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John Sinclair - Folge 1859

Blutgeld

»Und?«, fragte der Zuhälter, bevor er sich die Lippen leckte. »Hast du die Kohle?«

»Ja.« Die blonde Miriam nickte.

»Wie viel ist es?

Sie lachte zuerst. »Tausend. In relativ kleinen Scheinen.« Miriam öffnete die Tasche.

Blitzschnell griff der Zuhälter hinein. Das Geld fühlte sich feucht an.

Ekel überkam ihn. Sofort zog er die Hände wieder zurück.

An ihnen klebte Blut!

Der Zuhälter, der auf den Namen Fitty hörte, schrie plötzlich los und schlug um sich. Miriam ging in Deckung. Sie wollte nicht von den blutigen Händen getroffen werden. Im Auto war es eng, aber Fitty beruhigte sich auch recht schnell.

Er keuchte jetzt und schüttelte auch seinen Kopf. Schnell atmete er ein und ebenso schnell wieder aus. Dann hatte er sich gefangen. Er starrte seine Hände an. Der Blick war böse, fast wütend, dann schüttelte er den Kopf, dann schaute er Miriam an.

Sie begriff und flüsterte: »Tut mir leid, Fitty, aber ich kann nichts dafür. Das musst du mir glauben.«

»Tausend Euro oder Pfund?«

»Euro.«

»Okay, auch gut. Aber wie ist das möglich? Wieso habe ich Blut an meinen Händen? Das ist doch Mist. Das ist …«, er schüttelte sich. »Das kann man einfach nicht begreifen.«

»Ich weiß.«

»Und weiter?«

»Nichts weiter.«

Fitty sagte nichts mehr. Er wollte etwas probieren. Die Tasche stand noch immer geöffnet auf seinem Schoß. Er brauchte nur hineinzugreifen. Was er auch tat.

Aber sehr vorsichtig ließ er seine Hände in das Innere gleiten. Er hatte sich so sehr auf das Knistern der Scheine gefreut. Nur Bares war für ihn Wahres. Mit dieser ekligen Enttäuschung hätte er nie im Leben gerechnet.

Jetzt fühlte er wieder nach.

Es hatte sich nicht verändert.

Matschig und feucht fühlte sich der Inhalt an. Zugleich auch klebrig. Er war erneut angewidert und bemerkte, dass ihn Miriam von der Seite her angstvoll anschaute. Sie wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Er lauschte ihren heftigen Atemstößen, und er sah auch, dass sie so entsetzt war. Deshalb konnte er ihr auch keine Vorwürfe machen, obwohl er sonst nicht so pingelig war und sie auch schon oft genug seine Faust zu spüren bekommen hatte.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und schaute nur zu, wie der Zuhälter seine Hände hervorzog und sie ihr zeigte.

Sie waren wieder blutig geworden.

»Noch mal«, flüsterte er, »was hat das zu bedeuten? Kannst du mir das sagen?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich es nicht kann.«

Der Zuhälter verzog sein Gesicht. »Verflucht noch mal, wieso kannst du das nicht? Du hast das Geld bekommen – oder?«

»Ja, das habe ich auch.«

»Und?«

»Da war es normal.«

»Ähm – wie normal?«

»Ja, so wie immer. Ganz normales Geld. Tausend Euro hat er mir gegeben. So war es zuvor auch ausgemacht. Das weißt du, denn das habe ich dir auch gesagt.«

Fitty schaute die junge Miriam an, die für ihn auf den Strich ging. Sie war gut. Sie hatte noch nie betrogen. Als abgebrüht konnte man sie auf keinen Fall bezeichnen. Sie war noch nicht lange im Geschäft und pflegte auch kaum Kontakt mit älteren Kolleginnen aus ihrem Gewerbe. Deshalb glaubte er ihr auch, dass sie normale Scheine bekommen hatte. Aber was war dann geschehen?

»Hast du dir das Geld vorher geben lassen?«

»Wie immer.«

»Und dann?«

»Habe ich es in die Tasche gesteckt.«

»Weiter, weiter!«, drängte er, »was habt ihr dann getan?«

»Nichts.«

Fitty zuckte leicht zusammen. »Was hast du da gesagt? Nichts. Ihr habt nichts getan?«

»So ist es.«

»Keine Nummer geschoben?«

»Genau.«

Der Zuhälter musste nachdenken. Er strich dabei durch sein rotblondes Haar, das leicht fettig war und bis tief in den Nacken wuchs, was seit Kurzem modern war.

