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John Sinclair - Folge 1858

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Rache des Puppenspielers
  4. Vorschau

Die Rache des Puppenspielers

Es war kein Schlaf. Es war etwas anderes. Es war das tiefe Wegsacken in eine Region, die ein normaler Mensch nicht kannte. Es sei denn, er war in ein Koma gefallen.

Und Gerald Pole lag im Koma!

Bereits vor einem Jahr hatte es den Puppenspieler erwischt. Er wäre beinahe von seinen eigenen Puppen getötet worden, weil der Teufel sich von ihm abgewandt hatte …

Pole lag steif in seinem Bett. Er war an Instrumente angeschlossen, die Alarm gaben, sollte er aus seinem Zustand erwachen. Aber man hatte ihn aufgegeben. Man glaubte nicht mehr daran, dass er erwachen würde. Man ernährte ihn künstlich und rechnete damit, dass er sich bald von dieser Welt verabschieden würde. So war seine Kontrolle zur Routine geworden.

Etwas hatte man ihm gelassen. Am Finger seiner linken Hand steckte ein Ring. Es war eine Fassung mit Stein, aber der Stein zeigte kein Motiv mehr, denn er hatte sich in eine graue Fläche verwandelt. Kein Teufelskopf grinste den Betrachter an, und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, ihn mit der Hölle in Verbindung zu bringen.

Und so rann die Zeit dahin. Woche für Woche, Monat für Monat. Gerald Pole lag in seiner Kammer, wurde am Leben erhalten, was auch alles war. Seine Muskeln schwächten sich ab. Er hätte von allein nicht aufstehen, geschweige gehen können, überhaupt ließen alle Funktionen nach und beschränkten sich auf ein Minimum.

Das war den Ärzten und Krankenschwestern bekannt. Sie hatten sich damit abgefunden und sich auch darauf eingestellt.

Doch irgendwann gab es die große Überraschung. Da sackte er nicht mehr weiter ab. Da fing sein Körper an, sich zu erholen. Er baute sich innerlich auf, was den Menschen, die mit Pole zu tun hatten, ein Rätsel war. Die Ärzte schüttelten den Kopf, die Krankenschwestern hoben die Schultern, aber man unternahm nichts.

Man gab ihm die gleiche Nahrung. Man untersuchte ihn. Man maß seinen Blutdruck, und es gab auch eine messbare Herzfrequenz.

Waren es erste Anzeichen dafür, dass Gerald Pole aus seinem Zustand erwachte?

Es konnte sein, aber festlegen wollte sich niemand. Man beschloss, das Phänomen weiterhin zu beobachten und es so unter Kontrolle zu haben.

Bis zu dem Tag, den man als blutig und denkwürdig ansehen konnte. Es war einer, der völlig normal begann. Die Schwester trat an das Krankenbett heran, maß den Blutdruck und saugte überrascht den Atem ein, als sie feststellte, dass er nahezu ideal war.

Sie maß sicherheitshalber noch mal nach und musste sich eingestehen, dass das Ergebnis sich nicht veränderte. Sie hatte also richtig gemessen.

Sie notierte die Werte und schaute in das Gesicht des Patienten. Der Mann wurde hin und wieder rasiert, und an diesem Morgen hatte er keinen Bart, sondern mehr einen dunklen Schatten auf seiner von der Natur aus hellen Haut.

Auch das Gesicht hatte sich regeneriert. Es war nicht mehr eingefallen. Die Wangen hatten eine fast schon gesunde Farbe bekommen. Sie glühten in einem zarten Rot, als stünde der Koma-Patient dicht vor dem Erwachen.

Die Schwester schüttelte den Kopf. Für sie war zwar keine Welt zusammengebrochen, aber sie begriff den Zustand nicht. Sie dachte sogar daran, den Mann anzusprechen, aber das ließ sie lieber bleiben. Sie wäre sich lächerlich vorgekommen, wenn jemand sie gehört hätte. Aber sie war gespannt, wie es weitergehen würde mit diesem Mann, und es würde etwas passieren, daran glaubte Schwester Ellen fest. Sie konnte sich jetzt sogar ein Erwachen vorstellen, und zwar in der Zeit, in der sie noch Dienst hatte, denn für sie stand ein langes Wochenende bevor. Sie würde die Tage hier im Krankenhaus verbringen, und da gab es das Zauberwort Bereitschaft. Ansonsten war die Besatzung sehr reduziert.

