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John Sinclair - Folge 1860

Geisterflut

»Da ist doch was. Mist auch!« Mara Kimbal richtete sich in der schmalen Betthälfte auf und schwang ihre Beine nach draußen.

»Was denn?«, fragte der junge Mann in der zweiten Betthälfte. Seine Stimme klang schläfrig.

»Da war wirklich was, Johnny.«

»Und wo?«

»Draußen.«

»Was war es denn?« Die Stimme klang noch immer recht schläfrig.

»Keine Ahnung, aber ich will es wissen.«

»Okay.« Johnny Conolly richtete sich auf. Er blieb im Bett sitzen und knetete sein Gesicht. Er war noch immer schlaftrunken …

Bis zum Fenster hatte er es nicht weit. Überhaupt konnte man hier nicht von irgendwelchen Entfernungen sprechen. Das Wohnmobil war recht eng. Johnny und Mara hatten sich entschlossen, damit ein paar Tage durch Irland zu fahren. Mal einen kurzen Urlaub machen und weg von der Uni kommen. Das war nicht schlecht. Trotzdem hatte sich Mara erst dagegen gewehrt, aber Johnny Conolly hatte nicht locker gelassen. Zudem war dann noch ihr Bruder mitgefahren mit dessen Freundin. Sie reisten in einem zweiten Wohnmobil. Außerdem hatten sie wirklich Glück mit dem Wetter. Bisher war dieser Winter kein Winter.

Nur in den USA hatte er brutal zugeschlagen, aber Teile Europas lagen unter einer Wärmedecke. Und der Süden Irlands war sowieso vom Klima begünstigt. Hinzu kam, dass Mara Kimbal selbst Irin war und sie ein Faible für ihre Heimat hatte.

»Kommst du, Johnny?«

»Gleich. Ist denn noch was zu sehen?«

»Sicher.«

»Und was?«

»Sieh dir das selbst an.«

Er stöhnte auf wie ein alter Mann, schüttelte den Kopf und stellte sich aber hin. Mara drehte ihm den Rücken zu. Ihre natürlichen roten Haaren sahen jetzt dunkel aus. Sie trug noch ihre Schlafkleidung, eine kurze Hose und ein knappes Oberteil. So sah sie sehr sexy aus, auch wenn sie frisch aus dem Bett kam.

Johnny grinste, als er daran dachte, wie Mara unter dem Stoff aussah. Sie war schon ein heißer Feger, und beide hatten bereits auf dem ersten Teil der Reise viel Spaß miteinander gehabt.

Er musste nur einen langen Schritt nach vorn machen, um neben ihr stehen zu können. Mara hatte die Gardine zur Seite geschoben, um eine klare Sicht zu haben.

Johnny stellte sich neben sie. Er nahm noch den Hauch ihres Parfüms wahr, schnupperte an ihrem Haar und fragte: »Was ist denn nun los gewesen? Was hat dich so aufgeregt?«

»Schau selbst hin.«

»Wohin denn?«

»Zum Himmel. Und dann habe ich zudem noch komische Geräusche gehört. Es können Rufe gewesen sein.«

»Ha, ha, von wem denn?«

»Keine Ahnung. Aber schau hin.«

Johnny wollte sich nicht länger bitten lassen, er stöhnte nur leise auf.

Jenseits der Scheibe war es dunkel. Aber man konnte nicht von einer finsteren Nacht sprechen. Am Himmel stand der gelbweiße Mond. Nicht ganz voll, aber schon recht kompakt. Und sein Licht verteilte sich über der Landschaft, die nicht mehr so düster wirkte.

Es war eine weite, eine weiche, aber auch eine hügelige Landschaft mit leichten Steigungen und flachen Hügelkuppen. Für den Süden des Landes irgendwie typisch. Und es war eine stille Landschaft, die von keinem Laut unterbrochen wurde.

Johnny sagte erst mal nichts. Er änderte die Blickrichtung und schaute gegen den Himmel, denn auch Mara hatte ihren Blick leicht erhoben. Was gab es dort zu sehen?

Nicht viel.

Erst mal Wolken. Sehr hell, richtig weiß und von unterschiedlicher Größe.

Eine gewaltige Bühne, über die man nur staunen konnte und die einem Menschen, der gegen sie schaute, fast andächtig werden ließ.

»Nicht schlecht«, kommentierte Johnny.

