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John Sinclair - Folge 1861

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Tod, der Templer und ich
  4. Vorschau

Der Tod, der Templer und ich

(1. Teil)

Etwas riss den Templer-Führer Godwin de Salier aus dem Tiefschlaf. Er war jemand, der sehr schnell erwachte. Das hatte er sich antrainieren müssen, denn seit seiner Jugend war die Gefahr stets an seiner Seite gewesen.

Und jetzt?

Wenn er ehrlich gegen sich selbst war, dann führte er kein so gefährliches Leben mehr. Es war ruhiger geworden. Godwin hatte seine Bestimmung gefunden, obwohl er und seine Freunde noch genügend Feinde hatten, die darauf aus waren, den Templer in lebensgefährliche Situationen zu bringen …

Er war stets auf der Hut, und das hatte sich auch nicht nach seiner Heirat gegeben.

Sophie Blanc lag in der anderen Hälfte des Betts. Sie hatte nichts gehört und schlief weiter. Godwin saß im Bett und horchte, ob sich das Geräusch wiederholte.

Das trat erst mal nicht ein. Es blieb ruhig, und so konnte er darüber nachdenken, was das für ein Geräusch gewesen war. Es hatte nicht in diese Nacht hineingepasst.

Er und seine Frau lebten in einem Kloster. Allerdings nicht allein, sondern zusammen mit anderen Menschen, den Templern, die hier im Süden Frankreichs eine neue Heimat gefunden hatten.

In diesem Bau war es nie ganz ruhig. Irgendjemand war immer wach, auch in der Nacht. Da gab es die Wachposten, und eigentlich hätte es einer von ihnen hören müssen, was draußen passiert war, denn dieser Laut war nicht normal.

Obwohl er sich nicht wiederholte, legte sich Godwin nicht mehr hin. Er war jetzt hellwach, und es interessierte ihn sehr, ob der Verursacher des Geräusches noch zu finden war. Wenn ihn nicht alles täuschte, musste er im Klostergarten nachsehen.

Er brauchte nur durch das Fenster zu schauen, es lag dem Bett gegenüber, und Godwin erreichte es mit drei Schritten. Licht machte er nicht. Aus dem Dunkel schaute er in die Finsternis, die von keinem Mondlicht erhellt wurde.

Vor ihm lag ein dunkles Gelände. Ein schöner Garten, der im Sommer seine Pracht entfaltete. Im Winter sah er traurig aus, was jetzt nicht zu erkennen war.

Das Gelände war so groß, dass die Templer sogar noch eine kleine Kapelle auf ihm errichtet hatten. Sie diente nicht nur als Ort des Gebets, sie war zugleich auch eine Grabstätte, denn in ihr lag der erste Templer-Führer, Abbé Bloch, begraben.

Der kleine Bau war in der Dunkelheit nicht zu sehen. Es gab Laternen im Garten oder andere kleine Lichter, aber sie waren ausgeschaltet. Und deshalb lag die Dunkelheit wie ein Tuch über dem Gelände.

Er sah nichts, aber er war auch nicht beruhigt. Dieser Garten hatte schon öfter als Fläche für Angreifer gedient, und so war das Misstrauen und die Vorsicht schon begründet.

Es war keiner da.

Und doch hatte Godwin das Geräusch aus dieser Richtung gehört. Da musste etwas passiert sein.

Auch wenn er nichts entdeckt hatte, wollte er sich auf keinen Fall wieder ins Bett legen. Godwin wollte den Dingen auf den Grund gehen und den Garten betreten.

Er und seine Frau hatten sich in diesem Kloster eine Wohnung eingerichtet. Sie war recht geräumig, und der Templer schnappte sich seine Kleidung und ging ins Nebenzimmer, um sich dort anzuziehen. Hier lief er nicht in Gefahr, seine Partnerin zu wecken. Als er sich angezogen hatte, dachte er darüber nach, eine Waffe mitzunehmen.

Seine Pistole lag in einer Schublade im Arbeitszimmer, aber sie ließ Godwin dort liegen. Er hoffte, auch ohne die Waffe zurechtzukommen.

Zum Schluss zog er noch eine Jacke über, um sich gegen den kühlen Wind zu schützen. Wenig später verließ er den Raum und ging dorthin, wo zwei Templer die Nachtwache hielten.