Schließlich hatte er sich wieder gefangen und fragte: »Hast du sonst was tun müssen?«

»Nein, nichts. Wir saßen nur da und starrten uns an. Ab und zu habe ich mal gelächelt und wollte mich auch ausziehen, aber er hat es jedes Mal abgelehnt.«

»Verrückt.«

»Das habe ich mir auch gedacht.«

»Und was ist das für ein Typ gewesen?«, fragte er lauernd. »So ein alter Sack oder …«

Sie lachte und ließ ihn nicht ausreden. »Nein, das war kein alter Sack. Ganz im Gegenteil. Er war noch jung. Er sah gut aus. Er war auch elegant gekleidet. Auf so einen Typ wartet man, um ihn dann schnell zu heiraten, bevor er weg ist.«

»He, das ist ja schon ein Schwärmen, fürchte ich.«

»Kann sein.«

»Und weiter. War da noch was?«

Miriam dachte nach und nickte dann gedankenverloren. »Ja, da ist noch was gewesen.«

Der Zuhälter setzte sich angespannter hin. »Und?«

»Seine Augen. Die sind mir noch in der Erinnerung geblieben.«

»Wieso?«

Miriam hob die Schultern. »Das kann ich dir nicht genau sagen, aber sie waren irgendwie anders. Zwar menschlich, aber doch anders.«

»Wie meinst du das? Kannst du dich nicht anders ausdrücken?«

»Die – die – waren so kalt.«

»Das ist nichts Besonderes.«

»Doch, schon. Denn ich habe in meinem Leben noch nie so kalte Augen gesehen.«

»Und die Farbe?«

»Blau. Nicht hell, sondern mehr dunkel. Aber dazu sehr klar, und ich hatte das Gefühl, als hätten sie eine Botschaft zu vermitteln.«

»Welche denn?«

»Keine Ahnung.«

»Dann hast du dir das bestimmt nur eingebildet – oder?«

»Nein, das habe ich nicht. Was ich behalten habe, dann den Blick der Augen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er gefährlich werden kann. Da ist alles möglich.«

»Hm. Aber einen Namen kennst du nicht?«

»So ist es.«

Fitty schaute wieder auf seine Hände. Natürlich hatte er das Blut nicht abwischen können. Es blieb nach wie vor an seinen Händen und war nicht mehr so feucht. Es trocknete langsam ein. Dann schaute er wieder in die Tasche und schüttelte den Kopf.

»Was hast du?«

»Das ist Blutgeld.« Er lachte. »Ja, jetzt wissen wir beide, was mit Blutgeld gemeint ist.«

»Aber wie kann das sein?«, flüsterte sie.

»Das weiß ich auch nicht.«

Beide schwiegen. Dann drehte der Zuhälter seinen Kopf und schaute in eine bestimmte Richtung. Er meinte nicht den Gehsteig in der Nähe, sondern eher ein bestimmtes Haus, das dort stand. Es war recht schmal, und über der Tür stand das Wort Hotel. In diesem Haus war Miriam verschwunden und hatte sich mit dem Kunden getroffen.

Fitty dachte nach. Er ärgerte sich irrsinnig. Die Geschäfte liefen längst nicht mehr so gut. Da war ihm die Summe von tausend Euro wie ein Segen vorgekommen. Er hätte nur achthundert genommen, aber auch die waren nicht zu verachten.

Den Parkplatz hatte er sich aussuchen können. Er wusste aber, dass er hier nicht ewig stehen konnte und hatte die nächste Frage an Miriam.

»Wie lange sitzen wir jetzt hier?«

»Keine Ahnung. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut.«

»Gut. Aber eine Tatsache ist doch, dass sich normales Geld in Blutgeld verwandelt hat, sage ich mal.«

»Richtig.«

Fitty schnaufte. »Und ich glaube nicht, dass das von allein geschehen ist.«

»Wie meinst du das?«

Er klatschte gegen seine Stirn. »Da steckt was dahinter, kann ich dir sagen.«

»Und was?«

»Keine Ahnung.« Fitty nickte sich selbst zu. »Und dann werde ich mich mal um die Dinge kümmern.«

»Was meinst du damit?«

»Hast du deinen Spender aus dem Hotel kommen sehen?«

»Nein, habe ich nicht.«

»Dann ist er noch drin. Falls es keinen Hinterausgang gibt, durch den er verschwinden kann.«

»Dann gehst du davon aus, dass er noch im Hotel ist?«, fragte sie.