»Mehr sagst du nicht?«

»Sollte ich das denn?«

»Ja. Schau mal genauer hin. Das sind nicht nur Wolken am Himmel, da tut sich auch was.«

»Was hast du denn gesehen?«

Mara Kimbal drehte den Kopf nach links, damit sie Johnny anschauen konnte.

»Gestalten habe ich gesehen. Große Gestalten, die über den Himmel huschten.«

»Ehrlich?«

»Wenn ich es dir doch sage, ich lüge nicht. Ich habe sie gesehen, und das waren mächtige Gestalten.«

»Meinst du Geister?«

Jetzt sagte Mara erst mal nichts. Sie wiegte den Kopf, atmete durch die Nase und nickte, bevor sie flüsternd eine Antwort gab. »Das könnten durchaus Geister gewesen sein.«

Johnny sagte nichts. Aber durch seinen Kopf schossen schon ein paar schräge Gedanken. Das konnte eigentlich alles gar nicht wahr sein. Er wollte hier Urlaub machen und nichts mit Geistern zu tun haben. Die meisten Menschen hätten Mara für eine Spinnerin gehalten. Das tat Johnny Conolly nicht, auch wenn er noch keine Geister am Himmel gesehen hatte. Aber er war ein Conolly. Er war der Sohn seiner Eltern, die ihr Leben lang mit unheimlichen Vorgängen und dem Grauen konfrontiert worden waren. Sie hatten nie ein normales Leben geführt, und das war auch hin und wieder bei Johnny so gewesen.

Er glaubte nicht nur an das, was er mit den eigenen Augen sah, sondern auch an das, was dahinter lag. Und das war nicht immer nett. Das konnte durchaus auch das Grauen sein und sehr oft auch eine tödliche Gefahr durch schreckliche Gestalten, die man auch als Monster bezeichnen konnte.

»Hast du gehört, Johnny?«

»Ja.«

Das war Mara zu wenig. »Was habe ich denn gesagt?«

»Och, du hast von Geistern gesprochen.«

»Genau, das habe ich. Aber du solltest die Dinge nicht auf die leichte Schulter nehmen, das waren wirklich gewaltige Gestalten, die ich da gesehen habe.«

»Aber ich nicht. Ich sehe nur normale Wolken, das ist alles.«

»Jetzt schon.«

Johnny räusperte sich. »Okay, du hast was anderes gesehen. Aber was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Es sind keine mehr da.«

»Das weiß ich eben nicht.«

Johnny war mittlerweile hellwach geworden. Er dachte jetzt darüber nach, wie er sich verhalten sollte. Sollte er Mara vor den Kopf stoßen und sich wieder hinlegen?

Wenn er das tat, dann war sie sauer, das wusste er auch, und da konnte der Urlaub alles anders als spaßig werden. Deshalb steuerte er auf einen Kompromiss zu.

Johnny nickte. »Ich könnte ja rausgehen und nachschauen. Da habe ich einen besseren Überblick.«

»Genau das habe ich vorschlagen wollen.«

»Gut, dann befinden wir uns da auf einer Ebene.« Johnny grinste etwas schief und streifte den in der Nähe liegenden Bademantel über. Ein wenig musste er sich schon gegen die Kühle schützen.

Mara schaute ihm zu. Aber sie wollte ebenfalls nach draußen gehen und zog sich auch etwas über.

Von innen hatten sie abgeschlossen. Johnny war es, der die Tür öffnete und sie dann aufzog. Er ging nach draußen und spürte den leichten Nachtwind, der ihn erwischte. Es war wirklich nicht kalt. Irlands Süden lag mal wieder in einem warmen Strom.

Johnny ging ein paar Schritte nach vorn. Er war mit den nackten Füßen in die Schuhe geschlüpft und spürte deshalb nicht die Steine, die auf dem Boden lagen.

Das zweite Fahrzeug parkte rechts von ihnen. Da tat sich nichts. Es herrschte die nächtliche Ruhe, und die hätte Johnny auch gern zurückgehabt. Aber zuvor musste er noch die Geister sehen, um Mara einen Gefallen zu tun.

Sie stand jetzt dicht neben ihm und hörte seine Frage. »Ja, und wo sind sie jetzt, deine Geister?«

»Ich habe sie am Himmel gesehen. Schau doch hoch!«

»Klar, das mache ich gern.« Der Tonfall sagte genau das Gegenteil. Johnny ging noch einen Schritt vor, legte den Kopf zurück und konzentrierte sich auf den Himmel.