Überrascht schauten sie auf, als Godwin den Raum betrat. Sie hatten es sich vor den Monitoren bequem gemacht. Tranken Cola und aßen Chips aus der Tüte.

»Godwin. Was ist los?«

»Ihr habt in den letzten dreißig Minuten nichts Fremdes gehört oder gesehen?«

»So ist es!«, erwiderten sie.

Godwin blickte auf die beiden Monitore. Sie zeigten einen Ausschnitt von der Vorder- und der Rückseite des Gebäudes. Auf beiden war nichts Verdächtiges zu sehen,

»War denn was?«, wurde Godwin gefragt.

Er hob die Schultern. »Ich kann es nicht sagen, weil ich es nicht genau weiß, bin aber der Meinung, etwas gehört zu haben.«

»Wo denn?«

»An der Rückseite.«

Beide Templer schauten sich an. Dann schüttelten sie die Köpfe. »Nein«, sagte einer. »Das ist nicht wahr, das kann nicht stimmen, denn wir haben nichts gesehen.«

»Ja, das hört sich positiv an.« Godwin überlegte einen Moment. »Aber beruhigt bin ich nicht.«

Das konnten seine Brüder verstehen, und er wurde gefragt, was er vorhätte.

»Ich schaue mich trotzdem mal im Garten um. Ist die Alarmanlage eingeschaltet?«

»Nein. Sie wird überprüft. Wir spielen ja mit dem Gedanken, uns eine neue zuzulegen.«

»Ja, das stimmt. Hatte ich glatt vergessen. Dann kann ich also den Garten betreten, ohne dass es laut wird.«

»Kannst du, Godwin.«

Er nickte den beiden zu. »Dann wundert euch nicht, wenn plötzlich eine Gestalt auftaucht.«

»Ist schon klar.«

Godwin musste die Treppe nach unten gehen, um dann in einem der Flure zu verschwinden, der ihn direkt bis an die Rückseite führte. Je näher er der Tür kam, die er erst entriegeln musste, umso mehr wuchs bei ihm die Spannung. Er war plötzlich überzeugt davon, sich nicht geirrt zu haben. Eine tiefe Furcht überkam ihn nicht, sondern eher eine gewisse Neugierde, die ihn vorantrieb.

Godwin erreichte die Hintertür. Er sah den Riegel, schob ihn zur Seite und öffnete die Tür.

Er warf den ersten Blick in den Garten und spürte die Kühle der Nacht. Er wollte viel sehen, doch die Dunkelheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Er sah nichts, und er war jetzt froh, dass er eine Taschenlampe mitgenommen hatte. Die schaltete er noch nicht ein. Er wollte es erst tun, wenn er etwas entdeckt oder gehört hatte.

Im Moment tat sich nichts. Genau damit gab er sich nicht zufrieden. Er wollte erkennen, ob sich jemand im Schutz der Nacht in den Garten eingeschlichen hatte, aber da war nichts zu sehen.

Er schüttelte den Kopf. Dachte für einen Moment daran, sich geirrt zu haben, drückte den Gedanken aber zur Seite und machte sich auf den Weg.

Er musste tiefer in den Garten hinein und nahm sich vor, erst bei der Kapelle anzuhalten, in der sich auch jemand verstecken konnte.

Godwin bewegte sich langsam, er war auch vorsichtig und sorgte dafür, dass er nicht zu viele Geräusche machte.

Minuten verstrichen. Noch war er allein unterwegs. Die Kameras waren nicht zu sehen. Sie waren recht versteckt angebracht worden. Das war den Templern auch wichtig. Kein Besucher sollte sich innerhalb des Gartens überwacht fühlen.

Der Weg zur Kapelle war einfach zu finden. Man musste den breitesten Weg nehmen und nur geradeaus gehen. Dann lief man automatisch auf das Ziel zu.

Godwin ging weiter. In seinem Kopf bauten sich gewisse Bilder auf. Er stellte sich vor, dass er plötzlich aus einem der Seitenwege angegriffen wurde. Das konnte alles passieren, und deshalb blieb auch seine Vorsicht bestehen.