»Ja, davon gehe ich aus. Davon bin ich sogar überzeugt, und jetzt werde ich mir die Kohle holen.«

»Ich weiß nicht«, sagte Miriam leise.

»Was weißt du nicht?«

»Ob das nicht zu gefährlich ist.«

»Quatsch mit Soße. Ich werde ihn mir holen, und du kannst hier warten.«

»Ja, mache ich.«

Der Zuhälter stieß die Tür auf. Er schaute sich noch mal um und nickte Miriam zu.

»Sei vorsichtig.«

»Keine Sorge, ich schaffe das. Wir kriegen die Kohle. Und wenn ich jeden Schein einzeln aus ihm herausprügeln muss …«

***

Geregnet hatte es nicht. Die Luft war trotzdem noch feucht, und genau in diese Feuchte trat der Zuhälter. Auf den Verkehr brauchte er nicht zu achten, er konnte direkt auf den Hoteleingang zugehen, der wirklich nichts Besonderes war. Ebenso wie die Hausfassade, die mit gleich aussehenden Fenstern versehen war.

Die Tür war natürlich geschlossen. Von Miriam wusste er, in welchem Zimmer sie gewesen waren. Es lag in der ersten Etage, hatte die Nummer zehn und ging nach hinten raus.

Durch einen Dreh des Knaufs ließ sich die Hoteltür öffnen, und Fitty stand in einem Raum, den man mit Rezeption umschreiben konnte. Allerdings war sie sehr klein, und sie erinnerte an eine halbrunde Theke, hinter der eine ältere Frau saß und in einer Illustrierten las. Die ließ sie sinken, als der Zuhälter eingetreten war.

»Sie wünschen?«

»Ich muss mal nach oben.«

»Wie?«

»Ja, nach oben in die erste Etage. Dort werde ich einen Freund besuchen. Zimmer zehn.«

Die Frau, auf deren Kopf sehr dünne Haare wuchsen, grinste breit. »Sie sind gut informiert.«

»Das bin ich immer.«

»Okay, dann werde ich dem Mann Bescheid geben, mein Hotel ist dafür berühmt, dass es keine bösen Überraschungen zulässt. Wie ist denn Ihr Name, Mister?«

Fitty trat sehr dicht an den Tresen heran. Er grinste und nickte dabei.

Dann gab er die Antwort.

»Mein Name ist Tod!« Zugleich schlug er zu. Es war ein Hammerschlag, der die Frau an der Stirn traf. Sie musste das Gefühl haben, dass in ihrem Kopf etwas explodierte. Ein leiser Schrei war zu hören, dann kippte sie nach hinten und brach dort zusammen. Sie fiel noch über einen Drehstuhl, den sie dabei zur Seite schob.

Der Zuhälter lachte. »Du blöde Tussi, du. Denkst du etwa, du kannst mich aufhalten?« Er lachte noch und schaute auf dem Schlüsselbrett nach. Bei der Nummer zehn hing nichts, dann war der Typ noch oben.

Über die einmal geschwungene Treppe ging der Mann hoch in die erste Etage. Dort sorgte er dafür, dass er die Stille nicht durch verräterische Geräusche unterbrach. Er musste ein paar Schritte laufen, bis er die Tür mit der Nummer zehn erreichte.

Davor blieb er stehen. Er rieb die Knöchel seiner rechten Faust und grinste dabei. Ob die Tür abgeschlossen war, wusste er nicht. Dann bückte er sich, um einen Blick durch das Schlüsselloch zu werfen. Er hoffte, etwas sehen zu können, was aber nicht der Fall war.

Dann fiel ihm ein, dass er etwas tun musste, er wollte es auf die weiche Tour machen und hoffte, dass sich kein Blick gegen die Tür gerichtet hatte.

Er legte seine Hand auf die Klinke und bewegte sie nach unten. Es gab kein Geräusch, was ihn schon mal freute. Jetzt drückte er sich die Daumen, dass die Tür auch offen war.

Ja, sie war es!

Er jubelte innerlich, betrat das Zimmer – und schluckte, weil es leer war.

Er sah ein zerwühltes Bett, aber keinen Menschen, der darin gelegen hätte. Auch ein Fenster fiel ihm auf und eine zweite Tür, die wahrscheinlich ins Bad führte.

Da wollte er hin und jemand überraschen.

Er drehte sich nach rechts, fixierte die Tür und lauschte, ob er dahinter etwas hörte.