Ellen schüttelte den Kopf. Sie war eine resolute Person, erfahren in ihrem Job und nie um eine Antwort verlegen. An diesem Tag aber, da wusste sie auch nicht weiter. Es war am besten, wenn sie alles auf sich zukommen lassen würde.

Sie ließ den Patienten allein und spürte so etwas wie ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Das kannte sie. Es trat immer dann ein, wenn sie Hunger verspürte.

Aber dagegen konnte man etwas tun. Sie eilte den Gang entlang, um so schnell wie möglich den Aufenthaltsraum zu erreichen, in dem sich nicht nur die Schwestern versammelten, sondern auch die Ärzte.

Im Moment war der Raum nicht leer. Dr. Jason Quint saß an dem schmalen Tisch und hielt eine Kaffeetasse mit beiden Händen umfasst. Er war ein noch junger Mann mit kurz geschnittenen blonden Haaren und einer Brille mit dünnem Gestell auf der Nase. Er war natürlich über das informiert, was auf der Station lief.

Schwester Ellen ließ sich auf einem Stuhl nieder und schüttelte den Kopf. »Das gibt es nicht«, murmelte sie.

»Was ist denn passiert?«

»Ha.« Sie dachte kurz nach. »Das kann man kaum sagen, aber Gerald Pole sieht aus wie das blühende Leben. Man könnte meinen, dass er jede Minute aufstehen und das Krankenhaus verlassen wollte.«

»Wirklich?«

»Ja, Doktor Quint. So ist das.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es ja selbst nicht glauben, auch ich muss es hinnehmen. Und ich würde mich nicht wundern, wenn der Typ noch vor Weihnachten erwacht oder uns dies als Weihnachtsüberraschung schenkt.«

»Das ist nicht zu fassen.«

»Da sagen Sie was, Doktor. Ich will Ihre medizinischen Kenntnisse nicht anzweifeln, aber Sie wissen auch keine Erklärung dafür, was mit dem Mann in der letzten Zeit passiert ist? Ich meine von der medizinischen Seite her.«

»Auch nicht.«

»Tja, dann wollen wir mal abwarten.«

»Sie sagen es, Schwester Ellen.«

Der Piepser des Arztes ertönte, und der Mann verdrehte die Augen, nickte Ellen zu und stand auf. Dann huschte er aus dem Zimmer. Er hatte Ellen allein gelassen, die zum Kühlschrank ging und sich einen Joghurt holte, den sie essen wollte. In der Stille konnte sie entspannen. Auch durchatmen.

Sie wollte es nicht so recht zugeben, aber der letzte Besuch bei dem Koma-Patienten hatte sie schon geschockt. Eigentlich hätte sie sich über die Gesundung eines Kranken freuen müssen, aber das war hier nicht der Fall. Poles rasche Gesundung war für sie unerklärlich, und sie konnte schon auf einige Berufsjahre zurückblicken.

Den leeren Becher warf sie in den Abfalleimer, dann erst kümmerte sie sich um den Kaffee. Es befand sich noch welcher in der Kanne, aber der war zu abgestanden und bitter geworden. Deshalb kochte sie einen frischen. Ihr Becher stand auf der Spüle. Den stellte sie bereit, um ihn sich später zu füllen.

Sie hatte einen recht starken Kaffee gekocht, den sie mit Milch verdünnte. Während sie ihn Schluck für Schluck trank, gingen ihr andere Dinge durch den Kopf.

Sie wollte noch einmal nach Gerald Pole sehen. Eine innere Stimme drängte sie dorthin, und das konnte sie sich auch nicht erklären. Den letzten Schluck trank sie noch, dann spülte sie ihren Mund mit Wasser aus, um den leicht bitteren Geschmack loszuwerden.

Danach verließ sie das Zimmer. Sie hatte es nicht weit. Das Ziel lag auf der gleichen Etage, aber je mehr sie sich ihm näherte, umso langsamer ging sie.

