. Sie selbst bewegte sich nicht, sondern nur ihre Augen. Sie wollte sehen, ob sich in ihrem Arbeitszimmer etwas verändert hatte, aber das war nicht der Fall. Der Schreibtisch stand an seinem Platz, die Schränke mit den Rolltüren davor auch. Es war auch nichts zu Boden geworfen worden, was an eine Durchsuchung erinnert hätte, es sah alles aus wie immer.

Und doch lag da die Tote!

Das wollte Karina nicht in den Sinn. Das brachte schon Probleme. Die Frage, warum die arme Olga hatte sterben müssen, stand ganz oben auf ihrer Liste.

Die Agentin wusste nicht, wie lange sie auf dem Fleck gestanden und ins Leere geschaut hatte. Irgendwann bewegte sie sich und ging auf die Tote zu.

Man hatte sie brutal umgebracht. Der Frau wurde der Schädel eingeschlagen. Sie hatte stark geblutet, und das Blut hatte sich auch in der Umgebung des Kopfes verteilt.

Die eigentliche tiefe Wunde befand sich im Hinterkopf. Dort hatte sie der Schlag getroffen, der so heimlich und hinterrücks geführt worden war. Sie wusste nicht, mit welch einem Gegenstand der Schlag geführt worden war. Der lag nicht in der Nähe. Er war vom Mörder wahrscheinlich mitgenommen worden.

Auch eine Frau wie Karina Grischin war keine Maschine. Sie hatte Gefühle wie jeder Mensch, und sie dachte an Olga, mit der sie gut ausgekommen war. Die Zugehfrau war eine optimistische Person gewesen, die sich nie beschwert hatte und der Meinung war, dass jeder für sich selbst verantwortlich war.

Und jetzt war sie tot! Einfach so. Umgebracht von einem brutalen Killer.

Wer hatte sie getötet und warum?

Wie war der Mörder darauf gekommen, die Wohnung von Karina zu betreten. Wer kannte sie? Wer wusste, dass Karina hier wohnte? Das waren nicht wenige Menschen. Die meisten waren Kollegen. Aber hatte einer von denen ein Interesse daran, in die Wohnung einzudringen und eine Zugehfrau zu töten?

Das wollte ihr nicht in den Sinn. Nein, es musste anders gewesen sein. Ganz anders. Karina drehte sich von der Leiche weg. Dabei dachte sie daran, dass sie auch die anderen Zimmer der Wohnung durchsuchen musste.

Sie ging weiter. Das nächste Zimmer war das ihres Freundes und Partners Wladimir Golenkow. Sie öffnete die Tür, warf einen ersten Blick hinein und war schon mal froh, keine Tote zu finden.

Dennoch betrat sie den Raum und schaute sich um. Das hatte sie schon viele Male getan, aber nicht mit einem Gefühl wie an diesem Tag. Jetzt hatte sie den Eindruck, als hätte sie das Zimmer zum ersten Mal betreten.

Sie ging über den Holzboden und schaute dabei in eine bestimmte Richtung, denn dort stand der Schreibtisch. Wladimir hatte schon recht lange nicht mehr an ihm gesessen. Das Möbelstück war aufgeräumt. Der Computer stand noch dort, das Telefon war auch vorhanden, auch ein Füllfederhalter, die Schreibtischunterlage ebenfalls, und es sah aus, als wäre alles so geblieben.

Alles?

Karina ging auf den Schreibtisch zu. Sie schaute ihn mit Argusaugen an, sie hatte auch den Blick gesenkt, als wollte sie etwas Bestimmtes kontrollieren.

Es war noch ein alter Schreibtisch und aus Eichenholz hergestellt. Der hielt eine Ewigkeit. Sein Benutzer saß in der Mitte. Da konnte er seine Beine nach vorn strecken, weil ihn nichts daran hinderte, und rechts und links von ihm befanden sich die Schubladen. Drei an jeder Seite.

Karina wusste auch, was ihr Partner darin aufbewahrte. Es waren Briefe, auch Mitteilungen, die nicht für andere Augen bestimmt waren, und es kam hinzu, dass die Schubladen abgeschlossen waren.

Eigentlich immer.

Und jetzt?

Sie sahen aus wie abgeschlossen, aber an der rechten Seite entdeckte Karina etwas ganz anderes. Da war eine Schublade nicht ganz geschlossen. Sie stand ein Stück offen. Es sah so aus, als wäre sie zugedrückt worden, um dann wieder den Weg zurück anzutreten.

Wieso? Wer hatte das getan? Karina wusste, dass sie es nicht gewesen war, und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass die Zugehfrau sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht hatte.

Warum stand die eine Lade offen?

Es war wichtig, darauf eine Antwort zu finden, und ihr spukten schon einige Formulierungen durch den Kopf. Sie glaubte nicht, dass es Einbrecher gewesen waren. Hier war etwas anderes passiert, und sie spürte, dass sich ein bestimmter Gedanke in ihrem Kopf festsetzte, auch wenn dieser verrückt war.