Das war nicht der Fall. Es blieb ruhig, und so schoss ihm durch den Kopf, dass er allein in diesem Zimmer war. Dann hatte es der andere doch geschafft, zu verschwinden.

Ein enttäuscht klingendes Knurren drang aus seinem Mund. Er wollte trotzdem im Bad nachschauen, ging einen Schritt – und blieb dann stehen, als er ein Geräusch hörte.

Genau über seinem Kopf!

Fitty schaute hoch.

Unter der Decke hing jemand.

Es war der Gast!

***

Das zu sehen, war okay, aber diese Tatsache zu begreifen, war verdammt schwer. Wie hatte der Mann das geschafft? Wie war so etwas nur möglich?

Er wusste es nicht. Er sah nur jemanden, der seinen Rücken gegen die Decke gepresst hatte und auf ihn nieder schaute, wobei der Mund zu einem Grinsen verzogen war.

Der Zuhälter verlor die Übersicht. Er glaubte nicht an das, was er sah oder wollte nicht daran glauben, aber es war eine Tatsache. Unter der Decke hing der Typ fest.

Miriam hatte ihn ungefähr beschrieben, und diese Beschreibung traf genau zu.

Der Zuhälter hatte sich so einiges vorgenommen. Jetzt aber flossen seine Gedanken weg. Da hatte er plötzlich das Gefühl, den Kürzeren zu ziehen. Er konnte auch nicht sprechen. Sein Mund stand offen, das war auch alles.

»Hast du mich gesucht?«

Fitty nickte.

»Das ist gut. Ich bin ja hier.« Jetzt bewegte sich der Mann unter der Decke und er tat es mit langsamen und zugleich geschmeidigen Bewegungen.

Er fiel nach unten!

Nein, das stimmte so nicht, denn der Mann, der sich losgelassen hatte, schwebte zu Boden. Fitty stand da und staunte. Sekunden später stand der Mann vor ihm, und der Zuhälter sah, dass er noch zur jüngeren Generation zählte.

Er hatte braunes Haar, ein gut geschnittenes Gesicht und einen vielleicht etwas zu weich wirkenden Mund. Dafür waren seine Augen anders. Die blaue Farbe herrschte vor und die gab eine Eiskälte wieder, die den Zuhälter für einen Moment erschreckte, der sich dann wieder in der Gewalt hatte, als er die Frage hörte.

»Was willst du hier?«

Fitty wollte nicht mit der Tür direkt ins Haus fallen, deshalb sagte er: »Ich habe dich gesucht.«

»Aha. Soll ich mich freuen?«

»Weiß ich nicht.«

»Aber warum hast du mich gesucht?«

»Die Frage klingt schon besser. Weil wir beide eine gemeinsame Bekannte haben.«

»Wer ist das?«

»Die junge Frau, die vorhin bei dir war. Der du diese tausend Euro gegeben hast.«

Der Gast zögerte einen Moment. Er schien zu überlegen. Schließlich nickte er und sagte: »Ja, es stimmt. Ich hatte Besuch. Miriam hieß sie. Irgendwie hat sie mich nicht angemacht. Ich habe ihr trotzdem die vereinbarte Summe gegeben.«

»Stimmt. Aber deshalb bin ich auch hier.«

»Ach, war es zu wenig? Dann tut es mir leid. Aber ich glaube nicht, dass ich mich verzählt habe.«

»Hast du auch nicht.«

»Wie schön.«

Der Zuhälter rieb über seine Stirn. »Nur etwas sollte man dabei berücksichtigen.«

»Was denn?«

»Das Geld hat sich aufgelöst.«

Der Gast bekam große Augen. »Was hast du da gesagt? Es hat sich aufgelöst?«

»Genau.«

»Und wie kommt das?«

»Es ist zu Blut geworden. Aus den Scheinen wurde Blut. Oder sie haben selbst geblutet. Verstehst du das? Hier muss man von Blutgeld sprechen. Ja, das ist so.«

»Aha.«

»Mehr sagst du nicht?«

»Nein, warum sollte ich?«

Der Zuhälter fing an zu lachen. »Weil du sonst Ärger bekommst. Ich will das Geld haben, das du Miriam versprochen hast. Tausend Euro in Scheinen, die nicht zerfallen und blutig werden. Deshalb bin ich gekommen.«

»Ja, das sehe ich. Aber sie hat ihr Geld bekommen.«

»Blutgeld, verdammt!«

»Mag sein, aber was kann ich dafür?«

»Das wirst du mir gleich sagen!«, flüsterte der Zuhälter und holte ein Schnappmesser hervor.

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