Ellen kannte den Grund nicht. Er musste tief in ihr stecken, aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken.

Als sie die Zimmertür erreichte, blieb sie stehen und holte erst mal tief Luft, um ihre Nerven zu beruhigen. Zu hören war natürlich nichts, trotzdem öffnete sie behutsam die Zimmertür, als wäre sie darauf gefasst, etwas Schlimmes zu erleben.

Das passierte nicht. Es war wie immer, wenn sie das Krankenzimmer betrat. Sie nahm die leicht frische Luft wahr, die durch das gekippte Fenster drang. Sie erfasste mit einem Blick den in seinem Bett liegenden Patienten, der noch immer die gleiche Haltung eingenommen hatte. Da gab es keine Veränderung.

Sie ging weiter. Bis an das Bett wollte sie kommen und den Patienten dann begutachten.

Das tat sie.

Sie senkte den Blick.

Sie sah das Gesicht – und sie sah die weit geöffneten Augen, die sie anglotzten …

***

Ellen Burkley konnte nicht anders. Sie musste schreien. Sie wollte den Schock überwinden, der sie erwischt hatte, und der Schrei sackte langsam zusammen.

Es war ein Wunder, dass sie es schaffte, sich auf den Beinen zu halten, denn sie spürte ein starkes Zittern in den Knien. Dann ging sie einen Schritt zur Seite und hatte in der Nachtkonsole einen Gegenstand gefunden, an dem sie sich abstützen konnte.

Sie stöhnte auf. Sie fror plötzlich, obwohl eigentlich nicht viel passiert war. Der Patient hatte nur die Augen geöffnet. Sie wischte über ihre Augen.

Sie wollte oder sie wünschte sich, dass dieses Bild verschwinden würde, aber das war nicht der Fall. Als sie wieder hinschaute, da standen die Augen noch immer offen.

Was tun?

Eigentlich hatte sie an Flucht gedacht, aber den Gedanken verwarf sie wieder, denn die Neugierde war doch größer. Sie wollte genau hinschauen. Es konnte ja sein, dass ihr noch etwas auffiel.

Das tat sie.

Aber sie sah nichts Neues. Der Patient lag noch immer mit offenen Augen auf dem Rücken, aber es war ein toter Blick, der ins Leere ging.

Ellen atmete schwer. Sie bewegte ihre Lippen, ohne dass sie kaute. Auf ihrem Gesicht lag ein dünner Schweißfilm, und Furcht kroch in ihr hoch.

Was war da geschehen? Eigentlich etwas ganz Normales. Da hatte jemand die Augen geöffnet, aber nicht um zu zeigen, dass er kommunizieren wollte, sondern …

»Was ist das nur?«, flüsterte sie. »Das – das – kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Das ist verrückt und nicht möglich. So plötzlich.« Sie wusste nicht, was sie noch sagen oder denken sollte. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie hätte eigentlich längst jemanden holen müssen, der sich dieses Phänomen anschaute, aber jetzt war es zu spät. Jetzt musste sie allein mit dem fertig werden, was sie da gesehen hatte.

Ellen wischte den Schweiß von der Stirn, dennoch fühlte sie sich nicht besser. Sie schaute noch mal hin.

Ja, die Augen standen auch weiterhin offen. Der Blick hatte sich nicht verändert. Ellen wollte schon zur Seite schauen, als es weiterging. Und diesmal war sie Zeugin.

Da zuckten die Mundwinkel.

Doch dabei blieb es nicht. Denn die Lippen öffneten sich spaltbreit. Und dann hatte sie das Gefühl, eine Welt würde zusammenbrechen, denn aus dem Mund drang eine Stimme.

»Der Teufel hat mich nicht vergessen. Er hat mich wieder angenommen. Ja, das hat er.«

Das war zu viel für Ellen. So schnell wie möglich rannte sie aus dem Zimmer …

***

»Na, freust du dich?«

Gerald Pole hörte die Stimme tief in seinem Innern. Er wusste sofort, wem sie gehörte. Auf keinen Fall einem normalen Menschen, sondern einer Gestalt, der er einmal sein Vertrauen geschenkt hatte. Dem Teufel nämlich.