Da hatte er viel zu tun. Es war ein gewaltiger Ausschnitt, den er abzusuchen hatte. Dort befanden sich die Wolken, die noch immer recht hell aussahen. Sie bildeten keine zusammenhängende Einheit, es gab zwischen ihnen Lücken.

Auch die sah Johnny.

Und er sah noch mehr.

Eigentlich wollte er es nicht glauben, deshalb schaute er noch mal genauer hin. Die Lücken zwischen den Wolken waren nicht mehr leer.

Johnny konnte es nicht glauben.

Es war unmöglich und trotzdem entsprach es der Wahrheit. Am Himmel zeigten sich übergroße Gestalten, für die es nur einen Namen gab, so wie sie aussahen.

Geister!

***

Johnny Conolly hatte sie gesehen, und er zeigte durchaus eine Reaktion. Er stöhnte auf, was auch Mara nicht verborgen blieb.

»Habe ich gelogen?«

»Keine Ahnung.«

Sie trat mit dem linken Fuß auf. »Hör doch auf«, flüsterte sie. »Ich habe nicht gelogen. Das sind sie. Das sind die Geister. Schau mal genauer hin, dann wirst du mir recht geben.«

Johnny enthielt sich einer Antwort, aber er blickte hin. Hoch über ihnen malten sich die nebelhaften Gestalten ab. Es waren vier. Zwei männliche und zwei weibliche. Sie standen da wie Wächter, und sie waren bewaffnet. Alle hielten Schwerter in ihren Händen, wobei die Spitzen der Klingen nach unten zeigten und keine Gefahr darstellten. Johnny schüttelte den Kopf.

»Was ist?«, fragte Mara.

»Das gibt es doch nicht.«

»Doch, das gibt es. Das ist keine Fata Morgana. Das sind Gestalten, das sind Geister, und wenn du richtig hinschaust, dann siehst du auch, dass sie größer als Menschen sind. Wahre Riesen. Wie mögen sie wohl körperlich ausgesehen haben?«

»Die hat es nicht gegeben.«

»Warte ab.«

Das tat Johnny auch. Er wollte nicht mehr sprechen. Durch seinen Kopf rasten die Gedanken und Überlegungen, und er wehrte sich gegen dieses Bild. Er wollte es nicht hinnehmen. Er hielt es für eine Täuschung. Da spielte ihm jemand einen Streich.

»Du sagst ja nichts, Johnny.«

Er zuckte mit den Schultern. »Was soll ich sagen?«

»Deine Meinung.«

»Ja, kann sein, dass du recht hast …«

»Wieso kann das nur sein? Was sind das denn für Gestalten am Himmel? Fata Morganas?«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Es sind auch keine Nebelgebilde, die ein Windstoß zerfetzen kann. Nein, das ist nicht der Fall. Wir haben es hier mit riesigen Geistern zu tun, das ist es.«

»Meinst du wirklich?«

»Was ist es dann, Johnny?«

Da hatte sie recht. Johnny wollte es nur nicht wahrhaben. Er dachte noch immer daran, im Urlaub zu sein, aber das Geschehen am Himmel sah nicht wie Urlaub aus.

Sie sahen ungewöhnlich aus. Man konnte nicht von nackten Geistern sprechen, denn diese hier sahen aus, als trügen sie eine Kleidung. Die Frauen ebenso wie die Männer. Kurze Gewänder, die knapp über den Knien aufhörten.

»Ich weiß nicht, was es ist.«

Johnny schwieg. Er schluckte. Und sein Speichel schmeckte bitter. Das glaubte er zumindest.

»Aber du hast doch oft genug mit so komischen Dingen zu tun. Das weiß man inzwischen. Dann dürfte dich das hier nicht schocken.«

»Scheiße, tut es aber.« Johnny verdrehte die Augen. »Ich habe Urlaub. Oder habe angenommen, Urlaub zu haben. Aber das scheint wohl nicht so zu sein. Das hier ist ein Phänomen.«

Mara strahlte plötzlich. »Es ist einfach wunderbar. Wenn ich das erzähle, das glaubte mir keiner. Die Fahrt hat sich jetzt schon gelohnt, da scheint sich der Himmel geöffnet zu haben und hat Geister freigelassen. Und dann noch so große. Das ist wirklich ein Phänomen.«

Johnny hielt sich mit einer Bemerkung zurück. Er hatte es nicht akzeptieren wollen, doch jetzt blieb ihm nichts anderes übrig. Die Gestalten zwischen den Wolken waren keine Einbildungen. Es gab sie wirklich, und das faszinierte auch ihn.