Jemand war hier gewesen, der sich auskannte.

Sie flüsterte einen Namen.

»Wladimir.«

Kurz danach schüttelte die den Kopf. Nein, das war nicht drin. Das war einfach unmöglich. Wladimir war gelähmt. Man hatte ihn verschleppt, aus welchen Gründen auch immer. Er saß in einem Rollstuhl, aus dem er so leicht nicht mehr wegkam. Nicht ohne Hilfe, und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass sich das geändert hatte.

Oder nicht?

Nein, das wollte nicht in ihren Kopf. Dass Wladimir hier gewesen war, dass er sich wieder hatte normal bewegen können. Da hätte schon ein Wunder passiert sein müssen, und an Wunder konnte sie nicht so recht glauben.

Karina schaute sich den Schreibtisch genauer an. Die eine Lade war offen. Sie ließ sich auch nicht mehr schließen, und es kam ihr vor, als hätte die andere Seite dies extra gemacht.

Dann drehte sie den Kopf und suchte noch mal die andere Seite des Schreibtisches ab. Hier war alles klar. Da hatte sich niemand zu schaffen gemacht.

Es wäre zudem alles recht locker gewesen, hätte es nicht die Tote gegeben. Sie lag in der Wohnung. Sie musste weggeschafft werden.

Das war kein wirkliches Problem, denn da konnte Karina ihre Beziehungen spielen lassen. Die normale Polizei würde hier nicht erscheinen. Sie kannte Menschen aus ihrem Dienst, die das Problem rasch und auch lautlos beseitigen würden.

Sie telefonierte und rief eine bestimmte Nummer an, die nur wenigen bekannt war.

Dann blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten.

***

Die Männer kamen dann, und sie waren sehr diskret. Ihren Job kannten sie. Es wurden auch nicht viele Fragen gestellt. Karina war es, die mehr fragte und sich dabei an den Arzt wandte, der ebenfalls zu dieser Truppe gehörte.

»Können Sie ungefähr sagen, wie lange sie schon tot ist?«

Der Arzt hob die Schultern. »Ich würde meinen zwischen sechs und acht Stunden.«

»Ja, das war ihre Zeit.«

»Was meinen Sie damit?«

»Da hatte sie ihren Job begonnen. Danke für die Auskünfte.«

»Ach, keine Ursache.«

Karina Grischin mochte den Chef dieser Abteilung zwar nicht, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihm zu sprechen. Sie wartete, bis der Mann aufgehört hatte zu telefonieren und baute sich dann vor ihm auf.

»Was wollen Sie?«

Karina nickte. »Haben Sie Spuren gefunden? Spuren, die auf eine fremde Person hindeuten?«

»Ich denke nicht. Sie und Wladimir haben hier gelebt. Ihre Putzfrau ist ab und zu gekommen. Von Wladimir haben wir die meisten Abdrücke nehmen können.«

»Das dachte ich mir.«

»Es gibt trotzdem ein Problem.«

»Dann raus damit.«

Der Kollege schob die Unterlippe vor, und er schaffte sogar ein kaltes Grinsen.

»Es geht um die Fingerabdrücke. Wie lange, sagten Sie ist Golenkow schon gelähmt?«

»Da kann man schon von zwei Jahren sprechen.«

»Klar, das dachte ich mir.«

»Bitte, was gibt es denn noch?«

»Ich bleibe bei den Abdrücken. Es sind einige dabei, die sehen frisch aus, als wären sie erst einen Tag alt. Ich denke, dass es sich lohnt, darüber mal nachzudenken.«

Karina sagte nichts. Sie schaute in das Gesicht des Kollegen, der noch immer grinste.

»Ich brauche nicht nachzudenken. Es gibt nur eine Lösung. Man muss davon ausgehen, dass Wladimir Golenkow in der letzten Zeit hier in der Wohnung gewesen ist!«

Karina schluckte. »Ja, das muss man.«

Er nickte. »Alles andere ist Ihre Sache. Aber mir ist bekannt, dass er im Rollstuhl sitzt.«

»Das stimmt auch.«

»Dann haben Sie ein Problem. Es sei denn, Ihr Partner ist geheilt worden.«

»Das kann sein.«

»Aber Sie wissen es nicht, oder?«

»So ist es.«

Der Mann im Ledermantel zuckte mit den Schultern und meinte: »Das ist nicht mein Problem. Wir schaffen Ihnen die Tote vom Hals. Alles Weitere müssen Sie in die Wege leiten.«

»Das werde ich auch.« Karina wandte sich ab, und sie dachte darüber nach, wie es möglich sein könnte, dass einer wie ihr Partner Wladimir hier in das Haus gekommen war.

Man hätte ihn sehen müssen. Ein Mann im Rollstuhl fiel eben auf. Und wenn er nicht mehr im Rollstuhl sitzt, schoss es ihr durch den Kopf. Dabei stiegen Hitzeschleier in ihr hoch.

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