Er hatte sich von ihm im Stich gelassen gefühlt, als sich seine eigenen Geschöpfe gegen ihn stellten. Dass er nicht tot war, glich einem Wunder, er war nur in einen ähnlichen Zustand gefallen, und da spielte die Zeit keine Rolle. Er wusste auch nicht, was genau mit ihm war. Er dämmerte in irgendwelchen Tiefen dahin, aber jetzt wurde er wieder wach. Nicht auf einmal, sondern in Intervallen, und derjenige, der ihn verlassen hatte, der hatte sich seiner wieder angenommen.

Das war so wunderbar.

Das Leben kehrte zurück und damit auch die Gefühle, wovon ein Gefühl besonders intensiv war.

Das war der Hass!

Ja, er war wieder da. Er war die Triebfeder. Rache und Hass gehörten zusammen. Sie konnten eine Verbindung eingehen, das wusste er, und das würde bald so weit sein.

Der Teufel hatte ihn wirklich nicht vergessen. Das war ihm jetzt gesagt worden, und er würde sich auch wieder neu darauf einstellen. Warum hatte ihn der Teufel nicht vergessen?

Weil er ihn und seine Rache brauchte. Das war es. Und so würde er mit dem Teufel eine perfekte Verbindung eingehen. Da sah die Zukunft schon ganz gut aus.

Die Kraft war noch nicht ganz zurückgekehrt, aber das würde sich noch ändern. Der Teufel stand ihm wieder nah, und er würde dafür sorgen, dass sich die Dinge wieder richteten.

Als ihm das Wort Zukunft in den Sinn kam, da hatte er sogar einen Grund, sich darüber zu freuen. Er würde sich die Zukunft schon so einrichten, wie es ihm passte.

Seine Stärke war fast wieder da. Seine Skrupellosigkeit auch. Es würde nicht mehr lange dauern, dann konnte man ihn wieder auf die Liste der Hölle setzen …

***

Ellen Burkley stand vor dem Arzt und war hochrot angelaufen. Dr. Quint konnte nur den Kopf schütteln.

»Das ist doch nicht möglich.«

»Aber es stimmt.«

»Er hat seine Augen geöffnet?«

»Ja.«

»Waren Sie dabei?«

»Nein, aber ich habe die offenen Augen gesehen, und das hat mir gereicht.«

»Und weiter?«

Jetzt musste Ellen Burkley lachen. »Gesehen habe ich nichts mehr. Nur gehört. Er hatte vom Teufel gesprochen, der wieder da ist. Der ihn nicht vergessen hat.«

»Und das haben Sie gehört?«

»Ja, ich schwöre es.«

»Gut, dann komme ich gleich mit Ihnen, wenn ich mit meinem Rundgang fertig bin. Ich möchte ihn nicht unterbrechen.« Dr. Quint lächelte und trat an ein weiteres Bett heran.

Er glaubt mir nicht, dachte sie. Verdammt noch mal, er glaubt mir nicht. Was kann ich nur tun? Erst mal nichts, denn sie musste dem Arzt bei seinem Rundgang assistieren. Das war für sie eine leichte Aufgabe, denn schließlich arbeitete sie schon recht lange in dieser Klinik.

Sie rauchte normalerweise nicht. Jetzt aber hätte sie gern an einem Zigarillo gezogen. Das war nicht möglich, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als das Ende des Rundgangs abzuwarten.

Er war an diesem Tag nur kurz. Nur die wichtigsten Daten wurden aufgeschrieben.

Nach dem letzten Zimmer blieben sie für einen Moment vor der Tür stehen. Dr. Quint versenkte seinen Blick in den der Krankenschwester.

»Und Sie haben Ihre Meinung nicht geändert?«

»So ist es.«

Der Arzt überlegte. Er räusperte sich. Dann zuckte er mit den Schultern. »Okay, ich gehe jetzt mit Ihnen zu dem Patienten.«

Ellen fiel ein Stein vom Herzen. Sie nickte. Sie bedankte sich und ging sogar vor.

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