Godwin de Salier war ein Mensch, der auf das hörte, was er fühlte. Im Moment war ihm dabei gar nicht wohl. Irgendwas lag in der Luft, das spürte er auch.

Der Templer hielt an.

Es war keine entscheidende Stelle innerhalb des Gartens. Rechts von ihm öffnete sich ein schmaler Weg, der sehr bald in eine Linkskurve hineinlief. An der linken Seite hätte er in eine Hecke fassen können, was er aber nicht tat.

Aber aus dieser Richtung hörte er etwas.

Es war das Geräusch, das ihn auch geweckt hatte. Nur war es jetzt deutlicher zu vernehmen.

Godwin de Salier hörte das schrille Wiehern eines Pferdes!

***

Genau dieses Geräusch sorgte dafür, dass er zunächst mal stehen blieb und sich nicht bewegte.

Ein Wiehern also!

Jenseits der Hecke musste ein Pferd stehen, und Godwin glaubte nicht daran, dass dieses Pferd allein war. Es war bestimmt nicht einfach über die Mauer gesprungen und hatte sich im Garten verirrt.

Das Wiehern wiederholte sich nicht. Es war gar nichts mehr zu hören, auch nicht das Scharren irgendwelcher Hufe. Es war wieder still geworden, aber der Templer wusste jetzt, dass er sich nicht allein im Klostergarten befand.

Zumindest gab es das Pferd, aber auch ein Reiter war wichtig. Er hoffte, ihn erwischen zu können. Dafür musste er seinen Standplatz wechseln. Von dieser Stelle aus konnte er nichts machen. Und er wollte auch nicht die Hecke durchbrechen.

Godwin kannte sich natürlich aus. Es war kein Problem, die Hecke zu umgehen und an die andere Seite zu gelangen. Dort würde er das Pferd finden und hoffentlich auch seinen Reiter.

Er bewegte sich wieder leise. Selbst das schwache Knirschen der Steine unter seinen Füßen störte ihn. So versuchte er, das Geräusch zu vermeiden.

Er ging den Weg zurück bis zum Ende der Hecke. Jetzt wurde er noch vorsichtiger.

Dann hatte er den Punkt erreicht, den er wollte. Der Blick nach rechts. Die Dunkelheit war da, und er musste sich anstrengen, um sie durchdringen zu können.

Er sah einen Schatten.

Der malte sich trotz der schlechten Sicht sehr deutlich ab, und dieser Umriss gehörte einem Pferd.

Das traf also schon mal zu.

Aber war das alles?

Er hätte jetzt seine Lampe einschalten müssen, doch er traute sich nicht. Erst als er noch einen Schritt weiter gegangen war, wurde die Sicht etwas freier.

Und da sah er genau das Bild, das er sich irgendwie gewünscht hatte und doch nicht normal war.

Das Pferd war nicht allein gekommen, denn auf ihm hockte ein Reiter, der einfach nicht in diese Zeit passte, denn er war so etwas wie ein Ritter …

***

Die Flammen innerhalb des Kamins bewegten sich zuckend von einer Seite zur anderen. Manchmal glitten sie auch in die Höhe, als wollten sie sich irgendwo festhalten, aber sie rutschten immer wieder zusammen und begannen ihr Spiel von vorn.

Es gab mehrere Menschen, die den Flammen zusahen. Die behagliche Wärme tat gut, der runde Tisch war gedeckt. Sheila Conolly hatte für einen kleinen Imbiss gesorgt und ihr Mann Bill für einen guten Rotwein.

Es gab noch jemand, der dort saß, und um ihn ging es eigentlich. Es war Johnny Conolly, der Sohn von Sheila und Bill, und mein Patenkind, das jedoch längst erwachsen geworden war.

Johnny war der Mittelpunkt. Um ihn, seine Erlebnisse und seine Aussagen ging es im Prinzip, denn was er hinter sich hatte, war auch für uns fast neu.

Johnny hatte uns von seiner letzten Fahrt mit dem Wohnmobil durch Irland berichtet und vor allen Dingen davon, wen er dort getroffen hatte. Geister. Riesengeister. Genauer gesagt, die feinstofflichen Körper von vier Riesen, die es vor langer, langer Zeit mal auf der Insel gegeben hatte. Johnny und seine Mitreisenden hatten sie gesehen. Sie waren auf der Suche nach ihren uralten Gräbern, aber die waren nicht mehr vorhanden. Alles hatte sich in der Zeit verändert.