Mara Kimbal dachte schon einen Schritt weiter. »Warum sind sie wohl hier erschienen? Gründe müssen sie schon gehabt haben«, murmelte sie, »davon gehe ich einfach aus.«

»Kann sein. Aber wenn ich ehrlich bin, interessieren sie mich nicht. So ist das.«

»Das wundert mich. Ausgerechnet du, Johnny.«

Er gab darauf keine Antwort. Dafür spürte er, dass vom langen Starren sein Nacken steif geworden war, aber er konnte den Blick einfach nicht lösen.

»Sollen wir wieder reingehen?«, fragte Mara.

»Ich denke schon. Es ist ja nicht so warm wie im Sommer.«

»Okay, ich friere auch.«

Johnny schaute nicht mehr zum Himmel. Er drehte sich um, und wenig später hatten sie den warmen Wagen wieder betreten.

Es gab nicht nur das Bett, auf das sie sich setzen konnten, sondern auch die beiden festgeschraubten Stühle, zwischen denen ein ebenfalls festgeschraubter Tisch stand.

Mara Kimbal schaute Johnny an. »Und was machen wir jetzt?«, fragte sie leise.

Johnny lachte. »Wir machen nichts. Wir tun nichts. Wir halten uns zurück. Das ist alles.«

Sie nickte. »Verstehe. Du willst also dieses Phänomen ignorieren, oder was?«

»Und was ist mit dir?«, fragte Johnny. »Was willst du denn machen? Oder was kannst du machen?«

»Keine Ahnung«, gab sie zu.

»Eben. Du hast keine Ahnung, und das ist auch bei mir der Fall. Dabei können wir es belassen. In ein paar Stunden ist die Nacht vorbei. Dann fahren wir wieder ab.«

»Ja, das hoffe ich.«

Johnny schüttelte den Kopf. »Wieso? Denkst du anders darüber?«

»Ja.«

»Warum das denn?«

Sie beugte sich zu Johnny hin. »Weil die Nacht noch immer ein paar Stunden andauert, und in dieser Zeit kann viel passieren. Ich habe dir doch gesagt, dass ich auch etwas gehört habe. Aber das war vor der Entdeckung gewesen.«

»Dann sei doch froh.«

»Bin ich aber nicht.«

Johnny musste lachen. »Willst du das Geräusch erneut hören. Ist es das, worauf du scharf bist?«

»Ja.«

»Hatte ich mir gedacht. Ich bin aber nicht scharf darauf. Ich habe Urlaub, und dabei soll es auch bleiben.«

»Kann es ja auch.« Mara stand auf, ging zum Kühlschrank und zog die Tür auf.

»Willst du auch was trinken, Johnny?«

»Nein oder doch«, korrigierte er sich. »Bring mir eine Dose Bier gegen die trockene Kehle mit.«

»Alles klar.«

Mit zwei Dosen Bier kehrte sie zurück an den Tisch. Sie rissen sie auf, stießen mit den Dosen an und wünschten sich gegenseitig einen guten Schluck.

Johnnys Durst war besonders groß. Er leerte die Dose bis auf einen Rest und stellte sie wieder hin. Auch Mara setzte sie ab, bevor sie den Kopf schüttelte.

»Ehrlich, Johnny, ich weiß nicht, ob ich noch schlafen kann, wenn ich mich jetzt hinlege. Du denn?«

»Keine Ahnung. Ich empfand die vier Riesengeister nicht als eine Bedrohung.«

»Ich auch nicht.«

Johnny klopfte auf den Tisch. »Aber ich habe auch keine Lust, mich näher mit ihnen zu beschäftigen.«

»Das glaube ich nicht«, flüsterte Mara und bekam plötzlich eine zweite Haut. »Schau mal zum Fenster.«

»Wie?«

»Sieh einfach hin.«

Der Ton hatte Johnny misstrauisch gemacht. Er sah hin. Er konzentrierte sich auf das Fenster, das nicht anders aussah als sonst.

Innen schon, aber nicht außen.

Da war genau zu erkennen, was sich dort abzeichnete. Es war der Teil eines Gesichts …

***

Und das war kein menschliches Gesicht.

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