Aber sie waren konsequent gewesen. Sogar zwei Tote hatte es gegeben, und Johnny wäre es fast ähnlich ergangen, wenn nicht Nadine Berger eingegriffen hätte.

Jedenfalls war noch mal alles gut gegangen, und Johnny hatte es natürlich loswerden müssen.

Das war auch etwas auf die Mühle seiner Mutter. Sheila wiederholte sich. »Ich habe es dir gleich gesagt, du hättest nicht fahren sollen.«

Johnny winkte ab. »Es ist nun mal passiert, und ich habe auch schon einen Grund gefunden.«

»Ach? Welchen denn?«

»Es ist der Fluch der Conollys, Ma. Er und kein anderer. Kannst du damit leben?«

Sheila schüttelte den Kopf. »Du machst es dir sehr einfach. Du hast dich selbst in diese Lage hinein manövriert. Die Ausrede kann ich nicht mehr akzeptieren.«

Jetzt mischte sich Bill ein. »So schlecht ist sie nicht. Ich brauche dich nur an unsere Vergangenheit zu erinnern. Denk daran, dass es manchmal ganz einfach war. Aber je mehr Zeit verging, umso stärker wurden wir involviert. Da haben wir auch schon vom Fluch der Conollys gesprochen, meine Liebe.«

Sheila sagte zuerst nichts. Bis sie den Kopf drehte und mich anschaute.

»Was sagst du denn dazu?«

Ich hatte noch einen Schluck Rotwein im Mund, trank ihn zunächst und stellte das Glas auf den Tisch.

»Was soll ich dazu sagen, Sheila? Nichts gegen dich, aber ich würde eher zur anderen Seite tendieren«

»Wie?«

»Ja, auch ich glaube an den Fluch der Conollys. Und Johnny ist ja nicht zum ersten Mal in eine prekäre Lage geraten. Das muss man auch sehen. Mir gefällt überhaupt nichts, was in diese Richtung läuft. Ihr kennt ja meine Meinung. Ich will einfach nur meine Ruhe haben, und ich finde es mehr als schade, dass Johnny auch noch in diesen Kreislauf mit hineingezogen wird«.

»Ist aber nicht zu ändern«, sagte Bill.

Sheila winkte ab. »Dass du nicht auf meiner Seite stehst, ist schon klar.«

»Wie sollte ich?«

Sheila verdrehte die Augen. »Indem ihr euch raushaltet. Bei John ist das etwas anderes, das ist sein Job. Aber bei uns …«

»Wir stehen schon auf der Liste«, sagte Bill.

»Wieso?«

»Das merkst du doch immer wieder, Sheila. Wir selbst können versuchen, was wir wollen. Es klappt nicht. Die Fronten haben sich geklärt, und wir werden immer zwischen sie geraten. Das würde auch so sein, wenn wir nach Australien ziehen sollten. Aber das will ich mal dahin gestellt sein lassen.«

Sheila Conolly zuckte mit den Schultern. Es war keine Geste, die klar machte, dass sie aufgeben wollte, aber sie hatte sich mit den Tatsachen abgefunden. Und Johnny war auch froh, dass er seine Beichte losgeworden war.

»Aber ich kann ja nicht auf alles verzichten«, erklärte er. »Das ist nicht möglich. Ich muss meinen Weg gehen. Die Fahrt durch Irland hatte ja nichts mit irgendwelchen Dämonen zu tun, die angreifen wollten. Sie war ganz normal, und so etwas kann immer wieder passieren.«

Da gaben Bill und ich Johnny recht. Und ich fügte noch einen Satz hinzu, der bei Sheila gar nicht gut ankam.

»Der Fluch der Conollys«, sagte ich.

»Ach. Kannst du nicht vom Fluch der Sinclairs sprechen? Dich erwischt es doch auch immer wieder«

Ich grinste. »An den Fluch habe ich mich gewöhnt. Außerdem ist es mein Job.«

»Aber nicht der von Johnny.«

»Wir gehören eben zusammen.«

Darauf sagte Sheila nichts. Sie schaute mich nur böse an, und ich griff zu einem kleinen Fingerfood.

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